Fundstücke #21

“StoppersockenStoppersockenStoppersocken”, scheppert es im Kopf von links nach rechts. “St-St-St-Stooo-hooooppäääärrrrsock -hööööönnnnnn”

“- ba tumms” – “lol”- “orr” – “hehe”

und wieder ist ein Schritt zu weit nach links geraten und beinah berührt eine Schulter die Wand des Klinikflurs.

Zuweilen sehe ich uns wie einen Schwerlasttransport mit Übergröße durch diese Flure torkeln. Mal irgendwie verpeilt, weil es ein Vogelzwitschern von draußen ins Gebäude hineingeschafft hat und mal, weil ein fremder Blick nach uns zu greifen versucht hat. Später dann tut irgendwas plötzlich weh und beim nächsten Mal ist es die Unklarheit darüber, auf welche Bodenlinie wir uns denn nun geeinigt hatten.

Im Einführungsgespräch hatte die Ärztin etwas von “einer besonderen Zeit” gesagt, welche die Behandlung in der Klinik darstellen kann und ich dachte darüber nach, ob es das für uns je war.
Beim ersten Aufenthalt waren wir Klinikatmosphäre noch sehr gewöhnt. Die Therapiezeit damals wurde erst durch die Art des Umgangs mit uns besonders.
Und heute? Im Moment denke ich spontan: “Naja – “besonders anstrengend” ist es schon.” – würde aber sagen, dass wir dabei sind zu versuchen, neue und dadurch als “besonders” zu definierende Dinge zu tun.
Hm.

Als wir uns auf den Weg zu NakNak*s sozialem Parkplatz für diesen Tag machen, merke ich einen Knick in meiner Stimme am Telefon. Das rausgewürgte Drängreden wird fest und kullert in klaren Wortportionen aus dem Mund heraus. Kommt ohne umherflatternde Nebensätze aus und endet mit einem fast geflöteten Abschiedsgruß.
Und ich komme mir vor wie der letzte Depp mit meinem halbtägigen: “Atmen, langsam, keinen Stress – wir müssen nichts sagen – ist okay – la li la – hier halten sich alle für seltsam – da fällts kaum auf, wenn man wirklich seltsam bis awkward ist … la li la”.

Noch ein paar Stunden später laufen wir neben NakNak* her und lassen uns vom Wind streicheln. Irgendwann bin ich wieder versöhnt damit, dass wir, zumindest in der Klinikzeit des Tages, so umhertorkelten. Die Sonne scheint und wir treffen eine Labradorhündin, die uns sehr gern hat und uns ihren dicken Schädel in den Bauch reibt.
Es ist wie nach Hause kommen. Aus einem fernen Land, einer fernen Zeit. Dimensionenreise von Fremd bis Fern, doch bekannt und okay.

Ich dachte darüber nach, dass wir vielleicht allen Grund haben, uns über das Wort “Stoppersocken” zu freuen und damit herumzuspielen, wie eine Katze mit einem Wollnäul. Denn eigentlich bewegen wir uns wieder in mehreren Welten gleichzeitig und das Einzige, das sie alle gemeinsam haben, sind Worte und die Notwendigkeit, dass wir sie aussprechen/ausschreiben müssen, um zu wissen und wissen zu lassen, dass es uns wahrhaftig in ihnen gibt.

Am Samstag ist die Fotoausstellung, am Sonntag feiern wir Lebenstag.
Vielleicht waren wir lange nicht so nah wie im Moment an zart neben uns aufkeimendem Stolz, neben dem Gedenken an das Verlassen einer Welt, über die wir Rosenblätter bis heute so gut wie gar nichts wissen.

mit neuen Kleidern zur Kaiserin verkleiden

Vor einigen Tagen haben wir für 2,50€ ein Paar neue rote Lederschuhe ersteigert, die nur 3 Mal getragen wurden. Solche Ersteigerungserfolge haben wir selten, aber wenn, dann sind es Hauptgewinne. Wie dieses Paar Schuhe, in denen meine Füße gerade stecken und gucken wie zufrieden schnurrende Katzen.

Es sind Schuhe, die im Laden um die 50€ kosten und damit Sabberware für uns bleiben. Gäbe es dieses Internet nicht und Menschen, die Schuhe mehr oder weniger verschenken, weil sie es können.
Wir profitieren sehr vom Verhalten dieser Menschen. Inzwischen sind in unserem Kleiderschrank nur noch die Unterwäsche und die Strumpfhosen selbst gekauft, die meisten Bücher, CDs, Filme, ein Großteil unserer Materialien für Kunst und Krempel sind uns geschenkt, gespendet, abgetreten worden.

Vor ein paar Tagen betrachtete ich uns in einem Schaufenster und dachte, wie krass es ist, dass man uns nicht mehr ansieht, wie arm wir sind. Wer Armut kennt, sieht sie natürlich doch – der zu weite Rock, die nicht mehr so leuchtenden Farben, das unvermeidbare Pilling, der locker ausgeleierte Sitz … wir sehen nicht aus wie aus dem Ei gepellt, aber nach Hartz 4-Style sehen wir seit etwa einem halben Jahr überhaupt nicht mehr aus.

Und fühlen uns auch nicht mehr so.
Es macht etwas, wenn Kleidung wolleweich ist, nicht die klassischen Kik-Schnitte hat und auch nicht so seltsam ausgewaschen ist, wie Kik-Stoffe. Es macht etwas, wenn die Füße im Winter warm und trocken bleiben und jetzt einen Übergangsschuh um sich haben können, statt direkt in die Sommertreter überzugehen. Es macht etwas mit dem Gefühl, wie man sich verbergen kann und wie genau diese Entscheidung zu sehen sein wird.

Es macht für uns absurderweise vor allem die Frage auf, ob wir jetzt noch Kleiderwünsche haben dürfen. Ob es wählerisch ist, wenn wir wählen, was wir von Kleiderspenden annehmen oder im Secondhand-Shop kaufen.
Denn einen Haken hat das seltene Secondhand-Glück dann doch: wir tragen nie, was wir auswählen würden, würden wir ganz und gar frei wählen können – wir tragen immer, was wir wählen können und tragen entsprechend wenig bis nichts im wirklich eigenen Stil.

Das ist nicht schlimm – aber ein Kompromiss, den wir selten benennen, weil wir denken, man hielte uns für anspruchsvoll, undankbar, wählerisch und würde unsere Dankbarkeit darüber überhaupt etwas geschenkt zu bekommen, dann nicht mehr wahrnehmen.

