Autor: H. C. Rosenblatt

Fundstücke #58

„Das ist bestialisch“, hatte die Therapeutin dazu gesagt. Und während ich mich unter dem Gefühl der Kongruenz durch ihren Ausdruck von Abscheu und Abgrenzung entspannte, fiel mir auf, wie praktikabel das Mittel der Entmenschlichung ist. Nicht nur heute, wo es eine tückische Entlastung ist, menschlicher Gewalt den Wortmantel der Unmenschlichkeit anzulegen, sondern auch früher, wo sich die Energie der Gewalt ihre Bahn durch Selbst und Sein eines Kindes brach und keine als menschlich akzeptierte Eigenschaft hinterließ.

Es ist tückisch, denn es bestätigt die Ablehnung des Ausmaßes der Folgen für das Kind, in der es die Gewalt als etwas wahrnimmt, das nie aus einer gemeinsamen Basis kam.
Doch genau das stimmt nicht.
Und das ist das Problem.

Menschen, die Gewalt ausüben, durchdringen und versehren eine Entität, die sich im günstigsten Fall darüber nie Gedanken machen musste. Das ist ein Schmerz, den Menschen vermeiden, sobald sie geboren sind und durch viele soziokulturelle Praxen und Technologien im Laufe des Lebens immer sicherer nicht zu erleben versuchen.
Warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen diesen Schmerz zufügen? Was sollte denn jemand von etwas haben, das niemand will?

Zwischenmenschliche Gewalt wird heute so vielfältig erklärt und analysiert. Da gibt es Machtanalysen, da gibt es Pathologisierung, da gibt es Räume voller Fragezeichen und individueller Erzählungen von Menschen, die über ihre eigene Täter_innenschaft reflektieren.
Hinterher. Wenn ES vorbei ist und die Gewalt_Hinterbliebenen versuchen sich selbst und die Welt, in der sie passieren, in dem wieder zu finden, was ihnen geblieben ist: Leib, Leben, Da_Sein.

Das Geständnis vom Monster im Innen, den Tieren unter uns, dem Biest unter der Haut, das die Welt zerstören kann, haben wir nie abgelegt, um einen Selbsthass auszudrücken oder um mehr als eine, mal mehr mal weniger nah, wahrgenomme Zerstörungs- bis Tötungsenergie zu benennen.
Diese Innens/Anteile/Energien nehmen wir so wahr und wissen, dass es Menschen gibt, die diese Wahrnehmung wenigstens in dem Moment geteilt haben, in dem sie sich davon bedroht gefühlt haben. Vielleicht, weil da eine Facette von Menschlichkeit – menschlicher Überrestigkeit – spürbar war, die nicht mit dem eigenen Wahrnehmen und Erleben von Menschlichkeit in Einklang zu bringen war.

Es ging auch nie darum anderen Menschen die Angst zu breiten, die wir vor uns selbst haben und uns selbst von eben jener Angst abzutrennen, indem wir uns als etwas positionieren, das nie mit ihnen zusammen passiert.

Heute denke ich, dass es dem Kind, das ichwir einmal waren, damals schon klar war, dass ein Mensch, dem so viel zerstört wurde, einen anderen Rahmen übrig hat. Ein anderes Funktionieren. Eine andere Art des Lebens.
Ein unmenschliches Leben. Nicht: ein schlechteres Leben, nur: ein unmenschliches

Es gibt die Idee in der Erklärung wie sich Identitätsstrukturen ausentwickeln und -gestalten, dass es fixe Ideen bzw. mehr oder weniger reflexhaft assoziierte Identifikationen sind, die dazu führen, dass man in manchen Vielen Roman- oder Fantasiefiguren findet. Unter anderem Monster, Tiere, Bestien.

Eine Therapeutin vertrat uns gegenüber aber auch schon die Ansicht, dass diese von uns als unmenschlich wahrgenommenen Innens der Versuch war/ist, die Identität und die Zerstörungsintension der Täter_innen uns gegenüber zu erklären und abzuwehren. Am Ende: dass wir aufhören müssten, uns und dadurch jene, die an uns zu Täter_innen wurden, zu verkleiden.
Als wäre das alles eine schiefgegangene Scharade. Ein Eskapismus, eine Flucht vor einer Realität, die wir uns kreiert haben, weil uns die gegebene nicht gefallen hat.
Nicht, weil es das war, was wir noch aus dieser Realität danach machen konnten.
Diese Flucht in Aspekte der Realität, die so vielen Menschen in unserem damaligen Kinderleben scheinbar verborgen war.

Wir selbst schreiben oft von Dissoziation als trennendes Element. Jedoch merke ich gerade, wo DAS DA in mir arbeitet und wie ein auf leichter Flamme vor sich hin wirkendes Geblubber auch da sein kann, dass es manchmal auch um Verschmelzung geht.
Verschmelzung mit Dingen, die von der Gesellschaft, der Realität, dem Leben, das von so vielen Menschen abkürzungshalber „Normalität“ genannt wird, getrennt passieren.
Mit dem Moment, in dem jemand „wie ein Tier“ rast, wütet, Gewalt ausübt (… leidet …) – und doch ein Mensch ist, der menschliches tut (… erlebt).

Nur nicht mehr als solcher akzeptiert wird.
Von allen anderen um ihn herum.

Als würde die Menschlichkeit der Täter_innen als Bestie verkleidet, um sie und ihre Tat zu verstecken.
Abzutrennen. Zu Dissoziieren.
Als sei nur so ein Urteil zu fällen oder eine Einordnung zu treffen. Als könne man der Gewalt und ihren Folgen nur so begegnen.

Mit Gewalt durch Aberkennen der Zugehörigkeit zur Menschenheit.
Einem unveränderlichen, unbeeinflussbaren, unwählbaren Merkmal.

<!–kaskadierende Traumascheiße–>

disclaimer: Für uns sind Gleichsetzungen mit Maschinen und ihren Funktionen okay. Das gilt nicht für alle Menschen, die mit Traumafolgen leben.

Wenn ich versuche Menschen zu erklären, was Vielesein ist und wie es bei uns funktioniert, greife ich gerne auf folgendes Bild zurück.

Gegeben sei ein Mensch als Computer.
Es gibt Inputkanäle (Tastatur, Maus, USB und sonstige Anschlüsse für Kamera und Mikrophon, CD/Diskettenlaufwerke) und Outputkanäle (Bildschirm, Drucker, Lautsprecher). Es gibt ein Gedächtnis (die Festplatte), es gibt Verarbeitungssysteme (Prozessoren und der ganze Kladderadatsch, der mit dazu gehört). Es gibt verschiedene Selbst-Schutzmechanismen (mechanisch: die Kühlung, digital: Codeangaben, die Prozesse beenden, die zu lange dauern oder zu viel abverlangen).
Es gibt bestimmte grundlegende Dinge, die gegeben sein müssen (Strom, Unversehrtheit, Code, der wenigstens Hardware und Betriebssystem richtig zusammenbringt (Informatiker_innen, die ihr das lest, bitte nehmt das jetzt einfach so hin  ^__^’ ).

