Vielleichts

Ich denke mir das so: Wenn noch irgendwas aus mir werden soll, das über “kostenlose Texte und Bilder für alle – Macherin in diesem Internet” hinaus geht, muss ich mich anstrengen.
Okay.
Also strenge ich mich an.

Ich mache Vorträge, veröffentliche zusammen mit den Sommers jeden Monat ein Podcast; ich sorge dafür, dass wir jeden Tag in die Kunstschule gehen und mindestens eine Stunde lang dort an etwas arbeiten. Ich schreibe mindestens einmal im Monat einen Artikel für die Mädchenmannschaft und im Schnitt 20 Artikel für das Blog von Vielen.
Jeden Tag mache ich um die 30 Fotos.
Ich arbeite in der Arbeitsgruppe der Initiative Phönix mit und arbeite an der Realisierung des von mir überlegten Nachwachshauses, dessen Arbeitsgruppe ich gegründet habe und aufrechtzuerhalten versuche. Ich unterstütze seit Jahren ehrenamtlich auf unterschiedliche Arten, Menschen, Tiere und Organisationen.

2012 hatte ich zuletzt einen Tag, an dem ich nichts weiter tat, als einfach nur da zu sein.
Weil ich an dem Tag 3 Krampfanfälle hatte.

Ich denke mir das so: Wenn ich in die Lage kommen will, einmal die Chance zu bekommen, in die Lage zu kommen, daran arbeiten zu können, etwas zu werden, was über “kostenlose Texte und Bilder für alle – Macherin in diesem Internet” hinaus geht, dann muss ich mich anstrengen.
Also strenge ich mich an.

Ich kompensiere meine Scham über mein Aussehen und Auftreten. Ich schiebe mein unbeholfenes Sozialverhalten an die Seite und tue so, als wäre das einfach meine Art. Meine Angst schütte ich mal hier mal da aus. Mein sympathisches Nervensystem hilft mir dabei.
Ich denke mir das so: Angst gehört dazu und, dass ich einfach immer irgendwie awkward bin, verwächst sich ja vielleicht noch.

Es geht mir zu langsam, dieses “etwas werden” und es geht immer mehr zu langsam, weil ich mit jedem weiteren Jahr, das vergeht, mehr beiseite schieben muss.

Ich dachte mir das so: Ich hab einen Blick, ich habe tausend Dinge zu erzählen. Ich habe den Hang dazu mich mehr oder weniger obsessiv in Details und komplexe Zusammenhänge reinzubewegen und damit sowohl kreierend als auch kreativ zu arbeiten. Meine Idee war: Ich schaue, wo diese Eigenschaften am Besten zu gebrauchen sind und arbeite mich schnurgerade daran entlang. Wenn ich das durchhalte, dann werde ich vielleicht an den Punkt einer Chance kommen.

Ich weiß, dass ich in meinem Leben viele Vielleichts habe.
Ich bin amnestisch für so ziemlich alles was vor meinem 15 Geburtstag passierte und alles, was aus der Zeit davor in meinen Kopf kommt, beklebe ich mit einem Vielleicht, weil ich nicht glauben will, dass meine Kindheit und frühe Jugend so unaushaltbar für mich gewesen sein muss.
Ich kann meine Kraft, meine eigene Konsistenz über 12 Stunden Tageszeit nicht einschätzen und deshalb beginnt jeder Tagesplan mit einem Vielleicht.
Ich weiß, dass unsere Gesellschaft und die innere Mechanik unseres Miteinanders mich weder braucht, noch will, noch mit mir sein muss und aus diesem Grund beginnt jede meiner Ideen für mich und mein zukünftiges Leben mit einem Vielleicht.

