Fundstücke #84 – #Coronatagebuch

„200 Coronatote am Tag“ lese ich und kratze mir den Impfarm. Seit meiner 4. Abstechung letzten Samstag juckt er, ich war einen Tag impfkrank. 200 Tote, das ist vielwenig. Es ist viel für mich als Individuum. Mit 200 Menschen kann ich es nicht gut in einem Raum aushalten. Aber wenn 200 Menschen irgendwo in Deutschland einfach nicht mehr da sind, dann ist das zu wenig für mich, um es überhaupt zu spüren. Sagt das etwas über mich oder über mein Leben in den Wallakutten von Niedersachsen, wo ich jede Woche die gleichen 20 Menschen aus der Ferne und 5 im direkten Kontakt erlebe?

Ich denke viel über Corona nach und darüber, was das für eine Gemengelage ist, mit der wir gerade leben. Wir können uns auf die Pandemie und unsere zerstörte Infrastruktur der Gesundheitsfürsorge konzentrieren, weil wir uns nicht gegen ein Regime wie im Iran auflehnen müssen; weil unser Land nicht zu einem Drittel überschwemmt wurde und 33 Millionen Menschen in Not versorgen muss wie in Pakistan; weil wir es einfach können. Es geht den Ermächtigten unserer Gesellschaft einfach immer noch zu gut in dieser Krise.
Vielleicht ist die Krise einfach noch zu lieb. Vielleicht ist es nötig, dass jede*r von uns jemanden verliert, um zu begreifen, dass wir andere Dinge schon lange vorher verloren haben. Das Vertrauen in unsere Regierung zum Beispiel. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Informationen und die Sachlichkeit der Informierenden. Die Möglichkeiten guter, bedarfsgerechter Versorgung.

„Was will ich eigentlich?“, frage ich mich und wäge Revolutionswünsche mit Realitäten ab. Ich möchte mich wieder sicher fühlen, denke ich. Obwohl ich weiß, dass ich mich nie sicher gefühlt habe. Vor Corona hatte ich nur deshalb keine Angst vor Corona, weil es noch nicht bekannt war. Ich wusste schon vorher, dass ich auf keinen Fall mit irgendwas ins Krankenhaus kommen will und dass Desinformation eine Waffe der Menschenfeinde ist. Dass das Leben meines Partners theoretisch durch jede systemische Infektion gefährdet ist und dass es vielen Menschen weiterhin schwerfällt, eine solche Lebensrealität als gleichwertig mit der jedes anderen Menschen anzunehmen.
Jetzt kann ich einfach keine liberale Erzählung mehr drüberschmieren, um Konflikte zu vermeiden und Grenzen zu verteidigen. „You do you“ funktioniert einfach nur, wenn es darum geht, ob man im Clownskostüm zur Arbeit geht, und selbst das nur bedingt. Der ganze Zauber von „You do you“ besteht darin, sich einreden zu können, jederzeit alles immer zu können – also zu denken wie ein natürlicherweise narzisstisches Kleinkind ohne jede Möglichkeit, sich selbst als mitverantwortlich für das Befinden anderer Menschen zu verhalten. In der Realität sind Menschen immer voneinander abhängig, um sich gut zu fühlen. Sicherheit zu empfinden, Versorgung zu erhalten, Freude, Kraft, Kreativität zu aktivieren. Schon vor der Pandemie war das eine viel zu wenig beachtete Wahrheit.

Was will ich also eigentlich? Vielleicht muss ich einsehen, dass ich einfach nur keinen Bock mehr habe, täglich damit konfrontiert zu werden, wie viele desinformierte Menschen es gibt. Wie viele Menschen von Bildung ferngehalten werden. Von wie vielen desinformierten Menschen ich im Leben abhängig bin. Vielleicht muss ich zugeben, dass mich mein Impfarm mehr juckt als 200 Coronatote am Tag.