Gegenwart ist auch nur ein Abstand

Die Erkenntnis der Abstände hat mir meine Lehrerin für Werken im Jahr 1994 ermöglicht, nachdem mein dritter Anlauf für ein Werkstück zerknüllt auf dem Tisch lag und ich zwischen Frustheulen und Frustummichhauen auf meinem kippeligen Stuhl vibrierte.

Wieder hatte ich etwas falsch abgemessen, wieder passte nichts zusammen und die Bummelletzte war ich auch schon wieder.
Werken – ich mochte nur meine große weiche Lehrerin.
Die Metallscheren machten ein ekelhaftes Geräusch beim Schneiden, der Kleber stank, der Raum war unübersichtlich und die Vielzahl der Umsetzungsoptionen für einzelne Arbeitsschritte, setzte dem Stimmengewirr um mich herum, ein Analysengewirr im meinem Kopf hinzu.
Werken – es war scheiße mit dir.

Aber.
Das Geheimnis von Zeit und Raum konnte sich mir dort erschließen.
Das Geheimnis ist: Abstand.

Ich kann mir nichts Exakteres vorstellen, als den Abstand zwischen Punkt 1 und Punkt 2 und den Abstand zwischen Tick und Tack.

Seit dem Werkunterricht des Jahres 1994 hatte ich nie wieder Probleme irgendetwas abzumessen, nachdem mir meine Lehrerin erklärt hatte, welche Seite des Zentimeterstrichs die ist, von der ausgehend ich abnehmen sollte.
Wenn ein Zentimeterstrich selbst fast 2 Millimeter dick ist, dann ist das eine relevante Information für mich und ich kann mich erinnern, wie tief es mich beruhigt hatte, dieses Geheimnis gelüftet zu haben.
Abstand.

23 Jahre später stehe ich 2 – wenn ich einen guten Tag habe 3 – Mal in der Woche in einer Werkstatt und binde Bücher oder stelle Broschuren her.
Ich bin immernoch die Bummelletzte, brauche immernoch mehr als einen Anlauf für eine Aufgabe, habe nachwievor meine Alleshinschmeißfrustmomente, aber ich habe noch immer meine weiche Werklehrerin im Ohr, die mir bei jedem Mal sagt, dass es um einen Abstand geht.

Um eine Lücke also. Ein Stück Nichts, das zwischen zwei Dingen passiert.
Einen Zentimeter kann man nicht erschaffen – man kann ihn nur definieren. Also einrahmen. Der Rahmen ist, was erkennbar macht, dass es ihn gibt.

Man sagt immer so leichtfertig, beim Handwerk ginge es um die richtig konkreten greifbaren Dinge. Handwerk, das sei so bodenständig und einfach.
Tatsächlich ist der Beruf des Handwerks jeder Art einer, der dem Nichts etwas abtrotzt, das erst dann konkret da ist.
Handwerk ist, wo übers Defizit definiert wird.

Handwerk ist, vor Nichts zu stehen und keine Angst davor zu haben, weil man weiß wie Abstand herstellbar ist.

Die Erfahrung mit handwerklicher Arbeit erleichtert mir heute auch den Umgang mit dem Viel und Alles aus dem Trauma. Dem ES und DAS DA, das soviel ist, dass es ein neuronales Nichts für mich wird.

Manchmal stehe ich inmitten dessen, was Alltag ist und merke, wie ES an mich heranquillt und so dicht wird, dass die Zeit aus ihrem Rahmen von Tick und Tack gedrückt wird.
Da hilft es mir nicht, mir zu sagen, welchen Tag wir haben. Ein Tag hat 24 Stunden – ein Moment aber nicht. Das Ist, das Hier und Jetzt hat keinen anderen Rahmen, als das Wort selbst.
“Hier” ist nur so lange, wie ich “Hier” sagen kann. Dann ist es weg und nur theoretisch überhaupt je gewesen.
Hier und Jetzt – Gegenwart – so sicher und nicht zerstörerisch, wie es auch ist, kann nur von Zukunft und Vergangenheit gerahmt werden und dann sein, was es ist.

Ich habe also eine Schnur bei mir.
Eine Schnur mit kleinen Knoten, die für Dinge stehen, die in der Vergangenheit waren, an einem Ende und Knoten für Dinge, die in der Zukunft sein sollen, am anderen Ende.
Alles, was ich tun muss ist, diese Schnur in die Hand zu nehmen. In der Mitte. Denn in dieser Mitte bin ich. Eingerahmt von meiner weichen Werklehrerin 1994 und dem Praktikum in einer kanadischen Buchbinderei im Jahr 2020.

Gegenwart ist auch nur ein Abstand.
Nichts, was man sich nicht selbst definieren kann.

Flashbacks

“Guck mich an.”, sagt sie. “Guck mich an – es ist vorbei.”.
Während sie das sagt, torkelt mein Blick durch Raum und Zeit. Streift die optischen Inseln im Raum. Das Whiteboard mit unserem Wochenplan drauf. Die goldene Folie auf der Tobleroneschachtel vom Züricher Flughafen. Die Plastiknupse an den Enden der Schnürsenkel in den Schuhen der Gemögten, die vor mir hockt und versucht uns aus einem Flashback zu reorientieren.

“Flashback” ist ein Wort mit Ecken drin. Es liegt im Raum “Erinnern”, unter “PTBS-Symptome” neben “was hilft”.
Was akut hilft, ist ein anderer Mensch. Leider.
Leider, weil Menschen für uns anstrengend sind, wie der Flashback selbst und leider, weil wir oft Flashbacks erleben, die mit zwischenmenschlichem Miteinander zu tun haben.

Alle Flashbacks enden irgendwann. Ein anderer Mensch kann schneller irgendwann machen und verhindern, dass wir dissoziieren, wechseln, weglaufen und uns gefährden. NakNak* kann das auch. Aber NakNak* kann uns keine Wörter geben. Sie kann nur Marker geben und manchmal reichen Marker nicht.
Leider.

