vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 3

1,72m, 43 Kilo, Kleidergröße 168, so weit wie die Kluft eines durchschnittlichen Hip-Hoppers der frühen 2000er. Im richtigen Licht, im richtigen Winkel konnte ich die Blutgefäße unter meiner Haut, der größten Grenze zwischen meinem Körperinneren und seiner Mitwelt, erkennen. Meine Knochen lagen darunter, wie Steine unter Sandwehen. Nie zuvor und nie wieder nach dieser Zeit habe ich mich selbst so funktionstüchtig empfunden.
Das Hunger-High hat mich sehr selbstbewusst gemacht. Risikofreudig. Schnell. Impulsiv. Unverbindlich. Und so leicht leicht leicht. Während mein Körper ums Überleben kämpfte, indem er mich aus Energiereserven fütterte, die direkt aus meinen Muskeln und Knochen kamen, verballerte ich alles davon auf Schule, Sport und das Verstecken, Vertuschen, Vermeiden jedes Gedankens aufgrund meiner Lebensangst vor mir selbst und allen, die ich kannte. Und ich war so gut. Ich hab das so verdammt gut hingekriegt. Ich hatte alles im Griff. Alles lief. So lange ich nicht aufgehört habe. So lange ich nicht jeden Tag konsequent wirklich jede einzelne Belastungsgrenze überschritten habe.

Wenn man so unterwegs ist im Leben, dann ist nichts wirklich wichtig. Oder wertvoll. Oder von Sinn über den für sich selbst hinaus. Und ich merke heute, dass dies nicht nur eine Weiterführung des Grenzverständnisses in meiner Herkunftsfamilie war, sondern auch geformt hat, mit was für Menschen ich mich bis heute tendenziell eher umgebe.
Ich finde Leute cool, die sehen, wenn anderen etwas fehlt, und dann etwas dagegen tun wollen. Ich feiere Menschen, die sich nicht sagen lassen, was geht und was nicht, sondern ausprobieren, was durch sie oder mit ihnen oder wegen ihrer Anstrengungen geht und was nicht. Ich umgebe mich gern mit Personen, die sich vernetzen und ihre Kräfte bündeln, um Grenzen zu verschieben, die dazu führen, dass andere leiden.
Dieser Zug an mir, meine eigenen Grenzen zu ignorieren, macht mich in manchen sozialen Bezügen zur_m Aktivist_in, in anderen zur_m Freund_in. Manchmal ergibt sich durch meine Funktionsfähigkeit in diesem Modus ein Match, das viel Potenzial hat, anderen Menschen zu helfen.

Manchmal ergeben sich daraus aber auch sehr ungute Dynamiken.
Meine Therapeutin bezeichnete es als Klassiker. Die Selbstausbeutung in kleinen Vereinen und Initiativen, die viel bewegen und damit alles anders als andere machen wollen. Die Gründer_innenmentalität derer, die tragende Strukturen aus dem Nichts oder im Verbund mit Freund_innen entwickeln – die jedoch zum problematischen Diktat für alle wird, sobald Professionalisierung erforderlich ist.
In einer meiner ersten Wohngruppen war einer der Leiter so. Ich kenne ihn nur rotgesichtig, immer am Telefon, immer umgeben von einer Rauchwolke. Immer verantwortlich für alle und nie wirklich, tatsächlich präsent. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er einen Herzinfarkt hatte. 45 Jahre alt. Ein Klassiker, genau wie die Entfremdung von Familie und Gründungsfreund_innen, die dem Infarkt vorausgingen.

In anderen Betreuungsformen hatte ich es häufiger mit ausgebrannten und wieder- oder neu eingegliederten Betreuer_innen zu tun. Leute, die an ineffizienten Strukturen zerbrochen sind oder davon über Jahre hinweg runtergemahlen wurden. Alle mehr oder weniger unfähig, sich abzugrenzen, immer bereit, immer das eine Mü zu nah an mir dran. In diesen Betreuungsverhältnissen hat mein Recht auf Normalität so gut wie nie eine Rolle gespielt, weil in diesem Zusammenspiel niemand in der Lage war, die Grenzen des Üblichen, des Allgemeinen, des undramatisch Un.Angenehmen als wahrhaft, tatsächlich, sicher, stabil zu erkennen und mit sich in Bezug zu setzen als etwas, worin man auch existieren kann. Ja, im Kern ja sogar mein Ziel war.
Und weil wir uns darin so ähnlich waren, habe ich früher keinen Anlass gehabt, darüber kritisch nachzudenken. Auch das – ein Klassiker. Ganz besonders in den Hilfen für (komplex)traumatisierte und/oder psychisch erkrankte Menschen.

