das Reel – die Medien

Jetzt ist Autismus und Neurodivergenz als Thema häufiger in den Medien als früher. Auch die Diagnosekriterien des DSM‑5 und des ICD‑11 sind breiter als noch in den vorherigen Ausgaben und viele Selbstvertreter_innen werden schneller sichtbar als früher. Sprich: prä Social Media-früher.
Die Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über Neurodivergenz sind für Menschen, die ein Smartphone haben, nutzen und bedienen können (und dürfen), leichter zugänglich geworden.
Und so langsam werden all die Überlappungen von Autismus und Komplextrauma, die ich für „Worum es geht“ noch mühsam aus einzelnen Papers herauspopeln musste, um meine Auseinandersetzung, so gut ich es eben hingekriegt habe, zu kontextualisieren und auch die Arbeit des Begleitermenschen, meiner Therapeutin und meines Facharztes sichtbar zu machen, allgemeiner verständlich.
Autismus und Trauma werden nicht mehr als unvereinbare Themen und Diagnosebereiche wahrgenommen, und ein kurzer Blick in die Geschichte der „Behandlung“ autistischer Menschen zeigt, was für ein enormer Fortschritt das ist. Autistischen Menschen wird heutzutage generell genug Empfindungsfähigkeit und kognitive Kapazität zugetraut, dass man sie für auch traumatisierbar hält. Wow. Vorurteil busted. Alle, die das Gegenteil behaupten, als menschenfeindliche Gewalttäter_innen markierbar – bäm! Das ist eigentlich so ein trauriger Triumph – aber ein Triumph.

Gleichzeitig ist mit den Autist_innen, die sich heute in den Medien selbst vertreten, eine neue, bisher eher wenig bekannte Projektions- bzw. Vergleichsgruppe entstanden.
Die vielen Überlappungen im Symptom­bild, das autistische Menschen, die sich selbstständig und stabil verständlich machen können, weiß und in der Lage sind, kontinuierlich von sich zu berichten oder ihre Zuhörer_innen langfristig zu unterhalten oder zu informieren, lösen nicht nur in komplex traumatisierten Menschen ein Wiederkennen aus. Die Wartezeiten in Autismusambulanzen und die extreme Nachfrage nach Diagnostikmöglichkeiten für Erwachsene zeigen das deutlich.
Ohne diesen Umstand bewerten zu wollen, möchte ich dennoch darauf aufmerksam machen, dass es diese Entwicklung nicht gegeben hat, als Autismus noch viel stärker mit geringem oder einschüchternd außergewöhnlichem Intellekt, erheblichem Mangel an allgemein sinnstiftender Lebens- und  Interaktionsfähigkeit sowie Männlichkeit bzw. männlicher Dominanz und Anspruchshaltung verknüpft war. Die autistischen Eigenschaften, die beispielsweise in der stereotypen Serienfigur des Sheldon Cooper vereint sind, haben sich nicht verändert. Statt kleine Jungs, die über Züge oder Physik sprechen, als wären sie emeritierte Professoren, sehen wir heute auch mal eine 30-jährige Person extrem detailliert über Insekten oder den Klimawandel reden. Ich betrachte diese Entwicklung unter dem Aspekt des Stigmas: Dass sich heute mehr Menschen wiedererkennen und mehr Menschen als autistisch erkannt werden, hat mit der Entstigmatisierung von Autismus als geistige Behinderung zu tun. – Sehr zum Nachteil aller Autist_innen, die nicht sprechen können oder stärker von Kommunikations- und Interaktionsstörungen betroffen sind. Als so ein_e Autist_in erkennen sich die wenigsten Menschen heutzutage.