Menschen, die in ihrem Leben wohl auch schwierige und belastende Erfahrungen gemacht haben, jedoch nicht davon traumatisiert wurden, finden in ihrem Betriebssystem (ihrem Erfahrungsschatz, ihren Fähig-und Fertigkeiten) Möglichkeiten damit umzugehen, ohne Umbaumaßnahmen an sich vornehmen zu müssen.
Sie kommen mit einem Laufwerk zurecht, teilen sich dies aber zuweilen auf in “privat” und “Arbeit” oder in “allein”, “mit Freund_innen”, “unter Kolleg_innen”, “mit Freizeitpartner_innen”.
Der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität war und ist immer vom Gesamtsystem zu leisten gewesen. Auch in Momenten, die schwierig waren.

Die Kommunikation von Hardware und Software wird bei diesen Menschen kontinuierlich verbessert, Schwerpunkte der Nutzung/Belastung von In- und Outputkanälen werden von individueller Rechnungsleistung im Zusammenspiel mit der Ansprache ausgebildet. Sprich: Wenn ein Mensch eher der visuelle Typ ist, dann verbessert sich die Kommunikation zwischen Dateninputkanal “Tastatur” und Datenoutputkanal “Bildschirm” im Laufe seines Lebens zu einer insgesamt stabilisierenden Säule der Funktionalität des Gesamtsystems.

Mir wird zunehmend bewusst, dass es bei uns insgesamt anders läuft.
Da sind sensorische Quirks, wie die automatisch gemeinsame Nutzung von Lautsprecher und Bildschirm (die Synästhesie, die wir im Zusammenhang von Geräuschen und Farben/Formen erleben), eine generell instabile Inputkanalisation und die scheinbar willkürlichen Funktionen des Selbstschutzes, die das System immer wieder zum Absturz bringen, chronisch überlasten oder In- und Outputkanäle zusätzlich dysfunktional werden lassen.
Und das ist nur die Hardwarekomponentenseite.

Das Gehäuse hat Risse, hier und da fehlen Schrauben, manches baumelt an Kabeln, von denen man nicht so richtig weiß, wo sie eigentlich hinführen und wann sie was genau machen. Eigentlich braucht unser Gehäuse ein Gehäuse, aber die Schadensberichte kommen nur dann wann im Rechenzentrum an und werden noch seltener auch (richtig) verarbeitet. Es ist ein Glücksfall, wenn der Output dessen gelingt  und eine Sensation, wenn ein anderes System (ein anderer Mensch) es aufnimmt und versteht (und helfen kann/hilft).

Das Innere – also uns – beschreiben wir so:
Es gibt mehrere Laufwerke. Auf jedem Laufwerk ist ein eigenes Betriebssystem (ein System von Innens) installiert.
Das bedeutet: Jedes Laufwerk hat eigene Funktionsbereiche, die auf spezifische Art und Weise auf In- und Outputkanäle zugreifen; um eingehende Daten aufzunehmen und entsprechend der zur Verfügung stehenden Software (Fähig- und Fertigkeiten) darauf zu reagieren.
Zum Beispiel gibt es auf dem Laufwerk “Rosenblätter” die Software “Hannah C. Rosenblatt”, die Zugriff auf die zentrale Wörtersammlung des Laufwerks hat, gut mit dem Outputkanal “Tastatur” (den Fingern) kommunizieren kann, jedoch an anderen Aufgaben scheitert, wenn sie nicht mit anderen Komponenten auf dem Laufwerk zusammenarbeitet.

Jedes Laufwerk hat sich im Zuge überlebensnotwendiger Umbauarbeiten entwickelt.
Aufgrund des frühen Alters konnte es so keine insgesamt stabilisierenden Säulen entwickeln. Die Ausbildung der verschiedenen Laufwerke und Betriebssysteme ist die tragende Säule des Gesamtsystems.
Diese Aufteilung verteilt die notwendige Rechenleistung zur Ausführung bestimmter Tätigkeiten und Funktionen auf ein leistbares Maß, das jedoch gleichzeitig erfordert andere Prozesse anzuhalten und als sekundär einzuordnen.

Als für die Aufrechterhaltung des Systems sekundär eingeordnet sind Dateninputs traumatisierender Erfahrungen.
Dank dieser Einordnung hatte das System im Moment der Eingabe die Möglichkeit den Betrieb aufrecht zu erhalten und die Daten in ursprünglich als Zwischenspeicher bereitgestellte Laufwerke zu geben.
Da die schiere Datenmenge das System nicht nur akut, sondern auch nachhaltig überforderte – und in unserem Fall 21 Jahre lang immer wieder derartig überfordernde Mengen auf uns einströmten – wurde aus dem Zwischenspeicher ein Laufwerk. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Und …

Ein Laufwerk herzustellen wurde nie von einer Software initiiert. Die gesamte Ausentwicklung war von Anfang an im Rechenzentrum als zur Verfügung stehende Möglichkeit angelegt. In der letzten Instanz denken wir jedoch, dass es einer zufällig passenden Konstellation von Faktoren geschuldet ist, dass diese Möglichkeit vor einer anderen aktiviert wurde.

Als Computer könnten wir so sehr lange leben, ohne je mit Dysfunktionalität rechnen zu müssen.
Doch sind wir leider, trotz aller bis hier hin passierenden Ähnlichkeiten, keine Maschine.

Eine Maschine hat keine Triebe. Sie existiert, weil sie existiert und fertig.
Sie stellt keine Fragen, die sie nicht auch beantworten kann. Jede Maschine – selbst eine, die etwas macht, was sie nicht kann! – greift auf eine für diesen Fall hinterlegte Option zurück.

Wir jedoch stürzen ab, wenn wir das versuchen. Denn sowohl unsere Struktur als Funktions-System, als auch als Speicher-(Verarbeitungs)System sind so wenig miteinander vernetzt, dass es wenig bis nichts gibt, was für diesen Fall hinterlegt ist.
Wer sowohl Apple, als auch Linux als auch Windows-Produkte gleichzeitig verwendet, kann unser Dilemma verstehen.
Grundsätzlich funktioniert alles – nur nicht miteinander.
Es braucht zusätzliche Software, die die Kommunikation aller Produkte ermöglicht – doch selbst das funktioniert oft nicht, weil es von Grund auf nicht vorgesehen ist, jemals mit einem anderen Betriebssystem zusammen zu arbeiten.

Was man sich im realen Alltag außerhalb dieser von mir beschriebenen Metapher überlegen und kontrollieren kann, können wir nicht.
Wir stecken gemeinsam in diesem klapprigen Gehäuse, teilen uns Input- und Outputkanäle und funktionieren auch heute noch, nach vielen Jahren Therapie und Bewusstseinsarbeit, weitestgehend autark nebeneinander her, ohne sofort zu merken, wann wir die jeweils anderen Laufwerke und Komponenten überlasten oder beschädigen.

Der Grund dafür liegt jedoch nicht allein in unserer Konstruktion. Es liegt auch an der versprengten, unvollständigen, unsortierten Datenbank auf spontan hingerotzten Laufwerken.

Der Vorteil, den Menschen mit nur einem Laufwerk haben, ist der kurze Dienstweg, den das Rechenzentrum überall hin hat.
Es braucht nur eine Anweisung pro Funktion und gibt auch nur zwei Rückmeldungen darauf: 1 oder 0 (“Check” oder “Fehlermeldung”).
Unser Rechenzentrum muss immer erstmal überlegen, welches Laufwerk es denn wohl braucht, um eine Anweisung richtig zu adressieren. Und kann dann nicht davon ausgehen, dass die Daten zur Ausführung der Funktion auch auf diesem Laufwerk hinterlegt sind, denn nicht immer liegt die Software auch da, wo die zur Ausführung benötigten Daten liegen. Es braucht also eine Extraanweisung. Also: extra Rechenzentrumsarbeit, die unter Umständen auch ins Blaue führen kann, weil es ein ewiges Ratespiel ist, mit einer unsortierten Datenbank umzugehen.