Erst die Kliniktherapeutin, die mich öfter behandelte, hat ein anderes Konzept von Grenzen für mich kommuniziert. Und die queerfeministische Community. Und die anarchistische. Die anti-ableistische Community behinderter Menschen. Die Soziologie. Die akademische Traumabubble. Die Therapeutin, mit der ich heute arbeite.
Erst mit diesen Menschen und Austauschkanälen kam etwas in mein Leben, das mir überhaupt mal ermöglicht hat, auch kritisch darüber nachzudenken, warum ich mich eigentlich so stark mit Sozialrebellen und Ärmel-hoch-Wir-packens-an-Leuten identifiziere. Was die Gemeinsamkeit eigentlich ist.
Und naja, siehe oben.
Leute, die für andere brennen, stehen halt in Flammen. Und statt sich zu löschen, feiern sie ihre Funktion als brennender Dornbusch, neue Grenzenmacher oder was auch immer diese Metapher noch hergeben könnte. Sie sind auf ihre Funktion und deren Wirkung aufs Außen konzentriert, wie durch ein sehr schmal zulaufendes Fernrohr. Genau wie ich vor inzwischen über 20 Jahren und in gewisser Weise auch in den ersten Jahren meines Lebens. Und manchmal, in besonders angestrengten Zeiten, auch heute noch.

Ich blicke auf meinen Funktionsstolz damals vor dem Spiegel zurück und sehe eine Person, die sich nicht bewusst darüber ist, dass sie sich umbringt, weil die Mechanik ihres Funktionierens dem der Menschen, mit denen sie die meiste Zeit verbringt, so ähnlich ist. Ich weiß heute genug über Anorexie, um sicher sagen zu können, dass es die Dysfunktion, die Krankheit, war, die mir das Gefühl gab, funktional zu sein. Und ich weiß genug über Ableismus und Frauenfeindlichkeit, um zu wissen, dass Funktionalität von Lebensqualität und -sinn zu entkoppeln, ein Gewaltakt ist, den viele Menschen internalisieren. Diese Person hatte schon statistisch gesehen unfassbar viel Glück, an diese eine Therapeutin mit einem vernünftigen, schamfreien, für den eigenen Selbsterhalt funktionellen Bezug zur Normalität, dem Mittelmaß, dem mittleren Erregungsniveau, geraten zu sein. Mit dem extra Bonus, dass sie diesen Bezug auch kommunizieren konnte.

Ich will niemals im Leben wieder dahin zurück.
Wir haben uns für das Leben entschieden und diese Entscheidung in allen Aspekten mit Grenzen oder dem Auftrag, die Grenzen zu erforschen, belegt.
Dazu gehört auch, Abstand zu Menschen einzunehmen, die uns in Bezug auf Grenzenlosigkeit und Grenzwahrnehmung allzu ähnlich sind.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

der Unterschied – #AutismAcceptanceMonth

Mein autistisches Geschwist hatte im Kindergartenalter den gleichen Kopfumfang wie ich als Grundschulkind. Damals als kurioser Befund von der Kinderärztin und als Beweis meiner Dämlichkeit von den Eltern behandelt, weiß ich heute, dass Autismus mit neuronaler Hyperkonnektivität einhergehen kann. Es werden sehr viel mehr Verbindungen hergestellt und weniger schnell wieder verworfen. [1]
Ein Biomarker ist das jedoch nicht. Eher eine weitere Theorie auf der Forschungsreise zum Ursprung von Autismus. [2]

Als erwachsene autistische Person kann ich diesem Ziel der Forschung nur wenig abgewinnen. Die Ursache von etwas zu finden, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, dient lediglich dem Erkenntnisgewinn zur Verhinderung von Wiederholung in der Zukunft. In Bezug auf autistische Menschen bedeutet dies Eugenik. Die Verhinderung von autistischem Leben.
Mich interessiert viel mehr, was autistische Menschen von nicht-autistischen Menschen unterscheidet, um mein Leben unter überwiegend nicht-autistischen Menschen gut zu gestalten. Verstehe ich mich, so denke ich, verstehe ich andere Menschen besser. Um mich zu verstehen muss ich auch mein Autistischsein verstehen.
Und was ich bisher verstanden habe ist, dass ich mich kaum im Was unterscheide, im Wie jedoch erheblich.

