Schlagwort: Politik

das “bio und vegan ist nur für Reiche–Argument”

Erst dachte ich daran, eine Art Nachklapp auf das #armeLeuteEssen-Ding zu schreiben. Denn meine Ansichten haben sich etwas verändert und diese aufzuschreiben ist nun einmal, was ich hier tue. Mein Hier und Jetzt aufzunehmen und zu prüfen.
Doch dieses Hier und Jetzt ist im Moment ziemlich nah an vielen Dingen, die meine eigene politische und soziale Blase betrifft oder ausmacht.
Oh ja ein Minenfeld mit Nesseln, die um Fettnäpfchen wachsen.
Gleichmal reingehen.

Was hat mich angestoßen?
Mein eigener Anblick im Schaufenster eines Geschäftes vor dem ich mit NakNak* eine Pause machte, während wir auf der Radtour waren.
Da stand ich. Weiß wie Milchbrötchen, an mein teures Tourenrad gelehnt. Streichelte meinen Hund, der ein Premium-Barf-Trockenfutter verdaute. Kaute einen Bio-Rohkostriegel und trank einen Tee aus biologischem Anbau. All das in Funktionskleidung, die soviel gekostet hat, wie eine Jahresgarderobe von Kik.
Wenn man mich so ansah, hätte locker alles da sein können, was ich mir für mich selbst wünsche.
Weiß, abliert, finanziell gut gestellt sein. Privilegiert sein. So sein, dass ich so vieles besser mache, dass alles besser wird.

Ich lese es, wenn in meiner Blase in abgrenzender Art, manchmal auch hämisch und herablassend über “die (Bio-)Besseresser” gesprochen wird. Ich nehme es wohl war, wie inzwischen fast schambesetzt es ist, wenn man untereinander “zugeben muss”, dass man bestimmte Dinge nur noch in einer bestimmten Qualität konsumiert oder zu konsumieren gedenkt.

Ich selbst sehe mich in eine schräge Position rutschen, wie ich da so stehe.
Mein “total viel bio essen” hat mit dem vegan essen zu tun. Und damit, dass es für mein quirky Herz, meine Asthmalunge, mein verwirrtes Immunsystem und mein traumatisiertes autistisch funktionierendes Gehirn, einfach ziemlich geil ist, nicht jeden Tag mit Zeug belastet zu werden, das schlicht nicht nötig ist.

Es geht mir im Moment so gut wie noch nie zuvor in diesem Körper. Er ist gut zu benutzen und tut nichts, dass ich mir nicht erklären kann. Im letzten Jahr ist er mir nicht mein bester Freund geworden, aber er ist mir näher und verständlicher geworden. Er macht mir keine Angst mehr. Und das ist besser. Bio-besser, wenn man so will.

Ja, kapitalistische Kackscheiße hat mir das nahe gebracht. Ja, vegan ist hip. Ja, vegan und bio wird als Label für “super gut und super geil” aka “super viel besser als alle anderen” verwendet. Es ist kein Zufall, dass vegane Snacks als “Superfoods” bezeichnet werden.
Das bedeutet aber nicht, dass ich jetzt ein kapitalistisches Bündel grüner Überheblichkeit bin. Oder überhaupt alle Menschen, die diese Produkte kaufen oder ihre Lebensweise ins Vegane verändern.
Oder – und ja von mir aus haut mich dafür: Das bedeutet nicht, dass nicht vielleicht doch etwas dran ist, dass es besser ist, mehr Produkte zu sich zu nehmen, die den Planeten und menschliche Körper unnötig belasten. Dass es vielleicht gar nicht mal so scheiße ist, unter anderem mit dem eigenen Konsum einen Beitrag zu Veränderungen hinzu geben zu wollen. (Und ja – hier steht absichtlich nicht “einen Beitrag leisten zu wollen”.)

Eine allgemeine Fehlannahme ist die, dass es bei Veganismus oder bei der (von mir gefühlt) viel größeren und breiteren Bio-Bewegung, ausschließlich um Konsum geht. Die Annahme an sich ist nachvollziehbar, denn man kann sich als Veganer_in oder Bioökohippie verkleiden, indem man im Bioladen einkauft, statt bei Aldi. Steht man nämlich bei Aldi, wird man für arm oder wenigstens kostenbewusst gehalten – auch dann, wenn man ausschließlich vegane oder Bio_Lebensmittel dort einkauft.

Was ich bisher aber von Veganismus verstanden habe, deckt nicht nur das ab, was auf eine_n zukommt. Was man sich kauft. Was man erreicht. Was man mehr leistet oder gibt. Sehr deutlich habe ich das während meiner Radtour gemerkt. Wir hatten kaum Müll während der Tour. Brauchten nur zwei Mal Medikamente. Verbrauchten sehr wenig Ressourcen um uns und unsere Wäsche zu pflegen. Die krassen Ausreißer waren die Reifenmäntel- und schläuche für die Anhängerreifen. Die einige Jahre halten werden.

Vielleicht ist diese Erfahrung weniger eine vegane, als eine ökonomische. Es ist sehr teuer arm zu sein und keine großen Investitionen machen zu können, die in der Folge lange Zeit keine weiteren nötig macht. Andererseits kann ich eine Investition in 500gr Linsen, 1kg Tomaten, Salz und Pfeffer für bis zu 3 Tage Mittagessen nicht gerade als etwas sehen, das mich in meiner Armut sehr bedrängt. Zumindest nicht in dem Status, den ich gerade habe.
In meinem Status, kann ich bis zu 5€ für Lebensmittel am Tag ausgeben. Was viel für mich ist und nur jetzt gerade geht, nachdem es viele Jahre nicht so ging.

Was ich aber als etwas sehen kann, das mich in Armut grundsätzlich bedrängt, ist der Umstand für Essen überhaupt Geld haben zu müssen.
Wenn man nicht isst, stirbt man. Wer kein Geld hat, muss also hungern. Oder mit Würde bezahlen. Und die hat in so einem Moment nicht mehr Wert als Brötchen vom Vortag und Aufschnitt kurz vorm Ablauf des MHD.

Das ist mir nachwievor ein noch viel zu wenig kritisierter Umstand in der “Mäh diese Biobesseresser halten sich wohl für was Besseres, wenn sie nicht zu Aldi gehen und Hack für 99Cent kaufen”-Debatte um Armut im Kontext von Ernährung in jedweder Form.
Klar, ist es wichtig diese Unterschiede zu thematisieren und aufzuzeigen.
Es ist aber auch wichtig, sich mal zu fragen, was das für ein perfider Zwang ist, für die Erfüllung aller Grundbedürfnisse, die Menschen haben, um zu (über)leben, etwas bezahlen zu müssen. Und zwar alle.
Und zwar nicht “jede_r so wie sie_r kann”, sondern so, wie es jene bestimmen, die Werte einordnen und festlegen. Anhand von was weiß ich was für Maßstäben.

Biologisch nachhaltig und vegan zu essen, befreit nicht von der Auseinandersetzung mit dieser Frage. Aber die Auseinandersetzung passiert, zumindest für mich im Moment, anders. Für mich ist es ein empowerndes Moment, vollbepackt mit veganen Bio_Lebensmitteln aus dem Aldi zu gehen. Weil ich eben keine_r dieser hippen YouTubeveganer_innen oder “inspirierenden” Veganoinstagrammer_innen bin, sondern ich. Arm, behindert, weiß und auf dem Weg einen Beruf zu lernen. Bewusst, dass mein Konsum die Welt nicht verändert, dass mein Konsum aber doch Teil dessen ist, was meine Welt trägt und mit.bewegt.

Versuche ich mir etwas anzueignen? Ein Label zu reclaimen und neu zu besetzen? Nein.
Veganes (und vegetarisches) Leben war schon da, bevor es hip und teuer wurde.
Sich damit auseinanderzusetzen, wie viel Schmerz und Zerstörung, Machtausübung und unnötige Einverleibung das eigene Leben beinhaltet, ist eine in östlichen Kulturen uralte Nummer. So würde ich sagen, geht es mehr um Wiederentdeckung und aufrichtige Auseinandersetzung. Auch – und das scheint einfach mein Thema im Leben zu sein – mit den Gewalten, die ich sowohl selbst ausübe, als auch kritiklos und/oder manchmal sogar unkritisch in meinem Leben dulde.

Das bedeutet nicht, dass ich andere Menschen, die das nicht auch tun, verachte oder von ihnen erwarte das auch zu tun.
Aber natürlich habe ich manchmal schon den Wunsch und mache mir Gedanken darüber, ob es etwas gibt, das diese Auseinandersetzung in anderen Menschen anstößt.
Ginge es mir darum etwas, was ich über Sexismus, Rassismus oder Kapitalismus verstanden habe, zu teilen, dann würde ich das einfach so raushauen. Ich würde meine Twittertimeline wieder mit Netzmemes, Alltagsbeispielen oder lakonisch-zynischen Sprüchen, die diese Dynamiken verdeutlichen, fluten, wie ich das zu Zeiten von Aufschrei, Schauhin oder Arme Leute Essen getan habe.

Mit einer Auseinandersetzung um veganes Leben und Sein tue ich das nicht.
Ich traue mich nicht so richtig. Habe Angst vor Situationen, in denen Menschen, deren Tweets (Gedanken) ich sehr mag, mich für überheblich halten oder mit karnistischer Argumentation davon überzeugen wollen, wie wichtig es ist (Tiere) zu töten und davon zu profitieren (dass andere Menschen davon leben, für ihren Genuss und ihre Gewohnheiten zu morden und/oder auszubeuten).
Vielleicht traue ich mich auch nicht, weil es keine gleichermaßen großen Hashtags dazu gibt? Fühle ich mich nur dann sicher in meiner Position?

Ich finde das tragisch. Inmitten von Menschen, die sich gegen Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung aussprechen, habe ich Sorge, durch diese Form der Auseinandersetzung als überheblich, abgehoben oder selbst gewaltvoll handelnd wahrgenommen zu werden. Nicht mehr dazuzugehören. Raus zu sein, weil ich etwas kritisiere und ablehne, was viele tun, weil sie es tun wollen oder, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht sogar müssen.

Ich finde es tragisch, dass ich von Arbeiter_innen höre, die ein exorbitant hohes Risiko für Arbeitsunfälle und PTBS haben, weil sie Tiere töten und ihre Leichen verarbeiten, um einen mickrigen Lohn zu bekommen. Tragisch, dass so viele Leute Fleisch gerne essen, aber weder diese Arbeiter_innen noch deren Job wirklich wertschätzen. Noch sich sagen: Ich konsumiere lieber etwas, das weniger krasse Auswirkungen auf die Menschen hat, die es produzieren.

Das ist keine windelweiche Friedenshippie-Sache, jenseits der Machbarkeit. Das ist auch antikapitalistischer Diskurs. Das ist auch – vor allem in den USA – antirassistischer Diskurs. Und auch: antiableistischer und antisexistischer Diskurs.

Ich bin gerade sehr glücklich über das, was ich nun auch über die  karnistischen Strukturen hinter meinem ganz persönlichen Konsum erfahre, denn ich gewinne eine Sektion in meiner intersektionalen Auseinandersetzung dazu. Mich empowert das. Mir gibt es Konsistenz. Ich gewinne Einblicke und erweitere meine Perspektive.
Das geht über so vieles hinaus, was derzeit allgemein mit Veganismus in Verbindung gebracht wird. Häufig sogar von Leuten, die schon sehr lange vegan oder vegetarisch oder biologisch nachhaltig leben bzw. konsumieren. (Und natürlich auch, was ich selbst so lange dachte.)

