„Ausbildung inklusive“ Episode 8 – es läuft schief

Donnerstage.

Donnerstage sind nach Mittwochen inzwischen der schlimmste Tag.
Und der beste Tag.

Die Mittwoche vergehen unter dem schlechten Gewissen einer eigenmächtig entschiedenen Fehlstunde. Schlimm genug, dass wir das selbst entscheiden mussten und auch das ganze Schuljahr über so entscheiden werden müssen.  Denn wir können es nicht aushalten mit der ganzen Klasse zusammen in die Werkstatt gequetscht zu arbeiten. Geht nicht. Haben wir versucht, endete mit Weinkrampf auf dem Schulklo.

Apropos – das Schulklo. Scheinbar unser neuer Pausenraum. Weil es sich da gut heulen, trockenlegen und allein sein lässt, wo niemand länger als nötig bleibt.
Vielleicht bedienen wir ein Klischee, wenn wir das so aufschreiben.
Mir egal – es ist wie es ist und wäre anders, wäre anders möglich.
Ist es aber im Moment nicht.

Vor allem Mittwochs nicht.
Morgens die Werkstattstunde, die uns fehlt und die wir in dem Fach aber eigentlich dringend bräuchten, denn wir brauchen länger als die anderen. Nach meiner Schätzung ist die Klasse nächste Woche fertig – unser Werkstück erst zu einem Drittel. Inmitten von Menschen für die Schule ein Leistungswettbewerb ist, eine Niederlage, die immer wieder Anlass für “nicht so gemeinte” Kränkungen sind.  (Again: für uns ist es nachwievor unnachvollziehbar, was die Intensionen anderer an unseren Gefühlen verändern soll.)

Danach gehts entweder zum Buchbinden (was toll ist) oder zum Arbeiten mit InDesign. An einem Mac.
Also einem Betriebssystem, das wir nicht kennen. Es ist ein Fest.
Ein Fest so toll wie Leichenschmaus mit Todesfall.

Danach: Politik.
In den letzten Wochen sehr gruppenarbeitslastig durch Unterricht von einem Referendar. Der Arme. Muss den ganzen Quatsch für eine Zielgruppe üben, die er – zumindest durch unsere Anwesenheit in der Klasse – gar nicht vor sich hat.
Wir können oft nicht gut teilnehmen und wenn, dann saugt es uns bis zum Letzten aus. Und ich merke das.
Wie ich schrumpfe, einreiße, zerreiße und in dem Krach versickere, auch wenn ich noch so viel trinke, mich kümmere und tue und mache.
Zusammen mit dem sozialen Konflikt und dem daraus entstehenden Isolationsgefühlen ist es einfach nur schlimm.
Aufm Schulklo in graues Klopapier heulen-schlimm.

Und auf so einen tollen Tag folgt der Donnerstag.
Der um halb 8 anfängt und zwar mit der Informatik zu Webdesign. Spannendes Zeug. Allerdings im Vorlesungsstil. Nur,  dass diese Vorlesung wie ein unberechenbares Quiz gestaltet ist und man nie weiß, ob die gestellte Frage rhetorisch oder ernsthaft gemeint ist.
Es ist viel und über meinem Arbeitsplatz flirrt seit 3 Wochen die Leuchtstoffröhre. Schaltet man dort das Deckenlicht aus, sitzen wir im Dunkeln, denn Fenster ohne Blende machen eine ganze Rechnerreihe unbenutzbar, weil man nichts mehr auf den Bildschirmen erkennt.

Danach wirds schön.
Highlight der Woche. Motor durch dieses Schuljahr. Insel in all dem Scheiß.
Die Freistunde, die wir durch die Abwahl des Religionsunterrichtes gewonnen haben. Wenn Klassenarbeiten anstehen, üben wir in der Zeit dafür.
Doch im Moment scheißen wir darauf und es ist gut so.
Statt in dem miefigen Raum zu sitzen, dürfen wir nämlich mit der halben Parallelklasse zusammen nochmal an einem Buchbinden-Unterricht teilnehmen.

Und es ist schön. Es tut uns gut.
Obwohl wir an dem Geheimnis auch schwer tragen und wissen, was für ein Glück wir da haben.
Und daneben steht, dass wir eine Not daran haben, dass nicht alle haben können, was wir da haben. Dass wir uns Sorgen darüber machen, uns vor der Lehrerin nicht als würdig für diese Möglichkeit zu erweisen.

Mit all dem sind wir alleine.
Wie wir mit allen anderen kleinen und großen Gewissenskonflikten an der Schule alleine sind.

Bekommen wir Ausnahmen von der Schulalltagsregel um teilnehmen zu können, dann sollen wir nicht weiter drüber reden – Unmut bei den Schüler_innen
Brauchen wir Hilfe müssen wir das offenlegen und sagen – was immer stört und manchmal nervt – ergo: Unmut bei den Schüler_innen
Fragen wir viel nach, weil die Kommunikation missverständlich ist, sorgen wir für – richtig: Unmut bei den Schüler_innen

Das sollen wir verstehen, weil: die haben Pubertät und wir ne Behinderung.

Das klingt hart und fühlt sich auch so an. Wie harte Scheiße, die einem wo man geht und steht, macht und tut und sich bemüht, vor die Füße geworfen und auf die Nase gebunden wird.
Denn ja: natürlich haben alle ihre Bedürfnisse.
Aber unsere Bedarfe zielen darauf ab, überhaupt gut teilhaben zu können – nicht besser teilhaben zu können, als alle anderen – es ergibt keinen Sinn unsere Bedarfe mit denen der Mitschüler_innen 1:1 gleichzusetzen.

Jedenfalls.
Nach der Oase des Donnerstag kommt der Aufprall. Mathematik.
Ich habs schon mal geschrieben: für uns haben Wörter eine andere Struktur als Zahlen – wir sind schnell aus abstrakten Kontexten rausverwirrbar, wenn jemand konkrete Beispiele benutzt um diese Abstraktion zu erklären.
In Mathe verlieren wir den inhaltlichen Anschluss in aller Regel so nach 5 bis 10 Minuten. Die restlichen 80- 85 Minuten, die diese Veranstaltung hat, sind Kampf um Verstehen und Begreifen. So aktiv wir können. Nicht, weil wir das so unbedingt wissen wollen, sondern, weil es ein Hauptfach ist und wir insgesamt auf dem Zeugnis weder eine Sport- noch eine Religionsnote haben, um mittelprächtige Leistungen im Schnitt auszugleichen.

Die Hauptarbeit und der Grund für unsere relativ guten Noten waren und sind stundenlanges Selbstlernen und üben zu Hause.
Das Problem: irgendwann kriegt man Heimarbeit und Schularbeit nicht mehr übereinander.
Die Irritation wird dem Unterricht immanent. Alles, was es dann noch braucht, um richtig abzuschmieren, liefert unser momentaner Schulalltag frei Haus: unruhige Klasse, noch wenig erfahrene Lehrer_in, die Auflagen rund um Schüler_innenunmut, Pubertät und diese Kleinigkeit, die wir so im Gepäck haben.

Es ist zum Kotzen.
Und zum Heulen.
Überwiegend zum Heulen.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, wie unterschätzt es ist, Inklusion herzustellen, wenn man sie vorher noch nie gelebt hat.
Es liegt unter anderem daran, dass man behinderte Menschen nachwievor zu Menschen mit “speziellen Bedürfnissen” erklärt, “die aber eigentlich ganz leicht zu händeln sind (wenn man nur will)”.
Don’t get me wrong – in vielen Fällen ist das auch so. Aber eben doch nicht immer und schon gar nicht in allen Kontexten.

Die echte Inklusion ist das Ergebnis einer allgemeinen und strukturellen Anerkennung der Behindertenbewegung als Bürgerrechts bzw. Menschenrechtsbewegung.
Es reicht nicht eine Rampe aufzustellen oder wie in unserem Fall zu erlauben, dass NakNak* bei uns sein darf und wir insgesamt hier und da nachteilsausgleichende Ausnahmen gewährt bekommen. Das ist Bedürfnismanagment. So geht man mit Spezialsituationen um.
Man stellt damit aber keine neue Normalität her. Im Gegenteil.

Wenn es schief geht – und bei uns geht es seit ein paar Wochen schon schief – landet alle Verantwortung fürs erfolgreiche Miteinander bei uns. Denn es fordert von uns eine spezielle Dankbarkeit, Geduld, Erklärungs- und Rechtfertigungsbereitschaft und zwar immer für alle und alles.
Wer kann das denn leisten?
Niemand.

Aber wir tragen das. Und wir tragen das alleine.
Wir haben nicht erwartet, dass es einfach wird. Auch nicht, dass es reibungslos wird.
Wir haben aber vor allem nicht erwartet, mit so vielem allein bleiben zu müssen.

Wir haben noch immer keinen Fahrdienst. Der Nachteilsausgleich ist noch immer nicht offiziell beantragt.
Der Begleitermensch schlägt eine I-Kraft vor – wir haben Angst das alles nicht zu packen.

Und morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 15.

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

Liebe, Lügen, Labbrigkeiten

Wenn mir in Serien und Filmen eines auf die Nerven geht, dann die Liebe.
Und das Lügen.

Nichts gegen Liebe – Liebe ist toll und gehört zum Leben wie Lügen zu lügen, Wäsche zu waschen, zu kochen und andere Dinge zu tun.
Aber.
Ganz sicher ist Liebe nicht dieses anstrengende Geflecht aus Anspruch, Erwartung, Angst und Abhängigkeit, in dem das eigene Er_Leben zu einer Art Option oder Privileg wird.