Ich kann sehr viel von dem, was neurotypische und nicht-autistische Menschen können. Kann mein Verhalten so gut anpassen, dass ich kaum noch ein Kriterium aus dem DSM oder den ICD erfülle und mein Innenleben so gut von mir dissoziieren, dass ich so gut wie nichts darüber sagen oder fühlen oder bewusst begreifen kann, wie mich was wann warum belastet oder behindert.
Mein maskiertes Leben ist de facto ein neurotypisch funktionierendes. Ein Modus des Was, ein Modus der Funktion durch Nachahmung, Spiegelung, Anpassung.

Mein Wie jedoch ist anders. Autistisch eben.
Der Umstand, wie ich Dinge wie Interaktion und Kommunikation, meine Orientierung in verschiedenen Kontexten herstelle, ist nicht wie bei neurotypisch entwickelten Menschen und auch nicht wie bei nicht-autistisch neurodivergenten Menschen.
Manchmal fühle ich mich sehr einsam in meinem Wie, weil es nur durch Abgrenzung sichtbar wird. Ich merke, dass meine Art der Beobachtung und Herleitung manchen Menschen sehr unheimlich ist – sie sich objektifiziert oder entmenschlicht, oft sogar persönlich abgelehnt fühlen, wenn ich mich so authentisch zeige, wie ich bin. Sobald ich mich authentisch zeige, wird die Grenze sichtbar, die ich meistens stillschweigend kompensiere, um Gefühle nicht zu verletzen, die ich selbst nie habe und in der Regel auch überhaupt erst dann nachvollziehen kann, wenn ich mich ganz verlasse.

Problematisiert wird oft nur das. Der Umstand, dass autistische Menschen oft einsam unter vielen neurotypischen Menschen sind, wenn sie sich gut maskieren und in vielen Bereichen sehr angepasst funktionieren können – oder dass autistische Menschen sehr viele (neurotypische) Menschen und ihre Kapazitäten an sich binden, wenn (weil) sie nicht gut maskieren (können) und/oder in vielen Bereichen nicht angepasst funktionieren (können).
Deshalb gibt es die Diagnose „Autismus“ – ein Substantiv, ein Ding, ein Was – und viel Expertise rund um Anpassungstrainings Therapien, aber keine allgemeine Akzeptanz des Wie von autistischen Menschen. Keinen Willen zur Ver_Bindung, keine Bereitschaft sich für andere Wege und Ansichten zum Was des Lebens und Miteinanders zu öffnen.

Für mich ist das der Unterschied zum Er_Leben nicht-autistischer Menschen.
Mein Wie wird als ein Was behandelt.

 

[1] Askham, Angie. (2021). Synaptic overgrowth, hyperconnectivity may define autism subtype. Spectrum. 10.53053/QQHB1099. 
[2] The connectivity theory of autism, explained (Link zu Spectrum News)

der Monsterzyklus

Tag 21, Woche 3 nach dem Umzug.
Es ist der 33ste Tag meines Zyklus und ich spüre das wie etwas, das von innen an jede einzelne Zellwand trommelt. Solche Monsterzyklen sind untypisch für uns geworden. In den letzten Jahren können wir unsere Regelblutung als „regelhaft“ bezeichnen und das ganz klar an Therapiefortschritten und einer dadurch allgemein verbesserten Lebenssituation festmachen.
Es ist nicht mehr normal für uns über Wochen und Monate hinweg, konstant gestresst, angespannt, beuruhigt oder vielleicht sogar (todes)verängstigt zu sein und wie super ist das, wenn es bedeutet, nicht mehr ständig mit Sorgen um eine unerwartete Schwangerschaft oder ernsthaften Erkrankungen befasst zu sein?!

