als ob

Kurz nach 21 Uhr gingen wir mit schnellen Schritten gegen den langen Rock ankämpfend zur Straßenbahnhaltestelle.
Und während ich mich zwischen “langsamerem Schritt und in der Folge eben die Bahn verpassen” und “durchhalten und als Belohnung bald zu Hause zu sein”, nicht entscheiden konnte, war es plötzlich wieder da: das Kitzeln am Panikknopf und der Gedanke des Versagt-habens, das sich so glatt und blank wie abgeschmirgeltes Eis ohne Grenzen vor einem offenbart.

Einfach so.
Weil man mit der Erkältung in der kalten Nacht draußen rumrennen muss. Weil man seine hässliche Fresse außerhalb der eigenen 4 Wände zeigt. Weil man so ein widerwärtiges Würmchen ist, dass halt schon von seiner Machart her zu nichts Sinnhaftem fähig ist. Weil … whatever.

Und heute das Warten auf den Anruf der Neurologin. Die wirrverzweifelte Nachricht, die da so untypisch für die Frau P. deren Persona wir zu spielen irgendwie zu verlernen scheinen, auf dem Anrufbeantworter vor sich hin gammelt.
Die Nebenwirkungen des Seroquel, das seinen Einzug in unserem Gehirn mit einer so üblen Party feiert, dass die Zellwände wackeln und das Stammhirn ärgerlich schnaubend die Stirn runzelt.

Die Unrast, die jeden Ort  nach einer Weile unaushaltbar macht. Die Dämpfung, die gleichzeitig so erschöpft, weil sie in Teilen auch überwunden werden muss. Der trockene Mund, der ganz Dudebro aus der Hölle mit der trockenen Reizung des Rachenraums ist.
Und dazwischen die Spitzen von “Ich mach jetzt was, was das Ganze aufhören lässt” und wieder Energie rausschießt, sich Dingen zu widmen, die vielleicht zu einer Entlastung beitragen. Oder eben auch erneut an der Ecke abzubiegen um vor der Frage zu landen, ob jetzt weiterzuleben sinnig ist.

Und in der Packungsbeilage steht, dass das normal ist.
Dass man, wenn man Suizidgedanken an sich feststellt, unbedingt mit seinem Arzt sprechen sollte. Oder einem Freund.
Und dann in der Annäherung an Versuche, diesen Rat zu befolgen, weil man ja nie weiß, merke ich: ich kann keine Gespräche mehr üben, weil mein Blick auf die Laut.Worte zunehmend mit weißem Wattezeug bedeckt ist. Und natürlich versuche ich aber doch den Moment der Erkenntnis genauso schnell zu unterdrücken, wie die Panik über das, was sie bedeutet.

Und daneben mein inneres Fräulein Rottenmeier, das mich anspornt und meint: bis Samstagnachmittag ist kein Platz für Psychosperenzchen.
Als wäre nach Samstagnachmittag, wenn NakNak* wieder da ist,  ein Monat beginnt, in dem wir Dinge vorhaben und vieles abzuwarten ist, Platz dafür.

Als wäre es irgendwann in den letzten knapp 5 Jahren so gewesen, dass wir uns für unsere eitertriefende Psychoscheiße jemals mehr Platz gelassen hätten, als die Pestbeulenaufstiche für Wortfluten hier und die erbärmlich abstoßenden Versuche in Therapie und Internetforen.

Aber sie hat auch Recht und es ist tröstlich sie zu spüren. Es ist ein Anker an das Hier und Jetzt, das dort beginnt, wo wir aufhören und uns zu einem Individuum stanzt, das re_agibel ist, sein kann, und auch morgen sein wird. Ganz selbstverständlich auch morgen, weil das Hier und Jetzt auch ein Morgen kennt und von ihm ausgeht, als sei es nichts, was in Zeitfalten verschwinden kann.

nah dran

Wenn ich lese: “Mir fehlen die Worte.”, “Ich bin sprachlos.”, “Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.”, denke ich: “Ist okay – ich brauche auch keine Wörter von dir.” oder: “Schon gut, für mich musst du auch keine Wörter haben.”. Aber dann kommt ja noch der ganze Rest. Die ganze Hilflosigkeit. Der große  Schreck und die Versuche mich daran teilhaben zu lassen.

Nur weil wir uns fast das Leben genommen – was ist das eigentlich für eine bescheuerte Formulierung? “Das Leben genommen”. Als könnte man durch Regale gehen und sich Leben nehmen.
Als geschähe Leben nicht einfach so. Oder eben nicht. Oder eben nicht mehr.

“Nur, weil wir uns so unkontrolliert vor der Entscheidung des Weiterlebens oder nicht mehr Lebens  empfunden haben.”, so ist es richtig formuliert.

Mich überrascht die Angst um uns. Und die Bindung, die zu uns aufgebaut wurde.
Und sie erschreckt mich. Macht mir Angst. Tritt genau diesen einen unheimlichen Schritt zu nah und greift nach etwas von uns, dass es nicht gibt. Nie gab. Vielleicht nie geben wird. Und vielleicht auch nicht gewollt ist, weil es als unaushaltbar erlebt wird.

Ich würde gerne sagen: “Hey – es ist nur Suizidalität. Es ist nur eine Entscheidung. Kopf hoch – es geht nur um Tod.”, aber ich weiß, dass ich das vor einer Wand sagen würde, die weiß vor und unter dem Leben in unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unserer Kultur vor sich hin rauscht, wie die vielen Bäche durch die Alpen.
Es ist genau die Wand, die wir manchmal auch als Kluft zwischen uns und dem Rest der Welt erleben.

Weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Weil wir wahrnehmen, was und wie wir wahrnehmen. Weil wir in unseren Fähig- und Fertigkeiten mit anderen Begrenzungen als die Mehrheit der Menschen umgehen.

Zwischendurch passiert es noch, dass Menschen mit uns in Kontakt treten und in Austausch gehen möchten, weil sie denken, wir wären besonders (stark/mutig/whatever). Was dann immer wieder passiert ist Stille. Das Moment der fehlenden Worte und die Angst vor dem Schweigen. Die vielen vielen Worte, die uns nichts sagen, doch für diese Menschen zentnerschwer mit Bedeutung beladen sind.
Und dann die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass wir einfach nur sind. Dass es uns einfach nur gibt und das schon die ganze Besonderheit ist.

Ich blätterte heute durch “Sensation des Alltäglichen”, einem großartigen Fotoband von Anja Conrad und dachte: “Genau das ist es. Nichts weniger. Dieses Leben.”.

Manchmal frage ich mich, ob es Menschen gibt, die uns kennen und denken: “Wär mir genauso gegangen an deren Stelle.”. Heimlich unterstellen wir das auch Menschen. Wissen es aber nicht. Weil sie uns lieber sagen, wie sprachlos sie sich vor dem schockartigen Bewusstsein um unsere Not, unsere Verzweiflung, die Nähe zum radikalen Ende empfinden.
Ich würde gerne sagen: “Sagt uns einfach, dass ihr unsere Not auch nicht ertragen wolltet/würdet/könntet. Weil sie ist und war und bleibt, bis sie zu Ende ist.” und kann es doch nur schreiben.

