Das Gesicht einer weißen Person mit Brille und grauer Kopfbedeckung füllt die Hälfte des Handydisplays. Darüber steht schwarz unterlegt: „Autistische und nicht-autistische Identitäten in unserem DIS-System“. Sie sagt: „ORG missbraucht ja vor allem Bindung, die menschliche Bindung … missbraucht oder … führt dazu, dass diese Bindung unerträglich werden kann … auch (…) der Körper unerträglich werden kann … Von daher finden wir das als absolut naheliegend, dass ORG Autismus produziert. Menschengemachter Autismus. Und das ist bei uns so im System. Wir haben eben viele Anteile, die im Alltag ganz normal funktionieren und auch in der Bindung gut sind. „Ich mein, wir haben ja als Psychologin auch gearbeitet, wir waren da auch sehr empathisch, mit Patienten, und wir haben aber auch Anteile, die eben auch sehr stark autistische Züge haben.“
Ich sehe das Reel 2 Minuten nach Veröffentlichung und schreibe: „Entschuldige – das ist Unsinn.“ Sie antwortet: „aus eurer Sicht.“
Im Verlauf veröffentlicht die Person in ihrem Account „Seelenstrukturen“ eine Story nach der anderen. Fügt Erklärungen hinzu, ergänzt und wiederholt sich inhaltlich. Zieht eine Supervisionssitzung mit E. Nijenhuis, eine Onlinebefragung unter Menschen, die sich als Viele erleben, einen psychologischen Ratgeber aus der Kategorie Lebenshilfe zu Neurodivergenz und allein den Titel „Gewalt erleiden“ von Tabea Koepp als Argumentation heran.
Am Abend bin ich mir gänzlich unsicher, was die Person eigentlich möchte. Sie schreibt, das sei ihre Hypothese, auch als studierte Person. Dann, dass es ihre persönliche Wahrnehmung sei. Am nächsten Morgen, dass es beides gleichzeitig sei. Inzwischen hat das Video 24 Kommentare, die meisten argumentieren gegen ihre Aussagen.
Ich denke darüber nach, ob ich hier darüber schreiben möchte.
Auf so ein Reel mit Richtigstellung und Einordnung zu reagieren, macht es unter Umständen relevanter, als es ist.
Unter dem Schlagwort „ORG“, also „organisierte rituelle Gewalt“, gibt es unheimlich viele Inhalte ohne jede faktische Grundlage, und praktisch immer wird die dissoziative Identitätsstörung (kurz DIS) mindestens erwähnt. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, die Themenlage sei so diffus und unklar, so subjektiv und komplex, dass im Grunde alle alles jederzeit behaupten können, ohne Konsequenzen durch Falsifizierung erwarten zu müssen. Sagen ja alle nur ihre Meinung, ihre ganz persönlichen Ansichten.
Ein Kommunikationsverhalten, das mich verärgert, weil es jede Forschungs.Arbeit, jedes Ringen um Fakten, jede Anstrengung für allgemeine Klarheit abwertet und unsichtbar macht.
Und meine Solidarität gegenüber anderen Gewaltüb.er.lebenden untergräbt.
Denn nicht nur wirre Skeptiker_innen und False-Memory-Fans verbreiten Unsinn über ORG und DIS, sondern auch Menschen, die sich als Betroffene zeigen, und Fachpersonen, die Aussagen dazu schon qua Grundstudium und Ausbildung mindestens differenzierter einordnen können sollten. Das führt bei mir dazu, dass ich mich unter anderen Vielen oder in Räumen, in denen diese Themen diskutiert werden, auf überhaupt keine Aussagen verlasse, die ich nicht sofort mit Quellen und Fakten überprüfen kann. Alles bleibt Behauptung oder These bis zum Beleg. Und das bedeutet eine ständig zu haltende Kontaktschwebe. Ich gehe nie näher dran, entferne mich aber auch nicht, denn es kann ja sein, dass stimmt, was mir erzählt wird. Das ist extrem anstrengend. Macht keinen Spaß. Und bringt mir letztlich nur eine gewisse Sicherheit darüber, dass ich weder aus Autoritätsrespekt noch aus Peer-Solidarität heraus von Unsinn, Falschinformation oder (gezielt) gestreuten Phantasieszenarien ausgehe. Und sie womöglich hier oder im Podcast oder in Vorträgen oder im direkten Kontakt weitergebe – und schwer erkrankten Menschen, von denen ein nicht unerheblicher Anteil mehrfachdiskriminiert ist, schade.
Dies – die Realität, dass Falschbehauptungen, Desinformation und Ausgedachtes erheblich schaden – ist für mich jedoch auch Anlass, zu reagieren. Und mich dann eben doch hinzusetzen und einen Text zu schreiben, der im Gegensatz zu Inhalten in social media Netzwerken, kostenlosen Blogplattformen oder Telegramgruppen, zukunftssicher zitierbar ist und einen direkten Kontakt zu mir als Diskutant ermöglicht.
Weil so viele Aspekte drinstecken, teile ich den Text auf.
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