Jetzt passieren viele Dinge gleichzeitig. Nichts davon ist ungewollt – außer der Stress, den es auch bedeutet. Auch Spaß, Glück, Erfolg, das freudige Verfolgen gewünschter Prozesse ist Stress. Wir verdrängen das gern. Ich ganz besonders, denn ich möchte vermeiden, vor anderen Menschen, aber vor allem mir selbst zu wirken, als wäre nie irgendwas einfach problemlos.

Die Realität aber ist die, dass wir mit einer tiefgreifenden Stressverarbeitungsstörung und einer generell nicht neurotypischen Art der Reizverarbeitung leben. Für uns ist nichts jemals einfach „problemlos“ im Sinne von „nicht beachtenswert“ oder „vernachlässigbar“. Selbst dann nicht, wenn wir so tun, als ob es doch so wäre. Wenn es eine Konstante gibt auf die ich mich in Bezug auf meine Möglichkeiten des Funktionierens verlassen kann, dann ist es der Umstand, dass meine Fresse mehr Bodenkontakt als empfehlenswert ist bekommt, wenn ich so handle, als gäbe es die Grenze zu unserem individuellen und jeden Tag etwas anderem „zu viel“ nicht.

Trotzdem wirkt in mir natürlich meine Sozialisierung. Selbst in mir, die nie die Gewalt der Anderen erlebt hat, wirken schädigende Ansprüche an mein Funktionieren. Ich erwarte von mir eine Verfügbarkeit und entsprechend auch eine Produktivität, die mein „zu viel“ konsequent ausblendet.
Eine Strategie, um mich damit zu konfrontieren ist der „braindump“. Das bloße Runterschreiben der Dinge, die ich gerade in mir und meinem Tagesgeschehen jongliere. Was mich beschäftigt und auch, was mich ängstigt oder besorgt. Diese Liste hat für mich an guten Tagen 3 bis 5 Items – seit Februar diesen Jahres umfasst diese Liste konstant 15 und mehr. Und zu welchem Zeitpunkt fällt mir das auch endlich auf? Richtig – ein halbes Jahr später, als mein Zyklus mich zu blutlüsternden Gedanken verleitet, die sonst nur Graf Dracula hat. Und das, obwohl ich mich regelmäßig damit konfrontiert habe, dass gerade alles ganz schön viel, und oft viel zu weit über „zu viel“ hinaus ist.

Es liegt übrigens auch nicht ausschließlich an der Dissoziation, dass das so ist. Die ist ja immer nur die Reaktion auf etwas. In meinem Fall die Unfähigkeit, mit den Konsequenzen von Unproduktivität, Planänderungen und Versagen umzugehen. Zum Einen sehe ich mich selbst einfach lieber als produktiv, kraftvoll und kompetent, zum Anderen bin ich mental nicht so flexibel, wie es Planänderungen oder (unerwartete) Veränderungen in der Regel erfordern. Selbst dann nicht, wenn ich mich ganz easypeasy offen special tiefenentspannt und enttraumatisert darauf einlasse. An dieser Stelle renne ich gegen eine Mauer, die gegen ganz doll wollen und super hart anstrengen immun ist. M.Eine Behinderung.

So wie meine Umwelt in der Regel mit m.einer Dysfunktionalität nicht gut umgehen kann, kann ich es auch nicht. Und genauso wie meine Umwelt auf dieses Problem reagiert, reagiere ich selbst mir gegenüber auch: Wenn ich das Eine nicht schaffe, dann muss ich das Andere schaffen. Alles ist nicht schlimm, so lange ich noch irgendwas anderes schaffe. Als Trostpreis, als Teilnehmer_innenurkunde im Alltagsfunktionieren.

Das zu wissen und zu spüren, dass mich so ein selbstverliehener Trostpreis auch tatsächlich tröstet, ist schmerzhaft für mich. Kein Wunder, dass ich das lieber dissoziiere.
Denn das Nachdenken darüber, was man anders machen könnte, wie es anders laufen sollte, wäre wieder ein Item mehr auf der Liste. Ein Ding mehr im Bereich jenseits des zu vielen.