Ich wünsche mir mehr von dieser einen Ehrlichkeit, die genauso wenig Rücksicht auf uns nimmt, wie die Entscheidung zum Suizid keine Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb eines sich Suizidierten nimmt.
Woran sollen wir denn glauben, wenn wir nur von Füllwatteworten umgeben werden, aus Angst man könnte – ja was? Uns beeinflussen? Uns indirekt in den Suizid treiben? Uns verletzen? Aus Angst man könnte selbst bemerken, welchen einen Schritt genau man zu nah an und in uns hinein getreten ist?
Geht es am Ende nicht vielleicht genau darum die Erkenntnis zu vermeiden, wie sehr man sich mit uns verbunden fühlt und dennoch scheut in etwas gemeinsam zu sein, was einem selbst fremd ist, weil man auf der anderen Seite der Kluftwand steht?
Ist es Angst unser Schweigen, unsere Sprachlosigkeit, unsere Suche nach Worten am eigenen Selbst zu fühlen?

Ist es Angst vor dem Leben, wie es für uns ist?

Jenes Leben, das wir uns jetzt, wo die Entscheidung gegen einen Suizid zum jetzigen Zeitpunkt getroffen wurde, neu anzusehen versuchen.
Jenes Leben, in dem wir ein Medikament nehmen, das uns beruhigt und hilft aus dem ständigen Hyperarousel zu kommen. In dem wir auf eine Antwort auf unseren Antrag auf Wiederaufnahme in einer Klinik für Psychotherapie warten und streng mit uns sind, wenn von hinten nach vorn die Argumente kommen, wir würden so etwas doch gar nicht brauchen/müssen/dürfen/sollen/hätte würde wenn/ jatta jatta jatta. In dem wir uns erlauben, die deutsche Gebärdensprache zu lernen. In dem wir (Sensation des Alltäglichen!) zwei Mal am Tag essen. In dem wir uns eine Jahreskarte für die Stadtbücherei erlauben.

Und ab und zu, kurz, schmerzhaft, unheimlich und nah, an den Rand der Kluft zwischen uns und der Welt treten.

wenn man lebt, kann man lernen

Es ist Mittwoch und gestern haben wir uns aus der hiesigen Psychiatrie entlassen lassen.
Noch fließen Medikamente durch den Körper, die machen, das sich die Finger-, Zehen- und Zungenspitze taub anfühlen und wir uns tatsächlich einen Timer stellen müssen, damit wir uns selbst Schritt für Schritt durch den Prozess des “aufs-Klo-gehens” und “Nahrung* bereitens” zu hieven erinnern, wie einen nassen Mehlsack durch Treibsand.

Wir sind nachwievor so betrübt wie das Meerwasser vor Fukushima. Aber die Zeit zum nächsten Workshop, die Zeit zum nächsten Fotokurs, die Zeit zum nächsten Podcast ist nicht mehr so lang, dass der Gedanke, man könne sich ja bis dahin umbringen, damit es weniger lang dauert, keinen Raum mehr finden kann. Zu voll gestapelt ist der Kopf bereits wieder mit Folien, die zu füllen sind, mit Fachliteratur, die aufzufrischen ist, mit dem dicken Panzer, den wir brauchen, um zurecht zu kommen.

Heute morgen wachten wir mit Fieber und Husten auf und freuten uns darüber.
Offensichtlich hat uns etwas in der letzten Woche gut getan und psychophysisch soweit entlastet, dass sich der Körper neben allem auch ein Fieber zu leisten in der Lage sieht. Vielleicht war es der Schritt NakNak* vorrübergehend in Obhut von jemandem zu geben. Vielleicht war es der viele Schlaf. Vielleicht das psychische Einknicken und stückweise Runterbrechen auf das, was hinter uns funktionierenden Rosenblättern als rudimentäre(re) Schleife immer mitläuft. Vielleicht aber auch die Erfahrung, dass die Therapeutin solidarisch bleiben konnte, der Mensch (rätselhafterweise) irgendwie jeden Tag? für uns da war und wie noch immer verlässlich ist, womit man seine (Klein-) (Kinder-) Jugendzeit überstanden hat.

Wir haben aus den Tagen im Krankenhaus die Einsicht mitgenommen, dass wir wahrscheinlich nie eines der ungehörten kindlichen Gewaltopfer waren, sehr wohl aber eines der unverstandenen und mit (trotz der) besten Intensionen miss_be_handelten.
Menschen brauchen mehr als stereotype Schablonen um Schlüsse egal welcher Art aus dem Verhalten und Beworten anderer Menschen zu ziehen. Sie brauchen Zeit. Sie brauchen direkten Kontakt. Sie brauchen eine Routine miteinander, um individuelle Normen/Muster_Schablonen zu kreieren.
Und genau das ist es, was von Geburt an misshandelte Menschen zum Verhängnis wird. Denn: es gibt kein Vorher und kein Nachher.

Wir haben verstanden, dass wir diesen Teil unserer Traumatisierungen hier über das Blog wenn nicht reinszenieren, so doch Raum dazu übriglassen und zwar über die Kommentarfunktion und die vielleicht nicht häufig genug geforderte Reflektion derer, die sich an uns richten.
Entsprechend schließen wir die Kommentare hier bis auf weiteres und erleben das als gleichzeitig schade, wie wichtig.

Einerseits gab es hier nie eine Flut von Kommentaren – andererseits gibt es hier jede Woche mindestens einen übergriffig wie unangebrachten Rat_Schlag, verbale Verletzungen und immer wieder auch Kommentare von Menschen, die geflissentlich übersehen, dass das Blog von Vielen in über 900 Artikeln bereits vieles von dem was als fehlend angemerkt wird, besprochen hat.
Es wird gern vergessen, dass wir gerade 29 Jahre alt sind und unsere konkreten zwischenmenschlichen Gewalterfahrungen im Rahmen organisierter Gewalt gerade einmal 8 Jahre her sind.
Wir sind keine Person, die durch ihre Traumafolgestörungen aus scheinbar geordneten Bahnen gefallen ist.
Wir leben, wachsen, entwickeln uns. Über das Blog tun wir das quasi in aller Öffentlichkeit– und sind gleichzeitig noch so weit davon entfernt, uns selbst erfassen und halten bzw. tragen zu können.

Heute morgen habe ich gespürt, wie viel von unserem Alltag in Krisenzeiten wie jetzt von einem völlig fremden inneren System getragen wird und ganz ehrlich: nach inzwischen 13 Jahren unter der Diagnose der dissoziativen Identitätsstruktur war und ist das das Letzte mit dem ich gerechnet hätte.
Dabei ist es so logisch: Man kann nicht bewusst für Dinge sein, die unbewusst sind bzw. die unbewusst im Sinne von “in einem dissoziativem/dissoziiertem Zustand” getan werden.

Je näher wir an Routinen und geordnete Bahnen kommen, desto mehr bricht auf und in sich zusammen, weil immer weniger Energie in Dissoziation, als in Assoziationen am eigenen Sein fließt. In diesem Jahr haben uns die Aufnahme des Vorstudiums an der Kunstschule, das Hineinfuchsen in die Rolle eines Wissen vermittelnden Menschen, der bestätigte Verdacht des auch autistisch seins, einen erheblichen Schritt näher an das, was man “geordnete Bahnen” nennen könnte, gebracht.
Genauso wie die Erkenntnis weder Inklusionspüppi noch feminist riotgrrrl zu sein. Weder Freundin noch Feindin zu sein. Weder Mann noch Frau zu sein. Im stetigen Zweifel ein Mensch zu sein. Nicht zu sein, was andere in und an dem sehen, zu sehen glauben, was ist und als Schluss ins eigene Bild von “Hannah C. Rosenblatt” hineinmeißeln, ohne sich selbst, ob der eigenen Fähig- und Fertigkeiten als Meißelnde_r zu hinterfragen.