Je weniger Rechenkapazität – etwa durch ungünstige Umgebungsfaktoren und mangelhafte Versorgung, oder ein Laufwerk, das gerade völlig frei dreht und wer weiß was für ein Ding am Laufen hat – desto weniger Anweisungen werden ausgegeben,
Je weniger Angaben, desto wahrscheinlicher ist das Ausbleiben von Funktionen. Also: Funktionalität, die gezielt angestoßen wird und entsprechend als kontrolliert, selbst gemacht, selbst gewollt, zielgerichtet wahrgenommen und ausgeführt wird.

Für das menschliche Gehirn ist die Dissoziation (die Auftrennung von Daten) nur ein Zwischenschritt. Sie wird zu keinem Zeitpunkt dazu benutzt endgültige Lösungen zu kreieren oder überhaupt “produzierend tätig zu sein”.
Dissoziation passiert, um kurzzeitig Platz für Berechnung und Ordnung zu sorgen. Platt gesagt. Sehr platt gesagt.

Die menschliche Aufnahmefähigkeit übersteigt die Fähigkeit zur Verarbeitung immer um ein gewisses Maß. Niemand, kein einziger Menschen auf der Welt, dissoziiert nicht. Niemand nimmt die Welt 1:1 genauso wahr, wie die Sinne (die Inputkanäle) sie aufnehmen und ins Gehirn leiten. Schon deshalb nicht, weil diese Daten mehrfach umgewandelt werden müssen, um überhaupt interpretierbar und damit abgleichbar (assoziierbar=… erinnerbar) gemacht werden zu können.

Das bedeutet im Kontext mit dem Vielesein, was unsere umgangssprachliche Bezeichnung für die dissoziative Identitätsstruktur, die wir bei uns sehen, ist, dass unser derzeitiges Sein und Funktionieren eine Art chronifizierte Zwischenlösung ist. Also sowas wie der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen: eigentlich solls nicht so sein, aber wenns nicht so wäre, würde die ganze Schose in sich zusammenbrechen und jemand wäre in Lebensgefahr.

 

Weshalb ich das jetzt noch einmal so lang und breit aufschreibe.
Ich wünsche mir gerade so eine Maschine zu sein. Eine, der ich vielleicht selbst ins Zentrum schreiben könnte: Bitte jetzt keine Links (Verbindungen/Assoziationen) erstellen.

Es ist ein scheiß Dilemma. Jedes Mal neu.
Ich weiß, dass es gut ist, wenn ich Dinge erinnere, wenn ich mehr in Kontakt komme mit dem, was ich in der Metapher als “anderes Laufwerk” bezeichnen würde. Ich weiß, dass es vielleicht das einzige ist, das bei uns noch genauso so läuft wie zu dem Zeitpunkt unserer, meiner, Geburt, wenn der Prozess der Zusammenführung von dissoziierten Daten aus den vielen verschiedenen Winkeln und Nischen passiert.

Und: Ich bin neugierig auf das Ergebnis davon. Ich will wissen wie das ist, wenn wir zusammen ein Maß an Kompatibilität und Zusammenarbeit erreicht haben, das weniger energieaufwendig, weniger komplex, mehr Wissen als Raten ist.

Wenn M. eine Webseite schreibt, dann teilt sie sich das auf. Eine Datei enthält die bloßen Informationen und eine die Anweisungen, wie diese Informationen aussehen sollen und wo sie positioniert werden sollen.
Im Zuge des letzten Übungsprojekts dachte ich, dass ich genauso so lebe und funktioniere. Alles, was ich tue ist das Rausbringen von Informationen. Genau so, dass es Instanzen mit bestimmten Übersetzungsfähig- und fertigkeiten interpretieren und aufnehmen können.
Ich bin wie eine funktionale HTML-Datei. Um mehr als das grundlegend nötige (überlebenswichtige) zu übertragen, brauche ich einen ergänzenden Link zu einer CSS (einem cascading stylesheet) um meine Informationen in ihren Kontexten erscheinen zu lassen.

Im Moment bin ich mit kaskadierender Traumascheiße verlinkt.
Ich kann nichts dagegen tun, dass, was ich äußere oder tue, davon beeinflusst und im gewissen Maße auch davon definiert wird, was aus diesem Datenknäul kommt.
Ich verwandle mich von einer ~neutralen~ Datenausgabequelle zu etwas, das mich verändert und damit auch das gesamte Laufwerk in seiner Kommunikation sowohl intern als auch extern beeinflusst und in der Funktionalität auf eine neue Art beschränkt wie erweitert.

Das geht über das Erleben eines Triggers hinaus.
Ein Trigger kommt und geht. Ein Trigger kommt für mich meistens von Außen und hat für mich in der Regel nur noch mehr Dissoziation zur Folge.
Ein Trigger ist kein gesetzter Link für mich, sondern eher das Signal vor meiner Abschaltung, die ich selbst nicht kontrollieren kann.

Ein Link zu Traumascheiße ist wertvoller als ein Trigger – obwohl beides mit der krassen Überflutung von Reizdaten einher geht und beides etwas ist, was außerhalb meines direkten Einflussbereichs liegt.

In HTML kann man Kommentare setzen. Das sieht so aus: <!—Hier kommt rein, was kommentiert wird –>.
Wenn man das in einen Text schreibt, zeigt der Browser den kommentierten Teil nicht an.

Ich möchte mein Dilemma an dem Traumascheiß lösen und habe ich mir überlegt, es mit dieser Kommentarfunktion zu versuchen.
Ich will mich nicht verschließen, aber ich will nicht auch nicht von etwas verändern lassen, das zum Einen schon längst vorbei ist, zum Nächsten nicht aus mir selbst heraus auf mich einwirkt und zum Anderen nachwievor völlig wirr und unsortiert ist.

Ich finde, dass das eine gute Zwischenlösung für mich ist. Eine, die nichts komisch verwachsen lässt, weil sie der Verarbeitung ihren Raum lässt und gleichzeitig aber auch eine Verbindung bestehen lässt, die wenn nicht jetzt, so doch zu einem anderen Zeitpunkt für mich (und andere) nützlich sein könnte.

was zum Schmunzeln

Wir haben die „Kids Try“-Serie von Cut vor einer ganzen Weile gefunden. Inzwischen haben die Kinder ihren eigenen YouTube-Kanal, „Hiho-Kids“.
Ernie, Vanessa und Talbot sind uns total ans Herz gewachsen und diese drei Videos von ihnen, auch nach dem x-ten Mal anschauen immer wieder ein Grund zum Schmunzeln.

Viel Spaß!

 

 

Fastenzeit – Merk_würdigkeit

Mir kommt es vor, als würden sich zunehmend mehr Menschen der christlichen Tradition (des christlichen Ritus) des Fastens widmen. “Ein Jahr keinen Alkohol”, heißt es dann oder “Dieses Jahr verzichte ich komplett auf Essen vom Lieferservice” oder “Dieses Jahr verzichte ich auf Verpackungsmüll.”.

