„Ich glaube, dass wir eine gute Familie für Sie finden.“
Fundstücke #10
In knapp 2 Stunden sprechen wir mit einem Facharzt. Wieso eigentlich habe ich schon wieder vergessen. Beziehungsweise hat sich das Wieso in einen Haufen weiß-rauschender Wolken eingegraben und wird sich mir irgendwann von ganz allein als etwas präsentieren, das nie weg war und über meine Verwirrung lacht.
In meinem Kopf wirbeln die Erinnerungen durcheinander und beklemmen mich. Hinter mir sitzt A. die überlegt, ob sie sich von der Therapeutin die Versicherung holen kann, dass diese ihr auch dann noch glaubt, dass sie ES nicht wollte, würde ES sich wiederholen.
Ich habe gelernt mit den Bildern der Erinnerungen von anderen Innens umzugehen. A.’s Bauchschmerzen sind aber keine Bilder.
Ich atme als würde ich in den Wehen liegen und muss dabei aufpassen, nicht darüber irgendwelche anderen anzutriggern. Dieses Aufpassen ist ein Auslöser für all das Aufpassen, das dann doch nie gereicht – nie geschützt, nie bewahrt hat.
Ich komme mir vor wie ein panisches Pferd auf einem Drahtseil das über einer Klippe gespannt ist.
In den letzten Tagen habe ich viel übers viele sein nachgedacht und gesprochen und viel erklärt. Ich habe viel darüber gesprochen wie normal so ein 24/7 Umgang mit Gefühlen von existenzieller Bedrohung für mich und uns allgemein ist, aber selten lasse ich dabei zu, Beispiele dafür aufzubringen.
Ich will Menschen mit der Gewalt, die uns passiert ist verschonen und gleichzeitig aber erzählen, dass Dinge geschehen sind, die im Innen bis heute andauern oder sich anfühlen, als sei es gerade gestern, vor fünf, vier, drei, zwei Stunden gewesen.
Manchmal ist es unwirklich und lässt sich auch nicht gut zusammen bringen.
Es ist A. die von einem unserer früheren Therapeuten misshandelt wurde – nicht ich. Es war A.’s Körper – nicht meiner.
Paradoxerweise kann ich ihren Bauchschmerz aber als etwas empfinden, was auch mit mir zu tun hat. Ihr Schmerz im Heute ist auch mein Schmerz im Heute. Doch die Verletzung, die ihn letztlich verursacht hat, ist nicht meine.
Manchmal denke ich, dass wir uns nur deshalb auf neue Therapeut_innen und Begleiter_innen einlassen konnten und können, weil es diese Unterbrechung in der Schmerzevolution gab. Doch in Momenten wie diesem jetzt merke ich, dass meine Idee von A.’s Schmerz diese Unterbrechung selbst ist.
Ich bin so nah an ihrem Erinnern und starr sein dran, dass ich jederzeit meinen Kopf in ihren hineinstecken könnte, wie in ein Denkarium in Harry Potter.
Ich weiß aber nicht, ob ich ihn auch wieder heraus bekäme. Die Angst ist ihre Angst zu spüren. Obwohl ich nicht einmal weiß, ob sie wirklich Angst hatte, oder ob nicht andere Empfindungen sie dominiert haben. Ich weiß eigentlich gar nichts darüber was damals in ihr vorgegangen ist. Was heute – außer, dass andere denken könnten, sie hätte das gewollt – in ihr darüber vorgeht.
Wir dachten, sie würde auf Nimmerwiedersehen im Innen verschwinden, würden wir es schaffen, dass A. unsere Therapeutin nicht mehr mit dem Menschen gleichsetzt, der an ihr zum Täter wurde.
Das hat aber nicht geklappt.
Nachwievor wird sie von dem Umstand neuer Helfer_innen, neuer Therapeut_innen, neuer Personen, die uns sagen, dass sie uns helfen möchten so weit nach vorn gezerrt, dass wir Bauchschmerzen bekommen und Atemübungen brauchen, um nicht in Sterbeangst zu rutschen.
Ich muss jetzt los.
Trotz allem.
Selbst_Gespräch
Sie fühlt der Leine in ihrer Hand nach und arbeitet sich den Berg hinauf in den Wald.
Unter den Füßen knistert das rotbraune Laub und die Sonne blendet aus einem fast blanken Himmel in ihre Augen.
“Ich ~’*’~ geschafft”, haucht sie sich ins Ohr und freut sich. “Ich ~’*’~ geschafft.”.
Nach einer Weile des Laufens spürt sie, wie ein fremdes Fragezeichen das “Ich” so nah an sie heranrückt, dass sie sein Rauschen hören kann.
“Ich?”
