das Reel – die persönlichen Auswirkungen

Im Sommer 2015 veröffentlichte ich drei Ausschnitte meiner Auseinandersetzungen mit der Autismusdiagnose. Autismus und DIS #1, #2 und #3. Nicht lange danach bereute ich es.
Über den Verlauf der folgenden Monate wurde ich so instabil wie jahrelang schon nicht mehr. Ich konnte Sookie nicht mehr versorgen. Schließlich auch mich selbst.
Was mich beschäftigt hat, wollte ich hier nicht mehr so teilen. Mit den Menschen in meinem Leben hätte ich sprechen müssen. Das Ausmaß der zu prozessierenden Informationen und Schlüsse, zu denen ich über mein Erleben kam, und ihre Bedeutung für mich waren zu viel. Ich erlebte eine massive Dekompensation. Wurde suizidal. Stimmte einer psychiatrischen Krisenintervention zu, weil ich keine Kraft mehr hatte, mir eine Alternative zu wünschen.
Wenige Monate später passierte der Klinik-GAU.

Ich entschied, meine Therapeutin von meinem Autismus fernzuhalten. Ich hatte „meine Klinik“, meine feste, sichere Anlaufstelle zur Selbstsammlung und ‑stärkung, verloren – ich hatte Angst, auch sie zu verlieren.
Ich entschied auch, hier nicht so darüber zu schreiben, wie es mich tatsächlich beschäftigt oder womit ich mich diesbezüglich befasse. Der Begleitermensch und mein Facharzt wurden zu den einzigen Menschen, mit denen ich offen und rückhaltlos darüber sprach. Wenn sie Zeit dafür aufbringen konnten. Was sie immer weniger konnten und schließlich gar nicht mehr.
Das hat letztlich die Krise ausgelöst, die es nötig machte, meine Therapeutin zu konfrontieren. Ich musste von ihr verlangen, meinen Autismus nicht als Ergänzung zur DIS mitzudenken, und war fest davon überzeugt, dass sich der Klinik-GAU wiederholen würde.
Meine Therapeutin hat die Arbeit aber doch geleistet.
Die Therapie begann, wirklich hilfreich zu sein. Ich konnte anfangen zu prozessieren. Teile dieser prozessierenden Arbeit konnte ich in „Worum es geht, Autismus Trauma und Gewalt“ veröffentlichen.

Ganz und gar aufrichtig, offen, unverdeckt und frei, spreche ich nie von mir aus über meinen Autismus. Mit niemandem. Ich teile gern, was ich weiß, was ich gelesen, gesehen, gehört, von Diskurs und Forschung mitbekommen habe. Ich kläre gern auf, wenn mich jemand fragt, teile Quellen und Theorien, aber wie es für mich ist, was es bedeutet und auslöst, wie es meinen Alltag bestimmt und Situationen beeinflusst, das teile ich nur selten dezidiert mit.
Aus drei Gründen: das Stigma, die Medien, die persönlichen Auswirkungen

Fast jedes Gespräch, in dem ich meinen Autismus und meine Traumafolgestörung offenlegen muss, erfordert Entstigmatisierungsarbeit von mir. Die Benennung und Abgrenzung von Vorurteilen, die Einordnung der Relevanz dieser Information über mich in dem Kontext, der aktuell ist, und die soziale Versicherung aller Beteiligten, dass ihnen kein Schaden dadurch entsteht, wenn sie sich mit mir umgeben.
Außer wenn ich mit anderen (komplex) traumatisierten Autist_innen oder Menschen mit ADHS zusammen bin, habe ich keinen vorurteilsfreien, keinen nicht pathologisierenden oder problematisierenden Raum für mich und mein in der Welt sein.

In der Folge verstecke ich mich. Ich erwähne bestimmte Dinge nicht, thematisiere manche Belastungen, Anstrengungen oder Hindernisse nur dann, wenn ich die Kraft habe, mich oder meine Perspektive zu erklären und meinen Gegenübern dabei ein gutes Gefühl zu vermitteln. Was in der Regel bedeutet, dass ich sie egalisiere, bagatellisiere, zu einer Macke von mir erkläre, um die sich niemand weiter kümmern muss.
Die meisten Dinge, die ich als autismusbezogen verstehe, empfinde, denke oder prüfe, verhandle ich mit mir allein. Und immer bin ich darauf konzentriert, an den Folgen dieser Entscheidung nicht in einem Umfang zu leiden, der mich wieder suizidal macht.

Ich möchte mit dieser Offenlegung eine Idee davon vermitteln, wie gleichzeitig Selbstermächtigung und Stigmatisierung passieren und wirken. Und dass es nicht nur um Vorurteile geht oder darum, wer sie wie nutzt oder aufklärt.
Es geht auch darum, dass es für Menschen mit DIS oder Autismus – oder beidem – extrem schwer ist, nicht in ihrer Menschlichkeit infragegestellt oder mit der Gefahr dessen konfrontiert zu werden. Und dass das Folgen hat, die nichts mit der von der Diagnose beschriebenen Konstitution oder Funktionsfähigkeit zu tun hat, sondern mit der Gesellschaft, in der diese Menschen leben.

Jede Geschichte, die unsere Stigmatisierung in dieser Gesellschaft verfestigt, ist eine zu viel.
Widerspruch unbedingt und immer nötig.
Von allen. Denn es betrifft alle.

das Reel – die Medien

Jetzt ist Autismus und Neurodivergenz als Thema häufiger in den Medien als früher. Auch die Diagnosekriterien des DSM‑5 und des ICD‑11 sind breiter als noch in den vorherigen Ausgaben und viele Selbstvertreter_innen werden schneller sichtbar als früher. Sprich: prä Social Media-früher.
Die Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über Neurodivergenz sind für Menschen, die ein Smartphone haben, nutzen und bedienen können (und dürfen), leichter zugänglich geworden.
Und so langsam werden all die Überlappungen von Autismus und Komplextrauma, die ich für „Worum es geht“ noch mühsam aus einzelnen Papers herauspopeln musste, um meine Auseinandersetzung, so gut ich es eben hingekriegt habe, zu kontextualisieren und auch die Arbeit des Begleitermenschen, meiner Therapeutin und meines Facharztes sichtbar zu machen, allgemeiner verständlich.
Autismus und Trauma werden nicht mehr als unvereinbare Themen und Diagnosebereiche wahrgenommen, und ein kurzer Blick in die Geschichte der „Behandlung“ autistischer Menschen zeigt, was für ein enormer Fortschritt das ist. Autistischen Menschen wird heutzutage generell genug Empfindungsfähigkeit und kognitive Kapazität zugetraut, dass man sie für auch traumatisierbar hält. Wow. Vorurteil busted. Alle, die das Gegenteil behaupten, als menschenfeindliche Gewalttäter_innen markierbar – bäm! Das ist eigentlich so ein trauriger Triumph – aber ein Triumph.

Gleichzeitig ist mit den Autist_innen, die sich heute in den Medien selbst vertreten, eine neue, bisher eher wenig bekannte Projektions- bzw. Vergleichsgruppe entstanden.
Die vielen Überlappungen im Symptom­bild, das autistische Menschen, die sich selbstständig und stabil verständlich machen können, weiß und in der Lage sind, kontinuierlich von sich zu berichten oder ihre Zuhörer_innen langfristig zu unterhalten oder zu informieren, lösen nicht nur in komplex traumatisierten Menschen ein Wiederkennen aus. Die Wartezeiten in Autismusambulanzen und die extreme Nachfrage nach Diagnostikmöglichkeiten für Erwachsene zeigen das deutlich.
Ohne diesen Umstand bewerten zu wollen, möchte ich dennoch darauf aufmerksam machen, dass es diese Entwicklung nicht gegeben hat, als Autismus noch viel stärker mit geringem oder einschüchternd außergewöhnlichem Intellekt, erheblichem Mangel an allgemein sinnstiftender Lebens- und  Interaktionsfähigkeit sowie Männlichkeit bzw. männlicher Dominanz und Anspruchshaltung verknüpft war. Die autistischen Eigenschaften, die beispielsweise in der stereotypen Serienfigur des Sheldon Cooper vereint sind, haben sich nicht verändert. Statt kleine Jungs, die über Züge oder Physik sprechen, als wären sie emeritierte Professoren, sehen wir heute auch mal eine 30-jährige Person extrem detailliert über Insekten oder den Klimawandel reden. Ich betrachte diese Entwicklung unter dem Aspekt des Stigmas: Dass sich heute mehr Menschen wiedererkennen und mehr Menschen als autistisch erkannt werden, hat mit der Entstigmatisierung von Autismus als geistige Behinderung zu tun. – Sehr zum Nachteil aller Autist_innen, die nicht sprechen können oder stärker von Kommunikations- und Interaktionsstörungen betroffen sind. Als so ein_e Autist_in erkennen sich die wenigsten Menschen heutzutage.

