Eisnacht

imEis“Wieso war mir das jetzt so wichtig nicht alleine nach Hause zu gehen?”, grimme ich mich selbst an.
Aus meinem Handy krümeln die Worte der Gemögten und legen eine Spur von dem Park, in dem ich meine Füße im Ententeich wiedergefunden habe, bis zu mir.

Ihr Mitleid ekelt mich fremd. Ich finde sie peinlich in ihrem Bemühen um uns. Die Angst tritt von innen gegen meine Haut und ich merke an mir, dass ich nicht nur einen Weg nach Hause suche, der die 3 Kilometer abkürzt, sondern mir auch ein Ausweg aus dieser Not.lage ist.
Wäre mein Mund nicht so verklebt würde ich schreien, glaube ich. Einfach nur so. Ohne Wörter.

Sie spricht von Wohnung umstellen, von Türen verschließen, von Zetteln an der Wohnungstür.

“Wenn ich jetzt so ein Loch unter der Nase hätte, dann könnte ich schreien.”, denke ich und ziehe meine durchnässten Hausschuhe aus. “Meine Schreie würden in den Ästen hängen bleiben und es würde aussehen, wie Laubgeister.”.
Sie fragt, ob ich noch da bin. Ich nicke. Sie schubst ihre Stimme noch eine Oktave höher. “Bist du noch da?!”.

Ich schnipse vors Handy. Denke an diese App mit der man einander beim Telefonieren sehen kann.
Sie hat schon wieder vergessen, dass ich keine Lautsprache kann. Sie vergisst ständig, dass ich Text brauche.

“Wieso werde ich ständig vergessen?”, denke ich und halte es für den besten ersten Schrei von mir.

Auf dem Gehweg vor dem Haus liegt der Schlüsselbund.
“Wie bescheuert kann man sein?”, knirsche ich hinter mich und nehme das kalte Metall in die Hand. Die Füße der Legosuperwoman streifen meine Handwurzel.

Die Gemögte will weiter reden. “Ich kann euch doch jetzt nicht allein lassen!”.
“Wenn ich jetzt losschreien würde, dann würde ich die Wohnung damit vergiften.”, denke ich und öffne die Tür, hinter der NakNak* wartet.

“Ich bin nicht mehr allein”, sagt die andere und legt ihr verfrorenes Vogelherz auf die Heizung.
Es ist 5 Uhr 37, als es aufhört weh zu tun und 7 Uhr 3, als ich ins Handy tippe:
„Es ist niemand „weggelaufen“.
Wer „wegläuft“ nimmt sein Handy nicht mit und schließt auch nicht die Tür hinter sich ab.“

Ich tippe auf „senden“ und ziehe die Decke etwas höher.
„Ich wäre gern mein eigener Schrei“, denke ich und schaue dem Tag beim heller werden zu.

 

reclaim the NEIN

Mein am häufigsten genutztes Wort ist: “Nein”
Nein, ich kaufe dies nicht. Nein, ich mache das nicht. Nein, ich kann dies nicht planen und nein, dies kann ich auch nicht tun. Nein, ich darf dieses Angebot nicht annehmen und nein, Widerspruch gegen diesen Zwang einzulegen, geht auch nicht.
Ich sage so oft “Nein”, dass es schwierig ist, mir etwas zu verkaufen. Auch dann, wenn ich es mir leisten könnte. Ich sage so oft “Nein”, dass mir meine Optionen auch mal “Ja” zu sagen oft, viel zu oft, aus dem Blick geraten.

Ich bin trotzdem ganz glücklich mit all den Neins in meinem Leben.
Nicht alle wurden mir vom Hartz 4 aufgedrückt, oder kommen mit dem Zwang sich als ehemaliges Opfer organisierter Gewalt selbst schützen zu müssen, weil es sonst niemand tut.
Viele meiner Neins kommen aus Entscheidungen, die mir allein dienen.

