fast zugeschlagen

Vor ein paar Tagen hätte ich oder “ich” oder ICH?! beinahe ein Kind geschlagen.
Aber von vorn.

Ich – oder wir? Sind wir das oder wer eigentlich? – bin in einem Konflikt, der, warum auch immer, via Mail passiert und eigentlich nie passieren sollte. Er ist mit einem dieser Kontakte, die weh tun, wenn sie “aus” sind und angenehm warm, wenn sie “an” sind. Es ist einer dieser Konflikte, in denen man wütend aufeinander ist, weil man sich gern hat, einander aber trotzdem nicht versteht.

Ich schrieb eine Antwort und fühlte mit dem Absenden kaum Erleichterung.
Ich versuchte loszulassen.
So gingen wir mit NakNak* in die Sonne.

Ich dachte noch flüchtig daran, wie seltsam passend die Wendung “eiskalte Wut” ist. Meine Haut war kalt und feucht. Ich zitterte, als wäre ich zu dünn angezogen. Mein Kopf war leer. Da war NakNak*, die Konzentration auf meinen Atem, das Wasser in meiner Hand und die Sonne auf der Haut.

Und dann passierte, was immer passiert, wenn wir uns am Wochenende mit dem Hund an allgemein öffentliche Plätze begeben.
Menschen, die Hunde streicheln wollen. Menschen, die fremd sind und einfach in meine unsichtbare Alienblase hineintrampeln, ohne es zu merken. Diesmal war es ein Kind, das auf NakNak* deutete. “Darf ich den mal streicheln?”.
– “Nein.”.
”Aber ich will den mal streicheln.”
– “Nein, ich möchte das bitte nicht.”. Ich fing an mich zu ärgern und ging ein, zwei Schritte weiter.
“Was kostet der Hund? Kann ich den kaufen? Ich will den haben. Darf ich den abkaufen?”
– “Du darfst mal weggehen und aufhören mich zu creepen.”.

Kinderkumpelgelächter – wer ging und die Situation verließ, war ich.
Wir gingen an eine andere Stelle und schauten ins Nirgends.

“Der beißt dich gleich – ich würd das nich machen.”. Ein Mensch aus einer vorbei gehenden Menschengruppe sprach das Kind, das sich gerade von hinten an NakNak* zu schleichen versuchte, an und verriet es so. Ich schaute es böse an. Es lief weg.
Wir packten unsere Sachen zusammen. Wollten gehen und woanders nach einem guten Ort zum Ausruhen schauen.

Plötzlich blieb NakNak* stehen und stellte sich quer hinter mich – da hatte mich die Hand des Kindes schon am Arm gepackt.
Meine Faust war schneller oben, als der Schrei “Verpiss dich” ins Gesicht des Kindes, das sich mindestens genauso über meine Reaktion erschreckt hatte, wie ich.
NakNak* stand vor meinen Füßen, das Kind anderthalb Armlängen von mir entfernt.
Ich erinnere noch so einen flüchtigen Gedanken von “weit genug, um zu gehen”. Ich drehte mich wortlos, kopflos, ichlos um und lief querfeldein irgendwo hin.

Erst als wir an einer Ampel anhalten mussten und NakNak* penetrant den Augenkontakt suchte, füllte sich mein Denken wieder auf.
Hätte ich das Kind richtig verprügelt, wenn es nicht so weit weggestanden hätte? Wenn NakNak* nicht ihre Barrierenhaltung eingenommen hätte? Wenn ich es verprügelt hätte, hätte ich dann ins Gefängnis gemusst? Was wäre gewesen, wenn es mein eigenes Kind gewesen wäre? Wieso hatte ich das gemacht? Ging es um Selbstverteidigung? Ich hab mich nicht bedroht gefühlt- oder doch? Ging es um Wut über diese grobe Missachtung meiner Grenzen? – Ich hab keine Wut gefühlt – oder doch?
Eigentlich habe ich gar nichts gefühlt oder gedacht. Da war nur Affekt oder Reflex und sonst gar nichts.