Wir haben uns, obwohl nachwievor depressiv, instabil und in einigermaßen desolatem Zustand entlassen _müssen_ , weil uns das von außen unreflektierte Unverstanden sein, in einen Zustand triggert, der über “dysfunktional” hinaus geht und nicht kompensierbar war.
Wenn die, die einem helfen wollen/sollen/möchten nicht verstehen können/müssen/sollen, dass sie nicht verstanden werden und nicht verstehen, dass ihnen genau das gesagt wird, dann ist es vielleicht, wenn nicht das überhaupt grundlegende Drama der Irren ™, so doch auf jeden Fall unser ganz persönliches.

Wir denken darüber nach, in wie weit der Autismus und auch unser viele sein – zu allererst aber doch unser in Gewalt aufgewachsen sein, uns zu einem Menschen macht, der Unterstützungen und Hilfen jeder Art, nicht ohne Erklärungen und grundlegendes Verständnis ihrer inneren Mechanik anzunehmen in der Lage ist.
Wo beginnt eigentlich der Wunsch nach dem Verstehen der Hilfe und wo geht es viel mehr um ein so tief verwurzeltes Misstrauen in die menschliche Spezies, dass wir uns ausgeliefert und dem Tode nahe fühlen, sobald wir nicht mehr verstehen, was warum und wie genau passiert?
Und was ist es, was da wie eine Sirene meine Innenansicht benebelnd schreit, in dem, was wir “das Inmitten” nennen, ohne selbst konkret zu wissen, was wir damit meinen?

Mir ist heute eingefallen, dass wir nicht für Menschen schreiben und doch immer versucht haben für das Verständnis von Menschen zu schreiben.
Ein anderes Innen lehnte sich zu mir und legte eine Erinnerung dazu.
“Ich kann jetzt noch nicht sterben, weil ich noch nicht verstanden habe, wie die Menschen funktionieren.”.
Das hatte die 16 jährige „Darkcloud“ ihrer Lehrerin anvertraut. In einem dieser nahen Momente. Damals. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als alles – zumindest äußerlich – noch tausend Mal schlimmer war, als heute.

Heute steht in unserer Nicht-Suizidvereinbarung: “Grund für die Bindung [an den Vertrag] = Wörter/ Kommunikation finden [mit Therapeutin, dem Menschen, der Begleitenden]” und als vielleicht das “rosenblattsche inner perpetuum mobile” die Erinnerung “Wenn wir den Vertrag brechen, werden wir nichts mehr lernen (finden) können”.

Vielleicht ist es also gut, wie wichtig, wie lebensrettend, dass wir uns dem Unverständnis der Menschen hier immer wieder ausgeliefert haben.
Vielleicht hätten wir die Teilchen so nicht verbinden können.
Vielleicht, lapidar gesagt, mussten wir halt 8 Jahre auf die Fresse fliegen, Rat_Schläge einstecken und an unserer Fähigkeit der Kommunikation ver_zweifeln bis wirs endlich kapiert haben.

Man lernt halt nie aus.
Wenn man lebt.

die Gewalt im Trost #Worldmentalhealthday

Heute ist “World Mental Health Day” und das Erste, das ich heute lese, ist dies:
ein Screenshot von einem Kommentar von
Das ist, was eine fremde Person zu meinem Leiden sagt. Zu meinem Leiden unter inzwischen 10 Jahren Zwangsferien mit Freizeitpark Hartz 4 mit den Attraktionen “Traumafolgen-Achterbahn”, “der Diskriminierungsgeisterbahn” und dem von allen hochgeschätzten “Nervenkitzelkabinett der enttäuschten Hoffnungen und der vergeblichen Anstrengungen”.

Ich denke: “Du bist dumm und deshalb schreibst du dummes Zeug in mein Blog.” und ich denke “Ich wünsche dir meine letzten 12 Jahre an den Hals.”, weil ich verletzt bin und ich nur diese Qual in meiner Lebensrealität als etwas greifen kann, das man anderen Menschen nur wünschen würde, würde man sie gleichermaßen quälen wollen.
Ich schäme mich, weil ich ableistisch und brutal reagiere.

Erfahre Trostversuche und den Tipp mir ein Video anzusehen bei Twitter.

Es ist dieses:

und ich fange an zu weinen, weil ich merke, was da für eine unbesehene Lücke klafft.

Weil ich weiß, wie leicht es ist, sich zu schützen und zu trösten, indem man denkt: “Was weißt du denn schon?”.
Weil ich weiß, dass man zu Nichtwissen nicht gleichermaßen, wie zu Leiden und Überleben gezwungen wird.
Weil ich weiß, wie viel leichter es ist, einfach immer wieder zu unterstellen, niemand hätte eine Kenntnis von dem, was im Leben, fern derer, die einen herabsetzen, demütigen, verletzen und stigmatisieren – derer, die ihre Schlimmskala an einen dran halten ohne zu verstehen, was daran gewaltvoll ist, passiert.

Mein Schmerz ist der, dass es jede_r wissen kann. Und eigentlich in seinem Inneren auch schon lange weiß.
Man tut nur gerne so, als wüsste man es nicht, weil es ein so viel besser auszuhaltender Vermeidungstanz ist, so zu tun, als handle man aus Unwissenheit – und nicht aus Einfältigkeit, Boshaftigkeit oder Ignoranz. Es ist leichter Belehrungen links rein und rechts rausrauschen zu lassen, als zuzugeben, dass man ein ignorantes Arschloch ist, das froh ist, weder arm, noch krank noch behindert noch jemals so global ohnmächtig gewesen zu sein, wie die Person über deren Rücken man sich erhebt.

Es ist weniger kraftaufwändig Menschen zu unterstellen, sie hätten keine Ahnung, als ihnen aufzuzeigen wieviel Wissen sie eigentlich haben.

Es ist unser alter Konflikt von Anbeginn des Blog von Vielen.
Wir sehen keinen Sinn in der klassischen Aufklärungsarbeit und halten die klassische Öffentlichkeitsarbeit beim Thema “seelische Gesundheit” im Kontext mit “Trauma” und “Gewalt” für nicht möglich, wenn man auf klassische Gewaltausübung verzichten möchte.
Wir sind nicht diejenigen, die anderen Personen erklären können, was richtig und was falsch ist. Wir lehnen es ab, als ein Mensch wahrgenommen zu werden, der alles weiß, der überlegen ist oder besser als andere.
Wir haben nichts davon außer einen besonders angreifbaren Platz innerhalb der Gewaltspirale um Deutungs- und Definitionsmacht.

Wir schreiben hier über uns. Unser Leben heute und das Überleben, das wir erinnern. Wir teilen unsere Gedanken, Gefühle, Ideen und geben uns die Stimme, die von der Gewalt innerhalb von Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit stumm gehalten wird, weil sie davon profitiert und komplett auf der Idee einer globalen und immerwährenden Stummheit, derer um dessen Leiden es geht, basiert.

