Autor: H. C. Rosenblatt

wie absurd es ist

Manchmal ist es aber dann doch, als würde ich aus einem Alptraum aufwachen. Froh, um das Wachsein, doch auch noch eingehüllt von Angst, bitterklebrigem Notgefühl und Tränen, die sich selbst den Ausgang versperren.

Ich will nicht so viel drüber nachdenken. Mit jedem Gedanken mehr, wird es echter, rückt an mich heran und zeigt mir die Heutewelt in all ihrer Absurdität.

Ja absurd kommt es mir vor. Wieso fahre ich gleich zur Schule, wenn mir? doch DAS DA passiert ist. Wie komme ich dazu, überhaupt noch das Bett zu verlassen, einen Schritt vor den anderen zu setzen – liegen bleiben, schlafen, mental so unerreichbar sein, wie es nur geht, das fühlt sich doch viel kongruenter an.

Gerade dachte ich, dass es schon so ist, als schaute man in eine fremde Welt, wenn man sich an die Gewalt erinnert, die andere Innens üb.erlebt haben. Und weil sie für mich nicht mehr das unfassbare Schlimmschlimm, das ich nur gut genug unterdrücken muss, um besser klarzukommen, sind, ist es mir noch absurder. Wie krass das alles ist. Wie verdammt krass das alles und alles und alles ist. War.

Wie das ist, wo es so weh getan hat und wie man davon so gar nichts mehr sieht.

Wie das ist, wo Not und Verzweiflung alles zerrissen und verschoben haben, mir jetzt aber wie natürlich gewachsen und voll innerer Ordnung erscheint.

Wir stehen auf, waschen das Alptraumgefühl ab, kämmen die Haare, ziehen uns an und es ist keine Verkleidung oder das Auftragen einer Schutzschicht. Es ist Heuteweltleben.

Wie absurd das ist. Dass wir Heutewelt leben.

note on “psychisch krank” und Münster

Wir nennen es “Kongressdepression”. Das Abschlaffen, müde, traurig werden, das uns auch mit Momenten von Sinnlosigkeit, Ohnmacht, Zweifelfrustweinen begegnet.
Es gehört für uns dazu. Immer. Egal, worum es bei der Veranstaltung ging. Wir haben auch schon nach Veranstaltungen geweint, auf denen wir nur über Sprache gesprochen haben. Obwohl Wörter uns das Liebste sind.
Wir haben einen Umgang damit. Wissen, was uns gut tut. Wissen, dass nach ein Mal schlafen alles wieder gut ist.

Diesmal erfuhren wir kurz vorm Schlafengehen, dass es zwei nennen wir es “Vorfälle” gab, die in mancher Berichterstattung als “Anschlag” und in mancher als “Terroranschlag” bezeichnet wurden.
Und, dass der eine Täter betrunken, der andere “psychisch krank” war beziehungsweise: “gewesen sein soll”.

Dass ein weißdeutscher Jens, der andere Menschen getötet und verletzt hat, wie es ein nicht weißdeutscher Anis Amri bereits vor ihm ähnlich getan hat, “psychisch krank” sein soll, das kann ich mir nur allzu gut denken.
Es ist einfach besser, wenn einer krank war, als wenn man annimmt, jemand wollte gerne Gewalt ausüben. Wollte gerne töten. Vielleicht auch nicht ganz so gerne, aber doch gern genug, um sich nicht dagegen zu entscheiden.

Nun kamen wir gerade von einer Konferenz zurück, in der es um das Leben mit einer Persönlichkeits/Identitätsstruktur nach (organisierter/ritueller/…) Gewalt ging, die als “psychische Krankheit” diagnostiziert, behandelt und diskutiert wird.

Wir gelten als “psychisch kranke” Person.
Und wie groß in uns die Angst ist, von anderen Menschen in einer Reihe mit jemandem, der so handelt, gestellt zu werden, ist unbeschreiblich.

Nicht nur, weil wir sehen, dass eine Krankheit einer Person wieder einmal als etwas dargestellt wird, das alles erklären und damit als einzige Ursache für den Tod und die Verletzungen von anderen Menschen gelten soll.
Sondern auch, weil wir sehen, welche Aspekte selbst im Fall einer psychiatrisch (gut™) behandelbaren Erkrankung™ wieder nicht benannt werden.

Die Formulierung “psychisch krank” zielt auf etwas, das nicht organisch ist.
Solange die Seele, die Psyche keinem eigenen Organ zugeordnet werden kann, wird sie im Gehirn verortet. Dem “Denkorgan”.
Und solange Wissenschaft, Medizin und Allgemeinheit die Kette “Gehirn” = “Denken/Wollen/Wünschen” = “Handeln” = “Sein” aufrecht erhalten, so lange werden wir als “psychisch erkrankte” Personen das Problem haben, dass uns wahlweise “falsche” Gedanken/Überzeugungen, mangelnde Selbstkontrolle oder unausgeglichene Neurotransmitter unterstellt werden, wenn wir von etwas berichten, das andere Menschen nicht nachvollziehen können oder nicht selbst auch erleben oder als fiktional/unmöglich einordnen.

Es wird immer darum gehen, dass wir in uns drin das Problem haben.
Niemals wird es darum gehen, dass wir in Kontexten leben, in denen das, was und wie wir er_leben, als “krank”, “unnormal”, “falsch” gesehen wird und unter Umständen falsche, schlechte, entwürdigende, verletzende, schädigende Reaktionen auf uns als Person zur Folge hat, die bei manchen Menschen den Weg in Gewaltausübung gegen sich und andere manchmal auch überhaupt erst ebnet.

Wann immer eine sogenannte „psychische Erkrankung“ zur Erklärung für Gewalttaten wird, wird der Blick auf das Leben der gewaltausübenden Person vor der Tat versperrt.
Die Tat wird zum Symptom der unterstellten Krankheit, deren Ursprung und Wirken in allein dem Täter verortet wird.

Sie wird nicht zum Symptom einer Gesellschaft, die es verhindert sich adäquat/bedarfsgerecht/sinnhaft mit sogenannt “psychisch Erkrankten” zu befassen, bevor eine Gewalttat passiert.
Sie wird nicht zum Symptom eines Gesundheitssystems, das vor allem eines systematisch tut: verhindern, dass Menschen so lange die bestmögliche und frei gewählte Unterstützung, Hilfe und medizinisch/therapeutisch hilfreiche Behandlung erhalten, bis sowohl die Symptome, als auch die ursächliche Problematik nicht mehr bestehen.

Sie wird nicht zum Symptom eines an vielen Stellen unzureichenden sozialen Hilfesystems.
Nicht zum Symptom der Ignoranz.
Nicht zum Symptom der Privilegien, die einzig dadurch entstehen, dass man als “gesund”, “normal”, “allgemein nachvollziehbar” und allgemein “befähigt” gilt.

 

Was uns nach Konferenzen, wie der, die wir gestern und vorgestern besucht haben, hinterher immer wieder in depressive Momente rutschen lässt, ist genau das.
Der Umstand, dass die wenigsten Menschen, die viele (“psychisch krank”) sind, ausschließlich und überwiegend darunter leiden, dass sie viele (“psychisch krank”) sind.
Die meisten leiden unter der Ursache und den Folgen ihres Vieleseins (ihrer “Erkrankung”).
Den Lebensumständen, dem Unverständnis anderer Menschen, der Einsamkeit, dem gesellschaftlichen Ausschluss.

Der Täter in Münster hätte jede Erkrankung der Welt haben können – keine einzige kann die Antwort auf die Frage nach dem Warum hinter der Tat sein. Nichts, was wir jetzt noch über diese Person erfahren, kann allein etwas sein, das den Verletzten und den Angehörigen der Verstorbenen konkret hilft, in der Zukunft mit der Tat und ihren Folgen umzugehen.

Dem zuzuhören und für diese Menschen da zu sein, sollte Kern öffentlichen Interesses sein.
Nicht zuletzt, um “psychische Erkrankungen”, wie zum Beispiel eine posttraumatische Belastungsstörung aufgrund (der direkten Beteiligung, aber auch des direkten wie indirekten Mit_Erlebens) dieses Ereignisses, zu verhindern.