Am Ende kroch die Angst durch mich hindurch.
Nicht einmal Angst davor ins Gefängnis zu müssen oder gestraft zu werden.
Es macht mir keine Angst zu wissen, dass ich fähig dazu bin, Dinge zu tun, die falsch sind. Ich tue eigentlich immer das Falsche – früher oder später ist so ziemlich alles, was ich tue oder getan habe, falsch.  Was mir Angst macht ist, dass es einfach so passierte.
Ohne Gefühl, ohne Gedanke, ohne Intension, die ich nachvollziehen kann.
Wenn ich meine Dinge falsch mache, dann denke ich immerhin immer, ich würde das Bestmögliche und Bestrichtigste tun. Meine Handlung sind dann fundiert. Die Faust vor einem Kind zu erheben und es anzubrüllen ist aus vielen Gründen nicht okay – aber es gibt Menschen, die tun das, weil sie denken, es wäre das Bestmögliche und Bestrichtigste, wozu sie in der Lage sind.

Ich glaube, mich würde diese Szene nicht so beunruhigen, wenn ich davon überzeugt gewesen wäre, das Beste zu tun , was ich kann.
Aber das war ich nicht.

Heute, 4 Tage später, kommt mir das Verhalten des Kindes nachwievor verwirrend und meine Grenzen missachtend vor. Aber nicht bedrohlich oder nervig oder frech. Ich kann nicht verstehen, wieso meine Worte es nicht erreicht haben. Wieso es für dieses Kind so wichtig war, NakNak* anzufassen.
Heute denke ich, dass ich den Konflikt, der in meinem Mailpostfach wohnt, eben doch nicht losgelassen hatte.

Ich hatte mich “aus” gemacht. Mich verschlossen und mich selbst losgelassen, um irgendwie einfach weiter zu machen.
Mein ganzes Üben vom Sprechen mit Menschen, um sie zu verstehen, ist für die Katz, wenn ich keinen Kontakt zu mir habe. Das ist, was in der Situation fehlte und letztlich dazu führt, dass dieses Ereignis für mich immer ein Moment haben wird, in dem ich die Stirn krause oder den Kopf schüttle.

Es ist, als wäre ich nicht in der Situation gewesen, aber nicht weil ein anderes Ich von uns dort war, sondern, weil ich innerlich “aus” war, äußerlich aber “an” im Sinne von “existent und reagibel”.

In den letzten Tagen fallen mir Schlag auf Schlag Situationen ein, in denen meine Eltern agieren, als wären sie unbeteiligt gewesen. Als hätten sie nichts mit Gefühlen von Kränkung, seelischem oder auch körperlichem Schmerz von mir und meinen Geschwistern zu tun. Ich weiß, dass beide an vielen Stellen dachten (und bis heute denken) sie hätten das Beste getan, wozu sie in der Lage waren – egal, wie andere und auch sie selbst, das heute bewerten würden. An manchen Stellen allerdings haben sie nicht darüber nachgedacht, was sie da eigentlich tun und genau das waren diese Momente, über die sie so unbeteiligt wirkten, so völlig ohne Intension hinter dem Handeln.
Ich weiß, es ist nicht richtig zu sagen: “Sie hatten den Reflex eines ihrer Kinder zu schlagen.”. Reflexe sind unwillkürlich und dem Überlebenskodex der Evolution unterworfen – die Verletzung anderer Lebewesen ist das nicht. Aber ich glaube, mir fehlt ein alternatives Wort, das den reflexartigen Charakter dieser Handlung mitbenennt.

Ich muss zugeben, dass es mich auf eine Art beruhigt zu fühlen, wie wenig das Heben der Faust und das Brüllen, mit dem Kind oder meiner Sicht, meinem Denken und Fühlen über das Kind zu tun hatte. Es ging nicht um das Kind – es ging um etwas, das mir noch nicht – vielleicht auch nie – bewusst ist.
Ja, das Kind hat sich nicht okay verhalten mir gegenüber, aber mir ging es nicht darum es zu bestrafen, ihm Angst zu machen oder ähnliches. Ich weiß nicht, worum es mir ging und wären wir einander nicht komplett fremd, würde ich das auch kommunizieren.

Und das ist vielleicht der Unterschied zu meinen Eltern. Ich bin in der Lage das so zu sagen und damit eine Verantwortung für meine Reaktion zu übernehmen, die meine Eltern bis heute nicht übernommen haben.