Ich dachte: Vielleicht schreibe ich an eine Fachhochschule oder etwas in der Richtung und bewerbe mich für ein Sonderstudium in Film und Fotografie. Vielleicht gibt es ja irgendwo eine Schulleitung, die sich gerade mit dem fancy Thema Inklusion schmücken will und nicht weiß, sie das anstellen kann. Vielleicht nutze ich mein Jahr Kunstschule, um ein so megagutes Portfolio zusammenzustellen, dass man darüber hinweg sehen darf, dass ich nur einen Abendrealschulabschluss und 247 Ablehnungsschreiben für Teilzeitpraktika und Ausbildungsstellen unter einen Lebenslauf mit jahrelangen Lücken habe.
Vielleicht kann es ja gelten, dass ich seit Jahren allein.verantwortlich kreierend und kreativ arbeite, mir sämtliche Techniken selbst beigebracht und mit einem Nichtbudget genannt Hartz 4 realisiert habe. Vielleicht kann man ja sehen, wie vergleichsweise effizient ich es hinkriege, mit meinen ganzen Vielleichts umzugehen und jede Woche mindestens einen Text und ein Foto zu veröffentlichen.
Vielleicht finde ich jemandem, dem klar ist, dass meine Vielleichts kein Wunsch nach Unverbindlichkeit von mir sind, sondern das Ergebnis der Unverbindlichkeit, die mir unsere Gesellschaft entgegen bringt.

Das Schlimme ist: ich arbeite mit Vielleichts innerhalb von Vielleichts auf ein Vielleicht zu und niemand sieht das, weil ich inzwischen ziemlich gut darin bin, von Vielleichts so zu reden, als wären sie keine.
So muss ich das machen, sonst würde ich morgens gar nicht aufstehen.
So muss ich das machen, sonst wären viele der schmerzhaften Momente in den letzten Jahren nicht aushaltbar gewesen.

Und so kommt es, dass Menschen nicht merken, wie global ein Schmerz sein kann, wenn aus einem Vielleicht ein “hier gehts nicht weiter” wird.
Wie das für mich ist, wenn ich im Versuch, Dinge eben nicht mehr allein und ganz konkret auf eine Vielleichtzukunft für mich ausgerichtet zu machen, auf mich allein zurück geschubst werde.
Wie viel Zukunft mir verunsichert wird und wie viele neue Vielleichts in mein Leben dringen, die mich erstarren lassen.

Mai2015.3

Manchmal frage ich in die Welt hinein, ob man sich vorstellen kann, wie viel Kraft mein Leben erfordert. Einfach nur so.
Manchmal denke ich, ich sollte damit genauer sein und fragen, ob man sich vorstellen kann, wieviel existenziell nötige Kraft mein Leben von mir abverlangt und wie “übelst krass” es ist, dass ich daneben noch so etwas wie “fehlgeleitetes Hoffen” und “naiv mit Vielleichts umgehen” schaffe.

Meistens sage ich das nicht, weil es einen Maßstab aufmacht, an dem es sich messen lässt, wer sich am meisten beweihräuchert oder bemitleidet.
Inzwischen habe ich zu viele Leser_innen hier, um noch zu denken, das unter diesen niemand ist, der eben doch nur mitliest, weil er oder sie sich über mich und meinen Leidendruck, mein Einknicken und kämpferisch wieder aufstehen, definieren und erheben will. Muss.
Ich weiß, es gibt genügend Leute, die denken, ich würde alles geschenkt haben wollen und nichts tun.

Ich habe diese Stimmen direkt in meinem Kopf, die mir sagen wie unrealistisch und dumm einfach alles ist, was ich tue und was ich mir wünsche.
Zwischen all den Vielleichts in mir und meinem Leben, gibt es die unumstößlichen Wahrheiten, meiner Wertlosigkeit, meiner Naivität, meiner dummen Annahme von einer Welt, die nicht so sein müsste, wie sie ist.

Alles, was ich dem gegenüber stellen kann ist: “Ich tue alles, was ich kann.”
Ich war und bin mit Vielleichts beschäftigt, die eigentlich – so mag ich gerne meinen, obwohl ich es besser weiß – gar keinen Platz für Vielleichts, wie das um meine Zukunft herum, lassen.
Manchmal falle ich noch drauf rein, einfach noch lauter und noch deutlicher zu werden – es ist ein grausames Spiel mit doppelbödigen Fallstricken und eigentlich weiß ich das. Jemand, der von mir fordert, lauter zu sein, ist oft auch das Jemand, das mich an anderer Stelle als Schreihals bezeichnet.

Und manchmal, da merke ich, wie sehr ich mich in einer Art Egozentrik bewege, die für andere etwas mit Option zu tun hat.
Der Leiter der Kunstschule hatte mir gesagt, dass der Filmkurs und auch der Zeichentrickfilmkurs bis zum nächsten Schuljahr nicht mehr stattfindet. Was beschissen für mein Projekt ist. Ich bin halt begrenzt. Mehr 3 Stunden am Stück irgendwo unter Leuten plus noch mit irgendwo hinfahren geht halt nicht. Ich habe mit 10 Monaten geplant – nicht mit < 5.
Da gibts dann keine Wahl mehr für mich – da gibts nur Abhängigkeiten tragende Entscheidungen: Entweder ich finde jemanden, der mir entsprechend mehr Zeit für Dinge lässt und ich ziehe das Ding durch, bis es fertig ist oder ich finde niemanden und muss es bleiben lassen.
Isso.

