vom Funktionieren – Teil 2, Punkt 3

1,72m, 43 Kilo, Kleidergröße 168, so weit wie die Kluft eines durchschnittlichen Hip-Hoppers der frühen 2000er. Im richtigen Licht, im richtigen Winkel konnte ich die Blutgefäße unter meiner Haut, der größten Grenze zwischen meinem Körperinneren und seiner Mitwelt, erkennen. Meine Knochen lagen darunter, wie Steine unter Sandwehen. Nie zuvor und nie wieder nach dieser Zeit habe ich mich selbst so funktionstüchtig empfunden.
Das Hunger-High hat mich sehr selbstbewusst gemacht. Risikofreudig. Schnell. Impulsiv. Unverbindlich. Und so leicht leicht leicht. Während mein Körper ums Überleben kämpfte, indem er mich aus Energiereserven fütterte, die direkt aus meinen Muskeln und Knochen kamen, verballerte ich alles davon auf Schule, Sport und das Verstecken, Vertuschen, Vermeiden jedes Gedankens aufgrund meiner Lebensangst vor mir selbst und allen, die ich kannte. Und ich war so gut. Ich hab das so verdammt gut hingekriegt. Ich hatte alles im Griff. Alles lief. So lange ich nicht aufgehört habe. So lange ich nicht jeden Tag konsequent wirklich jede einzelne Belastungsgrenze konsequent überschritten habe.

Wenn man so unterwegs ist im Leben, dann ist nichts wirklich wichtig. Oder wertvoll. Oder von Sinn über den für sich selbst hinaus. Und ich merke heute, dass dies nicht nur eine Weiterführung des Grenzverständnisses in meiner Herkunftsfamilie war, sondern auch geformt hat, mit was für Menschen ich mich bis heute tendenziell eher umgebe.
Ich finde Leute cool, die sehen, wenn anderen etwas fehlt, und dann etwas dagegen tun wollen. Ich feiere Menschen, die sich nicht sagen lassen, was geht und was nicht, sondern ausprobieren, was durch sie oder mit ihnen oder wegen ihrer Anstrengungen geht und was nicht. Ich umgebe mich gern mit Personen, die sich vernetzen und ihre Kräfte bündeln, um Grenzen zu verschieben, die dazu führen, dass andere leiden.
Dieser Zug an mir, meine eigenen Grenzen zu ignorieren, macht mich in manchen sozialen Bezügen zur_m Aktivist_in, in anderen zur_m Freund_in. Manchmal ergibt sich durch meine Funktionsfähigkeit in diesem Modus ein Match, das viel Potenzial hat, anderen Menschen zu helfen.

Manchmal ergeben sich daraus aber auch sehr ungute Dynamiken.
Meine Therapeutin bezeichnete es als Klassiker. Die Selbstausbeutung in kleinen Vereinen und Initiativen, die viel bewegen und damit alles anders als andere machen wollen. Die Gründer_innenmentalität derer, die tragende Strukturen aus dem Nichts oder im Verbund mit Freund_innen entwickeln – die jedoch zum problematischen Diktat für alle wird, sobald Professionalisierung erforderlich ist.
In einer meiner ersten Wohngruppen war einer der Leiter so. Ich kenne ihn nur rotgesichtig, immer am Telefon, immer umgeben von einer Rauchwolke. Immer verantwortlich für alle und nie wirklich, tatsächlich präsent. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er einen Herzinfarkt hatte. 45 Jahre alt. Ein Klassiker, genau wie die Entfremdung von Familie und Gründungsfreund_innen, die dem Infarkt vorausgingen.

In anderen Betreuungsformen hatte ich es häufiger mit ausgebrannten und wieder- oder neu eingegliederten Betreuer_innen zu tun. Leute, die an ineffizienten Strukturen zerbrochen sind oder davon über Jahre hinweg runtergemahlen wurden. Alle mehr oder weniger unfähig, sich abzugrenzen, immer bereit, immer das eine Mü zu nah an mir dran. In diesen Betreuungsverhältnissen hat mein Recht auf Normalität so gut wie nie eine Rolle gespielt, weil in diesem Zusammenspiel niemand in der Lage war, die Grenzen des Üblichen, des Allgemeinen, des undramatisch Un.Angenehmen als wahrhaft, tatsächlich, sicher, stabil zu erkennen und mit sich in Bezug zu setzen als etwas, worin man auch existieren kann. Ja, im Kern ja sogar mein Ziel war.
Und weil wir uns darin so ähnlich waren, habe ich früher keinen Anlass gehabt, darüber kritisch nachzudenken. Auch das – ein Klassiker. Ganz besonders in den Hilfen für (komplex)traumatisierte und/oder psychisch erkrankte Menschen.

Erst die Kliniktherapeutin, die mich öfter behandelte, hat ein anderes Konzept von Grenzen für mich kommuniziert. Und die queerfeministische Community. Und die anarchistische. Die anti-ableistische Community behinderter Menschen. Die Soziologie. Die akademische Traumabubble. Die Therapeutin, mit der ich heute arbeite.
Erst mit diesen Menschen und Austauschkanälen kam etwas in mein Leben, das mir überhaupt mal ermöglicht hat, auch kritisch darüber nachzudenken, warum ich mich eigentlich so stark mit Sozialrebellen und Ärmel-hoch-Wir-packens-an-Leuten identifiziere. Was die Gemeinsamkeit eigentlich ist.
Und naja, siehe oben.
Leute, die für andere brennen, stehen halt in Flammen. Und statt sich zu löschen, feiern sie ihre Funktion als brennender Dornbusch, neue Grenzenmacher oder was auch immer diese Metapher noch hergeben könnte. Sie sind auf ihre Funktion und deren Wirkung aufs Außen konzentriert, wie durch ein sehr schmal zulaufendes Fernrohr. Genau wie ich vor inzwischen über 20 Jahren und in gewisser Weise auch in den ersten Jahren meines Lebens. Und manchmal, in besonders angestrengten Zeiten, auch heute noch.

Ich blicke auf meinen Funktionsstolz damals vor dem Spiegel zurück und sehe eine Person, die sich nicht bewusst darüber ist, dass sie sich umbringt, weil die Mechanik ihres Funktionierens dem der Menschen, mit denen sie die meiste Zeit verbringt, so ähnlich ist. Ich weiß heute genug über Anorexie, um sicher sagen zu können, dass es die Dysfunktion, die Krankheit, war, die mir das Gefühl gab, funktional zu sein. Und ich weiß genug über Ableismus und Frauenfeindlichkeit, um zu wissen, dass Funktionalität von Lebensqualität und -sinn zu entkoppeln, ein Gewaltakt ist, den viele Menschen internalisieren. Diese Person hatte schon statistisch gesehen unfassbar viel Glück, an diese eine Therapeutin mit einem vernünftigen, schamfreien, für den eigenen Selbsterhalt funktionellen Bezug zur Normalität, dem Mittelmaß, dem mittleren Erregungsniveau, geraten zu sein. Mit dem extra Bonus, dass sie diesen Bezug auch kommunizieren konnte.

Ich will niemals im Leben wieder dahin zurück.
Wir haben uns für das Leben entschieden und diese Entscheidung in allen Aspekten mit Grenzen oder dem Auftrag, die Grenzen zu erforschen, belegt.
Dazu gehört auch, Abstand zu Menschen einzunehmen, die uns in Bezug auf Grenzenlosigkeit und Grenzwahrnehmung allzu ähnlich sind.


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