Merkwürdig kommt mir das aus vielen Gründen vor.
Erstens, weil die gleichen Leute, die jetzt das große Fasten verkünden, die Leute mit Neujahrsvorsätzen noch herablassend belächelt haben.
Zweitens, weil so manch Fastenwillige_r an Karfreitag noch extra derb auf die Partypauke gehauen hat, weil Jesus’ Todestag für sie kein Grund für Zurückhaltung, Trauer oder schlichte Rücksichtnahme auf den Glauben der Christen, für die das anders ist, war.
Drittens, weil Verzicht mit Fasten etwa so viel zu tun hat, wie Baden mit Desinfektion oder Lernen mit Dressur.

Es sollte mich nicht verwundern, dass in Zeiten von rechtsmotivierter Verstärkung von Traditions- und Heimatbewusstsein auch die Wiederentdeckung christlicher Kultur und Religion einhergeht. Und doch, es wundert mich, verorte ich mein Umfeld doch als anarchistisch ~ links_radikal bis liberal mit Selbstverortung als links.

Doch wieder einmal brauche ich nicht von einer so engen Verbindung mit politischer Orientierung ausgehen, die das eigene Handeln definiert. Viel treibender scheint the good old Selbstoptimierung zum Zweck der Abgrenzung zu anderen Menschen zu sein. Vorzugsweise jenen Menschen mit weniger Privilegien und implizit weniger Werten.

Verzicht ist eine Praxis des Luxus.
Etwas muss immer und jederzeit verfügbar sein, sonst ist Verzicht nicht möglich.
Was das für eine privilegierte Grundlage ist, das machen sich die wenigsten Menschen klar, die ihren Unkonsum als Verzicht deklarieren und darauf warten ein besserer Mensch zu werden, weil sie sich auf die Erfahrung einlassen, einer Gewohnheit ausnahmsweise mal nicht zu folgen.

Das Fasten hat in allen Weltreligionen einen festen Platz als rituelle Praktik.
Es geht um Widmung, um die Vertiefung des Glaubens, um einen Akt, der von Verbundenheit und Hingabe zeugt.
Wer religiös fastet, enthält sich bestimmten Speisen oder bestimmten Tätigkeiten, um ihre Existenz bzw. die Möglichkeit jenen Tätigkeiten nachzugehen, als das Geschenk, das Glück, das Wunder, das es ist, hervorzuheben. Es geht darum sich selbst zurückzunehmen und eben dem, was von einem wie auch immer benannten G’tt oder einer Kraft oder Energie kommt oder gegeben ist, Raum und damit auch Wert zu geben bzw. anzuerkennen.

Natürlich kann der Verzicht auf Alkohol auch dazu dienen, selbiges wieder mehr als Ausnahmegetränk zu begreifen, aber führt der Verzicht auch zu mehr Wertschätzung von sauberem Trinkwasser und anderen Getränken? Nicht für alle, wage ich mal zu behaupten. Denn wer verzichtet, muss sich auf das Objekt des Verzichts konzentrieren.
Den Effekt kennen viele Raucher_innen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, jedoch nie Erfolg damit haben, auf ihre Zigaretten zu verzichten: Wenn du weißt, worauf du gerade verzichtest, obwohl du es immer und jederzeit haben könntest, dann denkst du immer an etwas, das du jederzeit und immer haben kannst. In diesen Gedankengängen braucht es nur noch einen kurzen Moment des Wollens (und bei körperlich abhängigen zusätzlich noch den des Brauchens, um unangenehme Entzugserscheinungen zu beenden), um letztlich doch wieder zu rauchen.

Eine ernsthafte und aufrichtige Widmung dessen, was mit dem Fasten einhergehen soll, hat einen grundlegend anderen Ansatz.
Um bei der Rauchmetapher zu bleiben, geht es nicht darum aufzuhören zu rauchen, sondern darum zu entdecken, was neben dem Rauchen bzw. der Zigarette alles da ist. Was man noch alles tun kann, anstatt zu rauchen. Es geht nicht darum, ein Nichtraucher zu werden, der Joggen kann und nicht stinkt wie ein Aschenbecher, sondern darum sich Zigaretten zu ent_halten (also: nicht halten, im Sinne von: keinen Kontakt dazu zu haben), zu joggen und sich darum zu kümmern, dass man nicht stinkt – und irgendwann nach Wochen, Monaten, Jahren festzustellen: “Wow, seit ich nicht mehr rauche, hat sich mein Leben/ meine Haltung zu bestimmten Dingen, total verändert.”

Das religiöse Fasten wird von vielen Gläubigen als eine Möglichkeit begriffen, die eigene Beziehung zum Glauben und der religiösen Praxis zu verstärken oder auch zu erneuern. Für manche Menschen geht es auch um die engere Beziehung zu den Menschen in der Glaubensgemeinschaft. Es werden Wertbindungen erschaffen und gemeinsam etabliert. Das ist etwas, was Religionen bis heute erhält und weiterentwickelt.

Wir hier in unserer säkularisierten Gesellschaft, leben im Kapitalismus. Unsere gemeinsame Wertbindung passiert über Güter und darüber definierten Status.
Wir können rein theoretisch alles immer haben. Verzicht bedeutet im Kapitalismus im Grunde nichts anderes als: “etwas anderes konsumieren” (um den eigenen Status zu halten oder vielleicht sogar zu verbessern).
Das auf Konsumgüter übertragene, aufrichtige, religiöse Fasten würde bedeuten, ein schlechter Kunde zu werden und sich auf sich selbst zu besinnen (also insgesamt anders zu konsumieren).
Es würde darum gehen Dinge anders zu machen und möglicherweise damit anzuecken, ausgeschlossen zu werden und auch mit einer fremden Langeweile konfrontiert zu sein. Denn heute machen wir viele Dinge nicht mehr nur aus Selbstzweck, sondern sehr oft auch aus Gründen der kapitalistischen Verwertungslogik.

Nun will ich nicht allen Menschen, die sich vorgenommen haben zu fasten, unterstellen, sie wären nicht aufrichtig in ihrem Vorhaben. Wohl aber will ich aufzeigen, wie wenig Tiefe in dem, was von vielen als “fasten” bezeichnet wird, steckt und aus was für einer privilegierten Perspektive so manche Fastvorsätze kommen.

Die Folge ist für manche Menschen mit weniger Privilegien nämlich der Ausschluss über etwas, was für sie bereits Realität ist: Verzicht.
Arme (und anders minderprivilegierte) Menschen haben bereits keine Option auf eine Veränderung des Status durch Veränderung des Besitzes, denn ihr Besitz ist bereits das Ergebnis von Verzicht. Natürlich können auch arme Menschen noch verzichten, doch ihre Rolle im Kapitalismus lässt keine gleichermaßen “klassenübergreifenden” neuen Wertbindungen zu.

So viel Verachtung und weniger Wertschätzung es heute für Religion und religiöses Leben gibt, so hat dieses Leben und Werten dann doch etwas für alle Menschen gleich freigehalten: die Möglichkeit der Widmung dessen, was über den Menschen bzw. das Individuum hinausgeht.

Beim religiösen Fasten ist die soziale Rolle, der gesellschaftliche Status praktisch egal.
Enthaltsamkeit und Askese kann in jeder Form und zu jeder Zeit praktiziert werden. Das Bewusstsein um das Wunder der Schöpfung oder schlichter ausgedrückt: die Krassheit des eigenen am Leben seins – hier und jetzt, da wo man gerade ist – kann nur mit einer gewissen Selbst_zurückhaltung wirklich wahr_(an)genommen und er.ge.lebt werden.