Der Leiter meiner Kunstschule wurde dann still. Alles um mich herum wird dann immer still.
Vielleicht weil es so wenig gibt, was Option ist. Es bleibt mir zu sagen, dass genau dies meine Optionen sind: “Ganz” oder “Gar nicht” – was übrigens das gleiche miese Fallstrickdoppelzungenspiel ist, wie mit dem “Du musst halt lauter für dich eintreten”.
Denn: Wenn ich gar nichts mache, lass ich mich ja hängen. Dann hab ichs nicht mal versucht und tja, das muss ja bedeuten, dass ich alles geschenkt haben will. Und wenn ich es ganz durchziehe, gibt es Raum mich zu kritisieren (mir zu sagen, wie dumm und naiv und aussichtlos mein Handeln ist), wenn ich mehr Symptome habe und in der Folge schlechte Arbeit mache.

Mich macht das fertig. Das alles. Die Wahl, diese vorgegaukelten und zugeschobenen Optionen, die gar keine sind. am Ende geht es darum, nicht die Person zu sein, die meine Vielleichts produziert oder die Person zu sein, die mich zu der behinderten Person macht, die ich bin.
Am Ende gehts darum mir zu sagen, ich könnte ja auch einfach anders sein.
Einfach mal nicht behindert sein.

Der Leiter meiner Kunstschule ist so einer dieser Menschen, für die es unfassbar wichtig ist, immer sagen zu können: “Nu lass das mal sein hier – mach mal XY stattdessen.”. Es tut mir leid, dass ich Menschen wie ihm, mit meiner Offenheit um meine Begrenztheit immer wieder Angst mache und mit meiner Zukunftsangst und der Bitternis meiner Lebensrealität auch nicht unbedingt verschone.

Ich frage ihn natürlich nicht, was ich denn jetzt machen soll.
Natürlich nicht, denn er ist nicht die Person, die mir das sagen wird.

Lustig ist: Niemand wird es mir sagen.
Niemand wird mir was an die Hand geben und sagen: So Hannah, ich hab ne Idee – hab da mal was gehört – wir schreiben da jetzt hin und dann schaun wir mal – Du bist nicht alleine – Du musst nicht immer alles alleine durchkämpfen – Du musst den Weg für dich in diese Welt der Arbeit nicht alleine finden.

Das wird nicht passieren.
Weil ich und wir ja immer alles alleine machen und gemacht haben. Wir haben immer irgendwelche Ressourcen aufgetan, hatten immer irgendwie Schwein, Kuh und Hühnerschar gehabt, um irgendwie ein paar kleine kühle Tröpfchen auf den weiß glühend heißen Stein fallen zu lassen.

Wir hatten gestern ein Telefonat mit unserer Therapeutin.
Es war grauenhaft und schlimm und gut und alles gleichzeitig. Wie man das so hat. Irgendwie.
Ich erinnere nicht viel, aber die Schleife: Was soll aus mir werden? Was soll denn aus mir werden? Was verdammt soll aus mir werden, wenn ich mal nicht mehr weiß, was vielleicht aus mir werden könnte?
die war da und torkelt noch immer schwach durch mich hindurch.

Ich weiß nicht, was aus mir werden kann. Und soll. Und sollte. Und hätte würde wenn.
Und ganz ehrlich inzwischen geht es mir mit mir selbst, wie der Gesellschaft mit mir: Ich will mich nicht, ich brauche mich nicht und dafür verachte ich mich.

Am Ende denke ich: Vielleicht muss ich mich auch nur dafür noch behalten und eben anstrengen – für den Hass, die Wut, die Bitterkeit, die Resignation, die Verachtung, denn das ist mein Leben. Und neben all dem Schönen, Glitzrigen und Flauschigen, das es in meinem Heute gibt, war das auch noch nie anders.

Warum ich jetzt 1784 Wörter darum gemacht habe?
Weil ichs gesagt haben wollte.

