Schlagwort: Innenkinder

diese Tage, an denen man fürs Leben lernt

Es gibt Tage und es gibt Tage. Und “diese Tage”.

An “diesen Tagen” wartet man schon seit einer Ewigkeit darauf, dass die Menstruation jetzt endlich einsetzt, damit sich das schäbige Allgemeinbefinden endlich verändert. Man hält  beim Duschen die Luft an, weil die vielen kleinen Wasserstrahlen auf der Haut so exorbitant mehr weh tun als sonst. Man heult das erste Mal, wenn man sich daran erinnert, dass die alltime-favorite-Bekleidung aus Rock und Strumpfhose nachwievor unmöglich ist und schluckt das zweite Geheul herunter, als einem auf dem Weg zur Straßenbahn der Grünflächenpflege-Rasenmäher-Horrorschwadron entgegen kommt.
Man quetscht sich Small Talk aus dem Wörterpansen direkt hinter den Rachenmandeln, um der Person, die eine_n freundlich anquatscht, ebenso freundlich zu begegnen.
Und man weiß, dass ab jetzt absolut nichts mehr passieren darf, weil sonst das gesamte Kartenhaus des Hier und Jetzt in sich zusammenkracht.

Murphys Law sei Dank, passieren aber natürlich Dinge.
In der Schule riecht es heute nach Waffeln, wir warten lange auf den Lehrer und stehen in der Einflugschneise des Kellerganges. Hunderte Schüler schlurfstöckelschlappen an uns vorbei und niemand von ihnen versucht, wenigstens eine der zwei Türen nicht in den Rahmen knallen zu lassen.
Meine Mitschüler_innen schaffen es zu reden, zu lachen, ein bisschen dösend zu warten. Ich bin froh NakNak* unter meinen Finger zu spüren und so zu wissen, wie groß ich tatsächlich bin. In meinem Gefühl gibt es meinen Körper nicht mehr. In meinem Gefühl, bin ich ein Wesen ohne Haut über den bloßen Nervenenden.
In mir drin schreit ein Kleinkind in Todesangst.
Ich merke, wie die Ankunft des Lehrers für mich zu etwas wird, das mich retten soll. Alles aufhören lassen soll. Wie ich das Warten mit jeder Minute mehr nur deshalb durchhalte, weil ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass dann alles gut werden würde.

Es ist eine bittere Enttäuschung, als er dann da ist und doch nicht genau das passiert.
Es wird erschreckend und schlimmschlimmschlimm als wir, wie er auch, anerkennen müssen, dass auch heute unser Unterricht nicht wie geplant passieren kann, weil die Internetverbindung in der Schule gestört ist.
Für mich verschwindet die Schule als Struktur. Als greifbares Element, dass mich halten kann. Aushalten kann. Mich und den Puls, der über mein Sein hinwegrauscht, wie ein Wasserfall.

An “diesen Tagen” nähere ich mich einer Verständnisebene für das Leiden in unserem Leben und einer Idee von dem Leiden, mit dem wir früher unser Leben gestaltet haben werden.

Wir haben Unterricht im Rechnerraum. Dort stehen etwa 25 PC’s mit Knubbeltastatur und Hartplastikmäusen. Von der Decke leuchten ca. 12 Leuchtstoffröhren auf die LCD-Bildschirme und den Tafelersatzbeamer. Es rauscht vom Boden nach oben, tickt asynchron von der gesamten Decke nach unten. Dazwischen zucken die Mausklicks und versuchen sich durch das dichte Murmeln aus den Menschenmündern zu bewegen. Drehstühle knacken. Kleidung raschelt. NakNak* kratzt sich. Auf meiner Haut wird es feucht und kalt.
Das Unterrichtsthema interessiert mich. Ich würde mich gern mit einem Buch darüber in meine Flauschhöhle verkriechen und mich damit befassen. Aber ich sitze hier und versuche mich damit zu trösten, dass ich das ja nur 90 Minuten aushalten muss und dann nochmal was Interessantes für 90 Minuten erfahre und wir uns dann überlegen können, ob wir uns ein Buch über dieses Thema besorgen.

Ich spüre, wie der Schwan etwas aus meinem Träumen vom Lesen in der Flauschhöhle nimmt, um das Kleine einzuwickeln und wie ein Teil meiner Kraft an seine Stelle verschoben wird.
Die Störung kann nicht behoben werden und wir sitzen in einem zunehmend weißer werdendem Rauschen. Ich kann nicht mehr denken. Meine Gedanken sind die Geräusche um mich herum und ein mehr und mehr nach mir greifender Gefühlsstrudel. Ich gehe raus. Ertrage Schüler um Schüler, der durch den Flur an uns vorbei läuft, anguckt und dann durch die Tür geht, um sie hinter sich zuknallen zu lassen.
Ich gehe rein, packe meine Sachen, melde mich beim Lehrer ab.

Ich fühle mich verrückt und habe Angst davor, vielleicht, ohne es zu merken bereits eine Grenze überschritten zu haben, die eingehalten werden muss, um einen Ausbruch chaotischen Seins zu verhindern.
Jemand schreit mich an “Warte nur bist du zu Hause bist!” und ich denke zum x-ten Mal in den letzten Monaten, wie schön das wäre, kämen wir nach Hause und würden von jemandem erwartet. Ich kommentiere so ausführlich, wie ich es noch schaffe, was ich tue. In welcher Stadt ich gerade in die Straßenbahn steige, in welche Linie und von wo bis wo sie fährt und alles, was ich aus dem Fenster erkennen kann.

Wir fahren an dem Wohnort einer Gemögten vorbei, am Arbeitsort des Begleitermenschen, an der Praxis der Therapeutin, an dem Wohnort einer Freundin und ich halte mich daran fest, wie uns jede_r Einzelne_r dieser Menschen sagen würde, dass es okay ist zu gehen, wenn es nicht mehr geht, oder nötig ist, um schwerwiegendere Probleme zu vermeiden.
Merke, dass es etwas macht, daran zu denken.

Ich steige aus der Bahn und fühle mich schwindelig. Es ist warm und der Zug von NakNak*s Leine wabert im Grenzbereich eines Schmerzempfindens.
Mein Trinkwasser ist fast leer und beinahe rutsche ich schon wieder in meinen Ärger darüber, ständig irgendwas irgendwie zu brauchen. Doch dann ärgere ich mich über meinen Ärger.
Weil die Energie gerade sowieso da ist und es mir leichter fällt aus einem Ärger über mich heraus, etwas zu verändern.

Vielleicht drehe ich deshalb um und laufe in die Stadt.
In ein Fachgeschäft für gutes Hören.

Ich trete in den Laden wie ein Cowboy in den Salon und ziehe meine ganze Kraft aus dem Boden unter mir.
Die Person sagt, man müsse immer erst mal beim HNO prüfen lassen, ob mit den Ohren alles in Ordnung sei und ich bekomme von hinten rechts die Bilder von Ärzten mit Stirnspiegel, die unfassbar schmerzhaftes Licht in Ohren bündeln; der Mutterfrau, die sich über das Kind, das nicht normal auf Ansprache reagiert bekla.sor.gt, die fingerdicken Tabletten, die es zu jedem Ohrenschmerz gab…
Mich für diese Erinnerung bedankend drehe ich mich aus den Bildern heraus und antworte: “Das Problem sind nicht meine Ohren.” und strahle sie an. “Das Problem ist mein autistisches Gehirn!”.

Die Person nickt und sagt, sie verstünde das Problem. Dann greift sie nach einem Katalog und zeigt uns verschiedene Ohrstöpsel und Gehörschutzkopfhörer.
Hinter mir steht ein murmelndes Innenhäufchen und schwankt zwischen der Aufnahme der Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten und Materialien und Fassungslosigkeit darüber, wie nicht schlimm war, dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe.

Wir kaufen ein Paar “PartyPlug” von Alpine und lassen uns zeigen, wie man sie einsetzt, entfernt und reinigt. Als wir den Laden verlassen, fühlt es sich an, als hätten wir eine Unterrichtsstunde gehabt. Vielleicht in “Mut zur Selbstfürsorge lohnt” und “Mut zur Offenheit lohnt” und “Es ist okay”.
_______________

Einen Tag später tragen wir die Ohrenstöpsel mit Schulbeginn.
5 Zeitstunden später, hatten wir noch keine Angstmomente, kein Gefühl der unaushaltbaren Überreizung und kamen zu Hause mit genug Kraft für einen Blogartikel an.
Sie jucken ein bisschen in den Ohren, aber nicht durchgehend. Sie sind weich und damit gut tragbar für uns– absolut kein Vergleich zu den Oropax, die wir früher schon ausprobiert haben.

Es ist eine Erfahrung, die Mut macht.
Mut zur Hoffnung, dass es vielleicht doch gar nicht so schwer schaffbar ist.

Dieses Dings und alles.

 

P.S. : Kostenpunkt für die Ohrstöpsel: 13,10€
Es ist möglich diesen Gehörschutz individuell an den Gehörgang angepasst zu bekommen
– das kostet ca. 125€.
Es gibt sie auch noch für andere Frequenzbereiche.

in ein Damals gehen

in ein Damals gehen

Ich hatte es schwieriger in Erinnerung.

Sich Innens annähern, die wie Gatschklumpen in diesem quecksilbrigen Brei aus “Irgendwas war da mal … ganz früher … oder so? … irgendwie…”, der manchmal an meine Füße schwappt, sind.
Irgendwo in der Erinnerung stehen und wie ein Zaungast sein, dem die Handlung aus dem eigentlichen Publikum zugeflüstert und die Szenerie von kleinen Schauern über den Rücken herangetragen wird.
Einen bestialischen Schmerz auffangen, ohne ihn zu berühren und in der Bewegung zu einem Echo verwandeln. Von 100 auf 80 auf 60 auf 40 auf 20 auf 10  runter zu regeln.

Sowas.

Das habe ich zuletzt vor 12 Jahren gemacht. Als ich aus Versehen erinnerte, wie schmerzhaft mein Durst war und wie viel schmerzhafter das Trinken von Wasser aus einem Glas. Damals.
Ich trat neben mich in diesem Damals und nutzte meinen komisch schmerzreaktiven Atem als Wind, der den Schmerz in ein Echo ins Heute verwandelt. Im Außen machte ich eine Bewegung mit der Hand, um dem Echo eine Richtung von mir weg zugeben.

Es war gut und wichtig für mich diese Verwandlung allein zu machen und in die Auseinandersetzung zu gehen, ohne jemandem von meinem Durst zu erzählen oder meinen Raum teilen zu müssen.
Aber es war schwer.

Ich hatte keine Idee, keinen Plan, keine Richtung außer “weg” von dem, was der Flashback übrig ließ, wenn ich ein Glas in der Hand hatte. Ich hatte nicht den Wunsch mit jemandem darüber zu reden. Erlebte meine Erinnerung so inmittend, dass ich keinen anderen Menschen in der Nähe, keine anderen Gedanken als meine, und selbst davon nicht mal alle, daran hätte ertragen können.
Ich ging alleine durch die Schleifen aus Überflutung bis ich das Moment fand, in dem ich den Schmerz kommen sehen konnte. Ich ging alleine durch die Verzweiflung, die sich auftat, als ich merkte, dass ich ihn nicht ungeschehen machen kann. Ich ging alleine durch die Not an dem Gefühl der bitterklebrigen Angst vor Wasser an meinem Mund, obwohl es DER EINE Gedanke war, der mich hat nach Feuchtigkeit suchen lassen. Damals wie heute noch manchmal.
Es hat quälend lange Wochen gedauert, bis ich in die Idee kam, eine Beobachterposition einzunehmen. Ein “so tun als ob Spiel” zu versuchen, obwohl es mir als Selbstbeschiss klar war. Den Schmerz kommen zu lassen, meinen komisch schmerzreaktiven Atem zu spüren und in das Geschehen mit dieser einen Windbewegung hineinzugreifen – und sonst gar nichts. Keine Schutzbewegung, keine Gedanken oder Worte, die mir lieber gewesen wären – damals wie damals wie heute.

Damals vor 12 Jahren, waren wir noch 17 bald 18 Jahre alt und sich an seinen Erinnerungen und dem Umgang damit, so zu quälen, war noch normal. Wir machten Vermeidungstänze über Vermeidungstänze und umfächerten diese mit einem waberigen Wörternetz nach außen, das im Innen keine Entsprechung hatte.
Das ist heute nicht grundlegend anders und doch kaum noch zu vergleichen.

NakNak*s Anblick an dem Morgen im Zelt hatte ein Erinnern ausgelöst, das ich zu dem Zeitpunkt nur über einen Impuls von einem Kinderinnen bemerkte und mit einem weiteren Punkt auf meinem Handlungsablaufplan beantwortete: “Ich kümmere mich darum, dass wir uns darum kümmern können.”
Kinderinnens sollen sich in solchen Dingen auf mich verlassen. Das habe ich mir (und manche anderen Frontgänger_innen) irgendwann als Kompromiss überlegt, weil ich es bis heute nicht schaffe, genug Kraft für sie und ihre Erinnerungen, in mir und meinem Sein aufzubringen, aber manche Menschen in unserem Leben dies schaffen.