“Guck mich an – ich bin hier. Du erlebst gerade etwas wieder, das vorbei ist.”, sagt die Gemögte und richtet alles auf uns aus, wie Sonnenstrahlen durch eine Lupe.

Für sie ist es wichtig sich ganz auf mich zu konzentrieren. Sie hat Gefühle und Gedanken um meinen Zustand, will etwas von mir und ich bin in einem Moment zwischen Schmerz und Starre, in dem kein Haar breit Platz ist für Augenkontakt, Lautsprache und bewusst_da_Sein.
Ein Kinderinnen schiebt sich an mir vorbei wie eine Qualle. Ganz leicht, ganz zart, gar nicht schwer oder mächtig. Einfach nur so. Als wäre es das einzige bewegliche Scharnier in einer Apparatur, die sich völlig verkeilt und verkantet hat.

“Guck mich an.”, sagt die Gemögte. “Ich hör dir zu.”, antwortet es.
“Es ist vorbei.”, sagt die Gemögte und das Innen hört zu.

Manche Flashbacks bringen Schmerzen mit sich, die man schlecht versorgen kann. Man kann kein Pflaster auf die Schmerzen, die eine Vergewaltigung verursachte, kleben. Man kann keine Binde um den Schmerz, der mit überstreckten Gliedmaßen einhergeht, wickeln. Man kann keine Creme auf die Verletzungen, die von demütigender Sprache verursacht werden, reiben.
Die Versorgung dieser Schmerzen und Verletzungen jedoch, ist für uns häufig ein gut reorientierendes Element. Wenn sich jemand darum kümmert bzw. wir uns selbst darum kümmern können, Schmerzen und Verletzungen zu lindern, dann ist unzweifelhaft klar, dass es nur “Heute” sein kann.

“Möchtet ihr in euren Beutel gucken, was jetzt gut tut?”, fragt die Gemögte. Das Innen nickt und schaut nach dem Beutel. Ich merke, wie es sich in seiner Konsistenz verändert. Auf eine Art durchlässiger wird. Schrödinger-dissoziiert ist.

Wir haben einen Beutel zu Hause und eine Tasche für unterwegs mit unseren Erbsenmoment-Gut-tu-Sachen drin.
Da sind mehrere Kreisel, Seifenblasen, eine Magnetschreibtafel, ein langes Band, ein Eulenanhänger, ein Eulenstempel, die paradoxe Sanduhr und eine flauschige Eulenhandpuppe drin. Nichts davon macht einen Flashback weg oder kann ihn verhindern – aber alle diese Dinge sind Heute-ist-Heute-Marker.

Es sind mehrere Kreisel darin, damit sich der andere Mensch etwas lösen kann und uns nicht mit seiner Aufmerksamkeit bedrängt.

Sie kreiseln eine Weile.
Die Muskeln werden weich, die Luft schafft es tiefer in die Lunge, das Geräusch der Kreiselspitzen auf dem Laminatboden wickelt sich um die Hörnerven.
Das Innen seufzt. Die Gemögte seufzt.

“Ich mach mir n Tee.”, sagt die Gemögte und steht auf.
“Für mich bitte auch.”, sage ich.

Später frage ich sie, warum eigentlich immer alle fordern, dass man sie anschaut, wenn man sich so unkontrolliert erinnert. “Gute Frage.”, sagt sie und denkt nach. “Ich glaube, es liegt daran, dass die meisten Menschen sich über andere Menschen im Hier und Jetzt verankern. Für viele ist die Anwesenheit bestimmter Menschen das Erbsenmoment.”. Sie lächelt und streichelt NakNak*, die sich mit dem Charme eines Bulldozers an sie drückt.
“Ihr schaut oft so durch die Gegend. Da ist es dann schwer zu ahnen, ob ihr Dinge seht, die nicht mehr da sind, oder ob ihr euch am echten Raum orientiert.”.
“Hm.”, mache ich und denke darüber nach, was ich dazu sagen könnte.

“Manchmal gehts aber auch ums Ego.”, sie zwinkert mir zu und legt ihre Wange auf NakNak*s Kopf. “Wenn ich sehe, dass es euch nicht gut geht, will ich Kontakt zu euch, weil ich denke, dass ich bestimmt irgendetwas tun kann, damit es besser wird. Weil ich euch doch ganz bestimmt ganz toll da rausholen kann. Ich alleine natürlich. Weil ich ja ich bin.”.  Sie lacht und wedelt mit der Handinnenseite vor ihrem Gesicht nach links und rechts. “Völlig Banane, aber naja.”.

“Ist es schlimm für dich, wenn du uns so siehst?”, frage ich sie und beobachte die Bewegungen in ihrem Gesicht. “Also – leidest du dann, weil wir dich nicht flauschen können, dass du okay bist und wir nur grad…” – “Mit anderen Dingen beschäftigt seid?”, fragt sie in mein Satzende.
Als ich nicke, macht sie ein Geräusch zwischen schmunzeln und lachen und einer Unterart von “Ach du je”. Ich halte es fest und lege es mir an die Seite. Man kann ja nie wissen.

“Nee, flauschen müsst ihr mich dann nicht. Aber schlimm finde ich es schon manchmal. Ich bin nicht gern dabei, wenn es jemandem so schlecht geht, wie zu einem früheren Zeitpunkt, der sehr schlimm gewesen sein muss.”.
Wir schweigen ein bisschen.
Streicheln NakNak*, die sich nicht entschließen kann, von wem sie wo wie gestreichelt werden möchte.

“Aber es ist nicht schlimm, weil es passiert, oder?”, frage ich.
“Nein. Es schlimm, weil es schlimm ist.”, antwortet sie.

Was sollen denn die Leute denken?

Wann immer ich auf Menschen treffe, passiert es, dass ich merke: da gibt es ein Paralleluniversum. Da gibt es ein Wertesystem, eine Einordnung dessen, was ich transportiere, eine Falle, in die ich hineintappe, egal wie zart, überlegt, vorsichtig, respektvoll, anerkennend, lieb und artig ich meine social awkward Elefantenfüße in den Kontakt halte.

