Kein Schicksal, keine Herzensgüte

„Haben Sie sich gestritten?“, fragt meine Neurologin auf der Suche nach einem Grund für das Ende der Therapie. „Nein, gar nicht“, antworte ich, „Das ist ja das schlimme. Das wär ja einfach.“
Weiter hinten tobt es. Ist wütend, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat.

Zwei Tage vorher hatten wir mit der Therapeutin telefoniert. Das war so verabredet, weil ich mit der Wut nicht zurechtkam. Fürchtete, an einem nicht vorhersehbaren Punkt, die Ohnmacht hinter der Wut als unaushaltbar zu empfinden. Weiß, dass ich mich kümmern muss. Verantwortung übernehmen muss. Was in meinem Fall bedeutet, genau nicht zu tun, was das bindungszerstörte Innere will: Dissoziation, Trennung, Vernichtung bis (es) nicht.s mehr ist.
Sie hatte eine lange E-Mail von uns bekommen und war nicht darauf vorbereitet, dass ich mich damit befasst haben würde. Dass ich nicht zulassen würde, dass wir darüber reden. Dass ich ihr keinen Raum für eine Verdrehung unserer Beziehung geben würde – und uns keinen für eine Reinszenierung.

Ich sagte ihr, dass ich glaube, dass sie uns das, was die Inneren sich, uns, von der Auseinandersetzung wünschen, nicht geben kann, selbst wenn sie wollte, weil sie noch zu nah dran ist und ich, Hannah, die funktionale Helfertraumaschale, gar nicht nah genug dran bin. Und dass wir nichts von einer Auf.arbeit.ung mit ihr haben, wenn sie nicht mehr mit uns arbeiten will.
Therapie ist Beziehung, Beziehung ist Arbeit, Arbeit war die Grundlage unseres Kontaktes. Sie hat uns genauso wenig wie viel einen Gefallen damit getan, mit uns zu arbeiten, wie es mir, uns, Kraft gekostet hat, mit ihr zu arbeiten. Es ist ihr Job und meine Existenz. Kein Schicksal, keine Herzensgüte – mein Versuch unser AmLebensein aushaltbar zu machen und all die Unterstützung und Begleitung, die sie bieten konnte. Nicht mehr, nicht weniger und davon vieles, was ich als Erfahrungswissen nie verlieren möchte, gerade weil es kein Geschenk von ihr, sondern das Ergebnis meiner, unserer, Arbeit, unseres Mutes, unserer Anstrengungen ist.

Um einen Rahmen zu spannen, schlug ich vor, in einem halben Jahr einen Termin für einen Abschied zu vereinbaren. Wir sollen sie anrufen, um ihn zu vereinbaren und sind damit wieder die Person, von der alles ausgeht, die vorgeblich alles in der Hand hat, obwohl völlig klar ist, dass das nicht stimmt.

Ich glaube nicht, dass ich diejenige sein werde, die sie in 6 Monaten anruft.

Die Welt ist voller Paralleluniversen

„Und, ich sag mal so, ich habs ja auch nicht alleine beendet.“
Noch eine Woche später habe ich den Satz der Therapeutin im Kopf und merke mein Schweigen dazu wie einen Korken zwischen den Inneren und mir. Sie hats alleine beendet. Sie war diejenige, die nicht mehr konnte oder vielleicht auch nur wollte. Sie war das und sie fängt an, sich die Geschichte umzuerzählen. Mir ist egal warum und wofür. Dass sie es tut, ist für die Inneren ein unverzeihlicher Verrat, für mich die traurige Bestätigung einer Angst, die ich, seit wir anfingen mit ihr zu arbeiten, als diffuses Feld empfand und nie berührte, um den Kontakt mit ihr etablieren und funktionalisieren zu können.

Ich habe nicht darauf reagiert, weil unsere Sprechzeit auf 30 Minuten begrenzt war. Weil wir ihr nichts mehr geben wollen, über dessen Bedeutung wir mit ihr reden müssen. Weil sie jede Reaktion von uns umerzählen wird. Ob bewusst oder unbewusst. Sie wird nicht uns hören, sondern, was sie hören muss und dank ihrer Position hören kann. Sie vermeidet für sich und deshalb uns.
Es ist das gleiche wie vor 4 Jahren, wie vor 5 Jahren, wie vor 8, 13, 15, 19, 22 Jahren, obwohl wir längst nicht mehr die gleiche.n sind und das ist noch das schlimmste von allem.

Am 8. Tag nach dem Satz spreche ich mit Dr. H. darüber.
„Sie ist also ausgestiegen“, hatte er gesagt, als ich ihm vom Ende der Therapie mit ihr erzählt hatte. Ich hatte an eine Zugfahrt gedacht, die sie für sich beendet hat und gemerkt, dass das gut erklären könnte, weshalb ihre Perspektive auf das Ende zwangsläufig eine andere sein muss. Wenn man aussteigt, tut man etwas anderes als die, die den Ausstieg machen. Man denkt an andere Dinge, sieht andere Dinge, findet sich in völlig neue Kontexte ein, als die Leute im Zug und auch der Zug selbst.
Die Welt ist voller Paralleluniversen und sie hat unsers verlassen.

Diesmal sprach ich mit ihm über den Wunsch, dass sie das versteht. Am Ende musste ich einsehen, dass ich von ihrem Verstehen nichts habe außer einen Konsens über meinen Schmerz. Was wertlos ist, weil sie ihn weder ungeschehen machen noch lindern noch ausgleichen oder transformieren kann, wenn sie nicht mehr mit mir verbunden ist.
Ich musste einsehen, dass wir einen Aspekt unserer Traumatisierung wiederholen. Dass wir von ihr das gleiche Verstehen wünschen, wie wir es uns von allen an uns gescheiterten Therapeut_innen vorher gewünscht haben, wie wir es uns von den Erwachsenen in unserer Kindheit und Jugend gewünscht haben, wie manche von uns es sich immer noch von den Täter_innen wünschen, die uns auch Eltern waren.