An dem Morgen, an dem NakNak*s Krankheitsanzeichen unübersehbar waren, schrieb ich der Therapeutin eine Nachricht, telefonierte mit dem Begleitermensch, drehte mich aus den Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen des Innen heraus und legte meine gesamte Energie in die Fahrt nach Papenburg.
Als wir, viele Stunden später, zu Hause waren, legten wir NakNak* auf ihren Platz und klemmten das erinnernde Kinderinnen über die Druckwelle hinter sich. Wie ein Korken im Hals einer Sektflasche, den man zusätzlich mit einem Sicherungskorb aus Aluminium an seinem Platz hält. Dieser Sicherungskorb bestand aus den Armen von Innens, die die Berührung dieses Kinderinnens aushalten können und keine Alltagsfunktionen haben. In schlauen Büchern heißen solche Innens “innere Helfer” – in uns sind es “Innens, die gerade helfen können”

[diffiziles Wortspiel? Mag sein – ist aber wichtig. “Innere Helfer” limitiert ganze Innens auf eine Helferrolle, was eine unlogische Idee ist, wenn man alle Innens mit allem was und wer und wie sie sind, kennenlernen, annehmen und mit ihnen interagieren will.]

In den nächsten Tagen bis zum mit der Therapeutin verabredeten Termin, taten wir nichts weiter, als das Hier und Jetzt zu halten, uns gut zu versorgen und das allgemeine Anstrengungslevel niedrig zu halten. Wir taten, was uns entlastete. Gaben verschiedenen Innens einen Anteil von Zeit und Raum, um sich auszudrücken, sich zu entlasten, die Situation so aushaltbar wie möglich für sich zu machen.

[Wenn sich manche Innens entlasten, kann das bedeuten, dass sie Dinge im Außen tun, die heute eigentlich nicht mehr nötig sind oder andere Innens wiederum in unkontrollierte Erinnerungsprozesse stoßen. Wir haben inzwischen genug innere Kommunikation um grobe Impulse zu spüren (und genug Therapieerfahrung, um darüber nicht auszuklinken) und versuchen entsprechend unsere Umgebung so zu gestalten, dass die Wahlmöglichkeiten um eigenes Agieren im Heute für alle Innens kontinuierlich und sicher zugänglich sind. (Unabhängig davon, ob sie  auch alle diese Wahlmöglichkeiten sofort bewusst wahrnehmen oder als solche einordnen können. Der Unterschied passiert durch das ganz konkrete Vorhandensein der Möglichkeit!
Zu spüren, dass sich ein Innen für etwas entscheidet, das es gut kennt und deshalb als entlastend erlebt, ist etwas völlig Anderes, als nur wahrzunehmen, dass es etwas tut, wozu es eventuell früher einmal gezwungen war und es deshalb auch heute noch tut oder tun will ™ oder möchte ™ und, wenn man ganz ehrlich ist und sich ein bisschen reindenkt, auch keine so richtig wirklich greifbare andere Wahl hat, oder miterleben kann oder annehmen kann.]

Wir nennen Termine für dieses Kinderinnen “F.-Stunden” und haben uns dafür ein Schema überlegt, weil das meistens Stunden sind, in denen Zugänge zu desorientierten Innens zu finden versucht und manchmal auch gefunden wird. Manchmal geht es aber auch darum, sich bereits gefundenen Innens zuzuwenden und Möglichkeiten der Reorientierung zu finden.
Heißt: es geht um schwierige Themen, die Kraft und Widmung erfordern.
Das sind keine Stunden (mehr), in die wir reingehen und uns sagen: “Ja, mal gucken was kommt.”, weil wir heimlich doch drauf hoffen, dann doch irgendwie nichts damit zu tun haben und es vielleicht hinterher nicht mal richtig zu erinnern.
Letztlich haben wir nämlich immer etwas davon mitbekommen – und sei es ein ferner, ganz diffuser Nachhall, der uns dann im Alltag völlig verunsicherte, belastete und nach und nach ganz subtil destabilisierte, was erneute Symptomschleifen zur Folge hatte und dann am Ende genau gar keine Erleichterung und Verarbeitung oder eine stabile Verbindung für andere Innens ins Heute zur Folge hatte.

So sehen wir Frontgänger_innen im Moment unsere Aufgabe nach innen: Wir sind dafür da, damit andere Innens eine kontinuierlich sichere, offene, stabile Linie von Außen (Heute) zu uns (als Körper, der existiert) zu sich (als Sein, das (manchmal noch im Damals, im Früher, im Nichts, im Inmitten … etc.) ist) haben können.
Wir machen unseren Einsmensch-Alltag, verbinden uns mit dem Heute, Hier und Jetzt, sichern uns, versorgen uns, machen Gemögte, Bekannte, Freund_innen und arbeiten an guten Linien, Lücken und Nischen für das Innen.
Eine mit der Therapeutin verabredete “F.-Stunde” bedeutet für uns entsprechend vorher immer:

– die Prüfung der allgemeinen Fähigkeit zu so einer Stunde (“Wie ist die körperliche Verfassung?”, “Haben wir genug Nerven dafür?”, “Fühlen wir uns sicher?”)
– keine akuten Probleme mit Behörden, die wir alleine lösen müssen
– keine akuten sozialen Probleme mit Gemögten und Herzmenschen, die Kinderinnens verunsichern oder akut triggern
– es wird (mindestens am Tag vorher, dem Tag selbst und dem Tag danach) genug gegessen, getrunken, geschlafen
– keine zwingend nötigen anderen Termine an dem Tag (und evtl. den Tagen danach)
– die Wohnung ist aufgeräumt und übersichtlich
– Essen für den Tag (und die Tage danach) ist vorgekocht oder es gibt genug Zutaten für “ein Löffel-Rezepte”
– es gibt einen Zeitraum für bilaterale Stimulation an dem Tag (z.B. laufen, Rad fahren, (mit NakNak*) spazieren gehen)
– da wir auf “F.-Stunden” in der Regel mit Fieber reagieren und nach der Bewegungszeit (etwa 1 Stunde) erstmal schlafen müssen, stellen wir uns meist schon vorher alles ans Bett, was wir in greifbarer Nähe brauchen könnten: Telefon, Laptop, Bücher, Lavendelöl, Kreisel, eine Flasche Wasser, verschieden dicke und schwere Decken, verschiedene Stifte und einen Schreibblock
– wir erlauben uns inzwischen auch so lange nicht zu sprechen, bis es von Innens, die das gut einschätzen können, das Okay gibt, wieder Energie  in Lautsprache zu geben
– wir legen uns die Sätze zurecht, mit denen wir die Therapeutin um Dinge bitten, die wir eventuell von ihr brauchen
– wir packen unseren Erbsenmomentbeutel  in den Rucksack
– stecken uns Geld für ein Taxi ein, für den Fall, dass wir zu erschöpft sind, um allein nach Hause zu kommen

– wir erarbeiten uns die Basis der “F.-Stunde”:

  • Welche Verbindungen können wir für den Zeitraum der Stunde ganz stabil eingehen (und wieder auflösen), welche sind eher nicht so stabil und welche Verbindungen könnten uns destabilisieren?
  • Haben wir bereits in früheren Therapien an diesem Damals gearbeitet?
    Wenn ja: welche Verbindungen waren damals stabil und welche eher nicht?
  • Gibt es Impulse, Ideen, Gefühle, Erinnerungen(splitter), die uns Hinweise geben, welches Thema das Innen oder das Stück Damals hat (als Überbegriff, damit wir in der Stunde nicht ziellos umhermäandern, sondern um F. herum stabil bleiben, um zu unter.stützen und zu begleiten)?

Und dann bleibt nur noch, dieses Gefühl gut gewappnet und gesichert zu sein, bis in die Praxisräume getragen zu bekommen und in der Stunde selbst auch nicht zu verlieren. Je sicherer wir uns mit uns selbst, mit dem Thema und dem Vorhaben fühlen, desto leichter ist es, eine Verbindung zur Therapeutin zu halten, während F. oder ein anderes nicht im Alltag wirkendes Innen (aus anderen Systemen als unserem) mit ihr spricht.

“Verbindung halten” meint dann nicht immer unbedingt, dass wir sie hören oder sehen oder fühlen oder riechen – meistens ist das eher so, dass wir uns und sie im Therapiezimmer wähnen und dieses Wähnen einfach nicht loslassen oder vergessen oder ausplätschern lassen (dissoziieren).
Das ist so, als würde man Gähnen oder Niesen unterdrücken, aber gleichzeitig doch ein bisschen von dem machen, was Gähnen oder Niesen macht – denn letztlich dissoziieren wir ja doch, wenn wir uns dafür aufmachen, dass F. mit der Therapeutin spricht oder auch ganz übernimmt. Aber – um in dem Vergleich zu bleiben – wenn wir ganz loslassen (ganz niesen oder gähnen), sind wir nicht mehr “da” und haben keinen Gedanken (an die Therapeutin, das Heute, die Stunde, uns selbst)  sondern nur noch F. und das, was dieses Kinderinnen mitbringt, denkt, fühlt, weiß und wähnt.

Wenn sie miteinander sprechen, trägt F. die Fragen und Sätze von der Therapeutin in den Bereich ganz direkt um sich herum und bringt ihn in Bewegung. Wir merken das manchmal als Impulse, aber manchmal auch als Gedanken oder Bilder.
Weil wir (gesprochene) Wörter sehen, sehen wir meistens auch, wie sich durch das Sprechen mit der Therapeutin für F. (und uns) (Wortbedeutungs-)Räume eröffnen, die ohne die Bewegung nicht zugänglich waren (und es später, wenn die Stunde zu Ende ist, häufig auch erneut nicht sind).

Wird die Bewegung mehr, gibt es oft so etwas wie einen Schmelzpunkt oder Point of Dissoziation – und das ist eigentlich das einzige Moment, in dem wir tatsächlich gefragt sind. Nicht inhaltlich und auch nicht emotional – das liegt alles bei F. – wir sind eher gefragt, dass sie dann nicht erneut dissoziiert (“schmilzt”), weil sie die Bewegung (das Erinnern, die Resonanz von den Innens, Jemanden, Etwas.en, Seins und Ists … um sich herum) nicht aus.halten kann.
Die Verbindungen, die wir uns vor der Stunde erarbeitet haben (und der Therapeutin soweit, wie das okay war, gesagt haben) legen wir dann an die Punkte an, die wir entweder von der Therapeutin gesagt bekommen oder als am stärksten in Bewegung sehen.

Dann müssen wir selbst aufpassen, dass wir nicht an diesen “Schmelzpunkt” kommen, weil es sich bei diesen bewegten Stellen schlicht mal immer um Wahrnehmugsgranatensplitter von traumatischen Erfahrungen oder um Innens, Jemande, Etwas.e, Seins und Ists … handelt, die F. dissoziiert hat und, die nicht in unserem Heute orientiert sind. Also, deren Jetzt für uns völlig fremd, überbordend schrecklich und schnell auch so überfordernd ist, dass wir die Verbindung zur Therapeutin nicht halten können.

Während der Verabredung zur letzten “F.-Stunde” hatte die Therapeutin gesagt, F. würde manchmal an ihrem Bein sitzen und die Hand halten.
Nach einem Peinlichkeitsvermeidungstanz um den von mir gewitterten Klischeeschmalz abzuschütteln, dachte ich dann, wie eigentlich doch auch logisch das ist, wenn F. die Hand der Therapeutin hält, denn: Wenn sich um das eigene Ich alles bewegt und alles Mögliche hochspült, braucht man einen Anker und wir anderen Innens bilden den (noch) nicht für sie – wir wirken viel mehr wie Wellenbrecher, Leuchttürme, Bojen und Fähren im Innen. Die Verbindung nach Außen ist durch die Hand und den Kontakt am Bein der Therapeutin gegeben.
Das ist ähnlich wie unsere Strategie mit dem Band, das die Therapeutin an einem Ende hält und wir am anderen – nur physisch konkreter in der Rückmeldung.