Folgerichtig baue ich jetzt mal noch ein paar Regale zusammen, der Kühlschrank kommt heute und dann können hurra hurra endlich noch ein paar weitere Kisten geleert werden…

Fundstücke #22

Ich bin nah am Wasser gebaut. Die Klinik saugt und saugt und bis zum Ende mancher Termine weiß ich nicht, ob sie uns auch etwas gibt, außer die Reflektionsfläche der eigenen Therapieerfolge neben dem kaputt, zerschlagen, verkorkst, wild verwachsen sein, zu bieten.

Noch immer sind die Sprechprobleme im Kontakt mit den anderen Patient_innen da. Noch immer torkeln oder balancieren wir uns selbst überwiegend auf Zehenspitzen mit schwer unterdrückbaren Fuchtelbewegungen durch die Flure. Und noch immer ertragen wir Reiz-Reaktions-Schmerzen, ohne es mitzuteilen.
Das tun wir nicht, weil wir glauben, das müsse so sein oder wir hätten es nicht anders verdient, als allein mit etwas klarzukommen, das niemand mit uns teilt.
Es geht nicht anders.

Und es geht wirklich nicht anders.
Vielleicht will ich deshalb eigentlich nur noch weinen. Weil ich es so hart anders können will und brachial wie nie zuvor merke, dass es nicht (mehr?) geht, wie früher.
Einfach von einer Mitpatient_in ansprechen und vereinnahmen lassen, damit wir nicht allein sind. Einfach Gespräche mit küchenpsychologischen Inhalten, wie dem, “dass niemandem mehr aufgebürdet wird, als si_er zu tragen in der Lage ist”, aushalten. Einfach über Schreckmomente gehen. Einfach in den hellhörigen Bereichen der Klinik stehen. Inmitten von 15-20 redenden Menschen, die alle Dinge tun, nach irgendwas riechen und Massen von Wissensclustern vor uns explodieren lassen. Einfach so. Ohne NakNak*sein und trotzdem durchhalten. Aushalten. Dissen und unauffällig konform wie alle anderen therapeutisch wertvoll funktionieren.
Ich merke so krass, wie nie in den letzten 4 Jahren, dass wir “die Rosenblätter” und “die anderen Innensysteme” sind. Und eben nicht “Frau P.”, die alle eineinhalb Jahre in die Seelenwerkstatt einfährt, weil ihr Leben eine stinkende Scheißkloake ist, aus der sie ganz offensichtlich nicht ohne ein paar therapeutische Rettungskräfte rauskommt.

Wir hatten gestern und heute einen Krampfanfall, bei dem wir umgefallen sind. Kommt immer gut, wenn man die Patientin ist, die als extrem verängstigt, schüchtern oder awkward gilt, weil sie das Maul nicht aufkriegt. Nicht.
Vor allem, wenn man Angst davor hat, in irgendeiner Art und Weise aufzufallen, weil “auffallen” in einer Klinik in der Regel “auffällig sein” bedeutet, ist so ein Krampfanfall superklasse. Nicht.
Die Krönung ist: spektakuläres “die Kontrolle über sich und seinen Körper verlieren” vor Menschen, die sich überwiegend aus Gründen der Erfahrung und ihren Folgen, die Kontrolle über sich und den eigenen Körper verloren zu haben, dort befinden, wo man sich selbst befindet.

Es fällt mir schwer, nicht permanent zu denken: “Ich will mich hier niemandem antun.” oder mich darüber auseinander zu pflücken, was für eine ekelhafte Belastung, Störung, Fremdheit und Monstrosität ich bin.
Es fällt mir schwer, die aufsteigenden und durchbrechenden Klinikflashbacks abzufangen, zu reorientieren und so zu tun, als würde mich nichts belasten, außer der wortlosen Masse hinter “Therapie ist ja auch anstrengend.”.