Alles, was ich tun kann, ist uns vor ihrer Erzählung zu schützen. Den Abstand zwischen uns real werden und ihr die Wahrheit zu lassen, die sie gerade oder vielleicht auch für immer braucht. Ich habe nichts mehr mit ihr zu tun. Es ist nicht mehr relevant, was sie im Kontakt mit mir braucht, wir haben einfach keinen mehr, der auf aktuellem Geschehen, aktueller Verantwortlichkeit beruht, sondern auf dem Umstand lange miteinander zu tun gehabt zu haben. Eine gemeinsame Geschichte, die deshalb weder ihre noch meine ist.

über Vermeidung als individuellen Selbstschutz und die Erinnerung daran, dass jeder Mensch eine Insel für sich selbst ist

Die Ablösung tut weh und den Schmerz will ich vermeiden.
Vermeidung ist gut. Vermeidung ist nicht gleich Verdrängung, „wegmachen“, Dissoziation. Jedenfalls nicht für mich.
Ich weiß in der Regel, was ich vermeide. Bin sehr bewusst und aktiv bei der Sache, die ich vermeiden will, sonst würde ich nicht spüren, ob und wann ich sie erfolgreich vermieden habe.

Schmerz verändert mich. Dissoziiert mich. Greift in mich hinein und verschiebt meinen Bezug zu Dingen. Und das ist am Ende, was mich am meisten überfordert. Wenn ich einen Schmerz habe, bin ich nicht mehr ich selbst und die Welt um mich herum auch nicht.
Die Kompensation dessen ist zwangsläufig die Dissoziation, denn sie erzeugt Kongruenz. Er_gibt Sinn, könnte man sagen. Denn in mir entsteht im Moment des Schmerzes eine Trennung zwischen mir und allem Äußeren. Eine Lücke, die gefährlich ist in einer Welt, in der alle (noch) ganz dicht sein müssen. Alles passen muss, weil die Mechanik des Miteinanders nicht eine einzige Leerstelle zu kompensieren in der Lage ist.

Das Vermeidungsverhalten komplex traumatisierter Menschen wird in der Regel deshalb problematisiert, weil Erinnerungsauslöser vermieden werden, was den Prozess der Verarbeitung verhindert. Sich zu erinnern ist notwendig für die Verarbeitung. Zu vermeiden ist notwendig für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Lebensfunktionen. Als komplex traumatisierter Mensch befindet man sich also immer in einem Spannungsfeld zwischen funktionalem Leben und Verarbeitungsprozessen, die mit dem Gefühl einhergehen, diese Funktionalität zu gefährden und damit das eigene Leben.
Das macht die professionelle Traumatherapie so anspruchsvoll. Man hat es immer wieder mit einer Situation zu tun, in der es um Leben und Tod zu gehen scheint und versucht mit der Therapie, mit der therapeutischen Beziehung, einen Raum zu schaffen, in dem die komplex traumatisierte Person sich traut, Lebensgefahr (wieder) zu erleben oder sich selbst als in dieser Gefahr wahrzunehmen und gleichzeitig die Sicherheit, die im Hier und Jetzt, dem Heute besteht.
Hier haben es von Menschen komplex traumatisierte Menschen besonders schwer. Denn andere Menschen und die Beziehung zu ihnen ist, ob bewusst oder unbewusst, ein Auslöser und also oft auch etwas, das vermieden wird.

Von Menschen traumatisierte Menschen sind aus meiner Sicht sehr funktionale Vermeidungskünstler_innen, denn sie verbinden oftmals Dissoziation (Trennung/Ver_Meidung) und Beziehung (Bezug/Kontakt/Erinnerungsauslöser) und schaffen es in vielen Fällen die Widersprüchlichkeit dessen in sich – nicht im Außen! – zu integrieren. Manche, weil sie hoch dissoziativ funktionieren und sich der Widersprüchlichkeit nicht bewusst sind und manche, weil sie es schaffen, diesen Umstand als (natürlich) gegeben hinzunehmen (oder vermittelt bekommen, dass es sich dabei um Hinzunehmendes, weil Unveränderliches, handelt).
Menschen sind soziale Wesen und es ist nur logisch, das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt als genetischen Imperativ zu akzeptieren oder aber auch als etwas anzunehmen, das im gleichen Maße zum Überleben beiträgt, wie es die Vermeidung (der Möglichkeit) von zwischenmenschlicher Gewalt tut, weil es das eigene kulturelle Erbe, die Geschichte der Menschheit, so lehrt.

Das Problem: Diese Wahrnehmung führt zu einer spezifischen Perspektive und formt so eigene Werte und Normen. Zum Teil Werte und Normen, die nicht vereinbar sind mit dem Außen, der außer-ichlichen Umgebung. Sprich: anderen Menschen.
Ein übliches Dilemma, denn jeder Mensch ist für sich selbst eine Insel, abgetrennt von anderen Menschen – völlig unabhängig von Vermeidung und der Wahl von Bezugspunkten.

Eine für mich relevante Erinnerung.
Mein Vermeidungsverhalten hat etwas mit der Angst vor Kontrollverlust und der Vermeidung von Gewalterfahrungen durch Menschen zu tun. Das Vermeidungsverhalten meiner ehemaligen Therapeutin vielleicht nur mit ihr selbst und ihren (Un-)Fähigkeiten bzw. der Kompensation dessen.
In jedem Fall eignet sie sich nicht mehr dazu, zu verarbeiten, was das (Vermeidungs-)Verhalten anderer Therapeut_innen mit mir gemacht hat. Obwohl es gerade jetzt – für mich unübersehbar, ganz offensichtlich und sogar von ihr selbst getan – sichtbar ist und sich als Illustration, als Beispiel anbietet. Sie es doch eigentlich nicht übersehen kann – würde sie es nicht vermeiden (müssen).