In Gesprächen mit Vielen, die sich mit der Frage nach einem Autismus bei sich beschäftigen, passiert etwas ähnliches.
Was sie bei sich am häufigsten wiedererkennen, sind Schwierigkeiten mit anderen Menschen. Keine Beziehung eingehen oder halten zu können. Sich als Alien zu fühlen. Sich ganz grundlegend anders als erwartet zu erleben. Die Unfähigkeit, sich „richtig auszudrücken“. Smalltalk nicht zu mögen, weil er hohl und sinnlos erscheine.
Die meisten genau dieser Themen und Problemfelder haben wir in der Trauma-und-Gewalt-Bubble vor 10, 15 Jahren noch als „(möglicherweise) von Tätern reingefoltert/programmiert/trainiert“ oder allgemeiner als „durchs Trauma gelernt“ verhandelt. Als Folge davon, etwas erlebt zu haben, das man sich in der „ungeschlagenen Bevölkerung“ als unvorstellbar erzählt. Als eine Art Beweis oder mindestens Hinweis darauf, dass das Trauma sich nicht nur aus der Verletzung ergibt, sondern auch und vor allem aus der Beziehung zu denen, die sie verursacht haben.
Für die meisten Betroffenen war diese Perspektive wichtig, um die Selbstüberzeugung, aus sich selbst heraus irgendwie falsch zu sein (und deshalb misshandelt oder ausgebeutet worden zu sein) hinterfragen oder sogar ablegen zu können. Ein sehr wichtiger Schritt gegen das Stigma, das mit der psychischen Erkrankung „(komplexe) Traumafolgestörung“ einhergeht, und hin zu einem Selbstverständnis als verletzt – aber nicht zwingend auch zerstört oder „für immer gezeichnet (verändert/stigmatisiert)“.
Das galt als Empowerment.

Heute erscheint mir zumindest die ableistische Abgrenzung in dieser Haltung kaum übersehbar. Denn was ist denn mit all denen, die sowohl verletzt als auch für immer davon verändert sind? Was ist mit denen, die nur schlecht oder über sehr lange Zeit auch gar nicht auf traumatherapeutische Interventionen ansprechen? Die von der Gewalt körperlich oder kognitiv so eingeschränkt sind, dass sie barrierefreie Therapieräume und medizinische Behandlungspraxen brauchen – aber sowohl aus Gründen der allgemeinen Kapazitätsknappheit als auch baulichen Barrieren und fehlenden Konzepten nicht bekommen können? Die aus Gründen auf Hilfe von Behörden, Krankenkassen, offiziellen Stellen verzichten müssen? Wie können diese Menschen nicht annehmen, an ihnen sei etwas grundlegend falsch? Wie sich nicht tagein tagaus in diesem Gefühl bestätigt fühlen, das ihnen als Kind Kontext und Grundlage für das gesamte Welt- und Selbsterleben gegeben hat? Genau das sind die Vielen, die sich mit mir darüber austauschen möchten, wie die Autismusdiagnostik bei mir lief, wie sich mein Autismus auswirkt, woher ich denn weiß, was autismusbedingt ist und was nicht, und wo sie sich hinwenden können, um eine Autismusdiagnostik machen lassen zu können. Manchmal, weil ich im Blog oder im Podcast etwas geteilt habe, in dem sie sich wiedererkennen, meistens, weil sie in einem sozialen Netzwerk etwas gesehen haben.

Und ja, ich weiß, dass es viele kränkt, wenn man ihnen vermittelt, dass sie zu bestimmten Selbstansichten kommen, weil sie es bei Social Media gesehen haben.
Aber.
Bitte dranbleiben.

Niemand „sieht“ einfach nur was bei Instagram oder TikTok oder nach Stunden im Vorschlagsflow von YouTube.
NIEMAND JEMALS
Das sind „Mehr-Mehr-Maschinen“. Verstärkungs- und Bestätigungsmast-Apparate. Diese Apps bzw. Plattformen „wissen“, warum wir dort liken, wann wir kommentieren und warum. Diese Ausspielprogramme „wissen“, dass niemand etwas bis zum Ende schaut, das nicht dem entspricht, was man gern ansieht oder anhört. Und was Menschen gerne sehen oder anhören, ist gar nicht mal so individuell. Und die Gründe dafür, warum uns bestimmte Dinge gefallen, sind in diesem Konsumzusammenhang leider auch total irrelevant. Du findest überdünne Menschen ästhetisch schön oder sexuell erregend oder bist hochgradig anorektisch? – Der Algorithmus gibt dir überdünne Menschen. Du bist betroffen von sexuellem Missbrauch oder willst für Menschen mit diesem Hintergrund da sein oder Menschen mit diesem Erfahrungshintergrund für deinen Yoga-Sekten-Retreat auf Bali groomen? – Du wirst mit entsprechenden Beiträgen versorgt.
Und jetzt bist du eine Person mit DIS. Fühlst dich ausgeschlossen und fremd, unverbunden und ohne jeden Bezug zur Welt, weil du dich und deine Umwelt chronisch dissoziativ wahrnimmst. Und du musst willst sollst genau diese Erkenntnis über dich vermeiden, um nicht komplett abzuklappen – brauchst aber eine Erklärung für dieses Empfinden – auch um nicht abzuklappen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dir der tägliche Doomscroll auf dem kleinen Dopaminsucht-Apparatus in der Hosentasche mehr Angebot dafür liefert als jedes andere analoge Medium oder Kontaktangebot im sozialen Nahraum es jemals könnte, ist extrem hoch. Nicht weil du ein naives Dummchen bist, das Probleme mit der Realitätswahrnehmung hat oder dein Intellekt nicht reicht, um dich abzugrenzen, oder weil du grundlegend falsch, komisch, anders oder merkwürdig bist, sondern, weil du ein Mensch bist und Menschen zu anderen Menschen gehören wollen. Da gibt es ein Kongruenzprogramm in unseren Genen, das genauso wirkmächtig wie der Überlebenstrieb ist, weil beides so gut zusammenarbeitet. Zugehörigkeit steigert die Überlebenschancen. Das ist nicht nur eine Idee, das ist Fakt. Das ist real. Und dieses Gefühl muss man ernst nehmen.

Welche Rolle spielen dabei Reels wie jenes, das Anlass für diese Textreihe ist?
Im Grunde ist es ein Beispiel für eine selbsthergestellte Pathologisierung. Da ist etwas an sich beobachtet worden und das wurde mit der Diagnose der „Krankheit“ beschrieben, die dem (eigenen (vorurteilsbelasteten)) Wissensstand darüber am nächsten kommt.
Ich kenne das von mir selbst auch.
Bevor ich meine DIS-Diagnose bekam (und noch lange danach) habe ich mein depersonalisiertes Derealisationserleben als wahrscheinlich von einem Hirntumor ausgelöst beschrieben, um mein Vermeidungsverhalten aufrechterhalten zu können.
Meine Quelle: die Patientenbibliothek der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Irgendein medizinischer Wälzer von Anno Tobak, den ich kaum verstehen konnte, der mich aber mit seiner Klarheit und eindeutigen Systematik enorm beruhigt hat. Ich hatte damals erstmals den Eindruck, meine Erkrankung – der Grund, weshalb ich Familie, Schullaufbahn, zu Hause, Zugehörigkeit zur Welt außerhalb des Klinikgeländes und sämtliche Zukunftschancen verloren hatte, ständig betäubende Medikamente einnehmen und an verwirrenden, selten hilfreichen Behandlungen teilnehmen musste – könnte benennbar sein. Kategorisierbar, kontrollierbar, übersichtlich, ergründbar, heilbar sogar.
Die Erzählung hat mich vor der Erkenntnis geschützt, dass ich als psychisch krank stigmatisiert und behandelt wurde, um Gewalttaten an mir zu verschleiern und eventuelle Aussagen von mir darüber leicht als unglaubwürdig zu verhandeln. Ich konnte mit meiner Selbstdiagnose eines Mikrotumors alles Falsche an mir erklären und meine Rettungsphantasien als Motivation nutzen, an eine Zukunft zu glauben. Irgendwann würde er gefunden werden, irgendwann würde ihn mir jemand rausschneiden und dann würden meine Eltern mich wieder liebhaben und ich dürfte wieder nach Hause. Und dann würde alles wieder gut werden, denn es war ja nie irgendwas schlimm. Niemals.
Ich brauchte eine geduldige und sehr detaillierte Aufklärung über Hirntumoren von einem Neurologen, sowie eine kompetente Traumatherapie, um diese Vermeidungsstrategie als wichtig für mein Sicherheitsgefühl an.erkennen zu können. Und bis heute die traumatherapeutische Begleitung bei der Aufarbeitung meiner Gewalterfahrungen, damit ich nicht ständig zurück in diese Form des Selbstschutzes – einem der Kernelemente der Traumafolgestörung DIS – rutsche. Ich musste also einerseits ernstgenommen werden mit der Schilderung meines Erlebens. Andererseits war ich auch angewiesen auf die Informationen über die Realität und die Konfrontation damit, dass ich mich mit Vermeidungsverhalten reguliere.