Der Wind streichelt kalt über ihr Gesicht und zupft sachte an ihren Haaren. “Ich” haucht sie in den Raum zurück. Schließt die Augen und lässt sich im Fühlen sein.
“Heut Abend zünden wir die erste Kerze an ne? Ne?“.
Er spielt mit NakNak*s Ohrenfisselhaaren und betrachtet ihr Wechselspiel den Geräuschen des Waldinneren hinterher. “Ja, heute Abend beginnt Chanukka und wir machen die erste Kerze an.”, antworte ich ihm, bevor sie sich in einer Antwort verlieren kann.
Sie atmet durch und spürt dem Wind auf dem Gesicht nach.
”Ich ~’*’~ geschafft.”, lächelt sie wieder in sich hinein.
Wir laufen die Runde durch den Wald zu Ende. Spielen mit dem Hund. Schauen der Wolkendecke dabei zu, wie sie sich über unserem Kopf ausbreitet.
“Ich?” drückt ihr gegen die Schläfen bis sie die Wohnungstür öffnet.
Während sie ihre Jacke auszieht, wendet sie den Blick etwas nach rechts und sieht genauer hin.
”Wer ist Ich?”
Sie nimmt die fremde Hand hoch und deutet mit dem Zeigefinger auf die Mitte des Oberkörpers.
Macht einen Bogen bis die Hand in mittlerer Höhe ist und formt 4 Buchstaben.
Das Rauschen versiegt.
ping ping ping
Ich hatte gerade einen Ping- Moment und ja, der hat etwas damit zu tun, dass wir uns im Februar – wie alle anderen Menschen auch – um einen Ausbildungsplatz in einem Berufskolleg bewerben können.
[Hier ist ist ein bisschen Platz für ihre Mitfreude.
Das Konfetti dann bitte morgen früh selber wegfegen. Danke. ]
Mein Ping kam von der Erkenntnis, dass es in dem Gespräch gerade nicht einen Moment darum ging, dass wir viele sind und Traumafolgen und Gewalt und all der Horrorschwabbel, den wir in den ganzen letzten Jahren nie ganz aus Vorstellungen unserer Person jeder Art heraushalten konnten.
Wir mussten bis jetzt noch keinen Lebenslauf vorzeigen und standen nicht vor der Frage: “Und wie kam das, dass Sie ihren Realschulabschluß mit 4 Jahren Verspätung gemacht haben?” und auch nicht vor der Frage: “Warum haben sie weder Praktika noch Jobs gehabt, die Würdigungszettel zur Folge hatten?”.
Das Ping ist: “Privatsphäre im direkten Kontakt”.
Das Ping ist: “Oh wait – ich musste mich gerade nicht komplett entblößen, um mich zu erklären, um wiederum eine Chance wie alle anderen Menschen auch zu bekommen.”
Das Ping ist: “Es ging um die Sache und uns hier und jetzt und heute und nichts weiter.”
Da uns die meisten Menschen schriftlich erleben, gibt es oft auch die Annahme wir wären im analogen Kontakt gleichermaßen eloquent, offensiv und laut. Wenn wir einen Lauf haben und uns in bekannten Gefilden mit bekannten Menschen befinden, sind wir das auch.
In 95% der anderen Umgebungen des Alltags sind wir das nicht. Zum Einen, weil wir nur selten in anderen Gefilden des Alltags sind und zum Anderen, weil es Kraft zieht eloquent, offensiv und laut zu sein.
Die wenigsten Menschen haben im Bild von uns, dass man uns immer eher vorwerfen könnte nur uns selbst zu beachten oder nur um uns selbst zu kreisen, als dass man uns als jemanden bezeichnen könnte, der sich überwiegend mit sich befasst, um anderen Menschen irgendwas zu beweisen oder vor ihnen irgendwas darzustellen. Außenwirkung ist so etwas, das ziemlich weit neben uns steht und nur dann Thema wird, wenn klar ist, dass wir angeguckt werden.
Üblicherweise geikeln wir also immer ein bisschen awkward und so wie wir halt immer so geikeln, wenn wir uns mit unseren Wahrnehmungen befassen herum und kriegen dafür dann entsprechende Rückmeldungen oder Bewertungen unserer Gesamtperson, wenn wir nicht merken, dass wir angeguckt werden oder schlicht keine Kraft oder allgemeine Kapazität dafür haben einem “angeguckt werden” entsprechend zu agieren.
Mein Ping-Moment ist deshalb so groß, weil mir gerade aufgefallen ist, dass keine Bewertung passiert ist – obwohl wir angeguckt wurden und einfach so auf uns und das, was wir wollen bezogen waren, wie wir das in 95% unseres Alltags sind. Neben den reaktiv aufgebrachten Kraftschüben, als es darum ging zu vermitteln, was wir uns zu lernen wünschen und was wir brauchen, um das dort zu können.