Eine neue Einsicht. Eine neue Ohnmacht.
Ein alter Schmerz. Eine Wiederholung früherer Traumatisierung.

der dritte Sprechstundentermin

Im Zug gehe ich meine Gesprächspunkte noch einmal durch. „Guten Tag“ – „Guten Tag. Die Versichertenkarte bitte“ – „Ja, hier.“ – „Danke, nehmen Sie schon mal Platz.“ – „So. Ja. Was führt Sie denn zu mir?“ – „Ich suche eine neue Therapeutin für mich“ …
In meinem Kopf ist das Gespräch schon da. Ich weiß, was ich sagen muss und halte mich an diesem Wissen fest, damit meine Angst darum, dass dieses Gespräch anders laufen wird, so lange wie möglich unterdrückt bleibt.
Ich habe wirklich Angst. Das fällt mir während dieser Fahrt zum ersten Mal ganz bewusst auf. Es ist keine Furcht. Keine Sorge. Es ist Angst mit allem Zipp und Zapp.

Wir fahren eine neue Station in Hannover an, ich kenne mich dort nicht aus, konnte keinen begleiteten Testvorlauf machen. Von da aus fahren wir mit dem Bus weiter, ich kenne das System der Busfahrer in Hannover nicht. Weiß nicht, ob sie ein Stationsansagesystem haben, ob es Baustellen gibt, ob ich Empfang für mobiles Internet und GPS habe, wo ich aussteigen muss. Werden die Stationen, an denen niemand ein- oder aussteigt, vielleicht überfahren und die Ansage – so es denn eine gibt – und ich sie verstehen kann – kommt falsch? Wie erfahre ich, ob der Bus vielleicht ganz ausfällt? Was, wenn ich es nicht erfahre und die Strecke laufen muss? Dann verspäte ich mich. Kann ich dann noch bei der Therapeutin klingeln? Oder besser anrufen und sagen, dass ich später komme? Was, wenn ich keinen Empfang da habe? Ich schwitze und zittere gleichzeitig.
Bis ich vor der Praxistür stehe, werde ich nicht ein Mal dazu kommen zu prüfen, ob ich das hier eigentlich wirklich will, oder mache, weil ich muss, weil nicht wollen eine Option ist, die ich nicht wählen kann, weil ich nicht weiß wie man sie lebt.

Es ist der dritte Termin über die zentrale Terminvergabestelle und der vierte Kontakt mit einer fremden Person, die Psychotherapie anbietet, seit die Therapie mit der bisherigen Therapeutin zu Ende ist.
Ich bin pünktlich. Habe die Busfahrt geschafft, die Praxis gefunden. Die Tür geht auf, ich trete einer Welle entgegen, in deren Wasser ich die nächste dreiviertel Stunde rumschwimme. Ich finde Halt in meiner Vorbereitung, kann die Satzteile, die die Therapeutin sagt, erkennen und daran ableiten, wo im Verlauf des Gespräches wir sind. Trotzdem denke ich die ganze Zeit an den Film „Titanic“ und daran, dass ich bei der bisherigen Therapeutin irgendwann immerhin eine Tür hatte, auf die ich klettern konnte, wenn mich das schwimmen erschöpft hat.

„Was haben Sie denn für Beschwerden?“, fragt sie, „Ich habe keine Beschwerden, nur Symptome“ antworte ich und merke keine Sekunde später, wie ich wieder in eine Sprachfalle tappte, die ich schon ganz genau kenne. Jetzt zieht auch noch mein Selbsthass an mir und jede weitere Frage, jeder noch so banale Punkt wird schwieriger. Krankheiten, Medikamente, frühere Diagnosen, das plötzliche Ende der letzten Therapie.
Da kommt die Wut wieder. Die Wut auf die Therapeutin, auf die Umstände, die Wut auf mich, für alles und alle immer Verständnis und Mitgefühl zu haben, außer für meine Wut, keine Unfähigkeit nicht mehr zu wollen, meine Überforderung und Angst, dass das für immer so bleibt. Das hier ist aber nicht der Ort und auch nicht der Zeitpunkt darüber zu reden. Bald. Irgendwann.
Vielleicht kann es einen Termin mit der letzten Therapeutin geben, in dem wir darüber reden können. Über meine Wut und meine Überforderung damit, anderen Menschen die Frage zu beantworten, warum sie unsere Arbeit beendet hat.

„Wie sind Sie aufgewachsen?“, fragt sie. Ich weiß es nicht.
Und ich weiß einfach nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Welches Aufwachsen meint sie denn? Und welche Qualitäten beschreibt man denn für ein Aufwachsen? Ich weiß nicht, wonach ich in meinem nebligen Erinnern fischen soll und verstehe generell einfach nicht, wozu diese Frage wichtig ist. Ich habe ihr bereits gesagt, dass ich mich nicht an meine Kindheit und Jugend erinnere bzw. dass sich das, was ich erinnere, nicht wie von mir erlebt anfühlt. Wofür also die Frage nach dem Aufwachsen?
„Und wie war die Beziehung zu ihrer Mutter?“, fragt sie. Da merke ich, wie fremd mir vorkommt überhaupt eine Mutter zu haben. Dass ich eine Beziehung haben könnte, aber keine mehr habe, nachdem ich jahrelang versucht habe eine zu entwickeln und die, die sie zu mir hat zu verstehen.
Ich löse mich auf. Es ist zu viel, ich bin am Ende. Der Termin aber auch.

Sie gibt uns alle nötigen Zettel mit. Ein PTV 11-Formular, einen Konsiliarbericht, eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Sogar eine Vorlage zum Antrag auf Leistungen über das Kostenerstattungsverfahren.
Als ich draußen bin, weine ich. Vielleicht vor Erleichterung. Mit diesen Zetteln habe ich alles, was ich für das Kostenerstattungsverfahren brauche. Vielleicht hab ichs jetzt geschafft. Vielleicht kann ich mich bald ganz darauf konzentrieren, ob die Therapeutin mit Kapazitäten und ohne Kassensitz, die wir gefunden haben, gut zu uns passt.
Vielleicht kann ich bald verarbeiten, was diese Termine bei mir aufgewühlt haben. Vielleicht kann es bald nicht mehr weh tun, dass es so ist, wie es ist.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.

das Gegenteil von „behindert“

Es gibt eine ganze Reihe an sprachlichen Verrenkungen, die gemacht werden, um sich der Einsicht zu verweigern, dass man möglicherweise eine Perspektive auf behinderte Menschen hat, die sie zu etwas Außergewöhnlichem machen. Etwas Besonderem im negativen wie positiven Sinne. So werden Behinderungen zum Beispiel kategorisiert in „schwer“ oder „leicht“, in „körperlich“ oder „seelisch“ oder „kognitiv“, um sie zu etwas zu machen, das sich daran zeigt, wie eine Person mit ihrer Umwelt interagiert oder auch in ihr funktioniert. Sie werden also zu einem Merkmal einer Person.

