als ob

Kurz nach 21 Uhr gingen wir mit schnellen Schritten gegen den langen Rock ankämpfend zur Straßenbahnhaltestelle.
Und während ich mich zwischen “langsamerem Schritt und in der Folge eben die Bahn verpassen” und “durchhalten und als Belohnung bald zu Hause zu sein”, nicht entscheiden konnte, war es plötzlich wieder da: das Kitzeln am Panikknopf und der Gedanke des Versagt-habens, das sich so glatt und blank wie abgeschmirgeltes Eis ohne Grenzen vor einem offenbart.

Einfach so.
Weil man mit der Erkältung in der kalten Nacht draußen rumrennen muss. Weil man seine hässliche Fresse außerhalb der eigenen 4 Wände zeigt. Weil man so ein widerwärtiges Würmchen ist, dass halt schon von seiner Machart her zu nichts Sinnhaftem fähig ist. Weil … whatever.

Und heute das Warten auf den Anruf der Neurologin. Die wirrverzweifelte Nachricht, die da so untypisch für die Frau P. deren Persona wir zu spielen irgendwie zu verlernen scheinen, auf dem Anrufbeantworter vor sich hin gammelt.
Die Nebenwirkungen des Seroquel, das seinen Einzug in unserem Gehirn mit einer so üblen Party feiert, dass die Zellwände wackeln und das Stammhirn ärgerlich schnaubend die Stirn runzelt.

Die Unrast, die jeden Ort  nach einer Weile unaushaltbar macht. Die Dämpfung, die gleichzeitig so erschöpft, weil sie in Teilen auch überwunden werden muss. Der trockene Mund, der ganz Dudebro aus der Hölle mit der trockenen Reizung des Rachenraums ist.
Und dazwischen die Spitzen von “Ich mach jetzt was, was das Ganze aufhören lässt” und wieder Energie rausschießt, sich Dingen zu widmen, die vielleicht zu einer Entlastung beitragen. Oder eben auch erneut an der Ecke abzubiegen um vor der Frage zu landen, ob jetzt weiterzuleben sinnig ist.

Und in der Packungsbeilage steht, dass das normal ist.
Dass man, wenn man Suizidgedanken an sich feststellt, unbedingt mit seinem Arzt sprechen sollte. Oder einem Freund.
Und dann in der Annäherung an Versuche, diesen Rat zu befolgen, weil man ja nie weiß, merke ich: ich kann keine Gespräche mehr üben, weil mein Blick auf die Laut.Worte zunehmend mit weißem Wattezeug bedeckt ist. Und natürlich versuche ich aber doch den Moment der Erkenntnis genauso schnell zu unterdrücken, wie die Panik über das, was sie bedeutet.

Und daneben mein inneres Fräulein Rottenmeier, das mich anspornt und meint: bis Samstagnachmittag ist kein Platz für Psychosperenzchen.
Als wäre nach Samstagnachmittag, wenn NakNak* wieder da ist,  ein Monat beginnt, in dem wir Dinge vorhaben und vieles abzuwarten ist, Platz dafür.

Als wäre es irgendwann in den letzten knapp 5 Jahren so gewesen, dass wir uns für unsere eitertriefende Psychoscheiße jemals mehr Platz gelassen hätten, als die Pestbeulenaufstiche für Wortfluten hier und die erbärmlich abstoßenden Versuche in Therapie und Internetforen.

Aber sie hat auch Recht und es ist tröstlich sie zu spüren. Es ist ein Anker an das Hier und Jetzt, das dort beginnt, wo wir aufhören und uns zu einem Individuum stanzt, das re_agibel ist, sein kann, und auch morgen sein wird. Ganz selbstverständlich auch morgen, weil das Hier und Jetzt auch ein Morgen kennt und von ihm ausgeht, als sei es nichts, was in Zeitfalten verschwinden kann.

nah dran

Wenn ich lese: “Mir fehlen die Worte.”, “Ich bin sprachlos.”, “Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.”, denke ich: “Ist okay – ich brauche auch keine Wörter von dir.” oder: “Schon gut, für mich musst du auch keine Wörter haben.”. Aber dann kommt ja noch der ganze Rest. Die ganze Hilflosigkeit. Der große  Schreck und die Versuche mich daran teilhaben zu lassen.

Nur weil wir uns fast das Leben genommen – was ist das eigentlich für eine bescheuerte Formulierung? “Das Leben genommen”. Als könnte man durch Regale gehen und sich Leben nehmen.
Als geschähe Leben nicht einfach so. Oder eben nicht. Oder eben nicht mehr.

“Nur, weil wir uns so unkontrolliert vor der Entscheidung des Weiterlebens oder nicht mehr Lebens  empfunden haben.”, so ist es richtig formuliert.

Mich überrascht die Angst um uns. Und die Bindung, die zu uns aufgebaut wurde.
Und sie erschreckt mich. Macht mir Angst. Tritt genau diesen einen unheimlichen Schritt zu nah und greift nach etwas von uns, dass es nicht gibt. Nie gab. Vielleicht nie geben wird. Und vielleicht auch nicht gewollt ist, weil es als unaushaltbar erlebt wird.

Ich würde gerne sagen: “Hey – es ist nur Suizidalität. Es ist nur eine Entscheidung. Kopf hoch – es geht nur um Tod.”, aber ich weiß, dass ich das vor einer Wand sagen würde, die weiß vor und unter dem Leben in unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unserer Kultur vor sich hin rauscht, wie die vielen Bäche durch die Alpen.
Es ist genau die Wand, die wir manchmal auch als Kluft zwischen uns und dem Rest der Welt erleben.

Weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Weil wir wahrnehmen, was und wie wir wahrnehmen. Weil wir in unseren Fähig- und Fertigkeiten mit anderen Begrenzungen als die Mehrheit der Menschen umgehen.

Zwischendurch passiert es noch, dass Menschen mit uns in Kontakt treten und in Austausch gehen möchten, weil sie denken, wir wären besonders (stark/mutig/whatever). Was dann immer wieder passiert ist Stille. Das Moment der fehlenden Worte und die Angst vor dem Schweigen. Die vielen vielen Worte, die uns nichts sagen, doch für diese Menschen zentnerschwer mit Bedeutung beladen sind.
Und dann die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass wir einfach nur sind. Dass es uns einfach nur gibt und das schon die ganze Besonderheit ist.

Ich blätterte heute durch “Sensation des Alltäglichen”, einem großartigen Fotoband von Anja Conrad und dachte: “Genau das ist es. Nichts weniger. Dieses Leben.”.

Manchmal frage ich mich, ob es Menschen gibt, die uns kennen und denken: “Wär mir genauso gegangen an deren Stelle.”. Heimlich unterstellen wir das auch Menschen. Wissen es aber nicht. Weil sie uns lieber sagen, wie sprachlos sie sich vor dem schockartigen Bewusstsein um unsere Not, unsere Verzweiflung, die Nähe zum radikalen Ende empfinden.
Ich würde gerne sagen: “Sagt uns einfach, dass ihr unsere Not auch nicht ertragen wolltet/würdet/könntet. Weil sie ist und war und bleibt, bis sie zu Ende ist.” und kann es doch nur schreiben.