Und jetzt?
In dieser Woche haben wir wieder einen Therapietermin. Ich hoffe, mich in der Stunde “an” machen zu können. Noch eine weitere Sicht auf den Konflikt zu erhalten, vielleicht ein Wort für das, was mir und dem Kind am Wochenende passiert ist, zu bekommen.

Ehrlich gesagt hoffe ich, dass ich endlich weinen kann. Oder wer auch immer da so dicht hinter mir ist, dass ich keinen Blick drauf werfen kann, und weinen möchte. Ich habe die Ahnung, dass alles damit angefangen hat, dass ich wieder einmal den Punkt verpasst habe, an dem Weinen wichtig und okay gewesen wäre.

Ostersonntag

NilgansmitKüken

“Guck ma!”, ihr Blick flitzt zwischen dem Teich in der Morgensonne und dem kalten Dunkel des Innen hin und her. Ihre Rattenschwänze fliegen durch die Luft um ihren kleinen Kopf und sie vergisst die Peinlichkeit ihrer umherflatternden Hände. “Es sinds diese Gänse mit den Küken – guck ma!”.

Dicht unter der Haut springt der Puls, als wolle er den kalten Schweiß auf ihr abstoßen.
Sie klettert aus der Straßenbahn und lässt sich von NakNak* zum Wasser ziehen.

Der Hund setzt sich neben sie und lehnt sich an ihr Bein. “Is noch Zeit zum, dass ich ein Foto machen kann?”, sie wendet sich nach links, wo ein Jemand, das zwischen Erinnern und Schmerz, der Ruhe des Hundeatmens und der Schönheit des Moments steht und nicht weiß, was es fühlt.
“Hmm, ja. Wir werden erst später erwartet.”.
Das Jemand schaut auf Gedanken und wundert sich.

Sie zieht sich den Rucksack vor den Bauch und hebt die Kamera heraus. Ärgert sich über das Zucken im Gesicht, das dumpf dröhnende Rauschen, durch das sie ihre Handlungen hindurchschieben muss. Hält inne, als sie merkt, dass sie den Objektivwechsel nicht schafft.
“Ich kann das nich, wenn das so is! Ihr dürfts mich nich dauernd störn!”. Sie dreht sich um und stampft mit dem Fuß eine Druckwelle von vorne nach hinten, die das Um-Sie-herum lichtet. NakNak* setzt sich auf den Fuß des Körpers und schaut sie an. “Danke.” sagt sie und gibt dem Tier ein Stück Käse.

Sie setzt das Teleobjektiv auf die Kamera und schaltet sie an. Der Drang zum Händeflattern, das Zucken im Gesicht, der springende Puls sind weg.
Sie steht allein am Teich und nur das Rascheln der Pflanzen um sie herum, passiert neben dem Klick Flapp Klack der Kamera in ihrer Hand.

Als sie fertig ist, legt sie den Apparat zurück in den Rucksack und schaut einen Moment lang auf seine Rückseite. “Es ists so komisch, dass – jetzt isses da drin mein Bild und aber man sieht es noch gar nicht. Und dann geb ichs weg, ganz weit weg zu welchen die fremd sind, und dann is aber bald eine Woche vorbei und dann isses da zum Angucken.”. Sie kraust die Stirn und zieht neue Linien in ihr Verständnis von der Mechanik der Welt und ihrem Lauf der Dinge.
Das Jemand neben ihr wendet sich ihr zu. “Ich weiß, was du meinst.”, sagt es.

“Es ist so komisch, dass alles in einem drin ist, aber man es gar nicht sieht. Und dann wird man weggeben, ganz weit zu welchen die fremd sind, und dann sind 13 Jahre um und dann isses da.”. Das Jemand atmet gegen etwas, das sie nicht sehen kann.
“Auch zum Angucken?”, fragt sie und schiebt den Rucksack mit der Kamera zurück auf den Rücken.

“Ich weiß es nicht.”, sagt das Jemand und verdünnt sich zu einem Teil des Inmitten.

Trauma-Yoga Teil 2 oder “Wow! Es ist ja immer noch alles da!”