Eine für mich besonders interessante Verrenkung in dem Zusammenhang ist die Kategorisierung von Behinderungen in „sichtbar“ und „unsichtbar“, weil sie mir im Kontext von Autismus häufig begegnet. Viele Menschen halten Autismus, besonders bei (erwachsenen) Personen, die gut (im Sinne von unauffällig) funktionieren, für eine „unsichtbare Behinderung“, weil sie die Kompensation der Behinderung anders als zum Beispiel kleine Menschen nicht mit physischen Hilfsmitteln vornehmen.
Das bedeutet: Viele Menschen halten den Umstand überhaupt kompensieren zu müssen für eine Behinderung – und nicht für eine logische Folge dessen, was die Behinderung ausmacht.

Das ist aber nicht alles, was für viele Menschen eine Behinderung „unsichtbar“ macht. Häufig haben Menschen über stereotype Darstellungen in verschiedenen Medien den ersten Berührungspunkt mit behinderten Menschen.
Medien aber haben bei der Darstellung von Eigenschaften immer das Problem, dass alles deutlich sichtbar und hörbar („allgemein erkennbar/verstehbar“) sein muss, um als Botschaft bei den Empfänger_innen anzukommen, weil diese nicht mit den Darsteller_innen interagieren können und so eine ganze Menge der zwischenmenschlichen Interaktion wegfällt, die üblicherweise dabei hilft, eine Person in vielen, wenn nicht den meisten ihrer Befähigungen wahrzunehmen.
Diese stereotypen Darstellungen werden vielfach kritisiert. Auch, weil für die Darstellung behinderter Menschen in der Regel Menschen engagiert werden, die gar nicht mit der darzustellenden Behinderung leben und so ein zwangsläufig von Stereotypen und (möglicherweise falschen) Vorstellungen eingefärbtes Spiel machen.
Ich persönlich finde es vor diesem Hintergrund eigentlich sogar ganz witzig zu verstehen, dass Medien mit ihrer stets und ständig völlig überzeichneten Darstellung behinderten Lebens ihrerseits eine Behinderung zu kompensieren versuchen und dafür von behinderten Menschen so aufs Dach bekommen, wie diese im Alltag oft für ihre Kompensationsmittel und -wege aufs Dach bekommen.

Was ist nun an der stereotypen Darstellung im Alltag problematisch? Sie bietet eine Art Stylesheet an, weil sie für viele Menschen, der einzige Referenzrahmen ist. Und viele Menschen egal wie Medien-kompetent sie sind, können behinderte Menschen in der Folge nur an eben jenen sehr deutlich (und häufig nun einmal leider falsch dargestellten) Merkmalen er_kennen.
Sie halten entsprechend die Dinge, die sie nicht er_kennen für unsichtbar – und in Folge leider häufig auch für nicht real, nicht wahr, nicht sie selbst betreffend, fremd, gefährlich, besonders, anders. Das ist kein bewusster Prozess und das ist wichtig für mich als Person, die mit Autismus lebt, denn es bedeutet für mich, mein vielleicht nicht auch autistisches Gegenüber als in der Wahrnehmung meiner Person behindert einzuordnen.

Alle, die wegen dieses Satzes aus der Haut gefahren sind oder denen es die Schuhe ausgezogen hat, möchte ich nun bitten sich wieder anzuziehen, wir haben Ende November, nicht, dass sich hier jemand verkühlt.
Ja, ich gehöre zu den Menschen, für die eine Behinderung nichts ist, was man hat, sondern was man erlebt – egal wie man gewachsen ist, was man gut oder weniger gut oder vielleicht auch gar nicht kann. Ich halte die meisten Behinderungen über kompensierbar und alle Menschen immer irgendwann in ihrem Leben immer irgendwo und irgendwie behindert. Das bedeutet für mich nicht, dass die jeweils erfahrenen Behinderungen miteinander in ihren Auswirkungen vergleichbar sind, denn das sind sie nicht, und es bedeutet auch nicht, dass jede Behinderung zu jedem Zeitpunkt den gleichen Stellenwert im Leben einer Person hat.

Das bedeutet für mich, dass ich das Gegenteil von „behindert“ nicht in dem Begriff „nichtbehindert“ sehe.
Das Gegenteil von „behindert“ ist für mich „ermöglicht“ und deshalb im Weiteren auch „ermächtigt“.

Die konkrete Begegnung, die achtsame, respektvolle Interaktion mit anderen Menschen ist das wichtigste Werkzeug, das wir als Spezies zur Verfügung haben, um uns selbst zu erkennen, zu verstehen und zu erhalten. Stellt sich hier eine Problematik ein, sind wir darin, wodurch auch immer und in welchem Ausmaß auch immer, behindert, haben wir ein ernsthaftes Problem.
Und zwar eines, das sich meiner Ansicht nach eher verschärft, wenn man Raum für die Idee lässt, es gäbe so etwas wie „unsichtbare“ Behinderungen oder auch „nichtbehinderte Menschen“. Sie ist das Ergebnis einer Vermeidung der Erkenntnis, dass Behinderungen zum Leben gehören – und nicht zu den Menschen, die dieses lediglich verkörpern und also zwangsläufig sichtbar machen.