Anfang der 2000er haben wir alle noch chronologisch gescrollt und mussten Internetcontent primär lesen. Mich hätten weniger Menschen (mit ihren Inhalten) in meiner Selbstansicht bestätigt, hätte ich sie damals gepostet. Auf irgendnem Messageboard zwischen Sonnenblume24 und Taumeltropfenglitzerstern. Ich war nicht konfrontiert mit Listicals mit Überschriften wie „7 oft übersehene Anzeichen für einen Hirntumor“. Ich bin auch nie auf andere Menschen gestoßen, die von sich sagen, sie hätten meine Symptome, und mich jeden Tag mit witzigen, interessanten, spannenden, anregenden, unterhaltsamen – mich und meine (Selbst)Ansicht permanent bestätigenden – Rieselvideos versorgen. Die mich an sie gewöhnen, sie mir vertraut machen und als gewissermaßen realen Bestandteil meines sozialen Lebens erscheinen lassen, obwohl ich sie als Person überhaupt nicht wirklich kenne. Aber hätte es sie gegeben – und da bin ich mir sehr sicher –, dann hätte ich spätestens mit 18 extrem auf ein MRT oder CT meines Gehirns bestanden und alle meine Behandler_innen komplett irre damit gemacht, wenn sich da nichts gefunden hätte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon so viel darüber, dass ich mit zig Argumenten und Vorschlägen für alternative Bildgebung und Testverfahren hätte kommen können – und auch wenn die nichts ergeben hätten, hätte ich um die Schwächen dieser Alternativen gewusst und nach Möglichkeiten gesucht, sie auszugleichen.
Alles, was mich damals abgehalten hat, war die mythenfreie, faktenbasierte und in allen Facetten immer wieder aktualisierte, fachlich fundierte Psychoedukation, die mir nicht nur eine Therapeutin mal im Vorbeigehen, sondern über Jahre mehrere verschiedene fähige Behandlerinnen immer wieder vermittelt haben. Zusammen mit mir und dem, was ich mir selbst angelesen habe.
So konnte ich die Einsicht, dass die DIS-Diagnose, als Traumafolgestörung mit erheblicher psychosomatischer Störungsbelastung, die Symptome einfach am besten erklärt, schrittweise besser annehmen. Wenn ich ehrlich mit mir war. Und mich für die relative Eindeutigkeit und stets kommunizierte Begrenztheit wissenschaftlicher Erforschbarkeit als zu akzeptierende Grenze des Erkenntnishorizontes entschied. Wenn ich die Idee zugelassen habe, dass an etwas Grundfalsches an mir zu glauben, eine Traumawahrheit ist, ohne die ich meine Kindheit noch schlechter überstanden hätte.

Heute gibt es diese vielen Medienangebote. Die meisten davon gehen nicht durch einen Faktencheck, werden nicht in einer Redaktion diskutiert, sondern einzig als Meinung veröffentlicht. Die Aufgabe der kritischen Prüfung bleibt bei den Konsument_innen. Als ob alle alles wissen könnten. Als sei es überhaupt immer möglich, eine gezielt hergestellte Wahrnehmung zu hinterfragen. Als wäre es leicht, sich ständig gegen das zu entscheiden, was man gern hören oder sehen mag, was gefällt, was, wenn schon nicht alles, so doch vieles leichter, eindeutiger, klarer machen würde.
In den nun 24 Jahren, in denen ich die DIS-Diagnose habe und mich mit anderen Vielen bzw. Menschen mit Traumafolgestörungen austausche, gibt es eigentlich keine Alternativdiagnose, keine Alternativerzählung, keinen Vermeidungstanz mehr, den ich von Menschen misshandelte Betroffene noch nicht habe machen sehen, um sich zu entlasten. Zu beruhigen. Sich selbst in der Welt zu kontextualisieren. Wenn man so früh so lange so schwer verletzt wurde – von Menschen – aus Gründen, die man nicht beeinflussen, oft nicht mal verstehen oder erkennen konnte –, dann ist das Leben – und zwar alles davon immer und überall – mit anderen Menschen ein hoch kompliziertes, immer schwieriges Ding. Das kann einfach gar nicht anders sein.

Dies als Fakt stellt überhaupt nicht infrage, dass sowohl traumatisierende Gewalterfahrungen als auch Neurodivergenz, soziale Probleme verschärfen, weil sie gleichzeitig vorliegen. Die DIS ist genauso eine Neurodivergenz wie ASS. Aber auch wenn beides gleichzeitig vorliegt, ändern sich die Komponenten selbst nicht.
Also: Mein Autismus ist Autismus, meine DIS ist eine DIS. Ich habe aufgrund der DIS keine „autistischen Anteile“ oder „autistische Identitäten“. Die DIS ist kein Behältnis für die Kuriositäten, die Psyche oder Geist so kann. Es ist eine desintegrierte Grundstruktur menschlicher Identität, keine zusammenhanglose Präsentationsfontäne sozialer Idenitäten. Jetzt Chef, jetzt Kind, jetzt Autist, nachher Hellseher. Diese Erzählung über die DIS ist ein stigmatisierendes Stereotyp der Erkrankung und einer der Gründe, weshalb Forschung, Behandlung und Diskurs dazu so unheimlich schwierig sind.
Aus keiner Rolle heraus ist es in Ordnung oder nicht schädlich, solche Ideen und Bilder über die DIS und wie in dem Reel auch über Autismus zu verbreiten.

Autismus ist keine Bindungsstörung. Es ist kein Synonym für Kontakt- oder Beziehungsunfähigkeit oder einer Verweigerung von Kontakt und Beziehung.
Es ist keine psychische Krankheit oder spezielles Verhaltenscluster, sondern – Stand heute – Folge mehrerer biologischer „Grundeinstellungen“ in Genom und allgemeiner Physis, die in bestimmten Wahrnehmungs-, Verarbeitungs-, Verhaltens- und Kognitionstendenzen erkennbar werden. Deshalb braucht es umfangreiche, fundierte und korrekt durchgeführte Testungen und diverse Abgrenzungen in der diagnostischen Arbeit und nicht nur ein Screeningtool oder Gewissheit bei Vorliegen eines oder zweier Symptome oder Gewohnheiten oder Verhaltensweisen oder Dinge, die man mag oder kann.
Diese Realitäten auszublenden, schadet allen Betroffenen und denen, die mit ihnen arbeiten.
Aus meiner Sicht und gebeutelt von diversen Erfahrungen, die durch Menschen entstanden, die über sich berichteten, sie hätten eine DIS, weil sie sich in der Beschreibung wiedererkannten, aber ganz andere Symptome (und Störungen) hatten, ist bereits die Selbstbeschreibung mit einer Diagnose (ebenjene Selbstpathologisierung) ein ernsthaftes Problem. Das allgemeine Bild verändert sich einfach entscheidend, wenn eine DIS oder auch Autismus „alles“ sein kann – inklusive eben keine DIS oder kein ASS. Es schadet jenen, die tatsächlich darauf angewiesen sind, durch bestimmte Dinge erkannt werden zu können.

Ich möchte zudem kritisieren, dass reflektive Selbsterkenntnis zunehmend zur Selbstdiagnostik wird. Als wäre Diagnostik nicht auch ein Herrschaftsinstrument und damit eigentlich genau das Gegenteil von dem, wozu Selbsterkenntnis und Selbstreflexion eigentlich wichtig sind, nämlich die Gestaltung persönlicher Freiheiten und Selbstverständnisse.
Jede Selbstpathologisierung ist aus meiner Perspektive eher ein Ja zum Stigma und ein Nein zu aller Verantwortung und Anstrengung, die mit messy Menschlichkeit einhergeht. Menschlichkeit, die in Aspekten oder Zuständen mit Diagnosen zu beschreiben ist, ja – aber nicht gestaltbar. Nicht beliebig kommunizierbar. Nicht beliebig anwendbar.
Der Wert von Selbstvertretung als Mensch mit Diagnose, der Grund, weshalb es wichtig ist, über ein Leben mit einer hochgradig stigmatisierten Krankheit oder Behinderung zu sprechen, ist, eben jene Menschlichkeit zum Fakt zu machen. Die Selbstmächtigung von Bloggen, Podcasten, sich selbst auf Insta zu präsentieren, liegt in der Möglichkeit, die eigene Menschlichkeit, die eigenen Unschärfen und Tiefen, die Potentiale und Themen in ihrer Gestaltbarkeit, ihrer Fluidität und Prozesshaftigkeit aufzuzeigen. Sie mit jedem Wort, jeder Farbe, jeder Wahl von Schriftart oder Bildkomposition zu kommunizieren, als etwas, das existiert.
Stigmatisierung arbeitet all dem nämlich konkret entgegen. Stigma entmenschlicht. Es negiert bestimmte Formen des Lebens und Funktionierens als menschlich, als normal, als Teil dessen, was uns in Ver.Bindung bringt und einander das Überleben sichert.
Dessen müssen sich alle Medienschaffenden oder Mediengestaltenden bewusst sein. Wird dies ausgeblendet oder als nicht erfüllbare Bürde abgewehrt, ist es meiner Ansicht nach legitim, die von diesen Personen hergestellten Medien als Anteil der Gewalt an stigmatisierten Menschen zu verhandeln.

das Reel – das Stigma

Beginnen müssen wir mit dem Stigma.
Als Stigma versteht man im Allgemeinen Merkmale, die negativ bewertet werden. In den Sozialwissenschaften nennt man es Stigmatisierung, wenn Individuen oder Gruppen eine negativ bewertete soziale Identität aufgrund real existierender oder unterstellter Merkmale zugeschrieben wird. Stigmatisierung ist also eine aktiv vorgenommene Handlung zum Zweck der Ab- und Ausgrenzung und damit letztlich auch zur Legitimation und Rechtfertigung von zwischenmenschlicher (und in der Folge auch institutioneller, struktureller – also organisierter) Gewalt.