Wir haben einen Krankheitsbegriff, der nicht kompatibel ist mit einer Gesellschaft, die sich Hörigkeiten nötig hält und Gewalt reproduzieren muss, weil sie zu feige/bequem/ängstlich/unsolidarisch ist Alternativen zu formulieren und zu etablieren.
Wir lehnen Pathologie ab. Wir richten nicht über jene, die uns verletzt und verdreht haben. Wir sprechen nicht für andere.
Wir sind nicht krank. Wir sind nicht gesund.

Wir sind wir und das ist genug, woran wir zu tragen haben.

Wir nehmen uns ein Recht auf Platz und Stimme, das uns innerhalb der Strukturen, die es derzeit gibt, nicht zugestanden wird und bitten nicht um Legitimation dessen. Das ist, was unser öffentliches Tun wertvoll und so verdammt revolutionär macht.

Hier kann jede_r lesen, di:er möchte und hier kann sich jede_r nehmen, was ihm_ihr hilft.
Niemand braucht unsere Worte hier – es ist aber gut, dass sie da sind, denn sonst würde niemand wissen, dass es sie gibt.

Heute ist ein Tag, an dem man sehr viele Leidens- und Lebenswege nachlesen kann. Besonders unter #WorldMentalHealthDay.
In diesem Blog kann man das jeden Tag, seit 2008, tun.

Man kann erfahren: zu Leiden ist im Leben mindestens eines Menschen ein Aspekt von “Normalität”. Man kann begreifen: “Armut” bedeutet mehr als “kein Geld haben”. Man kann miterleben: Das Leben mit einer Behinderung wird nicht von dem definiert, was nicht geht, sondern von dem, was möglich ist und möglich sein könnte.  Man kann begreifen: Hier ist es möglich etwas zu wissen, wenn man etwas wissen will.

Man kann begreifen, wie wichtig es ist sich von seiner Trostfloskel: “Was weißt du denn schon?”, zu verabschieden, weil sie auch gewaltvoll ist.

drin drin drin

Zwischendurch denke ich Sätze, die mit “Im Gegensatz zum Rest der Welt, weiß ich…” beginnen und weiß doch, dass ich den Rest der Welt weder kenne, noch dieser irgendetwas mit mir anfangen kann. Ich bestrafe mich für den Gedanken irgendwas zu wissen, denn tatsächlich weiß ich gar nichts. Tatsächlich ist dieser Satz ein Zitat aus einer Serie. Tatsächlich ist dieser Gedanke kein Gedanke, sondern ein durchweichter Fetzen auf der Suppe in meinem Kopf.
Rederest. Gesprächsrand. Plapperschnipsel.

Inzwischen sind die Gefühle bei mir angekommen und ich verstehe, was mich so verwirrt.
Es ist die Abstoßung innerhalb der ultimativ nahen Verschmelzung, die mit der Verletzung durch die Person einher ging. Es ist das “Ich hasse dich/verachte dich/entwerte/demütige dich”, das Abstoßung bedeutet, noch während der An_Griff meine Seele und damit mein Inneres berührt, was eine Verbindung bedeutet.

Es ist, was jedes Geschlagenwerden mit mir gemacht hat. Einerseits spürt man den Hass und andererseits spürt man die Verbindung.
Man kann nicht weg – kann nicht unsichtbar sein, obwohl es der Hass in der Person verlangt und als Botschaft in jede Zelle hineingraviert.

Mir ist aufgefallen, dass ich wieder einen Menschen verloren habe, gerade als es darum geht vor einer ersten Chance zu stehen, die mehr Selbstständigkeit, mehr Wertschätzung unserer Arbeit, mehr Unabhängigkeit für uns ganz greifbar zur Folge haben kann.
Ich frage mich, ob wir etwas reinszeniert haben und wenn ja, was.

“This is not for you.”, fliegt an mir vorbei und kleistert sich zwischen meine Gedanken an einen Rest der Welt, der irgendwo dort draußen ist und noch viele weitere Menschen für mich enthalten könnte.
Mein Warten ist eine Wiederholung. Ich stehe hier wie damals mit meinem Rucksack in der Hand und  dem Weh im Inmitten und warte darauf, dass mein Ummichherum bemerkt, dass ich zu gehen im Begriff bin. Für immer und ohne Wiederkehr auf dem Weg zu etwas von dem ich nur weiß, wie es nie wieder werden soll.

“Ich werde dich nie wieder in mein Leben lassen”, überlege ich hinauszustoßen und hinterlasse bereits damit einen nicht revidierbaren Abdruck in mir drin.

Gewalt ist eine Spirale und ich bin mittendrin drin drin drin

ein Montag, der drei Tage dauerte – 2

Bahn fahren ist ein logistisches Mammutunternehmen – nicht nur, weil es in ganz Deutschland ermöglicht werden will, sondern auch, weil ganz Deutschlands Bevölkerung diese Möglichkeit zu nutzen versucht.

Der Bahnhof ist eine gern genutzte Metapher für Prozesse und Bewegungen, die gleichzeitig und doch aufeinander abgestimmt passieren. Nirgendwo sonst kann man Dominoeffekte und Fehlerwege so gut vorhersehen, wie nachträglich erfassen.
Doch auch Zugverkehr passiert nicht kontextlos. In jedem Waggon werden individuelle Kosmen zusammen zu einem Universum unter der Nummer des Zuges, der sich durch ein Multiversum von Ziffern, Zahlen und Nummern bewegt, die sich alle wie ein Paralleluniversum verhalten.

Es ist beachtlich, dass Menschen solche Komplexe erschaffen können, wenngleich es vor dieser Beachtlichkeit eine wiederkehrend schmerzliche Erkenntnis ist, dass nicht alle beteiligten Menschen in der Lage sind, sich selbst und andere durch diesen Komplex zu begleiten. Ihn begreif- und nutzbar zu machen verstehen. Vielleicht auch anzuerkennen, dass auch das perfekteste System Lücken haben kann, durch das genau die Personen fallen, für die die Nutzung und die eigene Bewegung im Megamultiversum “Reisen mit dem Zug” voller Barrieren ist.

Ich bin eine Person, die massiv auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit angewiesen ist. Ist diese nicht gegeben und zwar ganz subjektiv für mich allein, verliere ich die Orientierung und werde auf eine Art hilflos, die sich je länger und öfter sie angestoßen wird, ausbreitet und mich Stück für Stück handlungsunfähiger macht.
Ein Bahnhof mit all seinen Abläufen und Zugreisen über weite Strecken erfordern von mir entsprechend intensive Vorbereitungen und bedeuten ein hohes Maß Abhängigkeit von Bahnmitarbeiter_innen, Gleisdurchsagen und den Informationen auf den Anzeigetafeln.
Für mich sind Zugreisen etwas, das ich tue, wenn ich arbeiten kann.Rein  aus Spaß an der Freude bin ich noch nie in einen Zug gestiegen, denn die zu überwindenden Barrieren machen wir Angst, die Abhängigkeit macht mich ohnmächtig und so wie ich mich vorbereiten muss, bleibt auch die größte Aussicht auf den größten Spaß reichlich blass zurück.