Wann immer ich gegen eine falsche Einordnung angehe, gelte ich als “wehrhaft”, “aggressiv”, “störrisch”, “zickig”, “launisch”, “motzig”, “aufmüpfig”, “mutig”, “unbeugsam” oder ein anderes Innen als “monologisierend”, “intellektuell zu anspruchsvoll”, “haarspalterisch”, “kleinlich”, “anstrengend”, “viel” oder ein anderes Innen als “komisch”, “awkward”, “offensichtlich behindert”, “bedrückt”, “dissoziativ (bzw. als “sich in die Dissoziation flüchtend”), “unsozial”, “einzelgängerisch”.

Es hilft nicht und tröstet auch nicht zu wissen, dass andere Menschen meine Inhalte nicht “falsch” einordnen, sondern “anders (als ich)”. Im Gegenteil. Tatsächlich gibt es mir das Gefühl ohnmächtig und handlungsunfähig zu sein, denn was genau ich tun muss, damit Menschen mit mir gleichermaßen einordnen, was wir einander mitteilen, weiß ich nicht und wusste ich noch nie.
Was ich tue ist, dass ich immer wieder sage, dass nicht stimmt, wie mich andere Menschen einordnen. Und dann merke ich, dass die Menschen nicht verstehen, warum für mich wichtig ist, dass sie mich richtig einordnen.

99% aller Gespräche, die ich mit Menschen führe, haben etwas mit Hilfen und Unterstützung zu tun. Mit Zusammen.Arbeit und entsprechenden gegenseitigen Abhängigkeiten. Ich bin das Innen, das unsere Therapeutin als “starkes Innen, das den schwachen Innens helfen kann, weil es ja so stark (wehrhaft, aufmüpfig, mutig…) ist” eingeordnet hat.
Ich bin das Innen, vor dem andere Menschen sich fürchten oder Angst haben, weil ich es selten bis nie akzeptiere, wenn meine Probleme und Konflikte auf mich allein individualisiert werden und ich die Menschen in ihrem Anteil daran zur Mit.Verantwortung ziehe. Niemand mag mich, weil si_er sieht und versteht, wie Dinge und Momente auf mich wirken – die meisten nehmen mich hin, weil sie am Ende etwas davon haben und ich nicht das einzige Innen in diesem Einsmensch bin.

Die Konsequenz ist, dass ich überfordert und überladen werde. Immer wieder. Und damit auch immer wieder in Erinnern und Auftauchen im Alltag getriggert werde. Ich weiß nicht, was genau ich tun muss oder kann, um das zu unterbrechen. Denn, das was ich denke, was ich tun kann, tue ich. Mit inexistentem Erfolg.

Noch immer fragt die Therapeutin nach mir, wenn es einem Innen nicht sehr gut geht, ein Alltagsproblem zu klären ist oder die Idee da ist, dass es funktionales Re_Agieren braucht.
Noch immer sagen mir Menschen, ich würde Dinge falsch einordnen oder, wenn sie sich bemühen aus dem Wertungsbias rauszugehen, “anders” einordnen und “aber, eigentlich …”.

Am Ende merke ich immer öfter, wie ich in einem Kontakt stehe und Risse in mir selbst fühle, weil von all dem, was ich sage, genau nicht eingeordnet wird: “Hier gibt es ein Missverständnis. Hier gibt es ein gegenseitig falsches Einordnen. Stopp. Bitte Stopp.”.
Manchmal denke ich, dass das nicht gehört wird und manchmal merke ich, wie es als Dominanzgeste von mir eingeordnet wird, wenn ich es ganz platt durchziehe und nämlich ein Thema, eine Auseinandersetzung, einen Konflikt beende. “Aha, jetzt hab ich sie am Arsch – jetzt hat sie keinen Bock mehr zu reden. So Kindergarten, ey!”

Das sollen die Leute natürlich nicht von mir denken. Ich habe kein Interesse daran Recht zu haben, die Bestimmerin von allem zu sein oder, dass mir nur nach dem Sinn gesprochen wird. Solche Ebenen sind mir egal, weil sie für die Dinge, die mich und uns so allgemein beschäftigen keine Rolle spielen.
Sehr wohl aber spielen sie für andere Menschen eine Rolle, denn diese Ebenen bestimmen offensichtlich sehr maßgebend mit, wie was von wem eingeordnet wird.

Sitzt ein Huschi in der Therapie und sagt: “Stopp” oder verbröckelt unter einer Dissoziation, gilt es nicht als Akt des Versuchs die Situation (oder die Therapeutin dominierend) zu bestimmen (jedenfalls nicht bei unserer Therapeutin und auch nicht bei anderen Menschen in unserem Umfeld). Aber wenn ich das sage, als anscheinend normal funktionierendes Alltagsinnen, dann aber auf jeden Fall.
Mein Stopp gilt als ein anderes, als eines von einem anderen Innen und das hat nichts damit zu tun, dass ich selbst ein anderes Innen bin, als das andere. Wir werden nur jeweils anders eingeordnet. Und zwar von Außenstehenden.

Manchmal merke ich, wie ich in die getriggerte Schleife hineinkomme, in der ich nur denke: “Nein Stopp Ich will das nicht” und merke, wie ich überhaupt gar nichts weiter aufnehmen – gleichzeitig aber auch nicht herausbringen könnte.
Ich merke selbst, wie ich in so einem Moment nur darauf warte, dass es aufhört und meine Gefühle kompensiere, indem ich aktiv gegen die Einordnung des Gegenübers angehe. Ich weiß, dass ich in solchen Momenten will, dass die Leute hauptsächlich aufhören irgendwas von mir zu denken. Ich will weg sein – ich will raus aus ihrem be.denken sein – will verschwunden und unsichtbar sein – aber statt mich aufzulösen, werde ich immer fester ins Bewusstsein gekettet. Ich kriege meinen Durst, sehe diese eine Wand und merke, wie die Haut allein das Fleisch um mich herum zusammenhält. Und kann genau nichts dagegen tun oder sagen oder machen, dass ein anderer Mensch entsprechend seiner falschen Schlüsse einordnet, was mit mir ist und was bedeutet, was ich sage.