Psychisch erkrankte und langfristig behinderte Menschen sind eine umfassend und komplex stigmatisierte Gruppe in unserer Gesellschaft. Die Stigmatisierung dieser Gruppe ist kulturell normalisiert und integraler Bestandteil vieler sozialer Praktiken. Sie zu erkennen, ist daher etwas, das man lernen und trainieren muss. Dazu ist, neben einer grundlegend respektvollen und Menschlichkeit anerkennenden Grundhaltung, erforderlich, alles zu hinterfragen, was man über die Gruppe tatsächlich weiß, zu reflektieren, wann man welche Zuschreibungen vornimmt, und zu prüfen, welche Funktion, die Zuschreibung jeweils hat.
Häufig wird Zuschreibung mit bloßer Beschreibung, also sachlicher Benennung, verwechselt oder nicht auch als Instrument von Macht und Machtausübung verstanden. Im Zusammenhang mit stigmatisierten Gruppen ist die Wahrscheinlichkeit nicht neutraler Sprechakte entsprechend enorm hoch. Daher erfordert das (öffentliche) Sprechen und Sprachhandeln in diesem Zusammenhang nicht nur intensive und achtsame Vorbereitung und Reflexion, sondern immer auch Offenheit für Kritik und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung – wenn man weder aktiv stigmatisieren noch von bestehenden Stigmatisierungsprozessen profitieren möchte. Da gibt es also auch einen Raum, in dem man eine Entscheidung trifft. Entweder man macht bei der Stigmatisierung mit, profitiert davon, oder nicht.

Bei der Trias „organisierte rituelle Gewalt“ (ORG), „dissoziative Identitätsstörung“ (DIS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) treffen drei Themenkomplexe aufeinander, die in ihrer gesamten Zeit als Diskursthema nie nicht von Vorurteilen und Stigmatisierung belegt waren. Das ist wichtig zu verstehen, denn Stigma ist „ansteckend“.
Zu einem dieser Themen zu arbeiten oder mit autistischen bzw. Menschen mit DIS oder Gewaltgeschichte in Kontexten von ORG zu arbeiten, bedeutet für Behandler_innen und Angehörige, Forschende und sozial Unterstützende immer auch ein soziales Risiko. In der Sozialwissenschaft nennt man das „Stigma durch Assoziation“. Diese Forschenden, Begleitenden, Familienmitglieder oder Freund_innen können noch so gute, richtige, faktisch, sachlich perfekte Öffentlichkeits-, Forschungs-, oder Aufklärungs.Arbeit leisten – dadurch, dass es darum geht, ist sie in manchen Zusammenhängen bereits weniger wert und damit über manche Ecken auch die Personen selbst. Ihre Beiträge werden anders rezipiert, ihre Zugänge zu Netzwerken geringer, ihre Aufstiegsoptionen kleiner, ihre Glaubwürdigkeit eher infrage gestellt. So zeigt sich letztlich dann auch die Macht, die mittels Stigma und Stigmatisierung gesichert und verteidigt wird.

Der Eindruck, der dadurch in der Allgemeinbevölkerung entsteht, ist: „Das ist ein umstrittenes Thema.“, „Da wird kontrovers diskutiert.“, „Da gibt es keinen Konsens.“, „Dazu gibt es viele Meinungen.“, „Darüber weiß man noch nichts Definitives.“, „Leute, die sich damit befassen – also, da muss man wirklich ganz genau hinschauen (manche von denen spinnen selber/sind verschwörungsgläubig/fehlgeleitet/Scharlatane).“, „Damit muss man zu einem Spezialisten, der absolut unangefochten ist, sonst erfährt man nur Unsinn darüber.“
Und es entsteht ein gewisser Freiraum, der zuweilen mit Freiheit verwechselt und aus dieser Annahme heraus auch verteidigt wird. Etwa mit Aussagen wie „Kennst du eine_n Autist_in, kennst du eine_n Autist_en.“ oder „Die DIS kann sich super individuell ausprägen.“ oder „Wissenschaft ist auch nicht alles.“
Und in diesem diskursiven Freiraum, dieser Art Meinungs-Wild-West, treffen wir uns dann bei Instagram. Oder in einem Blog wie hier. Oder in der Redaktion einer edgy Podcastredaktion. Oder bei einem Betroffenenkongress, in der Selbsthilfegruppe oder in der Peer-Beratung. Einerseits weiß man nichts, andererseits doch schon jede Menge, das nicht so leicht vergessen oder ignoriert werden kann. Einerseits sind sich jeweils autistische Menschen und Menschen mit DIS so ähnlich, dass man Diagnosen vergeben kann, andererseits ist alles hochindividuell. Einerseits ist alles an ORG special geheim und andererseits kennt die Allgemeinbevölkerung mindestens eine Gruppierung in Deutschland, die organisiert Rituelle Gewalt aus(ge)übt (hat).

Es ist ein schwieriger Balance-Akt, sich als selbst betroffene Person darin zu positionieren. Nicht jede Meinung, die ich zum Beispiel vertrete, ist ausschließlich faktenbasiert oder ausschließlich erfahrungsbasiert. Es gibt Unschärfen, es gibt unerforschte Bereiche, es gibt selbst anders oder auch gar nicht erlebte Erfahrungen. Und es gibt Sympathien und Antipathien. Es gibt eigene Abwehr- und Vermeidungsreaktionen aufgrund von Dynamiken, die sich aus ganz eigenen, innerhalb einer Gruppe entstehenden Stigmatisierungsprozessen heraus ergeben. Es gibt Viele, die sich nicht „solchen Vielen“ umgehen wollen, nicht „wie diese Vielen“ gesehen werden wollen, weil diese negative Eigenschaften haben (oder ihnen zugeschrieben werden). Ausschließlich Meinung oder freie Rede ist das jedoch nicht. Es ist eine Abgrenzung und ab einem gewissen Punkt auch eine Stigmatisierung. Eine von vielen sozialen Alltagsgewalttaten, die Gruppen untereinander ausüben, weil Macht vor allem in Gruppen schwer und mehrfach stigmatisierter Menschen eine ziemlich spezielle Verhandlungssache ist. Je stärker das Stigma ist, desto enger ist der Rahmen der Gruppe, die dadurch entsteht. Je mehr soziale Identitäten involviert sind, desto kleiner wird auch der (Zuwider-)Handlungsrahmen der Gruppe.
Das funktioniert so: Eine stigmatisierte Gruppe weiß, dass sie stigmatisiert ist und wie sie aufgrund dieses Stigmas von den stigmatisierenden Menschen wahrgenommen wird. „Wir Menschen mit DIS“ wissen etwa, dass man uns für psychisch krank, extrem in irgendeine Richtung, in der Regel für Frauen und für nicht normal hält. Zum Beispiel. Machen wirs nicht so kompliziert. Und weil wir das wissen, erkennen wir einander an genau diesen Merkmalen. Und weil wir unsere Gruppe definiert wissen und erhalten wollen, sortieren wir einander auch genau entlang dieser Merkmale bzw. erwarten von einander, diese Merkmale auch wirklich zu erfüllen. So definieren unsere Gruppenmerkmale unseren Handlungsrahmen sowohl als Gruppe als auch als Gruppenmitglieder.
In DIS-Bubbles, wo Vielesein ein Synonym für wehrlose Opferschaft ist, zum Beispiel, ist offener Widerspruch oder ein aktiver Lebensstil oder nach sexualisierter Gewalt ein befriedigendes Sexleben zu haben, ein massiver Ausbruch aus dem Handlungsrahmen und bereits ausreichend, um in der Zugehörigkeit infrage gestellt oder auch ganz ausgeschlossen zu werden. Für Personen mit einer seltenen Erkrankung, die in der Öffentlichkeit als „kontrovers diskutiert“ und mangelhaft behandelt wird sowie in ihrem Ausmaß an Leidensdruck im gesamten Lebensalltag noch weitgehend unsichtbar ist, kann das zu schweren Krisen und weiteren Zugehörigkeitskonflikten führen. Hochgradig stigmatisierte, marginalisierte, diskriminierte Menschen können in so einer Lage nicht einfach „einen Haken dran machen“. Egal, um welches Stigma bzw. welche negative soziale Identität es geht. Ob es der ökonomische Status ist, die Behinderung, die Leistungsfähigkeit, das Alter, die rassistische Einordnung …

Es entsteht also ein ganz ähnlicher Anpassungsdruck wie der außerhalb der Gruppe, die durch ein Stigma entsteht. Und entsprechende Erwartungen. Eine (meist unausgesprochene) Erwartung ist beispielsweise, einander zuzustimmen oder um nicht gesagte Aspekte zu ergänzen. Aber Widerspruch, Kritik oder offene Ablehnung bleiben verdeckt.
Ich hasse das.
Weil es unaufrichtig ist. Eine Scheinwelt erschafft. Einen Schonraum. Eine soziale Illusion, die jenseits herrschaftlicher Ausgrenzungsrealitäten produziert wird. Als würden nur Bestätigung und Zustimmung zu positiven Prozessen führen.
Wozu es tatsächlich führt, ist ständige soziale Unsicherheit. Unverbundenheit. Misstrauen. Kontaktschwebe. Ein ewiges Rumgeturne im sozialen Nebel. Und die Reproduktion von Gewalt durch (Deutungs-)Machterhaltende Maßnahmen.