In Gesprächen mit Vielen, die sich mit der Frage nach einem Autismus bei sich beschäftigen, passiert etwas ähnliches.
Was sie bei sich am häufigsten wiedererkennen, sind Schwierigkeiten mit anderen Menschen. Keine Beziehung eingehen oder halten zu können. Sich als Alien zu fühlen. Sich ganz grundlegend anders als erwartet zu erleben. Die Unfähigkeit, sich „richtig auszudrücken“. Smalltalk nicht zu mögen, weil er hohl und sinnlos erscheine.
Die meisten genau dieser Themen und Problemfelder haben wir in der Trauma-und-Gewalt-Bubble vor 10, 15 Jahren noch als „(möglicherweise) von Tätern reingefoltert/programmiert/trainiert“ oder allgemeiner als „durchs Trauma gelernt“ verhandelt. Als Folge davon, etwas erlebt zu haben, das man sich in der „ungeschlagenen Bevölkerung“ als unvorstellbar erzählt. Als eine Art Beweis oder mindestens Hinweis darauf, dass das Trauma sich nicht nur aus der Verletzung ergibt, sondern auch und vor allem aus der Beziehung zu denen, die sie verursacht haben.
Für die meisten Betroffenen war diese Perspektive wichtig, um die Selbstüberzeugung, aus sich selbst heraus irgendwie falsch zu sein (und deshalb misshandelt oder ausgebeutet worden zu sein) hinterfragen oder sogar ablegen zu können. Ein sehr wichtiger Schritt gegen das Stigma, das mit der psychischen Erkrankung „(komplexe) Traumafolgestörung“ einhergeht, und hin zu einem Selbstverständnis als verletzt – aber nicht zwingend auch zerstört oder „für immer gezeichnet (verändert/stigmatisiert)“.
Das galt als Empowerment.

Heute erscheint mir zumindest die ableistische Abgrenzung in dieser Haltung kaum übersehbar. Denn was ist denn mit all denen, die sowohl verletzt als auch für immer davon verändert sind? Was ist mit denen, die nur schlecht oder über sehr lange Zeit auch gar nicht auf traumatherapeutische Interventionen ansprechen? Die von der Gewalt körperlich oder kognitiv so eingeschränkt sind, dass sie barrierefreie Therapieräume und medizinische Behandlungspraxen brauchen – aber sowohl aus Gründen der allgemeinen Kapazitätsknappheit als auch baulichen Barrieren und fehlenden Konzepten nicht bekommen können? Die aus Gründen auf Hilfe von Behörden, Krankenkassen, offiziellen Stellen verzichten müssen? Wie können diese Menschen nicht annehmen, an ihnen sei etwas grundlegend falsch? Wie sich nicht tagein tagaus in diesem Gefühl bestätigt fühlen, das ihnen als Kind Kontext und Grundlage für das gesamte Welt- und Selbsterleben gegeben hat? Genau das sind die Vielen, die sich mit mir darüber austauschen möchten, wie die Autismusdiagnostik bei mir lief, wie sich mein Autismus auswirkt, woher ich denn weiß, was autismusbedingt ist und was nicht, und wo sie sich hinwenden können, um eine Autismusdiagnostik machen lassen zu können. Manchmal, weil ich im Blog oder im Podcast etwas geteilt habe, in dem sie sich wiedererkennen, meistens, weil sie in einem sozialen Netzwerk etwas gesehen haben.

Und ja, ich weiß, dass es viele kränkt, wenn man ihnen vermittelt, dass sie zu bestimmten Selbstansichten kommen, weil sie es bei Social Media gesehen haben.
Aber.
Bitte dranbleiben.

Niemand „sieht“ einfach nur was bei Instagram oder TikTok oder nach Stunden im Vorschlagsflow von YouTube.
NIEMAND JEMALS
Das sind „Mehr-Mehr-Maschinen“. Verstärkungs- und Bestätigungsmast-Apparate. Diese Apps bzw. Plattformen „wissen“, warum wir dort liken, wann wir kommentieren und warum. Diese Ausspielprogramme „wissen“, dass niemand etwas bis zum Ende schaut, das nicht dem entspricht, was man gern ansieht oder anhört. Und was Menschen gerne sehen oder anhören, ist gar nicht mal so individuell. Und die Gründe dafür, warum uns bestimmte Dinge gefallen, sind in diesem Konsumzusammenhang leider auch total irrelevant. Du findest überdünne Menschen ästhetisch schön oder sexuell erregend oder bist hochgradig anorektisch? – Der Algorithmus gibt dir überdünne Menschen. Du bist betroffen von sexuellem Missbrauch oder willst für Menschen mit diesem Hintergrund da sein oder Menschen mit diesem Erfahrungshintergrund für deinen Yoga-Sekten-Retreat auf Bali groomen? – Du wirst mit entsprechenden Beiträgen versorgt.
Und jetzt bist du eine Person mit DIS. Fühlst dich ausgeschlossen und fremd, unverbunden und ohne jeden Bezug zur Welt, weil du dich und deine Umwelt chronisch dissoziativ wahrnimmst. Und du musst willst sollst genau diese Erkenntnis über dich vermeiden, um nicht komplett abzuklappen – brauchst aber eine Erklärung für dieses Empfinden – auch um nicht abzuklappen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dir der tägliche Doomscroll auf dem kleinen Dopaminsucht-Apparatus in der Hosentasche mehr Angebot dafür liefert als jedes andere analoge Medium oder Kontaktangebot im sozialen Nahraum es jemals könnte, ist extrem hoch. Nicht weil du ein naives Dummchen bist, das Probleme mit der Realitätswahrnehmung hat oder dein Intellekt nicht reicht, um dich abzugrenzen, oder weil du grundlegend falsch, komisch, anders oder merkwürdig bist, sondern, weil du ein Mensch bist und Menschen zu anderen Menschen gehören wollen. Da gibt es ein Kongruenzprogramm in unseren Genen, das genauso wirkmächtig wie der Überlebenstrieb ist, weil beides so gut zusammenarbeitet. Zugehörigkeit steigert die Überlebenschancen. Das ist nicht nur eine Idee, das ist Fakt. Das ist real. Und dieses Gefühl muss man ernst nehmen.

