Fundstück #2

“Omg ich werde bald 30”, schreibt mir ein Herz aus dem Gestern und ich denke an Züge, die ohne mich abfahren, während ich am Gleis stehe und Blutgeschmack im Mund habe.
”OMG ich werde bald 29 Jahre alt und …”, der Zug, der für mich war, ist weg.
Der Zug, in den ich hätte einsteigen, dem ich nachlaufen, auf dessen Trittstufe ich mit wehendem Mantel hätte springen müssen, vielleicht habe ich den nie kriegen sollen.

Ich atme das Nichts in meinem Kopf an. Warte darauf, dass irgendwo etwas beschlägt.
Mein “eine mit anderen sein” ist ein fast vielleicht unaushaltbarer Zustand. Im Moment. Vielleicht.

Vielleicht hatte ich vor zwei Wochen den Gedanken: “dieser Therapeut hat sich des sexuellen Missbrauchs* an mir schuldig gemacht”, der mich im gleichen Moment, in dem mir das “an mir” auffiel, auf eine Art aufgerissen hat, die den Sack voll Seelen unter meiner Haut undicht machte.
Vielleicht wische ich seitdem Seelenlachen mit Küchenkrepp um meine Füße herum auf und schaue mir gleichzeitig dabei zu, wie ich die Welt berühre, mein ganz überhaupt ever erstes _eigenes_ Geld verdiene, um ganz _eigene_ Projekte umzusetzen, die mit so viel unsichtbarer Angst, so viel unbeworteter Not einher gehen, die ich manchmal durch meine Finger hindurch und aus meinem Kopf herauslaufen fühle.
Vielleicht bin ich im Moment zart, verletzlich, jung, verwirrt, ängstlich und stark, mutig, verletzt, verbraucht, hart und hoffnungsvoll, idealistisch, naiv, für.sorge.nd und

viele

die nicht immer sofort wissen, wann sie aneinander vorbei leben, in verschiedene Richtungen stieben und einander aushebeln.

Vielleicht bin ich erinnernd und der Boden, auf dem ich stehe, weil ich verlassen .werden. musste; auf dem ich stehe, weil ich dort stehen muss und keine andere Wahl habe, ist das Einzige, was sicher ist. Vielleicht ist der Boden, den ich fühle, weil ich auf ihn drauf tropfe, splittere, falle – auf dem ich in Teilen, Krümeln, Brocken eines Selbst lande – das Einzige, was mir keine Angst macht.

Vielleicht wünsche ich mir, dass das anerkannt wird. Vielleicht weiß ich aber auch, dass diese Anerkennung nicht bedeutet, dass die Welt und ich zu sein aufhören.
Nur weil jemand sagt: “Ich sehe dir quellen unkontrolliert desorientierte Innens hervor”, hört das Quellen noch lange nicht auf.

Aber ich bräuchte nicht so viel Kraft in das Aufwischen um meine Füße, auf den festen Boden unter mir, verwenden.
Es wäre okay.
Und ich könnte schauen, welcher Zug denn für bald fast 29 Jährige zur Abfahrt bereitsteht.

Vielleicht kann ich ja den erreichen.

Wir.
Vielleicht.

Hannah-Heute

dieAndereIch kann mit Worten keinen Beutel machen, in den die Gefühle hineinpassen, die in mir wühlen, wenn Menschen uns mit “Hannah (C. Rosenblatt)” ansprechen.
Es ist leicht, rund, bedeckt viele von uns, die auf der Oberfläche dieses “Ich” herumschwimmen und durch dieses Leben brocken.

Aber nicht die Anderen.
Diese eine Andere. Diese eine, die seit Dezember durch meinunser dieses Leben tobt und tut, was getan werden muss. Niemand weiß, wie sie heißt, niemand weiß, was sie so bewegt, uns immer wieder so anzutreiben und vielleicht ist das auch so unwichtig, wie sie uns immer wieder zur Antwort gibt, wenn wir sie danach fragen. Sie zuckt mit dem Kinn zur Seite, hebt eine Schulter und schiebt ein zentnerschweres ES _IST_ in den Raum, der jedes Miteinander im Keim erstickt.

Sie weiß, dass wir auch da sind. Sie weiß, was eine DIS ist, aber ob sie das verstanden hat?
Ich weiß, dass im Moment mehr oder weniger Zeit des Tages von den Anderen getragen werden. Ich weiß das und es stört mich nicht. Es gibt keine Reibung mit dem Umfeld. Niemand merkt es, niemand stört sich daran. Sie können diesen Alltag leben. Sie können ihre – unsere –  Schuldenlast, unsere K.r.ämpfe, diesen spezifischen Zustand des Erinnerns und Bewusstwerdens inmitten eines 24/7 Arbeitspensums tragen, aus.halten, unter- und nebeneinander her schieben.