Shopping

“Aff! Die solln einfach aff n gut”, er fuchtelt mit der Hand über seinen Kopf hinweg und schiebt seinen Widerwillen über den Prozess zum gewünschten “weg damit” von einer Wange in die andere.
”Ich will ma n paa Monate hier kein Killefit damit ham – einfach aff dafüä – schneidn se eenfach drau los”. Ich sitze in dem Drehstuhl vor dem Spiegel, betrachte meine uneingepackten Brüste über dem mächtigen Bauch und versuche den aufkommenden Ekel irgendwie an ihm vorbei runterzuschlucken.

Sein Dialektkauderwelsch lenkt mich vom zuckenden Unterlid ab, das ich bekam, als ich sah, dass er Geld vom Konto abhob und die Frage, was er damit anstellen will mit einem hingeranztem “Fresse!” beantwortete.
Erfahrungsgemäß bedeuten 100€ in der Hand von eher Kopf—>Wand – Innenteens immer irgendwas, was wir keine 2 Wochen später bereuen.

Bereut hatte er die Wahl des Friseurs, denn ihm wurden die Haare gewaschen und Hannah wand sich unter den Händen des Azubis auf ihrem Kopf.

Die Friseurin stupst wie ein Goldfisch gegen die Grenzen seines Denkens und versucht Small Talk, Witzchen und Shampootipps bei empfindlicher Kopfhaut.
Mein Gesicht ist so furchtbar rot, fleischteigig und fleckig. Mein Blick hat wenig mehr Chance als sich im Nebelrauschen zu verstecken. Es ist einfach alles so furchtbar. Wieso bin ich nur so furchtbar hässlich und ekelerregend für mich selbst?

Eine halbe Stunde später sind wir entlassen und haben das Haar so kurz wie zuletzt als 18 Jährige als der Halfcut keiner mehr war.

“Ich will ne Hose.”
”Du hast eine.”
”Die is 10 Jahre alt”
”Ist sie kaputt?”
”Nein.”
”Also gibts keine neue. Fertig aus – Alter du weißt doch wie das läuft!”

Er drückt die Kiefer aufeinander und stampft wie ein grantiger Sumoringer durch die Innenstadt.
”Wir brauchen noch was für den Vortrag in Heidelberg. Wenn du willst, kannst du was aussuchen, das wir dann anziehn.”.

“Boa bin ich nett. Wo kommt das denn her?”, denke ich und trauere im vorraus um die geplanten neuen Strumpfhosen und den neuen Rock, der schon vor 6 Monaten mal dran gewesen wäre. Ich merke, wie er mich mustert und mit seinen Antennen das “Aber” zu erraten versucht.
“Bubi das isn Lady*fest – hast du immer noch nicht kapiert, dass wir jetzt Genderconnections haben? Tob dich aus – wir können da mit Rock und Krawatte referieren und es wird okay sein.”. Er brubbelt sich was in den Flaum an seinem Kinn und richtet die Aufmerksamkeit auf die Geschäfte.

“Die Haare sehen aus wie abgefressen.”, mickere ich nach einem Blick in die Spiegelung neben der Rolltreppe, “Als wäre ein Schaf in der Nacht an mein Bett gekommen und hätte meine Frisur gesnackt.”.
Irgendwo im Innen lacht es. Irgendwo anders macht es Schafgeräusche.

“Zu klein, zu hässlich, zu kurz – hallo wer zieht denn sowas an?! zu klein, zu klein, zu klein – oh G’tt ich muss 30 Kilo abnehmen, wenn ich noch irgendwann in meinem Leben IRGENDWAS für mich bei H&M finden will – zu klein, zu kurz, kurzärmlig, kurzröckig, Kurzpulli, ohne Träger… “, mit jedem Teil, das durch unsere Hände geht, werde ich gefühlt 5 Zentimeter umfangreicher, hässlicher, mieser, ekliger, mehr und mehr Zumutung für die anderen Menschen im Laden.
Er schubst mich zur Seite und stiefelt in die Männerabteilung. 3 Blicke, zwei Zugriffe, größte Größe, fertig.
Für ihn ist es tatsächlich egal, ob das Hemd und der Pulli passgenau sind. Für ihn ist das keine Körperbekleidung. Er wird sich gut fühlen, weils ein Hemd ohne Mittenbetonung und Brüste-zusammenquetschfunktion ist und ein Pulli mit Kapuze.