Ich wünsche mir mehr von dieser einen Ehrlichkeit, die genauso wenig Rücksicht auf uns nimmt, wie die Entscheidung zum Suizid keine Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb eines sich Suizidierten nimmt.
Woran sollen wir denn glauben, wenn wir nur von Füllwatteworten umgeben werden, aus Angst man könnte – ja was? Uns beeinflussen? Uns indirekt in den Suizid treiben? Uns verletzen? Aus Angst man könnte selbst bemerken, welchen einen Schritt genau man zu nah an und in uns hinein getreten ist?
Geht es am Ende nicht vielleicht genau darum die Erkenntnis zu vermeiden, wie sehr man sich mit uns verbunden fühlt und dennoch scheut in etwas gemeinsam zu sein, was einem selbst fremd ist, weil man auf der anderen Seite der Kluftwand steht?
Ist es Angst unser Schweigen, unsere Sprachlosigkeit, unsere Suche nach Worten am eigenen Selbst zu fühlen?

Ist es Angst vor dem Leben, wie es für uns ist?

Jenes Leben, das wir uns jetzt, wo die Entscheidung gegen einen Suizid zum jetzigen Zeitpunkt getroffen wurde, neu anzusehen versuchen.
Jenes Leben, in dem wir ein Medikament nehmen, das uns beruhigt und hilft aus dem ständigen Hyperarousel zu kommen. In dem wir auf eine Antwort auf unseren Antrag auf Wiederaufnahme in einer Klinik für Psychotherapie warten und streng mit uns sind, wenn von hinten nach vorn die Argumente kommen, wir würden so etwas doch gar nicht brauchen/müssen/dürfen/sollen/hätte würde wenn/ jatta jatta jatta. In dem wir uns erlauben, die deutsche Gebärdensprache zu lernen. In dem wir (Sensation des Alltäglichen!) zwei Mal am Tag essen. In dem wir uns eine Jahreskarte für die Stadtbücherei erlauben.

Und ab und zu, kurz, schmerzhaft, unheimlich und nah, an den Rand der Kluft zwischen uns und der Welt treten.

kein Anschluss

“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.

Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.

In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.

Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.

Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.

Und er versteht nicht.

Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”.  Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.

Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da.  Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.

Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen.  Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.

“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.

Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.

Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.

Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.

Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”

kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”

Blitzlicht

Jahreswechsel.

Ich glaube, ich bin noch nie so wütend, traurig und beschämt ins neue Jahr gegangen.
Tausende Menschen sind auf der Flucht und das Land, in dem ich lebe, schließt die Grenzen. Ständig begegnet mir Alltagsrassismus und, weil ich ein blütenweißes Toastbrot bin, komme ich mir falsch vor, den immer wieder anzusprechen. Awkward white tears – ich weiß. Sie sind aber trotzdem da.

Ich merke, wie genervt Menschen von mir sind – und kann nicht reagieren.
Ich merke, dass ich meinen eigenen Selbsthass zunehmend unkontrollierbarer erlebe – und kann nicht reagieren.

Im Grunde hasple ich seit Wochen von Handlung zu Handlung, scheitere, rapple mich auf, zerre an mir, mich zusammenzureißen und weiter zu machen.
Hier ein Autsch – da ein Erstarren durch den Schmerz hindurch. Einfach immer weiter machen. Komm schon, das ist alles nicht neu. Hatten wir alles schon mal – ist gleich vorbei – dann gehts weiter weiter weiter.

Ich hab den Drang einen Laut rauszuschreien und kann damit nichts anfangen.  Möchte mich Menschen mitteilen und spreche gefühlt nur Mist aus.
Meine Wochen sind so unruhig und chaotisch – machen mich unruhig und chaotisch.

Eine gute Sache passiert und zieht gnadenloses Chaos mit sich.
Aktuell: meine Zähne.

Wir haben mindestens 2 Jahre durchgehend Zahnschmerzen gehabt und uns durch viele Behandlungen gequält, die allesamt nichts brachten, weil sich die leichte Angst bei der Zahnärztin zu waschechten Panikattacken und Vermeidungsverhalten entwickelt hatte. Endlich fanden wir erst Erleichterung durch eine Wurzelspitzenresektion in einer Operation und erhielten gestern eine Komplettsanierung des Gebisses wiederum unter Vollnarkose.

Und wer sitzt Stunden später vor seiner Suppe und kann sie nicht essen, weil sich die Zähne anfühlen, als wären sie nicht mehr da, aber gleichzeitig doch anwesend? Richtig.
Da ist etwas Fremdes in meinem Mund und das nennt sich “keine Schmerzen” und das geht einfach nicht wieder weg.
Ich merke so einen Impuls mich zu verprügeln, mir so richtig tief weh zu tun, weil es so dumm ist zu fühlen, was ich gerade fühle. Und daneben drängt der Impuls sich einzurollen und zu warten. Sich zu absorbieren und einfach in ein Detail hineinzukriechen bis nichts und niemand mehr an mich herankommt.

Stattdessen begebe ich mich unter Menschen. Jetzt bloß nicht isoliert werden. Wenn ich jetzt noch wirklich den Faden verliere, dann wird es wirklich gefährlich. Ich weiß nicht, welche Gefahr das ist, aber ich merke sie wie sie in meinen Nacken atmet.
Und was passiert Frau Rosenblatt, wenn sie unter Menschen geht? Richtig: sie verhält sich nervig bis awkward, verärgert diese Menschen und spürt mit jedem Wort, das sie äußert, wie die Ablehnung ihrer Person näher rückt.

Und dann geht es wieder los. Dieses bescheuerte Spiel um die Gunst von Wesen die unverständlich, überreizend und unangenehm wahrgenommen werden, zur Rettung des eigenen Lebens, vor etwas, das man gar nicht benennen kann.

Und wenn ich müde davon bin und nur noch heulen will, weil ich selbst nicht weiß was los ist und was besser hätte würde wenn könnte sollte müsste, weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.

Shana tova.

wenn etwas ist

Und dann steht da die 16 jährige “darkcloud” und soll wählen, wo gar nichts zu wählen ist.
Soll frei entscheiden, obwohl sie unfrei ist und keine Entscheidung von ihr tragbar ist.
Sie soll leben. Sie soll sich nicht verletzen. Sie soll was sagen. Sie soll etwas verstehen wollen. Sie soll sich gut fühlen. Sie soll nach innen hören, ob jemand mithört.

“Ich weiß noch, dass es mich ewig beschäftigt hat, ob man das Hören der anderen hören kann. “

Der Ton ist grässlich, das Bild unscharf. Die Spannung unerträglich.
Selbst 13 Jahre später schafft sie es, sich über das Videomaterial um meine Brust zu legen und mir den Atem zu nehmen.

Während ich ausatme und ein Stoppsignal nach vorne gebe, drehe ich mich nach innen.
An den Rändern murmelt es und im Inmitten weint es.
Das Rauschen des Tons und die Spannung verleiten mich dazu, vom Innen wegzutreiben und kurz bin ich dankbar für den Fersensporn mit dem wir an dem Tag schon 20 Kilometer gelaufen sind.

Ich merke an der Seite einen Flashback und beschließe das Ende des Versuchs.
Mit Traumakonfrontation habe ich nicht gerechnet, obwohl mir schleierhaft ist, warum eigentlich nicht.