Es ging um eine Ebene von “die Rosenblätter und die Welt”, in der wir als Rosenblätter – also als Füllung eines Einsmenschen – weder versteckt noch bewortet sein mussten und das war grandios.
Überraschend grandios, denn in den letzten Jahren seit der Diagnosestellung ging es bei so ziemlich allem, was wir brauchten und wollten darum, dass wir ein special Mensch sind, weil wir ein Einsmensch mit Füllung und Problemen sind. Da ging es darum, dass wir das Problem sind und man ein Umfeld stricken muss, das das aushalten kann. Will. Sich held_innenhaft/selbstlos/menschenfreundlich/altruistisch bereit erklärt uns auszuhalten und zu unterrichten/betreuen/behandeln.
Außer in Bezug auf unsere Therapeutin. Der sind wir nämlich ähnlich egozentrisch und offensiv in die Praxis getorkelt, wie wir in den letzten Jahren Bewerbungen um Ausbildungsplätze abgeschickt haben.
Es ist jetzt natürlich nicht die Art Privatsphäre gewesen, die andere Menschen hätten haben können. Jetzt sind wir da zwar nicht als Person, die von Straftäter_innen psychisch und physisch kaputt gespielt wurde bekannt, aber als Person, die Krampfanfälle hat, Autistin ist und deshalb auf ihre Assistenzhündin angewiesen ist.
Das bedeutet schon, dass von uns eine große Portion dessen, was zu uns gehört schon bekannt und offen für alle ist, aber es ist eine Portion, die weniger nah an dem ist, was uns zu einem uns hat werden lassen.
Das ist ziemlich entlastend ehrlich gesagt und lässt mich ein bisschen hoffen, dass die Spaltung zwischen Schule und Alltag vielleicht ein bisschen mehr zusammen kommt, weil die Schule dann auch Alltag ist.
Alltag ist, wo es nicht ums viele sein geht.
Ums viele sein geht es in der Therapie, im Blog, im Podcast, in Gesprächen mit anderen Menschen, die viele sind oder diese begleiten, weil es dort um uns und unsere Er-Lebensrealität – und –Erfahrungen geht.
Es gibt “Berufsmultis”, die von morgens bis abends nichts und niemand weiter sind und sein können, als jemand, der viele ist. Wir haben solche Zeiten auch gehabt und fanden das wichtig, weil es um uns herum niemand wichtig fand und uns damit hat immer wieder so unwichtig werden lassen, dass wir keinen Schutz, keine Unterstützung und auch keine sichere Versorgung hatten.
Niemand ist “Berufsmulti”, weil si_er sich das überlegt hat. Sowas ist eine Art Überlebensmechanismus – aber kein Alltag.
Was uns damals getrieben hat war die Idee, dass, wenn alle Menschen wissen was viele sein ist, es nicht mehr so furchtbar anstrengend sein würde, die eigenen Wünsche und Bedürftigkeiten verstanden, anerkannt und gewährt zu bekommen.
Man muss sich vorstellen, was für eine hohe Selbstaufgabe dort passiert, wenn das Erste, was ein Mensch, der viele ist, über sich sagt ist, dass er viele ist/multipel ist/eine DIS hat. Das ist die quasi ultimative Aufgabe von Selbstschutz und Privatsphäre, nur um so etwas wabbelig ungreifbares wie Verstehen zu erhalten.
Die wenigsten “Berufsmultis”, die ich kenne, werden verstanden und erhalten entsprechende Hilfen. Und das ist ein Problem.
Ich freue mich deshalb sehr auf eine Bewerbung um einen Schul- und Lernalltag, der es uns ermöglichen kann auch als etwas von außen Strukturierendes dazu beizutragen, dass wir nicht immer zwischen “Blogartikel schreiben”, “Emails mit Betreff “viele sein” beantworten”, “Podcast zum viele sein machen” und “Kunstschule und Fotografie” als Einziges, was nichts damit zu tun hat zu pendeln und dazwischen so kleine Inseln freischippen zu müssen, in denen es um Selbst-Wahrnehmung und Selbst-Regulierung gehen kann.
Klar hören wir damit nicht auf – wir machen hier ja nichts, was wir nicht selbst auch wollen und gut und wichtig finden, aber ach … wir haben halt nicht jeden Tag Kunstschule und so vergehen oft Tage, die dann thematisch sehr oft nur “viele sein” (oder related Sozialpolitik oder related andere Bereiche) sind, obwohl wir selbst gar nicht mehr diese Anerkennungsnot nach außen haben.
Um den Faden zum Ende zu bringen – da war ein Ping und zwar ein “Privilegien-Ping”.
– Ich bin gerade so gut aufgestellt, dass ich es schaffe einen empfindlichen Teil von mir und meinem Leben zu schützen, ohne dafür etwas aufgeben zu müssen.