Daneben frage ich mich gerade auch, weshalb ich jetzt schrieb “das ist nicht schlimm”. Weil ein bisschen “schlimm” ist es doch.
Ich fühle mich in manchen Sachen sehr angezogen und merke in manchen Sachen auch, dass ich anziehend(er) auf andere Menschen wirke – habe aber eben doch dabei bewusst, dass ich nicht aussehe, wie ich aussehen würde, wenn ich selbst die Auswahl meiner Kleidung festlegen würde und nicht aus einer Auswahl, die andere Menschen für sich getroffen und dann für mich geöffnet haben, wählte.

Es ist ein bisschen, als würde ich mich in den für mich neuen Sachen zur Kaiserin verkleiden und einen Aspekt einer Lebensqualität erfahren, der mir eigentlich gar nicht wirklich zusteht.

Zum Beispiel haben wir neulich einen Markentrekkingrucksack im Secondhandkaufhaus gekauft, der schon seit 2 Jahren in unserer Ebaysuche war. Immer hatten wir Pech, konnten einfach nie genug bieten oder verpennten die mitten in der Nacht endende Auktion. Jetzt steht dieser supergute Rucksack, getauft auf den Namen “Erik” in unserem Schlafzimmer und macht uns ein völlig neues Erleben von Komfort möglich.
Und wir so:

Und as always, wenn irgendwas Angenehmes, Okayes, Gutes passiert, kommt da gleich wieder Angst hoch.
Angst den Gegenstand kaputt zu machen. Angst, die Option auf diese Erfahrung zu verlieren. Angst, sich an diese Erfahrung zu gewöhnen, und nie wieder die bisher gelebten Alternativen aushalten zu können (oder schlimmer noch: zu wollen). Und ja – es ist Angst und keine Furcht. Es ist genau diese kindliche Angst mit dem, was einem als “Das darfst du haben” zugewiesen wurde, nicht so umzugehen, wie es erwartet wird. Es nicht gut genug zu nutzen. Es nicht gut genug wertzuschätzen. Es nicht gut genug zu umsorgen. Sich selbst als nicht gut genug für diesen Gegenstand zu erweisen.

Vor ein paar Jahren haben wir ganz bewusst befohlen aufzuhören, uns über die Erwartung von Menschen, die uns etwas schenken, Gedanken zu machen. Wenn sie uns nicht sagen, was ihre Erwartungen sind, dann kennen wir sie nicht und erlauben uns eher uns zu trauen, mit Geschenken so umzugehen, wie wir es möchten und brauchen.
Manchmal, wenn wir einen verkleidete-Kaiserin-Moment haben, dann schaffen wir das auch.

In der Regel aber, müssen wir uns erst in den Ängsten und Gedanken tot laufen, weil es dann eben doch noch immer Menschen gibt, die uns dafür verachten, dass wir Geschenke und Unterstützungen jeder Art annehmen und es dann diese Menschen werden, vor denen wir uns schämen, minderwertig fühlen und letztlich wieder arm_selig finden.

Da geht die Frage auf, wer was wann wünschen und wählen darf. Nach welchen Kriterien oder auch: nach wessen Kriterien,  definiert sich, wer sich wann was wünschen darf und wie wertig oder teuer das sein darf?
Wenn wir uns Kleidung kaufen, geht es erst um den Preis und dann um die Eigenschaften, die man sich wünscht (weil man sie braucht), während es für manche Menschen, die auf unsere Situation schauen, diese “Sei dankbar, dass du überhaupt was kriegst”- Haltung gibt, die uns entlang der Situation von Menschen definiert, denen es “schlechter” geht.

Zum vermeintlich Mindesten, das jedem Menschen zustehen sollte, gehört nachwievor nicht, dass alle Menschen selbst und frei wählen können sollten, worin sie sich angucken lassen müssen, womit sie vor anderen Menschen auftreten und vielleicht auch Eindruck hinterlassen wollen/sollen, womit sie sich wärmen, schützen, jeden Tag umgeben sollen.

Zum vermeintlich Mindesten, das jedem Menschen zustehen sollte, gehört so auch die Option auf “als Kaiserin verkleidet sein”, aber nicht, sich selbst zu be_kleiden.

Fundstücke #20

Nächste Woche Montag ist der Aufnahmetermin in der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Gestern holte ich den dazu nötigen Krankenhauseinweisungsschein und den Bericht der psychiatrischen Station ab, in der wir vor einem halben Jahr waren.

“Ph, ein halbes Jahr”, denke ich, “dann kanns mir ja nu nicht mehr soooo schlecht gehen. Wenn ich was Ernsthaftes hätte, dann hätte ich das halbe Jahr gar nicht geschafft.”.
Das denke ich, weil das gerne so hätte. Weil mich das in meinen Gedanken um den eigenen Zustand beruhigt und in Einklang zu bringen ist mit dem Gefühl, die Einzige zu sein, die sich bewegt, was verändern will, das Okaye halten und das Nichtokaye auf zu-Okayem-Entwickelbarkeit prüfen will.

Wie schon geschrieben, gehören wir zu den Menschen, die mehr Zeug tun und schaffen, je schlechter es ihnen geht. Uns beruhigt es, wenn wir mit unseren Intrusionen und anderen unkontrollierbaren Momenten nicht ohne äußeren Rahmen sein müssen. Wenn die Welt ein Oben und Unten hat, weil es etwas gibt, das einen Anfang und ein von uns (mit) zu gestaltendes Ende hat.

Kontrolle hat aber ihren Preis. Wir wirken zuweilen lieblos, kalt, unnahbar, wenig mitschwingend, strikt intellektuell und wenn wir das im Zusammenhang mit einem Moment der Kraftlosigkeit oder einem allgemeinen “Es geht mir nicht gut” erklären, dann wirkt es unglaubwürdig oder konstruiert.
Meistens, weil wir irgendeinen uns noch nicht bekannten Kommunikationsfehler machen. Manchmal vielleicht aber auch, weil man uns mitunter einfach “böse” oder “nicht so toll, wie alle immer denken, weil…” braucht.

In den vergangenen 6 Monaten haben wir viel Zeit damit verbracht zu bemerken, was für ein schwieriger Kontakt wir sind. Wie schwer es für außenstehende Menschen sein muss, mit uns umzugehen. Wie anspruchsvoll und fremd wirken muss, was wir vertreten und formulieren.
Es gab so viele Momente, in denen wiederkehrend gleiche Schwierigkeiten ohne jeden Filter bis zu uns Rosenblätter vorgedrungen sind, dass die Lage in ihrer Quintessenz nicht als verändert im Vergleich zu vor 6 Monaten erscheint.

Das bedeutet nicht, dass wir noch immer akut suizidal sind und uns aktiv darüber Gedanken machen, unser Leben zu beenden. Aber es bedeutet, dass wir bewusst spüren und uns bewusst damit auseinandersetzen, dass eine Ursache für die Auseinandersetzung mit dem Aufhören, dem “es einfach sein lassen” und dem “einfach loslassen”, nachwievor besteht und es keine Wege gibt sie zu umgehen.