Als wir in die milde Sommerwärme hinaus treten, wähle ich eine schlichte Mustermusik und lasse S. allein in der fremden Stadt.
In den letzten Wochen habe ich verstanden, dass ich ihn nie hören werde. Er ist nonverbal und spricht mit Bildern. Wenn er kann, schreibt er.
Darauf muss man erst mal kommen.

Als wir an Wasser vorbeikommen setze ich mich ins Gras und wiege das Telefon in der Hand. Ich möchte mehrsam sein. Mich verbinden. Ich möchte mitteilen, dass es weh tut. Ich möchte Erleichterung.  Am Ende spreche ich mit einer Viele-Gemögten und wähle dann die Telefonnummer der Therapeutin.

Über uns kreist ein Vogelschwarm. Ab und an quakt eine Ente.
Und die Welt dreht sich weiter.

Niemand wusste, dass “darkcloud”, M. und die anderen, sogar auf dem Klinikgelände von Tätern angesprochen wurden. So sagt es die Therapeutin, die damals mit ihnen gesprochen hatte und die Gesprächsaufzeichnungen heute für uns zugänglich gemacht hat. “Die hatten ja alle keine Ahnung, wie gefährdet ihr noch wart.”, sagt sie und ich frage mich, ob sie Ahnung hätten haben können.
Ich glaube, wir hätten mehr äußern können, wenn wir nicht hätten frei drauflos sprechen müssen. Wir haben noch nie einfach nur Substantive benutzt oder angedeutet und uns darauf verlassen, dass die Menschen, denen wir sie übermitteln verstehen, welche Wörter darin sind. Wir kommunizieren nicht symbolisch.

Wir essen wildgepflückte Brombeeren und schauen dem Wasser beim Fließen zu. Ich lasse die gesehenen Bilder an mir vorbeiziehen und betrachte mein Mitleid. Die Personen, die versuchen zu helfen, zu versichern, zu beruhigen und das Mädchen in schwarz, das einzelne Worte nach vorn scriptet und sich Antworten abkämpft, noch während es in Todesangst und allgemeiner Desorientierung ist. Ruhig auf einem Stuhl sitzend.

Ich verstehe noch einmal mehr, warum es Helfer_innen schwer fällt anzuerkennen, dass Situationen, in denen sie ihre Arbeit so gut machen, wie sie es können, traumatisch auf die Personen wirken können, denen sie helfen wollen.
Man sieht es nicht. Es gibt keine Schreie, kein Blut, keine Zerstörung. Es gibt nur eine sich langsam zersetzende innere Konsistenz bei gleichzeitiger Anpassung.

Ich erinnere mich daran, dass irgendwann jemand sagte, M. sei tot. C und C wären jetzt an ihrer Stelle da. Leider weiß ich nicht, ob das verstanden wurde. Ob klar war, dass es einen massiven Bruch gegeben haben musste, wie er nur aufgrund von toxischem Stress zustande kommt.
Noch während wir in der Klinik waren – dann ohne Täterkontakte. Ich weiß nicht, ob das jemals irgendwie als Idee im Raum stand: “Könnten wir “die sechszehnjährige E.” mit dem, was wir implizit verlangen, so massiv überfordern, dass es für ihr Gehirn die gleichen Auswirkungen hat, wie es die Überforderungen  durch absichtliche physische und psychische Verletzung der Täter_innen hatten?”.
Wo steht der Diskurs der Fachwelt um die Frage wie freiwillig Kinder und Jugendliche eigentlich in eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung einwilligen können? Welche Definition von Konsens liegt dem zugrunde?
Wie freiwillig waren wir dort und lauschten nach einem Hören der anderen, wenn die Wahl war, zurück in ein Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen mitten in den Wallakutten zu ziehen, wo es immer wieder zu Übergriffen von Täter_innen kam oder sich das Leben zu nehmen? Ist “das kleinere Übel mit Hoffnungsschimmer”, nicht eben doch auch ein Übel?

Aus C. und C. sind später die Rosenblätter hervorgegangen. Also auch ich.
Ich mag über die eineinhalb Jahre Klinikzeit nicht sagen, sie hätten nichts gebracht.
Das stimmt nicht.
Aber wir hätten etwas anderes gebraucht.

In einem Utopia wäre die DIS-Diagnose, genau wie die Autismus-Diagnose, spätestens in der zweiten Klinik gestellt worden. Da waren wir 15 Jahre alt und hatten erst 5 Suizidversuche hinter uns.
Es hätte eine Pflegefamilie oder eine Kleinstwohngruppe gegeben, die sich mit einem 1:1 Betreuungsschlüssel um uns kümmern konnte. Wir wären auf eine integrative Gesamtschule gekommen und hätten jeden Schulabschluss machen können, den unsere Leistungsfähigkeit hergibt. Wir hätten kompetente Traumatherapie bekommen durch Therapeut_innen, die nicht an uns lernen, sondern mit uns.
In einem Utopia wäre es uns erspart geblieben von Hilfemaßnahmen auf eine Art traumatisiert zu werden, die ein spezifisches Funktionssystem für Therapie hervorbringt.

In einem Utopia hätten wir nicht jahrelang gedacht, wir wären ein schweigsames Opfer.
In einem Utopia hätte man unser Sagen gehört.

Ich stehe auf und laufe zum Bahnhof.
S. gefällt die Musik und die kleinen Wasserfontänen auf dem Vorplatz. Er deutet auf das im Sonnenlicht glitzernde Wasserspiel und lächelt selig.

Der Gedanke: “Wenn etwas ist, dann muss man sich damit auseinandersetzen.”, zieht durch mein Denken.
Ich schreibe das Inhaltsverzeichnis für unser Buch nieder.

Müll

Ich war dumm genug eine Frage danach zu stellen, wie andere Menschen mit den Auswirkungen ihrer Hochbegabung umgehen.
Stell‘ so eine Frage in dieses Internet und es dauert nicht lange bis irgendein ignorantes Arschloch um die Ecke kommt und dir einen Hammer in die Fresse kloppt auf dem steht: “Wenn du nur willst, dann kannste alles erreichen.”.
Wenn man das schon ein zwei mal im Laufe der letzten Jahre an verschiedenen Stellen erlebt hat, reagiert man nicht mehr darauf, in dem man “Fick dich” in ein Forum tippt. Man verlässt die Seite, löscht seinen Account, frisst sich an den Rand, kotzt drüber und denkt darüber nach, wozu es ein Leben gibt, das so falsch ist.

Ich hab mal was Neues versucht, weil es langweilig ist zu wissen, dass man mit seiner Annahme von Unpassenheit und Sinnlosigkeit recht hat, aber umgeben ist von Menschen, die außer reaktiver Potenzschutzideen erstmal nichts äußern (können/wollen/dürfen).
Es ist nicht die Frage, was Hochbegabung ist oder Intelligenz und auch nicht die Frage, wie man es schafft, seine Fähigkeiten so zu nutzen, dass sie passend sind. Es ist die Frage,  was und wem es nutzt, wenn man das anstrebt, umsetzt und sich auf eine Art angleichen kann, die einen befähigt im gleichen Kosmos wie andere zu leben. Sich also integriert. Fremd unter Fremden ist, aber auf dem gleichen Stück Land herummetabolisiert.