– Ich bin gerade so gut versorgt, dass mir nichts verloren geht, werden mir bestimmte Dinge nicht gewährt.
– Ich bin gerade von so hilfreichen Menschen umgeben, dass ich selbst für mich und meine Bedürfnisse sprechen kann, ohne, dass das zu 100% perfekt gut gehen muss, sonst “verkackt für immer und immer und ewig”.
(Auch so ein Privilegien-Ping: Da gibt es, wenn man angenommen wird, ein Gespräch zu dem auch viele Eltern kommen. Bevor es im Innen heulen konnte, weil wir keine Eltern haben, die wir dabei haben wollen würden, kamen die Ideen, wen man darum bitten könnte mitzukommen. Auch ein Arghneinichwillnichtsoabhängigsein-Ping – aber naja – erst mal angenommen werden, dann können wir noch genug über unsere Abhängigkeitsissues abzappeln)
Naja.
Jetzt hats ganz schön viel gepingt.
Am Ende das Durchatmen und wissen: Wir können uns bewerben wie alle anderen Menschen auch. Assistenzhund und andere Bedarfe sind kein Ablehnungsgrund. Zum ersten Mal nach über 150 Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz geht es nur darum, was wir können.
Trickfilmgrafik, ein Mensch und ein Hund tanzen lächelnd vor hellblauem Grund
näher
Mit ihren Krisen verstehe ich sie und ihre Blicke durch den Lauf unserer Lebensdinge hindurch ein wenig mehr. Streife etwas, das viel zarter noch als meine Wimpern ist.
An einem Morgen blieb das Laptop stumm und still. Der Tag hatte schon nicht plangemäß begonnen und stieß durch das Ausfallen Hauptkommunikationsmittels wie tausend kleine Nadeln in ihr Fleisch. Die Welt rutschte hin und her, die Zeit glitt wie das Innere eines aufgeschlagenen Hühnereis durch jede Kontrollinstanz.
Sie zirkeln sich auf eine Art durch die Tage, die uns nah ist, aber doch völlig fremd in der Aufladung von Not und Notwendigkeit. In jeder Tätigkeit, jedem Geschehen haben sie eine Einheit, die ihren Tag zusammensetzt. Fällt auch nur eine davon heraus, steht die ganze Welt in Frage und zerfällt in ein un-be-greifbares ES, das sie selbst dem Tode nahe sehen lässt. Das sie als Innens jeden Tag aufs Neue sterben lässt.
Und uns an ihrer Stelle auferstehen.
Wie habe ich diese panischen Sirenen nie im Ohr haben können, bilde ich mir doch ein selbst das schwächste Winseln aus dem Innen hören zu können?
Am Abend des Tages trafen wir den Menschen. Trafen sie den Menschen?
Weinten aneinander vorbei, kreuzten Sinn und Wort, versuchten in den langen Sätzen keinen Strick um den eigenen Hals zu empfinden. Sortierten sich während sie eine Kiste voller Knetspielzeug sortierten.
“Ich weiß nicht, was mir hilft.”, antwortet sie auf die Frage, was ihr denn sonst immer hilft, wenn es ihr so geht. “Ich hoffe immer, wir landen hier einen Glückgriff” und sieht alle vorangegangen Glücksgriffe in Anwesenheit des Menschen vor sich.
Sie erinnert mich an ein Kind und dann doch wieder nicht.
Manchmal frage ich mich, ob der Mensch weiß, dass er meistens mit einer 14 jährigen spricht und mit 10-12 jährigen kommuniziert. Und dann fällt mir ein, dass unsere Alter nicht relevant sind. Die Jungen brauchen die Erfahrungen und Unterstützungen nicht, weil sie so jung sind. Sie brauchen sie, weil sie ihnen fehlen.
Jeden Tag üben sie Gebärden, die ihnen wichtig sind und jeden Tag üben die Rosenblätter Gebärden, die ihnen wichtig sind. Manchmal schwingt eine Handbewegung von den einen zu den anderen.
Wellengang entsteht und bringt eine seltsam neue Dynamik in unser Innen. Statt von vorn nach hinten, geht es diagonal von vorn in die linke Mitte.
Sie sind nicht das Inmitten, aber sie stehen ihm nah. Ich weiß nicht, wann wir zuletzt so einen Fluss von innen nach außen und wieder zurück lebten.
Haben wir das schon gelebt?
Sie nehmen das Medikament nachwievor ein und begleiten es mit einer Vorstellung von einem Anker, der sie an Ort und Stelle hält. Dafür sorgt, dass sie weder vom Kurs abtreiben noch von sich selbst.
Da gibt es eine Bereitschaft zu glauben. Auf eine andere Art.