Ich hatte eine Epiphanie.
Die Eröffnungsübung hat mich gestresst und außer, dass ich mich angehalten habe, nicht über diesen Stress hinweg irgendwas zu üben oder zu versuchen, war jetzt monatelang gar nichts weiter drin, als zu schauen, wo das Gefühl der Unruhe herkam und wie ihm zu begegnen zu sein könnte.

Die Eröffnung beginnt damit zu spüren, wo man so aufliegt oder sitzt und verbunden ist. Da krabbeln mir schon die ersten Gänsefüße über die Haut, aber das ist okay. Ich nehme das als Zeichen dafür, dass Blicke eben doch auch Spuren machen können. Ich werde schon nicht so gern von außen angeguckt, weil es mir weh tut – vielleicht sind Blicke von sich auf sich selbst drauf da irgendwie ähnlich.
Anyway – die Übung geht dann weiter mit einem Spiel dieser Verbundenheit. In der Anleitung heißt es “Und schließlich können Sie sich darin üben, mit ihrer Verbundenheit mit dem Boden zu interagieren. […] Achten Sie, während Sie mit ihrer Verbindung zum Boden interagieren, einfach auf alles, was Ihnen auffällt.”.

Mir sind viele Dinge aufgefallen. Viel zu viele. Und keines dieser Dinge, hatte etwas mit meinem Bezug zum Boden zu tun. Weil ich ja den Fuß vom Boden genommen habe zum Beispiel, oder die Luft zwischen meiner Hand und dem Boden mit der Bewegung verwurschtelte und ja dann gar nicht mehr wusste, dass sie mich mit dem Boden verbinden sollte.
“Hui viele Staubflocken – oh ich könnt auch grad mal Staubsaugen – wieso ist das hier eigentlich so staubig – Lungenkrebs! bestimmt kriegt man hier sehr schnell Lungenkrebs – seht ihr, ich hab euch gesagt, das ist ne ungesunde Umgebung… – orr ich wollte doch diese Übung – orr argh- Stopp! Dann beende ich das jetzt. Ende – Ausatmen – Hände waschen, was trinken…”

Ich nenne solche Aufmerksamkeitssprünge und das Reinfallen in irrelevante Details “innere Vermeidungstänze” und weiß, dass die losgehen, sobald irgendwas schwierig ist. In dem Fall die Frage “Wie viel Entfernung geht für mich zusammen mit Verbindung?”.
Wie oft haben wir uns schon sehr verbunden mit Menschen, Dingen, Umgebungen gefühlt, nur um zwei, drei, vier Sekunden später für immer mehr oder weniger radikal davon getrennt zu sein? Wie oft schwankt die Wahrnehmung von Verbundenheit zu Menschen, Dingen, Umgebungen “einfach so” im Alltag? Ich habe immer noch Zeiten am Tag, an denen ich mich darüber versichern muss, dass diese mir plötzlich so fremde (entfernte) Wohnung, die ist, in der wir seit 2 Jahren wohnen.
“Verbundenheit” und “Entfernung” sind für mich Wabbelwörter mit Gummisinn. Sie bieten mir keine feste Einheit, auf die ich mich stützen kann.

Aber! ha haaa!
Blättchen2Wir haben seit jetzt ein paar Wochen eine neue alte Fotokamera.
Sie hat ein Objektiv, das wir selbst verstellen können, um uns die Objekte, die wir fotografieren möchten nahe heranholen können oder wieder “von uns zu entfernen”. Für uns eine neue Erfahrung:
a) wir brauchen nicht nah an etwas dran gehen, um über den Sucher eine Verbindung zum in etwa erwarteten Motiv herzustellen, sondern können machen, dass es nah an uns dran kommt
b) es ist regulierbar – das Objekt verschwindet nicht (aus dem Sucher), wenn es weiter weg ist
c) beides ist die gleiche Handlung von uns
d) beidem geht eine Entscheidung voraus

Ich kann mich erinnern, dass wir eine ähnliche Übung mal in der Klinik hatten und den Sinn nicht verstanden haben. Da hatten wir ein Seil und sollten damit die Therapeutin von uns entfernen bzw. näher an uns heranbringen. Heute weiß ich, dass das alles getriggert und damit in den toxischen Stressbereich gebracht haben wird – was wiederum logisch macht, dass nichts verstanden wurde. (Hey – alleine mit einem Menschen (klar: mächtiger als wir) mit einem Seil in einem Raum – würd ich heute nicht mehr einfach so reingehen “weil man das ja macht” oder “weil Therapie ja nicht leicht sein soll” oder “weil man ja nur 4-6 Wochen hier sein kann und man keine Zeit mit diesen bescheuerten unbegründeten Ängsten vertrödeln will” – aber das nur als Randnotiz)