Persönlich halte ich Liebe für eine Art Gewöhnungsergebnis.
Man trifft auf etwas oder jemanden, verbringt Zeit miteinander, die Zeit ist schön, das Miteinander ist angenehm – beide sagen: “Bitte mehr davon” und irgendwann, nach einer Zeit der Hochs und Tiefs, der gemeinsam erreichten Ziele, da kann es zu Liebe geworden sein. Das aneinander gewöhnen. Und kennen. Und miteinander sein wollen.

Für mich kommt das Liebesgeständnis in Serien immer viel zu früh. Es will mir nicht in den Kopf, wie jemand nach einem Zeitlupenblick über den Kaffeetassenrand vor Verliebtheit gleich in die absolute Selbstauflösung gehen wollen kann. Ich kann nach einem Blick über einen Kaffeetassenrand maximal feststellen, ob mich etwas an einer Person interessiert oder nicht.

In der Serie, die ich gerade schaue gibt es ein Liebespaar, dass mich nun inzwischen seit 3 Episoden nur noch nervt.
Es begann schon damit, dass er ein Komatyp war, der – ja genau: aufgewacht ist (klar – im Unterhaltungsfernsehen ist kein Platz für sterbende Komatypen) und eigentlich eine Frau hatte, die sich eigentlich von ihm trennen wollte und sich deshalb auch nicht interessierte, als er plötzlich verschwand – die nach seinem Koma aber dann doch nochmal ganz neu von vorn anfangen wollte – obwohl er eigentlich aber die andere Frau interessant fand.
Seine Lügerei beginnt schon in diesem Moment. Oder besser gesagt: seine Unaufrichtigkeit

Und dann “verliebt” sich zeitgleich die andere Frau in ihn. Weil man das ja so kennt: sie pflegt ihn, den Komatypen,  mit dem so durchschnittlichen Gesicht (ich verwechsele die weißen Prinzen/Häscher/Königstypen ständig, weil sie sich alle so ähnlich sehen), der weder eine Geschichte hat, noch sprechen kann, noch mehr tut, als einfach das eigene Leben aufrecht zu erhalten und findet ihn total spannend und ist NATÜRLICH verliebt in ihn, als er dann endlich wach wird.

Sie ist Grundschullehrerin und macht dieses Pflegeding “so nebenbei”. Ich kann mir ihre “Liebesgefühle” nur mit geistig-emotionaler Totalerschöpfung erklären – aber naja – offensichtlich weicht meine Idee von Liebe ja sehr von Serienrealität ab, wer weiß, was da noch alles nicht so passt.

Jedenfalls.
Die beiden finden sich also toll. Aber er ist verheiratet.
“Verheiratet” ist in solchen Serien ein Synonym für “Du darfst keine Freunde haben. Du darfst nur mit deinem geheirateten Menschen Spaß haben. Jeder Kontakt zu anderen Menschen ist gleich eine Affäre.”.

“Verheiratet” bedeutet in solchen Konstellationen nie so etwas wie “sich gemeinsam etwas widmen” (zum Beispiel so etwas wie “Oh ja du warst im Koma – wieso hab ich jetzt, wo du wieder aufgewacht bist, plötzlich so einen Besitzanspruch an dich?” oder “Was stimmt mit mir und unserem Verhältnis eigentlich nicht, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, woran du dich erinnern kannst?”).

“Verheiratet mit der falschen Frau” ist ein Volumenthema US-amerikanischer Serien. Es hat wenig Nährwert, ist aber labbrig genug, um Spannungsbögen machen, weil es in alle möglichen Richtungen aufgebläht werden kann. Die weiße Hetenbeziehung, die nicht Fisch nicht Fleisch ist, wird so gern genommen, weil es so möglich ist, noch andere Handlungsstränge daraus hervorgehen zu lassen. Auch dann, wenn es durchaus ginge, diese Handlungsstränge einzeln und entlang des eigentlichen Themas aufzubauen.

Wenn man sich mal mit der Frage nach verschiedensten *ismen in Serien befasst, kann man sehen, wie oft solche labbrigen Themen benutzt werden um Diversität zu versuchen bzw. noch mit reinzuquetschen. So kann ich es nicht für einen Zufall halten, dass genau jetzt, wo das Drama um “Buh du hast den armen verheirateten Mann verführt!”/“Buh du bist ein Lügner!” läuft, nebenbei ein Frauencharakter als Werwolf auftaucht und ein Zwerg und eine Fee zusammenkommen – die bisher magischsten Wesen (aka “Nichtmenschen”) in der ganzen Serie.

Für mich ist das eine Art wie Ableismus in Serien aussehen kann. “Sie sind ja keine richtigen Menschen – sie kriegen Nebenschauplätze”. Auch vorher in der Serie kriegt eine Nichtmensch-Figur als solche keine Gelegenheit, mehr als ihre Funktion zu repräsentieren. Erst eine Episode später erhält sie genug Raum für mehr Tiefe – eine Folge, in der zufällig kein soziales Drama passiert.

Bin ich jetzt abgeschwiffen? Jein.
Meine Anstrengung an Liebesthemen, die so aufgebaut werden, geht sehr stark damit einher, wie die Dynamik zwischen Hauptdarsteller_innen der tragischen Verliebung und “den anderen” ist.
Die ist nämlich selten bis nie von genereller Offenheit und Miteinander geprägt.
Die gleiche Masse von Mitmenschen, die die Krankenschwester-Lehrerin feiert, weil sie sie toll und lieb und sympathisch findet, fängt an sie zu auszugrenzen und zu demütigen, als sie ihnen wie eine Verführerin präsentiert wird.

Liebe ist für mich nie dieses exklusive Ding, das ich nur für eine Person allein “aufspare”, damit ich ohne schlechtes Gewissen Sex mit ihr haben kann oder weiß, (zu) wem ich gehöre.
Liebe ist für mich viel mehr die Bereitschaft mich zu umgeben, zu widmen, mit anderen Personen oder Dingen oder Tätigkeiten zu sein.
Für mich ist Liebe, was passiert, wenn man okay mit sich und seiner Umgebung ist und bleiben möchte.

Für mich ist es verwirrend, wenn in Serien so eine Kluft zwischen der Liebe für die eine Person und der Liebe zum Rest der Welt besteht.
Eine Person, di_er kein liebe.volles Verhältnis zu Mitmenschen aufbaut, ist ja quasi gezwungen, dann alles auf eine Person (oder anderes Gegenüber) zu laden und die Dynamik, die sich daraus entwickelt, kann entsprechend ja auch nur noch so alltagsgewaltvoll sein, wie sie dann in Serien meist wird bzw. zu werden droht.
Mir kommt es unlogisch vor so zu handeln.

Unlogisch kommen mir übrigens auch solche Unaufrichtigkeiten und Lügen vor, die dann innerhalb solcher Liebeshandlungsstränge passieren.
Es ist kein “lügen aus Liebe”, wenn man Angst davor hat, man könnte die andere Person verlieren, wenn man ist, wer und wie man ist. Das ist kein Handeln aus Liebe, sondern Selbstschutz oder Taktieren in Gewaltdynamik aus Abhängigkeit(sgefühlen) heraus.

Für mich ergeben Lügen immer nur dann einen Sinn, wenn man sich im Krieg befindet. Entweder mit sich selbst oder mit der ganzen Welt.
In der Serie haben entsprechend nur die böse Königin und Rumpelstilzchen logische Gründe zur Lüge und Hinterlist.

Ach man.
Tja.

Naja.
Ich hoffe, dieses Liebesdings ist dann jetzt auch bald vorbei oder wenigstens mehr im Hintergrund. Üblicherweise verlieren mich Serien an diesem Punkt, weil es mir zu anstrengend oder langweilig wird.

Selbstverständlichkeiten

Selbstverständlich reagieren wir auf Ansprache.
Selbstverständlich machen wir mit. In diesem Leben. Dieser Welt. Diesem Lauf der Dinge, in dem wir sind, obwohl wir nie wählen konnten, ob wir darin sein wollen.
Selbstverständlich, denn wir sind ja da.
Und wenn man schon mal da ist, dann gibt es auch keine Zweifel mehr daran zu haben, was man wie wann für wen ist.
Oder?

Ich habe heute Nacht davon geträumt, wie meine Freunde von jemandem getötet wurden, der mir in meinem Haus aufgelauert hat.
In diesem Traum sagte ich, was ich meinen Freunden immer sage, wenn sie wissen, dass etwas auf mich zukommt, das schwierig, gefährlich, bedrohlich ist.
“Ich krieg das schon hin. Ist ok.”.
Sie haben das wohl nicht gehört, oder verstanden oder schlicht nicht geglaubt und wurden entsprechend vor meinen Augen abgeschlachtet, weil sie mir in das Haus gefolgt sind.
Alles was ich ab dann noch für sie übrig hatte war Wut, Hass, Aggression, den Willen das Stück Welt um mich herum zu zerstören, um es gleich mit mir zu machen.
In meinem Traum tötete ich dann aus Versehen auch noch die Person, die mir aufgelauert hatte und wachte von meinen eigenen Geräuschen auf.

Den Rest der Nacht verbrachte ich zwischen Hass und Selbst_Mordlust auf dieses Leben.
Dieses Sein, diesen unbeachteten Zwang reagieren zu müssen und doch nie den gleichen Zwang auf gehört und verstanden werden ausüben zu können.
Diese Arroganz der Einweltigen, die eigene Realität als selbstverständlich und ohne jeden Zweifel gesehen und geteilt haben zu wollen.  Diesen Anspruch an uns, uns selbst in ihre Welt einzuordnen und zwar dort, wo sie uns sehen und sein lassen können.