Am Samstagabend ist mir passiert, wovor ich immer Angst habe, wenn ich mit der deutschen Bahn fahren muss. Ich saß im falschen Zug, landete 200 km entfernt von meinem Zielbahnhof und stand vor Servicepersonal, das zum Einen nicht in der Lage war mit mir zu kommunizieren und zum Anderen nicht befugt war, mir eine Alternative zu einer Fahrt von 6 einhalb Stunden (davon 4 Stunden Wartezeit am Bahnhof in der Nacht) aufzuzeigen.

Da stand ich nun mit meinem Ticket, der Sitzplatzreservierung, von der ich durch die Verspätung des ersten Zuges schon nichts hatte und meinem Notfallplan, mich immer in der Bahnhofsmission ausruhen zu können, meine Helfer_innen zu Hause anrufen zu können und immer auch Passanten ansprechen zu können.
Nach einer Reisezeit von 19.01 Uhr bis kurz vor Mitternacht, in der eine Verspätung von 25 Minuten, eine Wartezeit von anderthalb Stunden, ein Gleiswechsel und ein Zug, der geteilt wurde (was nicht über die Gleisdurchsage mitgeteilt wurde, sondern über eine Zugdurchsage, die von mir nicht mehr verarbeitet werden konnte) auch noch geschahen, war ich nicht mehr in der Lage ruhig und nachsichtig zu sein. Geschweige denn auch nur eine Zahl nach der anderen aufzunehmen und mit dem Geschehen in Kontext zu setzen.

Meine Helfer_in hat versucht uns über das Mobiltelefon zu unterstützen, doch am Servicepoint hatte man seine Vorgaben und die sind nicht auf menschliche Fehler ausgelegt. Weil ich keinen Mobilitätsservice in Anspruch genommen habe (dazu komme ich später), sondern einfach nur zwischen Tür und Angel einen Mitarbeiter im Vorbeigehen gefragt habe, ob ich in der richtigen Hälfte des geteilten Zuges sitze, war nicht nachzuweisen, dass der Fehler a) überhaupt geschehen ist und b) von einem Mitarbeiter der Bahn bzw. dem System der Bahn begangen wurde.
Weil ich gemacht habe, was alle machen und dabei Pech hatte, konnte niemand helfen, denn das ausgeklügelte System hat eben doch auch Lücken.
Die Servicemitarbeiter_in Frau Z. , die an diesem Samstagabend sicherlich schon mehrfach beschimpft oder beleidigt wurde, die auch mit ziemlicher Sicherheit bereits mehrfach versuchen musste Betrugsversuche zu klären – kurz: die aushalten musste, was Samstagnachts in einer Stadt wie Bremen so passiert, hatte in ihrer umfangreichen Telefonliste weder die Telefonnummer eines sozialen Dienstes, noch eine Hotline für den Ausgleich eines menschlichen Fehlers in dem großen Komplex der hinter dem Logo der deutschen Bahn steht.

Und ich – die den Krach in der Vorhalle, den Gestank der Geschäfte, die Anstrengung der Kommunikation und die Erschöpfung von 23 aktiven Wachstunden in jeder Faser von Körper, Geist und Seele spürte, stand da und sah sich weiteren 7 Stunden Krach, Gestank, Angst , Überforderung, Menschenkontakt, und weil ich nur noch 2€ besaß, auch keiner Möglichkeit sich dessen zu entziehen, gegenüber.
Bereits 3 Stunden vorher hatte ich einen Zusammenbruch mit einem ca. 10 Sekunden-Krampfanfall allein durchstehen und kompensieren müssen, weil zum Servicecenter oder zur Bahnhofsmission zu gehen bedeutet hätte, wieder durch den ganzen Bahnhof zu laufen, Schilder suchen, lesen und begreifen können zu müssen und dann wiederum mit Wörtern kommunizieren zu müssen.  Alles Dinge, die ich kann, wenn mal ein Zug ausfällt, oder mal eine Verspätung ist, oder mal eine Gleisänderung ist – aber nicht wenn ich nach einem vollen Tag so viel aufzufangen habe, wie an diesem Samstag.

Vielleicht bemerkt man schon an dem, was ich als Barriere für mich aufzeige, dass ich keine Mobilitätseinschränkungen im engeren Sinn habe. Mein Problem sind unvorhergesehene Überreizungen, die man aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit nicht einplanen kann.  Ich werde erst in dem Moment in meiner Mobilität eingeschränkt, wenn ich Menschen, Durchsagen und Krach über meine Fähigkeiten hinaus aufnehmen, begreifen und in meine Reaktionen integrieren muss.
Nach einer Zeit wie am Samstag kann ich etwas nicht mehr, was viele Menschen jeden Tag und auch in Stress- und Angstsituationen intuitiv und ohne Anstrengung einfach tun.

Deshalb verzichtete ich bisher auch auf die Nutzung des Mobilitätsservice den die deutsche Bahn und die Bahnhofsmission anbietet.
Es fällt mir schwer mit Fremden in Kontakt zu gehen und überanstrengt mich schnell. So habe ich in meiner subjektiven Kraftrechnung vielleicht eher einen Nachteil, weil die Kraft, die ich für mich und allein zum Aushalten des üblichen Geräusch- und Hektiklevels des Bahnhofes und der Fahrt an sich brauche, für den Kontakt vor dem Fahrtantritt und während den Zugwechseln draufgeht.

Mal abgesehen davon: Ich bin mit ICEs zwar nur selten pünktlich, komme aber nur sehr selten mit mehr als einer Stunde Verspätung an und muss ebenfalls eher selten länger als eine halbe Stunde auf einen Ausweichzug warten.
Fehler in Technik und Baustellenverspätungskompensation wurden also bisher auf ein vertretbares Belastungslevel gebracht – Fehler, die Menschen machen, weil sie eben Menschen sind, die auf Fehler und Außerplanmäßigkeiten reagieren, so wie es ihre individuellen Fähig- und Fertigkeiten ihnen ermöglichen, hingegen noch nicht, denn auch den Mobilitätsservice können nicht alle Personen an jedem Bahnhof zu jeder Tages- und Nachtzeit erwarten. Schon gar nicht spontan.

Am Servicepoint stehend fragte ich mich natürlich auch, warum ich eigentlich eine Bahncard habe, wenn sie mir außer vergünstigten Tickets (die ich kaufe, damit die Menschen, die mir die Fahrten ermöglichen, nicht so viel zahlen müssen) nichts bringt.
Die hübschen DB-Lounges sind nachts fast immer leer. Was logisch ist. Würde ich mir Tickets erster Klasse leisten können, könnte ich mir sicher(er) sein auch wirklich dann dort anzukommen, wo ich hinwill und wenn nicht, dann könnte ich sicher auch ein Hotelzimmer bezahlen. Bilde ich mir jedenfalls ein.
Warum darf man bei einer Verspätung über das übliche Maß hinaus nicht auch als Person zweiter Klasse dort sitzen? Warum gibt es nicht überall allgemeine Wartesäle, die vielleicht auch eine Tür zum Zumachen haben? Warum gibt es ruhige Räume nur in der Bahnhofsmission? Warum gibt es keine Coupons zur WC-Nutzung für Verspätungsbetroffene? Und was ist eigentlich aus den Kaffeecoupons geworden?
Warum gibt es offenbar keine Kompetenz der Servicemitarbeiter_innen auf Menschen mit Behinderungen zu reagieren? Wie kommt es, dass alternative Verbindungen von 6,5 Stunden mit solchen Wartezeiten als zumutbar zu präsentieren sind?