Eine dieser Maßnahmen passierte unter dem Reel, als die Person meinen Kommentar zu meiner persönlichen Sicht herabsetzte und ihre Aussagen durch frühere Profession und Auseinandersetzung aufwertete sowie mit der Freiheit, vom Eigenen erzählen zu dürfen, legitimierte.
Mir ist schon klar, dass mein Einstieg in die Kommunikation zu dem Reel nicht sonderlich höflich oder fundiert war. Aber nur meine Perspektive, meine persönliche Meinung habe ich auch nicht formuliert. Ich bin eine autistische Person mit DIS, ich habe diese Doppeldiagnose und befasse mich inzwischen seit elf Jahren mit der Thematik. Neben dem Thema der organisierten Rituellen Gewalt als spezielles Gewaltphänomen des Turbo- bis Spätkapitalismus. Entsprechend deutlich erkenne ich reproduzierte Gewalterzählungen, negative Stereotype und Falschinformationen, wenn sie jemand veröffentlicht. Widerspruch erschien mir an der Stelle sowohl persönlich als auch faktisch und diskursiv relevant notwendig.
Die Abwertung hingegen hat aus meiner Sicht lediglich persönlichen Wert. Die Person behält die Deutungshoheit über etwas, das sie als etwas erlebt, das ihr ganz allein gehört. Das ganz individuell nur ihr Erleben betrifft. In Bezug darauf stimmt das auch. Sie darf sich als „in Anteilen als menschengemacht autistisch“ erleben und das auch öffentlich sagen. In Bezug auf die Herleitung ihrer Begründung und die mediale Darstellung, die sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, stimmt das nicht mehr, weil die aktuelle Faktenlage ganz eindeutig eine andere ist. Und nicht nur ich persönlich das so finde, weil ich das anders erlebe, sondern weil es verifizierte und falsifizierte und reproduzierbare Daten dazu gibt. Sogenannte Fakten.

Wer sich egal womit in die Öffentlichkeit begibt, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Und sei es in der eigenen Gruppe, während es die breite Öffentlichkeit gar nicht erst interessiert.
Man kann dann nicht das special Snowflake-Opfer sein oder die starke Selbstermächtigungsstimme, die alles (sogenannten „Hate“ zum Beispiel) an sich abprallen lässt, weil ihr möglicherweise jemand Böses will (und von Täter_innen geschickt wurde und wahrscheinlich sogar noch voll drin hängt). – Was eine häufige Deckerzählung über persönliche Abwehr ist und in der DIS-ORG-Bubble eine allgemein isolierende und desintegrierende Wirkung erzielt. Nicht wenige DIS-fluencer generieren Legitimation ihrer medialen Selbstdarstellung als besonders mutiges Opfer oder allgemein „nicht so wie diese Vielen“ (die sich nicht filmen oder fotografieren (lassen) oder öffentlich äußern) durch Andeutung oder Erzählung einer ständigen Bedrohung durch frühere Täter_innen oder ständig drohenden Shitstorm, einzig, weil die eigene Meinung vertreten wurde. Mit dieser Erzählung wird die Stigmatisierung von Opfern (sexualisierter Gewalt und Ausbeutung) als wehrlos benutzt. Und die Selbsterzählung von Täter_innen als immer und überall omnipotent.

Das Er.Kennen dieser gängigen Stereotype und Stigmatisierungen, mit denen die eigene Peergroup, die eigene Bubble, immer wieder konfrontiert wird, halte ich für eine Grundvoraussetzung in Austausch und öffentlicher Kommunikation.
Um diese Voraussetzung zu erfüllen reicht es nicht, es gut zu meinen. Es kann unter Umständen sehr viel Arbeit bedeuten. Zum Beispiel die Peer-Review von Material, das man verwenden möchte. Sensitivity-Readings von Texten oder anderen Medieninhalten, die man nutzen möchte, vornehmen zu lassen. Wissenschaftliche Beratung in Anspruch nehmen, das Lesen von wissenschaftlichen Abhandlungen lernen. Die Reflexion, der eigenen Motivation, der Absicht hinter der Veröffentlichung, vornehmen. Die Motivation und Absicht derer, die die Veröffentlichung ermöglichen oder erlauben, prüfen. Die Reflexion der eigenen Ansprüche an Verifikation und Falsifikation erwähnter Daten erarbeiten. Die kritische Prüfung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten, um mit Kritik und Gegenrede umgehen zu können, machen. Und oft komplett unterschätzt: Die kritische Prüfung darauf, wie viel Zeit, emotionale und kognitive Kapazität für die Aufrechterhaltung der Kommunikation über das erstellte Medienstück aufgebracht werden kann. Viel Welle, massive Klickzahlen, sind in Sachen Entstigmatisierung und Diskurs wertlos, wenn alle nur reagieren, aber nicht miteinander interagieren und kommunizieren.
Und, wie zuvor erwähnt, braucht es zur Verantwortungsübernahme immer eine klar positionierende Antwort auf die Frage: Will ich vom Stigma profitieren? Will ich es aufgreifen und wieder aneignen? Oder will ich mich innerhalb der eigenen Bubble abgrenzen, indem ich andere stigmatisiere?

Der kommerzielle Erfolg, die „große Account“-Kooperationen und Presseanfragen, – den Bestseller gibt es nur, wenn man mitmacht. Kommerz braucht Stigma, sonst kauft oder klickt niemand mehr irgendwas, um Stigma zu beenden.
Die autonome Selbstvertretung, das ermächtigende und schützende Communityding, die Stimmenvielfalt, die die Forschung belebt, die im realen Leben zu fruchtbaren Projekten und Beziehungen führt, gibt es nur, wenn Stigmatisierung aufgearbeitet und als Gewalthandeln auch gegen die eigenen Leute überwunden wird.

Stigma ist kein Naturphänomen. Stigmatisierung kein Selbstläufer.
Es sind die Folgen von Entscheidungen.
Und wenn man sich öffentlich äußert, kommt man um die Entscheidung nicht herum. Auch nicht als Opfer. Als Mensch mit DIS. Als autistische Person. Als Mensch, der ORG üb.erlebt hat.

das Reel – die Einleitung

Das Gesicht einer weißen Person mit Brille und grauer Kopfbedeckung füllt die Hälfte des Handydisplays. Darüber steht schwarz unterlegt: „Autistische und nicht-autistische Identitäten in unserem DIS-System“. Sie sagt: „ORG missbraucht ja vor allem Bindung, die menschliche Bindung … missbraucht oder … führt dazu, dass diese Bindung unerträglich werden kann … auch (…) der Körper unerträglich werden kann … Von daher finden wir das als absolut naheliegend, dass ORG Autismus produziert. Menschengemachter Autismus. Und das ist bei uns so im System. Wir haben eben viele Anteile, die im Alltag ganz normal funktionieren und auch in der Bindung gut sind. „Ich mein, wir haben ja als Psychologin auch gearbeitet, wir waren da auch sehr empathisch, mit Patienten, und wir haben aber auch Anteile, die eben auch sehr stark autistische Züge haben.“
Ich sehe das Reel 2 Minuten nach Veröffentlichung und schreibe: „Entschuldige – das ist Unsinn.“ Sie antwortet: „aus eurer Sicht.“
Im Verlauf veröffentlicht die Person in ihrem Account „Seelenstrukturen“ eine Story nach der anderen. Fügt Erklärungen hinzu, ergänzt und wiederholt sich inhaltlich. Zieht eine Supervisionssitzung mit E. Nijenhuis, eine Onlinebefragung unter Menschen, die sich als Viele erleben, einen psychologischen Ratgeber aus der Kategorie Lebenshilfe zu Neurodivergenz und allein den Titel „Gewalt erleiden“ von Tabea Koepp als Argumentation heran.
Am Abend bin ich mir gänzlich unsicher, was die Person eigentlich möchte. Sie schreibt, das sei ihre Hypothese, auch als studierte Person. Dann, dass es ihre persönliche Wahrnehmung sei. Am nächsten Morgen, dass es beides gleichzeitig sei. Inzwischen hat das Video 24 Kommentare, die meisten argumentieren gegen ihre Aussagen.