Es ist unser Thema seit wir nicht mehr bei der Herkunftsfamilie leben und massiv verstärkt, seit wir ausgestiegen sind.
Wir gehören nicht dazu. Wir sind kein Teil dieser Gesellschaft. Kein Mitmensch wie alle anderen auch. Und zwar nicht, weil wir uns dazu entscheiden und das so geil finden ständig und in allen Aspekten weder Fisch noch Fleisch, eingekeilt zwischen Baum und Borke zu sein, sondern weil wir nicht in der Lage sind, das was ist, als alleinig gegeben anzunehmen.

Das ist wichtig. Es ist keine Wahl. Wir sind keiner dieser bunten Glitzerleute, die normal langweilig finden und sich in Abgrenzung dessen wer weiß wie special selbstdarstellen und nach ein paar Jahren die Krise kriegen, weil sie merken, wie sehr sich diese Normalität nicht ändern darf, weil sie dann nicht mehr special sind.

Wir erleben uns fremd, weil wir uns fremd sind. Weil uns die Konstruktionen um Wert und Welt der Menschen, mit denen wir heute jeden Tag zu tun haben, fremd sind.
Für uns ist es harte Arbeit jeden Tag neu zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir von heutigen Gegenübern als Mensch gesehen und gedacht werden.
Zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir entsprechend behandelt werden, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt mitmachen wollen oder es unserem Selbstbild entspricht.

Es gehört zu dieser Welt und diesem Lauf der Dinge, dass wir in unserem (früheren) Sein nicht akzeptiert und gnadenlos, 24/7, seit inzwischen 14-15 Jahren, ignoriert und missachtet werden. Für uns gehört es dazu den Zweifel über das eigene Menschsein, das eigene Sein überhaupt, weder frei und konsequenzlos artikulieren noch leben zu dürfen.
Denn sich nicht als Mensch zu fühlen in schwierigen Zeiten oder zumindest den Zweifel an der eigenen Menschlich- und Zugehörigkeit zu dieser Welt nicht ausblenden zu können in besseren Zeiten, müssen wir uns verbieten.
Vor den einen, weil sie es als narzisstischen Zug deuten, vor den anderen, weil sie es als von Täter_innen eingeredet sehen und vor den nächsten, weil sie uns mit ihrem Mitleid quälen. Und vor den ganz nächsten, weil sie uns sowieso am liebsten tot sehen wollen, weil wir sie mit unseren ständigen Zweifeln an allem, was sie täglich umgibt und ihr Weltbild ausmacht, stören und verängstigen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass wir es hingenommen haben in unserer Präsenz gedeutet und vereinnahmt zu werden.
Dass es unser Fehler war, dem nicht von Anfang an vehement zu widersprechen bzw. in unserem Zweifel an der Richtigkeit sichtbarer zu sein.
Unser Fehler war, den Übergriff für selbstverständlich zu halten.
Für den Preis den es eben hat, wenn man sich wünscht Begleitung, Hilfe, Unterstützung, Miteinander in diesem Hier und Jetzt zu haben.

Unser Fehler war der Illusion aufzusitzen, wir könnten wirklich völlig unabhängig von dem was und wer oder wie wir sind, mit Menschen zu tun haben und in ihre Gesellschaft hineinwachsen, wie ein Fahrrad, das in einen Baum hineingewachsen wird.

Der Fehler war den Zweifel auszublenden, weil die Illusion so schön aussieht.

die Gefahren des Internet? – sicher nicht das Internet! – #sid2017

Heute ist der “Save Internet Day” (oder auch “safer Internet day”, kurz: #sid2017).
Viele Organisationen und Vereine informieren darüber, wie man sich am besten vor dem Internet schützt und geben Tipps zur Netznutzung, die unterm Strich dazu führen, am Besten in klitzekleinen gated online communities zu bleiben.
Ich halte das für nicht sehr sinnvoll.
Und das, obwohl ich sogenannte “safe spaces” unterstütze und wichtig finde.

Was ist also für mich problematisch an so manchen Ansagen, die zum save Internet day (aber allgemein auch immer wieder mal) auftauchen?
Ich sehe die größten Gefahr des Internet im Missverstehen des Internet und damit auch den Gefahren, die mit der Nutzung einhergehen.

First of all: Das Internet als Ort

Das Internet ist ein Kommunikationsnetz!
Früher gab es die Post und das Telefon. Doch als sich diese Netze als Verbreitungsweg von Propaganda, Werbeflut und mitunter Grenzüberschreitung darstellten, gab es noch keine “safer Briefpost/Telefon”-Tage. Warum?
An der globalen Verbreitung des Netz und der Möglichkeit auch anonym eine Nachricht abzusenden, kann es wohl kaum gelegen haben.

Ein weiteres Missverständnis ist meiner Ansicht nach, die Auffassung zur Quelle der Gefahren, mit denen man es über das Internet zu tun hat.
Es ist nicht das Internet. Es ist nie das Internet.
Niemals ist ein Internet auf mich zugekommen und hat mir in die Twittermentions gekackt.
Niemals wird es das internet sein, das es in Ordnung findet, meine persönlichen Daten auszuspähen und zu verkaufen.

Die Gefahren des Internet sind – as always – andere Menschen.

Menschen, die lügen und betrügen.
Ob bei Ebay, Amazon oder Facebook – viele Plattformen ermöglichen den Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Und wo der Handel ist, da ist der Beschiss nicht weit.  Nur, weil wir in analogen Geschäften an Mondpreise und andere kundentäuschende Aktionen gewöhnt sind, heißt das nicht, dass die gleichen Mechanismen über die Netzkommunikation gefährlicher für Konsument_innen sind.
Wer macht solche Aktionen? – Menschen.
Warum? – Weil sie es können.

Menschen, die Werbung für ein notwendiges Übel des kapitalisitschen Internet halten.
Hier könnte jetzt viel darüber stehen warum Facebook und andere Plattformen aussehen wie ein Werbekatalog – es ist aber nicht nur die Werbung als solche, die der Gewalt übers Netz immer mehr Vorschub leistet. Es ist die rückschtlose Gier dahinter.
Schon lange bewege ich mich nicht mehr ohne (mehrere) Adblocker von Webseite zu Webseite. Zum Einen weil Werbegewackel mich vom Seiteninhalt ablenkt, zum Anderen aber, weil sich immer häufiger Miniprogramme hinter Werbeanzeigen verstecken, die sich meine Daten zum Frühstück und meinen Rechner zum Mittagessen reinziehen.

Man kann sich einreden, dass man gegen Internetwerbung immun ist. Der Wurm, der dir deine Mails wegfrisst, weil du nichts dagegen hast, während der Recherchen für ein Projekt auch noch über Schuhe, Klamotten und eine mögliche Karibikreise “informiert” zu werden, nutzt aber deine persönliche Konsequenz dieser Überzeugung aus.

Wo kommen solche Schädlinge her? – Von Menschen.
Wer ermöglicht die Platzierung solcher Gefahren? – Menschen.

Was ist das Internet in diesem Szenario? – Das Medium. Und nichts weiter.

Wer macht so einen Scheiß?
Menschen, die (unter anderem) die technische Unversiertheit von User_innen ausnutzen.
In einer Sozialgemeinschaft, in der alle respektvoll und rücksichtsvoll miteinander umgehen, sollte es nicht notwendig sein, einen Abschluss in Kommunikationstechnik oder was weiß ich zu benötigen, um sich der Nutzung des Internet gewappnet genug zu fühlen.
In der vorherrschenden Gewaltgesellschaft, die derzeit existiert jedoch, wird es zur Pflicht, die bei Nichterfüllung zu victim blaming und dem “Rat” das Internet nicht zu nutzen führt.

Jedes Mal, wenn dir dein Antivirenprogramm oder irgendjemand anderes einredet, du müsstest deinen Schutz aufrüsten, weil du sonst selbst schuld am Systemcrash deines PC bist, redet es gerade nicht auf jemanden ein, der einen Virus programmiert oder Spammails mit Trojanern im Anhang versendet.

Das ist wichtig zu sehen.
Am Save Internet Day werden nicht die Menschen angesprochen, von denen sich ein Großteil der Nutzer_innen bedroht fühlen.

Warum? Weil mit Antivirenprogrammen, individuellen Schutzprogrammen und als safe spaces nutzbaren social media-Plattformen mehr Geld zu machen ist.
Weil Menschen in unserer Gesellschaft es verdammt nochmal gewohnt sind, für ihren eigenen Schutz zu bezahlen, statt, dass sich Forderungen nach dem Ende einer Bedrohung als wirksam erweisen.

Ich halte es für falsch, sich immer weiter in diesem gewaltkulturell geprägten und kapitalistisch motiviertem Kreisel zu bewegen, wenn es um das Internet unserer Zeit geht.
Das Internet ist schon immer nichts weiter als ein Kanal, der von Menschen bedient wird.
Zum Guten wie zum Schlechten. Zum Konstruktiven wie zum Destruktiven.

Das Internet ist kein Ort, vor dem man so warnen sollte, wie man Frauen™ davor warnt, nachts allein durch einen Park zu gehen.
Es ist auch kein Ort, wo Fremde mit Süßigkeiten in der Hand nur darauf warten, dass kleine medieninkompetente Kinder an ihnen vorbei laufen.

Das Internet ist ein Kommunikationsmittel mit dem Menschen, die Gewalt ausüben wollen, so geschützt wie sonst nirgendwo sind, weil das Internet an den entscheidenden Stellen schlicht missverstanden ist.