Es geht mir beim veganen Leben nicht darum, mich gut zu fühlen, weil ich nicht mehr verantwortlich bin für den Tod von Tieren. Das bin ich nämlich doch noch.
Es geht mir nicht darum mich gut zu fühlen, weil ich selbst “die Wahrheit” verstanden habe, aber alle anderen nicht. “Die Wahrheit” gibt es für mich nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es billiger ist, sich pflanzenbasiert zu versorgen. Das ist es nämlich nicht.
Es geht mir nicht darum, dass es gesünder ist und ein veganer Arsch mehr sexy ist, als ein anderer. Gesundheit ist ein Machtbegriff und der Wert von Sexiness schlicht sexistische Kackscheiße.

Es geht einfach mal gar nicht um uns.
Um mich oder Menschen im Allgemeinen.
Es geht darum, wie wir uns verhalten. Was wir wertschätzen und was nicht. Was wir zerstören und was wir erschaffen.

Für mich ist das eine echte Erweiterung meines Fokus.
Einer, der ganz und gar woanders ist als da, wie gut oder schlecht eine Person ist, weil sie tut, was sie tut. Es geht darum, wie sich auswirkt, was eine Person tut. Weil es sich auf andere Personen auswirkt. Und darüber auf alles, was uns umgibt.

Es ist das Eine, wenn man sich in einer Gesellschaft verortet, deren Dynamiken man analysieren und verändern kann. Es ist das Andere zu begreifen, dass man sich 24/7 den eigenen Lebensraum unwiderbringlich zerstört bzw. zerstören hilft.
Es bringt mich auf andere Fragen, mit denen ich auf die Gesellschaft schaue. Es bringt mich an andere Antworten, die ich analysieren und reflektieren kann.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird mein Konsum weder den Klimawandel stoppen, noch diverse unsägliche Athletenveganer_innen davon abhalten zu behaupten, vegane Ernährung könne Krebs heilen und führe zu körperlichen Höchstleistungen.
Aber ich persönlich kann mich körperlich gut bzw. besser als vorher fühlen. Kann merken, dass es sich durchaus leben lässt, ohne die Leben anderer dafür zu fordern. Kann meine ethischen Werte in meinen Alltag integrieren, ohne Angst vor Verlust oder Verzicht zu haben. Weil das für mich persönlich funktioniert. Hier und Jetzt und hoffentlich auch in der Zukunft.

Es ist nichts böses oder schlechtes daran, dass ich das anderen Menschen auch wünsche. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, es ginge ihnen jetzt schlecht oder sie bräuchten meine Hilfe zu erkennen, was “eigentlich wirklich” abgeht. Es bedeutet, dass ich mir wünsche, mich mit ihnen zusammen gut zu fühlen. Das ist ein Wunsch nach Verbundenheit. Nach Miteinander. Nach Einklang, wenn man so will.
Was in den Ohren mancher Leute wieder einmal furchtbar hippiemäßig und weichgespült klingt. Und deshalb natürlich abgewertet werden muss. Weil: Weichheit, Schönheit, Zartheit – pfui bä. Wer überleben will, muss knallhart sein.

Ach ach … wie sehr ich mir wünsche, dass das endlich aufhört.
Es ist nicht schlimm, den Massenmord an (ihr Leben lang eingepferchten) Tieren grauenhaft zu finden. Es ist nicht schlimm selbst fast körperliche Schmerzen zu fühlen, wenn man sieht, wie sich eine Kettensäge durch uralte Regenwälder frisst. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder seltsamer Kopfgeburt, wenn man auf die Information von leergefischten Meeren, schmelzenden Gletschern, “Klimaflüchtlingen” und extreme Wetterereignisse mit Todesängsten und Ohnmachtsgefühlen reagiert.

Es ist schlimm, wenn man so tut, als sei das alles nichts, wogegen man etwas tun kann. Als sei Leid und Zerstörung in diesem Ausmaß ein Naturgesetz oder g’ttgewollt. Und nicht das Ergebnis von Verantwortungsübernahmevermeidung und anderen menschlichen Verhaltensweisen, die durchaus wandelbar sein können.
Immer in individuellen Maßen und natürlich auch immer davon abhängig, was eine Gesellschaft ihre Anteile auch real ermöglicht zu tun – ganz klar – aber doch: Veränderungen sind möglich.

Jeden Tag. Kleine Dinge.
Oder jeden zweiten Tag mittelkleine Dinge.

Der hippe vegane Trend greift viele dieser möglichen Dinge auf und hat, meiner Ansicht nach, bereits vielen guten Ideen und Umsetzungsmodellen einen Nährboden gegeben, der vorher so noch nicht da war.
Das beginnt mit der Auseinandersetzung wie die Nutzung von Plastik wegfallen kann und endet, nach einer Schleife um Ideen zur Entfernung von Plastik aus dem Meer, beim Konzept vom Leben ganz ohne Müll.
Es geht weiter mit Initiativen zur Verbreitung von biologischer Landwirtschaft und kritischer Auseinandersetzung mit der “green Economie”.

Und natürlich ist auch der Tierschutz neu im Diskurs. Inzwischen ist der Begriff des “speciesist savior complex(also einer Person, die Tiere rettet, weil sie sich dann als “guter Mensch”fühlt und ergo ein Tier fürs eigene gute Gefühl benutzt und folglich auch immer ein Tier in Not braucht, um es selbst gut zu haben) immer wieder auch mal Thema und wird sogar zusammen mit Rassismus gedacht[CN: graphic].
Ich erlebe endlich auch die Zeiten, in denen PETA offen kritisiert und abgelehnt werden kann, ohne die eigene “V-Card” oder ethischen Werte verteidigen zu müssen.

Im Moment ist es sehr leicht für mich, mich vegan und biologisch nachhaltig(er als vorher) zu ernähren.
Ich wünsche mir eine ähnliche Leichtigkeit bei der offenen Auseinandersetzung mit veganem Denken und politischem Fordern.
Denn – obwohl ich heute nicht mehr sagen würde, bio und vegan sei nur für reiche (privilegierte) Leute, so sind es doch, trotz der großen Zugänglichkeit, die in veganem Leben liegt, privilegierte Stimmen, die überwiegend zu hören und zu sehen sind. Und entsprechend dieses Bild von Veganismus bzw. biologisch nachhaltigem Konsum produzieren.

So versuche ich in Zukunft weniger zurückhaltend mit meinen Gedanken an der Stelle zu sein. Versuche weiter meine Positionen und Werte nicht in Abgrenzung zu privilegierteren Menschen zu verdeutlichen, sondern in dem, was ich tue.
Zum Beispiel diesen Text nicht nur zu denken und zu schreiben, sondern auch ihn zu veröffentlichen.
Obwohl ich weiß, dass mir gleich wieder irgendjemand ganz dringend sagen muss, dass Bratwurst halt supergeil schmeckt und billiger ist als Tofuwürstchen.

Spock der eine Augenbrauche hochzieht und geht

note on “Bullerbü”

Eskapismus – oder wie es  heute heißt: “Cocooning” – ich habe eine Tube Senf dazu und möchte ich sie hier mal ausdrücken.

Neulich gab es einen Artikel dessen Kernaussage war, Elternblogs, im besonderen Muttiblogs, seien unpolitisch und von gelangweilten Hipster-Hausfrauen mit Selberverwirklichungsdrang gestaltet. Rike Drust hatte dazu geschrieben und im Gemischtwahnlädchen gibt es einen schönen Rant.
Das war ein zweiter Anstoß für mich.
Nach einem anderen durch einen Text bei den Femgeeks.

Eskapismus. Unpolitisches Gerödel im eigenen Alltagssaft.
Nicht unkritisch – aber auch nicht laut sein.
Beobachten – aber nicht kommentieren.
Nicht mehr so wie es einmal war … sein?

Ich weiß, dass ich nicht jede Demo mitnehmen, nicht jede Petition mittragen, nicht jedes politische Tagesgeschehen und erst recht nicht all die Wörterkotzepfützen in diversen Magazinen lesen kann. Und auch nicht muss. Es ist keine Pflicht, es ist keine Notwendigkeit. Vor allem nicht wenn man, so wie ich, einfach mal noch ein bisschen mehr Baustellen hat.
Trotzdem.

In NRW sind bald Landtagswahlen.
Wenn ich an den Schildern der etablierten Parteien vorbeifahre, möchte ich kotzen, mich bemitleiden, Dinge anzünden und am liebsten schon jetzt auswandern. Der Wunsch mich selbst irgendwo zu engagieren ist verpufft. Irgendwo zwischen dem x-ten Text, der die Relevanz von Menschenrechten im Alltag aller Menschen gleichermaßen unterstreicht und dem Desinteresse meines Ummichherum an diesen Themen.

Es reibt mich kaputt. Meine politische Haltung und meine politischen Forderungen werden in meinem direkten Umfeld immer wieder lächerlich gemacht, zu Grunde relativiert, verzerrt aufgenommen und am Ende als “dann doch weit entfernt vom echten Leben” verortet.
Und nicht selten gilt meine politische Sicht auf die Welt, als eine Art des Eskapismus von der Profanität, die das Leben nun einmal an sich hat.

Alltag kann man profanieren. Natürlich. Manchmal ist es gut und wichtig das zu tun.
Fatal wird es allerdings, wenn es sich in Ideen entlädt, innerhalb von Rückzug, heimischem Glück oder politischem Nichtgeschrei länge keinerlei Wert oder Gewicht.
Dass die Besinnung auf sich selbst, die eigene Haltung und das eigene Selbstbild keineswegs unproblematisch oder leichtfertig zu ignorieren ist, findet man an anderer Stelle in der Debatte um Filterblasen und Echokammern, die Gewaltdynamiken tragen und verstärken.

Ich selbst verlasse meine Filterblase nicht mehr. Ich will Echos hören. Gerade dort, wo ich geschützt bin. Gerade dort, wo niemand ist, der mich niedermacht, weil ich denke, was ich denke und mir wünsche, was ich mir wünsche.
Wenn ich könnte, würde ich meine Filterblase zu der Nachbarschaft, zu der Kommune, zu dem Land, in dem ich lebe machen.
Ich will dieses scheiß Bullerbü, denn so wie es ist, ist es nicht auszuhalten.
So wie es ist, tut es weh. So wie es ist, will ich das nicht.

Meine Filterblase ist meine Partei.
Mein Alltag meine Agenda.

Das sieht nur niemand, der das ganz alltägliche Einerlei von Politischem abtrennt und das, was den Menschen klassisch als Politik präsentiert wird, für das einzig wahre politische Handeln hält.

Politik ist für mich im Großteil streiten.
Und ich glaube das ist, was ich eigentlich eskapiere. Streit.

Ich bin es leid der Schleifstein für andere zu sein. Themen und Positionen zu liefern, ohne am Ende selbst an diesen Themen arbeiten zu können, weil alles was ich habe dieses Thema und der Diskurs an sich ist.
Ich habe nicht die Kraft dafür, allen meinen Freunden immer wieder zu sagen, dass sie mir als Person lieb und wichtig sind, mir aber ihre a- bis unpolitische Haltung an manchen Tagen unglaublich weh tut und Zweifel in mir aufmacht, mit denen schwer umzugehen ist.