Als er an der Kasse steht und ich überlege, ob meine 80DEN 1€-Nylonstrumpfhosen von KiK wohl gestopft werden können, fühle ich seinen Blick neben mir umherhuschen.

“Sin noch 56,78€ übrich. Füä dich.”

Selbsthass

“Ah – ist nur Selbsthass.”, denke ich und bin erleichtert.

Selbsthass ist okay. Am Ende ist es eigentlich immer das, was die Welt auf so vielen Ebenen in mich reindrückt und reingedrückt hat, dass es mich sehr versichert mich zu hassen, weil es sich konform anfühlt.
Es ist ein Akt der Verlogenheit bis reaktiver Egoismus, sich darüber zu erschrecken oder das zu bedauern. Du kannst niemanden sein Leben lang treten und unterdrücken – egal wie beabsichtigt oder nicht – ohne dieses Jemand von seiner Unerwünschtheit und dem Hass der Welt auf sich mit jedem Mal mehr zu überzeugen.

Manchmal vergesse ich das und wundere mich, warum es mir über Wochen und Monate untergründig schlecht geht und nichts von dem, was ich tue einfach nur genug vor mir selbst ist.
Dann nehme ich schöne Erlebnisse mit, freue mich und fühle Stolz und denke doch keine 5 Minuten später daran, dass es dann doch einfach nicht reicht. Es reicht nicht, wenn ich stolz bin. Es reicht nicht, wenn ich mich freue. Es ist nicht genug. Ich bin nicht der Maßstab.

Und da ist das Muttiweh und das Weh, dass es ein Muttiillusionsweh ist und Selbstbeschiss und, dass es halt einfach ein Loch gibt, das nicht zum Maßstab taugt. Dann ist da Gemögtenweh und das Weh, dass es Löcherstopfillusionsweh ist und genau der gleiche Selbstbeschiss ist, weil es eben ein Loch gibt, das keinen Maßstab hergibt.

Es beruhigt mich, dass ich mich dafür hasse wieder Menschenkontakte verloren zu haben, obwohl ich glaubte – wieder einmal schön naiv glaubte – diesmal würde alles anders, obwohl ich weiß, dass ich halt so bin, dass man es nicht mit mir aushält, weil ich zu hoch zu breit zu viel bin.
Es erdet mich, mich dabei zu beobachten, wie irgendein jemand meine Strafen übernimmt und mich verletzt. Es gibt mir eine Struktur im Weh Weh Weh , das selbst ohne Anfang und Ende ist.

Ich bin so dankbar, wenn das unveränderliche, nie endende, immer mordende Weh, ein Weh mit Anfang und Ende daneben gestellt bekommt.
Wenn da so ein Raum aufgemacht ist, in dem etwas Schmerzliches auch ein Ende hat.

Figur

Ich gehöre nicht in diese Welt und habe es vielleicht noch nie getan.
Es tröstet mich, zu fühlen, dass da ein zwei drei viele jemande in mir in der Lage sind, so mit mir umzugehen, dass ich aufhören kann zu denken, dieses innere Wissen sei vielleicht falsch.
Es ist so schön, im Hass auf mich mit dieser Welt vereint zu sein.

Wirklich.

#12von12 im Mai

nicht genug Kaffee

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aber genug Kuchen

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#Görpower – Workflow

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die Hildas gibts nun auch im Visitenkartenformat – zing!
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mutig gewesen: die superduper Kamera aus der Schule ausgeliehen

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selig durch die Welt getorkelt

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das Kameraakkuladegerät angespornt

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tolle neue Regenjacke angehimmelt

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die Toten betrachtet

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Lachen und Gedanken

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oldschool Kunst

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Geboren: #Görpower Toni

Görpower-Toni

krasser Tag.
Und jetzt vorbei.
Phu. ^^

kleine grüne Persönchen

okay okay – ja Ich verstehe das ja
echt
wirklich
Ich verstehe, dass Dinge in all ihrer Komplexität abzubilden schwer ist. Und anstrengend. Und vielleicht sogar ermüdend, weil … “ach wieso kann es denn nicht einfach leicht sein?!” Ich verstehe, dass es schwer ist, zu verstehen, was eine dissoziative Identitätsstruktur ist, was sie für Auswirkungen hat und wie schwierig es ist, darüber zu reden, ohne es “falsch” zu machen – vor allem, wenn man selbst ohne eine DIS funktioniert.
In Sachen: “Nichtbetroffene reden über Dinge, die sie selbst nicht leben” bin ich total tolerant.