Jedenfalls ist so mein Ort zum Üben im Wohnzimmer, wo unsere Bücherfaltengebirge umherwandern und alle Projektutensilien verteilt sind. Auch die neue alte Kamera.
Ich verband mich mit dem Boden, drehte den Kopf ein bisschen und zeitgleich mit dem Gefühl von “nicht-mehr-verbunden-weil-ich-hab-mich-bewegt”, rückte die Kamera ins Blickfeld. Und dann ruckte da irgendwie was in mir zusammen und es war okay.
Einfach irgendwie so okay. Ohne Huckel oder Ränder.

BÄNG Epiphanie!

Das Gefühl ist mir nicht weggeschwommen und als ich dann fertig war, mich darüber zu wundern – dann ging es auf einmal ganz leicht, das auf seine Eigenschaften zu testen und auch das immer gleiche Ergebnis von “es ist immer immer noch da: ich bin immer noch da – der Boden ist immer noch da” einfach so anzunehmen, ohne in Richtungen zu kommen, die mit der Sicherung oder Wahrung der Verbindung zu tun haben.

Jetzt fühlte es sich wirklich okay an, danach eine der “richtigen” Übungen anzufangen.

Nächster Schritt: “Nicht erschrecken, das ist nur Körper.” – im Moment ist der Schreck oft noch da. Wir wissen aber noch nicht, wer sich da erschreckt und warum.
Deshalb bleiben wir dran.

durchrauschen

und irgendwann, dann dreht sich im Kopf: “Das ist eine Wiederholung. Du wiederholst. Das ist alles der gleiche verdammte Kackscheiß wie damals als XY passierte. Du bist ohnmächtig und deshalb wiederholst du diese Scheiße. Dir fällt nichts anderes ein und deshalb begibst du dich überhaupt wieder in diese Wiederholung. Du wiederholst. Du wiederholst. Du holst dir wieder nichts als Schmerz, Schmerz Schmerz und Qual vor der du ohnmächtig bist. HAST DU DAS JETZT ENDLICH IN DEINEN HÄSSLICHEN SCHEIßKOPF REINGEKRIEGT?!”

und daneben spult es Pirouetten, Schleifen, Kreisel
”Fresse!!!FRESSE!!!Fresse!!!Fresse!!!FRESSE!!!Fresse!!!Fresse!!!FRESSE!!!Fresse!!!Fresse!!!FRESSE!!!Fresse!!!”
im Kreis
zu einem quadratischen Muster, das wie ein Mandala im Wüstensand ist und doch vielleicht gar nie war.

Naja.
Wie das halt so ist.
Mir ist das Gebrüll im Hirninnern schon immer zu laut und langweilig. Irgendwie gehts nie weiter, weil tja – die Einen halten halt einfach nie die Fresse, egal wie laut und lange sie angebrüllt werden – manche von denen hören das ja nicht mal – und die Anderen haben noch keinen Platz in sich selbst drin für das, was es bedeutet, wenn man schlimme Erfahrungen selber wieder neu macht.
Naja.

Alles Quatsch.
Ich finds komisch, wie sehr sie sich daran halten, was uns Therapeut_innen immer so gesagt haben in den letzten Jahren. Beziehungsweise, dass das das Einzige ist, womit die sich dann gegenseitig bekreiseln. Was macht diese Kreisel so viel okayer, als die die wir vor diesem ganzen Therapiezeugs hatten? Ich fänds viel ehrlicher, wenn sie sich gegenseitig vorwerfen würden: “Wieso hast du denn schon wieder nicht daran geglaubt, dass du was alleine schaffen kannst?! Wieso fällst du eigentlich immer noch auf Menschen rein?! Wieso lässt du dich denn schon wieder so von Leuten beeinflussen?!”.
Weil dann könnten sie heute viel ehrlicher antworten und sowas zurück brüllen wie: “WEIL ICH ANGST HABE?! WEIL MICH KEINER UNTERSTÜTZT?! WEIL MIR KEINER DEN RÜCKEN STÄRKT GENAU DANN WENN ICH DAS BRAUCHE?! WEIL ICH IMMER DAMIT RECHNEN MUSS, VERLASSEN ZU SEIN?! WEIL ICH WILL, DASS MAN MICH MAG?!”.