Fundstücke #60

Wenn ich lese, dass “der Feminismus” alle Männer zu Tätern (sigh) erklärt, dann denke ich mir den Verfasser des Textes als jemanden, in dessen Leben ich gerne einmal hineinschlüpfen möchte.
An der Stelle geht es mir nicht ums Privileg oder darum, mal zu schauen zu schauen, wie das so ist als Mann mit Dingen konfrontiert zu sein. Ich frage mich wieder einmal, wie das wohl ist, wenn man nicht von anderen Menschen traumatisiert wurde.

Ich wurde von zwischenmenschlicher Gewalt in der eigenen Familie, in Institutionen, in erweiterten sozialen Gruppenkontexten traumatisiert. Tatsächlich bedeutet heute jede Person– unabhängig von jeglichen Eigenschaften, die sie von einer anderen Person unterscheidet – für mich eine potenzielle Gefahr.
Immernoch. Obwohl das Schlimmste inzwischen schon seit gut 11 Jahre vorbei ist.

Wenn ich Sätze aufschnappe wie: “Die (Feminist_innen) erklären alle Männer zu Tätern!”, dann denke ich sofort, dass das ein falscher Satz ist. “Täter_in” ist ein Wort, das eine im Nach-etwas-das-passiert-ist-hinein-Begrifflichkeit ist. Es muss etwas passiert sein – jemand muss etwas getan haben, um Täter_in zu sein. Einfach so, pauschal kann man das über niemanden sagen. Weder über Männer, noch über Menschen, die keine Männer sind.

Das ist wichtig. Gerade, wenn es um die (feministische) Auseinandersetzung mit sexistischer Alltagsgewaltpraxis geht. Die sexistische Alltagsgewalt wird von manchen als Tat eingeordnet und bedeutet in der Folge, viele aktive Täter-, Ermöglicher-, Mittäter_innen (!) , die auch als solche benannt werden.
Ob das jetzt so nötig, ist, um Sexismus als solchen abzuschaffen, kann ich nicht abschließend sagen, aber, dass es in dem Fall keinen generellen Outcall an Männer gibt, sie seien Täter, ist an der Stelle klar. Hoffe ich.

Was ich aber auch verstehe ist, dass das ungerecht vorkommen kann.
Wenn es in der eigenen Wahrnehmung so normal ist sexistisch zu sein, zu handeln, zu denken und zu bewerten, und es zusätzlich noch eine krasse Ausnahmesituation ist im eigenen Da_Sein, Handeln, Denken und Werten kritisiert, bezweifelt, und aufgrund dessen vielleicht sogar im sozialen Rahmen abgewertet und ausgeschlossen zu werden, ja dann kann einem die Welt schon mal brennen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass andere dafür zuständig sind, das wieder in Ordnung zu bringen.

Für mich sind  WWcM*-Texte deshalb interessant, weil ich darin etwas finde, das mir sehr fremd ist.
Und damit meine ich nicht den öffentlichen Ausdruck von Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und auch nicht den Umstand, dass dort eine völlig fremde Perspektive auf etwas fassbar wird.
Ich meine die Grundhaltung zu anderen Menschen.

Für mich sind andere Menschen im günstigen Fall etwas, deren störender Einfluss auf mich, in irgendeiner Form erwartbar ist. Im ersten Moment sind sie jedoch eine Gefahr. Das ist die Macke, die man mitnimmt, wenn man von klein auf damit konfrontiert ist, dass es so etwas wie einen “sicheren Menschen” schlicht nicht gibt..

Ich habe mich noch nicht viel mit anderen Menschen beschäftigt. Keine meiner Beziehungen ging über klar eingegrenzte Miteinander-Tätigkeiten hinaus, ich habe keine Menschen im Leben, die ich in allen Alltagssituationen und Zuständen einschätzen oder verstehen kann.
Eine “tiefe innige Verbundenheit” empfinde ich zu niemandem.

Mein neutrales – nicht von Anpassungen an Traumafolgen oder allagsgewaltbedingten Sozialmustern verformtes – Interesse an Menschen habe ich erst entwickelt, nachdem ich begriff, dass in jedem Menschen ein anderer Kosmos wirkt. Da waren wir etwa 21 Jahre alt. Heute weiß ich, dass das vielen Autist_innen so geht und nichts ist, was mich zurm Psychopath_in oder gefühlskalten Egoman_in macht. Und auch nicht zum „unfähig zur Liebe traumatisiertem Opfer“.

Ich weiß heute, dass soziale Interaktion nichts naturgegebenes ist, sondern das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses, der immer nur in dem Rahmen passieren kann, der individuell zur Verfügung steht..

Vielleicht ist es an der Stelle schwierig für Lesende, die Parallele zum Täter_innenvorwurf zu finden.
Deshalb schreibe ich es so:
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mir Ähnliches gesagt wird, wenn ich meine Sicht auf Menschen so klar ausdrücke, wie ich sie erlebe. Dass ich alle Menschen vorverurteilen würde oder, dass ich Menschen instrumentalisiere, (weil ich sie als minderwertig(er als mich selbst) einordne) oder dass ich damit aufhören solle. Als wäre das etwas, was im ersten Schritt von mir gewählt wurde und ich mir im zweiten Schritt nicht selbst anders wünschen würde.

Diese Welt, die WWcM in ihren Texten als Schreckensszenario aufmachen, ist bereits meine Lebens_Realität.
Ich kann schon immer nicht einfach sagen, was ich wirklich denke, glaube und werte, gerade weil es sexistische, ableistische, klassistische Alltagsgewalt gibt, die mir Alltagspraxen und Verhaltenskorsette aufzwingen, in denen es mir in irgendeiner Form schadet, wenn ich ausdrücke (verkörpere) wer und was und wie ich bin, denke, glaube, handle, werte.

Mich beschäftigt die Frage, wie das ist, wenn das nicht so ist.

Wie ist das die Wohnung zu verlassen und einfach keine Angst zu haben?
Wie ist das an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und nicht schon längst von den Umgebungsreizen bis ins Mark aufgeschürft zu sein?
Wie ist das Menschen, die entgegen kommen oder von hinten überholen, nicht darauf abzuscannen, ob ihre Hand erhoben, das Gesicht verzerrt, die von ihnen ausgehende Lautstärke auf eine_n gerichtet ist?

Wie ist das, wenn man morgens aufsteht und einfach irgendwie weiß und glaubt, dass die Welt ein Ort für eine_n ist? Vielleicht sogar nicht einmal so klar und bewusst – sondern so ganz tief drin. Ganz sicher und fest.
Ohne jeden Zweifel. Jemals.

Ist es besser? Oder ist es anders?

Wie ist dieses Normal?
Wie ist es sich in einer Welt zu bewegen, in der man selbst die Regel und nicht die Ausnahme ist – ganz egal, wo, wie, warum man sich mit wem befindet?

In meiner Vorstellung ist da unheimlich viel Potenzial.
Zeit und Raum und Kraft für Schöpferisches, für Entdeckungen, für Kunst, für Fürsorge, für die Lösung von Problemen. Das ist zumindest was ich an mir feststelle, wenn ich in einem Moment von Okaysein in der Welt und meiner direkten Umgebung bin. Dann geht mir keine Energie daran verloren, mich zu schützen oder zu rechtfertigen. Dann habe ich keine Angst vor dem was andere Menschen an oder von mir verurteilen. Dann bin ich einfach da und mache meine Dinge und die Dinge, die anderen Menschen vielleicht etwas geben.
Das ist nicht die Erfüllung – aber es ist einfach so ein Passieren und Da-Sein, von dem ich denke: „Das ist Leben.“. Einfach so.

Da ist aber auch Machtpotenzial.
Wenn man so viel Kraft zur Verfügung hat, dann gibt es vielleicht auch einen Willen dazu, sie um jeden Preis zu erhalten. Notfalls mit Gewalt. Mit jenen *istischen Gewalten, von denen unsere Gesellschaft bereits durchzogen ist.