Und was, wenn man das nicht tut? Weil man es nicht kann? Weil Integration auch mit Privilegien und Fähigkeit zur Angleichung einhergeht und bestehende Definitionsmächte unangetastet lässt, was eine dumme Idee ist – sein muss, gerade dann, wenn die halbe Republik über Inklusion spricht und sich nicht mehr als *ist_in auf irgendeiner Achse bezeichnen lassen will.

Der Mensch hatte gesagt: “Man könnte fast sagen, was Ihnen ist passiert ist, könnte man auch ein psychiatrisches Verbrechen nennen”.
Während im Inmitten alles zuging, nickte ich und versuchte zu vermitteln, dass ich das weiß.  Und es immer ungesühnt bleiben wird. Aus Gründen.
Der erste psychiatrische Straftatbestand, war der erste IQ-Test, die ersten Gespräche in einer psychologischen Familienberatungsstelle um herauszufinden, ob und wenn ja, wann ich mich suizidieren würde.
Da war ich 13/14 Jahre alt und hatte mich in eine Lehrerin “verliebt”, dachte ich hätte einen Hirntumor, der meine Amnesien und Wahrnehmungsprobleme verursachen würde, war komisch, gewaltvoll, arrogant, allein und hatte keine Wörter an Menschen zu richten, die sie begreifen würden.

Es gibt Verbrechen, die entstehen, weil man Wahrheiten macht, die keine sind, weil es keine gibt.
In jedem Machtspiel gibt es Verlierer_innen. Im psychiatrischen Machtspiel braucht es sogar Verlierer_innen, weil die Rettungslogik sonst keine Basis mehr hat.
Es gibt Menschen, die halten Hochbegabungen für etwas, das positiv ist. Man folgt einer Art Rettungslogik und denkt, es ginge um ein Gutes in einem Menschen. Es ginge darum ein Potenzial zu finden, das urbar gemacht werden könnte. Warum? Weil man diesen Menschen ansonsten halt aufgeben müsste?
Wenn man sich anschaut, was heute mit Hochbegabungen verbunden wird, sieht man Kinder, die extrem spezialisiertes Wissen haben und anwenden. Schule, Universität, Leben fürs Wissen. Sie sprechen 3, 4, 5 Sprachen, können Bücher auswendig nachsprechen, sind Wirtschaftsgenies, sie lehren oder sammeln eine Auszeichnung nach der anderen.
Wer hochbegabt ist, ist nicht chronisch depressiv, misshandelt, arm, behindert, krank.  Wessen IQ die Grenze der 130 Punkte überschritten hat, ist ungenutztes und/oder ungeahnt (noch weiter) nutzbares Potenzial.

Besonderes Potenzial ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft das, womit alles gerechtfertigt wird. Alles.
Auch die Ignoranz des Leidens unter Besondersmachung und Nichtentsprechenkönnen, von all dem was noch im Leben eines Menschen sein können soll, wenn er in einem Test eine bestimmte Punktzahl erreicht hat. Auch die Ignoranz der Dynamiken von Neid unbeteiligter Dritter und Annahmen eines Stolzes, der in aller Regel gar nicht da ist.

Ich habe nach dem Ergebnis damals gedacht, ich müsse zwangsläufig gut in der Schule sein – müsse noch sehr viel mehr müssen und können als ich konnte. Ich habe mich gnadenlos überfordert und natürlich alles allein zu lösen versucht.
Erst durch mein ebenfalls hochbegabtes Geschwist habe ich gelernt, dass es verschiedene Arten von Intelligenz gibt.
Dass meine Hochbegabung nicht darin liegt Inhalte zu kopieren, abzuspulen und innerhalb des Inhaltsesystems allein anzuwenden, sondern darin, Muster in unterschiedlichsten Komplexen zu finden, mit allem was mir begegnet zu verbinden und im Kopf zu aufeinander aufbauenden Komplexen weiter zu konstruieren.
Ich gehöre zu den Konstruierer_innen und nicht zu den Wiedergeber_innen und genau deshalb ist die klassische Schule, wie auch der tradierte Universitätsbetrieb kein Ort für mich. Genau deshalb finden mich Menschen komisch – spätestens dann, wenn ich in Fahrt und in so einem Modus des “einfach Los- und  Rauslassens” bin.

Wir leben nicht in einer Welt, die alle gleichermaßen mitgestalten dürfen und deshalb auch können, wenn sie nur genug wollen.
Unsere Gesellschaft ist – um es mit den Worten von John Lennon zu sagen: ein Haufen misshandelter Kinder, die sich immer wieder an Personen abgeben, die für und über sie bestimmen.
Es interessiert niemanden, was ein Kopf kann, wenn es der Kopf von jemandem ist, der das falsche Geschlecht (Gender/*), die falsche Klassenzugehörigkeit, das falsche Alter, die falsche Hautfarbe, den falschen religiösen, kulturellen, spirituellen Hintergrund, die falschen Absichten, den falsch interpretierten Geisteszustand, den als falsch funktionierend eingestuften Körper unter sich hat.

Ich habe Angst vor meinen eigenen Schlüssen über das, was wir Menschen, wir hier in unserer Gesellschaft tun und warum wir es tun.
Es gibt keinen Moment, in dem ich aus vollster Überzeugung sagen kann: “Das wird mal für alle gut (im Sinne von befriedigend und nachhaltig lohnenswert zu leben) enden.”.
Und im Gegensatz zum gefühlten Rest der Welt ist mir das nicht egal, oder mit dummen (im Sinne von “einzig sich selbst (re-)produzierenden/stützenden”) Dingen zu überlagern. Ich kann nicht glücklich sein, weil mich dumme Dinge nicht glücklich machen können. Vor allem nicht, wenn ich das mit dieser kapitalistischen Potenzialrettungslogik verbinden soll.

Lebe ich noch, weil ich höflich bin oder, weil ich ein misshandeltes Kind bin, das sich an Personen abgegeben hat, die für und über es bestimmen, dass es noch leben soll? Oder, weil es mich dann manchmal doch fasziniert am eigenen Leib zu sehen, wie wichtig gesellschaftlicher Müll auch sein kann, um Werte stabil zu halten?

Elternmord

Wir sitzen in der Küche und neben unserem Gespräch, hopst die Nacht unterm Fenster entlang.
Der Mensch sagt: “Man könnte es auseinanderklamüsern und einen Anfang finden.”. Seine Hände bewegen sich von einander weg. Eröffnen ein symbolisches Feld in das unsere Entwicklung und unsere familiäre Interaktion hineinpassen soll.

Das Inmitten pulsiert und vielleicht weine ich am Rand des Außen, weil es so herzzerreißend ist.
So ein Wunsch, ein Interesse – so ein Moment, in dem man doch nur eine Frage hat und die doch nur beantwortet haben möchte – so ein Moment, in dem man doch nur verstehen möchte, so ein Moment ist zu zart für das, worum es geht.