Ich verstehe nicht, wieso sie nicht ehrlich miteinander sind.
Nach außen – okay das ist peinlich und macht ja immer wieder diese Probleme an –  aber nach innen: das merkt doch niemand.
Da kann man doch einfach mal so bisschen gegenseitig …

Naja.
Ach ach.

*summend ab*

Übrigens: Episode 4 unseres Podcast Viele-Sein mit den Sommers ist online. Diesmal mit dem Schlagwort “Alltag” und ein paar der Kringel darum herum.
Falls jemand von euch weiß, wie man seinen Podcast in ITunes und andere Verzeichnisse bringt, schreibt uns das gerne mal in das Podcastblog!

Ich war nur zum Putzen hier, doch dann ist der Sinn verdurstet und es rauschte nur noch.

Rettungsschleifen

“Ich möchte nicht, dass durch meine schwierigen Erfahrungen und dessen Folgen, Nachteile für das Projekt entstehen…”.
Wir sitzen in unserem ersten Austauschtreffen. Hannah, ich und eine dumpf schwebende Masse, die nicht weiß, wo sie hingehört.

Hannah redet von “Erfahrungen”. Von “schwierigen Erfahrungen”, die mit “unserer Jugend” zu tun haben, und hat diese Zeit selbst gar nicht gelebt.
Was ich im Außen, an anderen Menschen ablehne – nämlich über Lebensrealitäten zu sprechen, die man selbst nicht gelebt hat oder noch selbst lebt – das macht sie gerade und außer ihr zuzuranzen, dass sie still sein soll, fällt mir keine Handlungsoption ein.
Sie ist ja auch “Ich” – würde ich sie rauswerfen, würde ich mich rauswerfen.
Am Ende bleibt das Gefühl ihretwegen keine Berechtigung zu haben. Auch wenn’s Quatsch ist, weil wir dieses Treffen ja initiiert haben.
Trotzdem.

Mir wird immer wieder nachgesagt, ich würde die Latte zu hoch hängen für uns. Würde viel zu viel verlangen oder erwarten. Immer wieder soll ich Ansprüche runterschrauben, wenn es um Leistung geht.
Oft geht es dann darum, mir zu vermitteln, dass ich nicht omnipotent und auch nicht omnipräsent sein muss.
Und oft ist es ein wichtiger und richtiger Weg komplex traumatisierten Menschen wie mir(uns) zu vermitteln, dass dieser Anspruch an “alles können”, “alles wissen”, “alles im Griff haben müssen/wollen/sollen”, einer ist, der aus einer Zeit kommt, in der die mächtigste Instanz – die, die über Wohl und Wehe, Leben oder Tod entscheidet – die ist, die (aus der Perspektive der Unterlegenen) “alles kann”, “alles weiß”, “alles im Griff hat (haben muss/will/soll)”.

Und für mich? Für mich ist es so, dass ich ständig das Gefühl habe, zum Einen beweisen zu müssen, dass es mir bei meinen Ansprüchen und Forderungen nicht um Macht oder Sicherheit geht (also die Projektion auf mich, ich sei rein traumareaktiv abzukratzen) – sondern, um Dinge, die ich für realisierbar halte, wenn ich nur gelassen werde und die ich für die Sache für wichtig halte.
Und zum Anderen erlebe ich meine Abhängigkeit von anderen Menschen, die mich immer wieder zwischen Anspruch und eigener (unreflektierter?) Unfähigkeit hängen lassen, um mich daraus “heraus zu retten”. Weil man ja so gerne hilft. Weil es ja schön ist, zu helfen. Weil es ja auch überhaupt gar kein Problem ist, immer wieder die Krisen (die aus einem unbesprechbaren Kontext heraus entstanden sind) zu bewältigen.