Ich habe damals vor 11 Jahren unseren Ausstieg unterstützt, weil wir verstanden hatten, dass Gewalt unser Leben bestimmt. Damals noch mehr als heute ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir sind für Gewalt an uns aufgestanden, nachdem wir uns mit Gewalt (mittels Medikamenten, Alkohol und Drogen) in den Schlaf gebracht haben. Wir sind zur Schule gegangen, weil die Staatsgewalt, das so vorschreibt. Wir haben unser Verhalten und Da_Sein an jenen Instanzen ausgerichtet, die uns mit Gewalt zu was auch immer zwingen konnten, wenn sie nur gewollt hätten. Jedes Wollen und Wünschen wurde mit Gewalt beantwortet – manchmal von außen, manchmal von uns selbst.

Wir haben damals gesagt, dass wir keine Gewalt mehr leben und ausüben wollen.
Und heute denke ich, dass es deshalb überhaupt nur geklappt hat. Wir haben uns als aktiv Gewalt ausübend erlebt und akzeptiert– obwohl uns damals schon Jahre und Jahre lang gesagt wurde, dass es “die Täter_innen” waren, die uns Gewalt angetan haben.
Für uns war damals klar, dass es eine sich gegenseitig immer wieder anstoßende Gewaltspirale war, in der wir uns bewegt haben – egal, wie andere Menschen (Verbündete und Helfer_innen) das eingeordnet haben.

Sich selbst davon zu entfernen und nach Alternativen zu suchen, hätte nicht funktioniert ohne dieses Bewusstsein.

So denke ich das auch in Bezug auf solche Diskursblüten wie die, mit der dieser Text angefangen hat.
Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass selbstverständlich alle Menschen potenzielle Gewalttäter_innen sind und auf jeden Fall auch schon einmal Gewalt ausgeübt haben. Darüber darf es keine Zweifel, von dieser Annahme, darf es keine Ausnahmen geben, denn wir leben (noch) nicht in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie Gewaltlosigkeit nicht gibt.

Das schreibe ich nicht, weil ich als Teil eines Wir in diesem Körper, die Gewalt zu der Menschen fähig sind so genau kenne und sie mir deshalb nicht mehr als friedliche Wesen denken oder glauben kann.

Ich schreibe das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Diskurs wie diesen weder gäbe noch bräuchte, wären Menschen diese friedlichen Wesen, als die sie sich selbst gerne verorten möchten.
Friedliche Wesen hätten die Kraft neugierig aufeinander zu sein. Schöpferisch und kreativ miteinander zu sein. Fürsorglich und nachhaltig mit sich und der Mitwelt umzugehen.

Friedliche Wesen haben keine Angst vor einander.

 

*weinende weiße cis Männer

Dörthe

Sie wollen Denk- und Sprechverbote*, sie wollen Frauen unterdrücken *, sie wollen alles anders*
– pfui bäh sie sind Queerfeminst*innen!

Oh ja das ist ein heißer Scheiß. Auf Queers rumhacken. Non-Binaries wahlweise für die eigene Message einspannen, um sie bei einer anderen wieder gnadenlos auszuschließen und ihnen im Nachhinein noch Vorwürfe zu machen, dass sie das nicht sehr geil finden.

Ich habe keine Lust, keine Kraft und keine Zeit für einen weiteren Text, der alles Falsche und Schlimme an dem, was der weiße Cis-Popfeminismus macht. Und das ist vielleicht einfach das Problem.
Vielleicht.
Wahrscheinlicher aber auch nicht, denn es ist nachwievor egal, wie man als Non-Binary, Queer, Trans, * zu dem steht, was da alles verbreitet und gemacht wird. Am Ende bleibt all das in dem Milieu, wo man sowieso schon nicht mehr drüber redet. Denn am Ende bedeuten all die vielen nicht inklusiven Feminismen für uns vor allem eins: Ein Mahnmal an all die Kraft und Energie, die einfach nicht da ist, um irgendetwas dagegen oder daneben zu tun.

Wir haben gerade Ferien, deshalb entsteht dieser Text. Und: Wir haben heute etwas gemacht, das wir schon viel früher hätten machen müssen. Aus Gründen.
Ein paar davon will ich aufschreiben.
Ein bisschen was will ich mir selbst sortieren.
Eine Diskussion will ich hier nicht anfangen. Denn manches ist einfach nicht diskutierbar.

Frühjahr 2013
Aufschrei zieht sich durch Twitter und feministisiert uns.
Vorher waren wir sozialistische Menschenrechtsanarchos und waren mit der Frage beschäftigt, inwiefern uns die Menschenhandeldebatte berührt, schließlich waren wir in gewisser Weise gehandelt worden. Feminismus war Alice Schwarzer und die fanden wir nicht gut. Damals nicht und heute noch viel weniger.

Wir lernen jemanden kennen, nennen wir sie Dörthe. Weil Dörthe so schön weißdeutsch klingt, wie es die Mainstreamfeministin ist, die ich mir heute “Beißreflexe” lesend in einem Berliner Café vorstelle.
Dörthe geht zum Frauenkampftag und zum Reclaim the Night-Dings in der nächsten größeren Stadt. Dörthe findet Pinkstinks “voll stark und mutig”, hat ein Emma-Abo seit Anfang der 2000er und spendet an Mädchenarbeitsprojekte in Afrika. Dörthe liest Antje Schrupp.

2013 hatten wir eine rosa Brille auf und waren noch pink hinter den Ohren.
Very peinsam, so im Rückblick. Aber gut, so ist das eben.

Dörthe gehört seitdem irgendwie in unseren Kosmos.
Sie liest unsere Texte, aber nur, wenn sie kurz sind. Für die langen, da hat sie eine Zeit und ach, man muss ja auch nicht immer alles ausdifferenzieren. Am Ende muss man ja auch mal was machen. “Endlich mal was machen!”, das bedeutet für Dörthe die Choreographie von One Billion Rising in der Innenstadt vorzuhopsen und Sticker mit einem Uterus drauf in die Fußgängerzone zu klatschen.

Irgendwann finde ich @cuffedcatling bei Twitter. Dann @baum_glueck. Dann @dressedasahuman. Dann @weirdbielefeld. Dann @redhidinghood. Dann @flausensuppe. Und dann geht alles irgendwie ganz schnell. Weil da etwas klar wird. Weil wir uns zum ersten Mal in unserem Leben in Beschreibungen anderer Menschen wiederfinden. Wohlgemerkt – Menschen, die nicht, wie wir viele sind oder von 21 Gewaltjahren völlig zerschossen. Wie kann das denn sein?

Queer.

Das war das Wort. Die Queertheory und all das, was daran hängt.
Der ganze Männlein-Weiblein – Männer sind vom Mars-Quatsch, wurde uns als der für uns ungute Kontext klar, in dem wir uns nie finden und verorten konnten, weil der einfach nicht passt. Egal, wie sehr wir uns therapiert haben und auch egal, wie sehr wir anerkennen, dass uns Gewalt ver_formt hat.

Und von da aus gab es kein Zurück mehr, denn einmal durch ein Muster wie dieses durch, kann man andere – ganz ähnlich gestrickte und etablierte Muster der Gewalt und Ausgrenzung – weder weiterhin übersehen, noch sich gegen eine gewisse Weiterentwicklung im eigenen Werten und Handeln entscheiden (und zeitgleich noch denken, man täte etwas völlig Unproblematisches, wenn man das nicht tut).

Dörthe ist beim Aufschrei stehen geblieben, hat ein paar Jahre übersprungen und ist bei Metoo wieder gelandet. Und bei was tun. Uteri auf Plakaten rumwedeln und Vulvasymboliken auf Stickern in die Innenstadt klatschen, diesmal im Kontext von Schwangerschaftsabbrüchen und dem Recht auf Informationen dazu.

Dörthe benutzt Feminismus als Performance von Nonkonformität. Für sie ist Feministin zu sein, “im Grunde das Gleiche wie behindert sein” (kein Scheiß – das ist ein O-Ton). Es macht sie besonders in ihrer Innenstadt-Mutti-Clique, die nur allzu gern verdrängt, wie strunzenkonservativ ihr gesamtes Welt- und Menschenbild und damit auch: ihr Feminismus ist.