Ich denke darüber nach, ob ich hier darüber schreiben möchte.
Auf so ein Reel mit Richtigstellung und Einordnung zu reagieren, macht es unter Umständen relevanter, als es ist.
Unter dem Schlagwort „ORG“, also „organisierte rituelle Gewalt“, gibt es unheimlich viele Inhalte ohne jede faktische Grundlage, und praktisch immer wird die dissoziative Identitätsstörung (kurz DIS) mindestens erwähnt. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, die Themenlage sei so diffus und unklar, so subjektiv und komplex, dass im Grunde alle alles jederzeit behaupten können, ohne Konsequenzen durch Falsifizierung erwarten zu müssen. Sagen ja alle nur ihre Meinung, ihre ganz persönlichen Ansichten.
Ein Kommunikationsverhalten, das mich verärgert, weil es jede Forschungs.Arbeit, jedes Ringen um Fakten, jede Anstrengung für allgemeine Klarheit abwertet und unsichtbar macht.
Und meine Solidarität gegenüber anderen Gewaltüb.er.lebenden untergräbt.
Denn nicht nur wirre Skeptiker_innen und False-Memory-Fans verbreiten Unsinn über ORG und DIS, sondern auch Menschen, die sich als Betroffene zeigen, und Fachpersonen, die Aussagen dazu schon qua Grundstudium und Ausbildung mindestens differenzierter einordnen können sollten. Das führt bei mir dazu, dass ich mich unter anderen Vielen oder in  Räumen, in denen diese Themen diskutiert werden, auf überhaupt keine Aussagen verlasse, die ich nicht sofort mit Quellen und Fakten überprüfen kann. Alles bleibt Behauptung oder These bis zum Beleg. Und das bedeutet eine ständig zu haltende Kontaktschwebe. Ich gehe nie näher dran, entferne mich aber auch nicht, denn es kann ja sein, dass stimmt, was mir erzählt wird. Das ist extrem anstrengend. Macht keinen Spaß. Und bringt mir letztlich nur eine gewisse Sicherheit darüber, dass ich weder aus Autoritätsrespekt noch aus Peer-Solidarität heraus von Unsinn, Falschinformation oder (gezielt) gestreuten Phantasieszenarien ausgehe. Und sie womöglich hier oder im Podcast oder in Vorträgen oder im direkten Kontakt weitergebe – und schwer erkrankten Menschen, von denen ein nicht unerheblicher Anteil mehrfachdiskriminiert ist, schade.

Dies – die Realität, dass Falschbehauptungen, Desinformation und Ausgedachtes erheblich schaden – ist für mich jedoch auch Anlass, zu reagieren. Und mich dann eben doch hinzusetzen und einen Text zu schreiben, der im Gegensatz zu Inhalten in social media Netzwerken, kostenlosen Blogplattformen oder Telegramgruppen, zukunftssicher zitierbar ist und einen direkten Kontakt zu mir als Diskutant ermöglicht.
Weil so viele Aspekte drinstecken, teile ich den Text auf.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

das Ja #Coronatagebuch

Wie kontraststark der Tag war. Wie hell die Sonne, wie blau der Himmel. Das kalte Ascheweiß im Gesicht meines Mannes neben dem Rapsgelb auf dem Feld, an dem wir halten. Er will aussteigen, sich hinstellen und begreifen, dass er es überstanden hat. 2 Wochen Intensiv. Atemnot, Lungenembolien. Isolation.
Immer wenn wir uns streiten, immer wenn ich merke, dass er unzufrieden mit mir ist, sich kontrolliert oder abgewertet fühlt, denke ich daran. Wie er da steht und atmet und seine Lebendigkeit in der Welt kontextualisiert und ich meine Aufmerksamkeit wie ein Netz über ihn werfe. So, als würde ich damit meine Chancen erhöhen, an die Informationen zu kommen, die ich brauche, um mich in seinem Kontext zu verorten.
Er hätte sterben können. Vom Krankenhaus hätte mich niemand informiert. Ich war noch nicht seine Ehefrau. Ich war das Jemand, das ihn vom Krankenhaus abgeholt hat. Der Grund, weshalb er keinen Taxischein brauchte. Keinen Hausnotruf, keine Pflegekraft, keine Haushaltshilfe. Der Grund dafür, dass kein Anlass zur Sorge bestand.
Das Frohsein, dass er noch lebt, habe ich erst gespürt, als wir geheiratet haben. Ein ganzes Leben als hilflos besorgte_r Mitbewohner_in, die_r sich nicht einmischen, nicht bestimmen, nicht alles so genau wissen soll, später.

Wenn wir uns streiten, dann denke ich an die Entscheidung, die wir füreinander getroffen haben. Und merke, dass sich zwischen meine Angst um unsere Beziehung auch die unbedingte Aufforderung zur Kontextualisierung unser beider Lebendigkeit schiebt. Er hat Ja zum Leben mit mir gesagt. Der Rest ist Arbeit. Von mir und von ihm. In guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn ich schlechte Zeiten durchmache, trifft ihn das oft persönlich. Er schützt sich mit Abstand, Bagatellisierung, Humor. Als unsere Embryonen in mir gestorben sind, war er so weit weg von mir, dass ich meine Trauer als etwas empfunden habe, das in unserer Beziehung keinen Kontext hat. Stimmt natürlich nicht. Überhaupt gar nicht. Hat sich aber so angefühlt. Es ist mein Ja zum Leben mit ihm, das mir abnimmt, seinen Selbstschutz, sein in-solchen-Momenten-so-sein persönlich zu nehmen.
Ist das umgekehrt auch so? Ich kann es nicht sagen. Weiß es einfach nicht.

Wer sich mit Abstand schützt, kann sich nicht reinfühlen. Das funktioniert einfach nicht. Dann muss man mit Vorannahmen arbeiten. Mit kognitiver Empathie, mit allgemeinen Vorstellungen. Ideen, Phantasien. Wenn mein Autismus eines  immer wieder und zuweilen brutal schmerzhaft konfrontiert, dann ist es das. Falsche Vorstellungen davon, wie es mir mit Dingen geht, wie Umstände auf mich wirken, was mich wie sehr beansprucht, anstrengt, beschäftigt, wie viel Arbeit und permanente Selbstkorrektur in mir passiert.
Auch zu diesem Aspekt des Lebens mit mir hat er Ja gesagt.
Annehmend, dass das mit der Zeit leichter wird? Unbewusst glaubend, dass es nicht für immer so sein würde? Hoffend, dass er sich daran gewöhnen würde? Erwartend, dass ich diesen Teil von mir ändern würde? Dass es schon nicht so schlimm sei? Dass es schon werden würde? Kein Problem, kein Thema, schon alles gut?
Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht.

Ich weiß, dass ich an jenem Tag entschieden habe, seinen Sicherheitsabstand, als zu ihm gehörend zu akzeptieren. Mir nicht zu wünschen, dass ich näher dran sein darf. Mich damit einverstanden zu erklären, nie zu markieren, nie zu benennen, nie sichtbar zu machen, wenn wir einander sehr nah sind.
Und mich als Teil seines Lebens zu begreifen. Auch wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, welcher.

Fundstücke #94

Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit 15 Jahren.
Ich bin hässlich angezogen, fühle mich ekelhaft und unwürdig. Es ist warm, eine Brise verwirft mein ungünstig fallendes Haar auf dem Weg zum Firmengelände.
Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine Stelle bewerbe, die meine gesamte Zukunft nicht weiter beeinflussen soll. Mindestlohn, Mindeststunden, ein Jahr für die Mindestzeit, die es braucht, um bei der Agentur für Arbeit um einen Bildungsgutschein zu bitten, der mich formell dahin bringen soll, wo ich mit besseren Entscheidungen früher bereits hätte hinkommen können, hätte, würde, wäre, wenn …

Eine lächelnde Person mit langen Haaren reicht mir ihre kühle Hand, ich will mich entschuldigen. Ich sollte hier nicht sein, nicht so, nicht ich. Mir wird ein Platz in einem Besprechungsraum und ein Getränk angeboten, um auf den Kollegen zu warten. Mit jedem Schluck Wasser drücke ich meine Selbstablehnung hinter meine Aufmerksamkeit. Es geht hier nicht um mich, es geht hier um gar nichts.
Als die Tür aufgeht, bin ich leer und an. Aufmerksamkeit 3000.
Meine Gegenüber sind vorbereitet, sprechen klar und eindeutig.
Es ist ein ziemlich perfekter Arbeitsplatz für mich. Allein, im Halbdunkel, klimatisiert und im Ruhebereich der Firma für eine Stille, die für die Tätigkeit zwingend erforderlich ist. Nächstes Jahr macht das eine Maschine.

Als ich wieder in die Wärme unseres überhitzten Planeten trete, denke ich an jeden Roboterwitz, der über mich gemacht wurde. An das Autistenklischee der kalten Maschine, des seelenlosen Funktionsautomaten.
In den 4 Monaten Probezeit könnte ich es schaffen, viel von dem, was mich gerade an mir abstößt, abzutrainieren. Jeden Tag 30 Kilometer Radfahren, ein Mal die Woche zum Handball, vielleicht noch ein- oder zweimal schwimmen. Ich könnte mich so geil schreddern, während ich nebenbei nichts weiter tun muss als Dinge zu erledigen. Ich könnte ein Roboter sein und weniger Mensch. Ich hätte von der ganzen Nummer also noch etwas, selbst wenn sie dann merken, dass ichs einfach nicht bringe. Wenn sie mich erkannt, durchmein peinlich angestrengtes so tun als obschaut haben.