die Klapsen-Gedankenschleife

Es rauscht und knackt in der Leitung, am anderen Ende gibt es Probleme mit Soft- und Hardware. „Hm, in ihrer Gegend kann ich ihnen keinen Termin vermitteln.“ Der Mitarbeiter der zentralen Terminvergabestelle klingt irritiert. In mir zieht sich etwas zusammen. Ich lasse ihn im Umkreis von 50 Kilometern suchen, dort findet er etwas.
Als ich auflege, brennt meine Haut. Mir ist schlecht, ich bin erschöpft. Ob immer noch oder schon wieder kann ich gar nicht so genau sagen. In der Nacht hatte ich einige Stunden damit verbracht herauszufinden, ob ich wirklich ganz aus Schmerz bestehe oder ein Erinnern mich das glauben lässt. Am Morgen hatte ich eine lange Selbstmotivationsphase gebraucht, um daran zu glauben, dass es gut ist, dass es wichtig ist, dass ich genug dafür bin, mich um einen weiteren Termin zu kümmern.
Jetzt sitze ich am Schreibtisch und fühle meine Kopfhörer wie die Berührung einer Person, die mich da erreichen will, wo es am schlimmsten ist. Sehe meine Arbeit, meine Projekte wie Türme, die weit über mich hinausragen, erinnere mich an meine Zukunftswünsche wie an einen Traum, den ich mir nie hätte erlauben dürfen.

Für eine Weile bin ich aus Stein. Mir laufen Tränen eine nach der anderen auf der gleichen Bahn über die Wange ans Kinn, wo sie sich sammeln, um gemeinsam auf meinen Pulli zu fallen. Ich beobachte das, fühle nichts, denke nur daran, was für ein jämmerlicher Zustand das ist. Was für ein erbärmlicher Wurm ich bin. Was für ein ekelhaftes Klischee.
Weiter hinten gibt es einen Streit darüber, was es bedeutet eine_n Therapeut_in zu brauchen, daneben steht die Erinnerung an die Pflegeperson aus der KJP, die mir vor 16 Jahren sagte, dass ich mich schon mal drauf einstellen könne, immer irgendeine Form von Therapie zu brauchen, weil bei mir einfach alles so richtig kaputt wäre.

Vor einigen Monaten habe ich mich so heil gefühlt, dass ich dachte, in ein zwei Jahren fertig zu sein und vielleicht nur noch das Autismuscoaching als Unterstützung zu brauchen. Wir haben über ein Kind nachgedacht, über Heirat, über eine kleine berufliche Selbstständigkeit. Darüber, das Nachwachshaus-Projekt auszuentwickeln, über einen Alltag, in dem meine psychische Beschaffenheit keinen Krankheitswert mehr hat. Jetzt kommt es mir naiv vor. Vermessen. Dumm.
Gesund, normal, ohne Therapiebedarf sind immer nur die anderen. Unbesprochenen Alltag, unbearbeitete Wahrnehmung, das dürfen immer nur die anderen haben. Mir ist das Leben nur dann zuzumuten, wenn jemand mit Fachwissen auch drin ist.

Ich bin in der Klapsen-Gedankenschleife. Getriggert bis unters Dach. Noch zwei drei Kreisel und ich bin suizidal. Kann keinen Sinn mehr sehen, nicht mehr an den Unterschied zwischen „real“ und „wahr“ glauben.
Ich hänge meine Wäsche auf, mache mein Bett, schalte den Wasserkocher ein und beobachte die Bewegungen darin. „Heute ist es anders als früher.“ denke ich und kann keine Entlastung im Gedanken an einen Suizid finden. Da wäre zu viel vorzubereiten, so viele Leute zu verlassen, ohne, dass sie es merken, was mir nie gelingen wird.
Ich rufe bei der Neurologin an. Die Praxis ist zu, ich rufe bei der Therapeutin an, die drückt mich weg. Ich rufe den Begleitermensch an, die Mailbox. Merke wie es hinter mir nickt und sagt: „Siehst?“

„Ich bin überfordert.“ denke ich. „Ich bin überfordert und das ist schon alles. Das passiert. Das ist auch Leben.“ Ich entscheide mich für ein Frühstück, verschließe die Stelle im Auge, aus der die Tränen kommen. Als ich dabei bin zusammenzubrechen, weil mir meine Handlung in Einzelteile und Bedeutungslosigkeit zerfällt, klingelt das Handy.
Die Therapeutin ist dran.

„Mutti, Vati – Ich will die Scheidung von euch!“ – ein Vorschlag zu langfristigem Schutz behinderter Menschen, die Gewalt in der Familie (üb)erleben mussten

Disclaimer: Beim gestrigen „European Inclusion Summit 2020“ stellte ich die Frage, ob die Ebene der gesetzlichen Abhängigkeit behinderter Opfer von Gewalt mitgedacht wird. Ich glaube, dass man meine Frage nicht gut verstanden hat. Deshalb habe ich diesen Text geschrieben.
Hier kann man ihn als PDF runterladen und weitergeben.
Click here for the PDF in english
Ich würde mich freuen, würde sich jemand bei mir melden, die_r diesen Text unentgeltlich in Leichte Sprache/Plain Language übersetzen kann und möchte, damit viele Menschen von meinem Vorschlag erfahren.
Danke an Katja B. Und Illy A. Heger für die englische Übersetzung.

 

„Mutti, Vati – Ich will die Scheidung von euch!“
– ein Vorschlag zu langfristigem Schutz behinderter Menschen, die Gewalt in der Familie (üb)erleben mussten

In Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes steht:

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.

(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.

(5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.

Dieser Artikel bildet den Kern des deutschen Familienrechts und funktioniert als Abwehrrecht. Das bedeutet, dass die Familie vor Ein- und Übergriffen von Außen geschützt wird. Außerdem ist dieser Artikel als „wertentscheidende Grundsatznorm“ zu verstehen, weshalb der Staat sich verpflichtet, die Familie vor Schädigung und Störung durch ihn oder Dritte zu schützen, aber auch durch angemessene Förderung zu stärken und Benachteiligung zu vermeiden.