Gestern habe ich also die Sachen für die Klinik abgeholt.
Zu Hause las ich dann in dem Bericht und dachte darüber nach, wie widersinnig es ist, von Mediziner_innen und Psycholog_innen beobachtet zu werden, als wäre ich ein von gesellschaftlichem und sozialem Kontext losgelöstes Individuum, während ich selbige um Unterstützung dabei ersuche, mich in den bestehenden gesellschaftlichen und sozialen Kontexten besser und/oder anders zurecht zu finden.

Etwas später dachte ich, wie widersinnig es ist mit Menschen, die unsere Behinderungen nicht als wahrhaft und aktiv mit in den Kontakt hineinspielend anerkennen, an inklusiven Projekten zu arbeiten, über unser Sein zu reden oder sich zu wünschen, sie würden sich eventuell mit uns bewegen.

Warum machen wir nur immer wieder so widersinnigen Quatsch?
Weil wir hoffnungslos leicht reinzulegen sind. Denke ich. Weil wir alles kontrollieren können, außer die Impulse, die von dem Wunsch kommen, dass sich Dinge verändern und nicht so (unaushaltbar) schwerschwierigschlimm sind, wie jetzt.
Weil sie nicht abzutöten ist – diese beknackte scheiß Hoffnung auf Erlösung, Loslassen, atmen und okay damit sein.

Man kriegt so viel verbogen und verdreht in sich, um zurecht zu kommen, sich am Leben zu halten und irgendwie immer weiter zu machen. Mit all dem Gift, das die Gewalt in uns reingepumpt hat, kommen wir klar – leben mit einer vielleicht bis zum Ende unseres Seins toxisch strahlenden Mülldeponie unter hunderten Schichten des Könnens, Machens, Wünschens und Wollens.
Aber mit dem einen Bereich, in dem es möglich ist zu glauben, statt zu wissen, handeln wir uns immer wieder Probleme ein.

Wir arbeiten viel mit Glauben, weil wir unsere Reaktionsentscheidungen nicht auf Wissen oder dem Eindruck des Wissens fällen. Wenn Menschen mit uns sprechen, dann sagen sie uns hunderte Dinge gleichzeitig, meinen aber vielleicht nur eins oder zwei. Wir raten. Orakeln und puzzeln und zupfen dann das hervor, wovon wir glauben, dass dies die Dinge sind, die sie meinen.

Wir haben uns lange eingebildet, dass wir gut in diesem Ratespiel sind, weil wir in den gewaltvollen Kontexten unserer Lebenszeit häufig gut geraten haben und das einfach gut können mussten, um nicht in den emotionalen Reaktionen auf das Bewusstsein der eigenen absoluten Auslieferung zu ertrinken.
Inzwischen haben wir bewusst, dass wir einfach Glück hatten und keinesfalls irgendwelche besonders entwickelten Fähigkeiten, die uns special beim Überleben geholfen haben.

Gewalt überlebt man, oder nicht. So einfach ist das. So einfach, schlicht und bitterkalt ist diese Realität der Gewaltopfer und die Vergangenheit der zu Opfern gewordenen.

Nur, ob das mit dem Leben genauso ist, weiß man nicht.
Leben muss man leben, um es über_leben zu können.

Und wie genau das geht, ohne dass wir Schaden nehmen, wissen wir noch immer nicht.

Meilensteinchen

Die Onlineumfrage zur Erfassung der Erfahrungen und Wünsche komplex traumatisierter Menschen, in Bezug auf Betreuungen in unterschiedlichen Settings wurde geöffnet
Hier geht es zum Informationstext und dem Umfragelink.

Freude über den ersten Film, ganz ohne ungewollte Unschärfen, Über- oder Unterbelichtungen.
Nach gut einem Jahr üben, testen, scheitern, zweifeln… weiter üben.

Sonntag

Am 30. 4. stellen wir unsere fotografische Auseinandersetzung mit Wahrnehmungs_Fragmenten, Differenzierung, Unterbewusstsein und der Perfektion des Ist im Rahmen der “Nachtansichten” aus.

Außerdem produzierten wir die erste Episode “Viele-Sein”, aus der wir selbst etwas über uns verstanden haben.

ein anderes Problem am Märchen vom “funktional (multipel) sein”

Die Paulines schrieben einen Artikel dazu, wie schwierig es für sie ist, in ihrer inneren Zerrissenheit gesehen zu werden, wenn sie funktional wirken bzw. so eingeschätzt werden.

Für  uns gibt es diesen Konflikt in der Form nicht. Vielleicht, weil wir nie als funktional eingeschätzt werden, sondern eher als kompetent, kritisch unnahbar, wenig empfindlich. Kurz: “Total kaputt  – aber irgendwie läufts halt.”. Wie genau wir eingeschätzt werden, wissen wir aber nicht. Wir bekommen solche Rückmeldungen nicht – oder, wenn doch, dann so, dass wir sie nicht als solche wahrnehmen.  Vielleicht doch auch ein Segen, so ein Kommunikationsmurksi zu sein – wer weiß.

Anyway – das Thema “Mimimi immer bin ich so funktional – wie schlecht es mir geht, sieht niemand” taucht immer wieder mal auf und ich habe darauf immer wieder den gleichen Reaktionspfad: “Dann sag den Leuten, dass es dir schlecht geht und sei so funktional, wie du eben bist”.
Funktionalität ist für viele Viele ein Produkt ihrer Dissoziationsleistungen und nur selten ein Produkt dessen, was sie leisten, weil sie es leisten können. Manche sagen “trotz dem, wie es ihnen geht”, während wir von uns immer wieder sagen würden “weil es uns so geht, wie es uns geht”.

Wir werden produktiver, je schlechter es uns geht, weil wir uns strikter reglementieren, je schlechter es uns geht. Menschen, die nah an uns dran sind, merken das auch. Wir reden dann mehr von Tagesplänen, Essensplänen, Strukturen im Alltag und daran, wie viel Zeit wir für die soziale Interaktion mit ihnen freimachen.
Unsere Funktionalität erstreckt sich dann völlig auf den Selbsterhalt und den Erhalt der bestehenden Projekte, Vorhaben und Sozialkontakte.

Wenn es uns gut geht, dissoziieren wir häufiger die Anstrengung des Selbsterhalts und anderer Dinge und stecken mehr Kraft in den Ausbau und die Weiterentwicklung bestimmter Dinge. Eine Falle dabei: manchmal dissoziieren wir dabei auch, dass es so etwas wie ein “uns allen im Innen geht es super gut” noch gar nicht für uns gibt und provozieren damit am Ende schnell einen Bumerang, der uns in die Kniekehlen fliegt.