Genau diese Schleife sind meine “schwierigen Erfahrungen” mit Menschen, die anderen Menschen Hilfe anbieten.
Wir haben hier schon oft über die Gewalt im Helfersmantel geschrieben, weil als “psychisch erkrankt” gelabelte Menschen keine Lobby haben, die sich für ihre Belange einsetzt. Diese “Rettungsschleife” ist ein Teil davon – aber sie ist nichts, worauf man einen Paragraphen anwenden kann.
Sie ist auch nichts, was spezifisch ist, wenn es um das Miteinander mit mir als komplex traumatisierte Person geht.
Aber sie ist etwas, was zu einem echten Problem wird, wenn sie bereits Teil eines Traumas war.

Wie bei uns.

Wir sind kein Mensch mit dem man es länger aushält. Das ist kein Wissen, das mir irgendwie einfach mal so in den Kopf geflogen ist, als mich ein Familien*mitglied misshandelt hat oder ich einer anderen “schwierigen Situation” war. Das habe ich als Reflektionsergebnis mitgenommen, immer wenn ich mal wieder fragen musste: “Hm, wieso bin ich denn schon wieder alleine? Wieso hab ich eigentlich keine “beste Freundin”? Wieso mag mich eigentlich niemand genug, um mich zu seinem Geburtstag oder Ähnlichem einzuladen? Wieso ist es eigentlich immer nur cool, mich zu kennen, wenn es um Kognition und Wortfindung geht?”.

Wir sind ein Mensch, dem zuzuhören anstrengend ist, weil wir uns mit jedem Reden zu sehr darum bemühen verstanden zu werden und uns dann einfach immer wieder den selbstgezogenen Schleifen erhängen. Wir haben gelernt die Traurigkeit und die Empfindungen, die mit Kränkung und Trennung durch Unverständnis von anderen Menschen einhergehen, als etwas zu akzeptieren, das nichts mit anderen Menschen zu tun haben kann, weil wir ja etwas falsch machen. Wir müssten uns nur… Wir müssten nur einfach anders reden und denken, als wir das eben tun. Wir müssten halt einfach nur die Fresse halten, wenn wir selbst die dritte, vierte, fünfte Schleife aufmachen, weil wir denken, das würde dazu beitragen, verstanden zu werden.
Ist doch ganz einfach.
Wir müssten nur an den Punkt kommen, in dem es uns egal ist, was und wie andere Menschen uns verstehen.
Nur müssten wir dazu die Dinge, über die wir reden, viel weniger wichtig nehmen.
Also im Grunde genauso dumpf bis desinteressiert, wie so viele andere Menschen auf diesem Planeten sein.
Kann doch nicht so schwer sein, so zu sein, wie “alle anderen”!

Das ist es aber nun einmal eben doch.
Man hat es nicht leicht mit uns – nie.
Wir sind viele. Wir sehen viel. Wir sind wurtschtelig bis unheimlich.

Und neben all dem sind wir auch fähig dazu Dinge zu tun. Sind wir auch “leistungsfähig” und “funktional”.
Und inzwischen so weit sozialkompatibel, dass wir Menschen nicht offen bloßstellen oder anbrüllen, wenn sie uns wieder in eine soziale Rolle oder Situation bringen, die genau das verunsichtbart bis negiert.
Ich habe den Eindruck, dass von mir erwartet wird, kein Wort darüber zu verlieren, wie abhängig mein Handeln von anderen Personen ist, weil es lieber gesehen wird, dass ich ohne die Rettungsmissionen anderer gar nicht wäre, wo ich bin.
Die Beschämung, die während solcher Rettungsmomente entstehen oder dann auch mit nicht erreichten Zielen vor Dritten einhergeht, darf aber bei mir liegen. Hat dann wieder was mit zu hohen Ansprüchen und Zielen zu tun. Nicht damit, dass Rettung eben immer nur Rettung ist und nicht Konstruktion.

Und die Moral von der Geschicht? Sei mit anderen Menschen nicht.

Was wiederum die gleiche Moral ist, wie sie andere Innens, die tatsächlich in der Familie, der Familie*, der Psychiatrie, von unfähigen Betreuer_innen miss_be_handelt wurden, für sich gezogen haben und an massive Gefühle von Todesnähe, Angst, Schmerzen, Horror und Schock gebunden ist. Die also tatsächlich traumareaktiv ist.