Und, dass das immer weniger Menschen bewusst und wichtig ist – das ist doch interessant.

Merk_würdig.

Fundstücke #57

Im Nachhinein merke ich, dass ich immer dachte, es gäbe so etwas wie eine Grenze des unkontrollierten Erinnerns. So, als wäre ein “nicht richtig aufwachen und in eine desorientierte Gewalt-Wiederleben-Schleife sinken” das obere Ende dessen, was unverarbeitete Erfahrungen mit sich bringen.
Vielleicht ist meine letzte Nacht auch nicht wirklich eine Steigerung dessen.
Vielleicht ist es insgesamt unsinnig Symptomatiken zu skalieren, wenn es doch mehr meine Gefühle dazu sind, die ich skalieren will, damit sie mir gleichzeitig greifbar und entfernt von mir sind.

Dieses “Einsinken” ist grauenhaft. Mir ist dabei nicht klar, dass ich etwas erinnere bzw. erlebe, was längst vorbei ist. Selbst “Ich” ist mir in dem Moment nicht so klar. “Einsinken” ist wie eine Art Ohrwurm der Sinne, der mich total absorbiert, sich aufdrängt und nicht weggeht bis irgendein unbestimmtes Moment ihn unterbricht.
Aber wenn es einmal unterbrochen ist, dann ist es das auch.
Ich fühle mich scheiße, aber ich weiß, dass ich da bin, wo ich bin und was ich tun kann.

Heute Nacht bin ich aus etwas aufgewacht, dass ich mit “Ekel5000” überschreiben will.
Ich weiß nicht wovor, ich habe keine Bilder dazu, keine Gedanken – nur Ekel und einen drückenden, stauchenden, stiebenden Wust aus einander widersprechenden Impulsen und Körper_Reaktionen.

Jetzt einige Stunden später denke ich, ob ich vielleicht das unterbrechende Moment war, denn ich bin aufgewacht, weil ich mich übergeben musste und das auch rückhaltlos tat, als wäre ich selbst das andere Ende dessen, was sich zusammenreißt, hart macht, verdichtet – sich von mir abtrennt und so viel Platz wie möglich frei, leer, dissoziationsnebelweiß lässt.

Normalerweise erdet und beruhigt es uns insgesamt chaotische Bettsituationen aufzulösen.
Für manche Innens ist es bis heute gut “Spuren zu vernichten” oder “alles wieder gut zu machen”. Für mich ist es das Gefühl etwas tun zu können, das mir hilft. Ich mag die Muster, die sich für mich auftun, wenn ich etwas tun kann, das mit dem Alltag zu tun hat. Und sei es das Bettzeug abzuziehen, zu waschen, neu zu beziehen und zu lüften.
Es ist Alltag. Heute-Alltag. Ich-Alltag.

Und diesmal hätte ich die ganze Zeit kotzen können. Über mich, über die Situation, darüber, dass meine Bettwäsche nicht nur mit einem Handgriff, sondern einer ganzen Menge Handgriffe zu wechseln ist, darüber wie meine Haare über die Ohren rascheln – alles, was den noch so kleinsten Widerstand in mir aufmachte, brachte dieses “Ekel5000”- Ding mit sich.
Das ist, was es anders macht. Und schlimmer.

Üblicherweise sind es ja genau diese kleinen Widerstände und die Möglichkeit sie durchzusetzen, was es mir ermöglicht mehr und mehr Orientierung aufzubauen. Sie mit diesen Gefühlen und Impulsen beantwortet zu kriegen, hat mir diese Möglichkeiten genommen. Mehr als das zu erleben und auszuhalten, ging nicht und es hat bis in den frühen Morgen gedauert, bis ich an dem Punkt war, an dem aus mir heraus keine Widerstände mehr kamen. Nicht, weil ich sie aktiv unterdrückt hatte, sondern, weil da einfach keine mehr waren.

Für mich hatte das nicht nur so eine Ebene des Aufgebens, sondern irgendwie auch von Entfernung zu dem, was wir seit Jahren machen und wollen. Wir wollen diese unkontrollierten Momente nicht mehr, also machen wir therapeutisches Resilienzen pflegen, hören nicht auf mit ständiger Orientierung, mit Verankerung, mit klaren Bewegungen weg von dem, was uns nicht gut tut und stärkt.
Das loslassen zu müssen, um Erleichterung zu empfinden, verwirrt mich noch immer. Es ergibt keinen Sinn und widerspricht allen Erfahrungen, die ich bisher im Umgang mit solchen Situationen gemacht habe.

Vielleicht geht es am Ende wieder nur um meine komischen Kontrollquirks, das weiß ich gerade nicht, aber es ist eine neue Ebene der Unkontrolle und eine Konfrontation mit Erinnerungsfragmenten, die ich in der Form noch nicht hatte.

Es verunsichert mich.

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.

“Ausbildung inklusive”, Episode 10: “Halbzeit” oder “Warum Punktekonten problematisch sind”

“… die Anpassung des einen, kann das beHindernis, des anderen sein…”

Ein Gedanke, der mir kam, als ich am Tag der Zeugnisausgabe nach Hause ging.
Am Tag vorher hatte ich von meiner Note in Wirtschaftskunde erfahren. Auf dem Schulflur. Zwischen Tür und Angel, denn Wirtschaft in eines der Fächer, das wir uns überwiegend allein zu Hause erarbeiten.

Ich habe eine schlechtere Note als meine schriftlichen Tests vermuten ließen bekommen, weil ich nicht alle Wahlpflichtaufgaben des Punktekontos erfüllt hatte. Pudels Kern: Die Wahlpflichtaufgaben sind ohne beständige Präsenz  im Unterricht und mit einer Problematik in der sozialen Interaktion und Kommunikation nicht erbringbar.
Das nennt der Volksmund “Arschkarte”, ich sage, dass es eine unfaire Benotung ist.

Punktekonten sind der moderne heiße Scheiß.
Und für manche Schüler_innen super. Wenn sie zufällig Freund_innen in der Klasse haben, immer pünktlich, immer präsent und zufällig die Lerntypen sind, die mit Mind Maps, Vokabelkarten und anderen gut überprüfbaren Mitteln arbeiten können.

Für manche Lehrer_innen sind sie vermutlich auch super. Soweit ich das aus meiner Schüler_innenperspektive sehe, hat man damit ein strukturiertes, klares Mittel der Leistungserhebung, das davon befreit Schüler_innen individuell und/oder vielleicht sogar von Sympathie beeinflusst, zu benoten. Man kann sein Ding durchziehen. Muss nicht weiter überlegen. Behandelt alle Leistungen gleich.

Jedes Punktekonto ist ein Standard, eine Norm.
Jede Leistung, jeder Punkt, der in einem Halbjahr nicht erbracht wird (werden kann) frisst an der Endnote.
Motivation, Engagement, Eigeninitiative, Kreativität bei der Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten werden damit nicht gefördert – viel mehr werden sie für das Konto ab_geleistet.

So ergab ein Gespräch mit meinen Klassenkamerad_innen, dass niemand von uns Vokabelkarten für den Englischunterricht, in dem wir ebenfalls ein Punktekonto haben, verwendet, jedoch fast alle welche haben, um die Punkte aus dem Wahlpflichtbereich zu bekommen.
Was genau ist an der Stelle die Leistung? Die pünktliche Abgabe einer zu erbringenden Leistung ohne persönlichen Nutzen, oder die Englischvokabeln, die im späteren Leben zu persönlichem Nutzen verhelfen sollen?