Unser Problem ist selten zu äußern, dass es uns nicht gut geht, wir in uns unklar sind und uns nicht stimmig mit dem Außen erleben – schwieriger ist für uns die Anerkennung unserer Art der Funktionalität. Für viele Menschen ist es keine Funktionalität sich selbst nicht umzubringen, weil eine akute Verzweiflungswelle nach der anderen von innen nach vorne rollt und man für eine Weile denkt, das würde nie wieder aufhören.  Genauso wenig, wie es zu Funktionalität gezählt wird, sich selbst auszuhalten.
Als funktional gilt man häufig für Dinge, die das Außen als innerhalb einer Funktionalität erkennbar markiert.
“Aha – die Person arbeitet und ist damit erfolgreich = die Person ist funktional”
”Aha – die Person ist in einer geschlossenen Einrichtung, weil sie sich selbst zerstört = die Person ist nicht funktional”

Neuer Kontext an der Stelle, der sich für uns aufgetan hat: “Aha – die Person hockt nicht schaukelnd in einer Ecke und zählt auf den Boden gefallene Streichhölzer mit einem Blick = hochfunktional autistisch = also eigentlich gar nicht autistisch = also eigentlich wie ich = dann kann ich ja das Gleiche von ihr abverlangen, wie ich von mir abverlangt erlebe”
im Vergleich zu: “Aha – die Person macht keine creepy Sachen wie in Kindersprache lispelnd in der U-Bahn zu sitzen oder durch einen anderen spektakulären Persönlichkeits/Innenwechsel auffällig zu wirken = sich hochfunktional dissoziierend/multipel = also eigentlich gar nicht unter Dissoziation leidend/nicht multipel = dann ist ja keine Rücksichtnahme/Mitbedenken, dieser Problematik erforderlich”

Der Punkt ist: häufig ist “funktional” zu sein als “problemfrei” zu sein internalisiert. Als “allen äußeren Ansprüchen gerecht werden zu können”.
Die Idee der Funktionalität bewegt sich folglich häufig auch reichlich nah an einem Punkt, an dem man sich aufgefordert fühlen kann, sich selbst völlig aufgeben zu müssen, um eine Entsprechungschance zu haben.

Deshalb pochen wir immer wieder darauf, dass Menschen mit uns sprechen, wenn wir gemeinsame Projekte starten oder sonst wie miteinander zu tun haben.
Wenn sie uns nicht sagen, was sie gerade können und was nicht – wenn sie uns verschweigen, was sie von uns erwarten, weil sie es von sich selbst auch erwarten – wenn sie ihre internalisierten Vorstellungen von Funktionalität auf eine Stufe mit Selbstaufgabe und maximaler Dissoziation eigener innerer Dynamiken und Konflikte stellen, dann werden wir zwangsläufig zu einem Instrument ihrer Selbstaufgabe und manchmal auch ihrer Reinszenierung von erlittener Gewalt.

Wir haben in den letzten Tagen erst wieder erfahren, wie soziotoxisch solche nicht barrierefrei kommunizierten Ideen von Fremdwahrnehmung und als notwendig eingeschätzte Funktionalitätsperformance wirken und wie wichtig es ist, sowas an sich zu reflektieren und darüber in Kontakt zu gehen.
Während wir denken, dass es wichtig ist, seine sozialen Kontakte auch dafür zu nutzen, sowas auch zu üben, um sie gut und regelmäßig weiter entwickeln zu lassen, merken wir, dass gerade Menschen, deren äußere Performance einer durch andere Instanzen definierten Funktionalität hochgradig existenziell eingestuft wird, einen Scheiß auf unseren Kontakt geben.
Anders formuliert: sie hängen die Funktionalität, die der Arbeitgeber, die Peergroup, die für diverse Dinge substanziell wichtig ist, höher als das, was wir ihnen bieten können. Ihr wisst schon – so Kleinigkeiten wie den Blick auf das Selbst, das vor eben diesem Arbeitsgeber und dieser Peergroup keinen Platz haben kann und die Anerkennung des täglichen Kampfs um Selbsterhalt und all das.

Wir glauben nicht, dass das absichtlich passiert. Soviel Gedankenfokus sind wir diesen Menschen nicht wert. Aber es passiert und wir merken, dass es häufig damit zu tun hat, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Um geglaubt und angenommen zu werden.
Wie kann das denn sein, dass jemand keine Vorwürfe macht, sondern wirklich nur sagen will, was gesagt wird? Geht ja gar nicht – MUSS eine Falle sein. MUSS eine Lüge sein. MUSS naiv und dumm sein. DARF also abgewertet und weggeschmissen werden (weil: übt man ja fleißig in der Therapie – Abgrenzung!11!!1)

Inzwischen versuchen wir, unsere Kontakte zu nach außen als funktional bezeichneten Menschen zu reduzieren bzw. auf genau dieser Ebene zu belassen: der Funktionalität, an der sie sich zumindest zweitweise gern festhalten, um sich darin zu bestärken, dass sie nicht wertlos, faul, dumm, krank, behindert und kaputt sind (,wie all jene, von denen sie sich so sehr abgrenzen müssen, vor lauter Angst, das könnte auf sie abfärben).

Und daneben versuchen wir mit unserem Selbstlob offen zu sein. Versuchen sichtbar zu machen, welche Leistungen für uns Leistungen sind und welches Funktionieren für uns Funktionalität ist.
Wir versuchen nicht nur zu sagen: “Ich bestimme selbst” – wir bestimmen und bewerten unser Wirken auch wirklich selbst.
Wie gesagt – vielleicht kriegen wir Fremdbeurteilungen einfach nicht mit, weil wir so schlecht darin sind, sowas aus dem Verhalten und unachtsamer (oder ausbleibender) Kommunikation anderer Menschen zu dekodieren und erfahren deshalb nicht die gleichen Verunsicherungsfaktoren, wie andere Menschen. Trotzdem ist ja von außen sichtbar, dass es grundsätzlich möglich ist das zu tun, ohne, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Nachwievor denke ich: Wenn man möchte, dass Dinge gesehen werden, dann muss man sie sichtbar machen. Und zwar so, dass andere Personen sie auch sehen können.

Ob das dann dazu führt, dass die Reaktion eintritt, die man sich wünscht oder für sich braucht, ist dann die nächste Frage. Auch darauf kann man sich nicht verlassen. Aber wenn man vor lauter Angst, es könnte eine falsche oder schwierig auszuhaltende Reaktion kommen, gleich die Sichtbarmachung des Problems oder einer Gesamtkonstitution ausbleiben lässt, dann ist das Problem nicht, dass Funktionalität als so viel toller gilt, sondern, dass nur die Funktionalität sichtbar gemacht wird.

der Club

Ich gründe einen Club. Einen arschlochistischen istisch-sei-Club, in dem man sich nur dazu trifft, um sich für das, was man aus der eigenen Filterblase an destruktiver Kritik einstecken muss, zu bemitleiden, zu beselfcaren und trösten. Um danach weiter an dieser scheiß anstrengenden Sache aktivisten zu können.  Oder eben auch nicht.
Oder eben auch anders.