Ich bin die, die im Streitfall nur verlieren kann.
Damit ist mein politischer Luschikurs eigentlich nicht einmal mehr gezielter Eskapismus, sondern logische Folge.

Und daneben – daneben ist mein tägliches Handeln noch nie mehr von politischen Positionen bestimmt gewesen.
Aber im Kleinen. Im Privaten. In den Bereichen, die sich sicher anfühlen, weil ich sie durch Mainstream und liberalen Zeitgeist weder erklären noch verteidigen muss.

Ein Podcast, den ich neu entdeckt habe, hat mich darauf gebracht. In diesem “the vegan feminist”-Podcast ging es in einer Episode um das Imageproblem der Tierrechtsbewegung und des Nachhaltigkeitsökoveganismus. Das übrigens sehr viel Ähnlichkeit mit dem Imageproblem der Muttiblogs hat.
Es geht darum, dass man, wenn man eine Muttibloggerin denkt, ähnliches im Kopf hat, wie wenn man an eine Veganerin denkt.
Eine junge, weiße, Cisfrau, mit akademischem Hintergrund und mittlerem bis gutem (gesichertem) Einkommen.
Und eben nicht an Personen, die angepisst sind vom Status Quo. Leute, die vom System verraten und verlassen wurden. Personen, die sich Alternativen überlegen und sich selbst mit Haut und Haar hernehmen, um zu schauen, ob das geht: das glückliche Leben, das anders gestrickt ist, als das vieler anderer.

Gerade beim Thema vegan fällt mir meine eigene frühere Ignoranz oft auf die Füße. Wie leicht hab ich mir das gemacht und wie sehr habe ich selbst entpolitisiert, was hinter dem steckt, was ich jeden Tag esse.
Und wie leicht mache ich es mir jetzt, wenn ich meinen Mitmenschen sage, dass ich aus gesundheitlichen Gründen auch bei der Ernährung bleiben will.
Wie oft umgehe ich den Streit, die Dissonanz und das mögliche Unbehaglichfühlen, die sich aus dem Sichtbarmachen meiner anderen Gründe entwickeln könnten.

Bin ich unaufrichtig geworden?
Hat mich das ausgelaugt sein vom feministischen Diskurs zu einem rückgratlosen Würmchen werden lassen, das einfach nur mit so wenig Schaden wie möglich durchs Leben kommen will?

Das weiß ich alles noch nicht.

Was ich weiß ist, dass ich nichts gegen Bullerbüs habe und auch nicht gegen Menschen, die sich eins wünschen oder leben (wollen).
Es ist okay, sich eine Lebensumgebung zu wünschen, in der es allen gut geht.
Es ist okay, von einer Welt zu träumen, die besser oder auch einfach nur anders ist.

Der Rest ist Lauf der Dinge.
Und alles ist Teil davon.

#NetzfragtMerkel und Journalismus 2.0

Sie kann reden und vielleicht ist das ihr Beruf.
Bundeskanzler_innen tun eigentlich ständig genau das.  Reden. Rhetorik machen.
Und das dann Politik nennen.

Flo redet auch. Jede Woche veröffentlicht er mehrere Videos, in denen er redet, um etwas anzustoßen und Menschen an dem teilhaben zu lassen, was ihm interessant und wichtig erscheint. Wenn Flo redet, dann ist das keine Politik. Was Flo macht, verstehen weder unsere klassischen Medien noch unsere Bundesregierung und warum das ein Problem ist, kann man an der Berichterstattung über sein Interview von Angela Merkel sehr gut sehen.

Der YouTubekanal von Flo hat über 2 Millionen Abonnenten.
Das könnte eine Stadt sein. Oder zwei. Oder 200 kleine Dörfer.
Aber es ist YouTube. Also im Internet und also irgendwie dann doch nicht echt genug, um es ernst zu nehmen, weil: “Internet kann ja jede_r.”.

Internet und Reichweite kann aber eben doch nicht jede_r ohne verschiedene Leistungen, die analog passieren.
Deshalb gibt es Netzwerke, deshalb gibt es immer mehr YouTubekanäle, hinter denen eine Marke oder eine Firma oder eine Stiftung oder oder oder… steht.
YouTube Deutschland ist für verschiedene privilegierte Kreise eine stetig wachsende Werbelandschaft und auch Propagandaplattform.
Und vielleicht ist das schon der einzige Grund, weshalb Flo das Interview mit unserer Bundeskanzlerin machen durfte.

Junge Leute, denen auch mal zugehört wird, das macht sich gut auf der
Angela Merkel – Imagetour “Bürgerdialog”, die in diesem Jahr stattfindet, denn die große Koalition kackt ab und weiß das auch.
“Wir ham ja schon viel geschafft und das muss man den Jungen sagen, damit sie ihre Forderung im gleichen Kontext, wie die die Dinos um sie herum, sehen.
Und dann bitte die Klappe halten, weil Unterschiede zu machen zu Dinozeiten eben noch nicht Diskriminierung hieß und basta.”, scheint die Devise des Moments.

Jetzt wird Flo von vielen Journalist_innen als Nichtjournalist gelabelt und deshalb in seinen Fragen herabgesetzt, weil er nicht tat, was viele klassisch Journalistende getan hätten: nämlich für Zuschauer_innen/ Leser_innen bestimmte  Aussagen und Tendenzen “herauskitzeln”
(as in: manipulieren).

Der Maßstab an dem Flo gerade in den klassischen Medien gemessen wird, ist nicht passend und wer sich vielleicht einmal mehr mit seiner Arbeit, seinen Intentionen und dem, was er sonst noch so macht, beschäftigt, dem wäre das auch klar.

Neben all den YouTubeaccounts, in denen verkappte QVC-Formate, Produktreviews und Tutorials jeder Art am laufenden Band produziert werden, gibt es noch YouTuber_innen, die bereits unter “broadcast yourself” erfolgreich und reichweitenstark wurden. Flo gehört dazu, weil er weniger konstruiert, als aufzeigt und Raum für die eigene Meinungsbildung lässt.

Heimspiel für Merkel” kommentiert der Journalist Richard Gutjahr das Merkelinterview und lässt in eine Vorstellung von Politiker_inneninterviews blicken, die mehr von Gladiatorenkämpfen, als von Ermöglichung der Teilhabe von interessierten Menschen, hat.
Journalismus war vielleicht mal eine Schlacht um die neusten Infos.
Ist es manchmal vielleicht noch immer.
Doch für wen lohnt sich der Kampf um die Interviewminuten heute eigentlich noch?

Alle Informationen, die es braucht, gibt es inzwischen im Internet. Sämtliche Presseinformationen stehen fast überall im Netz bereit – keine Person dazwischen, die redaktionsgerecht und unterbezahlt irgendwas daraus zusammenschustert und auf totes Holz patscht, needed.
Der Journalismus als Vermittler ist tot.
Es lebe der Journalismus 2.0 .

Journalismus 2.0 geht davon aus, dass interessierte Empfänger_innen sich selbst tiefer informieren, wenn sie das möchten.
YouTube ermöglicht es, Menschen für Themen, Dinge und Entwicklungen zu interessieren und zu begeistern, ganz ohne sie zu belehren.
Und das ist, was Flo macht.

Das ist, was Flo mit diesem Interview sehr gut gemacht hat und wofür man ihm auch den Respekt und Anerkennung zu kommen lassen kann, den seine Arbeit verdient hat.

der Hashtag-Rant

Schlaglicht, #ThereIsNoPerfectVictim und ganz viel Wut im Bauch

In der letzten Zeit lese ich immer wieder Tweets, in denen sich Bystander und Verbündete, Unterstützer_Innen und auch Personen, die selbst zu Opfern wurden, dafür aussprechen, Personen, die zu Opfern wurden, doch bitte mehr Verständnis und Empathie entgegen zu bringen. “Bitte seid doch mal lieb zu den Opfern! Hört doch mal auf die Opfer immer noch weiter fertig zu machen.”
Ich weiß nicht, in was für einer Welt diese Menschen leben. Vielleicht liegts auch nicht daran, dass da eine andere Lebensrealität gelebt wird, sondern einfach mal die Lebensrealität von Personen, die zu Opfern wurden, zu erfassen nie als Forderung formuliert wird. Es wird immer wieder “bitte bitte” gemacht – immer wieder in eine Masse hineingebeten, die einem Bitten erst dann nachkommt, wenn sie die direkte Eigenbeteiligung begreift.

Der Hashtag dreht sich um rape culture/ Gewaltkultur bzw. das Ergebnis ebendieser, dass eine Person, die zum Opfer wurde, sich im Grunde nie “richtig” verhalten kann, um in seiner erfahrenen (von der Person so definierten) Opferschaft anerkannt zu werden. Much Erkenntnis. Guten Morgen.
Doch die Frage, warum es die Anerkennung durch andere Personen braucht, um sich als Opfer anerkannt zu sehen – warum es erneut eine Definition des eigenen Status als Opfer (zum Zeitpunkt XY) durch eine andere Person oder auch durch einen Rechtsspruch braucht, bleibt weiterhin unangetastet.

Gewalt wird erneut zu einem (einzelnen) Vorfall innerhalb eines isolierten sozialen Raumes gemacht, nämlich der persönlichen Lebenserfahrung einer Person, die einzig durch die Bewortung mit dem Begriff “Opferschaft”, als tatsächlich – als wahr-haft gelten kann.
Unter dem Hashtag wird auch perpetuiert, dass diese Bewortung alles gut machen würde. Ein Rechtsspruch, einmal Gewalterfahrung anerkannt und alles ist gut. Oder auch, dass Empathie und Verständnis für das Verhalten von Personen, die zu Opfern wurden, alles leichter oder besser oder einfacher machen würde.

Sicherlich würden sich viele Personen, die gerade vor ihren abgelehnten Opferentschädigungsanträgen sitzen, die sie vor bis zu 10 Jahren stellten und erst nach unzähligen entwürdigenden Befragungen und Begutachtungen, erhalten haben, besser fühlen, wenn auch nur eine einzige Person auf der Welt sagt: “Das ist echt scheiße und es tut mir leid, dass dir das passiert ist.”
Aber als Person, die zum Opfer wurde und eine ganz spezifische Lebensrealität hat, die von einer anderen Person ver.schuld.et wurde, wird sie damit nicht anerkannt.
Von Verständnis kann man keine Schlafstörungen, keine Depression, keine Suchtrisiken, keine verdammte posttraumatische Belastung, kein einziges soziales Stigma, das mit dem, was wir “sexualisierte Gewalt” nennen, einhergeht, los werden, überwinden, wegmachen.

Es ist scheiß egal, ob man als Opfer irgendwo anerkannt ist oder nicht – man hat immer immer immer das Recht darauf respektvoll, empathisch, verständnisvoll und achtsam behandelt zu werden. Immer. Egal, welche Lebenserfahrungen man gemacht hat, egal welche Unrechte und Gewalten in seinem Leben wüten oder gewütet haben.
Als Opferschaft ist ein Zustand zu betrachten – keine Identität, kein Sein.

Vielleicht bin ich inzwischen so sehr im emanzipatorischen Stoff und Denken drin, dass die Wichtigkeit von Anerkennung meiner Gewalterfahrungen durch andere Menschen inzwischen weniger die Relevanz hat, als sie das vor vielleicht 7/8 Jahren hatte. Vielleicht habe ich aber auch einfach das “Bitte Bitte-machen – Spiel” mit unserer Gesellschaft schon zu oft durchgespielt.