Das Nein zu den einfachen Zuckern. Das Nein zu Lebensmitteln, die nicht koscher sind. Das Nein zu Hosen. Das Nein zu Settings, die hetero und cissexistische Normen stützen. Das Nein zu Lebensmitteln aus Übersee. Das Nein zu Atomstrom. Das Nein zum Entertainment im Fernsehen. Das Nein zu bestimmten Zeitungen. Das Nein zu bestimmten politischen und inneren Haltungen. Das Nein zum Ausverkauf meiner Lebensgeschichte. Das Nein zu Gewalt. Das Nein zur Ignoranz.

Niemand außer mir hat akut etwas von diesen Neins und mir gefällt das.
Es gefällt mir, weil es etwas ist, das ich neben allen Zwängen eben doch noch habe. Und sei es als letztes Stück Selbstbestimmung.

Mein so starkes Nein, wird vom Kapitalismus zum “Bitte überzeug mich” gemacht.
Erst hieß es, das Ziel des Kapitalismus sei es, eine Struktur zu erschaffen, die jedes Bedürfnis und Wünschen erfüllt. Heute geht es darum Bedürfnisse einzureden und Wünsche zu wecken, damit die Struktur wachsen kann.
Und wer nicht mitmacht ist doof.
Nicht etwa arm oder ein Mensch, der sich schlicht für ein Nein entschieden hat.

Ich hatte ausgerechnet jetzt im Januar, wo ich mit 54€ zurechtkommen musste, gleich 3 Mal Außendienstlerbesuch von Unitymedia.
Seit ich hier wohne, habe ich insgesamt 9 verschiedene Typen* vor der Tür stehen gehabt. Allesamt unangekündigt und nicht in der Lage, mein Nein als gegeben zu akzeptieren.
Weder mein “Nein, ich möchte nicht mit Ihnen reden.”, noch mein “Nein, ich möchte nichts kaufen.”, noch mein “Nein, ich möchte keine Informationen.”, noch mein “Nein, ich möchte auch in Zukunft keine Besuche.”.

In diesem Fall ist es auch sehr klar mein als (cis)weiblich gelesen worden sein – Nein, das hier übergangen wird.
Mein Nachbar unter mir, wird ganz anders angesprochen. Ihm werden keine NLP-Fangfragen gestellt, sondern direkt Zahlen an den Kopf geworfen, die ihm vorgaukeln sollen, er würde eine echte Entscheidung treffen. Er hört nicht, dass er ja dumm ist, die (vom Mietvertrag aufgezwungenen) Grundgebühren für den Kabelanschluss zu zahlen, aber das wundergute 30€ Extradings nicht zu kaufen. Mein Nachbar kriegt einfach die Informationsbroschüren in die Hand gedrückt (was ganz klar auch eine Missachtung des Neins, meines Nachbarn ist) und wird dann mit der Entscheidung betraut. Allein.

Ich habe gerade heute gezählt, wie oft ich “Nein” gesagt habe und wie oft ich in meinen Sätzen, auch ohne das Wort “Nein” zu sagen, verneinte. Es waren 4 Neins und 2 Verneinungen. In weniger als 5 Minuten.
Jeder Pick Up Artist würde sich bei so einem Verlauf abwenden und mich auf der Fickbarkeitsskala auf eine -100 runtersetzen. “Misandrie- ganz klar.”
Die Außendienstler von Unitymedia schieben mich auf ihrer Kundenliste einfach eine Seite weiter. “Nächstes Mal. Irgendwann sagen sie alle Ja.”

Ich nicht. Ich bin kein Kunde. Ich bin eine Kundin.
Ich bin eine Frau*, die mit Hartz 4 lebt.
Ich bin eine Person, die merkt, wann sie be-NLP-t wird.
Und ich bin geübt in Konsum-Neins und fühle mich damit nicht eingeschränkt oder benachteiligt, sondern oft auch sehr zufrieden.
Dabei bin ich nicht mal Hipster. Armut ist derzeit ja ziemlich chic und Verzicht das Geilste, was geht.

Ich mag meine aktiven und bewussten Neins.
Mir geht es dabei nicht darum eine oppositionelle Haltung einzunehmen oder mich abzugrenzen. Die Abgrenzung passiert als Folge meiner Entscheidung, nicht, weil das mein Ziel ist.

