das Ja #Coronatagebuch

Wie kontraststark der Tag war. Wie hell die Sonne, wie blau der Himmel. Das kalte Ascheweiß im Gesicht meines Mannes neben dem Rapsgelb auf dem Feld, an dem wir halten. Er will aussteigen, sich hinstellen und begreifen, dass er es überstanden hat. 2 Wochen Intensiv. Atemnot, Lungenembolien. Isolation.
Immer wenn wir uns streiten, immer wenn ich merke, dass er unzufrieden mit mir ist, sich kontrolliert oder abgewertet fühlt, denke ich daran. Wie er da steht und atmet und seine Lebendigkeit in der Welt kontextualisiert und ich meine Aufmerksamkeit wie ein Netz über ihn werfe. So, als würde ich damit meine Chancen erhöhen, an die Informationen zu kommen, die ich brauche, um mich in seinem Kontext zu verorten.
Er hätte sterben können. Vom Krankenhaus hätte mich niemand informiert. Ich war noch nicht seine Ehefrau. Ich war das Jemand, das ihn vom Krankenhaus abgeholt hat. Der Grund, weshalb er keinen Taxischein brauchte. Keinen Hausnotruf, keine Pflegekraft, keine Haushaltshilfe. Der Grund dafür, dass kein Anlass zur Sorge bestand.
Das Frohsein, dass er noch lebt, habe ich erst gespürt, als wir geheiratet haben. Ein ganzes Leben als hilflos besorgte_r Mitbewohner_in, die_r sich nicht einmischen, nicht bestimmen, nicht alles so genau wissen soll, später.

Wenn wir uns streiten, dann denke ich an die Entscheidung, die wir füreinander getroffen haben. Und merke, dass sich zwischen meine Angst um unsere Beziehung auch die unbedingte Aufforderung zur Kontextualisierung unser beider Lebendigkeit schiebt. Er hat Ja zum Leben mit mir gesagt. Der Rest ist Arbeit. Von mir und von ihm. In guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn ich schlechte Zeiten durchmache, trifft ihn das oft persönlich. Er schützt sich mit Abstand, Bagatellisierung, Humor. Als unsere Embryonen in mir gestorben sind, war er so weit weg von mir, dass ich meine Trauer als etwas empfunden habe, das in unserer Beziehung keinen Kontext hat. Stimmt natürlich nicht. Überhaupt gar nicht. Hat sich aber so angefühlt. Es ist mein Ja zum Leben mit ihm, das mir abnimmt, seinen Selbstschutz, sein in-solchen-Momenten-so-sein persönlich zu nehmen.
Ist das umgekehrt auch so? Ich kann es nicht sagen. Weiß es einfach nicht.

Wer sich mit Abstand schützt, kann sich nicht reinfühlen. Das funktioniert einfach nicht. Dann muss man mit Vorannahmen arbeiten. Mit kognitiver Empathie, mit allgemeinen Vorstellungen. Ideen, Phantasien. Wenn mein Autismus eines  immer wieder und zuweilen brutal schmerzhaft konfrontiert, dann ist es das. Falsche Vorstellungen davon, wie es mir mit Dingen geht, wie Umstände auf mich wirken, was mich wie sehr beansprucht, anstrengt, beschäftigt, wie viel Arbeit und permanente Selbstkorrektur in mir passiert.
Auch zu diesem Aspekt des Lebens mit mir hat er Ja gesagt.
Annehmend, dass das mit der Zeit leichter wird? Unbewusst glaubend, dass es nicht für immer so sein würde? Hoffend, dass er sich daran gewöhnen würde? Erwartend, dass ich diesen Teil von mir ändern würde? Dass es schon nicht so schlimm sei? Dass es schon werden würde? Kein Problem, kein Thema, schon alles gut?
Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht.

Ich weiß, dass ich an jenem Tag entschieden habe, seinen Sicherheitsabstand, als zu ihm gehörend zu akzeptieren. Mir nicht zu wünschen, dass ich näher dran sein darf. Mich damit einverstanden zu erklären, nie zu markieren, nie zu benennen, nie sichtbar zu machen, wenn wir einander sehr nah sind.
Und mich als Teil seines Lebens zu begreifen. Auch wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, welcher.