Aus meiner Sicht sind Punktekonten auch schon deshalb problematisch, weil sie Tür und Tor für lerntoxische und übergriffige Akte im Miteinander von Schüler_innen und Lehrer_innen öffnen.

Ich finde es zum Beispiel grauenhaft, wenn Lehrer_innen meine Mappen einsammeln, um ihre Führung zu benoten – oder “für das Punktekonto zu bewerten”.
Denn meine Mappen sind mein Lern- und Arbeitswerkzeug. Da ist meine Ordnung wichtig. Ich muss damit arbeiten können – und auch damit arbeiten wollen. Das Wissen um die Durchsicht für Punkte und damit auch für Noten hemmt mich.

Tatsächlich entwickelt sich bei mir schnell eine Parallelwelt in der Mappenführung, weil ich 90% der Arbeitsblätter barrierefrei für mich umgestalten muss. Das heißt: die hübschen Kopien aus dem Lehrerzimmer, landen in der hübschen chronologischen Mappe, mit Deckblatt und Punktekonto und Inhaltsverzeichnis zu den durchnummerierten Seiten
– die Dinge, die dafür sorgen, dass ich verstehe, worum es geht, de zeige ich niemals irgendjemandem.

Meine Lernmittel, sind Notizen, Kringel, Schleifen, für Außenstehende vielleicht wirre Skizzen, diverse Webseiten und YouTube-Videos, in denen mir der Stoff wieder und wieder in Dutzenden Variationen erklärt wird, bis ich durch die Wiederholungen das konkrete Muster finde und mit den Unterrichtsmaterialien und den Worten der Lehrer_innen in Verbindung bringen kann.

Heißt: die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist meine Art zu lernen. Das ist langwierig und manchmal ist es auch gar nicht sichtbar, weil ich die Inhalte in mir bewege und innerlich mit der Umgebung abgleiche.
Mein Weg um Dinge zu begreifen, führt nicht darüber, dass ich mit anderen darüber spreche oder Vokabeln lerne.
Ich lerne über Mustererkennung und brauche dafür eine Umgebung ohne Ablenkung und mit relativer Ruhe, in der ich mir ohne Probleme oder Sorge um mögliche Unterbrechung, ein Video nach dem anderen, einen Text nach dem anderen, über ein und dasselbe Thema reinziehen kann.

Ich lerne dabei nichts auswendig. Ich sammle die Wörter, behalte die, die am häufigsten genannt werden und mit jedem weiteren Text wird mir ihre Position – ihr Kontext klarer. Diese Kontexte brauche ich nach einer Weile immer weniger angestrengt suchen. Und irgendwann – meistens in der Phase vor einem Test, bin ich dann soweit, dass ich sogar im Unterricht anwesend sein kann, ohne mich daran zu verausgaben zu suchen, was die_r Lehrer_in erzählt, fordert, beschreibt.

Diesen Teil meiner Lernarbeit zu verstecken, gehört zu meinem Leben seit immer.
Denn: die meisten Menschen können das so nicht nachvollziehen.

Die verschiedenen Lerntypen sind über die Sinnes- und Interaktionskanäle definiert.
Es wird zwischen “auditiven” und “visuellen”, aber auch “motorischen” und “kommunikativen” Lerntypen unterschieden.
In diesem Modell fehlt sowohl die Annahme von Menschen, die nicht nur “visuell ein bisschen und motorisch etwas mehr”-Typen sind, sondern auch die Menschen, deren Sinnes- und Interaktionskanäle ganz anders funktionieren und miteinander zusammen (oder entgegen) arbeiten.

Lernen, das ist bedeutet ja nicht nur, Informationen aufzunehmen und abzurufen.
Lernen bedeutet auch die Beschaffenheit von Informationen zu erkennen, einzuordnen, flexibel einbringen/anwenden zu können und passend zur Fragestellung abrufen zu können.
Das erfordert neurologische Prozesse, die bei neurotypischen Menschen bereits prima erforscht sind und ergo zu solchen Lerntyp-Einordnungen führen.

Wie man meinen Lerntyp nennt, weiß ich nicht.
Ich kenne keine anderen Menschen, die sich mit Inhalten ganz genauso auseinandersetzen müssen, um sie zu erfassen und in die Lage zu kommen irgendwas damit anfangen zu können.

Ich kann anderen Menschen oft nicht gut klar machen, wie flach mir das vorkommt, was ich als neue Information erhalte.
So seltsam flach, dass ich es meistens als fast körperlich unangenehm empfinde und dann logischerweise verändern will.
Ich bin keine besonders wissbegierige Person. Bin kein “Streber” oder außerordentlich neugierig. Das, was heute mein großer Wortschatz ist, mein, im Kontext zu meinem Leben, meiner Klasse und der Nichtbildung in den letzten Jahren, erstaunlich breites Allgemeinwissen, ist das Ergebnis von dem angenehmen Gefühl eine unangenehm flache Information zu etwas werden zu lassen, das sich bewegen, be_greifen, anwenden lässt.

Da geht es nicht darum, dass ich mich dann schlauer fühle und deshalb gut oder überlegen.
Ich fühle mich einfach weniger gestört, unangenehm berührt … dumm … manchmal auch: gequält von etwas, das mir zuweilen sogar Angst macht, weil es so gar keine Tiefe oder Bezüge zu irgendetwas hat, aber DA ist und sich immer wieder bemerkbar macht.

Herrje – was für ein Abschwiff.
Zurück zur schlechteren Note.

Ich akzeptiere die Note so nicht und werde auch im nächsten Schuljahr den Wahlpflichtleistungsteil des Punktekontos in dem Fach nicht so akzeptieren. Die Lehrerin hatte mir keine alternativen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass ich gar keine weiteren Punkte “machen” konnte, als die, die ich erbracht habe.
Die alternativen Möglichkeiten stehen mir als Nachteilsausgleich zu.

notsofunfact: der ist offiziell noch immer nicht für uns beantragt.
Warum? Wir haben das an die Schule bzw. die Menschen, die uns da unterstützen wollen, abgegeben.

Inzwischen ist die Hälfte der Ausbildungszeit um.
Wir haben nachwievor keine Unterstützung beim Schulweg, bringen die Kosten zur Anpassung des Materials selbst auf, unsere Betreuerin sammelt noch immer Absagen von Behörden, wenn es um die Kostenübernahme der Materialgebühren der Schule geht.

Anfang des Monats kam ein Brief von der Stadt wegen des Antrags auf eine I-Kraft, in dem nach dem “Hilfebedarf des Kindes” gefragt wurde.
Das war der Moment, in dem ich dem Direktor und der Klassenlehrerin sagte, dass ich mich manchmal selbst verletze, um handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig der Moment, in dem wir merkten: seit dem Jahr 2000 hat sich für mich (und damit für uns alle) in Bezug auf das “in einem Schulbetrieb sein und lernen” nichts verändert, außer dem Ausmaß der Scham, das mit so einem “Geständnis” einhergeht.

Und das Alter des Körpers, den wir uns teilen.
Und dem Bewusstsein darum, dass dieses So-sein “Autismus” heißt.
(Also vielleicht doch etwas?)

Wir sind trotzdem nicht unglücklich mit der Ausbildung an sich oder denken, dass wir das gar nicht schaffen.

Wir sind manchmal einfach nur sehr sehr müde.
Müde, frustriert und der Alleinsamkeit mit manchen Dingen so bewusst, dass es eben doch sehr weh tut.