Mich macht dieser Hashtag so wütend, weil ich nicht mehr traurig sein kann.
Weil ich einfach nicht mehr darüber weinen kann, dass es keine einzige Sichtbarkeitsbemühung für die Lebensrealitäten von Personen, die zu Opfern wurden, schafft, Opferschaft zu definieren. Weil Mythen verfestigt und nicht gleichsam breit aufgeklärt werden. Weil die Frage danach, wie man einen Alltag miteinander gestalten muss, damit Personen, die zu Opfern wurden, nicht für immer auch Opfer bleiben, ungestellt bleibt. Weil Strafen, Justiz und Wahrheitsansprüche in den Vordergrund gerückt werden, als wären dies die einzig wichtigen Schritte für Personen nach Gewalterfahrungen.

Für mich gibt es keine und wird es auch nie nie nie nie
verdammt nochmal NIEMALS diese eine Gerechtigkeit geben, wie sie unter diesem Hashtag und in so vielen vergleichbaren Aktionen angestrebt wird. Ich und so viele andere Menschen, die als Kinder misshandelt wurden und erst als Erwachsene Worte dafür finden; so viele Menschen, die durch Kriegsverbrechen und alles, was diese für ihre Leben bedeuten, verletzt wurden; so viele Menschen, die gar nicht wissen (und vielleicht bis sie sterben nicht bewusst bekommen können), dass sie “die Opfer” sind von denen hier und da mal in einer Aktion gesprochen wird …
wir leben ein Leben, in dem wir unter Umständen erfahren, dass uns auch dann, wenn uns geglaubt wird, nicht geholfen, nichts entschädigt, nichts wieder gut gemacht wird.

Fragt doch mal die ehemaligen Schüler_Innen der Odenwaldschule, die Menschen, die auf die Misshandlung in verschiedenen kirchlichen Gemeinden aufmerksam gemacht haben; die Menschen, die früher in Kinderheimen untergebracht wurden;, die Menschen, die uns heute als “Holocaust-Überlebende” aus den Zeitungen anschauen, die Menschen, die als “Opfer von Menschenhandel”, als Geflüchtete,
als Hartz 4 – Abhängige in neongelben Fluren von Behörden jeder Stadt auf Zettel warten – geht doch endlich mal da hin und hört zu, worum es eigentlich geht.
Die Masse dieser Menschen sitzt gar nicht da und sagt: “Wenn mir doch nur endlich jemand glaubte…” – die sagt: “Ach, wenn mir doch DIE RICHTIGEN glauben würden…” und das ist ein Unterschied. Das ist der Unterschied, der, weil er politisch ist, so selten auch wirklich gemacht wird.
Weil er so politisch ist, dass er klar macht, dass es auch bei dem was wir „Politik“ nennen, wieder um Gewalt und Opferschaft geht.

Natürlich können wir uns die grauen Wintermonate damit vertreiben einander unser Leid mitzuteilen und dabei auch laut werden. Alles echt kein Thema. Ich finde es gut, wenn Menschen, die zu Opfern wurden, laut werden, sich schwer und sichtbar machen.
Nur diese Reinszenierung der absoluten Abhängigkeit von einer äußeren Definition braucht es nicht, um mit Menschen, die zu Opfern wurden, respektvoll, achtsam, empathisch und wertschätzend umzugehen.
Es braucht eine Bewegung, die diesen Umgang als so wichtig und nötig markiert, wie er für alle Menschen von der Wiege bis zu Bahre immer immer immer – egal was auf dem Weg dazwischen passiert – wichtig und nötig ist.

Notizen zu Freiheit, Liebe und dem Ende der Gewalt

Obwohl ich oft dankbar um die Gnade der späten Geburt bin, bin ich dieser Tage oft traurig nicht schon die 60 er, 70 er, 80 er und 90 er Jahre so erlebt zu haben, wie ich die Zeit heute erleben kann.
Ich frage mich, wie sich die Diskurse entwickelt haben und wo die Punkte waren, die Ereignisse und Impulse, die es uns heute ermöglichen immer breiter, immer weiter und diffiziler auf Themen zu schauen, die in Gesellschaften, in denen es sowohl gesetzlich festgeschriebene als auch verdeckte doch gesellschaftlich alltägliche Diskriminierungen gibt, üblich sind.

Gestern habe ich auf Facebook ein Video [graphic!] gesehen, das Yoko Ono hochgeladen hatte. Ich fragte mich, wie Plakate mit der Aufschrift “WAR IS OVER (if you want it)” heute auf der Meinungsseite einer Zeitung kommentiert würden. In den Köpfen von Menschen, die sich an einem Montagabend im Dezember in die Stadt stellen und Plakate auf denen “Hass” in unterschiedlichen Wortgewändern steht, hochhalten.
In meiner Twittertimeline.
In mir selbst.

Als wir im Zug von Berlin nach Hause saßen, hatte ich mir vorgenommen, mich fester mit meiner Freiheit und meinen Privilegien zu verbinden. Mich mir selbst mehr anzunähern, weil ich irgendwo tief drin spürte, dass ich selbst die größte Bedrohung für mich, meine Freiheit, meinen Frieden, meine Fähigkeit zu lieben bin.

Ich glaube nicht an Angst als Auslöser für Gewalt. Viel mehr erscheint mir das Heranholen solcher Erklärungsmodelle als ein Akt der Angst vor der Erkenntnis der Üblichkeit von Unfreiheit, Hass und Gewalt jeder Art.
Es ist mir im Grunde auch egal, warum sich Menschen für Vertreibung, Abwertung und Menschenverachtung, den Willen zum Schmerz, den Wunsch zum Leid anderer Menschen entscheiden. Das ist kein Wissen, das ich brauche, um die Folgen solcher Entscheidungen zu verhindern. Das ist auch kein Wissen, das unsere Politik braucht, um Gewalt gegen sogenannte “Minderheiten” zu verhindern oder zu beenden.

Was ich erfahren möchte ist, was es braucht, um ein Mit – und Beieinander zu leben, in dem Gewalt als Mittel zum Zweck weder brauch-bar erscheint, noch ist.

Immer wieder wird viel Kraft und Wert in Bemühungen gesteckt neue Gesetze zu entwerfen, die Gewalt verbieten und/oder unter Strafe stellen sollen – Bemühungen darum, die geschehene Gewalt miteinander aufzuarbeiten und zu tragen, erlebe ich eher selten.
Die Sinnhaftigkeit von Strafen und Strafbarkeit entzieht sich mir immer mehr, auch weil ich selbst zum Opfer von Straftaten wurde und weiß, dass keine Strafe der Täter_Innen etwas an meiner (Er-)Lebensrealität verändern würde – sehr wohl aber eine Bedingungslosigkeit der Hilfen und Unterstützungen, der Solidarität mit mir und ein spürbarer Schutz vor Wiederholung.

Bedingungslos gute, nährende, persönliches Wachstum fördernde Behandlung von unseren Mitmenschen einzufordern, ist das Radikalste, Beängstigendste, was Menschen heute in unserer Gesellschaft tun können. Dabei war es das Erste, das wir nach unserer Geburt getan haben und wird das Letzte sein, das wir fordern, bevor wir für immer die Augen schließen.

Ich weiß nicht, ob eine Besinnung auf diesen Umstand etwas ist, was nötig ist, um Gedankengut und persönliche Überzeugungen, die sich in Hass, Hetze und Schmerzzufügung entladen, zu verändern, aber ich merke, dass es mir hilft, mich immer wieder daran zu erinnern, um was für basale Bedürfnisse es mir geht, wenn ich mich zu feministischer Theorie, zum Inklusionsdiskurs, zu Opferschutz und zwischenmenschlicher Gewalt äußere.
Und es beruhigt mich, denn ja: Feindbilder werden immer härter kontrastiert, immer schärfe Abgrenzungslinien werden gezogen, aber zerstörbar sind Liebe und Menschlichkeit dann eben doch nicht.

Zumindest für mich nicht und das macht mich vielleicht innerlich auf eine Art frei, wie sie nicht antastbar ist.

unspeakable inhumanity ~ strukturelle Gewalt

OLYMPUS DIGITAL CAMERAda war sie wieder: die Begrifflichkeit „unspeakable inhumanity“
Ich kenne sie. Nutze sie aber nicht. Zumindest nicht so.
Als ich mich mit dem Überleben und den Überlebenden der Shoa auseinandersetzte und dann irgendwann bei einem der vielen amerikanischen „researchprojects“ wiederfand, stolperte ich auch schon über diese Formulierung.

Diese Begrifflichkeit verbindet zwei Dinge miteinander, die im großen Rhizom um die Fragestellungen, die Gewalt an uns als Menschheit stellt, immer wieder auftauchen.
Zum einen die Frage nach der eigenen Menschlichkeit-der Menschlichkeit als solcher, die, meiner Meinung nach, noch immer nicht klar definiert ist und zum Anderen, die nach der Sprache und ihrem Fassungsvermögen, als Transportmittel zum Begreifen innerhalb menschlicher Fähigkeiten zu ebenjenem.

Gäbe es so etwas, wie „unspeakable inhumanity“, wüssten wir* nichts davon, denn Unsagbares, kann nicht vermittelt werden.
Gäbe es so etwas, wie „inhumanity“ also Unmenschlichkeit, als Option eines direkten Handelns als Mensch, dann müssten wir Menschen entweder unsere Selbstbezeichnung verändern, oder anerkennen, dass wir uns eigenständig aus unserer genetischen Struktur herausbegeben können, wie transmorphe Fabelwesen, denn Menschen sind immer Menschen- egal, was sie tun.

Trotzdem transportiert dieses Wortpaar etwas.
 In meinen Augen ist es der Versuch eine überfordernde Kraft oder Macht zu beschreiben, die von Menschen ausgegangen ist oder ausgeht.
Obwohl alles Handeln von Menschen menschlich ist- also nur innerhalb menschlicher Fähigkeiten, passieren kann, ist es durchaus Teil menschlicher Fähigkeit, zu abstrahieren und zu diffundieren, wie auch die Fähigkeit zu transponieren und zu assoziieren. So werden zum Beispiel aus „Tante Ilse und Onkel Kurt“ in einem anderen Kontext zu „Kundennummer 1 bzw. 2“.
Diese Leistung erscheint vielleicht nicht besonders groß, da die Inhalte die an „Tante Ilse und Onkel Kurt“ gebunden sind, unbekannt sind. Dieser Umstand erleichtert das Abschneiden dieser Inhaltscluster, (wie es ja bereits die Begriffe: „Onkel“ und „Tante“ durch das Abschneiden ihrer Inhalte- nämlich die die Schwester oder der Bruder der eigenen Mutter/ des eigenen Vaters zu sein, tun).

Meiner Ansicht nach ist diese Leistung aber groß.
 In meinen Augen ist es eine Fähigkeit, die sich proportional zur Fähigkeit der Selbstversorgung eines Menschen bzw. seiner Machtrefugien verhält. Es ist nicht wichtig zu wissen, in welchen Verwandtschaftsverhältnis zum Beispiel Onkel und Tante tatsächlich zur eigenen Person stehen (ob sie an Mutter oder Vater gebunden sind), wenn weder Onkel noch Tante noch Mutter noch Vater gebraucht werden, um diese Menschen in meinem von mir zu definierenden Bereich zu positionieren.
Der Bereich über den ich als Person die Macht habe, braucht nur so viel, wie ich brauche, um ihn zu erhalten.