Ich merke, wie die Menschen in unserem Leben diese meine – ja Qual, ich will es nicht anders nennen, denn für mich ist es quälend und schrecklich – für einen Teil von uns halten und so einordnen. Für viele Menschen “bin ich halt so” oder “habe eben manchmal solche Momente, in denen es nervig und anstrengend ist mit uns zu tun zu haben”.
Für sie ist es nicht das Miterleben eines Flashbacks und schon gar keine Zeugenschaft meines Wiedererlebens einer Traumatisierung, die mich zur Folge hatte.

Und ja. Das ist bitter. Traurig. Schlimm. Ich empfinde mich unsichtbar in meinem Schmerz. Vielleicht auch ungehört in meinem Schmerz. Obwohl ich ihn äußere. Obwohl ich ihn nicht verberge. Obwohl ich transparent damit umgehe und immer wieder sage, was ich wie wahrnehme.
Aber ich tue es mit den falschen Botschaften. Auf meine Worte achtet man nicht. Worauf stattdessen geachtet wird, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was genau ich wie anders kommunizieren muss. Muss ich mehr lächeln? Muss ich bestimmte Handgesten machen? Muss ich meine Körperhaltung irgendwie anders machen? Muss ich die Tonlage meiner Stimme anders machen? Oder muss ich einfach nur nicht ich sein? Ist das das ganze Geheimnis? Dass man sich einfach nur verstellen muss und ein so-tu-als-ob-Spiel veranstaltet, damit die Leute denken, was man selbst denkt?

Ist das Geheimnis des Verstanden werdens dann am Ende nicht einfach nur Manipulation? Wie echt ist ein gegenseitiges Verstehen, wenn ich gemacht habe, dass jemand denkt, was ich denke?

Was würden die Leute denken, wenn ich ihnen sage, dass ich sie mittels bestimmter Veränderungen meiner Kommunikationskanäle dazu gebracht habe, mich zu verstehen? Wie berechtigt wäre dann meine Sicht auf mich als jemand, die kein Interesse daran hat, die Einordnungen anderer Menschen zu dominieren bzw. zu bestimmen?

K.r.ämpfe

Es ist eine Autoritätsperson, die ihr etwas beibringen soll.
Sie möchte das. Fragt an dem Kloß im Hals vorbei. Wird losgeschickt. Ohne Zielangabe. Um der Erfahrung Willen. Natürlich. Wozu auch sagen, was auf sie zu kommt? Wozu auch vorbereiten – das Leben fragt auch nicht.
Die schwarze klebrige Farbe schwemmt Ekel hoch. Sie soll sie auf der Platte verteilen, mit Gaze in die Rillen drücken und vom Rest abwischen. Sie reibt und schiebt gegen das Erbrechen an. Ist still, wie die Jugendlichen um sie herum.
Es redet ein Junge im Kumpelton. Unter Kumpels ekelhaftes Zeugs anfassen, nicht wissen worum es geht – irgendwo wird nach Wörtern gejagt, um Luft gekämpft.
“Oh G’tt heute wurde so viel um irgendwas zum Festhalten, um Klarheit, um ein Später gekämpft.”. Die Welten krachen kreischend ineinander.

Es wird immer mehr ekelerregende klebrige Schwärze. Sie schaut hoch. Sieht in ein leeres Gesicht, das sie betrachtet. Erschrickt. Macht ihr verqueres Lächelgesicht. Reibt weiter. Die Autorität guckt. “Ich glaub, ich hab zu viel Farbe genommen – kann ich was tun, um…?” – “Ja ist gut, dass du zuviel genommen hast- das ist ne Erfahrung. Ohne gehts nicht.” umgeht er ihre Frage. Sie reibt. Kann sich wieder nicht durchsetzen.
Der Lehrer geht durch den Raum und redet von der Wichtigkeit von Fehlern. Alle wissen, dass es um sie geht. Niemand sagt etwas. Niemand sagt ihr etwas.

Sie steht auf. Sucht den Wasserhahn. Er steht vor ihr, breitet die Arme aus, versperrt ihr den Weg. “Nee jetzt nich Hände waschen, mach doch weiter – das ist doch…”

“Ja blöd ist das. Total blöd. So blöd. Ich bin so blöd. Ja ich bin so blöd. Ich bin so blöd, dass ich dachte, du bringst mir was bei. Ich bin so blöd. Wieso bin ich immer so blöd. Wieso gehe ich auch hier hin?”. Sie sagt: “N… kann nich.”.
Im Inmitten hat es zu schreien angefangen. Ein erster Krampf in der linken Hand bahnt sich seinen Weg.

Sie zieht sich an. Zittert, haspelt, stolpert mit ihren Lauten durch den Raum. Will was sagen und kann nur wurtscheln. Ein Kumpeljunge lacht. Ein zweiter stimmt ein. Kein Beistand. Keine Beruhigung. Kein Raum. Keine Luft. “Wieso bin ich so blöd Wieso bin ich immer so blöd Wieso bin ich hier hingegangen Wieso hab ich was gesagt”

Ein Zucken, das im Krampf endet. Lichtblitze. Rauschen im Kopf.
Wieso bin ich so blöd Ich habe vergessen, nach einem ruhigen Raum zu fragen Ich habe vergessen, mir einen Notfallkontakt unter den Lehrer_Innen zu besorgen Ich habe vergessen, mir ein Netz für solche Fälle zu machen Ich habe vergessen, nicht nur okay gefunden werden zu wollen

Ich habe vergessen, jemandem von meiner Behinderung zu erzählen
Ich habe vergessen mein Lernumfeld barrierenärmer für mich zu machen
Ich wollte hier nichts von “diesem DAS DA” haben

und liege kurze Zeit später auf dem Boden eines stinkenden Schulkos.
Hoffe, dass niemand – keines der gefühlten tausend Kinder und Jugendlichen, die im Schulgebäude herumlaufen – reinkommt und mich so sieht.