 

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(die ersten Episoden „Ausbildung inklusive“, haben noch keinen Platz, sind aber bald wieder online)

technische Quirks #3

Jetzt seid ihr dran.
Mit unserem Umzug ins „alleine machen“, steht für euch die Frage an, ob ihr weiterhin unsere neuen Texte ins Mailpostfach bzw. den RSS-Feedcatcher geliefert haben wollt.

Auf einblogvonvielen.org findet ihr in der Seitenleiste wie gewohnt einen „Abonnieren“-Button.
Damit werdet ihr Follower auf der neuen Plattform und erhaltet wie gewohnt unsere Texte.

Hintergrund:

Ein Server ist ein sehr leistungsstarker Computer.
Ab jetzt laden wir unsere Texte auf einen anderen Server als bisher.

Das bedeutet: der Server, der euch jetzt die Seite „Ein Blog von Vielen“ anzeigt, ist ein anderer als vorher.

Ab heute laden wir keine Beiträge mehr auf den alten Server.
Wir freuen uns, wenn alle von euch ein neues E-Mailabonnement abschließen.

er_wachsen

Birke-Zeitenmosaik fragen unter dem letzten Beitrag, ob ein Blog erwachsen werden kann und wie wir das überhaupt definieren.
Erwachsen werden – kindlich sein.
Ich werde darüber jetzt nichts Konkretes schreiben.
Aber – ich werde etwas aufschreiben, das damit zu tun hat.

Das Blog von Vielen wird in diesem Jahr 10 Jahre alt.
Es ist das Projekt, das wir von Anfang alleine und allein verantwortlich immer immer weiter gemacht haben, egal ob uns Leute in die Kommentare geschissen haben, oder uns im analogen Miteinander darüber gedemütigt haben, dass wir es überhaupt machen und weiterführen.

Angefangen hatten wir bei Blogger – einer Plattform mit einem damals noch total unübersichtlichem Backend und einer für uns völlig fernen Community. Dann sind wir zu WordPress und alles wurde toll. Es kamen Leser_innen, wir hatten erste Lektionen in Webdesign und Usability.
Es entstand der Raum, den wir bis heute sehr schätzen, weil er uns die Möglichkeit gibt uns auszudrücken und getragen von Wörtern zu entfalten.

In den letzten 10 Jahren haben wir uns entwickelt. Nie trotz, sondern immer wegen dieses Raums und mit dem Projekt.
Was als Aufklärungsseite begann, die niemand brauchte, wurde zu der Dokumentation unseres Er_Lebens, die wir für unsere Weiterentwicklung brauchen, ohne uns darüber so klar zu sein, wie heute.

Das Blog von Vielen ist nicht nur das, was ihr Leser_innen hier in eurem Mailpostfach oder auf der Webseite findet.
Es ist auch die Auseinandersetzung mit juristischen Zwängen. Die Auseinandersetzung mit den großen und kleinen netzpolitischen Fragen.
Bloggen das ist auch Handwerk. Schreibhandwerk.
Das ist Ausdruck und Verantwortung für die Eindrücke, die man verursacht.
Bloggen ist Community. Verbundenheit über Worte und ihre Inhalte.
Bloggen ist sichtbares Denken, dokumentierte Auseinandersetzung.

Bloggen ist die Freiheit, die es in diesen unseren Zeiten gibt, um Presse- und Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu leben. Jeder Text, den wir schreiben und hier veröffentlichen, ist von uns gelebte Freiheitspraxis.

Erwachsen sein, bedeutet für uns die umfängliche Fähig- und Fertigkeit zur Verantwortungsübernahme.
In Bezug aufs Bloggen bedeutet das für uns, die Seite allein zu hosten, dafür zu bezahlen, das Geld dafür kontinuierlich zu erwirtschaften.
Es bedeutet sich dem Umstand zu stellen, haftbar gemacht werden zu können, wenn man strafbare Dinge tut oder Schäden (mit)verursacht.
Es bedeutet Sichtbarkeit für unsere Unterstützer_innen, die für sie vielleicht nicht ungefährlich oder generell unproblematisch ist.

Ein Blog bei WordPress.com zu hosten ist einfach. Flüchtig.
Ein zwei Klicks und alles ist weg. Man kann die Seite laufen lassen, ohne Impressum und Datenschutzhinweise bereitzustellen oder andere Verpflichtungen, die an Webseitenbetreiber_innen gestellt werden, zu erfüllen. Es ist ein gutes Tool für den Einstieg, aber sich ganz und gar verantwortlich für die Inhalte und Dinge auf der Seite zu zeigen, ist etwas anderes.

Kindlich sein, bedeutet für uns, viele, wenn nicht alle Dinge im Leben für gegeben zu nehmen und auch so nutzen zu können, da es am Ende andere Instanzen sind, die dafür sorgen, dass es von diesen Dingen immer genug gibt und aus oder mit ihnen neue Dinge erschaffen werden können.

Punkt an dieser Art des Bloggens: andere profitieren davon.
Kostenlose Blogs sind nicht kostenlos. Man bezahlt mit Daten, mit Traffic, man verbreitet Werbung und Cookies, ob man will oder nicht – und kann sich in allerletzter Instanz doch nicht darauf verlassen, von ebenjener Firma in Urheberrechten oder kreativer Freiheit unterstützt zu werden. Von der Ebene der Monetarisierung einmal ganz abgesehen.

In dieser unseren Einordnung von “kindlichen oder erwachsenen Blogs”,  geht also nicht um Inhalte, es geht um das Maß an Verantwortungsübernahme, juristischer und technischer Kompetenz, die damit jeweils einhergehen.

In den letzten 10 Jahren haben wir immer wieder Fragen dazu bekommen, wie man das macht, dieses Bloggen, und ob wir vielleicht helfen können.
Wir konnten und können und helfen gern. Wir empfehlen auch immer wieder mit so einem kostenlosen Blog anzufangen, um sich auszuprobieren. Festzustellen: ist das Wort überhaupt mein Medium? Ist “online” überhaupt da, wo ich meine Dinge haben will? Gibt mir das Bloggen, das, was ich möchte, suche, will, brauche?

Oft genug wollen Menschen vom Bloggen auch nur haben, was sie glauben, dass Blogger_innen es haben.
Reichweite, Macht, permanentes Lob und nie enden wollende Anerkennung für das, was auf der Seite zu sehen ist. Bei kommerziellen Blogs geht es dann manchmal auch noch um Geld und damit einhergehenden sozialen Status.

Tatsächlich bedeutet Bloggen für uns auch: mitten in der Nacht das WordPress.com-Supportforum durchlesen (auf deutsch und auf englisch), weil irgendeine Rechtevergabe, irgendeine Einstellung, irgendein Plugin, irgendeine Vertragsklausel zu klären ist – weil tagsüber keine Zeit dafür ist.

Es bedeutet auch Stimmen von Kommentatoren im Kopf mit sich umherzutragen, weil ihre Worte so tief treffen, bewegen, verletzen – ohne die Gefühle und Gedanken dazu durch das Ventil der Wahl, nämlich das Blog, zu veräußern.
Es bedeutet in unserem Fall auch keine klinische Hilfe zu bekommen, weil es weder sachliches Verständnis noch generelle Bereitschaft zur Anerkennung individueller und zeitgemäßer Auseinandersetzung mit dem eigenen Er_leben gibt, sondern Vorurteile und die Art der Projektion, die typisch für Konsument_innen (von Webseiten) ist.