Als wir verstanden: “Hey, der Schmerz, der auf jedes “Frau XY” kommt, hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Leute dich ansprechen, wie die Person, die dir Jahres Lebens die Hölle auf Erden bereitet hat, sondern auch damit, dass du weißt, dass der auch dann noch da wäre, wenn sie dich mit “Frau Rosenblatt” ansprechen. Es ist okay. Der Schmerz ist real. Das anders haben zu wollen ist okay. Weder Mann noch Frau, noch überhaupt in einem Zusammenhang von Frau und Mann zu stehen, ist real und okay und ist nicht nur bei dir so.”, da hat unsere Selbstverstümmelungsrate um 70% nachgelassen.

Das war es, was wir gebraucht hatten, um zu verstehen, dass dieser Körper sowas von gar niemals irgendetwas darüber aussagt, wer oder was wir sind.

Und es war genau das, was uns in, zu dem Zeitpunkt, etwa 14 Therapiejahren keine_r der über 20 Psychotherapeut_innen mal angetragen oder gefragt hat.

Dörthe hat das nicht mitgekriegt.
Zugegeben: so wahnsinnig viel haben wir auch nicht darüber geschrieben. Aber: muss man das denn, oder sind bestimmte Dinge nicht manchmal auch genug Signal für Veränderung?
Ist es nicht manchmal schon genug Signal, wenn man mit Sternchen oder (wie wir es einfach optisch und aussprachehilfreicher empfinden) mit dem Unterstrich gendert, obwohl man das vorher nicht gemacht hat? Oder wenn man plötzlich alle die Menschen anspricht, die man mitmeint?

Oder aus anderer Perspektive: Wenn man im Gespräch von jemandem erfährt, das gewisse Menschen zu den Leute gehören, deren Ansichten man als transfeindlich, verächtlich und anmaßend einordnet? Oder wenn man von jemandem gesagt bekommt, dass man auch dieses Jahr nicht mit auf die Frauenkampftagsdemo kommt, weil es – erneut – Cis-Feminist_innen waren, die das Gefühl der Unerwünschtheit so heftig ausgelöst haben, wie sie es sonst nur schaffen, wenn sie eins als Frau bezeichnen (verorten), obwohl man ihnen schon x-Mal gesagt hat, dass Non-Binary-Sein genau das nicht ist

Ich hab Dörthe heute gesagt, dass sie eine ignorante Mistkuh ist, die sich mit ihrem Uwe und ihrer ganzen cishetoronormativen Kackscheiße aus meinem Leben verpissen soll. Ja. So einen langen Satz hab ich ihr gesagt und ich hab mich nicht ein Mal dabei versprochen. Obwohl ich vor lauter Verletzung und Wut über die eigene Verletzung und Trauer über ihre Ignoranz und all die Ohnmachtsgefühle gezittert hab. So sehr, dass mein knackigster Tweet, der mehr random noch dazugehört, gleich mal zwei Fehler drin hat.

Dörthe musste mir nämlich einen Text zeigen, dessen Titel mir schon früher am Tag den übelsten Cringe der letzten Wochen verpasst hatte.
Dörthe musste mir erzählen, dass das alles total viel Sinn für sie ergibt und wie sie das ja an sich selber merkt, worüber sie sich so definiert.
“Nein Dörthe, das hast du nie gemerkt. Zumindest hoffe ich das für dich. Ich hoffe, du merkst das irgendwann mal.”, würd ich ihr jetzt gerne noch sagen.

Wir waren grundsätzlich immer dankbar um Kontakte zu Menschen, für die Feminismus kein Schimpfwort oder eine Ideologie ist. Denn das ist für uns die Basis. Die Anerkennung des Umstandes, dass “der Feminismus als solcher” eine soziale Bewegung, ein gesellschaftlicher Diskurs, eine kritische Analyse des Status Quo ist. Egal, ob er in Form von Stellvertretungspersonenkult oder in bestimmten Wert- und Weltkonzepten daher kommt.

Wir haben viel Zeit in die Auseinandersetzung mit Cissen gesteckt, für die unsere Kämpfe immer wieder mehr Empowerment und Inspirationporn, als echte Solidarität mit uns und unseren Anliegen zur Folge hatte. Dazu sei gesagt: wir haben das nicht lange gemacht – vielleicht ein paar Monate und nicht, wie viele andere Aktivist_innen: seit Jahren und Jahrzehnten. Das Frust- und Schmerzlevel geht in solchen Dingen enorm an die Substanz. Schließlich spricht man mit diesen Feminist_innen nicht über Dinge wie Abtreibung, Pille danach oder von Täter_innen sexualisierte Gewalt, sondern über das, was uns ausmacht und dadurch auch unsere innerfeministischen Anliegen formt. Das geht einfach tief. Und ja: an manchen Stellen einfach 20 mal so tief wie Aufkleber klatschen und Vulva zeigen.

Jemand wie Dörthe versteht das Problem nicht, das es ist, wenn es ein Uterus oder eine im Ausweis zugeordnete Geschlechtlichkeit oder eine soziale Rolle ist, was für sie legitimiert, zur Frauenkampftagsdemo zu gehen oder nicht.
Jemand wie Dörthe ordnet uns auch dann noch als Frau ein, obwohl ich ihr sage, dass sie mir damit Gewalt antut und das bitte nicht mehr machen soll.

Dörthe findet es unnötig sich anzuhören, wie das für uns ist, auf ein Gerichtsurteil zu warten und nur hoffen zu können, dass diese spaltbreit offene Tür auch uns als Person, die es echt und wirklich als solche gibt und benannt werden kann/soll/muss/darf, legitimiert.
Sie und ihre Clique begutachten lieber die Gänsehaut der anderen, wenn sie sich über Hebammenmangel und Pflegenotstand, Erzieher_innenburn-out und Frauenmorde unterhalten. Denn es geht nie um sie als Individuum. Sie genießen den Schutz, den es – allen Diskriminierungen, die damit einhergehen zum Trotz! – für Menschen gibt, die ihr ganzes Leben als das angesprochen werden, als das sie sich heute wie früher in Gruppen wehren und kämpfen: als Frauen.

Wir als Person, die sich im Kurzen als queer, im Langen als “queer in Auserkundung dessen, was Nichtbinärität für sie bedeutet”, beschreibt, passieren nicht in diesen Diskussionen. Nirgens. Niemals.
So sehr, dass wir uns nur dort wehren und abgrenzen können, wo man uns mit Gewalt verortet: in der Weiblichkeit/Männlichkeit, die immer wieder allein über den Körper konstruiert wird.
Oder, wie im Text von Antje Schrupp, als “Eichhörnchen oder Frostschnee”. Oder in einem der unzähligen anderen Texte anderer Leute, die queere nichtbinäre trans inter * Identitäten so sehr nicht ernstnehmen und anerkennen können, dass sie sie mit anderen absurden Begriffen entmenschlichen, entwürdigen und demütigen. Manchmal just for the clicks, manchmal, weil das in der eigenen Blase unproblematisch, weil nie kritisch diskutiert, ist.

Alles das macht mich sprachlos für Forderungen oder Gegenentwürfe.
Dörthe. Die Feminist_innen, die sowas passieren lassen. Egal, ob cis oder nicht. Da passiert Gewalt innerhalb einer Bewegung, die sich doch eigentlich genau gegen Gewalt aufgrund des Geschlechts zusammengefunden hat.

Vor allem: Sie passiert immernoch.
Nicht nur jetzt, heute, wo es schon einige Literatur und einzelne sehr engagierte Stimmen gibt, die aufklären, erklären, aufzeigen, versuchen, Alternativen vorzuschlagen und und und – sie passiert schon sehr lange und sie war nie in Ordnung oder weniger schlimm, als die, die anderen Personengruppen passiert.

Ich hätte einen Text wie diesen hier schon vor Monaten schreiben können. Vielleicht auch Jahren.
Der letzte Text von Antje und der Schaden, den er produziert, ist der Auslöser für den Kontaktabbruch mit Dörthe – nicht der Grund.

Der liegt ganz woanders.
Aber darüber schreibe ich später mal.

Oder nein –  besser ihr geht zu einem der Vorträge von @redhidinghood und @ruehrtofu.