Ich weine ein bisschen, schaue der anderen beim Erdungstwittern zu, bemerke, wie andere überlegen, ob sie einfach in einen anderen Kurs gehen. Höre Gedanken zu einem Projekt, zu einer Gemochten, die wie ein weißes Rauschen schon den ganzen Tag begleiten. Das Inmitten ist still. Weint statt mir weiter. In meinem Innen herrscht Ebbe mit Springsinflut.
Die Erde dreht sich weiter.
Das unwillkürliche Zucken bleibt.
“Ich muss endlich einen Termin bei diesem special Neurologen machen”, raunzt es neben mir. Jemand wechselt Strumpfhose und Unterwäsche. Tastet den Kopf ab. Es ist so eine erbärmliche Krisenroutine. Oder erbarmungswürdig. So richtig weiß ich nicht, was ich dazu fühle.

Der Lehrer ist so einer, der sich vielleicht entschuldigt, aber nicht nachfragt, was schwierig ist. Er ist einer, der gesagt bekommen will und nicht begreift, was für ein Umfeld manches zu Sagendes braucht. Vielleicht lieber von Empfindlich- und Befindlichkeiten ausgeht, als von echten, komplexen Problemen, die auch irgendwie mit ihm, seiner sozialen Rolle, seinem Status zu tun haben, obwohl es mein Körper, mein Gehirn, mein einfach von Traumata schief und krumm verwurschteltes Ich ist, das quer schießt.

Als ich nach Hause gehe, höre ich Jugendliche einander “voll behindert” an den Kopf werfen.

Die Welt guckt komisch und die Erde dreht sich weiter.
Und heute nachittag werde ich ein Gespräch einleiten mit “Es tut mir leid, dass ich gestern aus dem Kontakt gegangen bin. Ich hätte dir sagen müssen, dass …”

Nichtbehinderte Menschen finden es meistens geil, wenn die Menschen, die Rücksicht auf ihre Behinderungen einfordern, so reden, als hätten sie eigentlich überhaupt nichts damit zu tun.
Als wären sie kein Teil der Barrieren.
Kein Teil des Lebens mit Behinderung eines anderen Menschen.

Sie finden es geil, wenn die Leute, die ein Problem haben, sich alleine drum kümmern. Sie finden es geil, weil sie dann denken können “Ach, dieses Inklusionsding ist ja total einfach.”. Sie findens geil, wenn sie nichts weiter wissen müssen. Sie findens geil, wenn die Behinderung etwas ist, was sie nicht stört.
Eigentlich wollen die meisten nur wissen, was sie potenziell stören könnte an meiner Behinderung.
Sie wissen ja nicht, dass ich weiß, dass ihnen das Herz einmal durchs Hosenbein rutscht, wenn ich irgendwo nahe einer der Altbautreppen hinfalle und einen Krampfanfall habe. Sie wissen ja nicht, wie das ist, kleinen Kindern zu erklären, “was die Frau da hatte”. Sie wissen ja nicht, wie mich Sanitäter_Innen und so ein Massenauflauf nach einem Anfall nur noch mehr stresst und meine Sprache ganz weg geht. Sie haben ja keine Vorstellung davon, was für eine innere Hölle Krankenhäuser in mir aufmachen. Sie wissen ja nicht, dass ich kein flexibles Notfallnetz mehr habe.

Beziehungsweise: Ich weiß, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass sie es wissen.
Die Mehrheit der Menschen lebt eben nicht mit dissoziativen Krampfanfällen nach komplexer Traumatisierung.

Die Mehrheit kann einfach mal losziehen und ihre Erfahrungen machen.

Tag 3

Erst dachte ich, das wäre die erste richtige Körperkrankheit in diesem Jahr, doch das stimmt nicht. Anfang des Jahres lag ich mit einem Infekt flach. Wobei – wirklich flach lag ich da auch nicht. Damals (oh G’tt ja damals, im Januar? Februar?) als mir der Weg ins Jahr 2014 so klar erschien: Buch fertig kriegen, Nachwachshaus anleiern, Geld verdienen, Dinge bewegen, BOOOYAAAH- es würde hart, aber es würde zu schaffen sein, weil – wieso denn nicht?! , lag ich nicht im Bett, sondern machte noch ein Irgend-wie-Interview für das Buch und zeichnete im Bett Skizzen von Hausgrundrissen und versuchte mich auf Texte zu konzentrieren, die sich darum drehten, was gute Literaturagent_Innen ausmacht.

Und jetzt ist Dezember.
Es ist Tag 2 des Pendelns zwischen 38° und 39° C und der erste ohne „Guten-Morgen-Magensäure aus der Tupperdose neben dem Bett spülen“.
Ich habe mein Buch nicht fertig. Will es sogar nochmal neu schreiben. Ich liege im Bett und döse, träume von einer Hütte im Irgendwo mit Stille im nächsten Umkreis. 3 Wochen nichts weiter tun als schlafen, essen und schreiben. Hach.
Ich schlafe fast, da rollt an, was anrollen muss, wenn jeder Muskel und Knochen im Körper schmerzt: Erinnern.
Ich bilde mir ein, ich könnte mein Erinnern gut vermeiden, gut wegschieben, gut in kleine Kisten und Umschläge stecken, die verstreut geparkt werden können. Jetzt spüre ich, wie viel tatsächliche Muskelkraft es erfordert und wie wenig davon in mir ist, wenn ich krank bin. Ich kann nichts wegdrücken, nur selbst vergehen und als Geist über mir schweben.
Es sind Träume, die ich da sehe. Ganz sicher, denn niemand würde so etwas jemandem antun. Ganz sicher sind es Träume oder Fieberhalluzinationen.