Was mich erschreckt und weshalb ich am Ende überhaupt zu dem Gedanken “reclaim the NEIN” kam, ist die völlige Legitimation, die die Gewalt im Rahmen der „Kundenbetreuung/bindung/akquise” zu Gunsten solcher Unternehmen erfährt. Gegen PUA(ersche) wird demonstriert, weil sie am weiblichen Nein herummanipulieren und Gewalt gegen bzw an Frauen in einer organisierten Form ausüben.
Wenn Verkäufer_Innen das tun, passiert nichts. So sind Verkäufer_Innen nun einmal. Der beste Verkäufer, wird noch Kühlschränke an Eskimos los – Hui!
– der geilste Stecher kriegt noch die monogamste Eins auf der Skala – Pfui!

Eklig, hm?
Ja, hab ich heute auch gedacht.

Am 14. Februar ist wieder One Billion Rising. Eine Veranstaltung, die es gibt, weil das Nein von bestimmten Menschen, einfach nie als das Nein aufgenommen und akzeptiert wird, als das es formuliert wird. Ich könnte jetzt schon kotzen, wie diese meist lauten Demos beworben werden, weil selbst darin bestimmte Neins übergangen werden. Ich will keine Gewaltszenen in Internetvideos sehen, ich mag den Biologismus “Vagina=Frau” nicht, ich mag den Anspruch “Wehr dich doch” nicht.
Ich sage Nein dazu – das letzte Video gegen Gewalt an Frauen, antwortet mit “Ja, aber…”, große namenhafte Organisationen sagen „Ja, aber…“ unsere Politik, die Gesetzgebung antworten mit „Ja, aber….“.

Ich will meine Selbstbestimmung nicht mit “Nein heißt Nein”-Kampagnen erbitten oder erstreiten. Einfach schon, weil ich nicht einsehe, um solche Selbstverständlichkeiten bitten zu müssen.
Ich fänds gut, wenn sich eine Bewegung entwickeln könnte, die sichtbar macht, wie oft ein “Nein”, mit einem “Ja, aber…” beantwortet wird. Egal, worum geht.

Ich hätte gerne, dass einfach mal klar wird, wie oft, sogar in Kleinigkeiten wie so einem Internetanschluss, der verkauft werden soll, das Nein einer Person, die als (cis)weiblich gelesen wird, einfach mal einen Scheiß bedeutet.
Ich bin es so leid, immer wieder den tiefgreifenden allumfassenden Vortrag über (cis)männliche Privilegien und kapitalistische Unterdrückungsdynamiken aufzusagen.

Ich will das Nein haben, von dem mir dauernd versprochen wird, es würde mich davor schützen miss-be-handelt zu werden.
Es muss ein tolles Nein sein.

9 Jahre später

Eislicht“Ist doch komisch, dass die Schneeflocken erst weiß sind und dann wasserfarbig.”.
Sie hockt mit dem Rücken zu den Windböen am Rand des gefluteten Ackers und betrachtet die Flocken auf den Ohren des Hundes, der auf ihren Füßen sitzt.
“Es ist kalt.”.
Die Worte klirren in ihr wie Eiskristalle.
Schmelzen. Laufen ihr vom Kinn herunter.

Der Wind drückt den Schneeschauer weiter
und zerreißt die Wolkendecke.
“Ich wusste gar nicht, dass wir einen Hund wollten.”
Die Sonne betrachtet sich zögerlich in den Pfützen.

Sie steht auf und steckt ihre Armstümpfe zurück in die Jackentaschen.
“Du?”, fragt sie, “Weißt du, wo zu Hause ist?”.

subject: Zuschreibung

Endlich habe ich etwas fertig gestellt. Hurra.
Vielleicht brauche ich alle 6 Monate eine existenzielle Krise um Dinge zu schaffen?