 

*was ich verstehe, wenn ich Cis-Feminist_innen über “diese (Netz)Queerfeminist_innen” reden höre

Nachklapp Hartz 4

Wenn man einen Text schreibt, der zufällig den Ton der Zeit trifft. Zufällig von Leuten geteilt und empfohlen wird, die ihn ihrerseits lesen und teilen. Zufällig zu in die Diskussionen des Moments passen.
Das haben wir hier mit unserem selbstreferenziellen Egokickipups nicht so oft. Aber wenn dann ist es nie “wegen Trauma”. Nie wegen der ganzen Scheiße, die uns hier hin gebracht hat. Nie. Und das ist doch interessant. Wie die Gründe für Dinge noch immer nicht so gern angefasst werden.

Ich habe ein paar Antworten unter Tweets von Teilenden gelesen.
In einem Forum wurde über uns als Autorin des Textes geschrieben.
Deshalb ist es mir aufgefallen.
Dass es nie um die Gewalt geht. Selbst dann nicht, wenn man einen Text damit anfängt.

Mir ist eingefallen, dass ich noch nie “gut” mit Geld umgehen konnte. Dass das etwas ist, womit ich schon als Schulkind enttäuscht habe. “Umgang” bedeutete damals offenbar “wegtun und vergessen, dass es da ist” und nicht: “Verschenken, wenn jemand welches braucht” oder “Dinge kaufen, die man möchte”.

Wie Menschen heute über Menschen in Hartz 4 reden ist ähnlich.
Da ist eine unbewortete Idee von einem “richtigen” oder “guten Umgang” mit Geld, den man einfach mal eben so machen und pflegen muss. Oder “lernen” muss.
Was der Maßstab für “guten Umgang mit Hartz 4 Geld” sein soll, ist mir noch immer nicht klar, denn ich kriege weder mich noch mein Leben von Geld getrennt. Mein Leben und meine Lebensqualität hängt direkt an dem, was Monat für Monat, mal mehr mal weniger pünktlich auf meinem Konto landet. Manchmal auch einfach nicht, weil ein Stempel falsch sitzt oder es einen Zettel, den es schon tausend Mal in meiner Akte gibt, noch ein tausendundeinstes Mal braucht.

In der letzten Woche habe ich viele Erfahrungsexpert_innen gelesen, die ihre Verhältnisse komplett offenlegen. Und ich dachte wieder, wir müssten das auch machen. Als wäre das kollektive Nacktsein vor Angezogenen etwas, das etwas verändert. Die Debatte weniger schlimm, weniger demütigend macht. Als wäre das die Art Solidarität, die “uns Hartzis” irgendwie verbinden würde. Und eine Revolution auslöst.

Ich bin mit 15 in die Jugendhilfe gekommen. Mein Geld für jeden Posten war abgezählt. Als ich mit 18 in die ambulante Hilfe und dann ins Hartz kam, löste ich jede Woche einen Scheck ein.
Das war und ist bis heute mein Umgang: Niemals länger als zwei Monate im Voraus, Schuldengefahrabwehr vor Dingen in Kühl- oder Kleiderschrank.
Endziel: in der letzten Monatswoche noch was haben.

Pflicht: Rechnungen und Versorgung des Assistenzhundes
Kür: eigene Versorgung auf einem Level das halbwegs reicht
Schwierigkeitslevel: chronisch krank sein, extra Ausgaben an Dingen, die mir helfen Behinderungen zu kompensieren und dieser verflixte Wunsch nach Musik, Büchern, mal zum Friseur, ein zwei Farbfilme entwickeln zu lassen, mal den Fernbeziehungsherzmenschen besuchen, daneben Ehrenämter und Herzensprojekte mit_tragen

Mit abgezähltem Geld umgehen zu können ist nicht der “gute Umgang”, an den Menschen denken, die nicht so wirtschaften. Der “gute Umgang mit Geld” schließt Vorsorge mit ein. Und die ist utopisch unter Hartz 4.
Selbst wenn man es schafft am Ende eines Monats, vielleicht sogar zweien oder dreien etwas übrig zu haben, dann muss man Zahnbehandlungen zuzahlen, braucht eine neue Brille, muss mal jemanden dafür bezahlen als Assistenz irgendwohin mitzukommen, wo der Hund nicht mitdarf.
Das ist, was wir als “Mangelwirtschaft” bezeichnen. Das Weitermachen, obwohl es nie reicht.

Armut, Hartz 4 ist kein individuelles Schicksal. Kein persönliches Versagen.
Wenn man arm ist, dann gibt es kein “hättste mal besser”, das in irgendeiner Form berührt, worum es eigentlich geht.

In ihrem Buch “Gegen den Hass” schreibt Carolin Emcke, dass Armut eine gesellschaftliche Konstante ist. Und, dass arme Menschen nicht als Gruppe wahrgenommen werden.
Deshalb kommen Menschen auf die Idee, Jens Spahn würde etwas aus einem selbst erlebten Hartz 4-Monat lernen. Tatsächlich würde er mehr lernen, wenn er einen Monat lang täglich mit Menschen in Hartz 4 und anderen prekären Lagen reden und zusammenleben müsste.

Ich habe ein paar Leute gelesen, die den Ton von meinem Text als “scharf” bezeichnen. Das gefällt mir.
Ich will scharf klingen. Ich will so abgegessen, frustriert, verbittert und wütend gelesen werden, wie ich bin, wenn sich Politik und Feuilleton mit dem Thema befassen, als würde es sich bei Hartz 4 um etwas handeln, dass “ja eigentlich ganz gut” oder “mehr oder weniger schnell vorrübergehend” ist.

Verdammt ich hab seit meiner Flucht und meiner Entscheidung für das Leben noch nicht einmal über der staatlich hingerechneten Grenze gelebt. Mag sein, dass ich mit Ende 80 zurückblicke und denke, dass diese 13 + wer weiß wie viele da noch kommen, Jahre etwas Vorrübergehendes waren.
Jetzt gerade sind sie mein Leben nach der Gewalt.
Und wenn ich gewusst hätte, dass es das mitmeint – diese Form der Gewalt, gegen die man sich weder zur Wehr setzen noch aktiv um Schutz davor bitten kann – ich weiß nicht, ob ich mir damals die Kraft zugetraut hätte, das so lange zu ertragen. Und immer weiter und weiter zu versuchen etwas zu finden, was ein Weg heraus sein könnte.

Deshalb dachte ich an die Gewalt.
Auch wenn es um die transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen geht, klingt die Idee von “gutem Umgang” durch. Immer wieder komme ich in der Auseinandersetzung mit der Gewalt an mir an die Frage, ob und wenn ja in welchem Ausmaß meine Familie vielleicht genau deshalb so dysfunktional war, weil da eigene unreflektierte Traumafolgen gewirkt haben.

Wie ist das für Hartz-Eltern, dem eigenen Kind beim Antritt in die vererbte Armut beistehen zu müssen?

Wie wird das für mich wenn ich ein Elter bin?
Welcher Umgang mit der Gewalt, die mir passiert ist und der ich nachwievor einen gewissen Raum in meinem Leben geben muss, um sie zu verarbeiten, ist denn “der gute”?
Soll ich auch vom Familie gründen besser ausgeschlossen sein?
Von einem der urmenschlichsten aller Dinge?
Oder kompromisslicherweise durchkontrolliert und abgezählt bis man alles auf die nächste Generation abladen kann, indem man sagt, jede_r sei des eigenen Glückes Schmied?

Ein bisschen was habe ich auch vom bedingungslosen Grundeinkommen bzw. Bürgergeld gelesen.
Auch so eine Hippieidee ohne ernsthafte Anerkennung von Armut als tragenden Wirtschaftsfaktor.
Reichtum braucht Armut.
Kapitalismus braucht Reichtum.
Allen das ihre und weiter wie bisher, lässt Armut nicht verschwinden. Leider nicht.

Bedingungslose Versorgungssicherheit und ein Miteinander, das nicht von Gewalt geprägt ist, lässt Armut verschwinden. Zumindest in der Form wie wir sie heute kennen.
Davon bin ich bis zum Gegenbeweis überzeugt.

