Beginnen müssen wir mit dem Stigma.
Als Stigma versteht man im Allgemeinen Merkmale, die negativ bewertet werden. In den Sozialwissenschaften nennt man es Stigmatisierung, wenn Individuen oder Gruppen eine negativ bewertete soziale Identität aufgrund real existierender oder unterstellter Merkmale zugeschrieben wird. Stigmatisierung ist also eine aktiv vorgenommene Handlung zum Zweck der Ab- und Ausgrenzung und damit letztlich auch zur Legitimation und Rechtfertigung von zwischenmenschlicher (und in der Folge auch institutioneller, struktureller – also organisierter) Gewalt.
Psychisch erkrankte und langfristig behinderte Menschen sind eine umfassend und komplex stigmatisierte Gruppe in unserer Gesellschaft. Die Stigmatisierung dieser Gruppe ist kulturell normalisiert und integraler Bestandteil vieler sozialer Praktiken. Sie zu erkennen, ist daher etwas, das man lernen und trainieren muss. Dazu ist, neben einer grundlegend respektvollen und Menschlichkeit anerkennenden Grundhaltung, erforderlich, alles zu hinterfragen, was man über die Gruppe tatsächlich weiß, zu reflektieren, wann man welche Zuschreibungen vornimmt, und zu prüfen, welche Funktion, die Zuschreibung jeweils hat.
Häufig wird Zuschreibung mit bloßer Beschreibung, also sachlicher Benennung, verwechselt oder nicht auch als Instrument von Macht und Machtausübung verstanden. Im Zusammenhang mit stigmatisierten Gruppen ist die Wahrscheinlichkeit nicht neutraler Sprechakte entsprechend enorm hoch. Daher erfordert das (öffentliche) Sprechen und Sprachhandeln in diesem Zusammenhang nicht nur intensive und achtsame Vorbereitung und Reflexion, sondern immer auch Offenheit für Kritik und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung – wenn man weder aktiv stigmatisieren noch von bestehenden Stigmatisierungsprozessen profitieren möchte. Da gibt es also auch einen Raum, in dem man eine Entscheidung trifft. Entweder man macht bei der Stigmatisierung mit, profitiert davon, oder nicht.
Bei der Trias „organisierte rituelle Gewalt“ (ORG), „dissoziative Identitätsstörung“ (DIS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) treffen drei Themenkomplexe aufeinander, die in ihrer gesamten Zeit als Diskursthema nie nicht von Vorurteilen und Stigmatisierung belegt waren. Das ist wichtig zu verstehen, denn Stigma ist „ansteckend“.
Zu einem dieser Themen zu arbeiten oder mit autistischen bzw. Menschen mit DIS oder Gewaltgeschichte in Kontexten von ORG zu arbeiten, bedeutet für Behandler_innen und Angehörige, Forschende und sozial Unterstützende immer auch ein soziales Risiko. In der Sozialwissenschaft nennt man das „Stigma durch Assoziation“. Diese Forschenden, Begleitenden, Familienmitglieder oder Freund_innen können noch so gute, richtige, faktisch, sachlich perfekte Öffentlichkeits-, Forschungs-, oder Aufklärungs.Arbeit leisten – dadurch, dass es darum geht, ist sie in manchen Zusammenhängen bereits weniger wert und damit über manche Ecken auch die Personen selbst. Ihre Beiträge werden anders rezipiert, ihre Zugänge zu Netzwerken geringer, ihre Aufstiegsoptionen kleiner, ihre Glaubwürdigkeit eher infrage gestellt. So zeigt sich letztlich dann auch die Macht, die mittels Stigma und Stigmatisierung gesichert und verteidigt wird.