Aufwachen, erbrechen, weinen, frieren, NakNak*s Zunge an der Hand, die mich vom Boden abstützt spüren. Atmen, warten, Krankheit realisieren. #Mimimi

Aufstehen spülen, waschen, dem Piepen der Mikrowelle zuvorkommen und die Wärmestofftiere befreien.
Die Warmies sind großartig. Sie sind sehr weiche Plüschtiere mit Hirse und Lavendel drin. Wir haben eine Eule und eine Robbe vom Weihnachtsmarkt. Die Robbe haben wir am Donnerstag gekauft. Nach der Therapiestunde, die so furchtbar war, weil uns niemand angebrüllt hat.
Manchmal ist es einfach so, dass alles besser wäre, wenn Menschen uns nur anbrüllen und herumschubsen würden. Wegschubsen und einsperren und wenn die Tür wieder aufgeht ist alles auf Anfang. Vom Point of no return auf reset und los. Neues Spiel neues Glück.
Gewonnen haben wir nie, aber wer weiß? Beim nächsten Mal…?

In dieser Lavendelwolke herumschweben ist schön. Eine Schmerztablette, eine halbe Tasse Tee. Erst zu heiß zum trinken, dann eiskalt aufklirrend im Magen, obwohl doch nur ein Wimpernschlag vergangen ist.

DSC_3102NakNak* schläft mit. Drückt ihren Rücken an die warme Robbe auf meinem Bauch und ich darf meine Hand auf ihrer Seite liegen lassen.
Peter Härtling liest uns die Geschichte von den Scheurers vor und draußen regwindet es.
Meine Beine werden aus den Hüftgelenken gerissen und Blut sickert langsam aus dem Inmitten von mir. Ich sehe mich schreien und zerfallen, und fühle das dichte Fell meiner ruhig atmenden Hündin direkt vor mir. Es legen sich weiche weiße Federn auf meinen Kopf und alles wird dicht und dichter und schwammiger und als ich aufwache tapst NakNak* an meine Schulter. Kratzt mich sachte.
17.58 Uhr

Abendbrot um 18 Uhr- Verspätungen werden hingenommen, doch nicht kommentarlos.
Ob ich ihr Futter aus dem Plastik drücke oder mein eigenes Fleisch kann ich nicht trennen. “Guten Appetit liebste Mopsmaus”, sage ich “bitte nicht”, schreit es dumpf irgendwo da ganz irgendwo dort, wo man nichts mehr erkennt.
Ich mag Kartoffelbrei. Er erinnert mich an Kranksein mit Bibi Blocksbergkassetten und der ersten Gemögten.
Jetzt koche ich Kartoffeln zu Tode und zerdrücke sie zu Kartoffelbrockenmatsch.

Meine erste Gemögte hat mich verlassen dieses Jahr. Ich will nicht mehr dran denken, aber tue es dann doch. 2014, ein Jahr voll Trennungschmerz und ich hasse mich, weil ich keines meiner Projekte beendet bekomme. Wir sitzen in der Küche und zittern uns die Muskeln wund. “Siehst- Mögen tut weh. Einfach lassen in Zukunft.”
Schwaches Nicken. Okay. Mir egal. Alles egal.
Der Kartoffelbrei ist zu salzig. Er brennt bei seiner Wiederkehr.

#Magenmimimi und #Bauchbubu  baden in Magenbalance Kräutertee und ich hänge über dem Waschbecken und schaue meiner Nase beim Bluten zu.
Ich frage mich, ob sie mich anschauen könnte. Sie hatte uns gesehen begraben unter Rettungssanitätern auf ihrer Couch. Geschüttelt von Krampfanfällen, kotzend wegen Narkotika, die kaum halfen. Heulend im Wunsch nach Kontakt zu Menschen, die uns misshandelten. Da sind so viele Tiefen gewesen, die sie gesehen hat.
Und 7 Jahre später reicht es nicht einmal zu einem Anruf.

Blutblüten im Waschbecken. Tropfkunst mit Ende.

Wieder ins Bett. Ich nehme mir vor, die Matratze zu drehen. Ich fühle schon wieder den Lattenrost durch den Schaumstoff. Aber jetzt bleibe ich liegen.
Ich traue mir kein Feuermanagment zu. Weine ein bisschen, weil Chanukkah mein liebstes Fest ist. Weil ich an diesem Wochenende eigentlich meine Familie° besuchen wollte.

Nun liege ich im Bett und sehe mir beim Sterben zu, während ich mich über meinen Pathos auslache.
Morgen wirds vorbei sein. Das ist nur ein Virus. Nur ein Magen-Darm-irgendwas Virus und ich sollte nicht denken, nicht fühlen, das stört nur den Prozess.

Und ruckartig lösen sich meine Oberarme aus den Schultern. Es knirscht im oberen Rücken und jede weitere Bewegung wäre jetzt das Ende.
Ich denke nicht, ich fühle nicht. Das stört nur den Prozess, der mir gemacht wird.

Und als ich aufstehe, bin ich tot. Alles ist taub außer der Schmerz im Nacken- und im Lendenwirbelbereich. Kein Erbrechen, kein Fieber mehr.
Nur dumpf drückende Masse hinter dem Gesicht. Schwindelgefühle. Zittern, das nicht aufhört. Wimmern und ein Schrei im Kopf.

Da sind Muskeln, die sich gegen das Erinnern stemmen und glühend heiß gelaufen durch die Haut brennen. Alles nur ein Traum. Erinnern an Fieberhalluzinationen.

Ich sitze vor dem Bett und streichle über ihren verschwitzen Kopf.
Ziehe die Decke noch ein bisschen höher.
Lege Federn über sie.

Es ist Sonntag, der 21. Dezember 2014
die Rosenblätter kranken

Gut, dass ich keins von ihnen bin.

Zeitzaubertricks oder: Re-Orientierung mit symbolischen Handlungen

BlattgerüstWir haben Plätzchen gebacken und die Küche dabei einmal auf links gedreht.
Ich sitze auf meiner Eckbank und meine Gedanken gleiten frei herum. Bald ist Chanukkah und ich freue mich auf die Besuche, die ich machen kann. Und aufs Essen. Am meisten aufs Essen.
Und die Kinder und ihre Eltern. Und dieses watteweiche Beieinander, dass sich durch die Vorbereitungen und das Leben schiebt.