Hier also meine Ansagen zum save Internet day:

– sprecht über das Internet nicht als Ort, sondern als Kanal, der von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen benutzt wird
– bringt euren Kindern bei, dass ein Posting eine Aussage ist und, dass man für das, was man aussagt, immer auch die Verantwortung tragen muss – analog, wie digital!
– bringt euch selbst bei, die Verantwortung für das zu tragen, was ihr wann wie wo postet, programmiert, als Plattform zur Verfügung stellt

und: Netzpolitik ist ein Ding – macht mit, wenn ihr könnt, denn es ist unser aller Internet.

Empathie

Den vielleicht wichtigsten Wunsch für das Jahr 2017 hat @nichtschubsen geschrieben:
“Irgendwie ist es manchmal echt mühsam mit den Logikskills.
„Ich möchte über Äpfel reden.“ – „Aha, du HASST also Birnen?!“
Bitte 2017 aufhören in false binaries zu denken.
Wenn ich zwei Akteur*innen einander gegenüberstelle, sind diese dadurch nicht antithetisch.
(Antithetisch im Sinne von gegenteilig, einander ausschließend.)”

Ich musste diese drei Tweets gestern Abend noch einmal retweeten, weil sie genau in das Twitterscharmützel passten, das sich auf eine kritische Anmerkung zu einem Tweet entspann.
Ich will mein neues Jahr nicht damit anbrechen mich über einige Menschen der Autimusbubble bei Twitter auszulassen – ich möchte über Empathie und reaktives Aufstellen von Antithesen schreiben.

Die Wikipedia definiert Empathie als “Fähigkeit und Bereitschaft Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.” und fügt hinzu: “Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl gezählt.”

Mir wird es häufig zum Verhängnis, dass mein Schema zur Situationsanalyse die Frage beinhaltet, warum sich Menschen verhalten könnten, wie sie sich verhalten und welche Gefühle sie vielleicht haben.
Für mich ist diese Frage wichtig, denn sie gibt mir die Möglichkeit ein Gegenüber zu verstehen und einen guten Umgang mit ihr_ihm zu haben.
Es ist mir wichtig zu verstehen und verstanden zu werden. Ein für alle Beteiligten guter Umgang ist mir wichtig.

Mir wird diese Haltung zum Verhängnis, wenn ich an Menschen gerate, denen das entweder gar nicht wichtig ist, oder andere Dinge darüber stellen. Zum Beispiel immer Recht zu haben oder eine bestimmte soziale Rolle zu halten.

Für mich ist das Ausgrenzung und damit Gewalt.
Denn wenn ich mit Menschen zu tun habe, gibt es mich und einen anderen Menschen. Wenn ich mich und vielleicht meine Werte und Einstellungen so viel wichtiger nehme, als die Frage danach, wie ich mit anderen Menschen umgehen kann, damit es für alle okay ist miteinander zu tun zu haben, dann verwehre ich anderen Menschen die Möglichkeit zur Gestaltung eines guten Miteinander.
Das nennt man Diskriminierung, denn nicht anderes tut man damit: einschränken und damit auch: entmachten.

Mir fällt es schwer damit umzugehen, wie extrem reaktiv andere Menschen reagieren können und auch wie extrem reaktiv ich zuweilen gelesen werde.
Eine harmlose Situation war zum Beispiel ein Stipendium auf das sich eine Freundin beworben hatte.
Ich fand das Thema unheimlich attraktiv für mich und war enttäuscht, dass es für mich nicht genauso gut gepasst hätte mich dort zu bewerben, wie für die Freundin. Ich sagte ihr, dass es mich ärgert, wenn eine Trennung zwischen “Profi” und “Amateur” gemacht wird und weil ich einen anderen Aspekt missverstanden hatte, dass auch sie vielleicht gar keinen Erfolg dabei haben würde. Dann riss der Themenfaden ab, denn wir waren unterwegs.

Ein paar Wochen später erzählte sie mir, dass sie angenommen wurde und war über meine Freude für sie und ihren Erfolg überrascht.
Denn ich hatte mich ja negativ geäußert.
Ich musste ihr sagen, dass meine Ablehnung eines Aspektes nicht zwangsläufig dazu führt, dass ich mich nicht für sie freuen kann, oder dass ich die ganze Veranstaltung schlecht finde.

Etwas, was ich bei einem Gespräch in aller Ruhe mitmonologisiert hätte, hatte ich in einem kurzen Gesprächsfetzen zwischen Tür und Angel nicht miterwähnt und das Ergebnis war, dass sie es mir fast gar nicht erzählt hätte.

Das bringt mich in eine Fragestellung: Wieviel muss ich denn immer von mir mitteilen, damit ich gut verstanden werde?
Ich neige zum unempathischen Monologisieren und weiß, dass das sehr anstrengend und manchmal sogar kränkend für andere Menschen ist.
Wir neigen zu sehr langen Blogartikeln, in denen wir alles aufschreiben, die ebenfalls sehr anstrengend aufzunehmen sind.
Wenn ich es jedoch unterlasse alles aufzuführen, was ich über eine Situation denke und empfinde, dann muss ich damit rechnen meine Ansichten und damit auch mich und meine gesamte Person falsch aufgenommen zu wissen.
Was wiederum einen entsprechenden Umgang mit mir zur Folge hat, der vielleicht überhaupt nicht gerechtfertigt ist.

Im Moment sind wir in einer Phase des Anspruchs an unsere Mitmenschen.
Wir erwarten von den Menschen, die direkt mit uns zu tun haben, dass sie sich an Absprachen halten und zuverlässig sind, weil wir ihnen schon oft gesagt haben, dass es uns stark belastet, wenn sie es nicht sind. Wir erwarten ihren Respekt vor unseren Zeit- und Kraftressourcen, und erwarten von ihnen die gleiche Frage, wie wir sie uns stellen, wann immer wir mit ihnen zu tun haben: “Was geht in dir vor und welche Gründe hat dein Verhalten (oder deine Wertung, dein Urteil, deine Haltung)?”.

Diese Erwartungshaltung ist neu und wird uns noch Schwierigkeiten bringen, denn unseren Freund_innen, Gemochten und Gemögten sagen wir seltener, wenn wir sie gewaltvoll erleben oder sie uns mit ihrem Verhalten oder einer falschen Annahme kränken.
Es kann sein, dass sie den Kontakt mit uns abrechen möchten.
Das wäre traurig und gleichzeitig aber auch ein gewaltvoller Kontakt weniger, für den wir Kraft haben müssen.

Einen ähnlichen Anspruch haben wir inzwischen an Menschen, die mit uns über Twitter in Kontakt gehen.
Ich erwarte, dass mir zugestanden wird, auf meine Kraftressourcen zu achten, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
Ich erwarte, dass man versucht mich zu verstehen, statt sich selbst auf meine Kosten zu profilieren.
Ich erwarte von niemandem mir zuzustimmen oder meiner Meinung zu sein. Nicht die gleiche Haltung zu teilen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass man keinen guten Umgang miteinander haben kann oder andere Themen(aspekte) miteinander teilt. Jedenfalls nicht für mich.
Ich lebe und denke nicht in Gut-Böse, Richtig-Falsch, Mann-Frau, Erwachsen-Kind, Tier-Mensch …. Dualismen, die einander bedingen und automatisch ausschließen.

Das macht Auseinandersetzungen komplex und anstrengend. Manche Menschen haben nicht die Kraft dafür oder die Lust dazu oder bewerten aufrichtige Auseinandersetzungen anders als ich.
Für mich ist das in Ordnung.
Nur sagen muss man mir das, denn ich kann es nicht wissen, wenn man es mir nicht sagt. Gerade im rein schriftlichen Austausch.

Auch das gehört für mich zum Bereich der Empathie, die nötig ist, um einen guten Umgang miteinander zu machen: die Bereitschaft sich mitzuteilen – sich verständlich zu machen.
Wird kein Wert darauf gelegt, gehe ich davon aus, dass es in dem Moment für die Person wichtigere Dinge gibt, als verständlich für mich zu sein oder überhaupt darauf zu achten, wie es mir geht oder mich als Menschen mitzudenken.
Das ist für mich das Signal aus dem Kontakt zu gehen, denn wenn mein Gegenüber sich auf diese Art mit mir umgibt (mich also objektifiziert und diskriminiert), dann ist das Risiko für mich verletzt zu werden sehr hoch.
Völlig gleichgültig, ob das von der Person so intendiert ist oder nicht. Und auch völlig gleichgültig, um welches Thema es gerade geht, ob es ein Missverständnis gibt oder nicht, ob es um Grundsatzdiskussionen geht oder nicht.

Sobald es einer anderen Person egal ist, wie es mir mit ihrem Verhalten mir gegenüber geht, befinde ich mich nicht in einem guten Miteinander.

Ich halte meine Selbstfürsorge nicht für etwas, das ich rechtfertigen muss. Ich halte es auch nicht für etwas, das mich zu einem anderen Menschen macht oder in irgendetwas negiert, wofür ich sonst einstehe.

Wenn ich Menschen dazu ermutige, für sich einzustehen, dann bedeutet das nicht, dass sie jedwede Hilfe ablehnen sollen.
Wenn wir hier schreiben, dass wir Suizid oder Behandlungsverweigerungen, die einen Tod bedeuten (können) als selbstbestimmtes Handeln akzeptieren können, heißt das nicht, dass wir den Schmerz der Hinterbliebenen für unangemessen halten.
Wenn ich mich dafür einsetze, sich mit den Lebensrealitäten von Menschen auseinanderzusetzen, die Gewalt ausüben oder ausgeübt haben, dann bedeutet das keine Ignoranz der Leiden ihrer Opfer oder eine Entschuldigung ihrer Taten.
“Ich ernähre mich rein pflanzlich” ist bei mir kein Synonym für: “Ich hasse Fleisch(essende)”.