“Es geht ja nicht um Schuld. Hier wird niemand gerichtet.”, so etwas sagen Psycholog_innen in jedem Elterngespräch ums krankbeklopptkaputtgespielte Kind und in meiner Familie hat das nie funktioniert. Wie soll das generell auch funktionieren, wenn Eltern – egal, ob sie ihr Kind absichtlich oder aus eigener Unerfahrenheit, Not, Ohnmacht, Impulsivität, eigenen unverarbeiteten Traumatisierungen heraus misshandeln oder nicht – sich gar nicht im Wunsch nach Verstehen auf genau der Ebene der Objektivität bewegen können.
Der Anspruch nicht in Schuld-Unschuld- Dualismen zu agieren,  blendet innere Dynamiken und den sozialen Kontext in dem Menschen leben, aus.

Gespräche ums Selbst und Sein, passieren nicht in luftleeren Räumen.
Kein Gespräch ist ohne Bezug.

Es wäre spannend, wären Menschen Objekte, deren Entwicklung man anhand von Etappen und Ereignissen systematisieren kann.
Es wäre so praktisch, dass man es er/begreifen kann, könnte man menschliche Entwicklung innerhalb von Mikrokosmen beschreiben und analysieren, wie Schimmelwachstum in einer Petrischale.
Menschen sind aber nicht so. Schon gar nicht sind Familien so. Und Misshandlungsfamilien haben, zumindest ist das meine Idee, jeweils so spezifische Dynamiken zwischen und an jeder einzelnen Interaktion, das von einer systemischen Multiplizität gesprochen werden könnte. Dass man am Ende sagen könnte: Misshandlungsfamilien sind in einer rhizomatischen Dynamiken-Dynamik verhaftet, die zu beobachten nur dann überhaupt praktisch möglich ist, wenn man selbst in ihr lebt. Doch diese Beobachtungen daraus heraus zu formulieren wäre aufgrund ebenjener Beteiligung nicht mehr möglich, weil es Teil der Dynamik ist, genau dies nicht zu tun bzw. dazu nicht befähigt zu werden.

Das ist, was Schweigegebote und die Misshandlungsfamilie als abgeschlossenen Raum im Raum im Raum schwer bewortbar macht.
Das Ende der Äußerung kann sein einen Aspekt einer Dynamik zu transportieren: “Was zu Hause passiert, bleibt zu Hause.” – also ein Schweigegebot sichtbar zu machen. Dem Beobachter von außen bleibt aber der Weg zu dieser Dynamik verborgen und die Dynamiken, die genau dieses Ende benötigen, um das Gesamtsystem (den Raum mit seinen Dimensionen) aufrecht zu erhalten.
Die Reflektion tötet am Ende die Misshandlungsfamilie bzw. bringt sie in existenzielle Gefahren.  Am Ende gibt es Abstoßung.

Und irgendwann gibt es eine Person, die mit fast 29 Jahren in ihrer Küche sitzt und überlegt, ob das Gegenüber verstehen könnte, wenn sie sagt:
“Du kannst nicht mit meiner Familie sprechen, weil ich sie ermordet habe. Ermorden musste, damit ich über sie nachdenken konnte. Damit ich meiner Therapeutin überhaupt die Fetzen meiner Erinnerungen mitzuteilen wagen kann.”.
Es ist Teil des So-tun-als-ob-Spiels, das Teil einer inneren Dynamiken-Dynamik ist, die unsichtbar blieb, weil Abstoßung ein heimlicher Akt ist.

Aussteiger_innen sollen heroische Selbstretter_innen sein, die die Gewalt an sich erkannt haben und etwas Besseres für sich  wollen.
Sie sollen selbstbestimmt sein und eine Linie ziehen – eine Entscheidung treffen und diese verteidigen.
Aussteiger_innen morden nicht. Sie gehen einfach weg und korrigieren den Blick zurück von sich aus nach vorne.

Wäre Abstoßung nicht heimlich, gäbe es noch andere Stereotypen.

Ich habe meine Eltern getötet und halte bis heute ihre Leichen in meinen Armen.
Analysiere, seziere, bedenke etwas, das diese Welt schon längst verlassen hat und mich nicht mehr braucht, um sich am Leben zu erhalten.
Das ist nicht, was in den schlauen Büchern zu Ausstieg aus gewaltvollen Kontexten steht, aber es ist auch ein Aussteigen, dass es mir ermöglicht hat nicht zu verharren und meine Therapiemöglichkeiten zu nutzen.

Es ist die Maxime: “Es ist vorbei”, es ist die Erleichterung über die Wertung des eigenen Wortes, der eigenen Er-Lebensrealität – das So-tun-als-ob-Spiels der Psychologie, das einen Raum ohne Kontext ermöglichen will, um Probleme und ihre Lösungen zu erdenken.
In Bezug auf Gewalt funktioniert das nicht, weil Gewalt immer und immer und immer selbstbestätigend ist und eben auch in einem leeren Raum existiert, allein schon in dem Umstand, dass es den Raum gibt bzw. geben muss und kann.

Wenn man Gewalt in einen Raum steckt, steckt man Schuld, Scham, Schmerz automatisch mit dazu und muss zwangsläufig reduzieren, um etwas zu sehen, dem man sich soweit widmen kann, dass man es verstehen bis begreifen kann. Doch es wird – es muss – dann unvollständig sein und am Ende unbefriedigend, sinnlos, verrauchte Energie. Das Gefühl, den eigenen zarten Wunsch nach Verstehen unter etwas schwerem, großen – überforderndem Irgendwas erschlagen zu fühlen.

Als wir eine Jugendliche waren, sahen wir dieses überfordernde Ding, über viele Psycholog_innen in Elterngesprächen rollen und bekamen immer wieder zu spüren, dass “Abgrenzung” an der Stelle bedeutet, dieses Ding auf uns abzulegen, weil es ja sowieso schon mit uns zu tun hatte.
Und als Teil der Dynamiken-Dynamik sind wir darunter nicht dekompensiert, eben, weil wir ein Teil davon waren.

Heute wirft man mir gerne vor Sackgassen-Situationen zu kreieren.
Man mag es nicht, wenn ich Dynamiken innerhalb von Dynamiken aufzeige und zeige, dass Gewalt = Gewalt ist und nichts weiter.

Man möchte gerne glauben, da gäbe es Wege und Mittel, wenn nur der Raum frei genug ist.
Man möchte gerne glauben, dass dieses Moment des Verstehenwollens als harmlos gesehen werden kann.

Und ich lasse sie ihre Vermeidungstänze machen.
Weil ich weiß, wie wichtig sie sind, um sich am Leben und Glauben zu erhalten.

Datensammeln (für einen bestimmten Zweck) ist Stalking

Habt ihr eigentlich verstanden, wie die geplante Vorratsdatenspeicherung eigentlich so funktioniert? Also was das soll und wieso und überhaupt?

Ich hab mich lange gescheut einen Artikel zu schreiben, der offensichtliche Parallelen zu Gewalt in Form des Stalkings, also dem Nachstellen einer Person, gegen ihren Willen und vornehmlich ohne, dass sie es weiß, offensichtlich macht.
Irgendwie dachte ich immer: Naja, die die das mit mir aktuell (und offenbar schon über ein Jahr lang) machen, haben halt Angst. Da gibt es die Not, vielleicht den Zwang mich zu kontrollieren, weil sie Angst davor haben, ich könnte sie (wieder) verletzen.