Ich würde das natürlich niemandem empfehlen, denn Entselbstung schmeckt nach dieser Säure, die neben der Zunge entsteht, wenn einem die Panik in den Ohren rauscht und kleine Schweißtropfen auf der Oberlippe liegen.
Aber ich kann jetzt auch nicht sagen, ich würde das Ergebnis nicht doch auch mögen.
Das sind die kalten Finger und Füße, weil der Körper schon längst wieder auf Hungerzeit geschaltet ist. Die Rückenschmerzen, weil so ein IKEA-Küchenstuhl eben doch kein ergonomisches Wundersitzplätzchen ist. Das automatisierte Reinschütten von Kaffee.  Das Gehirn, das scheinbar ohne Körper ist.

Ich habe das Gefühl, alles zu geben, wenn ich in diese Art Arbeitsrausch komme und denke: “Genau so muss das ja auch sein. So und nicht anders. Wenn man arbeitet, dann muss man sich selbst vergessen. Nur so wird es was.”.
Erst später fällt mir auf, dass ich mich nicht vergessen habe, sondern weggelaufen bin, um zu vergessen.
Wenn ich vor Hunger, Jobcentersorgen, sozialen Unruhen, Versagens- und Vergangenheitsangst weglaufen will, dann funktioniert das fast ganz von allein.

Und dann ist es so eine kleine Aufgabe, wie eine Vita zur eigenen Person zu schreiben, die mich an mich erinnert.
Auch, weil ich im Moment nicht einmal so sicher bin, ob es mich überhaupt gibt.
Bin ich, wenn ich die Zuschreibungen anderer Menschen von mir abkratze?

Ich habe an die Irrwichte in Harry Potter gedacht.
Die Irrwichte verwandeln sich immer in das, wovor die Person, die sie anschaut, am meisten Angst haben. Niemand weiß, wie sie aussehen, wenn sie niemand ansieht.
Ich bin eine Irre, die am Gesellschaftsrand steht. Wenn Menschen mich anschauen, sehen sie alles, wovor sie Angst haben, sich ekeln, worüber die traurig sind, was sie sich wünschen, was sie ablehnen.
Und wenn ihre Augen zu sind, dann bin ich der Hauch, der Äther, ein formloses Irgendwas, das es vielleicht gar nicht gibt.

Wenn ich eine Vita über mich schreibe, dann schlüpfe ich in die Blicke anderer und reproduziere ihren Blick. Ich sortiere alles, was von mir für andere wahrnehmbar ist nach ihrer Angemessenheit und klebe sie passend in Formulare, Bewerbungen, Bettelbriefe … .
Ich glaube, die Psychologie sagt “Selbstunsicherheit” dazu.
Ich bin mir aber nicht unsicher über mein Selbst. Ich bin ich.
Ich bin nur nicht, was man mir zuschreibt und weiß nicht, was ich mir selbst zuschreiben könnte. 

Vielleicht ist es so, dass ich merke: Ich bin ein Subjekt.
Obwohl ich mein ganzes Leben lang vom Außen für das Außen zum Objekt gemacht wurde und werde.
Und dabei sogar mitwirke, indem ich in meinen Laptop tippe:
“Hannah C. Rosenblatt, Jahrgang 86, ist freie Autorin aus NRW …” , um zu vergessen, dass der Postbote gerade da war, es noch 5 Stunden bis Essen sind und die nächste Zuschreibung auf mich geklebt wird, sobald dieser Artikel veröffentlicht ist.

Gedanken

dis

 

Vielleicht ist, mir zu sagen, ich sei krank/kaputt/falsch oder auch “eigentlich ganz okay, nur …” , das Beste, was man mir sagen kann, wenn da die Ahnung, ich könnte ein Etwas ohne greifbares Selbst sein, ans Bewusstseinstürchen klopft.
Wer kann denn aushalten zu wissen, dass es etwas, das reden, sich verhalten, fühlen und denken kann, vielleicht doch gar nicht so richtig gibt?

Am Ende ist es vielleicht nicht der Widerspruch, der den Leidensdruck auslöst, sondern der Zwang völlig ohne ihn zu existieren.

die Revolution

ÜberblickMir fliegen die Fetzen im Kopf herum und ich weiß nicht wohin. Mit mir, den Fetzen, dem Gestern, dem Jetzt, dem Irgendwann irgendwie und dem, was könnte.
Also schreibe ich.