Meine Verweigerung, Menschen als Monster und Gewalttäter zu definieren, die ihre autistischen Kinder auf eine Art behandeln lassen, die ich selbst kritisch sehe, bedeutet nicht, dass ich die Gewalt, die da passiert legitim finde oder mich gegen Kritik daran ausspreche.

Eine Kommunikation, die so funktioniert wäre sehr einfach und manchmal kann ich verstehen, dass man lieber so miteinander umgehen möchte.
Es ist einfach, geht schnell, alles ist aufgeräumt und ordentlich. Man verbraucht wenig Kraft und muss wenig Dissonanz aushalten.

So läuft es aber nicht. Jedenfalls nicht mit uns.
Ich kann verstehen, dass wir und unsere Haltung irritieren und häufig anstrengend ins Miteinander zu integrieren sind.
Aber dieses Miteinander kann man wählen. Und gestalten.

Oder auch nicht.

Empathie oder anders bewortet: Perspektivübernahme, ist bei uns eine im Rahmen von Psychotherapie reintrainierte Fertigkeit, nachdem wir mehrere Menschen körperlich verletzt haben. Wir können nicht sagen, ob wir intuitiv mitfühlend sein können, ob wir intuitiv erfassen, was in anderen Menschen vorgeht.
Was wir sagen können ist: Wir fahren besser  mit dem inzwischen fest etablierten Schema, das die Frage danach beinhaltet, welche Gründe andere Menschen für ihr Verhalten haben.

Empathie ist ein gutes Werkzeug für uns wenig reaktiv zu denken, zu handeln und zu urteilen.
Wir wünschen uns, dass es mehr Menschen aktiv nutzen.

zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen

Was gut ist: ich lese immer seltener “die Behinderten” und auch journalistische Negativglanzleistungen wie “leidet an [medizinische Bezeichnung eines körper-seele-funktion Umstandes]”.
Das ist alles, was gut ist und das liegt wahrscheinlich an mir selbst.

Ich habe mich radikalisiert. Ich lese kaum noch Artikel über behinderte Menschen. Konsequent und so radikal, dass es meine Leseliste um 90% verschlankt hat, lese ich nur noch behinderte Menschen, die über, von und mit behinderten Menschen schreiben/filmen/anders berichten.
Das mache ich nicht, weil das der Journalismus ist, den ich mir wünsche, oder weil behinderte Menschen, die besseren Berichter_innen sind – ich mache das, weil für mich jeden Tag „internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ist.

Ich habe lange geglaubt, die Gewalterfahrungen, die ich machen musste, hätten mich als schwerbehinderte, kaputte und damit weniger werte Person zurückgelassen.
Das war gut, um die Ungerechtigkeit der Gewalt an sich und ihrem Wirken an und in mir überhaupt erfassen zu können. Das war wichtig, um in einen Trauerprozess um all die Optionen zu kommen, die es für mich hätte würde wenn eventuell vielleicht hätte geben können, wenn nicht …

Leider war das auch ein Ausdruck der opferfeindlichen und ableistischen Kackscheiße, die ich internalisiert habe und als ich dann, vor etwas über einem Jahr so sicher wie es in meinem Fall sicher sein kann, erfuhr, dass es all dieses hätte würde wenn, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst ohne die Gewalt, die mir in der eigenen Familie passiert ist, nicht für mich gegeben hätte, war es einer dieser Momente, die weh tun, weil sie von einem kaputten Selbstbild und dem Verlust der eigenen Positionierung in der Welt herrühren.

Ich bin keine behinderte Person, die danach strebt ihre Behinderungen “nicht so schlimm” zu finden oder “zu sein, wie alle anderen Menschen”.
Ich will normal sein.
Und nein, das ist kein Widerspruch – das ist eine Kampfansage an die Norm.

Vor inzwischen 9 Jahren habe ich mich dazu entschieden aus einem Kontext auszusteigen, der mich über kurz oder lang das Leben gekostet hätte.
Ich gab es auf, eine Familie zu haben und wurde zu einer Waise, deren Eltern noch leben. Ich gab es auf, einen Lebenslauf zu haben, den ich ohne kosmetische Totaloperation zu einer Bewerbung tackern kann. Ich akzeptierte, dass die bürokratischen Strukturen des Landes, in dem ich lebe, weder Biografien, noch daraus hervorgehende Bedürfnisse und Behinderungen kennen, noch angemessen zu behandeln in der Lage sind. Ich tat einen, zwei, drei Schritte von meinen mir per Gesetz zugesicherten Grundrechten zurück und spürte, wie ich endlich etwas richtig machte.
So soll das nämlich sein, wenn man aus etwas hervorgeht, das nicht vorgesehen ist.

So schwere organisierte und häusliche Gewalt zu überleben, ist nicht vorgesehen. In dieser so gestalteten Welt nicht so funktionieren zu können, wie die Mehrheit der Menschen, ist nicht vorgesehen. Plötzlich nicht mehr zu funktionieren, ist nicht vorgesehen. Plötzlich anders zu sein oder sich Stück für Stück anders zu entwickeln oder für immer und trotz allem anders zu bleiben und Worte, Gründe und eigene Werte daran zu haben, ist nicht vorgesehen.

Und was nicht vorgesehen ist, das gibt es nicht.
Und wenn es etwas nicht gibt, dann ist völlig klar, dass man sich damit weder gut noch schlecht fühlen kann. Dass man sich fern von allem (= der Norm) zu positionieren hat und ergo niemals von irgendetwas, das passiert, angesprochen und mitgemeint fühlen kann.

Behinderte Menschen sind nicht vorgesehen. Egal, um welche Art der Behinderung es sich handelt und, egal wie hoch das Maß des Funktionierens innerhalb normalisierter Umstände und Umgebungen ist.
Sämtliche Strukturen sind darauf ausgerichtet die Norm zu erkennen und mit ihr umzugehen. Für “den Rest” gibt es Sonderstrukturen und wir hier im Westen haben das Glück in einem Kapitalismus zu leben, der daraus noch Gewinn erzielen kann.
Es gäbe keine Pflegeheime, Förderzentren, Sonderschulen, Werkstätten und Spezialtechniken, würde man damit kein Geld machen können.
Es ist kein Akt der Menschlichkeit und schon gar nicht der gelebten Inklusion, Sonderstrukturen zu haben, zu nutzen oder mit Altruismus zu erklären (und zu legitimieren).

Behinderte Menschen werden durch die Option dieser Sonderstrukturen zu einer wirtschaftlichen Ressource.
Das ist wie mit Müll.
Niemand will ihn in der Wohnung haben – aber der Typ, dem die Müllabfuhr-, der Typ, dem die Halde-, der Typ, dem das Recyclingwerk- , der Typ, dem die Firma für aus recyceltem Material gemachtem Zeug — gehört (und seine vielen Angestellten, sowie der Staat, der deren Steuern bekommt), die finden Müll so richtig geil.

Diese Metapher ist schmerzhaft, ne? Es ist aber die Art schonungsloses Bespiel, das die Verachtung und Entmenschlichung, mit der behinderte Menschen jeden – wirklich jeden! – Tag umgehen müssen, am deutlichsten aufzeigt.
Und es ist die Metapher, die mir am meisten hilft für meine Grund- und Menschenrechte einzutreten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
“Würde” bedeutet: jeder Mensch ist wertvoll.
Auch dann, wenn er nicht mitbedacht, nicht vorgesehen ist.

Menschenrechte gelten universell und niemand braucht mehr als die eigene Menschlichkeit um zu dieser Party eingeladen zu sein.
Niemand braucht mehr als das, um ganz üblich in seiner Würde und seinem Wert unangetastet zu sein.

Wenn es jedoch um den normierten Alltag geht, wird eine andere Party gefeiert, denn hier muss niemand über die eigene Menschlichkeit nachdenken.
Hier sind alle Menschen, die nicht vor der Treppe am Eingang, der Beschaffenheit der näheren Umgebung oder dem sozialen Code zum Einladungserhalt (und vielem mehr) gescheitert sind.
Es ist schwierig sich als gleichartiger Mensch zu erleben, wenn man permanent gezwungen ist, eine Subparty vor der Haustür oder im Begegnungszentrum drei Blocks weiter zu veranstalten und sich selbiges auch noch schön zu reden, weil „es ja auch schlimmer sein könnte und man ja niemanden zwingen kann, die Party einfach grundsätzlich woanders zu starten“.

Es ist diese fatale Normalität des Ausschlusses und der Abgrenzung, die mich unnormal macht und mir aufbürdet mich einzugliedern und anzupassen, um als Mensch anerkannt zu werden.

Ich will nicht normal sein, um besser und wertvoller zu werden, als ich jetzt bin.
Ich will normal sein, um von Staat und Gesellschaft als Mensch anerkannt zu werden und den täglichen Kampf um Gleichberechtigung, Partizipation und Selbstbestimmung beenden zu können.

Am „internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen“, geht es darum, genau das deutlich zu machen.
Egal, ob jemand ausschließen will oder nicht – egal, ob jemand behinderte Menschen ausgrenzen will oder nicht – egal, ob jemand “nichts gegen Behinderte hat” oder vielleicht doch – egal, wie gut oder schlecht eine nicht dauerhaft und global behinderte Person einer behinderten Person das Leben ermöglicht – der Ausschluss und die Entmenschlichung behinderter Personen ist real und passiert jeden Tag.

Das aufzuzeigen und/oder in Erinnerung zu rufen, ist alles, was so ein spezieller Tag leisten kann.
Etwas dagegen zu tun und die Universalität der Menschenrechte in die Lebensrealität aller Menschen gleich zu implementieren, das ist etwas, das mehr braucht.

Man muss es aber gewähren wollen.
Ohne selbst etwas dafür zu verlangen.