Was ich hier so buchtrocken hinschreibe, ist im deutschen Recht durch viele Gesetze und Regelungen ergänzt, ausformuliert und gesichert. Man könnte auch „konserviert“ schreiben. Denn sicherlich gibt es Regelungen und Gesetze, die vorgeben, wie Familienmitglieder miteinander umgehen, welche Rechte und Pflichten bestehen, wenn keine Bindung durch z. B. Heirat (der Eltern) mehr besteht – es gibt aber bis heute keine Möglichkeit, sich von der eigenen Familie nicht nur räumlich, sondern auch rechtlich zu trennen und als Individuum ohne Abstammung behandelt zu werden.

Familie ist man immer und in manchen Belangen auch vor allem anderen. Zum Beispiel vor dem Umstand, dass man Opfer von Gewalt, ausgeübt von der eigenen Familie, ist oder war.

In den letzten Jahren ist es üblich geworden, auf Konferenzen und Fachtagungen zu Gewalt an Kindern zu betonen, dass die Täter_innen in der Regel aus der eigenen Familie und dem näheren sozialen Umfeld kommen. Auch wenn es um Gewalt in der Ehe geht, wird dieser Umstand unterstrichen und immer wieder formuliert, welche Konsequenzen dies sowohl für die Dimension des Gewalt(üb)erlebens, als auch für den Schutzbedarf der sie betreffenden Personen hat.
Was in der Regel ausbleibt, ist die Auseinandersetzung mit rechtlichen Fragen, die über Schadenersatz, Strafanzeigen und spezifische Fragen zu familienrechtlichen Problemen hinausgeht.

Für mich persönlich ist das seit vielen Jahren problematisch.
Ich bin eine behinderte Person, die durch das Gewalt(üb)erleben müssen in der eigenen Familie eine komplexe und chronische Traumafolgeerkrankung erworben hat. Ich musste als Jugendliche aus eigener Kraft fliehen, nachdem das Jugendamt (möglicherweise auch bedingt durch meine Behinderung und damit einhergehende Kommunikations- und Interaktionsprobleme) meine Situation nicht so einschätzte, dass eine Herausnahme aus der Familie gerechtfertigt zu sein schien.
Die Dimension meiner Gefährdung und der Gewalt an mir durch die eigene Familie wurde den Menschen, die mich in der Zeit betreuten und versorgten, erst über 1 Jahr später klar. Es war nicht möglich, einen Sorgerechtsentzug oder einen Entzug anderer elterlicher Rechte anzustreben.
Ich war in den folgenden etwa 5 Jahren damit beschäftigt, den gewaltvollen Einfluss meiner Familie zu kompensieren, denn ich war aufgrund meiner Erkrankung und meiner Behinderung auf Leistungen der Eingliederungshilfe angewiesen. Ich brauchte, aufgrund meiner Behinderung noch weit über mein 18. Lebensjahr hinaus, Unterstützung und Hilfe bei der Navigation durch die Welt, dem Erwachsenwerden, bei der Aufrechterhaltung eines eigenen Haushalts und nicht zuletzt auch meines eigenen Lebens.
Diese Sozialleistungen, aber auch andere Leistungen, wie zum Beispiel das Kindergeld, sind an die Familie gekoppelt. Das bedeutete für mich, dass meine Familie jederzeit – auch an Auskunftssperren vorbei – dazu verpflichtet war, mir diverse Unterlagen zukommen zu lassen, immer wieder zu Hilfeplangesprächen eingeladen wurde (bis ich volljährig war und dies ablehnen konnte) und immer wieder durch die Kommunikation mit dem Jugendamt und später Sozialamt davon in Kenntnis gesetzt wurde, wo ich wohnte, was ich machte, wie es mir ging, wann ich wo, wie medizinisch versorgt wurde und so weiter und so weiter. Eine Amtshilfe durch das örtliche Jugendamt – ich lebte inzwischen sogar in einem anderen Bundesland – wurde abgelehnt. Die Gründe dafür konnten nie geklärt werden. Mir war ein Kampf um diese Hilfe nicht zuzumuten.

Bis ich 34 Jahre alt war, hatte ich zu keinem Zeitpunkt die Chance, den von mir gewünschten und für meine persönlichen Sicherheitsgefühle notwendigen Abstand zu diesen Menschen herzustellen.

Und selbst heute, wo ich mich zumindest abgesichert fühle, muss ich in dem Bewusstsein leben, dass unsere familiäre Verbundenheit über das Gesetz jederzeit wieder zu Kontakt, zu Rechtsansprüchen und Pflichteinforderungen führen kann. Etwa, wenn meine Eltern pflegebedürftig werden (und ihr Vermögen die Kosten nicht abdeckt) oder gestorben sind. Wenn ich unverheiratet (und deshalb weiterhin im Hartz 4-Bezug) sterbe. Wenn ich unverheiratet ein Kind bekomme und bei dessen Geburt versterbe. Oder, um ein banaleres Beispiel zu nennen: Wenn ich erneut Bafög beantrage, weil ich ein Studium anfangen möchte und – wie zuletzt im Zuge meiner Berufsausbildung – die Sachbearbeiter_innen mir nicht glauben, dass ich wirklich und echt auf elternunabhängiges Bafög angewiesen bin.

Mit dieser Problematik kann ich nicht allein sein in Deutschland, denn bereits die schiere Anzahl der Kinder, die Gewalt in ihrer Familie (üb)erleben müssen, ist enorm. „Im Jahr 2018 prüften die Jugendämter laut Statistischem Bundesamt 157.271 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung. In rund einem Drittel, bei 50.412 Fällen, wurde eine Kindeswohlgefährdung bestätigt.
In der polizeilichen Kriminalstatistik werden für das Jahr 2019 13.670 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern angegeben.“ schreibt zum Beispiel die UNICEF in diesem Faktenblatt zur alltäglichen Gewalt an Kindern (PDF).
Jetzt in der Zeit der sogenannten „Corona-Pandemie“, gibt es vermehrt Berichte wie hier bei der Tagesschau darüber, dass es immer mehr Fälle von Femizid durch Partner_innen, aber auch jede andere Form der Gewalt im familiären Umfeld gibt.