Ich mache einen Restehaufen und erinnere mich an einen Moment, in dem ich vergessen hatte, den Müll wegzubringen. Die Erinnerung ist einfach da und hat keinen Bezug zu dem, was ich jetzt tue. Mir wird schwindelig und dieser säuerliche Geschmack, der aus geheimen Nischen neben dem hinteren Teil meiner Zunge kommt, fließt mir in den Mund.
Ich reiße das Fenster auf und lasse die kalte Luft von Draußen in mein Gesicht springen. Atmen, Erden. Frontallappen in Bewegung halten.
Was jetzt?

Ich bringe den Müll jetzt raus.
Hinter mir wabert das Innen, das sich damals noch im Flug durch die Luft wunderte, wie das Elter es überhaupt hatte so einfach hochheben können und mir bis heute sein Gefühl des “Whuaaahahahahahaaaas is denn daahahahahahahaaas?!” um die Ränder schwappen lässt. Es ist so ein ganz entrücktes Lachen, ohne Häme und Ziel.

Ich fragte es, ob es das Heute fühlen kann.
Lachen.
Ich merke es als Impuls mich zu übergeben und warte bis sich der Krampf um das Zwerchfell etwas lockert. Atme und denke kurz daran, gegen die Mülltonne zu treten.
“Kannst du mich fühlen?”
Lachen. Ein flattrig fliegendes Gefühl und Bilderfetzen.
”Du hast vergessen den Müll wegzubringen. Wäre gut, wenn du’s dann jetzt mal machen würdest… Bitte.”.

Es ist still und neblig im Innen. Außen hoppelt NakNak* im Garten herum.
Ich fühle das Innen und ein Innen, das neben ihm klebt. Denke daran, dass ich vielleicht nie ganz erfahren werde, was damals passiert ist. Aber ich fühle auch ganz deutlich, dass ich diesen Müll genau jetzt in den Müll, der hätte würde wäre wenn, damals irgendwann vielleicht 1996? oder 1997? oder noch später?, in den großen Tonnen vor dem Plattenbauring seinen Platz gefunden haben sollte, verwandeln kann.
Ich kann das, gerade, weil ich keine Ahnung habe, was genau damals war und für das Innen genau die Blase aus “es ist genau jetzt nicht, wie es für dich war” bilde, die es braucht, um in meine Hand zu gleiten und das Plastik der Tüten unter den Fingerspitzen zu fühlen.
Endlich etwas anderes zu fühlen als die Absurdität des Fliegens auf eine Wand zu.

“Ist okay. Eine Tüte ist ein gelber Sack und einer ist voll mit Buntmüll.”.
Stille.
Mir ist schlecht, aber ich fühle mich stark. Solche symbolischen Zeitzauberkunststücke habe ich schon öfter probiert und selbst wenn es jetzt kippt, ist NakNak* noch da. Sie sitzt neben mir auf dem Asphalt und schaut uns zu.
Es wuchtet den Buntmüll hoch und automatisch greift meine zweite Hand zum Knoten und versucht ihn zu lösen.

“Das brauchst du nicht. Ist genug da.”.
Zaudern drückt sich durch meinen Ekel, aber die Tüte bleibt geschlossen.

Und landet in der Mülltonne. Es patscht mit der Hand oben auf den Deckel, wie auf den Rücken eines Pferdes.
Fängt an zu zittern.
Es ist ein Zaubertrick und ich weiß das. Ich weiß nicht warum, aber manchmal legt sich solche Symbolik im Heute, auf den Fakt des Gestern und bringt ihn irgendwie in eine Form und eine Struktur. Und dann wird es von einem DAS DA ohne Ende, ohne oben und unten, zu einem “Moment, der war mit Eigenschaften“, der besser neben anderen Momenten stehen kann.

“Ist das mein Hund?”, fragt es und flirrt wie Bildrauschen.
”Jupp. Das ist NakNak*. Guck mal, was sie kann…. “

Füße, Flucht und Mammuts

“Man legt den Toten ein Tuch übers Gesicht. Ist das nicht komisch?”

Der Morgen ist diesig. Kalt. Feucht.
Ich bedecke meine Füße mit warmen Handtüchern. Warte darauf, dass es weh tut.

Ich war weg in der Nacht und irgendwo, auf dem Weg über Stock und Stein, hat das Innen auf der Flucht meine Füße verloren.

“Menschen und Trauer, das ist so eine Mischung.”.
Der Wasserkocher klickt.
Ich beherrsche mich und warte.

Schütte das Wasser auf die anderen Handtücher.
Warte.
Tausche sie aus.

Meine Füße sind tiefrot und schwarze Trauerränder krönen meine Zehen.

Es klingt so lustig, wenn ich auf Twitter darüber sinniere, dass es Mammuts braucht, um meine Nachbarn, nein die Geräusche meiner Nachbarn, fernzuhalten.
Tatsächlich wäre ein Mammut auch gut, um die Wohnungstür abzudichten.

Vielleicht würde es die Angst, das Kippen in die Panik- vielleicht das Fallen ins “Weg weg weg!” – stoppen.

Ich lege mir einen Fuß in den Schoß und streiche das kribbelnde Stechen, das durch die Haut nach außen zu drängen versucht, weg.

NakNak* liegt in ihrem Körbchen und beobachtet mich.

“Weißt du, wie das heißt?”, frage ich sie. “Dissoziative Fugue, könnte man das nennen. Füüüügk. Nur französischer gesagt.”. Zum Glück weiß der Hund, dass ich kein Französisch spreche.
Vieles wäre sonst peinlicher.

“Man könnte aber auch sagen, dass ich zu dämlich bin, meine Wohnung so einzurichten, dass mein Bett irgendwo steht, dass ich den Sex der Nachbarn nicht mehr so höre.”.
Ich lege den Fuß ab und nehme den anderen hoch.
Massiere und erinnere mich an den Tod.

Ich bin auf eine tote Amsel getreten.
Vielleicht 5 – 6 Kilometer von meiner Wohnung entfernt.