Der Eindruck, der dadurch in der Allgemeinbevölkerung entsteht, ist: „Das ist ein umstrittenes Thema.“, „Da wird kontrovers diskutiert.“, „Da gibt es keinen Konsens.“, „Dazu gibt es viele Meinungen.“, „Darüber weiß man noch nichts Definitives.“, „Leute, die sich damit befassen – also, da muss man wirklich ganz genau hinschauen (manche von denen spinnen selber/sind verschwörungsgläubig/fehlgeleitet/Scharlatane).“, „Damit muss man zu einem Spezialisten, der absolut unangefochten ist, sonst erfährt man nur Unsinn darüber.“
Und es entsteht ein gewisser Freiraum, der zuweilen mit Freiheit verwechselt und aus dieser Annahme heraus auch verteidigt wird. Etwa mit Aussagen wie „Kennst du eine_n Autist_in, kennst du eine_n Autist_en.“ oder „Die DIS kann sich super individuell ausprägen.“ oder „Wissenschaft ist auch nicht alles.“
Und in diesem diskursiven Freiraum, dieser Art Meinungs-Wild-West, treffen wir uns dann bei Instagram. Oder in einem Blog wie hier. Oder in der Redaktion einer edgy Podcastredaktion. Oder bei einem Betroffenenkongress, in der Selbsthilfegruppe oder in der Peer-Beratung. Einerseits weiß man nichts, andererseits doch schon jede Menge, das nicht so leicht vergessen oder ignoriert werden kann. Einerseits sind sich jeweils autistische Menschen und Menschen mit DIS so ähnlich, dass man Diagnosen vergeben kann, andererseits ist alles hochindividuell. Einerseits ist alles an ORG special geheim und andererseits kennt die Allgemeinbevölkerung mindestens eine Gruppierung in Deutschland, die organisiert Rituelle Gewalt aus(ge)übt (hat).
Es ist ein schwieriger Balance-Akt, sich als selbst betroffene Person darin zu positionieren. Nicht jede Meinung, die ich zum Beispiel vertrete, ist ausschließlich faktenbasiert oder ausschließlich erfahrungsbasiert. Es gibt Unschärfen, es gibt unerforschte Bereiche, es gibt selbst anders oder auch gar nicht erlebte Erfahrungen. Und es gibt Sympathien und Antipathien. Es gibt eigene Abwehr- und Vermeidungsreaktionen aufgrund von Dynamiken, die sich aus ganz eigenen, innerhalb einer Gruppe entstehenden Stigmatisierungsprozessen heraus ergeben. Es gibt Viele, die sich nicht „solchen Vielen“ umgehen wollen, nicht „wie diese Vielen“ gesehen werden wollen, weil diese negative Eigenschaften haben (oder ihnen zugeschrieben werden). Ausschließlich Meinung oder freie Rede ist das jedoch nicht. Es ist eine Abgrenzung und ab einem gewissen Punkt auch eine Stigmatisierung. Eine von vielen sozialen Alltagsgewalttaten, die Gruppen untereinander ausüben, weil Macht vor allem in Gruppen schwer und mehrfach stigmatisierter Menschen eine ziemlich spezielle Verhandlungssache ist. Je stärker das Stigma ist, desto enger ist der Rahmen der Gruppe, die dadurch entsteht. Je mehr soziale Identitäten involviert sind, desto kleiner wird auch der (Zuwider-)Handlungsrahmen der Gruppe.
Das funktioniert so: Eine stigmatisierte Gruppe weiß, dass sie stigmatisiert ist und wie sie aufgrund dieses Stigmas von den stigmatisierenden Menschen wahrgenommen wird. „Wir Menschen mit DIS“ wissen etwa, dass man uns für psychisch krank, extrem in irgendeine Richtung, in der Regel für Frauen und für nicht normal hält. Zum Beispiel. Machen wirs nicht so kompliziert. Und weil wir das wissen, erkennen wir einander an genau diesen Merkmalen. Und weil wir unsere Gruppe definiert wissen und erhalten wollen, sortieren wir einander auch genau entlang dieser Merkmale bzw. erwarten von einander, diese Merkmale auch wirklich zu erfüllen. So definieren unsere Gruppenmerkmale unseren Handlungsrahmen sowohl als Gruppe als auch als Gruppenmitglieder.