Politisch wird der Auftrag des Schutzes von Opfern, so erscheint es oft, als Kurzzeitprojekt verstanden.

So wird von mehr Frauenhäusern gesprochen, es werden Schutzkonzepte für Einrichtungen entwickelt, die relevant in der alltäglichen Lebensumgebung von Kindern sind und auch das eine oder andere Reförmchen am Opferentschädigungsgesetz (OEG) oder auch am sogenannten „Stalkingparagrafen“ wurde umgesetzt. Doch die Achse der Zugehörigkeit – die Verbindung über Abstammung oder Ehe wurde nie berührt.
Ist die konkret auf den Körper einwirkende Gewalt beendet, so gilt eine Person in Deutschland praktisch als geschützt, da die seelischen Aus_Wirkungen nicht gleichermaßen objektiv gemessen werden können und also jedes Leiden in der leidenden Person verortet wird. Sie wird allein in die Verantwortung genommen, das eigene Leiden zu beenden. Zum Beispiel mit der Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung, mit einem Umzug, mit einer Namensänderung, mit der Einrichtung einer Auskunftssperre, mit der Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung, die sie in ihrem Namen vor Behörden vertritt.

Meiner Meinung nach geschieht dies zum Nachteil aller Opfer, die zum Beispiel aufgrund von Behinderung, von Armut oder infolge rassistischer Diskriminierung nicht in der Lage sind, sich selbst zu einer Institution unabhängig von Staat und Familie zu machen. Etwa mit Vermögen und dadurch globaler Unabhängigkeit staatlicher Unterstützung und Schutz.

Die private Lebensorganisation eines Menschen sollte nicht an Institutionen gebunden sein, die der freien Persönlichkeitsentfaltung und dem Leben in individueller Freiheit so grundlegend widerspricht, ja sogar der Lebendigkeit des Menschen möglicherweise feindlich gegenüber steht, wie es der Fall ist bei Menschen, die Gewalt in der eigenen Familie (üb)erleben mussten.

Ich möchte ein Recht auf Scheidung im Sinne einer globalen Umschreibung aller Rechte, die eine über Abstammung oder Heirat definierte Familie an einer Person hat, auf diese Person allein, vorschlagen.
Diese Umschreibung sollte eine Person in die Situation versetzen, vom Gesetz als familienlos und also frei von familien-, wie erb- und sozialrechtlichen Ansprüchen an und von den Personen zu sein, die sie, auf welchem Weg auch immer, gezeugt haben, oder mit denen sie durch eine Ehe verbunden war.

Ich wünsche mir, dass Menschen diesen Text lesen, die wissen, wie man solche Vorschläge so formuliert, dass sich für derlei Vorgänge verantwortliche bzw. ermächtigte Menschen damit befassen und ihn auf Umsetzbarkeit und all seine Implikationen prüfen. 
Ich wünsche mir, dass sie mit mir in Kontakt gehen. Zum Beispiel per E-Mail an H.C. Rosenblatt ät online punkt de.

Seit Jahren stelle ich auf Konferenzen mit der Thematik des Opferschutzes die Frage, wie ich endlich wirklich selbstbestimmt und frei sein kann. Und immer wieder stelle ich als behindertes Opfer von Gewalt fest, dass die Gesellschaft mit meiner Abhängigkeit von Behörden und damit in manchen Fällen auch denen, die an mir Täter_in wurden, einverstanden ist.
Das ist Unrecht und soll nicht nur für mich, sondern auch für andere in meiner Situation aufhören.

Bitte teilen Sie diesen Text mit Menschen, die mein Anliegen vielleicht interessant finden und mich bei der Umsetzung in irgendeiner Form unterstützen möchten.

Herzlichen Dank

Hannah C. Rosenblatt

der zweite Sprechstundentermin

Sie braucht mir gar nicht sagen, dass sie keine Kapazitäten hat. Kann ihr Bedauern eingepackt lassen, braucht nicht überlegen, wie sie mir helfen kann. Ich sitze in ihrem halbdunklem Behandlungszimmer und denke kurz darüber nach, was es mit mir macht, dass diese Plexiglaswand zwischen uns so sichtbar ist, wie ich sie sonst nur fühle.

Wir sind einige Kilometer Landstraße gefahren, dann auf einen Acker. Vor dem Haus, in dem sie ihre Praxis hat, picken freie Hühner in der nackten Erde herum. Es ist mein erster Sprechstundentermin mit einer Therapeutin, der mir über die 116 117 vermittelt wurde.
Der Freund ist krank, es ist kalt, ich war vertieft in eine Arbeit, als er mich zur Abfahrt rief.

Ich bin gerade so schön taub und zerstäubt, das Sprechen fällt mir nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Das Gefühl für meine Geschichte und ihre Wirkung auf andere ist durch das Bloggen und den Podcast, das viele Sprechen vor anderen in Rahmen, die keine Nähe entstehen lassen, irgendwie … tja, weg? abstrahiert? dissoziiert? Es ist jedenfalls kein Akt, der Vertrauen erfordert oder etwas, das ich nur mitteile, wenn ich mich sicher fühle. Tatsächlich werde ich eher unsicher, etwas davon zu erzählen, wenn ich mich sicher fühle im Kontakt mit jemandem, weil meine Geschichte in ihren Details und Realitäten diesen belastet und also die Sicherheit bedroht.

Früher hätte es etwas mit mir gemacht, auf so eine Therapeutin zu treffen, wie sie. Etwas älter, das Behandlungszimmer halbdunkel und warm, im Gesicht schräg gestellte Augenbrauen und die Stimme auf warm und fühlig. Ein ganz wunderbarer Schonraum. Ein weiches Nest voller Wärme und Verstehen. Früher hab ich gedacht, so etwas würde mich satt machen, heute weiß ich, dass es mich daran hindert, mich selbst zu ernähren.