Meistens erfahren wir in “F.-Stunden” von Gewalt, die für F. irgendwie zum Alltag gehörte. Die vom Sprechen über das, was F. mit der Therapeutin zu teilen bereit war, herausgelösten Innens, schieben wir in eine Mischung aus Imagination und Dissoziation, in der es nur um die Information geht, dass ES vorbei ist und DAS DA so in der Form nicht mehr passiert.
Meistens ist es das Stück im Innen, in dem wir unsere Erfahrungen mit dem Heute als erwachsene Person, die mehr selbstbestimmte Entscheidungen treffen kann, sicherer ist, besser versorgt ist, weniger einsam ist und viel mehr Anlass für Mut und Zutrauen hat, als sie es früher, als das Jetzt dieser Innens war, hatte, speichern und für uns bewahren.
So entsteht eine zarte gemeinsame Verbindung (die man sich hier in dem Schema als Linie in der Mitte vorstellen muss):
Ich hatte in Bezug auf “F.-Stunden” und “F.-Themen” oft eher das Gefühl, immer rangepfiffen zu werden, wenn es zu kippen drohte oder sich die Therapeutin wünschte, dass F.  oder ein rausgespültes Innen in Angst oder Not, meinen kraftvoll taktlosen Charme eines mittleren Eisenbahnunglücks spüren, um eine Verbindung zum Heute aufgehen zu lassen.

Das funktioniert manchmal innerhalb “meines Systems” – aber noch nicht außerhalb. Mir sehr ferne Innens aus einem anderen System (also einem inneren dissoziierten Funktionscluster) über mich ans Heute bringen zu wollen ist, als wolle man eine lückenhaft geschriebene Appleanwendung mit einer nur teilweise gut arbeitenden Windowsanwendung zusammenbringen, um ein Ergebnis auf einem Linux-Rechner zu erhalten. Also ziemlich unmöglich.

Dann spürten wir eine Weile nach der Stunde, dass von der verabredeten “F.-Stunde” ein Etwas übrig geblieben war und wir hatten uns in der folgenden Woche überlegt, wie wir dem begegnen können.
Wir hatten Grund zu Annahme, dass ich eine in einem Aspekt ähnliche Erfahrung mit diesem Etwas teile, diesen aber im Gegensatz zu dem Etwas überstanden habe, zeitlich und räumlich orientiert bin, mit der Therapeutin sprechen kann – und schon einmal direkt in ein Damals hineingegriffen habe, um etwas im Heute zu erleichtern bzw. zu verändern.

Wir haben also unser Schema angewandt. Haben die Therapeutin gebeten, sich leicht schräg rechts neben uns zu stellen, während wir fast auf unserem üblichen Platz standen. Sollte ich in den Reflex kommen, mich aus dem Damals herauszudrehen, würde ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehen und mich besser halten können, da sie als Person ein fester Heute-Marker ist.
Ich ging in Verbindung mit anderen Innens in das Damals hinein und wie gesagt: ich hatte es schwieriger in Erinnerung
Dichter. Drängender. Schwerer an die eigenen Gedanken zu kommen.

So in Verbindung und dem Gefühl, mir dieses Moment von Widmung leisten zu können, weil alles andere gerade nicht meine Aufmerksamkeit brauchte, war es nur die Belastung mit dem, was ich von dem Damals sah, den Impulsen, die von einem versprengten Kinddunkelbunt kamen und die Kommunikation mit der Therapeutin.

Im Nachhinein kommt es mir vor als hätte ich meine Belastungsfaktoren hin und her jongliert. Das Kinderdunkelbunt pulste immer wieder in mich hinein und schwappte bis in mein Fühlen, obwohl ich mich von ihm zu entfernen versuchte, um nicht von unserem Vorhaben abzukommen. Die Therapeutin und ich kamen überein, dass es wohl nicht orientiert ist und einen Rahmen braucht. Ich sah keine andere Übersetzung von “Rahmen” ein, als “Halt” und den Link zu F. und dem Händchen halten mit der Therapeutin.
Ich schob das Kinderdunkelbunt in meine linke Hand und legte sie auf die rechte Hand der Therapeutin. Dort konnte es erstmal bleiben. Bei mir (und in meiner Verantwortung irgendwie) aber irgendwie auch bei der Therapeutin und damit im Heute, in dem ich mich gut auskenne.

Wir versorgten das Etwas und ich legte im Verlauf meine rechte Hand in die linke Hand der Therapeutin, um das konkrete Haltgefühl von dort in das Damals einzubringen.

[Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: wäre es um ein Innen gegangen (also ein ganzes Ich mit Name, Sprache, mehr als schwammiges Restbewusstsein um das eigene am-Leben-sein), hätte es den Kontakt über die Hände der Therapeutin nicht gebraucht – da hätten Wörter genug Konsistenz mit sich gebracht.]

Ich regelte die Schmerzen des Etwas herunter, drehte meine rechte Hand in der Hand der Therapeutin herum und sagte etwas, worüber ich mich am Abend dann nachträglich fast irgendwie erschreckte, obwohl es mir in dem Moment einfach so richtig vorkam, wie der Lauf der Dinge: “Hm, okay – ich halt mich mal grad an Ihnen fest.”.

Ich griff in das Damals und bewegte den Schmerz in eine Richtung, die passend erschien. Wir bewegten das Etwas in den Bereich der Heutemarkersammlung und verkapselten das Kinderdunkelbunt in der gewohnten eigenen Sicht der Dinge, neben der, die die Worte der Therapeutin aufzeigte.
Wir lösten die Verbindung der Hände und setzten uns hin. Ich trank etwas und wir sprachen über das Geschehene drüber bis ins Heute.

Es gab einen Aspekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte und an den wir allgemein nicht gedacht hatten:
das “Es geht um mich”-Paradox

Was wir “viele sein” nennen, besteht physisch nicht. Kein Mensch hat jemals viele andere Menschen in sich. Einzige Ausnahme: schwangere Menschen, die ihre Embryos/Föten als Menschen betrachten.
Wir sind ein Mensch, der sich selbst so fremd und fern ist (dessen Selbstwahrnehmung so dissoziiert ist), dass eigene Persönlichkeitsanteile und Seinszustände, als so fremd und fern erscheinen, dass sie wie andere Ich’s wahrgenommen werden und in unserem Fall (bei dem eine tertiäre Dissoziation (DIS) vorliegt) auch auf autonomen Funktionsbereichen (inneren Systemen) basierend, mit der Umwelt inter_re_agieren.
Mein Grundproblem ist also nicht, dass ich mich als “wir” denke oder mich manchmal fremd empfinde, sondern, dass ich, wir, als Einsmensch in unterschiedlich dissoziativen/dissoziierten Zuständen unterschiedlich inter_re_agieren, wechselnde Fähigkeitenniveaus haben, dissoziative Störungen unterschiedlich gut kompensieren können und unterschiedlich weit von einander dissoziierte Funktionsbereiche im Leben haben, was alles jeweils mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung, Selbsterfahrung, Selbst_Bewusstsein, Selbstbild und darüber auch entstehende Konzepte von der Welt, dem Lauf der Dinge und anderen Menschen, einher geht.

Wenn ich mich einem Stück Damals zuwende, das ich nicht gelebt habe (also für das ich eine dissoziative Amnesie habe), habe ich zeitgleich so wenig Verbindung zu diesem Bereich, dass ich nie das Gefühl habe, wir würden über etwas sprechen, das mich betrifft.
Das ist, wenn man es sich so anschaut, zwar ganz offensichtlich – grell blinkend mit Leuchtschildern umrandet – unlogisch – aber eben doch, was ich einfach so empfinde.

Ich hatte in der Stunde, während wir uns dem verbliebenem Etwas gewidmet haben, bis zu dem Punkt, an dem mir das Kinddunkelbunt seinen Fuß ins Bewusstsein stampfte und wütend über die Versorgung durch uns brüllte: “Das bin aber nicht ich!”, nicht das Gefühl in einem Damals zu stehen, das eines von mir war.
Ganz klar ging es diesem Kinddunkelbunt um irgendeinen anderen Kontext als den, an dem wir gerade waren und auch um einen, den ich nicht nachvollziehen konnte – deshalb war es gut, es in meine linke Hand zu schieben und diese in die Hand der Therapeutin zu legen – aber der Satz war da und fand in mir einen Resonanzraum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Mir passiert Dissoziation in der Regel einfach. Es gibt zwar Momente, in denen ich sie leichter zulassen oder abbrechen kann, doch die Trennung selbst beginnt aus Reflexen heraus, die mir meist nicht spontan bewusst sind.
Es ist also kein üblicher Teil meiner Gedanken mit etwas verbunden oder von etwas getrennt zu sein, sondern eher, dass ich auf etwas reagiere, das für mich da ist . So etwa die Aufgabe, sich um ein Etwas im Innen zu kümmern, indem wir, in Begleitung der Therapeutin, in ein Damals hineingehen.

Auf den Ausruf des Kinddunkelbunt, hatte ich in dem Moment zuerst geantwortet: “Ja, ich auch nich – komma klar – stör mich nich”, (weil ich das so gut kann – dieses “geduldig und freundlich mit Kinderinnens umgehen” *hust*).
Doch die Interaktion mit der Therapeutin wirkte später wie eine Hauptstraße, die in einem Kreisverkehr endete. Sie und ich waren fest verbunden, doch ich war auch in Bewegung und so war sie auch in Verbindung mit dem Etwas, den Innens, die mit mir in das Damals hineingegangen waren und dem Kinddunkelbunt.

Der Satz “Das bin aber nicht ich” blieb in mir als Element wie ein Fremdkörper hängen.
Jetzt, wo ich diese Erfahrung hier aufschreibe, habe ich die Idee, dass es das tat, weil es mir im ersten Gedanken ganz klar und logisch erschien, im zweiten Gedanken jedoch, in dem ich eine erwachsene Person im Heute, Hier und Jetzt bin, die sich seit inzwischen 13 Jahren mit der Thematik “Trauma und Dissoziation” beschäftigt und kognitiv völlig klar und bewusst hat, dass diese innere Überzeugung/Wahrheit eine ist, die ganz typisch für eine dissoziative Kluft in der Selbst_Wahrnehmung ist, aber genauso klar und unlogisch bewusst ist.

Während der Therapiestunde sagte ich der Therapeutin, dass das bei mir hängen geblieben ist, blieb aber an der Stelle stehen, an der beide Wahrheiten nebeneinander klar und okay sind. Einmal, weil die Stunde um und wir insgesamt ziemlich erschöpft waren und einmal, weil ich mir nicht schlüssig darum bin, was ich an der Stelle tun oder fühlen oder denken soll oder was überhaupt dort passieren kann.

Wir fuhren eine schöne Strecke mit dem Rad nach Hause und wickelten uns in das Heute, in dem es eine wieder quietschfidele NakNak*, freie und sichere Zugänge zur Versorgung von Grundbedürfnissen und einige Optionen auf Erbsenmomente und andere Er_Lebenserfahrungen gibt.

Und daneben auch die Wahlmöglichkeit, wie schwer oder leicht man sich manches darin macht.

Flashbacks

“Guck mich an.”, sagt sie. “Guck mich an – es ist vorbei.”.
Während sie das sagt, torkelt mein Blick durch Raum und Zeit. Streift die optischen Inseln im Raum. Das Whiteboard mit unserem Wochenplan drauf. Die goldene Folie auf der Tobleroneschachtel vom Züricher Flughafen. Die Plastiknupse an den Enden der Schnürsenkel in den Schuhen der Gemögten, die vor mir hockt und versucht uns aus einem Flashback zu reorientieren.

“Flashback” ist ein Wort mit Ecken drin. Es liegt im Raum “Erinnern”, unter “PTBS-Symptome” neben “was hilft”.
Was akut hilft, ist ein anderer Mensch. Leider.
Leider, weil Menschen für uns anstrengend sind, wie der Flashback selbst und leider, weil wir oft Flashbacks erleben, die mit zwischenmenschlichem Miteinander zu tun haben.

Alle Flashbacks enden irgendwann. Ein anderer Mensch kann schneller irgendwann machen und verhindern, dass wir dissoziieren, wechseln, weglaufen und uns gefährden. NakNak* kann das auch. Aber NakNak* kann uns keine Wörter geben. Sie kann nur Marker geben und manchmal reichen Marker nicht.
Leider.

“Guck mich an – ich bin hier. Du erlebst gerade etwas wieder, das vorbei ist.”, sagt die Gemögte und richtet alles auf uns aus, wie Sonnenstrahlen durch eine Lupe.

Für sie ist es wichtig sich ganz auf mich zu konzentrieren. Sie hat Gefühle und Gedanken um meinen Zustand, will etwas von mir und ich bin in einem Moment zwischen Schmerz und Starre, in dem kein Haar breit Platz ist für Augenkontakt, Lautsprache und bewusst_da_Sein.
Ein Kinderinnen schiebt sich an mir vorbei wie eine Qualle. Ganz leicht, ganz zart, gar nicht schwer oder mächtig. Einfach nur so. Als wäre es das einzige bewegliche Scharnier in einer Apparatur, die sich völlig verkeilt und verkantet hat.

“Guck mich an.”, sagt die Gemögte. “Ich hör dir zu.”, antwortet es.
“Es ist vorbei.”, sagt die Gemögte und das Innen hört zu.