 Würde ich also ergo ein Geschäft leiten, wäre die Notwendigkeit eben nicht an Onkel und Tante, sondern an Kundschaft, die in Hoffnung auf ein nachvollziehbares (definierbares) Wachstum nummeriert wird.

Es gibt Machtbereiche in denen Namenlosigkeit eine Säule dieser Machtbereichssicherung darstellt.
Als Fragestellung bliebe hier, ob dies als Angriff auf die Identität dessen was mit einem Namen belegt sein könnte zu werten ist, oder es sich tatsächlich um ein System handelt in dem Selbstbild, Identität und Identifizierung aus der Position eines Namen/Identität zugestehenden Systems heraus, als solche schlicht nicht nötig/ gewollt und aktiv unterbunden ist.

An dieser Stelle ist das Konzept „Jobcenter“ für mich spannend, weil es die Frage nach demjenigen aufwirft, der Machtgewinne erfährt.
Die bedürftigen Menschen
– (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Geh zum Jobcenter, wenn du kein Einkommen hast“- ergo bereits hier nicht als „Mensch“ anerkannt)-
werden zu KundInnen des Jobcenters
– (Inhaltscluster: KundInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig VertragspartnerIn (seines/ihres Zeichens menschlich- denn mit Tieren/ Pflanzen werden keine Verträge geschlossen)- ist der Macht des Jobcenters* komplett unterworfen, da existenziell abhängig)

Die MitarbeiterInnen des Jobcenters
 – (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Wenn du arbeitest, hast du dich an deinen Arbeitsvertrag zu halten“)
werden zu SachbearbeiterInnen
– (Inhaltscluster: MitarbeiterInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig
VertragsvermittlerInnen zwischen „dem Jobcenter*“ und den KundInnen, die im Laufe der Jahre an ihnen vorüberziehen – dem Jobcenter* in sofern unterworfen, als dass die Arbeit und damit das Mittel zur Sicherung der eigenen Existenz durch den Arbeitsvertragspartner definiert wird)

In Anbetracht der Tatsache, dass als MachthaberIn hier allein ein Name (Jobcenter*) auftaucht, sollte die Frage nach der Menschlichkeit des Systems „Jobcenter“ hinreichend geklärt sein.
 Nun mag der berechtigte Einwurf kommen, dass es sich bei der Agentur für Arbeit (Jobcenter*) um ein ausführendes Organ handelt- es bleibt dennoch ein System, das von vornherein, nicht als Mensch vor einem Menschen auftaucht und sich eben darum auch die Verunmenschlichung von BürgerInnen, die- fern aller Machtbereiche- Menschen sind, erlauben darf, was wiederum, meiner Meinung nach, etwas ist, das der Staat, der sich als solcher verpflichtet hat, die Menschen als solche zu schützen (vor eben jenem Umgang als Nichtmensch), als Aufgabe zur Durchsetzung im Grundgesetz stehen hat.

Was hier als strukturelle Gewalt (Unterwerfung/ Ausgrenzung/ Dominanz mittels eines verunmenschlichenden Systems) bezeichnet wird, ist gleichsam als „inhumanity“ betrachtbar, da es sich um ein System handelt, das als System (Nichtmensch) nur unmenschlich auftreten kann.

Dies als Faktum akzeptierend sollte nun verdeutlichen, dass alles Einfordern einer Menschlichkeit- gar die Gewährung diverser Menschenrechte gerichtet an „das Jobcenter*“/ „die Krankenkasse*“/ „die PolitikerInnen*“ sinnlos ist und niemals zu Erfolg führen kann.
Es ist eine Forderung, die an eine vom Staat wegdiffundierte Verantwortung gerichtet ist, welche wiederum in sich ein Produkt aus Sicherungsgier und Gewaltexistenz ist.

Diese Problemstellung ist transponierbar.
Am Ende steht, dass es Unmenschlichkeit nicht gibt, nur unmenschliche Systeme, die von Menschen gemacht sind, die alle Gewalten in ihrem Leben internalisieren, auf ihr Leben transponieren, alle Werte, die ihr System nicht braucht, abschneiden und anderen Menschen oktruieren oder sie dazu bringen, davon zu profitieren (sie in eine Mitverantwortung zu bringen).

Fortsetzung folgt

die * stehen hier für all Variablen, die durch die Eingrenzung mittels Artikel vor dem Wort abgeschnitten werden bzw. beim „wir“ als „wir als Menschheit mit allen Facetten“

 

Ihr™ – ein Rant

Ich lese die Schlagzeilen und denke an Schläge.
Will zuschlagen.
Auf die Finger die „Pädophile“ statt „Pädokriminelle“ schreiben.
Auf dummdreiste Deppen, die so eine unnötige Debatte um Parteivergangenheiten zu etwas machen, das sich wieder auf den Rücken aller Betroffenen ergießt.

Ich will schreien, weil IHR™ so handelt.
Euch die Gefühle, die Gedanken, die Lebenswelten aller Betroffenen so was von verdammt nochmal scheißegal sind, dass ihr™ euch ins Fernsehen, vor JournalistInnen, eure Blogs und ja sogar eure Peergroup stellt und frank und frei den letzten Dreck erzählt.
Manche sind sogar so ekelhaft, dass sie sich ein Alibiopfer an die Seite stellen. „Ich bin ein Held- ich kenne ein Missbrauchsopfer. GUCKT WIE KAPUTT DIES LEBEN IST- DAS KOMMT WEIL WEGEN MISSBRAUCH!!!“

Das ist sowas von ekelhaft!

Ihr™ redet über Missbrauch und bezieht euch auf die 80iger Jahre. Auf eine sich damals gerade mal gründende Partei. Nein- ihr™ redet nicht von sexualisierter Gewalt. Nein, ihr™  redet nicht davon, dass das bis heute etwas ist, mit dem jedes vierte Kind Europa konfrontiert ist. Ihr™  redet nicht davon, dass die Folgen dieser Scheiße bis heute etwas sind, wofür mensch sich schämt. Dass diese Gewalt etwas ist, das euch die Wirtschaft komplett um die Ohren fliegen lassen wird, wenn ihr™ nicht endlich wirklich opfersolidarisch agiert! Ihr™ redet nicht davon, dass ihr™ JA GENAU IHR™ diejenigen seid, die nicht zuletzt auch dafür sorgen, dass diese Art der Gewalt nicht gesühnt und angemessen bestraft wird. Ihr™ versteckt euch hinter armseligen Hilfsfonds und Plakaten. Den millionsten Informationsbroschüren, die „sensibilisieren“ sollen. ÜBERRASCHUNG: Der Bedarf beginnt da, wo ihr™ Feierabend macht!

Und IHR™- ihr anderen Ihrs™- lernt es auch nicht, ne? Ihr™ Schwätzer und Worthülsenschmeißer, die ihr™ euch täglich in Zeitungen und Webseiten erbrecht. Von wem werdet ihr™ gegängelt, dass ihr™ eure Sprachführung nicht einziges Mal so haltet, dass nicht irgendwo diese Scheißmythen über Vergewaltigungen, sexuelle Misshandlungen und Kinderfolterungen aufrecht erhalten werden?!

Es heißt nicht Sextäter- es heißt: Gewalttäter
Es heißt nicht Pädophilie- es heißt Pädokriminalität
Es heißt nicht Kinderpornographie- es heißt Kinderfolterdokumentation
Es heißt nicht Kindersex- es heißt Vergewaltigung eines Kindes
Es heißt nicht sexueller Missbrauch- es heißt sexuelle Misshandlung
Es heißt nicht Kinderschänder- es heißt Gewalttäter

Kriegt ihr™ es denn nicht ein einziges Mal gebacken, das Thema der sexualisierten Gewalt im Gespräch mit der Öffentlichkeit zu haben, ohne die damals wie heute davon betroffenen Menschen erneut zu demütigen, auszubeuten, bloßzustellen, zu verletzen und letztlich doch wieder, in alledem, was ihre Not ausmacht, so verdammt allein und ohne echte Hilfen dastehen zu lassen?!

Ihr™ habt eine Macht.
Ihr™ habt eine Verantwortung.

Und ihr™ missbraucht während ihr™ misshandelt.
Ihr™ missbraucht ein Thema und misshandelt währenddessen wieder die Betroffenen.

Ohrfeigen und mit dem Gesicht an die Wand stellen will ich euch™ .

Schämen sollt ihr™ euch.

Und eurer™ Verantwortung nachkommen verdammt nochmal. Das ist euer™ Job!

Überzeugt uns!- Uns?!

Ein junges frisches Sendungskonzept soll es sein- „die PolitikerInnen“ stellen sich den Fragen ihrer (jungen) WählerInnen im öffentlich rechtlichen Fernsehen, um sie von sich bzw. ihrer Partei zu überzeugen.
Am Ende steht „
Überzeugt uns!“.

Nun ja.
Grundsätzlich halte ich diese Idee für gut.
Schon
der Bürgerdialog, den Angela Merkel Anfang letzten Jahres startete, hatte eine alle Erwartungen übertreffende Resonanz zur Folge.
Ganz offensichtlich gibt es ein Interesse der Regierten, an der Art ihrer Vertretung. Ideen und Wünsche, die in die Politik getragen werden wollen und sollen.

Dem gegenüber steht eine niedrige Wahlbeteiligung.
Allgemeiner Tenor in der Presse: Politikmüdigkeit- vor allem bei den jungen Wahlberechtigen.
Gegenmittel der ARD: eine Sendung die gezielt JungwählerInnen anspricht.

„Sie wissen schon- diese jungen Leute die „fresh“, „tight“ und von diesem ominösen „SWAG“ sprechen“, so stelle ich es mir vor, wenn der Altherrensender ARD eine Sendung für junge Menschen konzipiert.
Es wird geduzt, wilde Schnittfolgen eingebracht, „Pop/Rock“-Musik eingespielt, Worte wie „verarscht“ in der Sendung gesagt, Twitter und Facebook eingebunden und diverse Showelemente eingebracht, wie zum Beispiel das Format „Speeddating“ in der die PolitikerInnen innerhalb von 15 Sekunden auf zum Teil sehr komplexe Fragen reagieren sollen.
Letzteres, meiner Meinung nach, ein Versuch der didaktischen Reduktion, die absolut unangebracht ist.

Doch kommen wir zur Sendung an sich.
Im Großen und Ganzen wurden die Themen: Arbeit und Mindestlohn, Rente und Zukunftsperspektive, Familie und Beruf sowie das Bündel rund um den Datenschutz im Internet aufgegriffen.

Ich möchte verdeutlichen, was die Sendung außen vor gelassen hat und mich (wie viele andere Menschen) weder von irgendetwas überzeugt noch überhaupt wirklich angesprochen hat.

Schon im ersten Teil geht es um einen jungen Mann der in Teilzeit arbeitet, obwohl er eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen kann.
Es geht nicht um eine Frau. Es geht nicht um einen Menschen ohne Berufsausbildung. Es geht nicht um einen Menschen mit Schwerbehinderung. Es geht nicht um einen Menschen mit Familie. Es geht nicht um einen Menschen der „ausländisch“ aussieht. Und es geht nicht um einen Menschen über 50. Es geht nicht um einen Menschen ohne familiären Rückhalt.