Außerdem weiß ich: sowohl mein Twitteraccount, als auch mein Blog – so ziemlich jede meiner Aktivitäten im Netz ist offen für alle, die es interessiert. Jede:r kann dort lesen, mit mir interagieren, sich Gedanken darüber machen, wer ich denn so bin.

Öffentlichkeit ist nicht gleichzusetzen mit einer Masse, der ich egal bin, oder die mir wohlgesonnen ist. Öffentlichkeit bedeutet erst mal nur: nicht privat, nicht versteckt, nicht still.
Es bedeutet nicht, dass es okay ist, mir auf eine Art nachzustellen, die bedeutet jedes meiner Worte, jedes Stück Content, in dem ich mich ausdrücke, zu sammeln, um sie im Fall eines “Fehlers” gegen mich zu verwenden.

Während wir in Sachen VDS oft darüber sprechen, wie beschissen es ist, dass unser Rechtsstaat seine Bürger_innen unter Generalverdacht von Straftaten jeder Art stellt, um Überwachung zu rechtfertigen und letztlich durchzusetzen, sind wir bei Stalker_innen, die das Gleiche tun und sich dabei mehr und mehr in diverse Gedanken und Vorstellungen verrennen, die unvorhersehbare Folgen haben können, erstaunlich ruhig.

Zu erklären ist dies wieder einmal mit der Gewaltkultur in der wir leben.
Entsprechend dieser Gewaltkultur stehen viele Deutsche da und sabbeln irgendwas von “Wenn man nix zu verbergen hat, ist es kein Problem” (ha ha) oder “Ja, was schreiben die Leute denn auch alles ins Internet” bzw. “Was machen die Leute denn auch außerhalb von rechtschaffender Arbeit und Freizeitspaß im eigenen Hinterhof noch irgendwas?”
Nun, lasst mich antworten: diese Menschen leben, interagieren, kommunizieren, versuchen sich weiterzuentwickeln, weniger einsam zu sein, manche arbeiten auch übers und manche ausschließlich fürs Internet.

Bei Stalking passiert das Gleiche und wird über bestehende Stereotype von zum Beispiel (cisheterosexueller) (romantischer) Liebe die gesamte Situation verklärt und fehlinterpretiert. „Stalker sind krank vor Liebe“ oder „Stalker sind durchgeknallte Fans“, heißt das dann.
Bei Personen des öffentlichen Lebens, bzw. Personen, die für die Öffentlichkeit zugänglich und sichtbar arbeiten, übersieht man daher oft Personen, die auf eine Art stalken, die nicht mit täglichen Anrufen, Auflauern in der Öffentlichkeit oder allgemeiner: Kontaktaufnahmen allgemein einhergeht.
Was am Ende dennoch gleichsam zu victim blaming (also dem Verantwortlichmachen der Person, die zum Opfer einer Gewaltausübung wurde) führt.. Das sind dann Sabbelphrasen wie: (okay Achtung jetzt kommt ein Knaller) „Wieso schreibst du denn auch ein öffentliches Blog?!“ oder „Wieso machst du denn auch dein Leben so öffentlich?!“ oder „Wieso twitterst du denn öffentlich?!“.

Ah well…
Also ja: ich werde gestalkt – immer noch und von zwar von jemandem, den ich nicht kenne. Also außerhalb des Internet. Ich kenne weder den Klarnamen, noch den Wohnort, noch sonst irgendwas, was dieser Person zu einer Struktur und Konsistenz über ihren Nicknamen in einem Forum, in dem wir gemeinsam aktiv waren, hinaus, führen könnte.
Umgekehrt ist das anders.
Für uns ist es kein Problem gewesen, sich gegenüber jemandem mehr zu öffnen, mit dem man fast täglich schreibt, weil Kommunikation und Miteinander so funktioniert. Auch übers Internet. Es gibt keinen einzigen Grund, weshalb man die Kommunikation in “Netz” und “Echt” einteilen sollte.

Und dann kam der Bruch und damit die Notwendigkeit mich zu kontrollieren.
Unter dieser Notwendigkeit wurde alles, was ich tue, schreibe, öffentlich mache zu etwas, das man sammeln und auf Verdächtigkeiten hin durchsuchen muss.

Der Generalverdacht ist im Fall von (anonymem) Nachstellen (im Netz) in der Regel der, dem Nachstellenden irgendwas zu tun.
Irgendwas wegnehmen, irgendwas kaputt machen, irgendwas unangenehm machen, irgendwas böses tun.
Keine der Informationen, die diese Person je von mir erhalten hat, reichen ihr, mich als jemanden anzuerkennen, den man beruhigt aus seinem Alltag streichen kann. Kein Wort von mir selbst – willentlich, gezielt und ausschließlich an diese Person gerichtet, hat Bestand – weil ich mindestens eine Lügnerin bin, die dieser Person irgendetwas tut. Etwas Schlimmes. Natürlich. Kennt man ja von mir.

Häufig geht es dann beim Akt des “Recherchierens” (the fuck: des stalkens!) darum, die Öffentlichkeit™ vor der bestalkten Person und “ihren Umtrieben” zu warnen, oder im Fall von Konflikten: Beweise über Beweise über “das wahre Gesicht” auffahren zu können. Bei manchen Personen geht es auch darum auf ein Moment hinarbeiten zu können, in dem sie sagen können: “HAB ICH EUCH DOCH GLEICH GESAGT.”, was dann eben auch mit Narzissmus zu tun hat bzw. mit so einem Wunsch nach Anerkennung für all die investierte “Arbeit” und “die Schläue”, sich von niemandem reinlegen zu lassen.

Kennt ihr die Entstehungsgeschichte des Begriffs “die Achse des Bösen”? Oder, um ein eurozentrisches Beispiel zu nehmen: des Ministerium für Staatssicherheit in der DDR?
Es ist das gleiche Strickmuster im Format 1: X  und immer geht es um Macht durch Kontrolle und nicht um Sicherheit durch Solidarität, Miteinander und Vertrauen. Es geht darum etwas zu sichern und zu verteidigen.

Ich denke, der Vergleich sei zu groß. Irgendwie übertrieben, weil … ta daaa: Frau Rosenblatt hat auch ihre Vorurteile, was traumatisierte Personen angeht.
Mein Verstehen der Lage von Menschen, die ihr Leben lang getreten wurden, führt mitunter dazu, dass ich grenzverletzendes Verhalten anders werte, als bei Personen, die ich nicht als Personen lese, die Gewalt erfuhren. Ich entschuldigte auch das Stalking der Person, von der ich sicher weiß, dass sie meine Texte und Tweets liest um sich in meiner Boshaftigkeit, Falschheit, Lügerei zu bestätigen, genau damit, dass sie halt kognitive Verzerrungen erlebt, weil alles in ihr auf Verteidigungsmodus ist. Weil sie, wie ich vermute, (Todes?) Angst hat.

Das Problem damit ist natürlich, dass ich mich über sie stelle – also ganz klar, es ist nicht cool jemandem abzusprechen noch ganz klar im Kopf zu sein, nur, weil si:er Dinge tut, die ganz und gar nicht danach aussehen.
Und es ist natürlich ein Problem, weil ich in das Verhalten der Person etwas hineindeute, das sie mir selbst nicht mitgeteilt hat.