Manche Flashbacks bringen Schmerzen mit sich, die man schlecht versorgen kann. Man kann kein Pflaster auf die Schmerzen, die eine Vergewaltigung verursachte, kleben. Man kann keine Binde um den Schmerz, der mit überstreckten Gliedmaßen einhergeht, wickeln. Man kann keine Creme auf die Verletzungen, die von demütigender Sprache verursacht werden, reiben.
Die Versorgung dieser Schmerzen und Verletzungen jedoch, ist für uns häufig ein gut reorientierendes Element. Wenn sich jemand darum kümmert bzw. wir uns selbst darum kümmern können, Schmerzen und Verletzungen zu lindern, dann ist unzweifelhaft klar, dass es nur “Heute” sein kann.

“Möchtet ihr in euren Beutel gucken, was jetzt gut tut?”, fragt die Gemögte. Das Innen nickt und schaut nach dem Beutel. Ich merke, wie es sich in seiner Konsistenz verändert. Auf eine Art durchlässiger wird. Schrödinger-dissoziiert ist.

Wir haben einen Beutel zu Hause und eine Tasche für unterwegs mit unseren Erbsenmoment-Gut-tu-Sachen drin.
Da sind mehrere Kreisel, Seifenblasen, eine Magnetschreibtafel, ein langes Band, ein Eulenanhänger, ein Eulenstempel, die paradoxe Sanduhr und eine flauschige Eulenhandpuppe drin. Nichts davon macht einen Flashback weg oder kann ihn verhindern – aber alle diese Dinge sind Heute-ist-Heute-Marker.

Es sind mehrere Kreisel darin, damit sich der andere Mensch etwas lösen kann und uns nicht mit seiner Aufmerksamkeit bedrängt.

Sie kreiseln eine Weile.
Die Muskeln werden weich, die Luft schafft es tiefer in die Lunge, das Geräusch der Kreiselspitzen auf dem Laminatboden wickelt sich um die Hörnerven.
Das Innen seufzt. Die Gemögte seufzt.

“Ich mach mir n Tee.”, sagt die Gemögte und steht auf.
“Für mich bitte auch.”, sage ich.

Später frage ich sie, warum eigentlich immer alle fordern, dass man sie anschaut, wenn man sich so unkontrolliert erinnert. “Gute Frage.”, sagt sie und denkt nach. “Ich glaube, es liegt daran, dass die meisten Menschen sich über andere Menschen im Hier und Jetzt verankern. Für viele ist die Anwesenheit bestimmter Menschen das Erbsenmoment.”. Sie lächelt und streichelt NakNak*, die sich mit dem Charme eines Bulldozers an sie drückt.
“Ihr schaut oft so durch die Gegend. Da ist es dann schwer zu ahnen, ob ihr Dinge seht, die nicht mehr da sind, oder ob ihr euch am echten Raum orientiert.”.
“Hm.”, mache ich und denke darüber nach, was ich dazu sagen könnte.

“Manchmal gehts aber auch ums Ego.”, sie zwinkert mir zu und legt ihre Wange auf NakNak*s Kopf. “Wenn ich sehe, dass es euch nicht gut geht, will ich Kontakt zu euch, weil ich denke, dass ich bestimmt irgendetwas tun kann, damit es besser wird. Weil ich euch doch ganz bestimmt ganz toll da rausholen kann. Ich alleine natürlich. Weil ich ja ich bin.”.  Sie lacht und wedelt mit der Handinnenseite vor ihrem Gesicht nach links und rechts. “Völlig Banane, aber naja.”.

“Ist es schlimm für dich, wenn du uns so siehst?”, frage ich sie und beobachte die Bewegungen in ihrem Gesicht. “Also – leidest du dann, weil wir dich nicht flauschen können, dass du okay bist und wir nur grad…” – “Mit anderen Dingen beschäftigt seid?”, fragt sie in mein Satzende.
Als ich nicke, macht sie ein Geräusch zwischen schmunzeln und lachen und einer Unterart von “Ach du je”. Ich halte es fest und lege es mir an die Seite. Man kann ja nie wissen.

“Nee, flauschen müsst ihr mich dann nicht. Aber schlimm finde ich es schon manchmal. Ich bin nicht gern dabei, wenn es jemandem so schlecht geht, wie zu einem früheren Zeitpunkt, der sehr schlimm gewesen sein muss.”.
Wir schweigen ein bisschen.
Streicheln NakNak*, die sich nicht entschließen kann, von wem sie wo wie gestreichelt werden möchte.

“Aber es ist nicht schlimm, weil es passiert, oder?”, frage ich.
“Nein. Es schlimm, weil es schlimm ist.”, antwortet sie.

jemand, di_er da ist

jemand, di_er da ist

Mit der Auseinandersetzung um Autismus und unsere Psychkarriere kommt das Erinnern, wie ein Sterntalerregen auf ein Ich ohne Hemdchen.

Da bin ich und habe nur meine zwei Hände, die ich aufhalten kann. Da bin ich und weiß, dass, was auch immer in ihnen landet, mir weh tun und etwas für mich verändern wird. Weiß, dass es regnet, egal ob ich mich bei lebendigem Leib auflösen lasse oder nicht.
Weiß, dass es vorbei ist. Weiß, dass meine Reaktionen dennoch eintreten werden. Meine Seele funktioniert nicht nach Raum und Zeit, sondern nach Ist oder Nicht-Ist.

Nach wie vor beginnt mein Erinnern mit dem ersten scheppernden Knall einer gelben Metalltür in ihren Rahmen. Eine kinder-und jugendpsychiatrische Station einer Uniklinik. Alles davor ist weg. 14 Jahre und ein paar Monate. Nicht von mir gelebt, nicht von mir gepflegt.
Ich dachte immer, ich hätte ein festes gutes Erinnern ab dem Moment, aber während ich mir frühere Arztbriefe und Klinikberichte anschaue, merke ich die Löcher. Bekomme ich eine Idee davon, wie wir so auf Psycholog_innen und Mediziner_innen gewirkt haben müssen, obwohl doch ich da war und genau gar nicht so bin.

Wir haben geschaut, welche Persönlichkeitsstörungen uns bereits andiagnostiziert wurden. Ja, wegen diesem Narzissmusdings und ja, weil in einem anderen schlauen Buch steht, dass autistisches Sein gerne mal falsch verstanden und fehldiagnostiziert wird. Und, weil ich meine Fehlersuche noch nicht abschließen kann. Meine Fehler in der Klinik zuletzt, meine unsere Fehler in den Kliniken früher. Meine unsere Fehler, die dazu geführt haben, dass wir heute hier leben und wirken und sind – und nicht in einer Pflegefamilie an der Ost-oder Nordsee, in deren Schoß wir heute kriechen könnten, um uns über Zukunftsängste beruhigen und Sorgen entlasten zu lassen.
Ja, nein, irgendwie kann ich es nicht lassen. Kann nicht aufhören die Verantwortung bei mir zu suchen, denn jedes weitere Erinnern gibt mir ein Fundstück in die Hand, das auf Fehler, Missverständnisse, ungünstige Kompromisse und naive Annahmen von mir und uns deutet – während die anderen Beteiligten, ihre Ansichten, Meinungen, Kompromisse und Annahmen jeweils in Diagnosen und mehr oder weniger transparente Berichte destilliert sind und einzig sind in ihren Möglichkeiten etwas mitzuteilen.

Die erste Persönlichkeitsstörungsdiagnose lautete auf “anankastische Persönlichkeitsstörung”.
Ich habs gegoogelt und mich daran erinnert, wie tatsächlich auch nach außen aktiv und transparent wir bestimmte Dinge taten und verlangten.
Und werde auch traurig, denn einige der Ängste hinter so manchem sogenannten “Zwang” zeigten bereits damals mit grell blinkender Leuchtschrift auf Erfahrungen bestimmter Gewalt und mind control (im Sinne von “von Täter_innen durch Gewalt gesetzte Gedanken/Ideen/Denkweisen”).
Ich erinnere mich an eine Debatte mit einer Stationsschwester darüber, ob auch wirklich keine Spinnen oder Schlangen unter der Tür oder durch die Fensterritzen des Zimmers kommen könnten, nachdem sie uns verboten hatte, uns darüber ständig zu versichern, statt zu schlafen.
Und ich weiß noch, dass ich selbst nur wusste, dass es lebenswichtig war mich darüber zu versichern und es mir schlecht ging, sobald ich mehr darüber nachdachte. Da waren intrusives Erleben, Flashbacks, erste Psychosomatiken – die jedoch alle unter “Schlafstörung” bzw. “pavor nocturnus” (“Nachtschreck”) zusammengematscht und nicht weiter beachtet wurden.

Ich erinnere mich, wie ich damals versuchte zu kompensieren was mir fehlte: Zeit_Bewusstsein und Kontrolle über mich selbst.
Damals las ich noch viel darüber, wie man sich wo richtig benimmt, welches Verhalten wann und wo in Ordnung ist. Was man wie genau sagt. Ich kopierte Gesichtsausdrücke und die Stimmlagen von Menschen, die meiner Ansicht nach alles richtig (sicher/okay) machten. Ich weiß, dass wir damals tanzten, sangen, in einer Zirkusgruppe aktiv waren. Alles Dinge, bei denen man okay ist, wenn man perfekt kopiert (und später in der Lage ist, eigenständig zu variieren – worin wir jedoch nie “gut” waren).
Heute würde ich sagen, wir versuchten uns soziale Erbsenmomente zu machen. Versuchten uns mit anderen Menschen okay zu fühlen, weil wir als okay wahrgenommen werden. Aber wir versuchten es auf eine Art, die eine pathologisch Einordnung ermöglichte.
Obwohl, das einzig Pathologische an diesem Versuch der war, dass wir etwas absichtlich konstruiert getan haben, was andere Menschen nicht in der Form konstruieren müssen, weil sie es aufgrund einer geheimnisvollen Fähigkeit einfach können.

Auch so etwas, das ich heute nicht nachvollziehbar finde bzw. nur mit psychologischer Denkdummheit erklären kann: da ist ein 14/15 Jahre alter Mensch – also ein_e Jugendliche_r, was ein Ausschlusskriterium für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sein und viel mehr Anlass geben sollte, sich die Umwelt der Person anzusehen und wie sie mit dieser interagiert. Welche Strategien werden da versucht und warum?

Damals wie heute kann man sehen, das viele unserer täglichen “Zwänge/Wiederholungen/Rituale/Abläufe” sehr wohl triftige Gründe haben bzw. auf nachvollziehbare Impulse und/oder Defizite, sowie bestimmte Erlebensqualitäten für uns zurückgehen. Man muss diese Gründe jedoch erfragen, annehmen und als für uns gegeben akzeptieren (wollen) und das ist damals (und auch lange Zeit danach) nicht passiert.

Noch heute kopieren wir die Stimmlagen, Wortcluster und bestimmte Handlungsarten von anderen Menschen, von denen wir wissen, dass sie die jeweiligen Situationen “richtig machen”, weil wir wissen, dass wir es “falsch (like: awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.) machen” würden, würden wir es machen, wie wir es spontan machen würden.
Nicht nur, weil manche von uns glauben, dass sie es ja nur falsch machen können, weil wir ja so ein falscher Mensch sind, sondern, weil Menschen, die sich verhalten, wie wir es tun würden, über kurz oder lang die wie auch immer gegebene Rückmeldung erhalten, dass ihr Verhalten falsch sei – oder eben awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.

Noch heute “streben wir nach Perfektion”. Wir tun es aber nicht, weil wir uns so unvollkommen erleben. Wir tun es, weil wir sehen, wie Menschen auf “perfekt” reagieren und uns denken: Wenn wir dies und das perfekt machen, dann ist alles okay. Dann ist “Erbsenmoment”. Dann ist “loslassen und okay für das Umunsherum und ganz viel Raum frei für Inmittendrin”.

Wenn man so will, könnte man sagen, dass wir durchgehend versuchen uns das Umunsherum vom Leib zu halten, um für bei mit uns sein zu können, ohne gestört zu werden.
(Und ja – ich lese selbst, wie man das lesen kann.)

Die nächste Persönlichkeitsstörungsdiagnose war “Borderlinepersönlichkeitsstörung”.
Interessanterweise eine Diagnose, die von einem sicherlich sehr kompetenten Chirurgen gestellt wurde, der uns selbst zugefügte Schnitte genäht hat. Erst Jahre später tauchte diese Diagnose wieder auf.

Dazwischen lag noch die “schizoide Persönlichkeitsstörung”.
Doch auch dort fehlte der Blick auf den sozialen Kontext. Diese Diagnose gab es nach einem Suizidversuch und einem Zeitraum ohne Sprechen, nachdem wir von Heim zu Heim geschubst wurden, weil wir immer wieder irgendwas falsch gemacht haben, was heute nicht mehr richtig nachzuvollziehen ist.
Was ist bitte die logischere Erklärung für Rückzugstendenzen, abgeflachte Affekte und allgemein eher abweisend/kühle Interaktion, nachdem man auf alles, was man tat oder sagte oder machte, mit seinen 7 Sachen wieder weggeschickt, verlassen, mit schwierigen Dingen (wie etwa Verstrickungen in organisierte Gewalt, schwierige Symptome und Überforderungen im täglichen Leben) alleine gelassen wurde?
A) eine Persönlichkeitsstörung als fast 16 Jährige oder
B) die Frage (und selbst gegebene Antwort) danach, welchen Sinn die Interaktion mit einem unbegreiflichen Außen haben soll, das man einerseits braucht und dessen Schutz man sich wünscht – das andererseits aber genau nichts versteht?