Und am Ende: Warum dürfen die Servicemitarbeiter_innen nicht einfach offen sagen, dass sie in unkonventionellen Fällen, keine unkonventionellen Lösungen kreieren dürfen? (Bis ich verstanden habe, dass mir die Mitarbeiter_innen das mit ihren leergelesenen Sätzen sagen wollten, hatte es einen Weinkrampf, viele Telefonate und ein aufgebrauchtes Internetdatenvolumen in meinem Handy gebraucht).
Es gab mir einen Stich zu merken, dass Frau Z. dachte, die Frauen*, die mit mir im Abteil saßen und sich verbunden genug gefühlt haben, um mitzuverfolgen, wie es mir am Bahnhof ergeht, wären da, weil sie mal sehen wollten, wie mies “die Bahn” mit “den Behinderten” umgeht.

Ich habe wirklich nicht mehr viel bemerkt, aber, dass ich in meinem Kämpfen um das Verstanden werden und Hilfe erhalten auch noch geothert wurde und sich auch hier das Stigma der Ideen, die Menschen von Behinderungen und den Menschen, die mit Behinderungen leben, haben, wirkte, traf mich so tief, dass es unübergehbar war.
Da war ich gerade zwei Tage auf einem Inklusionskongress und all die Zuversicht, die ich dort tanken durfte, wurde mir erneut in Frage gestellt.

Es gab keine Lösungsvorschläge außer die lange Reise.
Aber es gab eine Mitreisende, die sich solidarisch verhielt und fragte, ob ich ihr Gästebett benutzen möchte.

Ich habe wie alle Menschen – speziell jene, die als Mädchen aufwachsen – gelernt, nie mit Fremden mitzugehen. Nie.
Ich habe gelernt, Menschen in Uniform zu gehorchen und zu vertrauen.
Und in dieser Situation gab es keinen Lerninhalt, der anwendbar war. Keinen Plan B. Nur durchsichtige Notlösungen, auf die ich vertrauen sollte, obwohl ich als Person, die zum Opfer von Gewalt wurde, bis heute nicht einmal weiß, was “Vertrauen” eigentlich ist.
Meine Helferin unterstützte mich übers Telefon, in dem sie sich die Daten der Person geben ließ. Etwas, woran ich nicht gedacht hätte. Etwas, was ich auch gar nicht mehr hätte leisten können.
Zum Glück ratterte in meinem Innern die ganze Zeit “Die Helferin soll hier sein – sie soll hier sein und nirgendwo anders” – hätte dieses Rattern aufgehört, hätte ich sie nicht mehr angerufen.

In meinem Leben gibt es leider niemanden, von dem ich glaube kann  si_er würde mir zurufen: “Kind! Was dir alles passieren kann!”. Ich habe eher Menschen um mich, die mir sagen “Wende dich an die Leute in Uniform.” und “Da mussten sie jetzt durch, aber sie merken ja, es ist nichts passiert.” und “Am Bahnhof läuft gerade viel Polizei herum – es ist wirklich sicher da.”.
Anhand dessen, was mir die Menschen sagen, kann ich in aller Regel nicht ablesen, ob sie das von mir wahrgenommene Ausmaß von Angst, Belastung und Erschöpfung mitsamt aller wahrgenommenen Intransparenz, die ich nicht mehr selbstständig klären kann, begreifen. Die meisten Menschen in meinem direkten Umfeld erleben die Polizei als Helfer_innen – nicht als Marker für eine gefährliche Situation.
Für mich gilt: Wo es friedlich ist, braucht es keine Polizei.
Den Sprung von “Sicherheit” zu “Polizei”, werde ich wohl im Leben nicht schaffen.

Während die Mitreisende mit der Helferin telefonierte betrachtete ich sie.
Studi-Schal, moderne Brille – eine rosa Stielrose in der Hand.

Ich  folgte ihr zur Straßenbahn, in ein Seitenstraße, in eine fremde Wohnung.
Wir tranken Tee und schliefen bis 10 Uhr.

Auf der Rückfahrt bewunderte man mein zerfleddertes und wild bestempeltes Reisedokument.
Für die nächste große Reise werde ich den Mobilitätsservice in Anspruch nehmen, denn weniger auf das Glück eine solidarische und großzügige Mitreisende zu treffen, als darauf, dass Fehler passieren und nicht immer für mich tragbar zu lösen sind, muss ich mich verlassen.
So ist das Leben.

ein Montag, der drei Tage dauerte

Der Schlussakkord der Therapie lautete auf: “Wenn du ein Problem hast, dann hast nur du ein Problem.” und fügte sich wunderbar in die Scheißesinfonie der letzten Wochen ein, die von schwierigen Dynamiken und Entwicklungen erzählt und davon, dass einige der Menschen, mit denen ich versuche und versuchte zusammenzuarbeiten sich von mir entfernen, mich verlassen, mich allein lassen mit Schmerz, Angst, Ohnmacht und genau dem, von dem ich weiß, dass ich allein es nicht tragen kann.

“Dass ich überfordert bin, ist mein Problem und deshalb ist es legitim mich mit dem Schaden aus diesen Überforderungen allein zu lassen und mir das Gefühl zu geben unzulänglich, böse und unfähig zu sein.” – keine neue Erkenntnis, sagt doch eigentlich jede Gewalt- und Vernachlässigungserfahrung genau das auch.
Trotzdem ist es ein Schmerz und trotzdem ist es falsch.
Und trotz genau diesen Umstandes ist es mein Problem und völlig egal für das Ummichherum. Ich werde angeschwiegen und zwischendurch fühlt es sich an, als würde man mich totschweigen wollen. Oder müssen.

Mein Kopf summte diese Sinfonie in der Nacht vor der Fahrt nach Hamburg immer wieder vor sich hin. Ließ mich nicht schlafen. Ließ sich aber von der Angst den Wecker nicht zu hören ablösen.
Ich stand um 4 Uhr auf und tröstete mich damit, eine gut durchgeplante Fahrt zum Inklusionscamp anzutreten.
Ich hatte eine Sitzplatzreservierung, hatte meine Route innerhalb von Hamburg genau ausgekundschaftet. So wie man das macht, wenn man alleine fremd unter Fremden ist.  Ich weiß, was ich brauche, um gute Arbeit und gute Anteile meiner Arbeit teilen zu können und habe mich darum gekümmert.

Und dann war Montag.
Es kann nur Montag gewesen sein, denn nur Montage schaffen solche Konstellationen aus Verspätungen und Notwendigkeiten in Regionalbahnen steigen zu müssen, in denen bereits um kurz nach 8 Uhr morgens angetrunkene Fußballfreunde und ihre praktischen 5 Liter-Siegerbierfässer sitzen.
Außerdem fährt der alte Penner, der uns in der Hamburger S-Bahn unter den Rock gegriffen hat, sicher auch nur Montags in der gleichen Bahn, wie Leute, die von sowas in Flashbacks getriggert werden.
Da bin ich ziemlich sicher.
Außerdem fahren nur Montags die Busse, die nur einmal in der Stunde fahren, direkt so weg, dass man ihre hämisch grinsenden Schlusslichter noch sehen kann.

