Im Sommer 2015 veröffentlichte ich drei Ausschnitte meiner Auseinandersetzungen mit der Autismusdiagnose. Autismus und DIS #1, #2 und #3. Nicht lange danach bereute ich es.
Über den Verlauf der folgenden Monate wurde ich so instabil wie jahrelang schon nicht mehr. Ich konnte Sookie nicht mehr versorgen. Schließlich auch mich selbst.
Was mich beschäftigt hat, wollte ich hier nicht mehr so teilen. Mit den Menschen in meinem Leben hätte ich sprechen müssen. Das Ausmaß der zu prozessierenden Informationen und Schlüsse, zu denen ich über mein Erleben kam, und ihre Bedeutung für mich waren zu viel. Ich erlebte eine massive Dekompensation. Wurde suizidal. Stimmte einer psychiatrischen Krisenintervention zu, weil ich keine Kraft mehr hatte, mir eine Alternative zu wünschen.
Wenige Monate später passierte der Klinik-GAU.
Ich entschied, meine Therapeutin von meinem Autismus fernzuhalten. Ich hatte „meine Klinik“, meine feste, sichere Anlaufstelle zur Selbstsammlung und ‑stärkung, verloren – ich hatte Angst, auch sie zu verlieren.
Ich entschied auch, hier nicht so darüber zu schreiben, wie es mich tatsächlich beschäftigt oder womit ich mich diesbezüglich befasse. Der Begleitermensch und mein Facharzt wurden zu den einzigen Menschen, mit denen ich offen und rückhaltlos darüber sprach. Wenn sie Zeit dafür aufbringen konnten. Was sie immer weniger konnten und schließlich gar nicht mehr.
Das hat letztlich die Krise ausgelöst, die es nötig machte, meine Therapeutin zu konfrontieren. Ich musste von ihr verlangen, meinen Autismus nicht als Ergänzung zur DIS mitzudenken, und war fest davon überzeugt, dass sich der Klinik-GAU wiederholen würde.
Meine Therapeutin hat die Arbeit aber doch geleistet.
Die Therapie begann, wirklich hilfreich zu sein. Ich konnte anfangen zu prozessieren. Teile dieser prozessierenden Arbeit konnte ich in „Worum es geht, Autismus Trauma und Gewalt“ veröffentlichen.
Ganz und gar aufrichtig, offen, unverdeckt und frei, spreche ich nie von mir aus über meinen Autismus. Mit niemandem. Ich teile gern, was ich weiß, was ich gelesen, gesehen, gehört, von Diskurs und Forschung mitbekommen habe. Ich kläre gern auf, wenn mich jemand fragt, teile Quellen und Theorien, aber wie es für mich ist, was es bedeutet und auslöst, wie es meinen Alltag bestimmt und Situationen beeinflusst, das teile ich nur selten dezidiert mit.
Aus drei Gründen: das Stigma, die Medien, die persönlichen Auswirkungen
Fast jedes Gespräch, in dem ich meinen Autismus und meine Traumafolgestörung offenlegen muss, erfordert Entstigmatisierungsarbeit von mir. Die Benennung und Abgrenzung von Vorurteilen, die Einordnung der Relevanz dieser Information über mich in dem Kontext, der aktuell ist, und die soziale Versicherung aller Beteiligten, dass ihnen kein Schaden dadurch entsteht, wenn sie sich mit mir umgeben.
Außer wenn ich mit anderen (komplex) traumatisierten Autist_innen oder Menschen mit ADHS zusammen bin, habe ich keinen vorurteilsfreien, keinen nicht pathologisierenden oder problematisierenden Raum für mich und mein in der Welt sein.
In der Folge verstecke ich mich. Ich erwähne bestimmte Dinge nicht, thematisiere manche Belastungen, Anstrengungen oder Hindernisse nur dann, wenn ich die Kraft habe, mich oder meine Perspektive zu erklären und meinen Gegenübern dabei ein gutes Gefühl zu vermitteln. Was in der Regel bedeutet, dass ich sie egalisiere, bagatellisiere, zu einer Macke von mir erkläre, um die sich niemand weiter kümmern muss.
Die meisten Dinge, die ich als autismusbezogen verstehe, empfinde, denke oder prüfe, verhandle ich mit mir allein. Und immer bin ich darauf konzentriert, an den Folgen dieser Entscheidung nicht in einem Umfang zu leiden, der mich wieder suizidal macht.
Ich möchte mit dieser Offenlegung eine Idee davon vermitteln, wie gleichzeitig Selbstermächtigung und Stigmatisierung passieren und wirken. Und dass es nicht nur um Vorurteile geht oder darum, wer sie wie nutzt oder aufklärt.
Es geht auch darum, dass es für Menschen mit DIS oder Autismus – oder beidem – extrem schwer ist, nicht in ihrer Menschlichkeit infragegestellt oder mit der Gefahr dessen konfrontiert zu werden. Und dass das Folgen hat, die nichts mit der von der Diagnose beschriebenen Konstitution oder Funktionsfähigkeit zu tun hat, sondern mit der Gesellschaft, in der diese Menschen leben.
Jede Geschichte, die unsere Stigmatisierung in dieser Gesellschaft verfestigt, ist eine zu viel.
Widerspruch unbedingt und immer nötig.
Von allen. Denn es betrifft alle.
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