In meiner Filterblase wird viel kritisiert und ich schätze sie dafür. Ich habe sie mir mühsam gesucht und versuche mich darin irgendwie so zu bewegen, dass ich niemanden absichtlich verletze oder wissentlich ausschließe.
Dass ich dabei scheitern kann, merke ich in der Regel erst, wenn es zu spät ist. Dann kann man nichts mehr retten oder kitten – geschweige denn besser machen, denn so heiß wie der Schmerz ist, so heiß muss das Bad sein, mit dem der Kontakt zu mir in den Rinnstein geschüttet wird.

Ich habe eine aktivistische bis heimlich kritisch denkende Blase. Alle bemühen sich auf ihre Art die Welt zu verändern und setzen sich mit ihr auseinander.
Die einen so, die anderen so.
Meistens bin ich irgendwo dazwischen und versuche eine semipermeable Membran für diese Strömungen zu sein. Alles und jedem zuhören, der meine Grenzen wahrt – stehen lassen, was wichtig ist, gehen lassen, was unwichtig geworden ist.

Ich bin keine Feministin und mir wird immer wichtiger, das zu unterstreichen. Ich bin keine Inklusionsaktivistin und es auch das zu benennen ist mir inzwischen wichtig. Ich bin systemkritisch – aber keine Systemkritikerin. Ich bin solidarisch mit Unterdrückten und Not_Leidenden und versuchte meine Privilegien bewusst für die Umsetzung eines Miteinanders im Sinne der Menschenrechte einzusetzen. Das passt gut zu Feminismus, zu Inklusionsaktivismus und anderen kritischen Bewegungen.

Doch überwiegend bin ich müde.
Obwohl ich selbst nicht auf Rosen gebettet bin, erlaube ich mir schon viel zu lange nicht mehr, mich aus dem dauernden Strom von Kritik, Gemecker und Gemotze, unverständlichen Anspielungen und zynischem Gepöbel rauszuziehen und offen zu sagen, dass ich das hier und da durchaus brauche, zu hören, dass ich nicht als Teil der notwendigerweise zu kritisierenden Lebensumgebungen wahrgenommen werde.

Sowas ist peinlich. Sollte man nicht brauchen. Sollte man “der Sache” auch mal unterordnen können.
Aber, was genau ist denn “die Sache”?

Beginnt “die Sache” denn nicht auch da, wo man einander die Köpfe einschlägt, weil man mit den Mitteln, die man jeweils hat, “nur” das schafft, was man eben schafft, so wie man es schafft?
Beginnt “die Sache” nicht auch da, wo ich merke, wie ich anfangen müsste meine Barrieren und Schwierigkeiten wie ein Erklärungsschutzschild hochzuhalten um mich hinter meinem behindert, arm und aus der Welt gefallen sein zu verstecken, in der Hoffnung, dann hört der Erwartungs- und Optimierungsdruck auf oder wird erträglicher?

Es gibt Stimmen in meiner Filterblase, die ich dafür schätze, was sie mit der Welt teilen – und vor denen ich gleichzeitig unheimlich viel Angst habe, jemals negativ sichtbar zu werden.
Es gibt Verstrickungen und Historien in den Leben der Menschen, die teils in meinem sozialen Kreis umherschwirren, in die ich von anderen mit hineingedacht werde, obwohl ich weder direkt noch indirekt jemals irgendwas damit zu tun hatte. Auch etwas, das mich an manchen Tagen und zu manchen Debatten tagelang auf Zehenspitzen durch soziale Netzwerke schleichen lässt.

Gehört das zu “der Sache”?
Wenn ja, dann brauche ich den Club noch einmal mehr, denn sowas frisst mich wirklich kaputt. Solche Geschichten fordern mir so viel Kraft ab, wie ich das von anderen Menschen bisher noch nicht so gehört habe und eine Weile dachte ich sogar, dass Teresa Bücker diesen Aspekt bei ihrem Talk zum “feminist burnout” meinte.

Viele Aktivist-innen äußern Müdigkeit. Beklagen das Beklagen und entwickeln alle ihre Strategien nicht auszubrennen oder wenigstens den Verbrennungsschmerz in sich zu ersticken. Ich bin nicht die erste und werde nicht die letzte Person sein, die ihre “Nie genug – Nie richtig – Nie perfekt aware/un-*istisch – Nie gelobt” – Gefühle in Teilen auch durch die Community entstanden verortet (und dafür natürlich wieder eins reingewürgt kriegt, weil – siehe oben).
Für mich ist da die Frage, welche Umgangsoptionen ich für mich finde. Und mir fiel ein Club ein, in dem ich auch ein zuweilen *istisches Arschloch sein darf, ohne, dass ich in allem, wofür ich mich einsetze und stark mache, in Frage gestellt werde.
Nicht weil ich ein Arschlochtumdefizit habe – einfach nur, weil ich für eine Weile von dem Druck erlöst sein will, auf gar keinen Fall, unter keinen je eintretenden Umständen, niemals je auch mal aus Versehen auch ein Arschloch sein zu dürfen.

Ich will auch Fehler machen dürfen. Ich will mich tausend Mal irren und die Chance auf eine tausendundeinste Denkmöglichkeit haben.
Nicht auf Kosten anderer Menschen – niemand muss meine Entwicklung und Fehler aushalten – schon gar nicht, wenn sie schaden! – Aber sie sollten Platz haben dürfen. Sie sollten _auch_ da sein dürfen, ohne mich zur persona non grata auf ever und ever zu machen.

Ich bin davon überzeugt, dass “die Sache” nie gelingt, wenn kein Platz dafür ist.

auf Hoch_Tour

“Ich habe keine Angst daran zu verbrennen.”, dachte ich und stemmte meine Füße gegen die Fahrradpedale.
Den Berg, auf dem das Bullergeddo steht, rauf, ohne dem Aufjaulen der Beinmuskulatur mehr als zufriedenes Nicken zu widmen.

“Ich … habe … keine …”, eine Amsel segelte vor mir flach über die Straße und landete am Rinnstein, “Angst.”.
10 Kilometer später, habe ich wirklich keine Angst mehr. Genieße den Schmerz im Oberkörper, in den Händen, in den Beinen.