An einem Tag legte sie sich unter eine schwere Matte. Weil es eine Erinnerung daran gab, dass es einmal geholfen hatte sich nicht aufzulösen. Das war ein Glückgriff vor 13 Jahren. Ein Glücksgriff von einer anderen als ihr.
Und trotzdem streckte sie die Hand danach aus.
Ich habe mich dabei ertappt, dass ich, seit wir um ihr Wirken in unserem Leben wissen, dachte: “Ach, die sind bestimmt bald wieder mehr im Innen. Das ist jetzt alles bestimmt nur neu und … naja wir müssen uns eigentlich nicht näher mit ihnen befassen.”.
Inzwischen merke ich, wie ihre Ränder mit unserem Alltag als Einsmensch verwachsen. Wo sie hingehören, wie wir in bestimmte Bereiche hineingehören. Wo die Rosenblätter hingehören. Wo der ungreifbare Rest und das dunkelbunte Übrige hingehören.
Betreuung
Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.
Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.
Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.
Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.
So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.
Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?
Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.
Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.
Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.
Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).
Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.
In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.
Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.
Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.
Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.
Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.
Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.
Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.
Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.
Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.
Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.
Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.
Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.
Oder?
über den Tod reden
Gerade entdeckt – eine Bestatterin, die über Tod, Trauer, Bestattungen und nun ja – Verwesung spricht. Große Liebe hier.
der Antrag
Der Antrag hat 14 Seiten und gilt nicht als Sonderform eines juristischen Schuldspruches benannter Täter_innen. Bei Bewilligung gibt es keinen Grund zur Annahme andere Sozialleistungen würden gekürzt.
Warum zum Henker liegt dann das Zeug hier noch rum und schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an?
Weil es der Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiärem Umfeld ist.
Und wir nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Weil wir mit unserem Hartz 4 doch total gut versorgt sind. Und so.
Weil es eine erschlichene geklaute böswillig abgequetschte Geldmasse in unsere raffgierigen Pfoten wäre. Erlogen und betrogen und auf Kosten der wahrhaftigen Opfer, die ihr Leben lang nie um irgendwas gebeten haben, weil sie sich nichts zugestehen können. Weil sie sich im Gegensatz zu uns nie herausnehmen würden sich Hilfen, Unterstützungen oder schlicht Schönes und Angenehmes zu zugestehen. Weil alle außer mir zurückhaltende, liebliche Unschuldslämmchenopfer sind.
Ja, im letzten Teil sprechen gerade unsere Langzeithaterin*/stalkerin*, diverse Täter_innenintrojekte und die allgemeine Opferfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die in meinem Kopf herumlaufen und immer genau dann losquaken, wenn ich einen Krankenhausbericht kopieren, diverse Kostenvoranschläge einholen und darüber nachdenken will, wie ich damit umgehe auf eine Entscheidung des Fonds zu warten.
Wenn man sich mit dem FSM auseinandersetzt steht dort überall, man solle sich eine Berater_in suchen und das mit ihm_ihr zusammen machen.
Wir haben das versucht. Und dann gemerkt: “Okay, nein, wir sind hier gar nicht bei uns, sondern bei erratenen Erwartungen von einem Gegenüber.”. Also haben wir uns den Antrag selbst ausgedruckt und ausgefüllt. Und auch das Erinnern alleine ausgehalten und die Nacht danach allein mit uns verbracht.
Das Schreiben zur Seite gelegt und uns gesagt, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was dort drin steht. Dass wir jetzt einfach nur noch daran denken müssen, Kostenvoranschläge einzuholen und Klinikberichte zu kopieren.
Unsere Therapeutin ist im Urlaub. Wir haben Arbeiten zu erledigen und nebenbei warten wir darauf, ob das mit der Berufsausbildung mit Assistenzhund an der Berufsschule klappen könnte. Daneben kommen Geschenke von der Wunschliste hier an und alles was wir tun, ist die Luft anzuhalten, auszuhalten, zu warten und zu gucken, wann der Hass auf uns wieder so weit abgeflaut ist, dass aus dem “unverdienten unnötigen Scheiß” das Kleinod einer Freude wird, das uns leichter durch das “nach dem verhinderten Suizid” trägt. Ja, das ist immer noch nicht durch. Mich machts fertig so fertig zu sein.
Der Antrag liegt auf dem Schreibtisch und faucht mich an. Wieso will ich den denn wegschicken, wenn ich eigentlich nur eine Wippemöwe am Fenster und ein buntes Mobile über dem Kopf brauche, um immer wieder im Menschenbett einzuschlafen? Nach 15 Jahren endlich mal wieder eine nicht invasive Einschlafmethode zu haben ist doch genug. Was will ich denn noch mehr?!