Die Frage ist halt, ob diese problematische Situation gelöst werden kann, indem ich mit dieser Person spreche, wenn doch aber alles, was ich sage in ihrem Kopf als Lüge, List und Gefahr für sich selbst anzukommen scheint bzw. sie sich so verhält, als wäre dem so.
(Hint: nein diese Situation ist nicht lösbar – sie ist nur verschiebbar – siehe: Entwicklungsgeschichte des Begriff “die Achse des Bösen” und “Stasi” )

Was also jetzt?
Ich habe vorhin recherchiert, dass es in jedem fünften Fall von Stalking zu körperlicher Gewalt kommt und jede 400ste Frau* von ihrem Ex-Partner* getötet wird. Außerdem habe ich kurz nachgesehen wie viele Menschen von der Stasi und im “Krieg gegen Terror” ermordet wurden.

Dann habe ich mich erinnert, was ich damals alles in meinen Accounts und auch hier im Blog verändert hatte, nachdem die stalkende Person mir mit irgendeiner abstrusen Mischung meiner Daten und ihren Unterstellungen Angst gemacht hatte und klar war, dass keine wie auch immer geartete Reaktion von mir das klären und richtig(er) stellen kann.

Damals hatten wir noch nicht viel Reichweite hier und schrieben noch einfach so drauf los. Wir beschrieben Krisen, beschrieben, was wir in der Therapie besprechen, schrieben darüber, was wir erinnerten.
Der Blick von einer Person, die mich beim Lügen erwischen wollte, sorgte dafür, dass ich anfing zu lügen. Ich verfälsche Orte, straffe Dialoge, verändere Verläufe. Das Blog von Vielen ist weniger authentisch geworden, ich führe Blogs, die niemand lesen kann. Schweige über Dinge, über die ich früher geschrieben hätte.

“Was schreibst du auch dein Leben ins Internet – bist selber schuld, wenn Leute das lesen und sich Bullshit draus stricken” – wie oft mussten wir uns schon mit dieser Form des victim blaming auseinandersetzen?
Ich habs nicht gezählt, weil ich irgendwann anfing zu zählen, wie oft “Die Opfer müssen sich zeigen!” oder “Die Opfer müssen sichtbarer werden” in Veranstaltungen zu Gewaltprävention und Strafverfolgung von Gewalttaten gefordert wird.
Für uns ist klar, dass wir aus vielen Gründen, die wohlbemerkt nicht alle etwas damit zu tun haben, dass wir uns vor Täter_innen schützen müssen! , nicht einfach ins Fernsehen setzen oder eine Biografie schreiben. Für uns ist das Bloggen, das Twittern, das Einnehmen von virtuellem Raum die barrierenärmste Option um selbst mit dem Thema und der Auseinandersetzung damit sichtbar zu werden.

Wir sind nicht eng verbunden mit “der Betroffenenszene” bzw. der “Multiszene”. Aus Gründen, die auch mit dieser stalkenden Person und eben zunehmender Netzreichweite zu tun haben. Wo können wir uns denn wohl noch offen austauschen? Für wen sind wir denn nicht mehr das Bild, dass sie sich über das Blog oder Twitter oder auch Facebook von uns gemacht haben? Es gibt für uns keine Optionen des breiten Austauschs mehr und außerhalb existenzieller Krisen oder großer Umschwünge leben wir auch einfach irgendwie damit, wie wir früher damit gelebt haben, dass andere Menschen bestimmen, was von uns wie zu lesen ist und welche Auswirkungen das auf unsere Möglichkeiten hat.

Und dann haben wir einen Fehler begangen. Beziehungsweise: unser Kopf, in dem es nun einmal eine DIS gibt und Hals über Kopf stecken wir als Einsmensch in der Scheiße und müssen versuchen das irgendwie zu regeln.
Was gerne vergessen wird in dem Bild von uns übers Blog ist, dass wir nachwievor mit der kompletten Symptomatik einer DIS leben. Das heißt: mehrere Leben nebeneinander, mehrere innere Haltungen nebeneinander. Wir verlieren Zeit, verletzen uns massiv selbst, haben schwerwiegende psychosomatische Ausfälle und schlafen im Moment so ungefähr 3-4 Stunden am Tag. Wir leben mit Flashbacks und der Not, die man eben hat, wenn man nicht weiß, ob “echt” ist, was man erinnert.

Wir leiden. Hier schreibt ein Mensch, der wirklich und echt auch, neben ganz vielem anderen: leidet.
Egal, ob unsere Texte anderes vermuten lassen oder nicht, ist es da und es wirkt sich aus.

Irgendwann gab es eine erneute Anmeldung in dem Forum mit der stalkenden Person drin und wir haben es nicht sofort bemerkt. Es wurde ein anderer Name gewählt, einige Beiträge geschrieben und scheinbar gab es keine Schwierigkeiten. Aufgefallen ist uns das erst, als wir unsere Passwortänderungsrunden durch die Mailpostfächer machten. Wir haben versucht uns zu kümmern, haben Bescheid gegeben und uns mit der Not der Innens, die sich da angemeldet haben zu befassen versucht.

Ratet, wie das bei jemandem ankommt, der unsere verlogene Falschheit ja schon immer auf dem Schirm hatte.

Tja. Ja.
Ich habe aus diesem Fehler (oder wie ich es lieben nennen würde: dem Versuch meines Innens, sich irgendwie Unterstützung durch Austausch mit gleichermaßen Betroffenen zu holen in einer Zeit, in der es ihm sehr schlecht geht) gelernt:
– ich muss meinem Innen erneut reingeben: “Selbsthilfegruppen und – foren sind nichts für uns. Austausch mit anderen Betroffenen ist nicht für uns.”, mit allen Konsequenzen, die das hat (Isolation, Überforderung, das Gefühl mit seinen Erfahrungen und Gedanken dazu allein bleiben zu müssen, zum Beispiel)
– Menschen fühlen sich gezwungen gut zu finden, was wir hier versuchen auch für Personen zu tun, die zu Opfern von Gewalt wurden und verlangen von uns mit einer DIS zu leben, wie sie das für wahrhaft halten und was wahrhaft ist, bestimmen sie (nicht wir, obwohl es um uns geht, weil wir schlecht/falsch/böse/verlogen sind – für sie)
– die Person stalkt uns noch immer (mit allen Folgen, die so lange gepflegter Generalverdacht eben hat) [und ja the fuck nicht jede_r Stalker_in ruft täglich 20x irgendwo an – manche hocken auch einfach in einem Eierkopfaccount bei Twitter und sammeln Daten zum Zwecke der sozialen Zerstörung einer Person]

Das ist, was man persönlichen Fehlern ja auch mal zu Gute halten kann: es gibt immer etwas zu lernen, was über die Verhinderung in der Zukunft hinaus geht. Wir kriegen das nicht zu 100% sicher hin Dinge nicht zu tun, die wir uns ganz fest nicht zu tun vorgenommen haben.
Ich stehe jeden Morgen auf und widme mich dem Leben – ich denke das beweist diesen Fakt ganz gut.