Ich merke, wie wunderbar ich mir einen Schnitt von dem wummernden Pochen im Hals bis zum Bauchnabel vorstelle und untersuche die Vorstellung auf ihre Konsistenz. Als sie mir durch die Finger rinnt, rede ich auf mich ein, wie sehr ich alles im Griff habe. Meine Pläne, meine Termine, meine Aufgaben und Frei_Zeiten.
Ich sage sie mir auf und trete weiter in die Pedale.

Irgendwas am Rad quietscht und stört mich. Macht mich unruhig und schmeckt nach Kapern. Als ich den MP3-Player einschalte, vermischt sich der Geschmack mit dem, was die Musik mit sich bringt. Meine Gedanken wickeln sich die Idee, wie gut es wäre im eigenen warmen Blut zu liegen. Warm weich weit. Ein bisschen flüssig, aber eigentlich auch wie Gelee. Ein bisschen eklig, aber so warm wie ich selbst.
Zwischen meinen Schulterblättern rinnt ein Schweißtropfen herunter.

Ich biege ab und steuere direkt auf die längste und letzte Steigung der Runde zu. Hoffe, dass der dritte Gang schnell einrastet und hinter mir niemand irgendein Überholmanöver versucht.

Als ich oben bin, drückt mir der ungeschickt umher polternde Puls den Hals so eng zusammen, dass ich meine Angst wieder spüre. Ich bin zu erschöpft für eine Selbstbeschwörung. Ich lasse los und stehe da und weine und atme und denke, wie erbärmlich bescheuert das alles ist. Will meine Rasierklingen haben. Will einfach schnell alles in Ordnung bringen. Will abschneiden, was schief gelaufen ist. Will das kaputte Stück abschneiden und ein heiles nachwachsen lassen.

Steige dann aber zurück aufs Rad. Erinnere mich daran, wofür wir jeden Tag mehr und mehr Kilometer zu fahren versuchen.
Ich atme durch und fahre weiter.

Es wär so viel bescheuert erbärmlicher so zu tun, als könnten Dinge nicht auch schief gehen und trotzdem irgendwie heil weiterwachsen.

wachsen, reifen, entwickeln – #älterwerden

Wir leben in einem Körper, den es in diesem Jahr 30 Jahre lang gibt. Diesen Umstand, diese Zeit, diese Dauer einer Existenz benennt man ein bisschen, wenn man von “Alter” spricht.

“Alter”, das ist aber noch mehr. Es ist auch “wachsen”, “reifen”, “entwickeln” oder, wie wir es für uns nennen: “sein im Werden”.
Für uns ist das Altern ein hoffnungsvoller Prozess. Und das, obwohl wir uns oft über die Alten in unserem Leben und unserer Gesellschaft ärgern und wenig Hoffnung angesichts der Entscheidungen, die all die alten Männer und Frauen im langsam vergreisenden Deutschland treffen und von alten Männern (und Frauen) in der Politik durchsetzen lassen.

Ich ärgere mich darüber, dass die Alten den Jungen kein Wahlrecht zukommen lassen. Für mich ist das keine echte Demokratie, wenn nur mitbestimmen darf, wer das rechte Alter hat. Wer eine bestimmte Dauer gelebt hat. Als wäre es die Lebenszeit, die ein Mensch verbringt allein und nicht ihr Inhalt, die macht, dass ein Mensch die Entscheidungen trifft, die er treffen möchte.

Ich ärgere mich darüber, dass die Alten von den Jungen ausge.halten werden sollen. Noch während genau meine Generation irgendwo zwischen unbezahltem Praktikum und befristeten 2-Jahres-Verträgen, die Angst vor dem Alt-und-bedürftig-werden auszuhalten trainiert.

Wo ich die Alten vermisse, das ist da, wo Verantwortung für das Gestern beginnt.
Die Altnazis und Schweigemitmacher_innen, die keine Verantwortung für das Gift im Kopf ihrer Nachkommen übernehmen. Zum Beispiel.
Die Menschen, die FCKW,  Wegwerfprodukte aus Plastik und Raubbau an den natürlichen Ressourcen unseres Planeten für eine gute Idee hielten und bis heute halten.

Und manchmal vermisse ich die Alten direkt in meinem Umfeld.
Es ist kein Vermissen, dass denkt, eine alte Person sei so weise und klug. Nicht alle alten Personen sind weise und klug. Die meisten alten Personen haben einfach nur meine Fehler schon vor mir gemacht. Das ist keine Weisheit. Das ist Lebenserfahrung.
Und dafür vermisse ich die Alten in meinem Leben.
Für den lebenden Beweis, dass man Fehler überstehen und mit ihnen im Gedächtnis weiter leben kann.

Bald feiere ich den 30 sten Geburtstag eines Körpers, der sich auf eine Art entwickelt und reift, wie es mich zwischendurch immer wieder fasziniert.
An meine Schläfen glitzern die ersten hellweißblonden Haare. Unter meinen Augen entwickelt sich ein kleines, dreibeiniges, Faltendelta und wenn ich noch viel lache, in die Sonne blinzle oder den Wind in mein Gesicht kriechen lasse, dann bleibt es vielleicht auch da, wenn ich sie für immer schließe.

Viele meiner Narben sind heute kleine knubbelige Punkte und Striche und krisselige Flächen. Manche jucken, wenn der Luftdruck sich plötzlich verändert und manche fallen auf der sich langsam verändernden Hautoberfläche auch gar nicht mehr sofort auf.

Von unseren 30 Jahren, haben wir inzwischen 9 Jahre unseren Körper und seine Lebenszeit für uns. Wir wachsen und reifen inzwischen ohne die Art Überlebenszwangdrang, die unsere ersten Jahre bestimmte und wir merken, dass es etwas macht.
Ein bisschen mit unserem Begriff vom “alt sein” und ein bisschen mit unserem Begriff von “alt werden”.
Wir merken, wie unsere Nahtoderfahrungen uns schon durch die Themen “Tod”, “Vergehen” und “Verfall” geführt haben. Wir wissen, wie schnell man alt wirken kann, wenn man keine Angst vor dem Tod hat, wie die meisten Menschen ihn haben.
Wir wissen aber auch, wie schnell man alt ist, wenn man kein Kind sein darf, wie andere Kinder.

Wir hoffen auf Entwicklungsräume, in denen wir unsere weitere Lebensdauer so ausufernd erspüren dürfen, wie es geht.
Wie wir es können und wie es die Zeit unseres Lebens zulässt.
Wir sind neugierig auf dieses #älterwerden.

 

*dies ist ein Beitrag zur Blogparade #älterwerden von Frau Quadratmeter

es gibt einen Termin

In 4 Wochen ist der Aufnahmetermin in der Klinik und ich glaube, dass ich jetzt fertig mit meinem Erschrecken und Teilen meines Ärgers darüber bin.