Weil ich nicht weiß, woraus ihr Protokoll besteht und wie viele Informationen sie zwingend braucht, um mir den Zettel auszufüllen, auf dem steht, dass ich eine Therapie brauche, sie aber keine Kapazität hat, beantworte ich ihre Fragen und erzähle dabei, welche Diagnosen ich wann hatte und was ich durch die Therapie bisher erreicht habe.
Als sich mein Mund nach Waschlappen anfühlt, denke ich, dass ich das perspektivisch irgendwie anders machen muss. Es nervt mich, mit meinem Diagnoseweg immer auch mein halbes Leben zu erzählen und die andere Hälfte als Grund dafür zu haben. Und irgendwie tut es auch weh. Denn ich erzähle das wie ich es schon als Jugendliche erzählt habe: Stationsweise, Klinikweise, Heimweise, irgendwann Jahrweise. Mit Überbegriffen, abstrakt, sachlich. Ich weiß nicht, welche Informationen andere Menschen eigentlich wollen, wenn sie mich danach fragen. Was ich ihnen sage, ist es jedenfalls oft nicht, denn sie stellen Rückfragen auf Dinge, die ich schon gesagt habe, nur nicht zur Rampe für emotionale Tiefenwanderungen durch meine Gefühle konstruiert.

Sie fragt nach meinen Gewalterfahrungen, meiner Traumatisierung, ich sage, dass ich sexualisierte Gewalt erlebt habe. „Durch ihren Vater?“ fragt sie mit sanfter Verständnisstimme und nickt unbewusst. In mir drin klappen Türen zu, meine Antwort zerquetscht mit Nachdruck etwas rasendes, das sie wie mich gefährden könnte.

Später sagt sie, dass meine Geschichte ja sehr dramatisch sei, ich weiß nicht was sie damit meint. Ein Drama beschreibt in der Regel einen Konflikt und von dem habe ich ihr gar nichts erzählt. Mein Problem ist nicht, erlebt zu haben, was ich erlebt habe. Und selbst wenn das mein Problem wäre, wie sollte ich das denn lösen? Passiert ist passiert, ich hab überlebt und das ist im weitesten Sinne mein Problem.
Ich bin froh, dass sie keine Kapazitäten hat. So muss ich nichts ablehnen und mit Rechtfertigungsdruck umgehen.

Auf dem Rückweg fliegt eine Schleiereule von einem Strommast auf, an dem wir vorbeifahren. Dafür hat sich die Unterbrechung meiner Arbeit gelohnt.

Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.

„Jetzt generalisieren sie aber“, sagt die Therapeutin.
Am Wochenende kam eine Nachricht von ihr. Sie hätte meinen Brief gelesen und die Stellen im Buch, die ich ihr präpariert hatte.
Ich prüfe mein Gesagtes und stimme zu. Ja, es ist eine Generalisierung von mir zu sagen, dass alle Therapeut_innen und Helfer_innen, die mich nicht gesehen, nicht erkannt, nicht verstanden haben, mich am Ende nie deshalb entlassen, rausgeworfen oder abgewiesen haben, sondern, weil sie sich dagegen entschieden haben, mich sehen, erkennen, verstehen zu wollen.
Das ist eine Erzählung, die mir hilft und mich tröstet.
Sie handelt von Menschen, die Versprechen geben, ohne sie zu machen. Von einem Wunsch danach, bedingungslos unterstützt zu werden, der schon seit vielen Jahren nicht mehr angebracht ist – egal in welchem Kontext. Von der Einsicht, dass man Menschen nicht ändern kann und der Anerkennung der Ohnmacht vor dem Begreifen anderer Menschen.
Es ist die Essenz der vielen Erklärungsfindungsprozesse seit den 90er-Jahren, die bei jedem einzelnen Bindungs- und Beziehungsabbruch zu Therapeut_innen, Helfer_innen und Menschen, die uns aus ihrer Position der Autorität hätten helfen können, wenn sie nur kapiert hätten, was wir ihnen sagen, ausgelöst wurden.

Es ist eine Erzählung, die wahr und fair ist.
Ich stehe nicht hier und sage: „Alle Therapeuten sind vertrauensunwürdige Dreckspisser, die eh nix schnallen und immer nur vom Elend anderer profitieren.“ Ich habe und ich werde nie – selbst nicht über die Behandler_innen, die mich mit ihrer Unfähigkeit re.traumatisiert haben – sagen, dass sie das mit Absicht getan haben oder mich einfach zu scheiße fanden, um korrekt mit mir umzugehen.
Auch das sind Generalisierungen, mit denen so einige bindungstraumatisierte Menschen nach Erfahrungen wie meinen leben.

Es ist meine Erzählung über Gewalt, es ist meine Erzählung über das Leben, über die Menschen.
Ich stehe hier und sage: Es tut weh, weil du mir ein Weh getan hast – und ich kann darauf verzichten, dass du mir sagst, dass dir das leid tut, denn ich hab nichts davon, dass du dich einer Schuld entschuldigst, die du dir selber gibst, weil du denkst, wenn ich dich als Quelle auszeichne, bedeute das irgendeine Schuld statt einer Ursachenzuschreibung. Mein Weh wird nicht weniger davon, dass du mir sagst, dass du das nicht wolltest. Absichten sind Fantasien. Sie sind bedeutungslos für die Realität.

Ich erzähle von einem Weh, das niemand wollte und das trotzdem passiert ist.
Und ich erzähle das nicht, damit irgendjemand um mich herumtanzt und versucht das wieder gutzumachen. In einer Welt, in der Fantasien mehr Bedeutung zukommt als Realitäten, kann sich mein Weh nicht transformieren. Gibt es keinen Schutz, keine grundlegende Reparation, sondern immer nur Ablenkung, immer nur noch mehr nutzloses Gewölk zur Betäubung der Ohnmachtsgefühle vor der Interaktion mit anderen Menschen und also vor dem Leben selbst.

Meine Generalisierung, diese meine Erzählung, ist keine Schutzmaßnahme. Weder für mich, noch für irgendjemand anderen.
Es gibt keinen Schutz vor dem Leben.