In der Diskussion wurde wieder das bequeme Ideal des minderbeschäftigten Menschen aus dem Niedriglohnsektor aufgegriffen und natürlich kamen dem entsprechende Phrasen aus der Politik, die genau die Menschen aus von mir als fehlend dargestellten Gruppen nicht ansprechen.

Da haben wir den Herrn Bahr (FDP) der dem jungen Mann rät, sich einfach woanders zu bewerben- oder die Branche zu wechseln „in die Pflege- da gibts sehr viele Vollzeitstellen und Ausbildungsplätze!“
Ja großartig Herr Bahr- der Mann hat bereits eine Berufsausbildung- was glauben Sie, verdient er Gutste denn so während der Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger? Ist ihnen nicht aufgefallen, dass er dann noch weniger Geld zur Verfügung hat, als jetzt? Und, dass er selbst, wenn er dann in die Vollzeitbeschäftigung in diesem Bereich wechselt, so ziemlich genau die gleiche Summe am Ende des Monats auf dem Konto hat, wie jetzt- vor allem wenn er kein Mann- sondern eine Frau wäre?
(Die Tatsache, dass weibliche Menschen bis heute noch bis zu 22% weniger als männliche Menschen verdienen, brachte Frau Roth an, was mir gefiel.)

Mal abgesehen von der Eignung- vielleicht hat der Mensch einen schwachen Rücken, ist seelisch nicht belastbar genug, um sich mit alten und kranken Menschen auseinanderzusetzen. Vielleicht hat der Mensch bereits alle Hände voll damit zu tun, neben dem Beruf seine alten und kranken Verwandten zu pflegen, weil deren Rente eine Unterbringung im hochwertigen Pflegeheim nicht hergibt? Vielleicht hat er aber auch einfach keinen Bock auf einen Job, bei dem er sich mit 2 Aushilfen und einer Teilzeitkraft um eine ganze Station zu kümmern hat, bei der menschliche Zuwendung und seinen eigenen Körper schonende Arbeitsweise viel zu kurz kommen.
Vielleicht möchte er sich nicht ausbeuten lassen, nur um in Vollzeit arbeiten zu können.

Der Mindestlohn von 10€ für alle Sparten erschien mir lediglich von Gregor Gysi (die Linke) plausibel dargestellt. Obwohl auch die SPD Politikerin Schwesig schlüssig argumentierte, wobei ihre Forderung nach 8,50€ in Anbetracht der aktuellen Inflation bereits weniger stark erschien.

Nur eine Person aus dem Kreis der PolitikerInnen nahm überhaupt den Begriff der „Würde“ im Zusammenhang mit Arbeit in den Mund und das war Claudia Roth von den Grünen.

Ich fühlte mich gar nicht erst angesprochen von dem ganzen Thema, denn schon in den Grundlagen dafür bin ich ausgegrenzt und – obwohl es sich irgendwie falsch für mich anhört: diskriminiert. Der Zugang zu Berufsausbildungen in vielen Bereichen schließt Menschen mit Schwerbehinderungen oder eben auch weiblichen Geschlechtes aus. Da kann auch eine Frau Aigner mit ihrer Forderung nach einer besseren Mischung aus männlichen und weiblichen Menschen in allen Berufen kommen- das ist dem Großteil der handwerklichen Ausbildern egal und auch eine gesetzliche Vorschrift wird daran, so zumindest meine persönliche Einschätzung, nichts ändern.

Bei meinem letzten Praktikum, war ich die Beste. Aber auch die einzige Frau, die Einzige mit grünem Zettel und die Älteste. Darauf wird geachtet, weil darauf geachtet werden muss. Kaum ein kleinerer Betrieb kann sich Ausfälle oder größere Problemstellungen und Anpassungen daran leisten. Und die Größeren dürfen sich von dieser, meiner Meinung nach, sozialen Verantwortung auch Menschen mit Schwerbehinderungen einzustellen oder auszubilden, freikaufen oder in Werkstätten abschieben, wo zu empörend niedrigen Löhnen gearbeitet wird, ohne Aufstiegschancen in besser bezahlte Arbeitsverhältnisse.

Ebenfalls ausgelassen (und auch wieder nur von Frau Roth kurz eingebracht) sind junge Menschen ohne Schulabschluss. Arbeit für Menschen mit nichtdeutschem Pass, aber Hauptwohn- und Lebenssitz in Deutschland, kam überhaupt nicht vor.

Dann kam der Themenpunkt „Rente und Zukunftsperspektive im Hinblick auf den demographischen Wandel“.
Herr Bahr appellierte daran zu sparen. Privat natürlich.Das hat er ja auch gemacht. Damals… als es noch die Mark gab. Damals… als er noch Banker war. Damals… als er als nicht diskriminierter, gesunder, junger Mann in Lohn und Brot stand. Da hat er immer 20 Mark an die Seite gelegt. Das sollen sie jungen Menschen mal auch machen.
Auch hier sprach Gregor Gysi für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung. Sparen kann man nur, wenn das Leben nicht bereits aus dem Sparen, etwa für Lebensmittel und Gesundheitsleistungen, besteht.

So wie mein Leben etwa. Wer Grundsicherung erhält, erhält Geld um seine Grundversorgung zu sichern. Für Extras und Kürschnörkel, wie eine frühzeitige private Rentenversicherung oder auch Lebensversicherung ist da schlicht kein Platz.
Wer noch nie gearbeitet hat- nie in die Arbeit hinein kommt, der hat sein Leben lang Angst vor einem kaputten Haushaltsgerät oder sogar einer Erkältung oder sonstigen Krankheit, die eine (Zu) Zahlung zur medikamentösen Therapie erfordert- da ist die Angst vor dem Alter nichts was abwendbar erscheint.

Wie eng die Arbeitsverhältnisse, und auch die Befähigung zur Arbeit, mit der Rente und eben auch dem demographischen Wandel zusammenhängt wurde mir da sehr deutlich. Und das lag sicher nicht nur an dem Kloß im Hals, der sich ausbreitete, als ich den PolitikerInnen dort im Fernsehen zusah.
Für mich persönlich klang das alles sehr nach: „Wer nichts macht/ nichts kann- der kriegt auch nichts. Weder um etwas zu machen, noch um etwas zu können.“.

Die Grundsicherung von überhaupt irgendeiner Arbeit für alle Menschen ist irgendwo auf dieser Argumentationsachterbahn liegen geblieben.
Schade. Genau das hätte mich und Menschen in meiner Situation angesprochen.

Der vorletzte Teil bezog sich auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Dargestellt wurde eine Mutter, Vater, 2 Kinder- Familie. Weiß, sicher passdeutsch, beide im Beruf, sich akribisch auf die Stunde genau anpassen müssend auf Kindergartenöffnungszeiten und Schichtdienst.

Das ist schlimm- kein Thema.
Aber wäre es zu viel verlangt gewesen, ein alleinerziehendes Elter darzustellen, das genau den gleichen Kampf zu führen hat? Oder eine Familie in der ein Elternteil arbeitet und das andere nach der Elternzeit nicht wieder zurück in den Job kann und von Jobcentermaßnahme zu Jobcentermaßnahme tingelt und genau den gleichen Zampano mit den KiTa-Öffnungszeiten hat?

Auch hier wieder kein richtiger Anknüpfungspunkt für mich. Ich werde erst gar keine Elternschaft für mich planen, so lange ich keinen festen Job habe, der mich ernährt und das Potenzial hat noch einen kleinen Menschen mit zu ernähren und zu sichern. Immerhin erwähnte auch dies Herr Gysi und auch Frau Schwesig holte die das Betreuungsgeld hochlobende Frau Aigner auf den Boden der Tatsachen, in dem sie anmerkte, dass auch 100€ Betreuungsgeld nicht für die Bezahlung einer privaten Tagesmutter ausreicht.
Die sollte wohl auch in Teilzeit und zum Niedrigstlohn arbeiten, hm Herr Bahr? Frau Aigner? Herr Steinmaier? Dann würden 100€ wohl ausreichen?

Es wurde nicht zum Thema gemacht, dass sich auch die ArbeitgeberInnen anpassen müssen. Das war zum Beispiel eine Wortmeldung im Bürgerdialog, in der eine Frau schilderte, wie schwer es ihr von ihrem Arbeitgeber gemacht wird, nach der Elternzeit zurück zu kommen, weil sie durch die Kinder eben nicht mehr so flexibel ist, wie gefordert. Da kam die Politik mit dem Betreuungsgeld- kurzsichtig und unzureichend, wie man es nun bemerkt.

Soweit ich es mitbekommen habe, haben die ArbeitgeberInnen weder Auflagen dazu noch evtl. unterstützende finanzielle Möglichkeiten angeboten bekommen, die eine Veränderung dieser Stelle möglich machen. Etwa in Richtung Betriebskindergärten oder Schichtpläne, die mit den Kindergärten der ArbeitnehmerInnen zusammenpassen. Oder eben auch die selbstverständliche Weiterbeschäftigung nach Elternzeit oder anderen Unterbrechungen, wie längeren Ausfällen nach einer Krankheit. Es ist nachwievor möglich einen fadenscheinigen Kündigungsgrund anzugeben, der nicht anfechtbar ist.
Auch hier gibt es wieder jede Menge Freiraum, um sich vor sozialer Verantwortung zu drücken. Völlig legal und als weniger schlimm darstellbar durch die Einführung eines Betreuungsgeldes und der Möglichkeit die Pflege als Fachkräfte- bedürftigen Bereich hochzuhalten.

Aber nun zum letzten Themenpunkt, in dem sich der inoffizielle Twitterminister in meinem Augen absolut lächerlich machte.
Datenschutz. Prism. Facebook. Die Amerikaner, die unsere Daten auffangen und damit machen, was sie wollen.
Keiner wills gewusst haben. Herr Bahr hätte sich das nicht mal vorstellen können.
Aber „frei“ sei das Internet und so solle es bleiben.

Ich frage mich ja, in welchem Internet sich Herr Steinmaier so aufhält, denn da würde ich auch gern hin. So frei!
In meinem Internet ist nichts frei. Kostenlos zur Verfügung gestellt, ja- aber frei von Fremdbestimmung, nein.

Ich nutze im Internet verschiedene Dienste. Und sobald ich das tue, stimme ich sämtlichen Nutzungsbedingungen zu. Auch denen, die mir eigentlich nicht gefallen. Das hat etwas mit der Auswahl, den Zugangsmöglichkeiten und auch meinen Fähigkeiten zu tun.
Ich kann mir keinen eigenen Chat programmieren- also nutze ich Skype.
Ich kann mir keinen privaten Hochleistungsserver in den Keller stellen und dort meine Homepage oder Emailaccount einrichten- viel zu teuer und auch wieder eine Frage der Fähigkeiten- also nutze ich das, was sich als praktikabel und kostenlos darbietet. Und bezahle wieder mit meinen Daten.