Ich bins aber nicht, weil ich so ein großes Herz habe, sondern weil ich keine andere Wahl habe.
Wenn über die DIS mal gesprochen wird, dann überwiegend in bestimmten Kontexten. Entweder geht es um die “Krankheit” genannt: “DIS”  oder um das gesellschaftlich ignorierte Leiden genannt “DIS”.
Es gibt viele Menschen, die mit DIS leben, für die das völlig okay ist und passend und alles schick.  Yeay hurra- es ist nicht alles Scheiße

NOT ALL THE STELLVERTRETERSPRECHKACKSCHEIßE
Glitzer und Fanfaren!

Nur leider werden dabei Menschen vergessen und das ist traurig. Das ist vor allem deshalb traurig, wenn man sich die Prävalenz der DIS von ca. 1% in der deutschen Bevölkerung anschaut. Diese Zahl ist natürlich anzuzweifeln, weil die Diagnose zum Einen bis heute gerne auch einfach mal nicht gestellt wird, weil “DDNOS” oder “komplexe PTBS” einfach weniger abgedreht klingt oder auch ein Chef im Hause regiert, der Borderline und Hysterie- Fan ist und Prävalenzstudien in sich schon immer ein bisschen exkludierend sind – aber hey jetzt hier kein Riesenausflug in die special Welt der Wissenschaft.

Mein Kern ist: es werden Menschen mit DIS vergessen, für die ihre Identitätsstruktur das Ergebnis einer Entwicklungsstörung ist.
Nämlich der Entwicklungsstörung “Trauma”. Es gibt nichts, was die gesamte Entwicklung eines Menschen in jeder Hinsicht mehr stört als ein Trauma bzw. Traumatisierungen durch chronisch massiven bis toxischen Stress.
Much Erkenntnis. So neu.

Grund für meinen Grant gerade, sind Vorannahmen von nicht betroffenen Menschen, die sich das Thema “DIS” angenommen haben und etwas dazu sagen wollen und dafür dann Betroffene befragt haben bzw. befragen.
Ich hab mich erst darauf eingelassen, weil ich ein mitunter auch ein echt naives Hörnchen bin, das denkt: “Wenn ich das nur gut genug erkläre…”.

Ja ja.
Ich bin ja aber tolerant…
Ich fang jetzt nicht an zu heulen, weil ich frage, wann es denn jetzt endlich so weit ist, dass das Thema Trauma aus der Hollywoodstyle-Errettungsfantsieenecke heraus kommt und die Folgen erzwungener Anpassungstrategien endlich mal als dauerhafter Reiz-Reaktions-Fluss innerhalb absolut normhafter, weil üblicherweise auch möglicher Varianten menschlichen Existierenz betrachtet und aufgenommen und dargestellt wird.

Ich bin nicht krank. Ich bin nicht unnormal.
Ich lebe mit einer Selbst- und Umweltwahrnehmung aus Gründen der Notwendigkeit.
Nicht mehr – nicht weniger.
Ich habe so die Schnauze voll davon, einerseits angehuscht zu werden, weil mich so viele Dinge aus der Bahn werfen und überfordern könnten – eventuell vielleicht – und andererseits aber immer wieder so massiv niedergedrückt zu werden von pahologisierender Kackscheiße, die nichts an mir lässt, was als funktional, begründet, logisch, als Ressource in meinen Genen angelegt gelten kann, weil es sonst nicht mehr “behandelbar” ist.

Es gibt diese Gedanken und Vorannahmen, die an einem Punkt ansetzen an dem ich einfach nur …

Zum Beispiel die Idee, dass ich bis zur Diagnose bzw. dem Klinikaufenthalt, in dem die Diagnose gestellt wurde – total okay war. Voll gesund, glücklich, fidel über Wiesen hopsend.
Fuck off man- für wen auf diesem Planeten ist das denn so?! Was denken denn Menschen, wie schnell das geht, bis so ne Diagnose kommt? Wir haben vor der DIS- Diagnose mindestens 8 andere Diagnosen, 2 Jahre Hilfenodysee und so viel Helfer_innengewalt gehabt, dass die DIS-Diagnose so null den Megaumbruch dargestellt hat, wie man das irgendwie denken könnte und wie das zum Teil auch von uns erwartet wird.