Welche Rolle spielen dabei Reels wie jenes, das Anlass für diese Textreihe ist?
Im Grunde ist es ein Beispiel für eine selbsthergestellte Pathologisierung. Da ist etwas an sich beobachtet worden und das wurde mit der Diagnose der „Krankheit“ beschrieben, die dem (eigenen (vorurteilsbelasteten)) Wissensstand darüber am nächsten kommt.
Ich kenne das von mir selbst auch.
Bevor ich meine DIS-Diagnose bekam (und noch lange danach) habe ich mein depersonalisiertes Derealisationserleben als wahrscheinlich von einem Hirntumor ausgelöst beschrieben, um mein Vermeidungsverhalten aufrechterhalten zu können.
Meine Quelle: die Patientenbibliothek der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Irgendein medizinischer Wälzer von Anno Tobak, den ich kaum verstehen konnte, der mich aber mit seiner Klarheit und eindeutigen Systematik enorm beruhigt hat. Ich hatte damals erstmals den Eindruck, meine Erkrankung – der Grund, weshalb ich Familie, Schullaufbahn, zu Hause, Zugehörigkeit zur Welt außerhalb des Klinikgeländes und sämtliche Zukunftschancen verloren hatte, ständig betäubende Medikamente einnehmen und an verwirrenden, selten hilfreichen Behandlungen teilnehmen musste – könnte benennbar sein. Kategorisierbar, kontrollierbar, übersichtlich, ergründbar, heilbar sogar.
Die Erzählung hat mich vor der Erkenntnis geschützt, dass ich als psychisch krank stigmatisiert und behandelt wurde, um Gewalttaten an mir zu verschleiern und eventuelle Aussagen von mir darüber leicht als unglaubwürdig zu verhandeln. Ich konnte mit meiner Selbstdiagnose eines Mikrotumors alles Falsche an mir erklären und meine Rettungsphantasien als Motivation nutzen, an eine Zukunft zu glauben. Irgendwann würde er gefunden werden, irgendwann würde ihn mir jemand rausschneiden und dann würden meine Eltern mich wieder liebhaben und ich dürfte wieder nach Hause. Und dann würde alles wieder gut werden, denn es war ja nie irgendwas schlimm. Niemals.
Ich brauchte eine geduldige und sehr detaillierte Aufklärung über Hirntumoren von einem Neurologen, sowie eine kompetente Traumatherapie, um diese Vermeidungsstrategie als wichtig für mein Sicherheitsgefühl an.erkennen zu können. Und bis heute die traumatherapeutische Begleitung bei der Aufarbeitung meiner Gewalterfahrungen, damit ich nicht ständig zurück in diese Form des Selbstschutzes – einem der Kernelemente der Traumafolgestörung DIS – rutsche. Ich musste also einerseits ernstgenommen werden mit der Schilderung meines Erlebens. Andererseits war ich auch angewiesen auf die Informationen über die Realität und die Konfrontation damit, dass ich mich mit Vermeidungsverhalten reguliere.