Wer das Internet als frei bezeichnet, der vergisst, dass die Währung unserer Zeit „Information“ lautet. Gerade im Internet.
So betrachtet, tauchen sowohl Prism, als auch Tempora und Anbietermogule wie Google und Yahoo als Geldeintreiber auf. Völlig gerechtfertigt durch unsere Zustimmung und abhängig von den Gesetzen der Länder in denen die Server der Anbieter stehen.
Das worüber wir uns gerade aufregen, ist die Verwendung dieser Daten- nämlich gegen uns und das Grundrecht der Menschen dieses Landes. Wir haben ein Recht auf Privatsphäre- deshalb richten wir unsere Emails, SMS und Telefonanrufe an eine/n EmpfängerIn und nicht öffentlich zugänglich bei Facebook und Konsorten.

Die Verquickung dieser Anbieter und ihrer Dienste damit wurde leider nicht thematisiert.
Herr Steinmaier verlor sich sogar in der steilen These, die Justiz sei unabhängig, worüber ich im Hinblick darauf, dass kein Mensch (auch wenn er das nicht glaubt- die Justiz wird von Menschen gemacht) jemals unabhängig ist, wirklich nur sehr hart lachen kann.
Frau Roth hat es sehr drastisch formuliert und doch hat sie meine Zustimmung, wenn sie von einer Kernschmelze unserer Rechte spricht.

KernSCHMELZE- ja das Internet verschmilzt mit uns. Es verbindet viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Täglich werden wir Zeuge vom Leben anderer Menschen, sobald wir die gleichen Plattformen verwenden. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit uns zusammen zu tun um Gutes, aber auch Schlechtes zu tun.
So wir denn einen Internetzugang und keine körperliche oder geistige Einschränkung haben, die uns daran hindert.

Das ist Internet ist kein Neuland- aber die Möglichkeiten einander zu schaden sind neu.
Darauf zu reagieren hat unsere Bundesregierung bis heute verpennt. Da waren andere schneller und umfassender und jetzt ist das Geschrei groß.

Ich will nicht verteidigen, dass wir ausspioniert werden. Auf keinen Fall- aber ich will es als so logische Folge betrachten, wie sie derzeit ist und was in der Sendung auch nur Gregor Gysi mit einem relevanten Lösungseinschub anmerkte.

Die Sendung an sich wird kaum einen 18 jährigen Erstwähler angesprochen haben- nicht einmal beim Thema „Internet und Datenschutz“. Da lehne ich mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster. Ich bin ja selbst schon über 25 und habe kaum eine Vorstellung davon, was diese jungen Menschen bewegt.
Was ich aber sehe ist, dass ein FreshTorge bei YouTube mehr (junge) AbonnentInnen hat, als diverse PolitikerInnen bei Twitter und Facebook.
Was ich weiß ist, dass viele junge Erwachsene, die sich gerade in einer Ausbildung befinden, nicht mehr mitten in der Woche um 22.30 Uhr ausgerechnet bei der ARD reinschalten, sondern entweder im Bett liegen oder sich eher seichte Inhalte zur Unterhaltung ansehen, statt sich komplexen sowohl angsteinflößenden wie wütend machenden Themen, die in einer platt herunter gebrochenen Diskussion auftauchen, zu widmen.

Was mich außerdem an der Sendung störte, ist die Doppelbelegung der CDU.
Bei der Wahl ist es nicht möglich sich zwischen CDU und CSU zu entscheiden. Sehr wohl aber sind auch noch andere Parteien wählbar, die überhaupt keinen Platz bekamen, obwohl auch sie zur Bundestagswahl antreten.
Das empfinde ich als eingeschränkte Darstellung aller Möglichkeiten, die die WählerInnen haben.
So betrachte ich die Sendung mit dem Abschluss, das nur bestimmte Parteien überhaupt in Betracht kommen sollen für junge Menschen und sich von diesen jungen Menschen auch nur Bestimmte angesprochen fühlen sollten.

Das ist nicht das „uns“ das angesprochen wurde. Und das ist auch nicht das, wovon viele (alle) Menschen überzeugt werden möchten.

Die Wahlen sind „frei“- das Wort in Anführungsstrichen, weil nicht alle Regierten über ihre Regierung wählen dürfen, was nicht mit meinem Verständnis von Demokratie d’accord geht- so sollte auch die Darstellung frei sein.

Also ARD- für einen ersten Versuch geht das gerade mal noch so durch.
Beim nächsten Mal (ich hoffe es gibt ein zweites Mal, denn die Idee an sich, halte ich für gut): mehr Diversität auf allen Ebenen, respektvolle Augenhöhe, eine Sendezeit zu der mehr Menschen wach und aufnahmebereit sind und bitte- so peinliche Sachen wie den Jugendsprachecheck oder Speeddating raus.

Die ErstwählerInnen sind jung- nicht dumm.

Sexismus und Politik?

Antje Schrupp hat in ihrem Blog über #Aufschrei geschrieben und formuliert ihren Wunsch, das Thema „Sexismus“ weiter in den Bereich des Politischen zu bringen.

Diesen Wunsch teile ich. Den teile ich in Bezug auf viele Dinge. Doch meine Überlegungen verknoteten sich, als ich mich fragte, wie so eine Politisierung aussähe.

Politik lebt von der Masse der Gleichheit.
Wer als Einzelorgan, eine Masse von Menschen von seinem politischen Handeln überzeugen möchte, der greift alle Gemeinsamkeiten auf und streicht den Rest heraus. Will er sich besonders für die Umwelt einsetzen, spricht er den Wunsch von Menschen auf umweltfreundlich leben zu wollen an und setzt sich dafür ein, soweit seine ihm zugesprochene Macht in Bezug darauf greift. Gleichzeitig vernachlässigt er aber vielleicht andere- weniger stark vertretene Ansprüche. Vielleicht den Bereich der Wirtschaft oder den Bereich des Sozialen.

Demokratie sehe ich als ein Dreieck der Macht durch Vertretung. Unten ganz viele verschiedene Individuen mit jeweiligen Bedürfnissen und oben eine Einzelperson, in der sich die Macht bündelt und für alle gleich sorgen soll.
Es ist wie der Monotheismus: Unten viele Menschen- Oben der eine jenige welche, der über alle wacht, sie begleitet und schützt.

Nun ist es aber nun einmal so, dass auf dem Weg nach oben einiges verloren geht.
So vielleicht besonders bei Themen, bei denen es mehr Gewinner am Verlust des Selbigen gibt, als Verlierer. So ist es nicht schlimm, wenn sich das Thema nicht bis ganz oben durchsetzen kann.

So, glaube ich, ist es auch mit dem Themenkreis des Sexismus.
Es ist eine Dynamik, die mit Ausbeutung, Machtgewinn und Unfreiheit einher geht. Ähnlich wie Sklaverei und Menschenhandel.

Wir leben in einer Grundstruktur, die von Ausbeutung, Machtgewinn und Unfreiheit lebt und gänzlich ohne, nicht weiter funktionieren wird. Hätten alle Menschen gleich viel Macht- würden alle Verantwortung allein tragen, so gäbe es ein Chaos. Angeblich.
Ich mag so etwas nicht glauben, auch wenn ich natürlich sehe, dass ein Kind nicht gleich viel Verantwortung tragen kann, wie ein Erwachsener zum Beispiel. Mein Gegenargument dazu ist aber auch, dass ein Kind nicht so viele Dinge tun kann (weil er sie noch nicht gelernt hat oder weil es körperlich noch nicht reif genug ist).
Doch dies ist nur ein Nebengedanke, den ich hier vorerst anhalte.

Beim Thema des Sexismus denke ich, sollte man sich fragen, was genau er bedeutet.
Wir haben unterschiedliche Geschlechter in unserer Biologie angelegt. Das ist Fakt. Sexismus beinhaltet also für mich eine Benennung eines Unterschieds, die nötig ist. Zum Beispiel in der Medizin, in der Forschung und auch in der Art wie man den Körper belastet. Es gibt diese Unterschiede und sie haben berücksichtigt zu werden. Ohne Wertung! (Eigentlich etwas, dass der Wissenschaft inne liegt, doch von der sozialen Achse meiner Meinung nach viel zu oft missbraucht wird)

Dann haben wir die soziale Achse und da knirscht es gewaltig. Hier und nur hier ist eine Neukonstruktion meiner Meinung nach nötig. Doch wir sprechen hier von einer sozialen Achse- keiner direkt politischen.
Das soziale Miteinander verursacht meiner Meinung nach, die Politik und auch das Gesellschaftsklima, das wir haben.

Antje schrieb in ihrem Artikel, dass sie die zugrunde liegenden Strukturen verändert haben will.
Ich sage, dass die Strukturen zwar sozialen Sexismus stützen, doch nicht verursachen. Die Strukturen sind meiner Meinung nach die Folge dessen, was wir leben.
Wenn man so will, eine Art sich selbst immer wieder in den Schwanz beißende Katze, die das Dreieck der Macht am Rand herunterkullert.

Ich denke, der kleine beschreibende Einschub, den Antje in ihrem Posting machte: „gesellschaftlich(-strukturelles) Problem“, ist es, auf den man sich konzentrieren könnte.
Die Erkenntnis, dass es uns hier in Deutschland so verdammt gut geht, weil wir Stellvertreterkriege im Ausland führen, weil wir Ausbeutung sowohl im eigenen Land, als auch in anderen forcieren, dulden und (in Bezug aufs Ausland) fördern und nähren. Das Wissen um die eigene Unfreiheit, weil wir alle durch die Bank weg, eine Vertretung unserer Interessen und Bedürfnisse auf einzelne Menschen in von uns akzeptierten Machtpositionen diffundieren lassen. Das Wissen, dass es Profiteure von Gewalt gibt und, dass diese Profiteure letztlich wir alle selbst sind- obwohl wir als Personen sie gar nicht ausüben.

Diese Dinge sind, so erscheint es mir manchmal, noch längst nicht überall angekommen und genau deshalb ist es, meiner Meinung nach, erst einmal dran diese zu verinnerlichen und zu vermitteln.

Das Machtspiel unserer Strukturen funktioniert abschneidend nach oben und die Kosten, die der Verlust des Abschnitts verursacht, wird nach unten individualisiert (klar- sind ja auch mehr Köpfe da, als oben).
Es ist kein Kreislauf, zumindest nicht im Kleinen, in dem alles, bei jedem gleich ankommt, jeder mitbestimmen kann, wo es einzig Verlust an dem gibt, was dem Kreislauf als solchem nicht dienlich ist.

Ich will mich nicht in Kapitalismuskritik ergehen, weil auch andere (mir bekannte) Formen, auf ihre Art von Ausbeutung und Unfreiheit profitieren und auch lediglich die Schnittmenge der Gesamtinteressen einer Menschengruppe vertritt.
Wir hier unten sind alle individuell. Es ist nur legitim unsere Probleme, Wünsche und Bedürfnisse auch individuell erfüllt haben zu wollen.

In Bezug auf die negativ sozial- sexistischen Erfahrungen, die uns Menschen begegnen, halte ich ergo auch eine individualisierte Aufnahme für legitim.
Nehmen wir an, dieses Erleben würde politisch aufgegriffen werden. Worum würde es dabei gehen? Würde es um die Folgeschäden in den Menschen dabei gehen? Was genau würde sich verändern, wenn die Politik Gesetze hervorbrächte, die Männer und Frauen gleichstellen würde? (Hint: So ein Gesetz haben wir schon!)

Was genau soll politisch passieren? Sollen uns die Politiker sagen: „Nun haltet euch aber mal hier an das Grundgesetz! Geht respektvoll miteinander um!“?
Welche Strukturen genau soll die Politik verändern, ist doch selbst sie zusammengesetzt aus Menschen, die von sozialen Sexismus profitieren.