[Gameshow-Musik-Geräusch]

Und dann war da noch die Hysterie.
Die gute alte Hysterie heißt heute “histrionische Persönlichkeitsstörung” und ist ein Psychologen*(sigh!)*wort für “die *(sigh!)* spinnt”.
In unser Diagnosenbonuspunktesammelheft geklebt bekommen haben wir dieses Goldstück in einer Klinik, in der dissoziative Symptomatiken als “unüblich” und Diagnosen wie die DIS eine Glaubensfrage darstellen. (Kein Scheiß – hat der Chefarzt genau so in einem Gespräch gesagt).
Menschen, die als “histrionisch” diagnostiziert werden, werden nach und in Bezug auf das Außen gerichtete Intensionen unterstellt. Da kommen dann so Sätze wie “Sie macht XY nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen” her oder die Annahme, diese Menschen würden mehr oder weniger aufwendige Szenarien konstruieren bzw. inszenieren, um sich selbst in einer bestimmten Art wahrgenommen zu wissen.

Ich habe schon geschrieben, dass wir durchaus Verhalten kopieren, um bestimmte Zwecke im Außen zu erfüllen bzw. um als okay wahrgenommen zu werden.
Im Mittelpunkt zu stehen ist für uns dann aber in der Regel doch zu anstrengend und etwas, das wir heute nur noch ertragen, wenn wir davon überzeugt sind, etwas zu tun, wofür es sich lohnt zeitlich und inhaltlich klar begrenzt von anderen Menschen angeguckt, beobachtet, angehört und analysiert zu werden.
Zum Beispiel in der Therapie oder auch während Projekten wie dem Nachwachshaus, in Workshops oder bei Vorträgen.

In der Klinik damals wiederum sind wir aus für uns bis heute nur mehrdimensional erklärbar sozialen Dynamiken heraus immer wieder in negativen bzw. für uns unangenehm oder uns ängstigenden Fokus geraten. Die Kommunikation war durchgehend dysfunktional und unsere soziale Situation eine über alle Maßen überfordernde. Denn wir waren nicht dort, weil wir behandelt werden wollten oder Hilfe suchten, sondern weil wir keinen Wohnort hatten und noch nicht volljährig waren.
And again: etwas mehr Fokus auf die soziale Situation einer Person im Kontext ihrer tatsächlichen Fähig- und Fertigkeiten und die Idee einer in der inneren Struktur einer Person liegenden Problematik wäre als obsolet klar gewesen.
Doch dazu hätte man in Betracht ziehen müssen, dass eine Person eventuell ganz basic Interaktions- und Kommunikationsprobleme hat und permanent Ängste kompensiert, weil sie sich auf niemandem verlassen kann. Nicht einmal sich selbst.

Selbst heute, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, wie wir uns in dieser Klinik verhalten haben, erinnere ich mich nur an Missverständnisse und Momente von Verzweiflung darüber, dass es nichts Beruhigenderes als körperlichen Schmerz gab. Obwohl wir uns damals schon 9 Jahre lang immer wieder selbst geschnitten, verbrannt, geschlagen oder verätzt haben, haben wir nie so darunter gelitten, wie damals in dieser Klinik. Es war das tragischste Erbsenmoment, das wir uns selbst machen konnten und diese Belegung von Schmerz durch körperliche Versehrung als Beruhigung ist etwas, das wir heute mühsam wieder zu entkoppeln versuchen.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen kam jemand an den Punkt in der Auseinandersetzung um die Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, dass der uns erschreckende Anteil daran immer wieder der ist, an dem uns Intensionen hinter Verhalten unterstellt werden, für die wir selbst meist weder Kraft noch Fokus hatten.
Was wiederum in der Narzissmuskrise der Teil ist, der uns die letzte Klinik am Ende vollends als guten Ort zur Unterstützung in der Begegnung und dem Auseinandersetzen mit uns und unserem Er_Leben verbrannt hat.

Gerade in der letzten Klinik hatten wir sehr bewusst massive Probleme überhaupt teilhaben zu können, schwerwiegende Kommunikationsprobleme und ein wie wir finden gutes Gefühl für unsere Überforderung vor bestimmten Anforderungen. Und wir sind einer Täuschung erlegen, die uns – zumindest nach jetzigem Stand der Auseinandersetzung und Fehlersuche – dazu verleitet hat, anzunehmen, es wäre okay, wenn wir selbst bestimmen, wofür wir Kraft aufbringen und wofür nicht. Wir haben uns um uns gekümmert und nicht darum, ob wir nach außen okay sind. Wir haben uns auf das Inmittendrin konzentriert und nicht darauf, die flache phrasenbasierende PITT-Sprache zu kopieren und spiegeln, während wir klinikfunktional dissoziieren.

Wir haben etwas gemacht, das ein High Five auf der Heilungsskala bedeuten könnte– aber nur, wenn der Heilungsbegriff auf den Leiden basiert, die wir empfinden.

In keiner der Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, die wir in unserer Behandlungsgeschichte erhalten haben, wurde auf unsere Leiden geachtet, sondern überwiegend auf unser sichtbares Verhalten als Einsmensch und die Erklärung, die die jeweiligen Psycholog_innen sich dafür vorstellen konnten.
Wir haben immer genau dort eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen, wo man uns in unseren Fähig- und Fertigkeiten über- bzw. falsch eingeschätzt und überfordert hat. Wo das nicht passiert ist, verlegte man sich auf die Benennung sichtbarer Probleme und die deuteten schon früh auch in Richtung PTBS und ASS (Autismus-Spektrum-“Störung”), neben ganz schlicht (nicht pathologisierend bewortet) “belastete/überforderte/dekompensierte Jugendliche”.

Wenn ich mich den aufkommenden Erinnerungen widme, merke ich neben der üblichen Bitterkeit auch zunehmend den Wunsch mich und die Innens, die anders als ich nicht gealtert sind, auch mit etwas anderem als den Erklärungen für diese Sachverhalte trösten zu können.

Doch ich spüre die Spaltung zwischen uns sehr deutlich. Manche debattieren bis heute im Innen mit irgendwelchen Krankenpflegern und Schwestern darüber was für widersprüchliche Aussagen sie gemacht haben, die dazu geführt haben, dass man sich “falsch” verhalten hat. Manche sitzen noch immer weinend in der Heilerinquisition (eine wöchentliche Visite mit allen Behandler_innen einer Klinik) und stottern an Worten herum, die nicht ihrem jagenden Puls im Hals vorbei kommen. Manche liegen immernoch fixiert auf irgendeiner Krankenliege und schwanken zwischen Wohlgefühl durch Gefühle von Gehaltenwerden und Verwirrung über aufkommende Flashbacks von Gewalterfahrungen anderer Innens.

Ich merke, dass es ihnen nicht um Trost geht. Jedenfalls nicht vielen. Ich merke, dass es für viele um die Verwirrung und die schier unüberbrückbare Differenz zwischen Außen und Inmittendrin geht, die macht, dass ich sie überhaupt mehr wahrnehme als noch vor ein paar Monaten. Und ich beginne zu begreifen, dass es vielleicht genau diese Spaltung ist, die mir die Autismusdiagnose so schwer macht.

Sie macht mir nämlich den eigenen Anteil der jahrelangen Klapsenqualen bewusst, während der Inklusionsaktivismus, den wir heute unterstützen, eine Haltung in uns hat entstehen lassen, nach der wir unsere Behinderungen (auch im Sinne von “Unfähig-und –Fertigkeiten”) als etwas angenommen haben, das wir als von anderen Menschen ernst zunehmen und mitzudenken einfordern dürfen und sowohl zum Anstoß gesamtgesellschaftlicher Veränderungen im Sinne der Inklusion aller Menschen gleichermaßen, als auch zur Ermöglichung von Teilhabe und Steigerung der eigenen Lebensqualität auch müssen.

Ich komme nicht mehr um eine anerkennende Haltung gegenüber diesen jugendlichen Innens herum. Ich muss sehen, wie super stark, hartnäckig und aus wie vielen guten, wichtigen Gründen sie jeweils getan haben, was sie getan haben und spaltungsbedingt bis heute tun.
Die pedantischen Regelpapageien. Die nervigen Anstandsroboter. Die Kämpfer_innen für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte auch auf einer geschlossen Station. Die taktierenden Gruppentherapiebestreiter_innen. Die schweigend auf Wände und glitzernde Folien starrenden. Die mutigen “Ich werde misshandelt”-sager_innen. Die intellektuell in Grund und Boden quatschenden. Die “diesmal mache ich alles (die Behandlung/die Therapie/der Versuch in einem Heim zu wohnen) richtig”- Denkenden.

Ich reflektiere an mir die Übernahme des psychologischen Blicks, der mich daran gehindert hat sie so zu sehen. Für mich waren sie bisher immer eher grundlegend dysfunktional und leidend. Weil – DIS –Entstehungslogik: sie ja weiter gewachsen wären, wären sie funktional gewesen bzw. kompatibel mit sich verändernden äußeren Anforderungen. Ich wäre ja nie nötig gewesen, wären sie besser, richtiger, heiler, fähiger, kompatibler gewesen. Sie sind nicht alltagstauglich, geschweige denn orientiert – wie wertvoll können sie dann schon für meinen Er_Lebens.Alltag sein?

Well, ich sehe, dass dieser neuere Blick etwas an ihnen wertschätzt, das nichts mit ihren Fähigkeiten im Heute zu tun hat, sondern mit dem, was sie getan haben, als ich nicht da war. Vielleicht, weil ich damals nicht da war. Vielleicht, weil sie kleben geblieben sind, wo es mich von ihnen im Lauf der Dinge weggerissen hat.

Während meiner Fehler- und Erinnerungssuche merke ich, dass ich ihre Erfahrungen auch gemacht habe und bis heute mache. Aber ich bin keine 14, 15, 16, 17, 18 Jahre alt und bin so global wie sie damals davon abhängig, was wer in welche Berichte über uns schreibt.
Klar sind wir in Teilen abhängig davon, dass unsere Behandler_innen keine Quatschberichte schreiben, weil unsere Hilfen und Unterstützungen entsprechend unserer Bedarfe gebraucht werden und nicht entsprechend dessen, was irgendwer irgendwann aus was auch immer für Gründen von uns und unserem Verhalten hält – auf der anderen Seite aber, steht hinter jedem Antrag auf Unterstützungen auch der implizite Apell an die Logik. Niemand bittet um Unterstützung, wenn si_er nicht die Idee hat, welche zu brauchen oder gut nutzen zu können.

Und: Ich bin eine von den wenigen wirklich Erwachsenen von uns und merke im Moment immer wieder mal, wie sehr auch unsere Einsamkeiten in diverse Fortbestände von Ängsten und Unsicherheiten hineingespielt haben.

Das könnte ich für sie werden, denke ich.
Jemand, di_er da ist.

die Narzissmuskrise und andere dramatikalische Furchtbarkeiten

Das Blöde ist, dass man, wenn man Trost braucht und ihn nicht in Dingen bzw. Aktivitäten findet, gibt es nur noch die Möglichkeit sich mit seinem Bedürfnis an Menschen zu richten.
Seit 3 Tagen denke ich darüber nach, für welchen Menschen außer der Therapeutin genug Kraft da ist, um um Trost zu bitten. Ungeachtet der Möglichkeit nicht bittend, sondern (unangebracht viel) fordernd zu wirken und es wieder nicht zu merken. Ungeachtet der Möglichkeit zu wirken, als wäre ich aus Gründen der Abwertung anderer Menschen egozentrisch und wäre auf ein individuelles Komfortextra aus und auch das nicht rechtzeitig zu merken, um klar und verständlich genug zu kommunizieren, dass dem nicht so ist.

Die Therapeutin hatte gefragt, ob wir jetzt eine Narzissmuskrise hätten, nachdem ein Innen sagte, dass das Niederschreiben der Namen der Anderen (also das Erstellen einer aktuellen inneren Landkarte) nicht leicht fällt, es das aber nicht sagt, damit die Therapeutin ihr huldigt, weil es doch etwas geschafft hat.
Für die Therapeutin ist das alles kein Ding. Wir reden mit ihr auch nicht weiter darüber, weil es zu viel Raum einnimmt, den wir für andere Arbeiten brauchen – und weil wir es uns im Moment nicht leisten könnten zu merken, wo ihre Grenzen sind, unsere inneren Dramen und Nöte in ihrer Wucht und Komplexität für uns zu begreifen.
Die Therapeutin leitet aus dem Narzissmusding ab, dass wir etwas für uns eingefordert haben und findet das gut.
Soll sie es gut finden.