Gleichzeitigkeiten

Zum Erinnern an frühere Gewalterfahrungen kommt für mich inzwischen auch Stück für Stück das Erinnern an das Inmitten_Erleben in diesen Situationen. Neben der Erkenntnis, dass ich die Ereignisse, die ich als verschwommenes Dämmern oder Erinnerungsgrollen in meinem Denken und Fühlen wahrnehme, tatsächlich durchlebt habe, ergibt sich in der Traumatherapie auch die wachsende Idee davon, kein 100% passives, dumpfes Wesen mit geistiger Nulllinie gewesen zu sein.

Ich will es nicht verklären – ich merke, wie fieberhaft manche Innens die Situationen zu berechnen und einzuschätzen versuchten. Ich merke, welche dissoziativen Phänomene jeweils überhaupt erst ermöglich(t)en, dass bestimmte Strategien sich in bestimmten Innens haben entwickeln können (und bis heute bestehen).
Ich will nicht sagen: „Obwohl die Welt gebrannt hat, blieben wir cool.“ – das wäre falsch.

Aber ich will sagen: „Während die Welt gebrannt hat, ist etwas in uns vorgegangen.“ und setze in Klammern hinzu: (das mir hilft).
Auch das will ich richtig verstanden wissen: Es hilft mir heute – und Punkt.
Es hat nicht geholfen zu überleben, es hat nichts erträglicher gemacht – es war einfach nur auch da und hilft mir heute.

Ein Beispiel hat mit einer Taube, deren Gefieder braun-weiß gesprenkelt war, zu tun.
Sie war auf dem Fensterbrett eines Zimmers gelandet, in dem andere Wir’s von uns verletzt wurden.
Alles was war, passierte – Schonhaltungen, Täter_innenfokus, der Sprint der Kognition hinter der körperlich-seelischen Überreizung her – und gleichzeitig auch eine Erinnerung an (einen erst weiß-braun gesprenkelten) Kakao in einem Topf, auf einem Herd, in einer Klinikküche, in einem Moment, in dem es eine Idee eines Okay-Gefühls gab.
Nicht lange – aber lange genug.
Wofür auch immer.

Das bedeutet nicht, dass ich oder diese Wir’s damals nicht gelitten haben. Oder diese Gedanken nur deshalb da waren, weil es so schlimm war.
Es fällt mir schwer an die Theorie zu glauben, nach der sich überreizte/gestresste Gehirne in eskapistische Schleifen verirren, um sich zu entlasten.
Je mehr ich erinnere, desto mehr komme ich an die Überzeugung, dass solcherart Gedanken da waren (und heute erinnerbar sind), weil sie Teil der Gleichzeitigkeit dieser Situation waren.

Für mich ist die permanente Gleichzeitigkeit von allem der Grund, weshalb mir der Alltag und verschiedene Tätigkeiten darin schwer fallen.
Für mich ist es zum Beispiel schwierig zu entscheiden, wann ich dran bin etwas zu sagen, weil ich nicht durchgehend sicher priorisieren kann, was für wen wie wo und warum relevant und überhaupt wahrnehmbar ist. Woher soll ich wissen, ob mein Gegenüber es nicht so schlimm wie ich, findet, wenn der Klang meiner Stimme asynchron und allgemein dissonant mit dem Klang des Lampentickens ist? Welche Parameter gibt es für so eine Entscheidung?

Gewaltsituationen sind für mich ein Stück Lauf der Dinge, in dem die übliche Gleichzeitigkeit in einem Zustand wahrgenommen wird, der im und am Körper mit Gleichzeitigkeiten zu tun hat und deshalb als überreizend, überbordend, unaushaltbar einzustufen ist.
Mit dem Erinnern heute kommt das Gefühl der Vertrautheit dessen, was schon früher schwierig war und sich bis heute kaum verändert hat – obwohl heute heute ist.

Ich dachte oft, die Menschen, mit denen ich über eine Gewalterfahrung sprach, nähmen mich nicht ernst, wenn sie sich auf bestimmte Aspekte oder Dynamiken innerhalb der Erfahrung konzentrierten und andere Dinge ausgeklammert ließen.
Heute verstehe ich, dass wir einfach anders erfassen und auch in Gewaltsituationen früher anders erfasst haben, was passierte. Für uns passierte schon damals immer alles (mal mehr mal weniger gut voneinander abgrenzbar) gleichzeitig und ein Großteil unserer kognitiven Ressourcen ging (und geht) in die Vereinzelung der Dinge, obwohl wir allen Dingen den gleichen Wert in Raum, Zeit, Ist, zuschreiben, um mit anderen Menschen darüber sprechen zu können.

Aus einer Situation, in der ein Tagesplan kaputt geht, eine Heizung rauscht, eine Uhr tickt, Kleidung raschelt, 5 verschiedene Menschengeräuschdynamiken passieren, die Haare zwischen Kopf und Boden reiben,  meine Haut andere Haut fühlt, Schmerz passiert, nicht klar ist, welche Bewegung oder Handlung erwartet/gefordert ist, Ekel passiert, Angst passiert, das faszinierende Webmuster eines Stoffs vor Augen tausend Fragen in den Kopf schüttet, ein Kühlschrank pfeift, der Geruch von Büchern und Holz von Menschenkörpergerüchen bedrängt wird, eine Enge im Hals nicht zum Geräusch passt, das aus ihm kommt, eine Sockennaht schmerzhaft auf den kleinen rechten Zeh drückt … muss ein Satz werden, der nur noch die Informationen erhält, die für andere Menschen in etwa nachempfindbar sind, sonst verstehen sie die Schlimmheit des Moments für mich nicht.

Ich muss vereinzeln, reduzieren und damit auch meine Erfahrung kleiner_reden.
Manchmal passiert es dann, dass ich darüber bei scheinbar neutralen Sätzen wie: “Eine Person hat eine andere verletzt” lande, während für mich bereits die Benennung meiner Selbst als “Person” (also “Mensch” oder auch “Individuum” aus den Räumen “Menschenrechte” und “Seele”) für mich bereits hochgradig aufgeladen erscheint. Die Dichte unserer Vereinzelungen wird häufig nicht wahrgenommen. Der Umstand, wie stark wir vereinzeln und wie viel Energie wir daran verlieren diese Sortierungen vorzunehmen, wird häufig nicht wahrgenommen.
Heute erlebe ich es als wichtig mir das klar zu machen, wenn ich mich nicht ernstgenommen fühle.

Es ist wichtig, weil es auch die eigene Sortierung des erinnerten Inmitten_Erlebens betrifft.
Für uns ist ein Gedanke an Hausaufgaben während einer Vergewaltigung nie ein random Brainfart gewesen, der vernachlässigbar ist, weil der Kontext wichtiger ist oder die Bedeutung des Ereignisses oder seine Auswirkungen im Heute.

Ich merke, dass wir unseren Auftrag an die Traumatherapie verändern müssen, weil unser Zugang ein anderer ist.
Merke, wie sehr für uns selbst weder relevant ist, wie oder warum moralisch falsch oder justiziabel, noch wie schlimm oder zwingend wieder gutmachbar war, was wir erfahren haben.
Es geht nicht darum bestimmte schmerzhafte, quälende Handlungen an unserem Innern und seinem Körper zu erinnern oder bestimmte Kränkungen oder Zwänge, oder Ängste, denen wir ausgeliefert wurden. Es geht auch nicht darum zu ergründen, warum und für wen das passiert ist.
Für uns ist das, egal in Bezug worauf, nicht das Einzige, was uns dazu bringt über eine Gewalterfahrung zu sagen: “Das war so schlimm, dass wir das nicht verarbeiten konnten” oder auch “Das war so schlimm – ich kann mich gar nicht konkret erinnern.”.

Deshalb hilft mir die Erinnerung an auch solche Gedanken in Gewalterfahrungssituationen.
Und auch: deshalb tröstet mich die Erinnerung an solche Gedanken, denn sie zeigen mir, dass meine Annahme von Gewalt als alles abtötendes Gift in einem Menschen vielleicht falsch ist.
Sicher ist sie schlecht für die Entwicklung eines Menschen. Sicher ist sie schlecht für achtsam respektvolles Miteinander. Sicher kann sie töten.

Aber daneben ist sie dennoch immer auch nur ein Anteil einer Gleichzeitigkeit.
Und wir tragen mit unserer Anpassung an Menschen mit anderem Wahrnehmen als wir dazu bei, dass genau das aus dem Blick gerät – obwohl wir das gar nicht wollen. Wir vereinzeln unser Erfahren solcher Situationen – und wundern uns, warum wir im Innen so vereinzeln bleiben. Wir verdichten unsere Worte dafür – und wundern uns über Miss- und Unverständnis oder fühlen uns umgeben von Menschen, die scheinbar gar kein Erfahren mit uns teilen.

Hm.

Tag mit Macke

Es ist 6 Uhr 38 als ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, um zur Schule zu fahren. Unser Unterricht beginnt um 7 Uhr 30 und ich bin beschwingt es geschafft zu haben, in die perfekte Bahn steigen zu können. Sie ist fast leer, ich setze mich mit NakNak* auf “unseren” Platz, verstaue Ranzen und Sportbeutel unter mir.
Der Morgen lief glatt, der Tagesplan scheint einhaltbar.

Bis wir an der Umsteigehaltestelle aussteigen und sehen, dass die Bahnen in falscher Reihenfolge abgefahren sind. Wir müssen 10 Minuten warten, bis wir erfahren, dass unsere nächste Bahn 20 Minuten verspätet ist.

Der Bahnsteig wird voller. Jetzt strömen die Schulkinder durch die Halle, von zweien kann ich die in NakNak*s Richtung schießenden Hände umlenken, ein drittes spreche ich bereits an, als es uns viel zu nah kommt.