Zu Hause empfängt mich Bubi mit seinem Begrüßungsgrinsen. Legt sich zu mir, als ich meinem Mann eine Sprachnachricht über den Verlauf des Gesprächs aufnehme. Über dem Boden des Gartens liegt eine Schicht Insektenbewegung. Der Wind streift das Gras, kitzelt die jungen Blätter des Apfelbaums und verliert sich in den Blütenresten der Kirsche. Es ist still, alle sind fertig mit ihrem Rasen, der Hecke, dem Auto. Es ist alles gut und ich könnte schreien, weil ich meinen Körper nicht verlassen kann. Weil ich gefangen bin in dieser Quelle von Ekel, Hass, Zerstörungswut.
Bubi legt mir seinen Kopf auf die überkreuzten Unterschenkel und streckt sich schmatzend. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und schnurrt, als ich ihm langsam und stetig vom Gesicht in die Ohrenspitzen streiche. Es ist alles gut. Und die absolute Ohnmacht.

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

KI wird uns alle töten (wahrscheinlich)

Ich habe wieder das Podstock-Festival besucht.
Es war toll, hat Spaß gemacht und war wie immer mein Flauschtankpunkt.
Am letzten Tag gab es eine kleine Diskussionsrunde zum Thema der sogenannten „künstlichen Intelligenz“. Auslöser war ein Click-Adventure, das Teddy für Esel für ihren Podcast erstellt hatte. Toby, ein langjähriger Fan der „Esel und Teddy Show“ und ebenfalls Podcaster, hatte jeden Spaß an der Folge verloren, als klar wurde, dass das Adventure KI-generiert war.
Die Diskussion sollte Positionen klären. Ausloten: Wo stehen wir da eigentlich miteinander?
Mir war die Runde zu kurz. Und Jörn hat am Montag in seinem feinen Podcast auch noch seine Gedanken zu KI geteilt. Jetzt teile ich meine Gedanken hier.

Mir geht es wie Toby, wenn ich erfahre, dass etwas, das ich im weitesten Sinne mit Kunst verbinde, „mit Hilfe von KI“ entstanden ist. Der Spaß am Produkt ist sofort weg.
Und nicht nur das. Auch die Annahme, dass es bei der Funktion des Produktes um einen gezielten Kontaktversuch mit mir geht, wird enttäuscht. Ich fühle mich zum Konsumenten degradiert. Zum Vernutzungsendpunkt. Aufgrund meiner sinnlichen Täuschungsfähigkeit sogar missbraucht, wenn es um Videos geht, die sehr realistisch und emotional aktivierend sind. Und ich erlebe mich als Mitmensch ausgeklammert, ausgeschlossen, egalisiert, wenn es um den Akt der Produktion geht.

Hintergrund dieser Empfindungen ist mein Leben mit Behinderung, als Person im Kreativbetrieb, welcher heute im kommerziellen Bereich weitgehend digitalisiert ist.
Weil ich mit einer Behinderung lebe, war der kreative Bereich für mich gewissermaßen schon immer einfach „gebucht“. Da wird Leistung einfach anders bewertet und Anpassung eher individualisiert als in anderen Arbeitsbereichen. Bisher galt dort oft: Gut Ding will Weile haben. Die Muße muss kommen und angemessen wirken können, nicht alles ist Handwerk. Wenn etwas wirklich schön werden soll, dann funktioniert Zeitdruck nicht, sondern Auftrags- und Versorgungssicherheit. Raum. Zeit. Prozess. Kommunikation.

Diese Auffassung verändert sich seit der Industrialisierung immer mehr. Seit Maschinen Dinge produzieren, wird anders über Produktionszeit gedacht. Als schnell gilt heute zum Beispiel nicht mehr die Erstellung eines Logos oder einer Wortmarke in einer Woche, sondern innerhalb weniger Stunden, wenns denn nicht in wenigen Minuten geht.
Ich habe schon mit einer Wochendeadline Probleme. Ich kann nicht jeden Tag die gleiche Anzahl Stunden in die Erstellung von Entwürfen, Einarbeitung von Verbesserungen oder Änderungen stecken. Habe nicht immer die gleichen Kapazitäten für die Entschlüsselung von Kundenkommunikation und das, was passiert, wenn die Adobe Creative Cloud, mein Hauptwerkzeugkasten, ihren Nutzer_innen mit dem neuen Update auch neue Funktionen und Ansprüche an deren Fähigkeiten aufdrängt.

Ich bin nicht nur in meiner Arbeitsfähigkeit stark begrenzt, sondern auch in meinen Lebensfähig- und ‑fertigkeiten. Daraus ergeben sich meine Grenzen der Produktivität. „KI“ wird mir diesbezüglich als etwas angeboten, das meine Grenzen erweitern könnte. Hinterfragt wird dabei nie, ob ich das überhaupt möchte. Ob meine Langsamkeit eventuell Vorteile hat oder Prozesse begünstigt, die unter anderen Umständen gar nicht erst entstehen würden.
Da ich langsam bin, entstehen für meine Kund_innen und ihre Mitarbeitenden freie Zeiträume. Manchmal entstehen so Räume zur Prüfung des Gesamtprojektes. Zeit und Raum dafür, die Kommunikation für mich leichter zu gestalten. Detaillierte Fehlersuchen zu begleiten. Entspannte Feierabende. Kürzere Listen für Tages-To-dos. Raum für Orgakram, der sonst zu kurz kommt. Solange meine Grenzen der Geschwindigkeit mit den Grenzen des Produktionsdrucks meiner Auftraggeber_innen zusammenpassen, kann die Zusammenarbeit gut gelingen. – Weil keine Grenzen überschritten werden müssen.
Das, was aktuell alles als „Künstliche Intelligenz“, kurz KI, bezeichnet wird, verschiebt diese Grenzen extrem durch eine scheinbar mühelose, verlustfreie und ständig bereitstehende Produktionsbereitschaft. Der Produktionsdruck erhöht sich bereits allein durch die inzwischen allgemeine Kenntnis von der Technologie, über die es heißt, sie könnte alles immer, schneller und besser. Denn wozu sich an Tageszeiten, menschlichen Grenzen und strukturellen Bedingungen orientieren, wenn etwas immer und überall von jedem gemacht werden kann? So ist ja im Grunde jede Konvention, jede Grenze obsolet – und hat ja eh auch immer hart genervt, wenn man nicht nur ableistisch, sondern auch ehrlich ist.

Auch was meine Grenzen bedingt sowie die grundlegende Motivation hinter meiner Arbeit bleiben vom Angebot, meine Arbeitsweise mit „KI“ zu ergänzen oder zu verändern, gänzlich ignoriert.
Wenn ich offensichtlich ineffiziente Arbeitsabläufe präferiere, dann ist das für viele nicht behinderte Menschen unverständlich oder schnell mit meiner Behinderung erklärt. Da gibt es die Annahme, ich wäre einfach nicht anpassungsfähig. Oder könnts halt einfach nicht. Da müsste irgendwie viel für mich angepasst werden oder extra sein.
Ob ich vielleicht einfach gerne jeden Schritt meiner Produktion selbst machen oder sehen möchte, weil es mir ein Genuss ist, verstehen in meiner Branche oft nur noch die älteren Menschen, die nie digitale oder mechanische Abkürzungen zur Verfügung hatten und ihre Arbeit einfach leidenschaftlich gerne gemacht haben. Ich scanne freudig stundenlang Dokumente. Ich klicke klaglos auch tage- und wochenlang Kästchen an. Es befriedigt mich enorm, aufzuräumen, zu sortieren, zu ordnen, mir Ordnungen auszudenken, zu kontrollieren und durchzusetzen, Effizienzstudien zu machen, Testreihen anzulegen, Abgleiche vorzunehmen, abzuzählen oder drei bis fünf immergleiche Handgriffe zu tun. Das sind alles Dinge, die überschaubar sind. Vorhersehbar. Und heutzutage nun leider auch weitgehend automatisierbar.
Aufgrund dieser Automatisierbarkeit verkommen Arbeiten dieser Art zu „nix“. Waren es mal „geringfügige Arbeiten“ oder „leichte Tätigkeiten“, sind sie inzwischen fast überall komplett im Aufgabenkatalog von Maschinen verschwunden. Für Menschen bleibt nur noch, was die Maschine nicht kann. Das betrifft häufig Sonderfälle, Ausnahmen und spezielle oder komplexe Konstellationen. Das wiederum führt dazu, dass Arbeit im technischen Service etwa extrem anspruchsvoll wird. Hat man vor wenigen Jahren noch primär dazu angeleitet, ein Gerät aus- und wieder einzuschalten, hat man es jetzt überwiegend mit Kund_innen zu tun, die anstrengende Probleme haben. Auch hier also ein Schauplatz, der mich als behinderte Person bei der Arbeitssuche betrifft.