Das hilft uns nicht, unser Kämpfen als so zermürbend wahrgenommen zu wissen, wie wir es empfinden, aber was wissen wir denn schon, wie sie irgendwas sieht oder versteht oder empfindet. Wie immer warten wir darauf, dass sie irgendwann etwas sagt, was uns Aufschlüsse darüber gibt, oder fragen nach, wenn wir einen Kraftschwuschmoment haben.
Und selbst dann brauchen wir dieses Wissen letztlich ja auch nur wieder dafür, um zu wissen, was mit ihr zu besprechen lohnt und was nicht, weil sie es entweder gut genug begreift, um mit uns daran arbeiten zu können oder weil sie es nicht begreift und uns damit in eine Situation bringt, die Kraft zieht, verunsichert und ein neues Drama eröffnet, weil es den Grund für unser Miteinander berührt und eventuell in Frage stellt.

Ich würde auch nicht sagen, dass wir eine Narzissmuskrise haben. Aber wir sind verunsichert und merken, dass wir anfangen uns zurückzunehmen. Anrufe meiden, Kontakte aufschieben, Gespräche unterlassen. Es ist ein neuer Filter über den Möglichkeiten, wie man uns beurteilen, einschätzen, wie wir auf andere Menschen wirken könnten, wenn wir tun, was wir tun, wie wir es tun – und wir merken sehr bewusst wie blind und hilflos wir dem Mechanismus dahinter gegenüber stehen.

Der Begleitermensch hatte über die Narzissmuskeule sinngemäß gesagt, einem autistischen Menschen narzisstische Persönlichkeitsstrukturen zu unterstellen, sei wie einer blinden Person vorzuwerfen, dass sie nicht sehen kann.
Das kommt meinem Gefühl sehr nah, bis auf den Vorwurfcharakter. Für mich fühlt es sich mehr wie eine Warnung an alle Menschen in unserem Leben und Behandlungen an, sich besser bloß nicht mit uns zu umgeben, uns zu beachten, uns ernst zu nehmen, in dem was wir über uns erzählen und als für und an uns und unserem Sein als wichtig zu beachten einfordern.

Diese Kliniktherapeutin hatte “ja keine Ahnung vom Bloggen” und  „Internet”, weiß ja nicht, was für Kommentare und Emails wir so zu lesen bekommen, hatte ja keine Zeit (oder richtiger: hatte gar nicht erst danach gefragt) wie unser Leben und Funktionieren denn so ist. Was wir so machen und warum wir das tun. Sie hat ja keine Ahnung wie vielen Menschen und Innens sie ein Wort in die Hand gibt, uns und unser Tun weiter zu entwerten und umzudeuten, als sie es sowieso schon tun, um uns zu verletzen, zu demütigen, zu entmutigen und in den eigenen Überzeugungen zu verunsichern.

Wir schaffen es nicht mehr, Menschen immer wieder neu zu erklären, dass wir bloggen, weil wir Sprech- und Kommunikationsprobleme haben. Dass wir bloggen, um Menschen vermitteln zu können, was wir ihnen gegenüber nicht aussprechen können, weil wir verstanden haben, dass Monologe zu führen eine “böse Mädchen-Sache” und also falsch ist. Dass wir bloggen, weil wir das Gefühl haben, im Netz weniger stark sozial aufgeladenen Raum einzunehmen und Spuren in einer Stofflichkeit zu hinterlassen, der sich andere Menschen nur widmen können – jedoch nie müssen. Wir schaffen es nicht mehr, Menschen zu erklären, dass wir uns hier nicht präsentieren, sondern einfach präsent sind und bleiben möchten. Und wir haben keine Kraft dafür, Menschen zu beweisen, dass wir Dinge nicht in Abhängigkeit der in anderen Menschen passierenden Prozesse tun, weil wir diese entweder gar nicht erst merken oder überfordert sind, wenn wir sie merken.

Wir waren mal viel kräftiger an dieser Stelle. Haben uns ausgiebig gerechtfertigt, haben uns entschuldigt, haben erklärt und zu vermitteln versucht. Jedes Mal, wenn jemand schrieb, er würde uns gerne geben, was wir als fehlend oder nötig beschrieben haben, haben wir uns nach vorn entschuldigt und nach innen geschämt. Es war ein Fortschritt für uns anzuerkennen, dass wir nie zu 100% beeinflussen können, welche Impulse wie bei Menschen, die sich unseren Texten widmen, ankommen und welche Reaktionen auslösen. Also gab es dann die Amazonwunschliste, das Flattr- und das Speakerinnenprofil, den ‘gefällt mir- Button’ unter den Texten. Und das Gefühl sich für die Reaktionen anderer Menschen weder rechtfertigen noch, sich sozial daran zu beteiligen zu müssen, außer natürlich seine Empfindungen mit.zu.teilen, wenn sie empfunden wurden.
Jetzt ist die Unsicherheit wieder da. Wir beuten andere Menschen aus. Wollen nur Anerkennung unserer Großartigkeit. Tun nichts ohne das Ziel mindestens zu hören, dass wir toll sind. Wir entwerten andere Menschen, damit niemand merkt, wie niedrig unser Selbstwertgefühl ist. Was wir sagen, ist nicht vertrauenswürdig.

In der Logik geht es weiter bis an die Stelle, an der wir im Juni 2012 standen.
Den Moment in dem “Hannah (C. Rosenblatt)” als eigenes Innen entstand, weil wir mit niemandem mehr okay sprechen und noch weniger okay etwas sagen konnten. Keine Kontakte mehr (aus)halten konnten und in einem seelischen Flächenbrand ertranken, der sich aus genau solchen Verunsicherungen, Unklarheiten, strukturellen Ungesichertheiten und damals noch weniger als heute bewussten Unfähigkeiten entzündet hatte.
Unsere Therapeutin sagte, sie hielte unseren Bruch damals für eine Reaktion auf die Verwicklungen mit der Begleitungstherapeutin und dem verkackten Übergang zu der Therapeutin, die uns zu behandeln abgelehnt hatte, weil wir bürokratisch abhängig von der Familie* waren (und von Rechtswegen eigentlich auch heute noch sind). Sie sagte, wir wären so verletzt von der Begleitertherapeutin gewesen, dass wir die Beziehung und ihren Wert außer acht gelassen hätten.
Auch so ein Nichtbegreifen unserer Therapeutin, das uns weh tut, weil da etwas nicht miterfasst wird, was die Dramatik für uns damals hat entstehen lassen.

Aber natürlich ist es einfacher von einer zutiefst in ihrem als großartig und unfehlbar definierten Selbstbild gekränkten Patient_in auszugehen, als von einer Person, die innerhalb von 3 Wochen alles verliert, worauf sie sich stützen konnte, daraufhin völlig dekompensiert und dann von ihrer Ex-Begleitungstherapeutin hört: “Ich sehe, dass sie überfordert sind und das tut mir leid”, aber genau keinerlei stützende, tröstende, perspektiveneröffende, verbindende Emotion oder allgemeiner: Reaktion an sich feststellt.
Die Begleitungstherapeutin denkt wahrscheinlich bis heute, dass wir einfach ein selbstgerechtes und unversöhnliches Wesen haben – nicht zuletzt, weil wir zu feige sind und viel zu viel Angst vor dem inneren Emotionsbumerang haben, ihr zu sagen, dass wir ihre Entschuldigung durchaus gehört und angenommen haben (sie also als Person und die Zeit mit ihr völlig außer Frage als wertvoll, wichtig und gut abgespeichert ist) – uns aber dennoch mehr geholfen gewesen wäre, das nach innen auch als etabliert zu halten, hätte sie uns auf irgendeine Art die Hand gehalten, okayer durch die Suche nach einer neuen und anderen Therapeutin als ihr zu kommen.
Ganz profan, ganz simpel und bindungsbasierend. Wir hätten uns dafür weder sehen noch hören müssen – ein einfaches: “Wenn sie Angst haben, überfordert werden, unsicher sind, können Sie sich bei mir melden, ich bin da.”, hätte gereicht um uns stabil zu halten. Das blieb aber aus. Und bis heute haben wir ihr nicht gesagt, dass wir überfordert damit waren zu merken, dass wir sie unheimlich dringend gebraucht haben und keine Möglichkeit gefunden haben, ihr das zu sagen, ohne den Drang zu fühlen, sich suizidieren zu müssen.

Wir haben dieses eine letzte Gespräch über die letzten 4 Jahre immer wieder mal, vor allem, wenn wir darüber nachgedacht haben, noch einmal in die Klinik, in der sie arbeitet, zu gehen, Wort für Wort auseinanderseziert – sie hat es nicht gesagt. Sie hat sich entschuldigt und uns mit einer implizierten Schulddynamik, die wir nicht einmal verstanden haben, in der Hand alleine gelassen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir zum ersten Mal in unseren ganzen Leben als ausgestiegenes Ex-Opfer nicht betreut wurden, Körpergeburtstagszeit war, ein Umzug in eine Wohnung ohne Strom, Heizung und Telefonanschluss passiert war und der einzige sonstige Kontakt in unserem Leben ein sozialer und wichtiger, aber auch gewaltvoller war.
Wie man sieht: extrem viel Anlass dazu, sich von einer Therapeutin, die vergessen hat uns standesgemäß zu huldigen und zu flauschen, gekränkt zu sein. [Sarkasmus]

Bei uns rastete die innere Wahrheit ein, dass wir Menschen mit uns verschonen sollten. Dass wir Menschen erst dann wieder berühren dürfen, wenn wir anders, besser, richtiger, vielleicht auch irgendwie: weniger multipel sind.
Wir formulierten das als Therapieziel und als Agenda: Rauskriegen, wie wir sein müssen und unser eigenes Sein modulieren müssen, damit es okay ist und das dann machen.

Und dann kam unsere Therapeutin und irgendwie sind wir mitten in der Auseinandersetzung der Anerkennung des Vieleseins, der Gewalterfahrungen, inneren Wahrheiten und äußeren Entsprechungen gelandet.
Was sich nach immerhin schon bald 3 Jahren und einigen Monaten, als wichtig und hilfreich herausgestellt hat, aber dann doch herzlich wenig damit zu tun hatte, wie okay wir und unser Wirken in unserer sozialen Umgebung sind. Wir hatten ja keine – beziehungsweise haben wir eine, die sich aus für uns emotional unnachvollziehbaren und deshalb intellektuell erklärten Gründen an uns geheftet hat.
Um keinen der Menschen in unserem Leben haben wir uns aktiv bemüht oder gezielt Dinge getan von denen wir dachten: “Wenn ich xy tue, dann mag mich die Person bestimmt und will ganz viel mit mir zu tun haben. Das ist voll okay sowas zu machen, weil ich bin es ja wert/so macht man das eben/meine Gefährlichkeit/Bösartigkeit/Monstrosität ist ja weggezaubert/ich bin ja keine Zumutung/ich bin so großartig, wer würde denn nichts mit mir zu tun haben wollen?!.”

Als wir zuletzt dachten, es wäre wichtig etwas zu tun, damit jemand uns weiter mag und deshalb unsere Not glaubt und uns deshalb tröstet und bei uns bleibt bis es okay ist, haben wir der Begleitungstherapeutin geschrieben, dass die andere Therapeutin uns nicht behandeln will und wir sie sprechen möchten.
Das war ein Versuch, er ist gründlich schief gegangen und wir haben es danach nicht wieder versucht.
Für uns ist “ich tue xy, damit mich jemand mag (oder irgendeine andere bestimmte Einstellung zu uns hat)” eine soziale “heiße Herdplatte – Erfahrung”.

Wir merken die Emotionen und Intensionen anderer Menschen nicht, wenn sie sie uns nicht sagen. Aber wir haben damals versucht etwas zu tun, was genau diese Fähigkeit zu haben erfordert hätte, ohne zu zu merken, dass sie uns fehlt, weil wir sie nie hatten.

Und heute merken wir es.
Denken einerseits: Hey super – weniger Alltagsdissoziation, mehr Verstehen des eigenen Funktionierens und Re_Agierens und begreifen aber andererseits, wie umfassend beschissen komplex diffizil schwierig die Ausgangssituation ist, aus der heraus wir mit dem Lauf der Dinge und den Menschen um uns herum in Kontakt und Miteinander gehen wollen.

Heute merken wir, dass wir einen Großteil unseres Alltags damit verbringen andere Menschen wie Naturkatastrophen und andere unbelebte Unvorhersehbarkeiten an uns vorbei zu jonglieren und gleichzeitig schwere Gefühle wie Einsamkeit, Trostlosigkeit, Haltlosigkeit zu empfinden, die überwiegend, jedoch nicht immer und zuverlässig durch vorhersehbare Naturgesetze und Laufesdinge zu lösen sind.