Ich glaube, dass der Schlüssel hier einfach die stetige Diskussion ist. Sich auch unbeliebt zu machen, wenn man immer wieder mit dem Sexismusschild um die Ecke kommt.
Umdenken fördern, diskutieren, aufzeigen, zur Veränderung des eigenen Verhaltens ermutigen, für einander eintreten, wenn jemand aufgrund sexistischer Aussagen oder sexistisch motivierter Gewalt in Not gerät. Immer und immer wieder.
Je mehr wir das tun, desto größer wird die Schnittmenge der Gesamtinteressen.
(Mich habt ihr doch auch so gekriegt! 😉 )

Die sonst sich selbst in den Schwanz beißende Katze, die am Rand herunterkullert, wäre irgendwann zu dick um ihren Schwanz überhaupt zu sehen und würde sich, wie Katzen das eben so machen, irgendwann in voller Pracht auf dem Schreibtisch derer ausbreiten, die wir für unsere Vertretung eingesetzt haben, weil uns gerade noch nichts Besseres einfällt, als das Machtdreieck.

Unterm Strich also: Ich glaube, es ist noch zu früh, um jetzt das Thema sozialen Sexismus in die Politik zu bringen, weil es noch zu viel unreflektiertes und auch unbewusstes Nutznießen dieser Dynamik gibt.

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Das Schweigen und die Sichtbarkeit

„Das Wichtigste ist, das Schweigen zu brechen“.

Es ist der Titel eines Vortrages von Michaela Huber über organisierte Ausbeutung, rituelle Gewalt und dissoziative Störungen, den sie im März bei der Tagung gehalten hat. Der Titel schwirrt mir immer noch im Kopf herum, weil er so…

Es ist einer dieser Sätze, die man als Opfer, Zeuge oder auch Täter so und in vielen anderen Verpackungen immer wieder hört, wenn es um Gewalt geht. Einer von den Sätzen, bei denen es in meinem Kopf gleichzeitig „WAHR!“ und „FALSCH“ brüllt, noch während sich eine sachliche Sprecherin zur Lage der inneren Nationen räuspert und über biologische, soziale und politische Sachverhalte referiert. Die das Schweigen darlegt, anprangert und auch rechtfertigt.

Es gibt viele Arten des Schweigens.
Das Schweigen der Zeugen zum Beispiel.
Vor Kurzem wurde die Bloggerin „
Ragekamila“ von 5 anderen Menschen angegriffen. Es gingen viele Menschen an ihr vorbei, doch ihr begegnete Schweigen und Ignoranz. Sogar die Polizei verschwieg ihre Solidarität mit ihr als Opfer und vermittelte ihr stattdessen, selbst schuld an dem Angriff zu sein, weil sie einen kurzen Rock trug.
Unterm Strich: Rape Culture
und Schweigen.
Ich weiß nicht, was Menschen, die Zeugen von so einem Angriff werden, dazu bewegt zu schweigen. Hatten sie Angst, selbst auch angegriffen zu werden? Dachten sie: „Ach, sie wehrt sich ja schon- sie wird das auch allein packen“? Schätzten sie die Situation anders ein? Wir und vor allem aber „Ragekamila“ werden es nie wissen, denn ihr Schweigen hat sie unsichtbar gemacht.

Dann das Schweigen der Täter.
Wenn mein Vater mich verprügelt hat, dann sagte er ziemlich genau den gleichen Satz immer wieder vor dem ersten und nach dem letzten Hieb. Wie ein Startschuss in ein Nirwana aus Schmerzen und Schweigen. Ich denke, er wird während der Tat dissoziiert haben und selbst nicht in der Lage gewesen sein, mehr zu äußern. Wenn es tatsächlich so war, erklärt sich mir auch sein Schweigen im Anschluss. Vielleicht ist es für ihn nie passiert- was sagt man über etwas, das nie passiert ist?

Oder das Schweigen mit Worten.
Wenn meine Mutter mich misshandelt hat, sprach sie die ganze Zeit- ohne etwas zu sagen. Auch sie schwieg über ihre Gefühle und Gedanken. Ihre eigene Position in dieser Situation. Was auch immer sie angetrieben hat- es war eine Spirale, die sie selbst in ihrem Sein unsichtbar gemacht hat.

Und dann das Schweigen des Opfer.
Ich war das Opfer der Misshandlung durch meine Eltern. Beide waren während der Tat unsichtbar. Der eine geistig- der andere seelisch. Sichtbar waren, und sind bis heute, allein die Folgen ihrer Handlungen.
Selbst ich bin nicht immer da gewesen. Wurde der Schmerz, die Demütigung zu groß, habe ich mich verschwinden lassen, war gar nicht da- hab das alles wie Nebelschwaden an mir vorbei, durch mich hindurch ziehen lassen, hab mich unsichtbar gemacht.

So ein Satz: „Brich das Schweigen.“, bedeutet für mich: „Mach dich sichtbar- mach die Gewalt sichtbar“ … „Mach sichtbar, was niemand gesehen hat“ … „Mach DU es sichtbar- du warst doch dabei“.
Ich war es aber nie ganz.

Wir leben in einem System in dem nur verurteilt wird, was sichtbar ist.222295_web_R_K_by_Sonja Gräber_pixelio.de
Es
braucht handfeste Beweise, um Täter ihrer Strafe zuzuführen. Es braucht Sichtbarkeit, um wahrgenommen zu werden. Die Polizei braucht die Opfer, um die Täter sichtbar zu machen. Die Presse braucht das ganze Paket einer Situation, um darüber zu berichten und zum Sprachrohr zu werden. Doch ist nur sichtbar, wofür es Worte gibt.

Am Anfang war das Wort. Oh ja! Worte sind toll.
Sie sind, wenn es um Gewalt geht, wie das erste Kotzen bei einem Magen-Darminfekt; wie ein ausgedrückter Pickel der bereits tagelang schmerzte; wie Weinen, dass man schon seit Stunden in seinem Hals drücken spürte.
Sie geben Form, machen sichtbar und ermöglichen sowohl eine Verarbeitung des Geschehens als auch innerhalb unseres Miteinanders eine Bewertung.

Gewalt aber, spricht Teile des menschlichen Gehirns an, die weit weg von dem Teil ist, in dem sich unsere Sprache befindet. Das ist sinnvoll, denn bei Gewalt geht es potenziell immer um eine Gefährdung des eigenen Lebens. Sprache ist jünger als der in uns entwickelte Teil, der unser Überleben sichert.
Ich schrieb es bereits in anderen Artikeln: Das Leben allein besteht in der Fähigkeit zur Entwicklung der Fähigkeit, das Leben weiterzugeben. Es ist ein evolutionärer Kettenbrief, der allein für seine Weitergabe arbeitet.
Unser Sprachzentrum ist so etwas, wie das Ziel am Ende einer verschlammten, mit Geröll bespickten Landstraße- während der Teil, der unser Überleben sichert, eine fünfspurige Hightechsuperautobahn ist. Es gibt keine Sprache- aber hey- was gibt es auch zu sagen, wenn Leib und Leben in Gefahr sind?!
Unserem Gehirn ist es scheiß egal, ob das, was da gerade passiert später noch sichtbar ist. Wer will ihm darum böse sein?

Es können nur jene sein, die das Privileg der Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit genießen oder jene, die genau deshalb (chronisch oder latent) im Überlebensmodus stecken und darunter leiden.

Das Wissen um die Vorteile von sozialem Miteinander ist eng mit der Sicherung des eigenen Überlebens in uns Menschen (und auch vielen Tieren) verknüpft. Die Abhängigkeit von unseren Versorgern ist uns Menschen direkt ab dem Zeitpunkt der Geburt mehr oder weniger klar bewusst. Wir werden absolut hilflos geboren und sind erst ab dem Moment der biologischen Fähigkeit zur Weitergabe des Lebens, halbwegs in der Lage eigenständig zu leben. Doch nun ist es so, dass wir in hier, in Deutschland, in einer Umgebung leben, in der das soziale Gefüge dem direkt widerspricht. Hier in unserer Kultur, würde niemand einem Teenager unter 18 Jahren einen eigenen Haushalt ganz ohne Unterstützung und Absicherung überlassen. Unsere Justiz staffelt noch bis ins 27ste Lebensjahr hinein das Maß von Strafen für diverse Taten. Das ist schön- untergräbt aber auch die Autarkie der Menschen. Im Guten, wie im Schlechten.

Es geht um Abhängigkeiten. Auch beim Schweigen.
Wir wurden in unserem früheren Abhängigkeitsverhältnis Schweigegeboten unterworfen.
Schweigegebote sind nicht so schlimm, wie man vielleicht glauben mag. Schlimmer sind die Redeverbote. Das Gleiche? Oh nein.
Gebote sind wie Spielregeln: Willst (Musst) du mitmachen, hältst du dich daran.
Verbote sind Grenzen: Übertrittst du sie, bist du ..? Na was? – Raus! Allein! Ausgeliefert! Schutzlos!
Ergo: potenziell tot.

Wer keinen Schutz außerhalb von (destruktiven) Abhängigkeitsverhältnissen hat, der kann nicht reden. Kann keine Worte finden. Kann nichts sichtbar machen. Kommt nicht in den Genuss der Privilegien, die das Leben mit seiner Fähigkeit dieses weiterzugeben braucht.

Und hier ist es- das Ding, dass das Schweigen nährt: Die Wahl zwischen Leben und Tod.
Welchen Weg wird unser Gehirn wohl nehmen, wenn wir Gewalt erfahren?
Und was passiert, wenn man Zeit seines Lebens immer wieder gezwungen ist, auf der Hightechsuperautobahn zu fahren? Man lernt, dass es sich lohnt und, dass es einfacher ist. Blicke nach links oder rechts sind Ressourcenverschwendung- wen interessiert die Landschaft, die man vom Fenster aus betrachten kann, wenn die rasante Fahrt immer wieder nötig ist, um die eigene Basis sicherzustellen?
Wie beschwerlich erscheint einem dann eine holprige Landstraße, wie fraglich ist das Ziel der Sprache und Sichtbarkeit für andere Menschen- ganz gleich wie dringlich sie es machen.

Es gibt keine Worte ohne Schutz.
Dieser Artikel hier, sowie auch der Artikel der Paulines, in dem sie über Zweifel, Fallstricke und Glaubhaftigkeit sprechen  ist ein Steinchen im Plädoyer für mehr Opferschutz.
Wer so privilegiert ist, Worte und damit Sichtbarkeit einzufordern, muss sein Privileg von Sicherheit durch Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit teilen!
Alles andere verschiebt die Verantwortlichkeiten rund um Gewalt in den Schoß derer, die nichts- aber auch gar nichts dafür tun können, um dem zu entsprechen.

Wir brauchen Opfersolidarität- und Schutz! Wir brauchen die Annahme der Not und der Mechanismen, die Gewalt in unserer Mitte auslöst! Wir brauchen die Akzeptanz des Schweigens, das tiefe verinnerlichte Verständnis um die Folgen, als etwas, das mit uns allen tun hat! Wir brauchen die Folgen der Gewalt gleichrangig bewertet, wie die Gewalt an sich!

Sonst gibt es keine Worte, die das Schweigen brechen.
Sonst bleibt unsichtbar, was töten kann.