Mein Ärger rührt daher, dass unsere Jahresplanung einen freien Mai zum bis-ans-Meer-fahren hatte und jetzt natürlich nicht mehr. Mein Ärger rührt daher, dass wir mit einer Aufnahme “Ende Februar/Anfang März” geplant hatten und Aufträge abgelehnt haben, an denen wir hätten Geld verdienen können. Um ohne Geldkummer in die Planung des freien Mai gehen zu können. Zum Beispiel.
Mein Ärger rührt daher, dass ich mich, trotz allen Wissens und aller Vorbereitung über den Umstand erschrecke, dass es jetzt einen Termin gibt.

Ich fühle mich eingesperrt in diesen Termin. Habe das Gefühl, trotz aller Möglichkeit, nicht ablehnen zu dürfen. Geschweige denn zu können. Ich kenne so viele, denen es akuter schlecht geht als uns. Weiß von so vielen, die weniger verkorkst für die Hilfe- und Heilungsindustrie sind, als wir.
Und merke wie so eine Hassenergie in mir über diesen Vergleich mit anderen Menschen hochwallt.

Die Therapeutin fragte, ob ich dort überhaupt hin will und ich weiß selbst nicht mehr, was ich ihr geantwortet hab. Jetzt, wo ich fertig mit meinen Gefühlen bin, denke ich, dass ich einfach nicht will, was ich fürchte, was alle dort in dieser Klinik, die Therapeutin, unsere Gemögten und Gemochten glauben, was ich will.
Dass ich nicht will, was ich befürchte, was ich wollen muss. Oder widerspruchslos akzeptieren.

Ich will dieses Moment nicht, das wir in der Krisenstation hatten. Wir haben so lange durchgehalten unsere psychische Dekompensation über die neue Diagnose und ihre Implikationen zu managen, dass wir nicht mal mehr für das Heilungsprogramm dieser Station noch Kraft hatten. Da war keine Kraft mehr sich vor Therapieansätzen zu schützen, die unser Vielesein ausblenden und die allgemein fragile Selbst- und Umweltwahrnehmung, die dahinter steht.
Ich konnte mich nicht dagegen wehren mehr Medikamente zu bekommen, als wirklich nötig waren. Wir konnten uns selbst nicht mehr einbringen in das, was auf der Station als Hilfsangebot gilt.

Ich war an der Entscheidung für den Antrag zur Aufnahme in der Klinik insofern beteiligt, als, dass ich unter dem Vorbehalt zustimme, dass ich die Zustimmung zurückziehe, wenn ich den Eindruck habe, dass wir uns dort behandeln lassen sollen, anstatt, dass wir die Möglichkeiten, die es dort eben so gibt, nutzen können und dort jemanden haben, der uns dabei unterstützt zu reflektieren, was jeweils dabei mit uns passiert.

Wenn man sich die Informationstexte und Behandlungsrahmen der Hilfe-und Heilungsindustriestandorte so durchliest, dann sollte man denken, meine Vorbehalte hätten keine richtige Grundlage. Überall geht es um Eigenverantwortung der Patient_innen oder auch darum, “den Kranken zu helfen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen”.
Der Punkt ist: Wir haben unser Leben schon selbst in der Hand. Wir leben schon eigenverantwortlich.
Und “krank” waren wir nie. Als “krank” müssen wir uns bezeichnen lassen, damit unser Leiden an der (Selbst- und Umwelt-Wahrnehmungs-)Qualität unseres eigenverantwortlichen Lebens nach schweren Gewalterfahrungen bis ins junge Erwachsenenleben hinein, anerkannt wird und wir um Unterstützung, die vielleicht auch Hilfe werden kann, über die gegebenen Strukturen auch gewährbar bitten können.

Ja – nein – leicht und einfach ist das alles nicht.
Leicht haben sich andere Innens das mal gemacht. Früher. Als wir 14 Jahre alt waren und wütend auf die Heilerinquisition der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die uns einfach gar nicht geholfen hat. Heute weiß ich ja, wie genau nicht einfach man Jugendliche unterstützen und schützen kann, wenn im Hintergrund organisierte Gewalt passiert.
Aber damals war das wichtig. Die waren scheiße und fertig. Böse Nichthelden! Mimimi.

Und heute – so viele tausend Grenzverletzungen durch Nichthelferheld_innen, die uns doch so gerne retten wollten oder wenigstens dabei sein wollten, wenn wir uns selbst retten, damit sie von sich sagen können, sie hätten auch einen Anteil dessen gehabt – bin ich das Innen, das alles komplizierter macht, als es ist. Angeblich.
Und natürlich, weil ich ja ein Innen bin, das in einer traumatischen Situation entstanden ist: hochgradig reaktiv und traumaperspektivisch. Zu deutsch: nicht so ganz orientiert und auf der Höhe der Zeit – also: nicht so ganz zu gebrauchen, wenn es um “vernünftige Auseinandersetzung mit diversen Themen des Hier und Jetzt” geht.
Das ist jetzt natürlich eine wilde Spekulation von mir. Weil gesagt hat mir das nie jemand. Nur gezeigt. Und zwar immer wieder. Indem man relativiert, was ich sage, oder jeden Aspekt, den ich aus einer Situation wahrnehme auf mich und meine Wahrnehmung(squalität) allein herunter individualisiert – das Problem der Situation zu genau einzig meinem Problem allein erklärt. Und damit am Ende genau mich und meine Wahrnehmung zu dem Problem macht.

Erste Klasse “kognitive Verhaltenstherapie” – “denke anders – handle anders”. Man möchte mich so gern davon überzeugen, dass Hilfe super ist, weil sie hilft – und das ja ist, was ich will. Angeblich.
Doch was ich will, habe ich in Bezug auf “Hilfe” noch nie gesagt. Ich spreche immer wieder von Unterstützung und Begleitung, von Möglichkeiten sich überhaupt erst einmal anzunähern an das, was ist, um zu prüfen, was eigentlich werden kann. Was vielleicht auch anders werden kann.

Die Annahmen und Ideen, die Menschen von meiner Idee von Unterstützung haben, poltern meistens unbesehen genau darüber hinweg. “Ja ja schon verstanden – sie wollen also aus ihrem Elend gerettet werden- alles klar – hier Ergo – hier Imagination – Einzelsitzungen zweiter Stock rechts – Mittag um 12 – Entlassung in 4 bis 6 Wochen – hier Ihre Tagesration Tavor – ruhen Sie sich jetzt mal aus – Doktor kommt gleich.”.