Diese Narzissmuskiste erschwert das.
Ich merke, dass wir genau jetzt einen Menschen brauchen, der uns tröstet und in der Unverändertheit der Dinge versichert. Und gleichzeitig merke ich, den Erinnerungsschmerz jeder sozialen “heiße Herdplatte – Erfahrung”, neben der Gefahr Kontakte zu zerstören oder als in Zerstörung inbegriffen zu empfinden, weil ich zu dumm bin weil ich mich nicht auf etwas in mir verlassen kann, das mich warnt, wenn ich die Zerstörung selbst verursache.
Etwa, weil ich und die anderen anders auf andere Menschen wirken, als wir sind. Weil wir tun, was wir tun, wie wir es tun.

Ich merke wie mir ein Etwas in den Nacken atemstockt.
Weiß, dass es glaubt, alles was es tut sei falsch, weil es für alles, was es je getan hat (und je getan haben soll) verletzt wurde.
Weiß, ich sollte ihm jetzt sagen, dass wir 2016 haben und uns heute niemand mehr für das was wir tun, verletzt. Ich weiß, ich sollte ihm sagen, dass es vorbei ist.

Aber das ist es nicht.

böse Mädchen

Wir griffen nach zeitlichen Folgen, versuchten ein Nacheinander zu finden und zu fühlen, warfen uns dann aber doch wieder nur in den Lauf der Dinge.
Hörten einer Person zu, die über Essen sprach und rannten wieder zurück zum nächsten Termin.
Sammelten uns. Sprachen aus, woran wir seit dem Aufnahmetag in der Klinik kauen: Wir fühlen uns nicht erwünscht. Nicht gehört, nicht gesehen, nicht verstanden – und schrägerweise ist dieses Gefühl genau dort präsenter, wo man sich voll und ganz auf uns konzentriert. Beziehungsweise, voll und ganz darauf konzentriert ist, uns Dinge zu sagen. Egal, was das mit uns macht, für uns bedeutet oder wie es von uns aufgenommen wird oder werden kann.

In anderen Settings ist das Gefühl nicht da. Wir gehen angenehm anonym unter in den Gruppen. Machen unsere Übungen, spüren nach, fragen rein, schwingen mit, versuchen uns zu bewahren, was sich an guten Empfindungen einen Weg sucht. Alles läuft okay und genau so, wie wir uns das erhofft hatten.
Doch wehe wir haben einen Einzeltermin oder wir werden durch als hilfreich intendiertes Verhalten ins Erinnern getriggert.
Dann bricht die Hölle los.

Und es ist eine Hölle.
Eine, die wir schon mal erlebt haben. Mehrfach. Über Jahre.
Und die, außer für uns, den Begleitermenschen, unsere Therapeutin und die Flauscherzen in unserer Twittertimeline scheinbar für niemanden sonst real ist. Denkbar ist. Möglich ist. Wahrhaft ist.

Nach dem Termin fahren wir nach Hause und rupfen uns und sie aus der Zeit heraus.
Wir machen uns weit, weich und warm. Gehen zur Seite und lassen sie fertig weinen im Tausch gegen einen Schnitt vom Hals bis in die Scham. Wir streicheln NakNak*, streicheln unsere Nerven. Lassen Seifenblasen durchs Bullergeddo fliegen und lauschen dem Tanz der vielen geschenkten Kreisel auf unserem Laminatfußboden.
Wir schenken uns einen Erbsenmoment, der eine Stunde dauert. Schenken einem Fast-noch-ein-Kind den Trost, den es braucht und erfahren, dass sich für sie etwas wiederholt.

Irgendwann kann auch ich den Schmerz in der verletzten Hand fühlen und denke darüber nach, ob wir noch Kraft für den verwaltungsrelevanten Überweisungsquatsch von der Klinikärztin zur Ambulanz im anderen Krankenhaus haben, damit sich ein special Körperarzt die Hand ansieht.
Und dann muss ich lachen.

Dann lache ich bis ich weine und das Mittagessen erbreche.
Weil ich mich “behandlungsbedürftig selbst verletzt” habe, während unsere Behandler_innen im Raum saßen und sich vermutlich genauso vor dem, was da aus uns herausgebrochen ist, erschreckt haben, wie wir selbst. Was ein den gemeinsamen Absprachen entsprechender Grund wäre uns zu entlassen.

Das 14 jährige fast-noch-ein-Kind beobachtet mich und mein Lachweinkotzen. Und ich merke ihre Verwirrung. Merke, wie gut es wäre, würde ich mich selbst dort in diesem Klinikrahmen so sicher und geschützt fühlen, wie es unsere Behandler_innen tun.
Ich sage dem fast-noch-ein-Kind nicht, dass alles okay wird. Ich verspreche ihr nicht, dass ich sie schützen werde.
Ich schaue nach innen. Suche nach einer Wahrheit, die ich mit gutem Gewissen an ihr Herz legen kann.

Und verspreche ihr, dass sie für mich niemals das böse Mädchen sein wird, für das sie sich hält.

wir können uns “Selbstbestimmte” nennen

wir können uns “Selbstbestimmte” nennen

Wir haben es nie als “Flucht” gesehen und wollen uns auch nicht mit minderjährigen Flüchtenden und Geflüchteten vergleichen. Es ist unvergleichbar, was diese Menschen erfahren und erfahren haben.
Aber in einem jüngst erschienen Artikel der “Zeit” steht ein Satz, der mich nah fühlen lässt: “Ein Schutzersuchen haben sie nicht gestellt”.
In Verbindung mit der Meldung über 10.000 verschwundene unbegleitete Kinder und Jugendliche in Europa wird mir der Hals eng, weil sich mir sofort die Frage aufdrängt, was mit diesen Kindern und Jugendlichen passiert. Sind sie noch am Leben, oder inzwischen tot gespielt? Werden sie gequält, ausgebeutet und verletzt und tauchen als Erwachsene irgendwo zwischen den Rändern der Welt wieder auf?

Oder haben sie es geschafft, irgendwie zu Schutz und Für_Sorge zu kommen?
Geht es manchen jetzt vielleicht gut?

Wie gesagt – wir und unser Leben ist mit einem eines aus dem eigenen Zuhause vertriebenen Menschen nicht zu vergleichen. Wir sind nicht vor Krieg geflüchtet und vielleicht sind wir überhaupt grundsätzlich nicht geflüchtet, sondern einfach nur weggelaufen bis wir das Gefühl hatten, sicher zu sein.
Wir waren natürlich nicht sicher. Niemand, kein Mensch ist sicher, wenn er allein, ohne Mittel und Fähigkeiten zur Selbstversorgung irgendwo auf der Straße steht. Aber ein Schutzersuchen haben auch wir erst stellen können, nachdem uns jemand sagte, dass wir das tun können und dabei jemanden an der Seite haben, der uns in diesem Ersuchen solidarisch ist.

Dieses Jahr ist es 14 Jahre her und erst heute morgen hatte ich den Gedanken, wie schrecklich es für die Person, die wir vor 14 Jahren waren, gewesen sein muss, diesen Schritt zu tun. Weggehen, aufgeben, loslassen.
Weggehen von einer schwelenden Gefahr für Leib und Leben. Die Hoffnung aufgeben, dass es jemals durch irgendetwas aufhört, das man selbst tut oder nicht tut. Jede Idee von einem Morgen, das so sicher und klar vor einem erscheint, dass kein anderes zu existieren scheint, loslassen.

Gerade jetzt, wo so viele Kinder und Jugendliche, die uns irgendwann im Lauf der letzten 14, 15, ..20, 25… Jahre irgendwie einfach verschwunden sind, weil wir uns so sehr vor ihnen und ihren Wahrheiten geschützt haben, dass wir sie aus den Augen verloren haben, aus dem Inmitten ins Rund und zuweilen bis ins Hier und Jetzt gespült werden, bekomme ich eine Ahnung davon, was für ein global krasser Schnitt das gewesen sein muss.

Wir waren kein Mädchen, das Armut, Betteln, spontane Verwertungsimprovisation und soziales Wendehalsen kannte und konnte. Wir waren kein Mädchen, dem man angesehen hat, wie ernsthaft die Not und die Bedrohung war, in der es gelebt hat und wir waren kein Mädchen, dem man geglaubt hat (bzw. geglaubt hätte), dass es sich in einer ernsthaft bedrohlichen Situation befand.
Wir galten immer schon sehr schnell als außerordentlich intelligent, sprachbegabt und klug und immer wieder stießen Personen an ihre eigene kognitive Dissonanz durch diesen Eindruck von uns als Einsmensch und versperrten uns damit den Weg anzuerkennen, dass wir als Person jede Eigenschaft der Welt hätten haben können und trotzdem einer zerstörerischen Gewaltdynamik in der eigenen Familie vollkommen schutz- und hilflos ausgeliefert waren.

Ich habe selbst lange geglaubt, es sei ein Beweis unserer inneren Kraft, wie wir uns durch die kurze Episode des Straßenlebens bewegten und dann ins System der Jugendhilfe gingen. Wie wir durchzogen weder Kontakt zur Familie zu wollen, noch in der gleichen Stadt wohnen bleiben zu wollen.
Und jetzt sehe ich die 14, 15, 16 Jährigen von damals durch unser Heute taumeln. Sehe mir ihre Gedanken an. Sehe, wie gnadenlos sie von der ständigen Verwirrung vor der Welt und dem Lauf der Dinge im Kleinen wie im Großen, in Grund und Boden gestampft werden und sich auflösen, weil sie dem genau nichts entgegenzusetzen haben, außer Todesangst und lähmend toxisches Stresserleben, das letztlich die Samen zu uns Rosenblättern und anderen Systemen ausgestreut und immer wieder gedüngt haben wird.

Inzwischen frage ich mich, ob das Weglaufen vor 14 Jahren vielleicht auch ein Suizidversuch war, den sie nie jemandem hätten erklären können.
Und auch nie hätten zugeben können, selbst dann, als klar war, dass sie vor weiterer Gewalt und Ausbeutung weggelaufen waren.

Held_innenhafte Selbstrettung geht einfach immer nicht so gut zusammen mit so einem vermeintlich schwachem oder feigem Akt, wie dem der Selbsttötung bzw. dem bewussten “sich-nicht-mehr-aktiv-ums-eigene-Überleben-bemühen”.
Aber vor uns selbst, denke ich, können wir diese Idee gut stehen lassen und annehmen. Es entlastet eine Ecke im Innen um einen schambesetzten Aspekt dessen, was hinter dem Ding stand, dass wir am 1. Mai 2002 getan haben.
Heute sehen wir sie und ihr Sterben vor, für den Rest der Welt, profanen, einfachen, ganz üblichen Abläufen und Dingen und sind offen für die Option, dass sich noch viel mehr als die Gewalt in ihrem Leben als schlicht unaushaltbar und unlebbar dargestellt haben kann und wird.

Unsere vielen verschwunden Kinder- und Jugendlichen sind nicht mehr verschwunden. Wir können uns “Selbstbestimmte” nennen und können die Verknüpfung “weglaufen”= “flüchten” von uns abtrennen. Das ist ein Privileg und wir spüren dem gerade im Moment sehr bewusst nach.

Wir entscheiden uns heute dafür, den ersten Mai als einen Tag, an dem wir, aus Gründen, eine große selbstbestimmte Entscheidung getroffen haben, zu denken und aufzuhören, ihn als “den Tag, an dem wir weggelaufen sind” zu verwenden, an dem wir uns für etwas auf die Schulter klopfen, das insgesamt sehr viel mehr war, als das.

und die Sonne scheint

Während hinter ihr ein langer Vortrag über eine aufregende Situation, die planvolles Handeln erschwert, doch nötig macht, vom Schlauberg herunterkullert wie geronnene Milch, scannt sie den Bildschirm und verfolgt das Bild der Podcasttonspur. Es ist eine Episode in Flieder mit einem sachte schwingenden Faden in Orange.
“Ich muss was tun, wenn wir hier durch sind.”, legt sie langsam und bedächtig neben die Hand an der Laptopmaus, “Ich glaub, sonst überreize ich.”.
Mit einem letzten Klick werden die Spuren zusammengelegt und gespeichert.

“Ich will was Schnelles und Wuchtiges.”, kräht es dicht neben ihrem Denken in den gemeinsamen Äther. “Ich will… ACHTERBAHN FAAAAAAAHN”.
“Is klar. Wer kennt sie nicht – die Achterbahn in der Nachbarschaft?”, lächelt sie und pickt dem Kerlchen neben sich auf die Stirn. “Such dir was anderes, Kleiner.”.

Sie entfaltet den Körper und schaut in das aprilhafte Wetter hinaus.
Unter der Haut summt es und das linke Augenlid zuckt unangenehm.

“Hör auf zu kratzen.”. Von hinten greift eine Hand in ihr gedankenverlorenes Pulen an einem neuen Pickel.