Anfang der 2000er haben wir alle noch chronologisch gescrollt und mussten Internetcontent primär lesen. Mich hätten weniger Menschen (mit ihren Inhalten) in meiner Selbstansicht bestätigt, hätte ich sie damals gepostet. Auf irgendnem Messageboard zwischen Sonnenblume24 und Taumeltropfenglitzerstern. Ich war nicht konfrontiert mit Listicals mit Überschriften wie „7 oft übersehene Anzeichen für einen Hirntumor“. Ich bin auch nie auf andere Menschen gestoßen, die von sich sagen, sie hätten meine Symptome, und mich jeden Tag mit witzigen, interessanten, spannenden, anregenden, unterhaltsamen – mich und meine (Selbst)Ansicht permanent bestätigenden – Rieselvideos versorgen. Die mich an sie gewöhnen, sie mir vertraut machen und als gewissermaßen realen Bestandteil meines sozialen Lebens erscheinen lassen, obwohl ich sie als Person überhaupt nicht wirklich kenne. Aber hätte es sie gegeben – und da bin ich mir sehr sicher –, dann hätte ich spätestens mit 18 extrem auf ein MRT oder CT meines Gehirns bestanden und alle meine Behandler_innen komplett irre damit gemacht, wenn sich da nichts gefunden hätte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon so viel darüber, dass ich mit zig Argumenten und Vorschlägen für alternative Bildgebung und Testverfahren hätte kommen können – und auch wenn die nichts ergeben hätten, hätte ich um die Schwächen dieser Alternativen gewusst und nach Möglichkeiten gesucht, sie auszugleichen.
Alles, was mich damals abgehalten hat, war die mythenfreie, faktenbasierte und in allen Facetten immer wieder aktualisierte, fachlich fundierte Psychoedukation, die mir nicht nur eine Therapeutin mal im Vorbeigehen, sondern über Jahre mehrere verschiedene fähige Behandlerinnen immer wieder vermittelt haben. Zusammen mit mir und dem, was ich mir selbst angelesen habe.
So konnte ich die Einsicht, dass die DIS-Diagnose, als Traumafolgestörung mit erheblicher psychosomatischer Störungsbelastung, die Symptome einfach am besten erklärt, schrittweise besser annehmen. Wenn ich ehrlich mit mir war. Und mich für die relative Eindeutigkeit und stets kommunizierte Begrenztheit wissenschaftlicher Erforschbarkeit als zu akzeptierende Grenze des Erkenntnishorizontes entschied. Wenn ich die Idee zugelassen habe, dass an etwas Grundfalsches an mir zu glauben, eine Traumawahrheit ist, ohne die ich meine Kindheit noch schlechter überstanden hätte.

Heute gibt es diese vielen Medienangebote. Die meisten davon gehen nicht durch einen Faktencheck, werden nicht in einer Redaktion diskutiert, sondern einzig als Meinung veröffentlicht. Die Aufgabe der kritischen Prüfung bleibt bei den Konsument_innen. Als ob alle alles wissen könnten. Als sei es überhaupt immer möglich, eine gezielt hergestellte Wahrnehmung zu hinterfragen. Als wäre es leicht, sich ständig gegen das zu entscheiden, was man gern hören oder sehen mag, was gefällt, was, wenn schon nicht alles, so doch vieles leichter, eindeutiger, klarer machen würde.
In den nun 24 Jahren, in denen ich die DIS-Diagnose habe und mich mit anderen Vielen bzw. Menschen mit Traumafolgestörungen austausche, gibt es eigentlich keine Alternativdiagnose, keine Alternativerzählung, keinen Vermeidungstanz mehr, den ich von Menschen misshandelte Betroffene noch nicht habe machen sehen, um sich zu entlasten. Zu beruhigen. Sich selbst in der Welt zu kontextualisieren. Wenn man so früh so lange so schwer verletzt wurde – von Menschen – aus Gründen, die man nicht beeinflussen, oft nicht mal verstehen oder erkennen konnte –, dann ist das Leben – und zwar alles davon immer und überall – mit anderen Menschen ein hoch kompliziertes, immer schwieriges Ding. Das kann einfach gar nicht anders sein.

Dies als Fakt stellt überhaupt nicht infrage, dass sowohl traumatisierende Gewalterfahrungen als auch Neurodivergenz, soziale Probleme verschärfen, weil sie gleichzeitig vorliegen. Die DIS ist genauso eine Neurodivergenz wie ASS. Aber auch wenn beides gleichzeitig vorliegt, ändern sich die Komponenten selbst nicht.
Also: Mein Autismus ist Autismus, meine DIS ist eine DIS. Ich habe aufgrund der DIS keine „autistischen Anteile“ oder „autistische Identitäten“. Die DIS ist kein Behältnis für die Kuriositäten, die Psyche oder Geist so kann. Es ist eine desintegrierte Grundstruktur menschlicher Identität, keine zusammenhanglose Präsentationsfontäne sozialer Idenitäten. Jetzt Chef, jetzt Kind, jetzt Autist, nachher Hellseher. Diese Erzählung über die DIS ist ein stigmatisierendes Stereotyp der Erkrankung und einer der Gründe, weshalb Forschung, Behandlung und Diskurs dazu so unheimlich schwierig sind.
Aus keiner Rolle heraus ist es in Ordnung oder nicht schädlich, solche Ideen und Bilder über die DIS und wie in dem Reel auch über Autismus zu verbreiten.