Bloggen bedeutet sehr oft eine Art von Sichtbarkeit, bei der man selbst nicht gesehen wird.
Und damit umzugehen gehört zum Blogger_innenhandwerk.

Für uns ist diese Form der Unsichtbarkeit Lebensthema.
Wir sind viele – andere Menschen sehen aber immer eine Person.
Wir sind und werden behindert – andere Menschen sehen eine Person, die sie nicht mit diesen Begriffen in Verbindung bringen können.
Wir haben Gewalt überlebt, die uns tiefgreifend verletzt zurück gelassen hat – andere Menschen sehen eine Person, die “nicht danach aussieht”.

Das Blog von Vielen hilft uns seit 10 Jahren damit umzugehen, ohne uns selbst zu verlieren.
Mit keinem anderen Projekt, das wir in den letzten Jahren angefangen haben, fühlen wir uns so kongruent zum “analogen”, bei gleichzeitiger Be- und Ermächtigung uns selbst zu finden, zu sehen und zu verstehen – völlig unabhängig davon, was oder wie andere Menschen uns lesen oder verstehen.

Unsere Texte und Bilder dokumentieren seit 2008 unseren Heilungs- und Lebensweg aus unserer Perspektive.
Das ist eine Verantwortungsübernahme, die wir lange gar nicht so wahrgenommen haben, sondern in Klinikbriefen oder Gutachten suchten.
Aber wer wenn nicht wir sollte unseren Weg aufschreiben? – das ist so ein banaler Gedanke und doch haben wir ihn lange weder gehabt, noch gelebt.

Erwachsen sein, das ist aber auch genau das. Die eigenen Dinge selbst machen und selbst verwalten. Selbst schützen, selbst verantworten, selbst möglich machen.So weit wie es geht.
Das ist nicht besser oder schlechter, als wenn sich dabei helfen lässt, oder Dienste in Anspruch nimmt, die diese Dinge für eine_n erledigen.
Für uns ist es nur unabhängiger und in der Konsequenz das, was Erwachsene von Kindern unterscheidet: Unabhängigkeit, Selbstermächtigung und die Fähig- und Fertigkeiten, genau das kontinuierlich und verantwortungsbewusst auch zu leisten.

Natürlich ist das eine ableistische und problematische Einteilung. Natürlich zeigt es unsere internalisierten Werte, überhaupt so einzuteilen.
Wir haben aber noch nie außerhalb dieser Ordnungen gelebt und sind, wie schon oft erwähnt in diesem Blog, selbst noch auf dem Weg neue, eigene Werte zu entwickeln.

Für uns ist nichts von dem, was man hier sehen kann in irgendeiner Form selbstverständlich.
Dass wir leben, dass wir unsere Gedanken und Ideen wahrnehmen und äußern, dass wir hier einen Text schreiben und der über das Internet von vielen Leuten gelesen werden kann (die das auch noch aus eigener Motivation heraus wollen!) … dass wir einen Internetanschluss haben, der das ermöglicht, dass wir die Technik besitzen, die das ermöglicht … dass wir das Geld haben und erwirtschaften können, dass das eine Weile so bleibt… dass uns Menschen unterstützen, Projekte, wie das Podcast oder das Nachwachshaus weiterzumachen …  dass wir nachwievor die Kraft aufbringen, uns darum zu kümmern, dass uns dieses Projekt nicht entgleitet, fremd oder mit unangenehmen Gefühlen belegt wird …

das ist alles sowas von nicht selbstverständlich und nicht zuletzt das Ergebnis von 10 Jahren Arbeit, die wir selbst nachwievor nur schwer als solche anerkennen können.

Das Blog von Vielen ist der Grundbaustein für alles, was wir in den letzten Jahren dazugewonnen haben.
Es ist zu kostbar geworden, um es aus der Hand zu geben.
Wir sind zu erwachsen, zu selbst_bewusst und auch selbst_sicher geworden, um es einer fremden Instanz in Obhut zu lassen.

Dieses Blog ist nicht unser Leben.
Es ist aus einer Zeit er_wachsen, in der wir uns jeden Tag neu entscheiden mussten, ob wir weiter leben wollen oder nicht.
Das ist, was wir als gegeben nehmen und was wir als Basis für alles, was noch kommt, behalten wollen.

Ab jetzt in Eigenregie.

Unterstützerhunde – Assistenzhunde

(Achtung: das ist ein 360° Video. Das heißt, man kann mit dem Mauscoursor auf der Videofläche, das Bild hin- und herziehen und dann alles wie in einem Raum ansehen. Es passieren viele Eindrücke gleichzeitig. Man kann aber auch nur Jessica angucken. Dann ist es fast wie üblich, außer einer leichten Bildkrümmung.)

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Ich freu mich über den Unterschied, den Jessica in dem Video zwischen Hunden macht, die ihre Menschen unterstützen und denen, die aktiv und zuverlässig, die Dinge tun, die von ihnen erwartet werden – und dadurch unterstützen.

Das freut mich, weil ich heut genau sowas in der Schule erlebt hab.

NakNak* ist immer bei mir in der Schule.
Am Anfang der Stunde hab ich sie auf dem Schoß. Meistens bin ich noch ein bisschen verwirbelt von der Pause oder dem Schulweg. Ihr Gewicht auf den Beinen hilft mir, mich darin zu versichern, dass es meine Beine sind und, dass sie wirklich da sind. Also: dass ich wirklich da bin und, dass ich da bin, wo ich sein soll. In der Schule.
Das unterstützt mich.

Wenn ich mich gut fühle (oder mir die Beine eigeschlafen sind, weil ich zu dick bin für die Stühle in der Schule), sag ich NakNak*, sie soll sich unter den Tisch legen. Das verlange ich von ihr und sie macht das. Ich kann mich drauf verlassen, dass sie nicht einfach aufsteht und zu Leuten läuft und Quatsch macht.
Das ist das Ergebnis ihrer Arbeit.

Heute war ein Lehrer von uns krank und wir waren mit den Mitschülern und Mitschülerinnen alleine. Wir hatten eine schwierige Aufgabe auf. Das hat mich so verwirbelt, dass mir NakNak* eher weh getan hat. Das heißt ich konnte sie nicht auf dem Schoß ertragen.
Mir hilft, wenn die eine andere von innen dann Dinge einfach macht und rumrennt und so. Sie ist also rumgelaufen und hat mit zwei von den Mitschülern und Mitschülerinnen zusammen gearbeitet.
NakNak* war immer an dem Platz, wo der Rechner stand, mit dem wir arbeiten. Ich hab gemerkt, dass mich das beruhigt hat. Ich hatte irgendwie Angst, dass der Raum zerfällt oder ich zerfalle. Aber NakNak* hat den Ort, wo sie war, sehr fest gemacht. Wie eine Insel, wo mein fester Platz ist und nichts Unberechenbares mich erreicht.

Ich war da wiedermal sehr dankbar, dass wir sie im Leben haben und auch in der Schule dabei haben dürfen.
Und ich bin jetzt grad sehr stolz darauf, dass wir und sie so gut arbeiten, dass wir uns auf sie verlassen können. Auch wenn Dinge passieren, die mich sehr verwirbeln und ich nicht mehr so viel mit ihr arbeiten kann, sondern brauche, dass sie viel arbeitet, damit es gut klappt.