Ich könnte heulen, weil mir der ganze Tag durch die Finger rinnt und ich nichts tun kann, als auszuhalten. In der Schule zu fehlen, macht mir Stress – völlig egal, wie ich die Gründe dafür bewerte. Es stresst mich, weil es Mehrarbeit bedeutet. Weil ich nicht unzuverlässig sein will. Weil mich interessiert, was wir da machen und wissen will, was wir dort zu wissen erfahren dürfen. Weil es einfach der Plan in der Woche ist, zur Schule zu gehen.
Es ärgert mich, wie schlecht der Bahnbetreiber auf solche Fälle zu reagieren in der Lage ist. Ich ärgere mich darüber, wie ich wegen NakNak*s Unterstützung von weitem angeguckt werde, während ich so einen Druck erlebe und in getriggerte Gefühle rutsche.

Als ich trotz der Ohrstöpsel alles noch lauter wahrzunehmen beginne, raffe ich meine Sachen und wechsle das Gleis. Steige in die Bahn zurück nach Hause.
Komme in der Wohnung an und zerfalle zu einem Bündel Krampf und Tränen, als die Tür hinter mir zu ist.
Und merke wie groß der Hass für mich selbst in diesem Moment ist.

Weil es doch nur so eine kleine Macke im Tag ist. Weil ich mich doch an x vielen anderen Tagen erfolgreich durch solche Situationen kämpfen konnte. Weil ich nicht verstehe, wie mir solche Ereignisse so einfach den Boden unter den Füßen wegreißen können und mich in einem Zustand zurück lassen, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mich als “Ich”, geschweige denn als ein Wesen mit “Selbst” zu erleben.
Es erschreckt mich so tief und unerwartet – obwohl ich es fast jeden Tag erlebe.
Obwohl ich weiß, dass es Gründe mit Wörtern dafür gibt, die in sich erklären, warum es an manchen Tagen kein Problem ist und an manchen jedoch sehr stark.

In unserem Umfeld ist niemand, di_er uns sagt, dass wir irgendwas schaffen müssen oder sollen.
Immer wieder sagen uns Menschen, dass wir uns mit oder wegen der Schule keinen Stress machen sollen und manchmal erlebe ich mich dabei gekränkt. Denn ich will schon auch jemand sein, an die_n man Erwartungen richtet, wie an alle anderen Menschen auch.
Ich will nicht, dass man davor kapituliert dysfunktionale Strukturen (wie zum Beispiel ein all morgendlich wackeliges Verkehrskonzept) zu verändern oder sich verkneift mir zu sagen, welche Teile meiner Strukturen ich zu verändern mal überlegen sollte, weil man sich von vorherein überlegt, keine Erwartungen zu haben.

Mein Schulbesuch ist nicht so etwas wie dieses Blog hier oder das Podcast oder das Nachwachshaus, wo wir enorm viel Zeit, Kraft und Arbeit investieren, weil wir das um das Projekt selbst willen gerne möchten. Es ist etwas, was durchzuziehen sehr schwer wird, wenn man von allen Seiten den Eindruck bekommt, dass es seltsam pseudoirrelevanter Quatsch ist, den wir wider besseren Wissens so angefangen haben, wie wir ihn angefangen haben.

Jedes Mal, wenn uns – und ja tut mir leid, vielleicht ist die Trennung jetzt blöd – nicht autistische/behinderte/traumatisierte Menschen sagen, ihre Ausbildung/ihr Alltag/ihr Leben sei ja auch nicht einfach, aber wir hätten uns ja dazu entschieden das jetzt zu machen, sagen uns damit gleichzeitig auch: “Dann mach es doch einfach nicht. Mach dir keinen Stress, lass es einfach bleiben. (Ist doch sowieso Quatsch – du kannst das doch schon alles.)”.
und lassen uns mit einem Gefühl zurück, das wir niemandem wünschen.

Wenig von dem, was uns im Moment begegnet ist etwas, womit wir rechnen konnten.
Wir sind zuletzt in Zeiten zur Schule gegangen, in denen wir weder Hunger noch Durst, noch Schlafbedürfnisse kannten. Wir saßen teils massiv verletzt in Klassenzimmern und kompensierten dabei eine Behinderung von der wir nicht einmal wussten, dass es eine ist.

Wir kennen die Welt außerhalb von Hartz 4 und der entsprechenden Isolation nur in diesem Modus und sind jetzt nicht nur in der Situation etwas Neues zu erleben und neue Dinge zu lernen. Wir selbst sind anders und neu für uns in dieser Situation und erleben es im Moment oft so, dass unser Außen es nicht schafft, diesen Komplex aus mehreren Ebenen der Unsicherheiten gepaart mit dem überall passierenden Ableismus und unserem Komplex in uns selbst zu erfassen und zu sehen.

Das heißt nicht, dass wir uns in unserer Belastung ungesehen fühlen oder, dass wir finden, alle müssten viel mehr für uns da sein – es heißt einfach nur, dass wir uns allein mit einer komplexen Situation erleben, die wir weder so mitteilen können, wie sie in allen Einzelheiten für uns ist, noch für uns selbst in irgendeiner Form sortieren und verarbeiten können.
Das ist nicht damit lösbar, dass uns unsere Leute flauschen oder sagen, dass sie uns verstehen. Vielleicht macht genau der Umstand, dass unsere Leute das tun, es sogar noch schlimmer, weil Flausch und Verständnis nicht sind, was wir brauchen, um uns mutiger, kräftiger, selbst_sicherer vor dem Er_Leben fühlen, das uns begegnet und in uns wirkt.

Es ist 8 Uhr 30, als ich mit einer Tasse Tee am Fenster stehe und darüber nachdenke, was wir heute noch schaffen können.
Ich setze mich hin, fange an zu schreiben und merke, wie dieser Tag mit Macke von Wort zu Wort zu einem anderen Tag wird.

Zu einem Tag mit Macke, an dem wir eine Freundin besuchen, in die Bücherei gehen und das Wochenende am Nachmittag beginnen lassen.

die erste Woche nach den Ferien oder: Was alle verstehen

Ich wollte diesen Artikel gerade  mit: “Es gibt nicht viele Momente, in denen mir bewusst ist, dass ich es in der Schule zu 90% mit Menschen zu tun habe, die bis zu 15 Jahre jünger sind als ich.” einleiten und bemerkte, wie unsinnig diese Aussage ist, wenn ich doch ein paar Absätze später erzählen will, dass ich sie schon wieder angemeckert habe.

Aber ich muss ein bisschen ausholen. Eine Woche weit muss ich ausholen. Mir einen diffusverwolkten Lautklumpen auf die Werkbank donnern und die Wortfeile zücken. (Vielleicht stellen sie sich jetzt ein Werkstattgeräusch vor – das verstärkt den Effekt meiner hier hingeschriebenen Bilder)

Es ist die erste Woche nach den Ferien gewesen. Alle waren mehr oder weniger voll von zu teilenden Geschichten – der Abstand hatte sich verringert – Grenzen und Fassungen aufgeweicht. Nicht nur in unserer Klasse, die sich so viel zu erzählen hatte, dass die 15 Minuten der Unterrichtspausen und die vielen anderen Minuten des Tages, an denen kein Unterricht passiert, nicht reichten.

In den letzten 5 Tagen gab es keine Pause für uns in der Schule. Einmal gab es eine für NakNak* – das war am Donnerstag als wir 8 Stunden hatten und in der Mittagspause in den Wald gegangen sind. Ansonsten huschten wir durch die Schulflure auf der Suche nach einer Ecke ohne Hall und Durchgangsverkehr, um uns über den Tages- und Arbeitsabläufe zu versichern, Testinhalte durchzugehen und etwas zu essen.
Auf den Schulhof zu gehen ist jetzt schwierig. Kalt und nass findet unsere Blase in der Regel scheiße. Da wir uns auf selbige und ihre Signale nicht zuverlässig verlassen können, wäre draußen zu sitzen jetzt zwar erheblich ruhiger, aber im Nachhinein vielleicht das Letzte, was wir brauchen.
So gingen wir also durch die Schulflure, wie alle anderen Schüler_innen auch.

Und wurden angeguckt und begafft.
Wir kennen das und merken trotzdem, wie es uns zertriggert, wenn das passiert. Wir wissen alles darüber, warum Menschen das tun und dass das nichts mit uns zu tun hat – jatta jatta – es ist trotzdem schwierig für uns, damit umzugehen. Denn immer wieder aufs Neue passiert das. Als würde diese Schule jeden Tag neue Schüler bilden, wie der Körper seine roten Blutkörperchen.

In dieser Woche wurde NakNak* hinter mir her angelockt, angefasst, gestreichelt. Wir wurden angepfiffen, um die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu ziehen. Und auch hier: Wir wissen, warum Menschen das tun. Wir wissen, wie normal solche Grenzüberschreitungen unter Menschen sind. Und trotzdem machen sie mich unheimlich wütend, unfassbar traurig und letztlich: müde –  müde für andere Menschen.
Diese Menschen. Die nicht verstehen, wenn es ihnen niemand sagt und erklärt. Die einfach noch so jung und spontan, unbedacht und an manchen Stellen anders gereift sind, als ich.

NakNak* hat in ihrer Ausbildung gelernt, sich nicht ablenken zu lassen. Das ist jetzt etwa 5 Jahre und viele Millionen beschissen gelaufener Grenzüberschreitungen her. Sie funktioniert nicht mehr ganz genauso wie damals und wir wissen das. Wir trainieren jeden Tag und verlieren das nie aus den Augen – und doch. Jede Zeit unter Menschen, die nicht mit ihr und uns im Training sind, grätscht uns mit ihrer Normalität in ebenjenes Training rein.