Autismus ist keine Bindungsstörung. Es ist kein Synonym für Kontakt- oder Beziehungsunfähigkeit oder einer Verweigerung von Kontakt und Beziehung.
Es ist keine psychische Krankheit oder spezielles Verhaltenscluster, sondern – Stand heute – Folge mehrerer biologischer „Grundeinstellungen“ in Genom und allgemeiner Physis, die in bestimmten Wahrnehmungs-, Verarbeitungs-, Verhaltens- und Kognitionstendenzen erkennbar werden. Deshalb braucht es umfangreiche, fundierte und korrekt durchgeführte Testungen und diverse Abgrenzungen in der diagnostischen Arbeit und nicht nur ein Screeningtool oder Gewissheit bei Vorliegen eines oder zweier Symptome oder Gewohnheiten oder Verhaltensweisen oder Dinge, die man mag oder kann.
Diese Realitäten auszublenden, schadet allen Betroffenen und denen, die mit ihnen arbeiten.
Aus meiner Sicht und gebeutelt von diversen Erfahrungen, die durch Menschen entstanden, die über sich berichteten, sie hätten eine DIS, weil sie sich in der Beschreibung wiedererkannten, aber ganz andere Symptome (und Störungen) hatten, ist bereits die Selbstbeschreibung mit einer Diagnose (ebenjene Selbstpathologisierung) ein ernsthaftes Problem. Das allgemeine Bild verändert sich einfach entscheidend, wenn eine DIS oder auch Autismus „alles“ sein kann – inklusive eben keine DIS oder kein ASS. Es schadet jenen, die tatsächlich darauf angewiesen sind, durch bestimmte Dinge erkannt werden zu können.

Ich möchte zudem kritisieren, dass reflektive Selbsterkenntnis zunehmend zur Selbstdiagnostik wird. Als wäre Diagnostik nicht auch ein Herrschaftsinstrument und damit eigentlich genau das Gegenteil von dem, wozu Selbsterkenntnis und Selbstreflexion eigentlich wichtig sind, nämlich die Gestaltung persönlicher Freiheiten und Selbstverständnisse.
Jede Selbstpathologisierung ist aus meiner Perspektive eher ein Ja zum Stigma und ein Nein zu aller Verantwortung und Anstrengung, die mit messy Menschlichkeit einhergeht. Menschlichkeit, die in Aspekten oder Zuständen mit Diagnosen zu beschreiben ist, ja – aber nicht gestaltbar. Nicht beliebig kommunizierbar. Nicht beliebig anwendbar.
Der Wert von Selbstvertretung als Mensch mit Diagnose, der Grund, weshalb es wichtig ist, über ein Leben mit einer hochgradig stigmatisierten Krankheit oder Behinderung zu sprechen, ist, eben jene Menschlichkeit zum Fakt zu machen. Die Selbstmächtigung von Bloggen, Podcasten, sich selbst auf Insta zu präsentieren, liegt in der Möglichkeit, die eigene Menschlichkeit, die eigenen Unschärfen und Tiefen, die Potentiale und Themen in ihrer Gestaltbarkeit, ihrer Fluidität und Prozesshaftigkeit aufzuzeigen. Sie mit jedem Wort, jeder Farbe, jeder Wahl von Schriftart oder Bildkomposition zu kommunizieren, als etwas, das existiert.
Stigmatisierung arbeitet all dem nämlich konkret entgegen. Stigma entmenschlicht. Es negiert bestimmte Formen des Lebens und Funktionierens als menschlich, als normal, als Teil dessen, was uns in Ver.Bindung bringt und einander das Überleben sichert.
Dessen müssen sich alle Medienschaffenden oder Mediengestaltenden bewusst sein. Wird dies ausgeblendet oder als nicht erfüllbare Bürde abgewehrt, ist es meiner Ansicht nach legitim, die von diesen Personen hergestellten Medien als Anteil der Gewalt an stigmatisierten Menschen zu verhandeln.


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