Und dazu kommt noch die  Kleinigkeit wegen des öffentlich selbstvertretenden Schreibens über das Leben mit DIS und dem Leben an sich, zu einer Person mit DIS, die Öffentlichkeitsarbeit macht, erklärt zu werden. Mit allen Konsequenzen, die das hat. Wie zum Beispiel der, dass wir immer wieder von vorn erklären müssen, dass wir für uns und unsere Ideen und Intensionen allein schreiben. Dass wir erklären müssen, dass wir nicht auf Du-und-Du mit den Heilungshelfer_innen der DIS-Szene sind. Dass wir schon schrieben, als noch niemand das Blog von Vielen mitlas und auch dann noch schreiben, wenn niemand mehr mitlesen möchte.
Die wenigsten Menschen wissen, was ein Blog ist, und viele, die es wissen, denken an Blogs, in denen Produkte platziert oder heilungsindustrielle Interessen weiterverarbeitet werden. Die meisten Menschen stellen sich uns wie eine geübte Selbstdarstellerin mit viel Kraft und Chuzpe für 50 Kerle vor und wir sind die, die das aushalten müssen. Egal, ob wir das können oder nicht.

Ich sehe an der Klinikaufnahme eines dieser Abgrenzungs- und Rechtfertigungsgespräche hängen, die wir in der Therapie führen müssen, wenn unsere Therapeutin einen ihrer (eher seltenen aber wenn dann) wilden “Und was bedeutet das jetzt?”-Ausfälle hat und sich völlig an uns vorbei in irgendwelchen Annahmen verfranst.
Ich will keine Kapazitäten für die Richtigstellung des äußeren Blicks auf uns freimachen müssen. Ich will, dass unsere Kraft für uns allein sein kann. Wenigstens für diesen Zeitraum in der Klinik.

Für mich gibt es nicht viel Anlass zu glauben, dass uns das wirklich gewährt wird. Ich hab nur Anlass zu Annahme, dass ich selbst auch falsche Annahmen habe, die ich überprüfen muss, bevor ich diesem Aufenthalt wirklich zustimmen kann. Immerhin sind gut 6 Jahre seit dem letzten Aufenthalt dort vergangen und wir haben viel für uns erarbeitet.

Aber, wenn sich meine Annahmen bestätigen, muss ich davon ausgehen, dass das alles zu meinem persönlichstindividuellen Privatproblem gemacht wird. Und nicht zu einem Problem, das sich nur niemand außer mir anguckt. Und entsprechend damit umgehen muss.
Egal, ob ich das kann oder nicht. Egal, ob ich das aushalte oder nicht.

Fundstücke #19

Das anstrengende Haus ist das neue Zuhause der Praxis. Weil die Praxis einmal zwei Mal umgezogen ist, musste ich noch einmal ganz von vorn anfangen mit meinem Überlegen, was ich für Erwartungen, Ideen zu und Wünsche an die Therapie habe.
Weil die Praxis in ein anstrengendes Haus gezogen ist und vor dem Umzug in einem Haus mit einem Krachmalstrom wohnte und vor dem Umzug in einem Haus mit Krachschallverstärkerdurchgang, habe ich die Therapeutin vor 2 Wochen und drei Tagen zum ersten Mal gesehen.

Das anstrengende Haus ist fast nie gleich. Deshalb ist es anstrengend. Vor zwei Wochen hatte es keine Tür. Es hatte einen Verschluss. Eine Art Deckel für den Flur mit einem Schlüsselloch und einer Linie hellblauer Pfeile, die nach rechts deuteten. Obwohl dort nur der Rand des Flurverschlusses war.
Als wir fertig waren durcheinander zu sein und den Flurverschluss als solchen verstanden hatten, schrieb jemand eine Nachricht an die Therapeutin und ich bewachte die Stelle, an der einmal eine Tür war, die manchmal von einem Kunststoffkreis und manchmal von einem Holzkeil und überwiegend nie daran gehindert wurde holzmetallscheppernd in ihren Rahmen zu knallen.
Andere vergewisserten sich, dass wir vor der richtigen Tür standen. Obwohl der Briefkasten noch der Gleiche war. Aber er hing an einer anderen Stelle. Ich kann schon verstehen, dass sie dachten, wir stünden vor dem falschen Haus.

Ich erinnerte mich an die Werkmenschen, die immer irgendwo im Haus sind und Krach und manchmal auch richtige Arbeit machen. Ich bewachte den Verschluss und spannte meinen Blick auf das Stück, wo man den Flur sähe, wenn jemand herauskäme. Sollte überhaupt jemand jemals aus dem Haus herauskommen. Man kann ja nicht hinein, wenn es keine Klinke gibt, weil nur ein Verschluss ist, wo einst eine Tür war. Mit einer Klinke, wie Türen sie haben. Und Verschlüsse nicht.

Die anderen redeten so viel durcheinander, dass es rauschte und der Körper zu zittern begann.
Da öffnete sich der Verschluss von innen und entließ einen Menschen nach draußen. Hinter ihm flatterte dünne Plastikfolie über Fliesen an der Wand. Die dünne Plastikfolie, die seit ein paar Monaten in immer neuen Knittermusterwellen über Fliesen an der Wand flattert.
Ich stieß mich vom Boden ab und sprang auf den Menschen zu, der mir auswich und so den Zugang zum Flur freimachte.

Ich war drin.
Ohne Scheppern, das sich mir in den Rücken bohrt und mich unter Bohr-Säge-Kirchenglocken-Krankenwagen-Schepper-Klirr-Knackgeräuschen im Flur ausbluten lässt, bis das Summbrummen der Praxistür mich endgültig zerreißt. Und weder ich noch das, was ich zu Erwarten überlegt begonnen habe, in die Praxis hineinkommen können.

Diesmal war ich drin. In einem stillen Flur. Und drin in der Praxis. Und da.
Und wusste nicht, was ich tun könnte. Jemand sagte, sie sei “die Therapeutin” und ich schaute und dachte und ertrank in ihren AntWorten, auf die Nachricht der anderen.
Erstickte an der Fremdheit des Moments. Verbrannte mich an dem Gedanken, dass ich nur Ideen anderer über das Optionenmonstrum “Psychotherapie” habe und nicht weiß, welche die ist, die mit “Ich habe mir die Erwartung überlegt…” beginnt. Ich verschwand in einer Optionenlücke und deckte mich mit dem Geräusch eines Kreisels auf Holz zu. Verlor die Zeit, den Raum, die anderen.

Letzte Woche schepperte der Hausflurverschluss in seinen Rahmen zurück und zerfetzte mich das Summbrummen der Praxistür hinter der die Therapeutin auf den Rest des Mich zu kam und Worte auf meine Asche schüttete. Ich hatte einen Atemzug und verbrachte ihn mit der Überlegung zu der Erwartung eines Jemand wie mich in dieser Praxis. Und zur Therapie.