Um so ärgerlicher wird es für uns, wenn wir dann in solchen Situationen dezidiert ausgegrenzt werden – NakNak* jedoch nicht.
Ja ups- da passiert Ausgrenzung. Wir werden nicht etwa angesprochen, ob der Hund gestreichelt werden darf. Warum wir mit dem Hund da sind. Was “Assistenzhund” bedeutet. Häufig wird sich nicht einmal unser Gesicht angeschaut. Wir sind nur der kopf(seele-geist)lose Körper zu dem, worauf die Aufschrift auf der Decke dieses niedlichen Assistenzhundes hindeutet. Wir sind die Hülle um das Fremde, das Unheimliche, das irrational Aversive. Der Hund ist okay. Der ist ja nur ein Hund.

Am Mittwoch stand ich morgens in der vollen Bahn mitten im Gang und wartete darauf, dass der Platz für behinderte Menschen frei wurde. Ich hielt mich mit beiden Händen in Balance an den Haltestangen über meinem Kopf. Währenddessen griff ein neben mir sitzender Mensch meinen Oberschenkel streifend an mir vorbei, um die vor mir sitzende NakNak* zu streicheln. Das Gesicht weich und selig lächelnd.
Wie hätte ich da reinboxen können?

Es war diesem Menschen nicht klar, dass seine Berührung etwas in mir an Situationen in Todesängsten erinnerte. Wahrscheinlich hatte er sie nicht einmal bemerkt, denn mich hatte er von dem Hund wegdissoziiert. Abgespalten und weggemacht.

Keine drei Stunden später ging ich durch einen Flur an einem Schülergrüppchen vorbei aus der sich ein Schüler löste und NakNak* im Vorbeigehen zu streicheln versuchte.

Am Donnerstagmorgen wartete ich zusammen mit Schüler_innen meiner Klasse vor einem Raum auf die Lehrerin. Aus einer der Schülergruppen um uns schallten Pfiffe zu uns. Übliche Lockpiffe, die ich für mich durch den Raumhall des Flurs nicht orten konnte. Ich wurde unruhig – NakNak* wurde unruhig. Noch ein Pfiff. Und noch einer. Inzwischen schauten uns alle Umstehenden an. Ich verlor die Beherrschung und rief in irgendeine Richtung: “Hör auf mit dem Scheiß!”. Antwortendes Lachen aus der Halle.
Trigger Trigger Trigger
Wir hätten gehen sollen. Hätten gehen können.

Alle hätten das verstanden.
Aber genau das ist das Problem.

Alle verstehen, wie problematisch so ein Verhalten für uns ist – doch genauso verstehen alle, warum dieses Verhalten passiert.
Und alle geben sie mir an die Hand, dass ich mich damit abfinden soll, weil es ja nicht zu ändern ist. Sie geben mir das Problem in die Hand.
Ich – wir sind die Person, die sich damit arrangieren soll, dass Menschen auf das beste Hilfsmittel, das unter Anderem dabei hilft, in Kontakt mit Menschen zu gehen und zu bleiben, so reagieren, dass ich am liebsten nie wieder mit Menschen zu haben haben will.

Wir wollen nicht jedes Mal alles von uns und unseren Problemen preisgeben müssen, um Menschen zu erklären, was ein Assistenzhund ist und was NakNak* genau tut.
Wir wollen unsere Grenzen sowohl als Mensch, als auch als Mensch-Assistenzhund-Team gewahrt erfahren dürfen, ohne uns auf eine Art zu öffnen, die für andere Menschen vor Fremden nie in frage käme. Es ist unser gutes Recht das einzufordern – selbst vor jenen, die meinen, weil wir offen zugänglich ins Internet schreiben, würden wir doch genau so etwas ganz toll finden!

Wir können nichts dafür, dass die Umgebung, in der wir uns bewegen (wollen) müssen so gemacht ist, dass wir am Besten mit einer hundischen Assistenz an der Seite darin funktionieren. Wir können nichts dafür, dass die Lebensumgebungen der selbsternannten “Normalen” oder “Nichtbehinderten” so frei von Menschen sind, die behindert sind und/oder werden, dass wir einen seltenen Anblick bieten.

Wir können nichts für all die Hindernisse zwischen den auftauchenden Fragen an uns als behinderte Person und dem Mut, sie auch zu stellen.
Wir sind nicht verpflichtet, die Kompensation unserer Behinderungen zu erklären. Wir sind nur verpflichtet die Kompensationsmöglichkeiten für andere Menschen nicht mit unseren Kompensationsmitteln- und wegen einzuschränken.

Es ist – und ja jetzt lasse ich mich hinreißen, man möge es mir verzeihen – ein verdammt netter Service und manchmal auch das undankbarste Ehrenamt, dass wir jeden Tag neu versuchen, freundlich, offen, besonnen und ruhig auf Menschen zuzugehen, für die wir fremd und beunruhigende Gefühle auslösend wirken.
Dieser  Aspekt wird nicht oft benannt in der Inklusionsblase – das scheißnette Immerlieb und Dauergelächel, dass sich für manche behinderte Menschen zu Recht wie ein viel zu enges Kostüm anfühlt und doch immer wieder nötig und wichtig ist.

Denn klar: für uns fühlt es sich immer gleich an, wenn sich irgendwelche Menschen irgendeinen dieser Makro-Mikro-Megafails an uns und unserer Menschenwürde erlaubt – doch es sind eben doch immer wieder andere Menschen. Mit anderen Hintergründen, mit eigenen Geschichten und Arten zu er_leben.

Das macht die Anstrengung nicht geringer. Das macht es nicht weniger frustrierend. Doch es ist wichtig.
Menschen, die mit uns umgehen, zu sehen und als eigene Individuen anzuerkennen, ist vielleicht nicht direkt funktional in dem Sinne, dass es etwas für uns macht, doch es ist wichtig für das, was wir diesen Menschen entgegenbringen: Respekt und den Raum gemeinsam mit uns zu sein, wie sie sind – nicht wie wir sie haben wollen und vielleicht auch manchmal brauchen.

Ich habe heute – nach einem Test, einer frustrierend anstrengend verwirrenden Unterrichtseinheit “Kommunikation” und zwei weiteren Pausen, in denen NakNak* und ich angegafft wurden, unseren Lehrer bequatscht, einen angekündigten Test doch heute bitte nicht mehr zu schreiben und stattdessen nochmal lieber die Aufzeichnungen durchzugehen und Erklärungen zu bekommen.
Das tat ich für mich (die auf dem letzten Loch pfiff und den Test, wegen vieler Fehlzeiten schlicht versemmelt hätte) und die Klasse, die sich in den letzten Tagen noch versuchte gegenseitig zu helfen, es jedoch nicht schaffte, weil niemand wirklich verstanden hatte, worum es ging.
Der Lehrer ließ sich drauf ein, die Schüler fanden es gut und schafften es sogar, sich einen ganzen Teil der Stunde nicht wie eine umgekehrte Stille Post – Filiale zu verhalten.

Bis ein neues Arbeitsblatt ausgeteilt wurde.

Nach 3 Minuten erinnerte ich mich daran, dass sie erst 15, 16, 17 … sind. Nach 5 Minuten sagte ich mir, dass der Lehrer bestimmt – ganz bestimmt bitte gleich was sagt. Nach 10 Minuten brüllte ich sie an. Fragte sie, ob sie überhaupt merken, wie unfair sie sich gerade mir gegenüber verhalten.
Ja und plötzlich konnte der Lehrer etwas sagen. Plötzlich konnte es still sein.
Die Stunde wurde beendet – ich hatte weder den Arbeitsauftrag noch die Wege zur Bearbeitung mitbekommen. Die Klasse tobte aus dem Gebäude – ich brauchte noch 20 Minuten obendrauf.

Ich weiß alles das, was man mir spontan dazu sagen will, um zu verstehen, was da passiert ist. Ich will aber keine spontan gesagten Zumirschiebephrasen mehr über solche Situationen. Ich will nicht verstehen müssen, was da passiert ist.
Manchmal – und gerade nach so einer Woche – will ich, dass mich jemand fragt, ob der Krach, das Viel der Klasse schlimm weh getan hat. Ob ich damit umgehen kann. Ob ich okay bin. Wie ich es in mein Bild von uns verarbeite, einen Overload nach dem anderen nicht wegkompensieren zu können.

Dann will ich, dass mir jemand sagt, ob ich mich verständlich ausgedrückt oder alles komplett falsch gemacht habe. Weil: laut sein und meckern, ist ja auch irgendwie nicht “normal” (und wieso genau das eigentlich alle™ so normal finden – ich werde das wahrscheinlich nie verstehen!)

Ich hätte gern anerkannt, dass ich nicht 24/7 als vermittelnde Auf- oder Erklärer_in oder Öffentlichkeitsarbeiter_in unterwegs bin, sondern immer nur dann, wenn ich das auch leisten kann.

Wenn wir in der Schule sind, sind wir privat unterwegs.
Da brauchen wir selbst Hilfe.
Jedoch nicht, weil wir andere/mehr Behinderungen kompensieren müssen, als andere oder, trotz unseres höheren Alters, sondern, weil wir nicht alleine dort sind.

Alleine muss man nur dann alles schaffen, wenn man alleine ist.
Wir sind nicht mehr alleine.
Wir sind Schüler_in.
Zusammen mit den über 20 Schüler_innen in unserer Klasse.
Zusammen mit den über 1000 Schüler_innen an der Schule.

Es kann nicht nur unsere Aufgabe sein, zu verstehen und zu akzeptieren, was da passiert, nur weil es uns (scheinbar) allein behindert und weh tut.