Ich zwinge mir positives Denken ab und merke selbst, dass meine positiven Aberungenschaften überwiegend daraus bestehen, zu hoffen, dass niemand unter mir leidet, weil alle so super gut von dem Klinikprogramm profitieren und sich von mir abgrenzen können.
Oder darauf zu hoffen, dass es mir nach einem Termin vielleicht nicht besser, aber etwas gelöster und entspannter geht. Überwiegend werden diese Hoffnungen auch erfüllt, aber ob ich gelöster bin, weil ich meinen Körper nicht mehr spüre, oder entspannter bin, weil kein einziges Innen mehr hinter mir steht – das merke ich erst auf dem Weg nach Hause.
Mal an einem Fastunfall, weil ich eine Ampel bei Rot überfahren bin, mal an einem Faststurz, weil mich der Fahrtwind auf der Kleidung völlig fertig macht. Mal, weil ich mich dabei beobachte, wie ich vom Rad steige und mir einen Ast auf den Rücken schlage, wie ein Flagellant.
Dass ich entspannter und gelöster bin, weil etwas wirklich gut getan hat, merke ich im Moment am stärksten nach dem Qigong üben. Weil wir nach den Terminen genug Kopf für “das-muss-ich-heute-noch-erledigen” und “wir-werden-es-uns-jetzt-gemütlich-machen” haben, das wir brauchen.

Thematisch haben wir genau 5% arbeiten können.
Wüssten aber auch gerade nicht, wo das möglich wäre. Vielleicht in der Kunsttherapie. Da haben wir – falls wir 6 Wochen dort sind, wie geplant – noch 3 Termine á 1,5 Stunden. Wie gesagt, falls wir die 6 Wochen da sind, auf die wir uns eingestellt haben. Und – jetzt muss ich fast lachen unter all dem Geheule – falls man in der Kunsttherapie überhaupt thematisch arbeiten darf. Vielleicht darf man nur in der Gesprächstherapie an Themen arbeiten und in allen anderen Terminen nur an Ressourcen? Wer weiß?! Ich weiß es nicht, denn irgendwie scheinen alle zu glauben, wir wüssten, was wir wo wie wann dürfen oder nicht dürfen, sollen, müssen, können, oder eben nicht und sagen uns entsprechend genau nichts darüber, was wir wo wie wann dürfen oder nicht dürfen, sollen, müssen, können, oder eben nicht.

Wir rechnen damit, dass wir morgen rausgeschmissen werden.
Weil man uns nicht helfen kann und zu dem Schluss gekommen ist, dass wir nicht profitieren.
Vielleicht, weil wir ein böses Mädchen sind, vielleicht aber auch, weil man halt nicht allen helfen kann, die Hilfe wollen. Brauchen.
Solche Fälle gibts.
Man gibt sie nur nicht gern zu.

Wir rechnen damit, weil wir katastophisieren. Kann auch sein, dass wir morgen nur deshalb schon wieder ein Gespräch mit der Einzeltherapeutin und der Oberärztin haben, weil man zu einem Schluss gekommen ist, der in meinem Kopf derzeit überhaupt nicht denkbar ist.

Letztlich, weil sich eine Schleife seit nun fast 3 Wochen durchgehend dreht und nicht beruhigt.
“Kann man mir nicht helfen? Ist alles umsonst (gewesen)? Hätte ich doch besser sterben sollen? Hätte ich all das Leiden unter mir, dem Leben und der Welt um 15 Jahre abkürzen können, weil es doch nichts gibt, was macht, dass es endlich aufhört?”

Ich weiß, dass diese Schleife veraltet und reflexiv ist. Ich weiß aber auch, dass diese Schleife ein 14 jähriges Mädchen ist, das von niemandem im Außen hört, wie weit der Begriff “Hilfe” und wie eng verknüpft er mit “Entwicklung” und “Hoffnung” ist, weil man denkt, dass die Frau Rosenblatt das doch schon längst weiß.

Bei der ganzen Therapieerfahrung und dem Intellekt.

ein anderes Problem am Märchen vom “funktional (multipel) sein”

Die Paulines schrieben einen Artikel dazu, wie schwierig es für sie ist, in ihrer inneren Zerrissenheit gesehen zu werden, wenn sie funktional wirken bzw. so eingeschätzt werden.

Für  uns gibt es diesen Konflikt in der Form nicht. Vielleicht, weil wir nie als funktional eingeschätzt werden, sondern eher als kompetent, kritisch unnahbar, wenig empfindlich. Kurz: “Total kaputt  – aber irgendwie läufts halt.”. Wie genau wir eingeschätzt werden, wissen wir aber nicht. Wir bekommen solche Rückmeldungen nicht – oder, wenn doch, dann so, dass wir sie nicht als solche wahrnehmen.  Vielleicht doch auch ein Segen, so ein Kommunikationsmurksi zu sein – wer weiß.