So mache ich das eben.
Ich schreibe, weil es das ist, was mich morgens aufstehen lässt.
Nicht, weil mich die Wortlust so reizt, ich so gern in Metaphern plansche und mich am Liebsten mit Silben parfümieren würde, sondern weil …

nun, einfach so.

Ich schreibe Wörter ins Internet, weil ich mich in meinem analogen Alltag zu Wort melden müsste, obwohl es eigentlich keinen zentralen zuWortmeldungsannahmeschalter gibt. Man zieht keine Nummer und wartet bis man aufgerufen wird. Wortmeldungen erfolgen so scheinbar willkürlich, wie sie gehört und weitergetragen werden.
Meine Internetwörter dürfen wirr sein. Sind so privilegiert, dass sie auch ohne meinen Sinn mit sich zu tragen, in die Köpfe anderer Menschen ziehen können.

Meine Wörter können angeguckt werden und weil sie nicht herumzappeln und ineinander verhakt über den hellen Hintergrund kullern, erscheinen wie auf den Bildschirm gebügelt.

Wo ein Wort ist, da darf kein anderes sein. Wo ein Sinn ist, da darf kein anderer sein.
Und überhaupt darf nur sein, was man sinnlich für wahr und logisch an sich nimmt.

So muss ich vor Angst erschlottern, könnte sich mein Leben ändern. So muss ich mich von anderen Personen abhängig machen. So muss ich mächtig sein. So muss ich sein, für wen ich gehalten werde.
Auch, wenn ich nur Worte und Wörter abstelle.
Auch, wenn ich nicht bin, wer meine Wörter erfasst. Anfasst. Sich berührt oder gar gepackt fühlt.

Es ist schwierig von Wort zu Wort zu gehen. Sie abzuschreiten und sie wie ein Bild im Museum zu betrachten. Sie vielleicht in sich hallen zu lassen. Zu gucken, wo sie wie Bomben einschlagen und Lawinen lostreten.
Wie furchtbar muss es für andere sein, zu wissen, dass ich mich von den Wörtern befreien kann, einfach, indem ich meine Hände um einen Stift lege und irgendwo in mir los lasse. Wie unaushaltbar muss es sein, eine Wortmeldung zu hören, die ungewohnt und fremd ist. In der die gleichen Worte, wie die eigenen verwendet werden, aber doch…

nicht gleich sind.

Oder schlimmer noch: die eigenen entsinnen, verque(e)ren. Etwas sagen, woran man lieber abstrakt, als konkret nachdenkt.
Lieber an Andere denkt, als die, in denen man sich selbst sucht.

Meine Wörter sind Minen. Wenn man sie berührt, tun sie weh. Wenn man sie liegen lässt, dann starren sie durch Zeit und Raum.

Mit meinen Wörtern male ich meine Unsichtbarkeit ins Internet.
Ich stricke kein Buchstabendeckchen um mein zum Opfer geworden sein. Ich klebe keine Protestrufe auf mein behindert werden, behindert sein.
Mein verkrüppelt worden sein.
Der Punkt am Ende eines jeden Satzes, ist mein Welten erschütternder Imperativ.
Dass ich meine Stimme mit Buchstaben einkleide, ihr eine Mütze aus Silben über die Ohren ziehe und mit Bedeutung besohle, ist die krasseste Revolution, die ich jeden Tag vom Schweigemauerzaun brechen kann.

Ich verstehe, wie erschreckend das ist.
Deshalb stelle ich meine Wörter ins Internet.
Eine Werbung, ein Katzenbild, eine Email später ist meine Revolution im großen,
nie enden wollenden Strom aus Einsen und Nullen aufgelöst.

Verschwunden.
Unsichtbar.
Erst dann passiert, wenn man danach sucht.
Erst dann gefährlich, wenn sie gefunden und so wie ist, weiter getragen wird.

das ist auch Hartz 4

Irgendwie ist es ja so: Ich kotze meine gallenbittere Hartz 4 Realität hier hinein und mit Trauma und Gewalt hats dann doch erst auf den zweiten Blick zu tun.