Heute morgen irgendwann kam mir der Gedanke, das mein Leben ziemlich schlimm ist und merkte, wie in mir drin etwas aufatmete.
“Ja, so soll das auch sein. Du hast nichts anderes verdient.”.

Wie schlimm mein Leben tatsächlich ist, wurde mir erst damit wirklich bewusst.

 

 

P.S. Nein, gegen Stalker_innen, die öffentliche Daten lesen und sich Hirnmüll daraus basteln, kann man sich nicht wehren.
Aber es gibt
eine interessante Webseite, die sowohl allgemeine Informationen, als auch Optionen für Stalkende, wie Gestalkte aufzeigt. Das, was wir hier erfahren ist eine Form des „Cyberstalking“, die leider von ausübenden Personen mit üblicher Recherche bzw Mediennutzung verschleiert werden kann. Da bestehende Strukturen auf physikalische Handlungen ausgerichtet sind, ist klar: Ich bin der destruktiven Intension des Geistes dieser Person mehr oder weniger ausgeliefert.
.
So hoffen wir einfach, dass uns die stalkende Person weder körperlich angreift, noch tötet, weil sie meine Furchtbarkeit nicht erträgt und sie der Welt nicht länger zumuten will.

Herzensangelegenheiten #6

“Und das ist also Apparatemedizin”, denke ich, während ich meine Arme vor meinen nackten Oberkörper verschränke und warte.

“Ich bin ein Wellenbrecher”, denke ich. “Ein FlashFlashFlashwellenbrecher…”, ich lache beinahe, weil ich die Melodie von Flipper im Kopf habe. “Denn das ist ein Flää’ hääsch Flää’ hääsch ti didel di …”.

Die Krankenschwester, die mir sagte: “Machen Sie ihren Oberkörper ganz frei und legen die Sachen dorthin.”, steht mit dem Rücken zu mir und tippt in einen Computer.
“Können sie mir sagen, was jetzt gleich passiert bitte?”. Ich ärgere mich über das Bitte in dem Satz, weil – Hallo ich stehe halb nackt in einem Raum vor einer Fremden, in einem Raum mit 3 Türen, einer Liege, schwer einsehbaren Ecken und vielen Gerätschaften. Warum zum Teufel sage ich noch “Bitte”. Warum zum verdammten Mistdreckshenker muss ich darum betteln, mich orientieren und versichern zu können?

Ich denke: “Oh oh, wenn ich mich jetzt aufrege, dann verfälscht das die Werte.”. Und dann lache ich wirklich, weil ich schon seit 20 Minuten jenseits von cool bin und das auch weiß. “Scheiß auf die Werte”, denke ich.
Die Krankenschwester misst links und rechts den Blutdruck – warum ich dafür so ganz ausgezogen sein musste, verstehe ich nicht. Hinter mir brodelt es und ich zittere. Sie sagt nichts. Notiert die Werte.
Sie sagt, ich solle mich hinlegen. Ganz entspannt hinlegen. Und ich denke hochgradig ressourcengeimpft an eine Gitarre. Die ist auch immer gespannt, kann aber auch ruhig irgendwo herumstehen. “Das ist ein Fläää’ häsch Fläää’ häsch ti didel di…”

Ich weiß noch, dass ich früher immer irgendwie hart geworden bin und einfach nur hab machen lassen. N. der Wellenbrecher, der Stein in der Brandung.
Und jetzt liege ich da und auf meiner Brust saugen sich Elektroden fest. Ich lasse sie einfach machen. Lasse die Krankenschwester einfach machen. Ich bin ein Stein.
Ebenfalls sehr steinig ist die Ärztin, die in den Raum tritt. Sie schaut auf das Gerät, schaut auf die getippten Worte der Krankenschwester.
Fragt, ob ich rauchen würde. Ich hätte gern ein medizinisches Belohnungsbienchen dafür, dass wir vor inzwischen fast 3 Jahren aufgehört haben.

Sie fragt, weshalb wir da sind. “Zufallsbefund”, krächze ich.
Ich weiß, dass dieses Anamnesegespräch die einzige Chance für Patient_innen ist, sich irgendwie kurzfristig an ihre Behandler_innen zu binden. Kurz zu ermöglichen, miteinander durch die Untersuchung bzw. später auch die Behandlung zu gehen. Die ganzen Ziffern und Zahlen und Nummern und Werte schreddern uns das.
Die Ärztin fragt nur nach Zahlen und Werten, gibt Anweisungen zu atmen, während sie ihr Stethoskop auf meiner Brust umherschiebt.

Von innen kommt der Druck etwas zu sagen. Kontakt nach Außen zu machen, damit das Innen nicht so nah rückt. Ich weiß nicht mehr, welches Außen jetzt eigentlich das Richtige ist und bleibe still. Ich lasse machen und es ist egal. Wellenbrecher-N. ein Stück Fleisch unförmig, bleich, zerstört. Egal.

Ich soll mich auf die Seite legen während die Ärztin meine Lunge behorcht und dann einen Ultraschall vom Herzen macht.
Mein Herz ist schön.
Es hat kleine flatternde Klappen und bewegt sich in aller Ruhe.

“Na, die Aufregung geht jetzt langsam?”, fragt die Krankenschwester und ich würde sie gerne hauen. Wenn sie doch gemerkt hat, dass ich “aufgeregt” war, wieso zum – naja – hat sie nicht mit mir geredet?
Aber mein Herz wackelt noch immer so schön auf dem Monitor herum. Wir hören uns die Klappengeräusche an. Verfolgen den Blutfluss. Betrachten das Gewebe. Irgendwo innen lacht es, dass man das irgendwie auch Selbstberuhigung nennen könnte: das eigene Herz angucken.

Schade, dass sie nichts erzählt hat. Sie musste Zahlen aufsagen und Tasten auf dem Gerät anschlagen.
Ich denke, diese Gerätemedizin macht erstaunlich wenig Spaß, wenn die Menschen, sie nur benutzen, aber nichts von ihr haben. Also Spaß an der Nutzung oder Faszination oder so.
Ich bin hingerissen.

Und dann soll ich Fahrrad fahren und darf mich schon wieder nicht anziehen. Ich habe eine Jacke, die hätte offen bleiben können. Aber nein. Mich streift ein Kinderinnen und ich lasse es in den Wogen, die sich an mir brechen ertrinken.
Ich trete mechanisch auf eine Mechanik ein und die Untersuchungsmaschinistin aka Krankenschwester tippt auf ihren Computer ein. Die Ärztin bespricht ein Diktiergerät. Ich soll mich auf eine Zahl konzentrieren und diese halten. Die Nummer 60 und ich werden Untersuchungsbegleiter.

“Ihr Herz funktioniert gut soweit. Was sie da haben, haben viele andere auch und können gut damit leben. Es ist wie Sommersprossen. Niemand weiß woher man das bekommt und es geht nie wieder weg.”, sagt die Ärztin, als sie mir zum ersten Mal konkret gegenüber sitzt.
Auf einem Zettel, den sie mir reicht steht, was wir machen können, um unser Herz zu entlasten.

“Sie werden nicht sterben” von jemandem zu hören, steht nicht auf diesem Zettel.