Mit dem zerknüllten Taschentuch aus meiner Schlafanzughose, habe ich ihr Gesicht bedeckt.
Und dann bin ich zurück nach Hause gegangen.

getriggert

und manchmal erscheint es mir, dass die Welt wie ein Strom aus blubberndem Eiter kopf-über mich hinweg schleimt

dann eröffne ich einen Abszess in meinem Denken und ziehe ein sorgfältig beschriftetes Zettelchen heraus

Derealisation
Depersonalisation
Dissoziation
Reorientierung
Erwachsen mündig autonom

und dann halte ich ihn hoch und versuche mich wie Poseidon, Zeus oder wenigstens König Triton zu fühlen und Kraft meines Wissens die Situation zu beherrschen

In Wahrheit schwenke ich ein weißes Fähnchen aus Papier

und . und . und .

Resilienz “Ich bin grad leicht zu erschrecken”, hatte ich gesagt.
Dachte: “Ich werde an einer Krankheit sterben, die einen komplizierten Doppelnamen mit “Syndrom” hinten dran hat. Ich muss zum Arzt- ich brauche Hilfe. Jetzt.”.

Und weiß Stunden später: Ich bin getriggert.
Der Gedanke ans Sterben, diese Einbahnstraße, die ich doch immer wieder überhaupt betrete, weil Sterben so viel Ähnlichkeit mit Stopp hat.
Ich denke die ganze Zeit: Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.

 

und

 

es

 

hört

 

nicht

 

auf

 

Der Gedanke an Hilfe, die Stopp machen soll. Jetzt.
Dieses Jetzt, das so keinen Millimeter Platz für “gleich” hat. Kein Quäntchen Raum für “ChipkarteNameGeburtsdatumAdresseWiesohabenSieeinenvernarbtenKörperMachenSiePsychotherapie?” erübrigt.
Diese Hilfe, die mein Leben rettet, während sie seine Ränder abschneidet und mit dem Hacken auf dem Boden verreibt.
Pulverisiert.
Zersplittermultipliziert.

Und nichts verändert, denn es ist doch irgendwie das Gleiche, wie das Gegenteil von Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.

Ich bin getriggert und in den Hyperarousel gekippt.
NakNak* schläft neben mir, das Laptop summt und irgendeine Macht beißt mir ein Loch nach dem anderen in den Beckenboden.

Ich kann malen. Ich kann denken. Ich kann Skills runter- und G’tt anbeten.
Ich kann alles, was ich will.
Außer machen, dass es aufhört.

Von Schwester Britta weiß ich, wie man Pulse zählt.
Von Doktor House weiß ich, was eine Carotismassage ist.
Von Emergency Room weiß ich, dass es super ist, so etwas mal zu können.
Im Notfall.
Wenn Sterben ein Thema ist und wie ein Klangteppich aus Piepsen und Synthesizern über der Szenerie wabert.

167
158
153
150
145 Pulspochklopfer von unter der nerventoten Haut an meinem Handgelenk
Wie das Herz eines Tierchens, das ich mit der Bewegung streichle.

Ich schaue mir Pickeldy und Fredrick an und amüsiere mich.
Ich lache und lasse eine riesenhafte Faust meinen Leib aushöhlen, wie einen Kürbis.

Lachen ist gesund. Wirkt auf den Blutdruck ein.
Es macht das auffällige Tierchen in meinem Hals zu einer friedlich schlummernden Kugel nahe am Kiefergelenk.

Dann war ich allein mit meinem Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.
Dem
Bitte
ohne Satzzeichen
ohne Adressat
ohne Briefmarke drauf

in einer Flaschenpost durch meinen Kopf

Diesem Bitte und Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt, mit dem ich mein Hier und Heute verkorke.
Mir eine Insel erschaffe, auf der ich mir die Dauerwerbesendung zur Illusion der Macht über sich selbst anschaue.

Mir Gedanken zur Theorie des Stoppsterbens mache und eine zweite Ibuprofen zusammen mit der Notfallmedikation in das schwarzblutende Loch unter meiner Brust fallen lasse.

“Ist gleich vorbei. Gleich schlafen. Gleich. und Bald. und Ja. und Schlafen. und Gleich.”, sage ich dem winselnden Klumpen rohen Fleisches unter meinem Menschenkostüm und warte mein Warten.

jetzt

Pfote2 Ich schaue durch die Löcher vor mir.
Die Nacht trage ich durch meinem Rücken, um sie an NakNak*s Körper entlang wandern zu lassen.

Ich liege da und warte auf den Tag.
An meinem Hals zittert ein Tierchen unter meiner Haut.
In meiner Brust kullern Wackersteine zwischen den Muskeln herum.

Der Geruch von verbrannter Haut liegt unter dem Knistern ihrer Asche. Direkt an meinem Ohr.

Ich bin ein waberndes Es, das ist und nicht ist. Ich denke Gefühle und fühle Gedanken einer Zeit, die vergangen ist, als ich den Blick aus dem Käfig wandte.

Ich weiß nicht, ob ich träumte oder erinnerte.

Ich weiß nichts.
Doch ich spüre den sachten Atem meiner Hündin, wie einen Wellengang, der sich an der Linie zwischen meinem Nacken und meinen Oberschenkeln bricht.

Vorsichtig schiebe ich meine kalte Hand hoch und beginne das zitternde Wesen in meinem Hals zu streicheln.
Dass ich Atmen muss, daran erinnern mich ruhige braune Augen, deren Anwesenheit mitten im Irgendwo sein muss.

Also atme ich.
Stoße an meinen Panzer, torkle gegen den Käfig, wecke NakNak*.
Sie schmaucht und öffnet ihre Augen.
Gähnt und rollt sich neu ein.
Legt ihren Kopf auf meinen aufklaffenden Bauch und leckt meine Hand ab.

Ich atme, streichle, sehe durch die Löcher des Käfigs eine feine Morgenröte.

Und ich weiß, dass jetzt alles in Ordnung ist.