Ich weiß es natürlich nicht, aber oft wird uns sehr viel mehr Belastbarkeit und Abgeklärtheit über die eigene frühere Opferschaft zugetraut, als da ist. Als würden wir allen, die es hören (und allen die es nicht hören) wollen, davon erzählen, was uns passiert ist. Als würden wir seit Jahren halt einfach nur darauf warten, dass uns Menschen den Kopf streicheln, weil sie wissen, was für furchtbare Dinge wir erlebt haben.
Als würden wir hier keine klaren politischen Kontexte und sich daraus ergebende Notwendigkeiten formulieren. Als würden wir nicht etwas tun, dass uns als Beispiel nimmt, statt über Menschen und ihre Lebensrealitäten zu sprechen, die wir weder kennen noch leben.
Ja, vielleicht ist das verwechselbar mit einer reinen Bauchnabelshow. Und ja, es gibt die Möglichkeit, dass wir eine Rampensau sind, die mit so Themen wie Hartz 4, Behinderung, Gewalt- und Traumafolgen voll den Applaus kriegt und sich darüber ein Entitlement auf Belohnung wie solche Hilfeleistungen erlaubt.
Kennt man ja so Opferstars, die alles geschenkt bekommen, weil sie so öffentlich leiden wie wir.
Man kennt ja die Gesellschaft, die sich vom Leid anderer Menschen total hinreißen lässt zu Ehrenamt und Spendenaufkommen.
Ups – jetzt bin ich schon wieder zwischen Zynismus und Zyankali – sorry.
Aber nun ja – so ist das eben.
Während es bei meinem Antrag auf Geldleistungen aus dem Fond – wie auch bei jedem Antrag auf Therapiekostenübernahme bei der Krankenkasse – wie auch bei jedem Antrag auf Asylgeld – wie bei jedem anderen Antrag auf Geld auf Grundlage des Sozialgesetzbuch, das es in Deutschland nicht ohne Grund gibt – um (soziale) Hilfen in Form von Geld geht, so geht es in jedem Hinterfragen dessen darum, wer was haben darf.
Nicht darum, wer was braucht.
Die Einen sagen, sie wollen, dass von ihren Steuern nur die bekommen sollen, die es sich verdient haben. Möglichst natürlich was sie als “sich verdient” bewerten. So jemand wie ich, die nie so gebuckelt hat, wie sie, die hat natürlich nichts verdient. Ist ja klar.
Die Anderen sagen, sie wollen hier niemanden durchfüttern, wer nicht wirklich am verhungern ist. Als sei es nur der Hunger, der das Problem ist.
Die Nächsten kennen “die Systembetrüger_innen”™, die nicht jeden Job annehmen, weil sie faule, ungebildete Säcke sind, die lieber rauchen und Chips essen, als Starbucksklos zu putzen oder stundenlang eine Entertaste zu drücken, um am Ende 50€ mehr auf dem Konto zu haben. Und natürlich die Wirtschaftsflüchtlinge und Z-Wort-Leute , die mehr Geld in den Arsch geschenkt bekommen, als andere, weil sie diebische Elstern sind.
Ja. Das nennt man auch Rassismus, Ableism und Wohlstandsflausen, die Kapitalismus nicht als tödlich einstufen.
Es wäre so schön, wäre ich eine Person, die es nicht nötig hat um Unterstützungen zu bitten.
Wenn das alles einfach echte Anstellerei und Opfermasche wäre. Dann hätte ich viele Nöte nämlich nicht. Dann würden mich so Täter_innenintrojekte und die Langzeithassperson weder so treffen, noch so daran behindern, mich, wie alle anderen Menschen auch, einfach darum zu kümmern gut über die Runden zu kommen, wie sie es eben tun: langanhaltend, gründlich und immer und immer und immer wieder – egal, was ich wie wo warum tue oder auch nicht tue.
Ich fühle mich davon unter Druck gesetzt. Empfinde es so, als müsste ich noch mehr Rechtfertigungen für Geschenke an mich und Spenden für meine Projekte finden und aufsagen. Aber mehr Rechtfertigung als “Ich finde es schön zu erleben, wenn Menschen mir Dinge schenken und Unterstützungen zukommen lassen, ohne dafür etwas von mir zu verlangen” hab ich nicht.
Ich finds einfach nur schön. Dass das geht. Also auch. Neben ganz viel schlimmen Dingen, die gehen.
Ich spüre Zeitdruck hinter dem Antrag. Bis Ende April muss der dort eingereicht sein.
Und ich weiß nicht mal, ob ich morgen auch noch leben will. Oder, ob ich in zwei drei Stunden oder Tagen oder Wochen aufhören kann zu denken: “Ich bin kein Missbrauchsopfer – nie gewesen. Ich bin total okay. Mir ist nie irgendwas passiert. Alles ist eingebildet. In Wahrheit ist das hier alles nur ein Teil meiner Psychose. Oder meines tief im Hirn angewachsenen Tumors.”.