Fundstücke #59

Ich hab mich mal gefragt, wie sie das so durchstehen konnten. Damals. Jeder Tag muss in irgendeiner Form schmerzhaft gewesen sein. Hier ein blauer Fleck. Da eine Demütigung. Hier eine Angst. Da eine Bedrohung. Und irgendwo da ganz klein vor sich hinschrumpelnd der Gedanke, der vielleicht auch Hoffnung war, dass das endlich irgendwie aufhört.

Ich bin grad krank, glaube ich. Irgendwas brütet in diesem Körper und stößt eine Kaskade nach der anderen an. Der Zeitpunkt, an dem ich noch wusste, was antriggertes Erinnern ist und was nicht, ist an mir vorbeigedümpelt wie ein nur halb untergangenes Boot.
Mit dem Workshop hatten wir uns übernommen. Wir waren Dienstagnachmittag total erschöpft und es ist nicht neu für uns dann extrem empfindlich zu sein. Also haben wir geschlafen. Fast den ganzen Mittwoch.

Am Donnerstag kamen die Schmerzen. Erst im linken Oberarm, dann in der Schulter. Am Nachmittag im rechten Oberschenkel, dann im Bereich zwischen Zehenspitzen und Knöchel. Erst als merkwürdiger Schmerz, der sich weder von Bewegung noch Wärme beeinflussen lässt, dann als Pfahl aus Eis, der sich von der Knochenmitte bis runter ins Gliedmaß runterbohrt bis er schmilzt und ein derartig tiefes Reißen an den Knien und Ellenbogen zurück lässt, dass ich deutlich merke wie ich der Dissoziation auch nichts mehr entgegensetzen will.

Ich bin müde und mir ist schwindelig. Also liege und schlafe ich. Drehe mich wenn der Schmerz mehr wird, stehe auf, wenn die Schmerzmittelwirkung nachlässt. Irgendwann bin ich wach und sitze so, dass ich das Laptop vor mir habe und nur Augen und Finger bewegen muss, um zu reden, zu witzeln, in der Welt zu sein.

Ich habe die Telefonnummer von Hausärztlichen Notdienst hier liegen. Ich warte auf das Moment, in dem ichs echt nicht mehr ertragen kann. Samstag ist heute. Ich weiß nicht, wie ich das bis jetzt ertragen habe, aber ich habs und deshalb rufe ich da nicht an.

Und vielleicht war das früher auch so.
Vielleicht haben sie auf etwas gewartet, was nicht passiert ist, weil sie nicht wussten, wie das worauf sie gewartet haben ist.
Ich weiß nicht wie “Ich ertrag das nicht mehr” ist. Ich weiß nur, wie der Gefühlsgedanke ist, es nicht mehr zu schaffen. Und dann greift die Dissoziation. Und die Dinge, die man sich einredet, damit das alles keine Angst macht.

Ich hab bestimmt nur einen Infekt. Ich bin nur erschöpft und etwas empfindlich. Kurz NakNak*versorgen. Essen.
Schlafen. Schonen. Montag zur Hausärztin. Noch ein paar Ibuprofen, noch ein bisschen Diclofenac. Viel Wasser.
Und wenn ichs nicht mehr ertragen kann, kann ich ja da anrufen.

von und mit Hartz 4 über.leben

Am 14. 3. 2018 fragte Zeit Online Menschen in Hartz 4, nach ihrer Lebensrealität.
Wir haben einen langen Text geschrieben.
Diesen langen Text haben wir noch einmal ergänzt.

 

Von und mit Hartz 4 überlebe ich seit seiner Einführung im Jahr 2005.
2005, da war ich 18/19 Jahre alt. Jugendhilfekind seit 3/4 Jahren. Betreut in der ersten eigenen Wohnung, aus Gründen, die etwas mit meinem Willen zum Überleben und der Entscheidung zum Leben selbst zu tun hatten.

Eine Wahl, ob ich Hartz 4 in Anspruch nehme oder nicht, hatte ich nie. Um in mein Leben als schwerbehinderte, durch Gewalt in der Familie komplex traumatisierte Person hineinzufinden, brauchte ich institutionelle Hilfen. Die bekommt man als Jugendliche_r nur dann, wenn man nichts hat und niemand sonst dafür aufkommt.

Mein Hilfebedarf und der strukturelle Ausschluss, den ich aufgrund meiner Behinderung erfahre, halten mich bis heute in Hartz 4.  Nach meinem Realschulabschluss an der Abendschule, für den ich aufgrund mehrerer Krankenhausaufenthalte länger brauchte als die Schüler_innen, mit denen ich den Bildungsgang begann,  folgten 10 Jahre Bewerbungsphase, Mangelmangament und ein Kampf um das eigene Leben, der weitestgehend unsichtbar für die Menschen in meinem Leben und vielleicht auch weite Teile der Gesellschaft war.

Bei Antragsstellung auf Hartz 4 konnte ich noch eine Erstausstattung für Möbel, Waschmaschine und Kühlschrank beantragen. 10 Jahre später sind die Pressspanmöbel, die ich von dem Geld im Möbeldiscounter kaufen konnte alle kaputt, denn umziehen kann man mit solchen Möbelstücken nicht besonders oft.
Steigende Mieten bei gleichbleibend niedrigen Wohngeld erforderten aber genau das.
Einen Antrag auf Ausstattung kann man nur einmal stellen. Wenn man später erneut große Anschaffung machen muss, muss man ein Darlehen beim Jobcenter beantragen. Das wird dann in Raten vom Existenzminimum abgezogen.

Heute wohne ich in einer überalterten Wohnung mit Dusche übern Gang und Durchlauferhitzern an allen Wasserhähnen. Und zahle immer noch mehr Miete, als es mein Wohngeldsatz abdeckt.
Warmwasser ist ein Luxusgut in meiner Wohnung. Jedes Jahr streite ich mit der Wohnungsbaugenossenschaft, ob eine Mieterhöhung angemessen ist, oder nicht. Sollte ich diesen Streit einmal verlieren, verliere ich wieder ein Zuhause.

Von der Erstausstattung damals habe ich heute nur noch den Kühlschrank und die Waschmaschine.
Was ich mache, wenn die kaputt gehen? Ich habe keine Ahnung.
Ob, und wenn ja, wie ich solche Gegenstände ersetzt bekomme, passiert in meinem Leben nach dem Zufallsprinzip, das viel mit damit zu tun hat, wie leicht ich meinen Stolz und das bisschen Verlangen nach Würde, das ich durchaus noch habe, hintan stellen kann – noch mehr jedoch mit schierem Glück.

Als mein Backofen kaputt ging, bot jemand bei Twitter an, mir einen neuen zu bezahlen. Die gleiche Person hat mir eine neue Matratze gekauft, als meine alte, die ich schon gebraucht hatte kaufen müssen, nach 8 Jahren nicht mehr nutzbar war. Ich vermeide es aktiv darüber nachzudenken, wie sich das für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass es kein gutes Gefühl ist.

Wenn Freund_innen ihre Kleidung aussortieren, schicken sie mir das, was sie nicht mehr wollen.
Seit Jahren sehe ich also überwiegend aus, wie andere Leute nicht mehr aussehen wollen und was würde besser zu einem Menschen passen, der so lebt, wie andere Leute nicht leben wollen?

Jens Spahn meint, mit Hartz 4 müsse man nicht hungern und ich kann ihm darin zustimmen.
Mit Hartz 4 muss man nicht hungern. Man kann wählen, ob man hungern will oder lieber keinen Strom haben. Oder keinen Telefonanschluss. Oder keine Monatskarte für den ÖPNV. Oder keine Schulsachen. Oder keine kulturelle Teilhabe. Oder Möbel. Oder Kleidung.

Ich habe das “Glück” auch noch wählen zu können, ob ich hungere oder auf Medikamente verzichte.
Als die Politik die Praxisgebühren für eine gute Idee hielt, sparte ich an Hausarztbesuchen, um meine regelmäßig notwendigen Facharzttermine haben zu können. Denn Praxisgebühren zusammen mit Rezeptgebühren und den Kostenanteilen für Krankentransporte, übersteigen das Budget, das ich für Medikamente und medizinische Notfälle frei machen kann.