In DIS-Bubbles, wo Vielesein ein Synonym für wehrlose Opferschaft ist, zum Beispiel, ist offener Widerspruch oder ein aktiver Lebensstil oder nach sexualisierter Gewalt ein befriedigendes Sexleben zu haben, ein massiver Ausbruch aus dem Handlungsrahmen und bereits ausreichend, um in der Zugehörigkeit infrage gestellt oder auch ganz ausgeschlossen zu werden. Für Personen mit einer seltenen Erkrankung, die in der Öffentlichkeit als „kontrovers diskutiert“ und mangelhaft behandelt wird sowie in ihrem Ausmaß an Leidensdruck im gesamten Lebensalltag noch weitgehend unsichtbar ist, kann das zu schweren Krisen und weiteren Zugehörigkeitskonflikten führen. Hochgradig stigmatisierte, marginalisierte, diskriminierte Menschen können in so einer Lage nicht einfach „einen Haken dran machen“. Egal, um welches Stigma bzw. welche negative soziale Identität es geht. Ob es der ökonomische Status ist, die Behinderung, die Leistungsfähigkeit, das Alter, die rassistische Einordnung …
Es entsteht also ein ganz ähnlicher Anpassungsdruck wie der außerhalb der Gruppe, die durch ein Stigma entsteht. Und entsprechende Erwartungen. Eine (meist unausgesprochene) Erwartung ist beispielsweise, einander zuzustimmen oder um nicht gesagte Aspekte zu ergänzen. Aber Widerspruch, Kritik oder offene Ablehnung bleiben verdeckt.
Ich hasse das.
Weil es unaufrichtig ist. Eine Scheinwelt erschafft. Einen Schonraum. Eine soziale Illusion, die jenseits herrschaftlicher Ausgrenzungsrealitäten produziert wird. Als würden nur Bestätigung und Zustimmung zu positiven Prozessen führen.
Wozu es tatsächlich führt, ist ständige soziale Unsicherheit. Unverbundenheit. Misstrauen. Kontaktschwebe. Ein ewiges Rumgeturne im sozialen Nebel. Und die Reproduktion von Gewalt durch (Deutungs-)Machterhaltende Maßnahmen.
Eine dieser Maßnahmen passierte unter dem Reel, als die Person meinen Kommentar zu meiner persönlichen Sicht herabsetzte und ihre Aussagen durch frühere Profession und Auseinandersetzung aufwertete sowie mit der Freiheit, vom Eigenen erzählen zu dürfen, legitimierte.
Mir ist schon klar, dass mein Einstieg in die Kommunikation zu dem Reel nicht sonderlich höflich oder fundiert war. Aber nur meine Perspektive, meine persönliche Meinung habe ich auch nicht formuliert. Ich bin eine autistische Person mit DIS, ich habe diese Doppeldiagnose und befasse mich inzwischen seit elf Jahren mit der Thematik. Neben dem Thema der organisierten Rituellen Gewalt als spezielles Gewaltphänomen des Turbo- bis Spätkapitalismus. Entsprechend deutlich erkenne ich reproduzierte Gewalterzählungen, negative Stereotype und Falschinformationen, wenn sie jemand veröffentlicht. Widerspruch erschien mir an der Stelle sowohl persönlich als auch faktisch und diskursiv relevant notwendig.
Die Abwertung hingegen hat aus meiner Sicht lediglich persönlichen Wert. Die Person behält die Deutungshoheit über etwas, das sie als etwas erlebt, das ihr ganz allein gehört. Das ganz individuell nur ihr Erleben betrifft. In Bezug darauf stimmt das auch. Sie darf sich als „in Anteilen als menschengemacht autistisch“ erleben und das auch öffentlich sagen. In Bezug auf die Herleitung ihrer Begründung und die mediale Darstellung, die sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, stimmt das nicht mehr, weil die aktuelle Faktenlage ganz eindeutig eine andere ist. Und nicht nur ich persönlich das so finde, weil ich das anders erlebe, sondern weil es verifizierte und falsifizierte und reproduzierbare Daten dazu gibt. Sogenannte Fakten.
Wer sich egal womit in die Öffentlichkeit begibt, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Und sei es in der eigenen Gruppe, während es die breite Öffentlichkeit gar nicht erst interessiert.