Am Türrahmen steht jemand mit dem linken Fuß auf dem rechten und zählt  auf: “Jacke, Schal, Mütze, Stulpen, Schuhe, Keksbeutel für NakNak*, Mittagessenbüchse, Handy, Portemonnaie”. Sie setzt Haken an jedes Stück und beobachtet das Jemand heimlich aus den Augenwinkeln.
“Guck weg.”, antwortet es mit einem Stachel in der Stimme.

“Äh kennst du das da wo so ne Rutsche is mit som Karuselldings und so?.”
“Kennst du deutsche Sprache?”
“Kennst du die Geschichte von dem Innen, das sich nicht bemüht hat ein bisschen offener und rücksichtsvoller zu sein?”, fragt es in ihren Hinterkopf hinein und kruschelt dem Kleinen durch die Haare. “Ist nicht so gut ausgegangen, weißt du?”.
Sie gehen spitzmäulig lächelnd auseinander.

“Ich weiß wo das ist, aber das ist ganz schön weit. Bis wir da sind haben wir vielleicht keine Kraft mehr für den Rückweg und den Abend.”. Sie schaut in die Runde und fummelt nervös am Jackenreißverschluss herum. Als niemand antwortet, beugt sie sich zu dem Jungen herunter und sagt: “Aber ich kenne noch einen Spielplatz mit Reifenschaukel. Das ist nicht schnell und wuchtig, aber wenn man die Augen zumacht ist es ein klitzebisschen wie Achterbahn.”, sie kneift die Augen zusammen. “Also jedenfalls wird mir da immer ein bisschen schwummerig.”.

Die Grummelsie grummelt und zappelt an der Tür herum. “Okay okay dann los jetzt.”.

Sie gehen schaukeln und sich schwummerig machen. Laufen 30 Kilometer zu Fuß. Weg.
Vorm Denken. Angst haben. Sorgen machen. Erinnern. Aufgeregt sein.

Und die Sonne scheint.

“Warum ist denn niemand gekommen?”

“Warum ist denn niemand gekommen?”

Schlimm sind Momente, in denen mir einfällt, wie durchlässig ist, wovon man denkt: “Das hätte doch etwas verändern können.”, obwohl man weiß, dass es das nicht tat.
Da war das Moment, in dem ein Kinderinnen die Hand der Therapeutin hielt und fragte: “Wieso ist denn niemand gekommen?” und da das Moment, in dem es keine Antwort gibt, weil einfach niemand gekommen ist. Obwohl man gerufen hat. Obwohl man nicht in Stasis und doch so weich, wie ein Schluck Wasser war. Obwohl man doch tat, was man vom Polizisten, der zu Besuch im Hort war, gelernt hat: “Ruf nach Hilfe. Ruf nach jemandem.”.

Über 20 Jahre später haben wir gelernt, dass man nicht “Hilfe Hilfe” rufen sollte, wenn man Hilfe braucht, sondern “Feuer Feuer”, “Ich bring mich jetzt um” oder “Ich jag diese Kita gleich in die Luft”.
Und warum? Weil sonst niemand kommt. Weil sonst nichts passiert. Obwohl alle immer sagen: “Wenn was ist – ruf um Hilfe.”.

Man hat sich daran gewöhnt davon auszugehen, dass niemand kommt und als Stück zwischen Erklärung und Entschuldigung zu akzeptieren: “Ich wusste nicht, was ich machen sollte.”, “Ich wusste nicht, wie ich helfen kann.”, “Ich wusste nicht, dass ich gemeint war.”, “Ich wusste nicht, was da passiert.”
Das machen sich manche dann zur Lebensaufgabe. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was da passiert ist. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was hilft. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was sie tun können und sich trauen, das auch wirklich zu tun.

Es ist so ein verführerischer Vermeidungstanz um die Antwort auf die Fragen, die sich in denen, die zu Opfern wurden, aufhängen und in quälenden Schleifen umherirren. Warum ist niemand gekommen? Warum hat das niemand von außen unterbrochen? Wie hat die Person, die mich zum Opfer machte, in mein Inneres greifen können, ohne gleichermaßen als ein Außen von mir wahrgenommen zu werden?

Während ich aus heiterem Himmel darüber weinen muss, dass niemand gekommen ist, fällt mir ein, dass ja jemand da war. Dass eine Antwort auf die Frage dieses Kinderinnens sein kann, dass die ganze Welt dachte, dass ja schon jemand da war. Dass dort schon jemand war, der verantwortlich für sein Wohlergehen war.
Und, dass das einfach das grundlegende Drama ist.
Dass zum Einen viel zu selten hinterfragt wird, was man selbst wahrnimmt und deutet und zum Anderen, einer der vielen Gesichter von Ableism ist, dass “Hilfe” genau ein äußeres Schema haben muss.
Die Person, die Hilfe braucht + die Person, die Hilfe anbietet = Hilfe = Ruhe im Karton
– passiert dies nicht, ist nicht etwa die Hilfe die falsche (oder eben gar keine) so liegt es an der Person, die Hilfe braucht. Dann heißt es, die Person hätte sie nicht angenommen oder würde sie nicht schätzen oder wäre nicht in der Lage sie anzuerkennen und zu nutzen.

Das Problem ist nicht nur, dass wer Hilfe braucht immer mindestens ein Wissen, um die eigene Hilfebedürftigkeit von außen und die Kraft, sowie die Befähigung und Berechtigung haben muss darum zu bitten und zu rufen. Das Problem ist auch die Abhängigkeit vom Außen und dessen Befähigung anerkennen zu können, wann ein Außen auch ein Innen sein kann. Wann welche Personen gleichermaßen Teil einer Not und Gewaltdynamik sein können, wie sie Teil einer Hilfe und Verantwortungsdynamik sind.

Es ist einer dieser ewig dissonanten Aspekte in mir. Meine Sicht von Täter_innen als gleichsam von der Gewalt betroffene Personen, wie die Personen, die sie zu Opfern gemacht haben. Das wird nur allzu gerne als täterloyale Irrung in meinem kaputt traumatisierten Kopf gelesen und als “Aha – die Täter_innen sind auch Opfer” zum allgemeinem Ableism an mir hinzu kompostiert.
Was wir für uns jedoch klar haben ist, dass die Betroffenheit von Gewalt einseitig betrachtet wird. Am Ende sogar einseitig auf den mit Gewalt unterworfenen Personen abgeladen wird. Und damit natürlich sowohl die Verantwortung sich Hilfe im Falle von (Verarbeitungs-)Problemen zu holen – erneut! und erneut in Abhängigkeit von einem Außen, das sich nur allzu gern hinstellt und erlernt hilflos die Arme in die Luft wirft, was man denn jetzt machen soll – genauso wie die Verantwortung oder Bürde oder so genau habe ich kein Wort dafür, zu beworten, was passiert ist.

Zwischendurch erinnert sich mein Körper, erinnert sich mein inneres Auge und mein sympathisches Nervensystem an das Ereignis über das, das Kinderinnen mit der Therapeutin hinweg geredet hat. Und ich werde wütend.
Aber weil ich irgendwie falsch verkabelt zu sein scheine, bin ich nicht wütend darüber, dass dort etwas passiert ist, das nicht okay und immer schlimm war, sondern, dass es ein so reinweißer Raum ist, in dem es passierte. Dort ist kein Wort drin. Kein einziges. Wenn ich meinen Blick hinwende, liegt dort die zarte Kette des Kinderinnens an seinem Rand. “Warum ist denn niemand gekommen?”.
Ich bin wütend, weil dort keine Worte von der anderen beteiligten Person drin sind.

Und weil ich davon ausgehen muss, dass dort auch nie eines drin auftauchen wird.
Außer natürlich wir liefern uns aus. Gehen zur Polizei, erstatten Anzeige trotz Verjährung und stellen uns wie das Sterntalermädchen unter den Mund der angezeigten Person und fangen so viele Worte wie möglich.

Diese Wortlosigkeit macht das Ereignis unprüfbar, weil es nichts gibt, woran wir uns festhalten können.
Und auch nichts woran wir uns abgrenzen können. Diese Person wird für uns vielleicht für immer ein Innen – ein mit im Er_Leben eines Ereignisses – sein, während alles und alle um uns herum zwei Außen – zwei einander passierende Ereignisse – sah.

Das ist das Drama.
Die Tragödie hingegen entsteht dort, wo meine Ideen beginnen, was die nach denen das Kinderinnen gerufen hatte, sagen könnten.
Um sich zu entschuldigen. Sich zu rechtfertigen. Um sich so fern von uns zu machen, dass nichts und niemand von uns sie je erreicht.

zurück sein

zurück sein

Das Ende ihrer flammenden Rede für unser Recht auf Zustandsverbesserung quillt aus dem Telefonhörer in unser Ohr hinein und schubst uns ein letztes Mal an.
Es ist etwa 5 Uhr morgens. Vor einer halben Stunde sind wir durch ein offenes Kellerfenster zurück in die Wohnung geklettert und außer einem unregelmäßig aufbrandendem Impuls den Kopf zurück zulegen und sich sämtliche Organe aus dem Bauch zu schreien, ist da nichts weiter als kalte Haut unter nasser Kleidung.

“Es kann doch nicht okay für euch sein, dass ihr euch immer wieder in so einem Zustand jwd wiederfindet.”, schiebt sie nach. “Es ist auch nicht okay für uns.”, antworte ich ihr und betrachte die schlammtriefenden Fußenden der Strumpfhose in meiner Hand.
Inmitten unseres Schweigens stecke ich meine Finger in die frischen Löcher und verharre auf ihren Rändern.

“Was war denn los?”. Sie stellt die Frage in den Raum und lässt uns damit allein.

Ich merke, wie es hinter mir vor Wut zittert und sich eine Nebelbank in feinen Schlieren vor meinem Blick ankündigt. Sie macht mich so traurig mit dieser Frage und ich weiß einmal mehr nicht, wie es kommt, dass sie es bis heute vielleicht nicht richtig verstanden hat, wie das ist dissoziative Amnesien zu haben und viele zu sein.
Dass es eben auch bedeutet nicht zu wissen, was los war. Dass es bedeutet, dass selbst meine Annahme, dass ein Innen weggelaufen ist und wir uns deshalb in Schlafsachen auf einem Acker wiedergefunden haben, irgendwas zwischen “vage fühlen” und “mutig geraten” ist.
Ich sehe mich unter Druck ihr eine Ahnung, eine Idee oder eine Theorie liefern zu müssen – obwohl diese, selbst wenn wir eine hätten, im Moment überhaupt keinen konkreten Zweck für uns erfüllen würde.

Eine Andere bringt es statt meiner mit einem Glimmen in der Stimme auf den Punkt: “Die Frage ist zu groß und gerade unangemessen. Wir haben selbst kein festes Wissen und können dir jetzt nichts in die Hand geben, um das Geschehene greifbar zu machen.”. Sie schaltet den Wasserkocher an und holt einen Teebeutel aus der Schachtel. “Sie hat dich angerufen, weil du etwas zum Festhalten geben solltest.”.

“Und wer bist du?”. Die Worte klemmen sich an die Andere und legen sich wie eine Schraubzwinge um ihren Hals. “Ich.”, antwortet sie und drückt auf die rot leuchtende Taste am Telefonhörer.

“Du hast ihr nicht gesagt, dass du jetzt auflegen wirst.”, erinnere ich sie. “Sie wird gleich nochmal anrufen.”.
Sie gießt das aufgekochte Wasser in die Teetasse und in die Wärmflasche. Schlägt mit der Faust auf den großen Oberschenkelmuskel und spürt nach. “Ich weiß.”, antwortet sie und löst sich mit dem Schmerz auf.

Ich halte die Tasse in der einen Hand und wähle mit der anderen. “Entschuldigung – war nicht geplant.”, schmeiße ich in den Hörer noch bevor ich überhaupt weiß, ob es auch wirklich unsere Gemögte ist, die den Anruf angenommen hat.
“Ich war auch zu forsch – tut mir leid.“. Wir atmen gleichzeitig tief ein.

“Liest du mir was vor?”, frage ich sie und merke, wie sich die Müdigkeit Stück für Stück mehr von mir und dem Körper nimmt. “Ich würd mich gern in deine Stimme legen.”. Sie kichert “Ach – mehr nicht?”. “Eh eh, nee”, antworte ich und merke wie leicht es plötzlich dann doch ist, ihr zu sagen, was uns gerade gut tun würde.
Sie wühlt nach “unserem Buch” und fängt an.
Wir liegen unter drei Decken im Bett, schauen dem Seidentuch-Feenreigen in seinen sachten Bewegungen zu. Trinken Tee durch einen Strohhalm. Hören ihr zu. Legen auf, als die Geschichte zu Ende ist.

Und hoffen, dass unsere Gefühle von Entspannung und Sicherheit auch dort angekommen sind, wo wir selbst nichts wahrnehmen können.