drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“