Anyway – das Thema “Mimimi immer bin ich so funktional – wie schlecht es mir geht, sieht niemand” taucht immer wieder mal auf und ich habe darauf immer wieder den gleichen Reaktionspfad: “Dann sag den Leuten, dass es dir schlecht geht und sei so funktional, wie du eben bist”.
Funktionalität ist für viele Viele ein Produkt ihrer Dissoziationsleistungen und nur selten ein Produkt dessen, was sie leisten, weil sie es leisten können. Manche sagen “trotz dem, wie es ihnen geht”, während wir von uns immer wieder sagen würden “weil es uns so geht, wie es uns geht”.

Wir werden produktiver, je schlechter es uns geht, weil wir uns strikter reglementieren, je schlechter es uns geht. Menschen, die nah an uns dran sind, merken das auch. Wir reden dann mehr von Tagesplänen, Essensplänen, Strukturen im Alltag und daran, wie viel Zeit wir für die soziale Interaktion mit ihnen freimachen.
Unsere Funktionalität erstreckt sich dann völlig auf den Selbsterhalt und den Erhalt der bestehenden Projekte, Vorhaben und Sozialkontakte.

Wenn es uns gut geht, dissoziieren wir häufiger die Anstrengung des Selbsterhalts und anderer Dinge und stecken mehr Kraft in den Ausbau und die Weiterentwicklung bestimmter Dinge. Eine Falle dabei: manchmal dissoziieren wir dabei auch, dass es so etwas wie ein “uns allen im Innen geht es super gut” noch gar nicht für uns gibt und provozieren damit am Ende schnell einen Bumerang, der uns in die Kniekehlen fliegt.

Unser Problem ist selten zu äußern, dass es uns nicht gut geht, wir in uns unklar sind und uns nicht stimmig mit dem Außen erleben – schwieriger ist für uns die Anerkennung unserer Art der Funktionalität. Für viele Menschen ist es keine Funktionalität sich selbst nicht umzubringen, weil eine akute Verzweiflungswelle nach der anderen von innen nach vorne rollt und man für eine Weile denkt, das würde nie wieder aufhören.  Genauso wenig, wie es zu Funktionalität gezählt wird, sich selbst auszuhalten.
Als funktional gilt man häufig für Dinge, die das Außen als innerhalb einer Funktionalität erkennbar markiert.
“Aha – die Person arbeitet und ist damit erfolgreich = die Person ist funktional”
”Aha – die Person ist in einer geschlossenen Einrichtung, weil sie sich selbst zerstört = die Person ist nicht funktional”

Neuer Kontext an der Stelle, der sich für uns aufgetan hat: “Aha – die Person hockt nicht schaukelnd in einer Ecke und zählt auf den Boden gefallene Streichhölzer mit einem Blick = hochfunktional autistisch = also eigentlich gar nicht autistisch = also eigentlich wie ich = dann kann ich ja das Gleiche von ihr abverlangen, wie ich von mir abverlangt erlebe”
im Vergleich zu: “Aha – die Person macht keine creepy Sachen wie in Kindersprache lispelnd in der U-Bahn zu sitzen oder durch einen anderen spektakulären Persönlichkeits/Innenwechsel auffällig zu wirken = sich hochfunktional dissoziierend/multipel = also eigentlich gar nicht unter Dissoziation leidend/nicht multipel = dann ist ja keine Rücksichtnahme/Mitbedenken, dieser Problematik erforderlich”

Der Punkt ist: häufig ist “funktional” zu sein als “problemfrei” zu sein internalisiert. Als “allen äußeren Ansprüchen gerecht werden zu können”.
Die Idee der Funktionalität bewegt sich folglich häufig auch reichlich nah an einem Punkt, an dem man sich aufgefordert fühlen kann, sich selbst völlig aufgeben zu müssen, um eine Entsprechungschance zu haben.