Ich merke, wie groß die Wahrheit anderer Leute vor mir steht. Mal wieder.
Was und wer ich bin. Was mir zusteht und was nicht, entscheiden nicht meine Bedürfnisse, sondern die Bewertungen anderer von dem, was sie von mir zu wissen glauben und zu denken erlauben, ohne je etwas davon zu hinterfragen.
Und weiß, dass das alles nur so in mir wirken kann, weil es irgendwann mal keine andere Wahl gab das zu überstehen, als es selbst in meinen Kopf zu lassen.
Tse aber klar – ich brauch keine Hilfe.
Meine Not ist selbst gewählt.
Meine armen Unterstützer_innen. Denken das wär anders.
Arme Irre.
Umfrage zu Erfahrungen mit dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)
Erfahrungen mit der Therapieform DBT gemacht? Bitte beteiligen!
In den letzten Jahren wird die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in Deutschland an immer mehr Orten angeboten. Studien zur DBT belaufen sich meistens auf Einschätzungen durch psychologische/medizinische Beurteilungen. Ein breites Meinungsbild von Seiten der Behandelten fehlt bisher.
Uns interessiert daher, was für Behandlungserfahrungen (ehemalige) Patient_innen mit der DBT gemacht haben.
herzlichen Dank
Alex Stern (mit Kristina Holler und Hjoerdis E. Wirth)
Mitglieder der AG “Therapie” des Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)
Fragen und Anregungen bitte an die Verantwortlichen der Umfrage – den Blogartikel (oder den Umfragenlink)) bitte gern teilen
zum Glück wird manche Kleidung zur Wegwerfware
“Kleidung wird zur Wegwerfware” – so lautet mehr oder weniger der Schluss, der aus einer Greenpeaceumfrage zum Thema Kleidung gezogen wurde.
Als würde Kleidung nicht in weiten Teilen genau dafür designt und produziert. Als würde Kleidung heute noch den gleichen Limitierungen unterworfen, wie vor 50 Jahren. Als sei es für niemanden wichtig, dass es so ist, wie es jetzt ist.
Wir kaufen unsere Unterwäsche bei KiK, unsere Strumpfhosen bei Kaufhof und unsere restliche Kleidung besteht aus Kleidung, die uns geschenkt wurde oder in der Recyclingbörse von jemandem zum Weiterverkauf abgegeben wurde.
Unser letztes Paar Schuhe “für gut” kam 14,99€ bei Deichmann und hatte nach 6 x tragen einen Riss in der Sohle. Es ist jetzt also ein Paar Schuhe “für gut” im Sommer. Von den Schuhen, die in unserem Regal stehen ist nur noch dieses Paar keine ehemalige Kleiderspende von Menschen, denen der Wert ihrer Kleidung bewusst ist und denen gleichermaßen klar war, dass sie mehr Schuhe besitzen als sie tragen.
G’tt sei Dank ist das so.
In der Umfrage kam heraus, dass niemand seine Sachen zum Schuster oder Schneider bringt.
Wenn man bedenkt, dass Schuster und Schneider Geld für ihre Arbeit wollen und sich das bei einem Paar Schuhe, dessen Plastesohle an einen Plaste-Stoff-Mixschuhteil geklebt war, überhaupt nicht lohnt (sondern genauso gut in ein bis zwei neue Plasteschuhe gehen kann, damit man überhaupt Schuhe hat), wurde dabei entweder außenvor gelassen oder einfach nicht erwähnt.
Gerade Schuhe sind bei uns aktuell Thema, weil wir seit Anfang des Jahres mit einem Fernsensporn zu tun haben.
Ja, Fersensporn. Das, was überwiegend Frauen* ab 40 haben, die ihr Leben lang in Chucks oder Stöckelschuhen gelaufen sind. Oder eben die paar Frauen*, die auf einem schrumpfenden Zentimeter Gummiplaste über Stock und Stein laufen, weil es ewig kein Geld für den ÖPNV gibt.
Wir haben recherchiert, was man machen kann, außer Ibuprofen und entzündungshemmende Salben. Klar – “festes Schuhwerk mit gepolstertem Fersenbereich” und “ausgelatschte Schuhe meiden” und “ganz oft barfuß”.
Man kennt das und rechnet das kurz nach.
Meine Schuhe sind bis auf die Winterstiefel alle ausgelatscht – aber gleich wegschmeißen? Nur weil ein Fuß hier und da mal aufmuckt?
Sowieso – weg ist weg und bedeutet noch lange kein neues ordentliches Paar Schuhe.
Wir nehmen am Ende ein loses Gelpolster zu 30€ und legen es in unsere 15€ Deichmannsneaker und sind froh, dass es so billige Schuhe gibt.