Wir haben uns umgeschaltet.
Man nennt das “positive Ressource” obwohl es im Grunde bewusstes Spalten ist und nichts Anderes oder Gesünderes, als die Dissoziation, dessen Wirkung uns zu einem Menschen macht, der viele ist.
Nach vorn treten Innens, die funktional sind, aber wenig schwingungsfähig. Sie sprechen mechanisch und saugen Informationen auf ohne sie zu berühren. Ich treibe neben ihnen her und habe ab und zu die Idee, ich könnte mich ja mit meinen gemochten und gemögten Menschen verbinden, um diese Innens weniger notwendig zum Überstehen dieser Stresssituationen zu spüren.
Doch auf die Idee kam die Erinnerung an den Umstand, sein Problem immer selbst zu haben und die Idee, einfach nicht mehr zurück zu fahren. Einfach noch ein Stück weiter Richtung Norden, dann ein bisschen nach rechts und dann ist es schon nur noch das Drücken eines Klingelknopfes, das davon trennt, endlich das zu bekommen, was man braucht. Will.

Zwei Mal sprachen wir vor Menschen, die sich für das Thema “Komplextrauma” interessiert haben, davon, wie wichtig kontinuierliche Begleitung, klare und transparente Strukturen und eine Idee vom Entstehen einer posttraumatischen Belastungs”störung” ist. Gerade bei Menschen, die daneben eine Behinderung haben bzw. behindert werden.

Und selbst bewegten wir uns auf Notstrom und voller Spannung auf allem, was uns erreicht, um uns zu regulieren.
Vor allem als nach dem Ende des zweiten Camptages unsere Fahrt von Hamburg nach Hause um 19 Uhr genau nicht begann und erst am Folgetag um 16 Uhr 25 endete.

~Fortsetzung folgt~

kein Anschluss

“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.

Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.

In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.

Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.

Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.

Und er versteht nicht.

Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”.  Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.

Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da.  Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.

Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen.  Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.

“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.

Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.

Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.

Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.

Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”

kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”

Blitzlicht

Jahreswechsel.

Ich glaube, ich bin noch nie so wütend, traurig und beschämt ins neue Jahr gegangen.
Tausende Menschen sind auf der Flucht und das Land, in dem ich lebe, schließt die Grenzen. Ständig begegnet mir Alltagsrassismus und, weil ich ein blütenweißes Toastbrot bin, komme ich mir falsch vor, den immer wieder anzusprechen. Awkward white tears – ich weiß. Sie sind aber trotzdem da.

Ich merke, wie genervt Menschen von mir sind – und kann nicht reagieren.
Ich merke, dass ich meinen eigenen Selbsthass zunehmend unkontrollierbarer erlebe – und kann nicht reagieren.

Im Grunde hasple ich seit Wochen von Handlung zu Handlung, scheitere, rapple mich auf, zerre an mir, mich zusammenzureißen und weiter zu machen.
Hier ein Autsch – da ein Erstarren durch den Schmerz hindurch. Einfach immer weiter machen. Komm schon, das ist alles nicht neu. Hatten wir alles schon mal – ist gleich vorbei – dann gehts weiter weiter weiter.

Ich hab den Drang einen Laut rauszuschreien und kann damit nichts anfangen.  Möchte mich Menschen mitteilen und spreche gefühlt nur Mist aus.
Meine Wochen sind so unruhig und chaotisch – machen mich unruhig und chaotisch.

Eine gute Sache passiert und zieht gnadenloses Chaos mit sich.
Aktuell: meine Zähne.

Wir haben mindestens 2 Jahre durchgehend Zahnschmerzen gehabt und uns durch viele Behandlungen gequält, die allesamt nichts brachten, weil sich die leichte Angst bei der Zahnärztin zu waschechten Panikattacken und Vermeidungsverhalten entwickelt hatte. Endlich fanden wir erst Erleichterung durch eine Wurzelspitzenresektion in einer Operation und erhielten gestern eine Komplettsanierung des Gebisses wiederum unter Vollnarkose.

Und wer sitzt Stunden später vor seiner Suppe und kann sie nicht essen, weil sich die Zähne anfühlen, als wären sie nicht mehr da, aber gleichzeitig doch anwesend? Richtig.
Da ist etwas Fremdes in meinem Mund und das nennt sich “keine Schmerzen” und das geht einfach nicht wieder weg.
Ich merke so einen Impuls mich zu verprügeln, mir so richtig tief weh zu tun, weil es so dumm ist zu fühlen, was ich gerade fühle. Und daneben drängt der Impuls sich einzurollen und zu warten. Sich zu absorbieren und einfach in ein Detail hineinzukriechen bis nichts und niemand mehr an mich herankommt.

Stattdessen begebe ich mich unter Menschen. Jetzt bloß nicht isoliert werden. Wenn ich jetzt noch wirklich den Faden verliere, dann wird es wirklich gefährlich. Ich weiß nicht, welche Gefahr das ist, aber ich merke sie wie sie in meinen Nacken atmet.
Und was passiert Frau Rosenblatt, wenn sie unter Menschen geht? Richtig: sie verhält sich nervig bis awkward, verärgert diese Menschen und spürt mit jedem Wort, das sie äußert, wie die Ablehnung ihrer Person näher rückt.

Und dann geht es wieder los. Dieses bescheuerte Spiel um die Gunst von Wesen die unverständlich, überreizend und unangenehm wahrgenommen werden, zur Rettung des eigenen Lebens, vor etwas, das man gar nicht benennen kann.

Und wenn ich müde davon bin und nur noch heulen will, weil ich selbst nicht weiß was los ist und was besser hätte würde wenn könnte sollte müsste, weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.

Shana tova.

das awkward-eiskalte Herz

Ob ich traurig bin, weiß nicht.
Wütend? Keine Ahnung.

Ich dachte lange, meine Unsicherheit in Bezug auf mein emotionales Empfinden, hinge damit zusammen, dass ich es immer dissoziiere oder, dass ich ein intellektualisierender Mensch bin. So sage ich erst, dass ich traurig bin, ich wenn ich die Situation auf Marker für Traurigkeit untersucht habe. Ich benenne meinen schnellen Puls und das Ziehen im Zwerchfell, erst dann als Wut, wenn ich eine Ungerechtigkeit, einen Wortbruch oder sinnlose Zerstörung wahrgenommen habe. Beschämung und Demütigung berührt mich, weil ich die Umstände, die mich beschämen in aller Regel nicht verändern kann, was mich ohnmächtig macht, was wiederum ein allgemeiner Marker für Verzweiflung und Wut ist.
Spontan in mir auftauchend habe ich das nicht auf diese Art.
Meine spontanen Empfindungen sind “Thiiii” oder “Gnah” oder “Hrgm” oder “Oharr”. Je nach Melodie sortiere ich sie dann in eventuelle Wut, Trauer, Unwohlsein oder Fröhlichkeit und prüfe darauf hin meine Umgebung.