Deshalb pochen wir immer wieder darauf, dass Menschen mit uns sprechen, wenn wir gemeinsame Projekte starten oder sonst wie miteinander zu tun haben.
Wenn sie uns nicht sagen, was sie gerade können und was nicht – wenn sie uns verschweigen, was sie von uns erwarten, weil sie es von sich selbst auch erwarten – wenn sie ihre internalisierten Vorstellungen von Funktionalität auf eine Stufe mit Selbstaufgabe und maximaler Dissoziation eigener innerer Dynamiken und Konflikte stellen, dann werden wir zwangsläufig zu einem Instrument ihrer Selbstaufgabe und manchmal auch ihrer Reinszenierung von erlittener Gewalt.

Wir haben in den letzten Tagen erst wieder erfahren, wie soziotoxisch solche nicht barrierefrei kommunizierten Ideen von Fremdwahrnehmung und als notwendig eingeschätzte Funktionalitätsperformance wirken und wie wichtig es ist, sowas an sich zu reflektieren und darüber in Kontakt zu gehen.
Während wir denken, dass es wichtig ist, seine sozialen Kontakte auch dafür zu nutzen, sowas auch zu üben, um sie gut und regelmäßig weiter entwickeln zu lassen, merken wir, dass gerade Menschen, deren äußere Performance einer durch andere Instanzen definierten Funktionalität hochgradig existenziell eingestuft wird, einen Scheiß auf unseren Kontakt geben.
Anders formuliert: sie hängen die Funktionalität, die der Arbeitgeber, die Peergroup, die für diverse Dinge substanziell wichtig ist, höher als das, was wir ihnen bieten können. Ihr wisst schon – so Kleinigkeiten wie den Blick auf das Selbst, das vor eben diesem Arbeitsgeber und dieser Peergroup keinen Platz haben kann und die Anerkennung des täglichen Kampfs um Selbsterhalt und all das.

Wir glauben nicht, dass das absichtlich passiert. Soviel Gedankenfokus sind wir diesen Menschen nicht wert. Aber es passiert und wir merken, dass es häufig damit zu tun hat, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Um geglaubt und angenommen zu werden.
Wie kann das denn sein, dass jemand keine Vorwürfe macht, sondern wirklich nur sagen will, was gesagt wird? Geht ja gar nicht – MUSS eine Falle sein. MUSS eine Lüge sein. MUSS naiv und dumm sein. DARF also abgewertet und weggeschmissen werden (weil: übt man ja fleißig in der Therapie – Abgrenzung!11!!1)

Inzwischen versuchen wir, unsere Kontakte zu nach außen als funktional bezeichneten Menschen zu reduzieren bzw. auf genau dieser Ebene zu belassen: der Funktionalität, an der sie sich zumindest zweitweise gern festhalten, um sich darin zu bestärken, dass sie nicht wertlos, faul, dumm, krank, behindert und kaputt sind (,wie all jene, von denen sie sich so sehr abgrenzen müssen, vor lauter Angst, das könnte auf sie abfärben).

Und daneben versuchen wir mit unserem Selbstlob offen zu sein. Versuchen sichtbar zu machen, welche Leistungen für uns Leistungen sind und welches Funktionieren für uns Funktionalität ist.
Wir versuchen nicht nur zu sagen: “Ich bestimme selbst” – wir bestimmen und bewerten unser Wirken auch wirklich selbst.
Wie gesagt – vielleicht kriegen wir Fremdbeurteilungen einfach nicht mit, weil wir so schlecht darin sind, sowas aus dem Verhalten und unachtsamer (oder ausbleibender) Kommunikation anderer Menschen zu dekodieren und erfahren deshalb nicht die gleichen Verunsicherungsfaktoren, wie andere Menschen. Trotzdem ist ja von außen sichtbar, dass es grundsätzlich möglich ist das zu tun, ohne, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Nachwievor denke ich: Wenn man möchte, dass Dinge gesehen werden, dann muss man sie sichtbar machen. Und zwar so, dass andere Personen sie auch sehen können.

Ob das dann dazu führt, dass die Reaktion eintritt, die man sich wünscht oder für sich braucht, ist dann die nächste Frage. Auch darauf kann man sich nicht verlassen. Aber wenn man vor lauter Angst, es könnte eine falsche oder schwierig auszuhaltende Reaktion kommen, gleich die Sichtbarmachung des Problems oder einer Gesamtkonstitution ausbleiben lässt, dann ist das Problem nicht, dass Funktionalität als so viel toller gilt, sondern, dass nur die Funktionalität sichtbar gemacht wird.