In der Kunst und freien Arbeit in der Text- bzw. Buchbranche hingegen liegt der Wert für mich nicht im Produkt, sondern in der Produktion (mit anderen Menschen). Ich selbst mache auch noch die in den Augen anderer Menschen bekloppteste Kleinteil-Wurschtelarbeit in der Regel deshalb, weil ich mich selbst dabei fühlen kann, wie ich etwas tue, das etwas ist. Ich mag das Gefühl. Selbst dann, wenn mir dabei langweilig wird oder ich merke, dass ich damit jetzt nicht gerade die ganz großen Schrauben der Welt bewege. Solange ich nicht als Verbesserungstool einer Maschine benutzt oder ökonomisch als weniger wertvoll behandelt werde, bin ich zufrieden. Einfach, weil ich mich als ich selbst erleben kann, während ich in Kontakt mit anderen Menschen bin. Etwas, das für mich aufgrund meiner Behinderung einen extrem hohen Stellenwert hat. Ich bin nicht gut im sozialen Einblenden. Ich halte oberflächliches Geplänkel nicht lange durch. Ich verpasse soziale Hinweise, verletze manchmal unabsichtlich, irritiere praktisch immer mit irgendwas – all das rückt sehr in den Hintergrund, wenn ich mit Menschen zusammen an etwas arbeiten kann. Wenn unsere Kommunikationen einen gemeinsamen Bezugspunkt hat.

Diesen kommunikativen Aspekt von Produktion finde ich in allen Auseinandersetzungen mit „KI“ unterbeleuchtet und auch unterschätzt. Denn was bei der Erstellung KI-generierten Inhalten passiert, ist sowohl gewisse Abtrennung vom Selbst bei der Produktion als auch von anderen Menschen bei ihrer Anbahnung.
Benannt wird häufig, dass Menschen verdummen, wenn sie sich Wissen nicht mehr durch Selbst.Erfahrung aneignen, sondern stets kurzfristig leihen und ohne Anspruch auf Aneignung nutzen. Diese sogenannte Verdummung allein verhindert aber nicht, dass Menschen ein erfülltes Leben führen können.
Was aber dazu führt, ist Vereinzelung und die konstante Überschreitung natürlicher Grenzen. Die bei „digital verdummten“ Menschen immer enger werden, obwohl sie immer kompetenter erscheinen. Und zwar, weil sie nicht mehr kooperieren. Und die Lust dazu oder die Einsicht in die Sinnhaftigkeit dessen immer weiter abnimmt. „Ich kann was nicht, ich weiß was nicht – ich frag mal ChatGPT, bevor ich ein Gespräch oder Treffen mit jemandem anstoße, die_r es mir sagen, mir beibringen kann.“ – das ist der Pfad weg von anderen Menschen und zusätzlich auch von sich selbst. Über die Erkenntnis, dass man selbst ungenügend ist oder etwas weder weiß noch kann, hinaus passiert in der Person nur noch die Wahrnehmung des Unwillens, sich mit anderen Menschen dazu auszutauschen, (neu) zu lernen oder etwas dafür zu tun, dass Lernverhalten und soziale Kooperation stattfinden.
Die KI-gestützte Wissens- oder Kunst- oder Textproduktion funktioniert in diesen Fällen kompensierend. Nicht perfekt, aber besser als nichts – und alles, was man früher, in vordigitalen Zeiten, als selbstverständliche Arbeit verrichtet hat. Hauptsache, es ist was da. Das hilft enorm dabei, das Unwohlsein über die eigene Unzulänglichkeit oder Unfähigkeit zu überdecken.

In meiner Welt ist „Hauptsache, es ist was da“ das Stück, das mir zeigt, was ich kann, was ich noch lernen oder üben muss, aber auch, ob meine verfügbaren Ressourcen reichen. Es ist eine erste Markierung an dem, was ein Bezugspunkt werden kann. Es ist niemals genug, um als fertig eingeordnet zu werden. Oder eben: genug.
Ich verstehe, dass Menschen unterschiedliche Ansprüche an ihre Produkte und Werke haben. Nicht jedes Gebrauchsobjekt muss die Qualität eines Meisterstücks haben. Aber wenn der Anspruch so weit runtergeht, dass etwas nur aussehen oder wirken muss, als sei es ein Gebrauchsobjekt, dann ist das ein Problem. Dann verkennen wir den kommunikativen Wert der Dinge, die uns umgeben und Wirkung auf uns haben.
Teddy beschrieb zum Beispiel, dass er auch mal ein Bingo „mit KI“ generiert hat, weil er jemandem eine Freude machen wollte. Er konnte es schön machen, konnte jemandem auch eine Freude machen – aber Zeit und groß Gedanken oder Energie hat er nicht dafür aufgebracht. Das sind zwei einander widersprechende kommunikative Signale. „Ich mache gerne was für dich, du bist ja mein_e Freund_in“ einerseits und „Ich mache das nicht selbst, nicht investiert, nicht mit echter Aufmerksamkeit (Ich räume dem Akt keinen oder nur sehr wenig Platz neben meinen eigenen Interessen ein)“ andererseits.

Kommunikative Signale wirken immer. Vor allem, wenn wir sie einmal bewusst wahrgenommen haben.
Als Mensch im Kreativbetrieb und in der Textproduktion spüre ich aktuell hauptsächlich das Signal der Ablehnung und Abwertung. „Nein, dich frag’ ich nicht – ich frag’ die Maschine, die mir eine Antwort ohne Profession und ausgebildete Perspektive errechnet.“, „Mit dir red’ ich nicht – ich lass’ mir lieber was erzählen, das wie etwas wirkt, das jemand wie du sagen würde.“, „Ach, das, womit du Stunden verbringen würdest, bevor du es (aufgrund deiner Expertise und Fachkenntnis) für fertig hältst – ist mir 10 Minuten wert, weil ich es am Ende eh gar nicht weiter beachte und entsprechend eigentlich gar nicht wertschätze. (Ich will hier eigentlich nur verdecken, dass ich’s für unnötig halte.)“

Die Abwertung der Dinge und unserer Bezug nehmenden Kommunikation schreitet voran. Und damit wird uns KI meiner Ansicht nach töten.
Wer die starre Heuristik dem fluiden Prozess menschlichen Miteinanders vorzieht, wird über kurz oder lang nicht mehr angemessen auf Gefahren und Herausforderungen reagieren können, die über längere Zeit nicht eindeutig sind. Sei es, weil wir einander einfach zu lange vermitteln, dass weder wir einander wirklich wichtig sind, noch die Dinge, die wir einander geben und zeigen – oder sei es, weil es zu lange dauert, bis genug Menschen an den relevanten Stellen verstanden haben, dass Intelligenz wenig mit korrekter Faktenwiedergabe zu tun hat.
Ich spreche hier nicht davon, dass man verhindern muss, dass „der KI“ „zuviel“ Macht gegeben wird oder dass man sie nur als Werkzeug betrachten darf. Ich bin der Ansicht, dass wir besonders LLMs (also ChatGPT und ähnliche Apps und Komponenten) und Mediengeneratoren in ihrer Wirkung als Gegenspieler zu unserer zwischenmenschlichen Kommunikation begreifen müssen. Und entsprechend begrenzt einsetzen.

Da wir allerdings in der Endphase des Turbokapitalismus leben – und das auf einem Planeten, der diese Phase wahrscheinlich nicht auf eine Art überleben kann, die vereinbar ist mit dem menschlichen Leben – wird eine solche Entscheidung extrem erschwert.
Viele Menschen sind sogar überzeugt, man könne „der KI“ heute nicht mehr entkommen. Und bitte allein diese Formulierungen. „Wir kommen da nicht mehr drumrum“, „Wir können uns dem nicht entziehen“ – würden wir so über etwas sprechen, von dem wir das Gefühl haben, es wäre wirklich gut für uns?
Die für mich logische Reaktion auf solche Aussagen ist Alarmierung.
Doch gesamtgesellschaftlich sehe ich diese Reaktion nicht.
Ich sehe Besorgnis über den Ressourcenverbrauch der Datenzentren und ableistische Argumentation gegen die Nutzung. Aber Angst darüber, wie einverstanden die Menschen damit erscheinen, sich mit immer mehr Müll und langfristig unnützlichem Kram, eingebettet in eine nicht zur Kooperation und gegenseitigen Ver.Bindung führenden Kommunikation, zu umgeben – die sehe ich nicht.

Und das kann ich wirklich nicht verstehen. Wie können wir das nur zulassen? Liegt es daran, dass nicht-autistische, nicht behinderte Menschen so wenig Probleme damit haben, sozial passend zu kommunizieren? Ist da die Ansicht: „Och das kriegt man schon schnell genug wieder hin“? Was ist da los? Woher kommt dieses mir schlafwandlerisch anmutende Einverständnis in die gegenseitige Isolation für leere, lose, unnütze Müllproduktion?
Ich habe viele Ideen dazu, nicht alles, werde ich mir im Leben wohl erklären können.
Sicher bin ich mir aber darüber, dass Menschen an KI und ihren Folgen sterben werden, wenn sich das Nutzungs- und Anspruchsverhalten nicht verändert. Einfach, weil das schon jetzt passiert und im Hinblick auf das, was nötig ist, um KI bereitzustellen (Wasser, Strom, Hardware zum Beispiel), eine Frage der Zeit ist.
Es ist nur noch nicht klar, ob es uns irgendwann wirklich alle erwischt.