Natürlich gibt es die Möglichkeit von diesen Kosten befreit zu werden, aber natürlich ist auch das wieder an Bedingungen geknüpft. Es muss bereits ein Betrag gezahlt worden sein – den muss man aber erst einmal haben. Und dann muss diese Befreiung auch noch bei der Krankenkasse beantragt werden.
Für mich ist das ein weiterer bürokratischer Akt, der von mir Fähig- und Fertigkeiten abverlangt, die mir aufgrund der Behinderung mit der ich umgehe, nicht nur “nicht so einfach von der Hand gehen” , sondern auch immer wieder Auslöser für psychische Krisen bis hin zur Suizidalität werden.

Als Person im Hartz 4-System ist diese Art der strukturellen Hürden nur allzu bekannt für mich.
Deshalb habe ich mich nach Jahren der Einbrüche in die inzwischen als “Hartz fear” bekannten Ausnahmezustände, für eine freiwillige gesetzliche Betreuung entschieden.
Ein weiterer Punkt an dem meine Würde begrenzt wird. Eine weitere Instanz, die eine Akte über mich und mein Leben in einem Büro stehen hat.
Es ist eine zusätzliche Erinnerung daran, dass ich und mein Leben von gesichtslosen Instanzen verwaltet und bestimmt werden, statt von mir selbst.

Mein Über.Leben mit Hartz 4 halte ich heute nicht mehr unsichtbar.
2008 habe ich angefangen meine Er_Lebensrealität im Internet mitzuteilen. Immer wieder habe ich aufgeschrieben, wenn mir die Existenzangst den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Jede Ablehnung auf eine Bewerbung, jede verspätete Zahlung des Jobcenters, jedes Ringen um Anträge auf Hilfeleistungen, Darlehen und die Zweifel an meinem eigenen Wert als Mensch in dieser Gesellschaft, habe ich in mein Blog geschrieben und tue das noch heute.
Nicht, weil ich mein Leben für besonders exemplarisch halte, sondern, weil es noch viel zu wenig Menschen tun (können) und es so weiterhin als Ausnahme gilt.

Für mich war Hartz 4 nie der Lückenfüller zwischen zwei Jobs oder das, was ich haben kann, während ich etwas tue, was mich perspektivisch davon unabhängig macht.
Hartz 4 hat mich zu dem Problem gemacht, das ich heute für Teile der Gesellschaft bedeute.

Oder eben auch nicht. Es kann ja auch praktisch sein, eine Bevölkerungsgruppe in Armut zu halten, damit man eine Art nachwachsende Masse an Menschenlebensrealitäten hat, mit der man anderen Menschen genug Angst macht, damit diese immer mehr Ausbeutung mit sich machen lassen.

In eineinhalb Jahren werde ich meine Berufsausbildung beendet haben.
Dann bin ich 33 Jahre alt und habe Anlass zur Frage, ob und wenn ja wie Familiengründung und verantwortungsvolle, vielleicht auch autonome Zukunftsplanung für mich möglich sein können.

Als schwerbehinderte Person mit Kinderwunsch, ohne Familie im eigenen Unterstützerhintergrund, wird es in keinem Szenario leichter, einfacher, sicherer, weniger von Zufall und politischem Gusto abhängig, wie ich in Deutschland überleben können werde.

Das Einzige worauf ich mich verlassen kann, ist, dass es immer wieder Menschen geben wird, die versuchen das eigene Selbstbild Gewissen mit Wohlfahrtsgesten  auf zu polieren zu beruhigen. Es wird immer Menschen geben, die Mitleid und den Wunsch haben, die_r Retter_in für die armen, alten und kranken Menschen in der direkten und indirekten Umgebung zu sein. Und es wird immer Menschen geben, die diese Menschen einspannen, um Geschäftsmodelle zu realisieren und zu etablieren, die ihrerseits arme, kranke und alte Menschen in Not brauchen.

Ich selbst habe “die Tafeln” in den letzten 13 Jahren insgesamt 5x in Anspruch genommen.
3 x weil meine Stromkostennachzahlungen den Wert von 3 Wochen Lebensmittel hatten, 2 x, weil ich Winterjacke und –schuhe gegen Essen eintauschen musste.
Ich hätte auch Freund_innen um Geld bitten können. Sie hätten mir alle was gegeben. Doch diese 5 Male konnte ich das einfach nicht ertragen.  Diese 5 Male wollte ich vor meinen Freund_innen nicht die sein, die Geld für Essen erbetteln muss.

“Die Tafeln” haben sich gegründet, um der Lebensmittelverschwendung etwas entgegen zu setzen und sehen ihren Auftrag nicht darin eine Armenspeisung zu machen. Für mich zeigt sich in diesem Selbstverständnis die Ignoranz, die nur entwickeln kann, wer nie (über längere Zeit) auf Hartz 4 und Spenden angewiesen war.
Denn es sind und waren schon immer arme Menschen, die den Müll, den niemand sonst mehr will, im besten Fall geschenkt, in der Regel jedoch zu- und ausgeteilt bekommen.

In Deutschland gibt es meiner Meinung nach keine Sicht auf Spenden und Hilfen, die für die eigene Abschaffung sorgen. “Die Tafeln” sind ein gutes Beispiel dafür.
Lebensmittelverschwendung ist ein Problem, das verantwortungslose Verkäufer_innen verursachen. Anstatt nur so viel einzukaufen, wie auch wirklich verkauft wird, wird so viel eingekauft, das immer ein Überschuss bleibt, dessen Entsorgung durch Müllwirtschaft preisgünstig und einplanbar ist. “Die Tafeln” und andere Lebensmittelrettungsorganisationen kommen zu diesen Verkäufer_innen und nehmen ihnen diese Verantwortung auch noch ab.

Es ist eine Verwertungsschleife. Eine weitere Profitschleife.
Keine Maßnahme, die zu nachhaltigen Veränderungen am Grundproblem führt.
Das Schlimme daran ist nicht, dass das so ist – das absolut Schlimme daran ist, dass es das nie sein sollte: eine echte Veränderung eines Grundproblems.

Meiner Ansicht nach ist das Grundproblem das, überhaupt für Dinge bezahlen zu müssen, die die Grundbedürfnisse von Menschen sichern und befriedigen. In unserem Wirtschaftssystem muss man für das eigene (akute) Überleben ganz direkt bezahlen und hält das für normal.
Lassen Sie das vielleicht einmal richtig einsinken:
Wenn man nicht isst, dann stirbt man.
Wenn man nicht warmgehalten ist, dann stirbt man.
Wenn man krank ist und nicht versorgt wird, dann stirbt man.
Wenn man keinen sicheren Ort hat, dann stirbt man
Wenn man keine soziale und kulturelle Teilhabe hat, dann sieht man keinen Sinn mehr darin zu leben.

Damit man nicht stirbt, bezahlt man Geld. Und zwar immer wieder.
Das Leben selbst hat so in keinem Fall mehr einen “unschätzbaren Wert”.

Wir als Konsument_innen bezahlen nicht dafür, dass Bauer Heinze es sich leisten kann, seine Äcker so zu bewirtschaften, dass er ihn noch so lange nutzen kann, bis er nicht mehr will oder kann. Wir geben ihm Geld für einen Teil seines Ertrages plus den Profit, den der Verkauf einbringen soll.
Damit wir etwas zu Essen haben. Damit wir nicht sterben.

Hartz 4 hat mich lange in der Idee gehalten, immer möglichst viele Lebensmittel für so wenig Geld wie möglich einzukaufen. Dazu gehörte der Konsum von fertigen und durch staatliche Subventionen dauerbillig gehaltene Lebensmittel. Also vor allem Milch und Fleischprodukte, die mir, wie ich heute weiß, gesundheitlich massiv schaden und auf vielen anderen Ebenen hochproblematisch sind.

Ich habe mich lange nicht im wirtschaftlichen/produktiven Sinne gefragt: Wofür leb ich eigentlich?
Denn für mich ist die Antwort darauf schmerzhaft: Als Hartz 4-Empfänger_in (die mit Behinderungen lebt) ist mein Überleben vor allem als Konsument_in wichtig. Nicht als Produzent_in. Nicht als Mit_Gestalter_in. Nicht als Mit_Bestimmer_in.