Der Umbruch entstand für uns durch die Konsequenzen die mit dem Anerkennen der gewaltvollen Kontexte, in denen wir uns befunden haben, einher gingen.
Das krasseste WOW-Moment war das, in dem sich unsere Therapeutin vor uns gestellt hat und sagte, sie würde uns nicht an Menschen ausliefern, die uns verletzen. Wenn man 16 ist und x Helfer_innen vorher Arschleckendreifuffzich über dein Erleben sagen, dann ist das ein Hammer. Dann ist das der Beginn einer Veränderung – sprich: Therapie

Übrigens haben wir auch nach der DIS-Diagnose noch massig andere – teils sogar komplett andere- Diagnosen in den Laufzettel gedrückt bekommen, Helfer_innengewalt erlebt und jede Menge Situationen gehabt, von denen man denkt: “Oh also so soll man doch eigentlich genau nicht mit Menschen umgehen, die Gewalt erlebt haben.”.
Die Diagnose allein ist so viel wert, wie der Zettel auf dem sie steht. Du hast nicht erst ne DIS, wenn dir das jemand aufschreibt oder jemand anderes das zu dir sagt. Du hast die DIS in dir drin, wenn du sie in dir drin hast. Fertig aus.

Man kann sich überlegen, wie und wofür man das irgendwie schriftlich, medizinisch, psychologisch bestätigt haben muss, will, ge.braucht.
In Deutschland braucht man diese Identitätsstruktur schriftlich, weil man sonst keine medizinische, psychologische manchmal sogar pädagogischen Hilfen bekommt. Es ist die Psychologie bzw. die Medizin, die daran forscht und herum behandelt – aber gäbe es andere Strukturen, die das Gleiche vielleicht mit weniger Objektivierung und gesellschaftsnorminerendem Drive tun würde, dann bräuchte man das vielleicht nicht und könnte auch Hilfen erhalten, wenn man das möchte oder einfach so Begleitung bei der Auseinandersetzung mit sich und seiner Wahrnehmung und seinem Erinnern und Verarbeiten möchte.

Mich stört das Fehlen von Willen und Weg die Gesellschaft und ihre Normen zu hinterfragen., wenn man sich mit den Spätfolgen von chronisch stattfindenen Anpassungsreaktionen auseinandersetzt.
Eine DIS wird laut Forschung entwickelt, wenn bereits vor dem 5/6 Lebensjahr massiver und chronischer Stress (mit eben toxischen Spitzen) die Norm ist (und ein paar Faktoren gegeben sind, die das Dissoziieren zum globalen Reflex werden lassen).
Es geht hier also um die Folgen von einem Leben in einem Normrahmen, der die Grenzen des Normrahmen sprengt, in dem die Gesellschaft™ sich so wähnt und den sie nutzt.

So why the fuck sollte es irgendwie logisch sein, den üblichen Rahmen über Folgekomplexe, wie die DIS zu ziehen?!

Dass das passiert hat mit Bequemlichkeit zu tun. Mit Gewohnheit. Mit Vermeidungsstrategien. Bewussten wie unbewussten.
Es hat so ziemlich null damit zu tun, sich dem Ding wirklich und richtig zu nähern, um es zu begreifen und zu dem Teil der Norm menschlichen Über.Lebens zu machen, der es ist.

Ich verstehe, dass das so ist. Um neue Dinge zu erfassen, guckt man erst mal, wo die üblichen Schablonen drauf passen.
Aber am Rand lang abzuschneiden, statt diese Schablonen zu erweitern oder schlicht mal eine neue anzulegen, find ich scheiße.

Mit jedem Film, der kleine grüne Innenpersönchen im Universum Psyche porträtiert und das ganze “multiple Persönlichkeit” nennt, wird Mist in eine Gesellschaft geballert, den die konkret Betroffenen in der Folge erst mal wieder mühevoll aus den Köpfen ihrer Unterstützer_Innen, Helfer_innen und sogar Behandler_innen rauspopeln müssen.

Wisst ihr Unbetroffenen wie viel Kraft sowas kostet, wenn noch zig andere Sachen an einem fressen und wie Krebszellen durchs Inmitten eines Selbst wuchern!?

Aber ich versteh das.


Lieber irgendwas produzieren, bevor gar nicht drüber berichtet wird.