Das Ende meiner Kontaktmoral ist der Beginn ihres Erinnerns und definiert meinen Alltag in der Folge.
So geht multipel. So geht meine Lebensrealität, die kein anderer Mensch mit mir zusammen erlebt.
Weil.

Inmitten dieses wert_vollen, spannenden Treffens spielte sich die Reinszenierung einer Qual ab, die wir vor fast einem Jahr gerade so überlebt haben, weil ich noch genau die Dinge fertig kriegen will, an denen ich gerade arbeite. Das klingt jetzt heute auf eine Art dramatisch, wie wir sie in dem Moment, in dem sie passierte gar nicht artikulieren konnten und selbst ja auch überbrüllt haben, aber so war es halt.
Eine Traumatisierung, die mit nahen Personen zu tun hat, ist eben auch dramatisch.

Und jetzt ist ein Tag vergangen.
Mir gehts schlecht, weil ich Hannah die ganze Zeit angeranzt habe und damit genau das getan habe, was wir beide, wir alle, die “das Nachwachshaus” realisieren möchten, verhindern wollen: unsere Traumafolgen negativ auf das Projekt auswirken lassen. Zwar nur nach innen – wie gesagt: nach außen, war das Treffen super. Da hat sich viel Fruchtbares ergeben und es gibt Grund zur Zuversicht.
Aber, ich bin als Erste da gewesen und stand am Ende als Letzte vor der Tür.
Alleine.

Mir gehts schlecht, weil ich seit knapp 24 Stunden weinen, schreien, zwei Menschen ganz platt und stumpf verprügeln will – und nicht kann. Einfach genauso stumpf nicht _kann_.
Ich erreiche die Therapeutin nicht. Die Schule geht heute wieder los. Alles ist mir zu viel, tut mir weh und was würde ich hören, würde ich jetzt mit Menschen, die da waren, darüber reden?
Richtig: “Das ist nur der Druck, der jetzt von dir abfällt. Du machst dir einfach immer zu viel Druck, K. Komm, lass mich das mal für dich machen. Ich mach das gerne. Ich helfe wirklich gerne. Das ist alles echt kein Problem. Du kannst dich darauf verlassen, dass das schon alles werden wird.”

Ich weiß, dass mein Löwinnengebrüll eine spezifische Wirkung nach außen hat.
Dass ich das brauche, um mich aus diesen destruktiven Schleifen zu befreien, sehen die, die mich da auch immer wieder mit reinmanövrieren nicht.
Scheinbar.
Ich hab keine Ahnung, was diese Personen sehen und denken.

Sie reden ja nicht mit mir.
Ich muss ja noch nicht wieder mal gerettet werden.

#12von12 April

BildeinerKaffeekanne

offenbar habe ich eine Tasse Kaffee getrunken

BildKleidungsmuster2

Strickjacke und Halstuch

Bahn

so hab ichs gesehen – Schneegestöber
ich hab noch nie in der Bahn ein Foto gemacht
(und werds so schnell auch nicht wieder machen)

BidvoneinemBaummitdickenBlüten

Bäume, die beim Blühen nicht geizen

Treffen

Vorbereitungen des 1. Austausch- und Vernetzungstreffens
große Freude über das Wiedersehen lange bekannter Menschen

NotizenaufeinemTisch
Notizen Notizen Notizen

Himmel

und plötzlich

eineUhrdieauf5vor6zeigt

der Gedanke

SchatteneinerPerson

“Ich war als Erste da
und hab auf alle gewartet

welkendeOsterglocken

– natürlich bin ich auch die Letzte, die geht.
Alleine, weil auf mich niemand wartet.”.

EssenMutaufkeber

… aber mir zuhört, mich versteht, mir Zuversicht schenkt, wenn ich ihn anrufe

PillenKekseBett
Schmerztabletten, Kekse, Bett
Eskapismus hat die Haare immer schön

*#12von12 ist ein Dings in diesem Internet unter dem Menschen ihren 12ten eines Monats mit 12 Fotos dokumentieren. Als ich mich wegen des Projektes “das Nachwachshaus” beraten ließ, sagte die Person: “Mit jedem Treffen schreibst du die Geschichte des Hauses.”.
Nun schrieb ich also.