Mir wird Geld gegeben, damit ich überleben kann, damit Bauer Heinze überleben kann, damit andere Profit machen können, damit alles immer verfügbar ist – egal wie, egal wie lange noch, egal mit welchen Auswirkungen auf die Mitwelt und all die Generationen nach uns.

Niemandem scheint es darum zu gehen, wie lebenswert das Leben ist, das mir genau jetzt mit Hartz 4 gesichert wird.
Niemanden scheint es zu interessieren, was ich und all die anderen Menschen in meiner Lage zu geben haben, wenn wir nicht 24/7 damit beschäftigt sind zu nehmen, um zu überleben.

Das ist kränkend und krank machend. Manchmal auch: krank haltend.
Vor allem, wenn Außenstehende meinen, sie könnten das in irgendeiner Form nachempfinden und besser machen.

 

Ich weiß – sie fragen in Ihrer Zeitung nur danach, wie ich so mit Hartz 4 lebe, aber ich will bei der Gelegenheit auch sagen, was ich mir anders wünsche und von der Regierung fordere

Ich wünsche mir die Möglichkeit als Hartz 4-Empfänger_in vom Jobcenter bei jeder Art von Aus- und Weiterbildung finanziell unterstützt zu werden.
Meine Ausbildung, als nicht mehr Minderjährige wird zum Beispiel finanziell nicht unterstützt, obwohl meine Chancen auf eine Berufstätigkeit mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung steigen wird. Und genau das doch ist, was mich angeblich aus dem System Hartz 4 herausbringen soll.

Ob ich studieren kann, hängt vom Bafög-Amt und dem Engagement für die Inklusion von schwerbehinderten Studierenden einer infrage kommenden Fachhochschule bzw. Universität ab.
Ob Ausbildung und Studium genügen, irgendwann selbst für mich und mein Leben aufzukommen, wird der Arbeitsmarkt und sein Grad an gelebter Inklusion dann zeigen.

Ich fordere von der Regierung die konsequente Inklusion und Entschädigungen für Personen wie mich, die in der Zeit zwischen Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention und der konkreten Umsetzung, wegen struktureller Diskriminierung aufgrund einer Behinderung keine andere Wahl hatten als abhängig, arm und ausgeschlossen zu sein.

Den emotionalen Schaden, den die Jahre in Hartz 4 (und damit in Armut, Ausgrenzung, permanentem Mangel und Perspektivlosigkeit) mir beigebracht haben, wird kein Geld der Welt jemals ausgleichen können.
Sich aber wenigstens für eine Weile nicht mehr zwischen der Erfüllung von Grundbedürfnissen entscheiden zu müssen und dadurch Zeit und Raum für Perspektivenentwicklung und Zukunftsabsicherung zu haben – das wäre nur gerecht und angemessen. Eine wahrhafte Grundsicherung.

An die Menschen mit Behinderung bzw. chronischer Krankheit hat man weder bei Konzeption noch Einführung von Hartz 4 jemals gedacht. Man denkt selbst in der Diskussion heute nicht an diese Personengruppe, sondern konzentriert sich auf all die Menschen, die kontinuierlich arbeitsfähig sein könnten, würde es Stellen für sie geben.

Das muss sich ändern.
Deshalb habe ich Ihnen all das hier aufgeschrieben.
Bitte sehr.

Fundstücke #58

Und dann sind die Termine und Verabredungen, die wir ausmachen, nur noch Steine, die ich wahllos ins Nirgendwo werfe, um mich von ihrem dumpfen Aufprall trösten zu lassen.

Eine Englisch-Gruppenarbeits-Deadline am Sonntag, Nachhilfe und Laptop-Hospiz am Samstag. Freitag morgens wackelt die provisorische Krone am Schneidezahn, abends fällt das Kronenprovisorium rechts oben raus.
Ich sehe jemandem im Spiegel und könnte kotzen, als es in meinen Mund hineingreift, um den Kunststoff mit Zahnpasta festzukleben.

Montag, Dienstag sind kaum zu erwarten. Ein Etwas flattert wie wild in meinem Zwerchfell umher, weil es einen Virtual-Reality-Workshop besuchen darf. Gruppenarbeit mit fremden Mitschüler_innen, in einer fremdem Umgebung, mit fremden Lehrer_innen. 6 Stunden ab 10, kurz vorher noch mal schnell zur Zahnärztin, die Krone richtig ankleben lassen. Montagabend Therapie und die Angst, all das runtergeschluckte Kotzen der letzten Wochen auf einmal nicht mehr drinnen behalten zu können.

Es freut sich so, ich habe Angst krank zu werden. Verdammt nochmal, wieso husten und niesen so viele Leute ohne die Hand oder ein Taschentuch vor dem Gesicht?!

Der Deal ist am Mittwoch krank zu werden. Schlafen und genesen bis Montag, dann ist die Matheklausur für die ich noch gar nicht lernen konnte. Aber Termin ist Termin nicht wahr – von irgendwo wird sie schon hergeflogen kommen, die Leistung, die „ich“ eigentlich immer erbringe oder nicht erbringe, egal ob ich lerne oder nicht, ob ich will oder nicht, ob ich kann oder nicht.

Ist alles zu viel? Nein. Ja. Doch. Und nein.
Gleichzeitig.

Mist ich wollte noch eine Email wegen der Lernpartnerschaft schreiben. Oh man, wir müssen schlafen. So dringend ausschlafen, Ferien haben, Pause machen, Leerlauf haben.
Und gleichzeitig ist alles okay.
Frühlingsflüstern, erste Wärme.

Alles wird besser, denn es ist alles gut.
Eigentlich.

kein Schicksal

Mein Schicksal teilen, schlägt eine Freundin vor. Ein bisschen hilflos vielleicht. Ganz sicher überrascht von der offensiven Art mit der ich plötzlich von etwas spreche, über das sie mich noch nicht hat sprechen hören.

Ich gehe üblicherweise nicht in Kontakte und sage: “Ich fühle mich gerade ekelhaft, denn der Flashback von vor 20  Minuten lässt mich nachwievor erinnerfühlen, wie mir Sperma den Oberschenkel runterläuft.”. Bis heute.
Und dann sagt sie etwas von Selbsthilfegruppen und Schicksal teilen.

Und mir wird klar, dass es doch etwas ausgemacht hat, “diese Traumadinge” einfach nicht auszusprechen. Denn zumindest für sie ist es noch immer “ein Schicksal” und keine Gewalt_tat, die jemand beging, weil es möglich war.

Mich hat das getroffen. Nicht Wutpanzer-drüber-und-weiter-gehts-getroffen, sondern Tränen-die-nach-innen-abfließen-getroffen. Denn: ein “Schicksal” ist etwas, das niemand beeinflussen kann. Das über den Menschen hereinbricht und von nichts und niemandem verhindert werden kann.

Schicksal, das ist für uns göttlich. Lauf der Dinge. Natur.
Gewalt ist kein Schicksal. Gewalt ist menschlich. Gewalt ist verhinderbar.
Und zwar von jenen, die sie ausüben, die sie legitimieren und von jenen, die sie ermöglichen.

Meine Freundin versteht das nicht.
Sie versteht nicht, dass sie mit dieser Begrifflichkeit die Gewalt an mir zu etwas macht, das nichts mit den Täter_innen zu tun hatte.

Sie versteht nicht, was es mit mir macht, wenn sie meine Gewalterfahrungen mit den Erfahrungen von Tsunami- oder Erdbebenüberlebenden gleichsetzt.

Sie versteht nicht, wie stumm sie mich damit macht. Denn G’tt kann ich nicht anschreien, nicht strafen, nicht anzeigen und für das verurteilen, was durch si*hn mit mir passiert ist.

Sie versteht nicht, dass sie mich mit diesem Framing ohnmächtig macht. Und hält. Denn mehr als teilen kann man Schicksale nicht. Man kann sie nicht auflösen, indem man sie verarbeitet, wie man das mit einer menschengemachten Wunde in Menschenseelen.fleisch tun kann.

Sie versteht nicht, dass wir erstmal eine Weile keinen Kontakt mit ihr haben wollen.