Für mich, uns, die kleinen harten Knubbel unter der Haut über meinem Innen, für die ist das eine Wiederholung.
Jede Solidarität, jedes Mitfühlen, jedes Verstehen, das dann doch nichts ändern kann, tut weh, weil sich für sie, uns, etwas wiederholt.

Da sind Leute ohne Gesicht. Eine Macht, die alles von einem weiß. Alles von einem zu wissen verlangt. Vor der es keine Geheimnisse geben kann. Darf.
Da ist die Ohnmacht. Da ist das Wissen, dass es nur einen Knick braucht. Nur eine falsche Bewegung. Ein falsches Wollen. Ein falsches Wünschen. Eine einzige individuelle Regung, die auch nur ein einziges Kästchen sprengt
und das Leben, wie es war, ist zu Ende.

Und da ist auch
das Mitteilen von Not. Von Ohnmacht, Verzweiflung, Widerwillen, Ekel, Ungerechtigkeit.
Und dann die Worte.
“Oh ja, das ist sicher furchtbar.”
”Hartz 4 ist die totale Scheiße”
”.. so unmenschlich”
”Gewalt…”

Ich hab neulich so eine dieser wabrigen Erinnerungen gehabt, auf die kleinere Schatten folgten.
Die Horterzieherin, die fragte, obs denn nicht weh tut. Die Lehrerin, die sagte, ja Eltern könnten manchmal ganz schön blöd sein. Die Klassenkameradin, die stumm nickt und ihren Fußspitzen erzählt, dass sie weiß, was ich meine. Die Kinderärztin, die auf ihren PC tippt und sagt, dass alles da drin steht.
Und die Welt, die sich einfach weiter gedreht hat, als wäre nichts passiert.

Ist es eine Art Undankbarkeit, wenn ich gar nichts mehr erwidern kann, wenn mir Menschen ihr Mitgefühl mit meiner Hartz fear ausdrücken? Wenn sie fragen, ob sie mir helfen können und ich im Kämmerlein unter dem Vorwurf, andere Menschen dazu gebracht zu haben, zu denken, sie müssten mich retten, zerrissen werde, nur noch ein Danke herauskriege, das auch “Okay- nimm mich einfach” heißen könnte?

Hat mich das Hartz so zerstört oder war das schon immer so?

Ich denke manchmal, es ist eine Fähigkeit von uns – einer dieser komischen Faktoren, die beim Überleben helfen, dass wir uns ausdrücken können. Dass wir das so oft an Sprechproblemen und Wortlosigkeit vorbei  geschafft haben.
Und dann steht man in so einer Gesellschaft, die so ganz viel aus symbolischen Akten zieht. Aus Pro- und Kontrapositionierungen und Worten, nach denen man Taten gar nicht vermisst.

Ich habe mich vorhin bei einem alten Wunsch ertappt.
“Wenn es nur bitte bitte endlich vorbei wäre.”.
Ich denke wirklich oft: “Ja, gut – ich nehme die Armut, die begrenzten Möglichkeiten. Ich ziehe die Rentenlosigkeit und den Plastezahnersatz mit Mitte 30 und tausche gegen die Angst den Briefkasten zu öffnen und die Spirale aus Kämpfen und Verlieren.”

Ich hab einen ähnlichen Kompromiss als Jugendliche gemacht.
Weil ich in der Jugendhilfeeinrichtung ständig so furchtbare Bauchschmerzen und untergründig schwelende Todesangst hatte, hab ich getauscht und bin zurück nach Hause gezogen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wie es da eigentlich immer so war.

Ich weiß auch nicht, wie man ohne Rente und mit Plastezähnen so lebt.
Ich würds trotzdem gegen diese Hartz fear tauschen. Ernsthaft.

Aber Hartz 4 kann man nicht tauschen. Das kann man nur vererben.
Es gibt kein Raus für mich. Für uns. Jedenfalls nicht jetzt. Dieses Jahr. Nächstes. Übernächstes. Und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch noch überübernächstes Jahr nicht.

Und alle verstehen, wie furchtbar das für uns sein muss.

Und die Welt dreht sich einfach weiter.