Man kann dann nicht das special Snowflake-Opfer sein oder die starke Selbstermächtigungsstimme, die alles (sogenannten „Hate“ zum Beispiel) an sich abprallen lässt, weil ihr möglicherweise jemand Böses will (und von Täter_innen geschickt wurde und wahrscheinlich sogar noch voll drin hängt). – Was eine häufige Deckerzählung über persönliche Abwehr ist und in der DIS-ORG-Bubble eine allgemein isolierende und desintegrierende Wirkung erzielt. Nicht wenige DIS-fluencer generieren Legitimation ihrer medialen Selbstdarstellung als besonders mutiges Opfer oder allgemein „nicht so wie diese Vielen“ (die sich nicht filmen oder fotografieren (lassen) oder öffentlich äußern) durch Andeutung oder Erzählung einer ständigen Bedrohung durch frühere Täter_innen oder ständig drohenden Shitstorm, einzig, weil die eigene Meinung vertreten wurde. Mit dieser Erzählung wird die Stigmatisierung von Opfern (sexualisierter Gewalt und Ausbeutung) als wehrlos benutzt. Und die Selbsterzählung von Täter_innen als immer und überall omnipotent.
Das Er.Kennen dieser gängigen Stereotype und Stigmatisierungen, mit denen die eigene Peergroup, die eigene Bubble, immer wieder konfrontiert wird, halte ich für eine Grundvoraussetzung in Austausch und öffentlicher Kommunikation.
Um diese Voraussetzung zu erfüllen reicht es nicht, es gut zu meinen. Es kann unter Umständen sehr viel Arbeit bedeuten. Zum Beispiel die Peer-Review von Material, das man verwenden möchte. Sensitivity-Readings von Texten oder anderen Medieninhalten, die man nutzen möchte, vornehmen zu lassen. Wissenschaftliche Beratung in Anspruch nehmen, das Lesen von wissenschaftlichen Abhandlungen lernen. Die Reflexion, der eigenen Motivation, der Absicht hinter der Veröffentlichung, vornehmen. Die Motivation und Absicht derer, die die Veröffentlichung ermöglichen oder erlauben, prüfen. Die Reflexion der eigenen Ansprüche an Verifikation und Falsifikation erwähnter Daten erarbeiten. Die kritische Prüfung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten, um mit Kritik und Gegenrede umgehen zu können, machen. Und oft komplett unterschätzt: Die kritische Prüfung darauf, wie viel Zeit, emotionale und kognitive Kapazität für die Aufrechterhaltung der Kommunikation über das erstellte Medienstück aufgebracht werden kann. Viel Welle, massive Klickzahlen, sind in Sachen Entstigmatisierung und Diskurs wertlos, wenn alle nur reagieren, aber nicht miteinander interagieren und kommunizieren.
Und, wie zuvor erwähnt, braucht es zur Verantwortungsübernahme immer eine klar positionierende Antwort auf die Frage: Will ich vom Stigma profitieren? Will ich es aufgreifen und wieder aneignen? Oder will ich mich innerhalb der eigenen Bubble abgrenzen, indem ich andere stigmatisiere?
Der kommerzielle Erfolg, die „große Account“-Kooperationen und Presseanfragen, – den Bestseller gibt es nur, wenn man mitmacht. Kommerz braucht Stigma, sonst kauft oder klickt niemand mehr irgendwas, um Stigma zu beenden.
Die autonome Selbstvertretung, das ermächtigende und schützende Communityding, die Stimmenvielfalt, die die Forschung belebt, die im realen Leben zu fruchtbaren Projekten und Beziehungen führt, gibt es nur, wenn Stigmatisierung aufgearbeitet und als Gewalthandeln auch gegen die eigenen Leute überwunden wird.
Stigma ist kein Naturphänomen. Stigmatisierung kein Selbstläufer.
Es sind die Folgen von Entscheidungen.
Und wenn man sich öffentlich äußert, kommt man um die Entscheidung nicht herum. Auch nicht als Opfer. Als Mensch mit DIS. Als autistische Person. Als Mensch, der ORG üb.erlebt hat.