Im Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch eine Art eiskaltes Herz bin.
Ich benutze Menschen. Das ist nichts Neues und die Menschen, die mit mir arbeiten, wissen das. Manche glauben mir das nicht und sind gekränkt, wenn sie irgendwann feststellen, dass ich sie nicht angelogen habe, weil sie mir aus ihrer Kränkung heraus nicht mehr vorwerfen können, ich hätte sie angelogen und glauben lassen, es wäre mir ausschließlich um sie gegangen.
Niemand mit der_dem wir näher zu tun haben, hat von uns noch nicht gehört, dass wir komisch mit Menschen sind. Dass wir uns als Freundin nicht eignen und, dass wir sie vergessen, wenn wir nicht regelmäßig mit ihnen zu tun haben.

Und dazu kommt, dass uns nicht geglaubt wird, wenn wir sagen, dass uns die Menschen selbst in aller Regel egal* sind, weil sie allein uns nicht reizen.  Es gibt viele Dinge um Menschen herum, die uns reizen und beschäftigen, weil wir sie nicht verstehen, oder wir die Lässigkeit mit der sich manche Menschen auch mit unsinnigstem Zeug befassen nicht nachvollziehen können zum Beispiel.
Es gibt auch viele Dynamiken, die uns nicht gefallen und die wir für die Menschen gerne verändern, weil wir Handlungsoptionen sehen. Aber wären diese Dinge, um die Menschen herum nicht da, würden wir uns nicht mit ihnen befassen.

Ich habe eine Idee von der Kränkung, die damit einhergeht zu wissen, dass es mir im Kontakt nicht um den Menschen selbst geht, kann sie aber gleichsam nicht nachvollziehen. Gerade dann nicht, wenn ich von Anfang an sage, dass es so ist. Solche Kränkungen sind nicht rational genug für mich.

Vor ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir uns an die Therapeutin gebunden haben. Dass unser Zutrauen zu ihr eine Ebene hat, die fremd ist.
Da hatten wir zum ersten Mal reflektiert, dass unsere noch am Einfachsten funktionierenden Beziehungen die zu unseren Therapeut_innen waren, weil die beiderseitige Be_Nutzung immanent ist. Wir brauchen uns nicht daran aufreiben Angst davor zu haben, dass wir die Therapeutin vergessen, weil sie sich schon auch mal selbst um den Kontakt zu uns bemühen wird. Wir brauchen keine Angst davor haben, dass eine Kränkung von uns in ihr auf eine Art vor sich hin wirkt, dass sie uns wegtreten muss, weil sie so etwas an sich zu reflektieren und zu kompensieren geübt ist.
Unsere Therapeutin braucht uns nicht und die einzige Dynamik, die uns um sie als Mensch herum reizt,  ist ihre Arbeit an/mit uns.

Ich denke, dass unsere Performance mit Menschen umzugehen zu wenig einbezieht, auf irrationales und radikal destruktives Handeln einzugehen.
Da gibt es nur das Schockdissoziieren, das uns den Moment überstehen lässt und reaktives Erfassen der Gesamtlage mit allen Komponenten, Dynamiken und inneren Mechaniken. Man streitet sich nicht gern mit mir, weil ich das, was ich sehe, meistens auch noch mitteile, weil ich in aller Regel das Moment verpasse, an dem meine Schilderungen als von den Menschen selbst losgelöst angehört werden können.
Ehrlich gesagt habe ich diesen Punkt noch nie erwischt und werde ihn vermutlich auch nie erwischen, weil radikal destruktiv handelnde Personen in einem irrationalen Modus sind, der keine Kapazitäten für mein – nun ja – intellektuelles Geschwafel  detailliertes Erklären meiner Sicht der Dinge, übrig lässt. Aber eine andere Art der Reaktion ist schlicht (noch) nicht in unserem Repertoire.

Klar schimpfen wir auch mal zurück, aber befriedigend ist das eher selten, weil ich meistens schon noch merke, was ich da für einen Quatsch sage.
Hat man sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet “Arschloch” beleidigen soll? Eigentlich ist es doch ein sehr wichtiges Körperteil – alle sollten froh sein eins zu haben und sich das Wort vielleicht eher in einem anerkennenden und wohlwollenden Kontext sagen.

Wir haben uns gestern überlegt, dass wir in Zukunft mit Dingen beleidigen könnten, die wirklich nicht toll sind. Sowas wie “Du Wurst mit 4 E-Stoffen drin!” oder “Du Sackgasse ohne Wendemöglichkeit!” Aber da merke ich wieder, wie wenig meine Sicht der Dinge passt. Niemand würde sich so beschämt fühlen wie ich, würde si_er von mir damit beleidigt.

Und dann ist da ja noch Versöhnung und Verzeihen. Oder Buße und Erbarmen.
Ich habe meistens keinen Anlass dazu, weil ich in so ziemlich allen Konflikten eher eine ganze Palette von logischen Folgen sehe (wenn ich sie denn sehen darf in einer Aussprache oder einer gemeinsamen Reflektion), als eine Palette von Schuldaspekten, derer man sich durch Buße, Sühne oder Entschuldigung entledigen muss. Schuld ist heutzutage reichlich irrational, wenn man sich außerhalb juristischer oder religiöser Kontexte bewegt.
Meine These: In Wahrheit weiß heute niemand mehr wirklich was Schuld ist und hält die verzerrte Kopie eines wahrhaft schuldhaften Aktes einer anderen Person für Schuld.
Die Irrationalität beginnt einfach schon genau damit, Schuld trotzdem zu benutzen. Auch wenn man eigentlich nicht weiß, was das ist und es keinerlei konkreten Konsequenzrahmen im Zivilleben dafür gibt. Wer mit Schuld arbeitet, macht sich zum Richter und das ist Gewalt. Wer sich in Schuldgefühlen wähnt, eröffnet eine Falle für jeden Mitmenschen über sich zu richten, ob die Menschen das wollen oder nicht. Auch das ist Gewalt.

Wir schweben nach Konflikten immer etwas desorientiert herum, weil wir uns nicht mit Schuldgefühlen oder Buße tun beschäftigen. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, denn Schuld können wir nicht sehen. Es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wirklich verloren hat man nichts. Es gibt keinen Grund zur Wut, denn ohnmächtig im Schock sind wir ja nicht geblieben.

Eigentlich gibt es nur die Option zu merken:
“Ja Hannah, du bist ein wirklich awkwarder Mensch”.
Und das ist ja nun nicht wirklich neu.

Hm.

Es geht weiter. Alternativen sind gefunden, Wege werden gegangen, um sie irgendwann als Weg bezeichnen zu können.
Das Multiple lässt sich nicht aufhalten. Es windet sich entlang von Brüchen, fasert sich auf und umhüllt die Lücken mit zarten Strängen eines Ich.

Nichts ist so tragfähig wie das Ich in Menschen, die sich selbst haben retten müssen.
Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur gehen öfter Jahre verloren, Lebensqualitäten und Erfahrungen jeder Art flöten, weil sie selbst in der Reflektion einzig das spezifisch produzierte Ich über ihren Brüchen sehen können.

Ich bin schuld. Ich bin falsch.
Hätte ich, würde ich, könnte ich

So bekannt die eigene Awkwardness ist, so bekannt ist die Dynamik.
Es ist die Straße mit dem Loch, in das wir schon so oft hineingefallen sind.
Und die wir nun von der anderen Straße aus betrachten.