Unsere Kleidung verbleibt in aller Regel über Jahre in unserem Haushalt. Nicht, weil sie so gut ist, dass wir sie nicht zur Kleidersammlung geben wollen, sondern, weil es uns peinlich wäre, könnte jemand in der Sortierstelle denken, wir wären so ein Jemand, der denkt, seinen Textilmüll würde noch jemand anderes tragen können. Und nicht, dass wir wissen, dass sie in der Sortierung gucken, was wirklich noch geht und was zur Aufbereitung verkauft wird und wir es als Spende ans DRK schönreden. Weil die können mit dem Geld ja dann Menschen helfen.
Weiß man ja.
Wir haben im Laufe der Jahre ein paar Dinge übernommen, die das Leben unserer Sachen ein bisschen verlängern.
Es ist normal, dass Textilien irgendwann ihre Farbe und Weichheit verlieren. Da wir special Waschpulver, in dem nur Seife und sonst nichts drin ist benutzen müssen, geht das natürlich noch schneller.
Spannend dabei: schwarze Kleidung von KiK wird nie einfach nur dunkelgrau, sondern sehr viel öfter rot-braun, dunkelrot oder lila-braun-grau und natürlich verhalten sich auch andere Farben nicht echt im Laufe der Zeit.
Wenn die Nähte noch gut sind (niemals raushängende Fäden an einem KiK-Kleidungsstück abschneiden – das ist ein Zauberfaden, wenn der ab ist, fällt das ganze Teil auseinander), machen wir einen Eimer mit Clorix fertig und bleichen uns das Zeug weiß bis pastellfarben. Und e voilá: Sommershirts
Außerdem auch: Röcke statt Hosen
Wir haben unseren letzten Rock vor Jahren in der Recyclingsbörse gekauft. Es gibt keine Scheuerstellen, außer an den äußeren Nähten auf denen andere Kleidung entlang reibt. Farbverluste sehen bei Jeans sogar gar nicht mal so hässlich aus, andere Stoffe kann man aber leicht nachfärben. Ein Rock wiegt oft weniger als eine Hose in der gleichen Größe – man kann also gleich zwei auf einmal färben.
Ein langer Rock mit ausgefranstem Saum, kann auch ein mittellanger Rock werden – eine Hose braucht zum Kürzen dann doch irgendwie den richtigen “Insgesamtschnitt”.
Übrigens ist Kleidung selbst zu nähen oder zu stricken nicht billiger, als sie zu kaufen. Anna hat dazu mal ganz ausführlich geschrieben. Lest das.
Nähen und stricken zu können ist aber im Hinblick auf Langlebigkeit und Wiederbelebungsmaßnahmen von Kleidungsstücken hilfreich.
Ein gestrickter oder gehäkelter Pullunder/Westover, hat schon so manches Sommershirt von uns zu einem Wintershirt verwandelt. Eine selbst gestrickte Mütze zu stopfen geht leichter, als eine maschinengestrickte Polyesterstrickmütze mit Miniklitzemaschen.
Auflösende Nähte nach zu nähen ist eine Sache von 20 Minuten. Vielleicht den 20 Minuten, die man normalerweise in der Stadt herumgurkt, um einen Parkplatz zu finden, um sich danach mit anderen Leuten durchs Kaufhaus zu drücken.
Am Ende ist Kleidung aber eben doch so lange tragbar, wie man sie tatsächlich auch tragen kann.
Wir tragen auch Sachen mit Löchern, Verfärbungen, viel zu groß oder eigentlich zu klein. Vor zwei Jahren haben wir einen Mantel geschenkt bekommen, der sich komisch anfühlte, weil er passte. So ist das einfach. Wir schämen uns in der Regel nicht für unsere Kleidung – wir schämen uns, wenn man an uns Forderungen stellt, wie die, doch gefälligst keine Billigsachen mehr zu kaufen oder mindestens immer bio öko fair trade mit Gütesiegel mit special anderen Superfunktionen, die uns als “super gut für uns” beworben werden, zu präferieren.
Am Ende ist die Näherin in Bangladesch in Bezug auf die Wahlmöglichkeiten um überhaupt bedeckt zu sein, doch wieder näher an uns dran, als die Normgruppe der 19-69 jährigen Deutschen, die zu Primark gehen, weil sie mehr Geld für Kultur, Technik und Freizeitgestaltung ausgeben müssen (und möchten), die in der Umfrage von Greenpeace kreiert wurde.
Vielleicht weiß Greenpeace aber auch nicht, dass der volle Hartz 4-Satz für Kleidung und Schuhe 33, 53€ im Monat vorsieht.
Und nicht alle Personen in Hartz 4 auch wirklich den vollen Satz bekommen.