Und die erwachsene 28 Jahre alte Hannah C. Rosenblatt, die wir, die wir anderen “Anderen” sind, sitzt am Abend an ihrem Laptop und weiß, wieso sie dieses Arbeitspensum, dieses Maß an Ansprechbarkeit und Reagibilität, an sozialkompatibel runtergedrückter geistig-intellektueller Beteiligung nicht kann. Sie kann es nicht, weil sie es nie musste. Sie musste das bis sie 15 war und dann ist sie aus der Welt gefallen, weil es nicht erlaubt ist durch die eigene Hand zu sterben, wenn man in diesem Alter ist.

Hannah C. Rosenblatt liest und denkt und schreibt den ganzen Tag. Sie verlässt das Haus, um den Hund zu bespaßen, zu fotografieren, einzukaufen und zur Therapie zu gehen. Sie fühlt sich wie ein Alien und ist es in aller Regel auch. Ihren IQ zu verstecken schafft sie selten. Ihre Not in ein liebreizendes ätherisches Huschfluffmädchen zu verkleiden, dem man gern eine Schnabeltasse voll Herzblut zum Troste reicht, empfindet sie als Täuschung. Sie ist einsam und leidet darunter, aber Menschen machen ihr Angst und Vermeidung ist das Allheilmittel für sie.
Sie hat ihr Viele sein mitsamt aller Implikationen als Arbeitshypothese angenommen und wartet doch bis heute auf die Differenzialdiagnosen “Asperger-Autismus” und “atypische Hirnstruktur”, weil sie ein Foto von sich als Säugling auf dem Arm eines liebevoll lächelnden Elters besitzt. Weil es bis heute so schön wäre, wenn die Nische zum allumfassenden Denkfehler genau so _ist_, wie es die Andere und ihre Sicht auf die Dinge _ist_.

Und die anderen?
Diese eine andere? Geht in die Therapiestunde, geht in die Kunstschule, macht Aktionen, wühlt in jedem ruhigen Moment nach Raum um … ich weiß nicht – sich frei zu kämpfen? Luft zum Atmen zu bekommen? Um in einen Moment zu rutschen, in dem sie so einfach _ist_, wie _ist_, was sie wahrnimmt?

Vorhin im Fotokurs, war da ein Moment in dem es um unseren Namen ging.
Der Lehrer fragte, ob er “Hannah” richtig erinnerte. Ich antwortete “Ja, ich bin Hannah.” und ich merkte, wie sehr mich dieser Name mit dem erwachsenen – meinem Hannah-Heute, meinem Leben in diesem Heute, mit all diesem ganzen ES und DAS DA drin, mit all diesem Alien sein, die Komische sein, diesem aus der Welt gefallen und notdürftig wieder drangemörtelt sein, verbindet. Wie er mich hält und trägt, mir Räume zu nutzen ermöglicht, mich selbst und mein eigenes Sein ein kleines bisschen erträglicher macht.

Und diese andere eben nicht.

Aktion “Hosentaschenheldin”

“Görpower-Hilda” ist entstanden, um innere Kraft und Selbst-Bewusstsein zu stärken.

Ich hab mir überlegt, dass sie eine gute Heldin für die Hosentasche sein könnte. Man kann sie sich in Momenten herausholen, in denen man sich vielleicht ein bisschen an die eigene innere Held_innenkraft erinnern möchte, um schwierige Situationen zu schaffen.
Jetzt haben mich schon so viele Menschen gefragt, ob ich ihnen einen Ausdruck schicke, dass mir die Idee kam, eine kleine Aktion zu machen und zu fragen, wer noch einen möchte.
Ich habe eine schwarz/weiß – Version und eine kolorierte.

Hosentaschenheldinsw2   Hosentaschenheldin

Als Drucksache schwebt mir das Format DIN A7  (74 x 105 mm) auf Bilderdruckkarton (350g) vor.
Wenn etwas anderes gewünscht ist, können wir das aber gerne auch umzusetzen versuchen.

Schreibt mir bitte eine E-Mail an C.Rosenblatt ätKringeldings gmx. net , wenn ihr eine kleine Hosentaschenheldin haben möchtet.
Wichtig: Überlegt euch auch eine sichere Adresse zu der die “Görpower-Hilda” geschickt werden kann!

Edit: Preis pro Stück: 5€ – ab 5 Stück: 2,50€ – ab 10 Stück: 1€ / versandkostenfrei innerhalb von Deutschland
Bitte schreibt in eure Bestellung eine Adresse hinein und welche Version ihr möchtet. Ihr erhaltet eine Email mit Bankdaten von mir und auf Wunsch auch eine Rechnung.
Der Erlös der Aktion “Hosentaschenheldin” geht zu 100% zurück in alle unsere No-Budget-Projekte, wie das Podcast “Viele-Sein”, die Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und nicht zuletzt auch das “Blog von Vielen”

grenzen_los

grenzenlosesChaos

ich habe diesen Satz in einer Schleife aus tausend Schleifen im Kopf.

wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts wieso sagst du denn nichts

und wenn ich innehalte, dann merke ich, dass da ein Gedanke ist, der Energie ist, Wut vielleicht, vielleicht das Chaos höchstselbst, das, würde es auf die Frage reagieren, Fragen stellen würde.
was heißt was sagen was heißt was sagen was heißt was sagen was sagen was sagen was sagen was sagen was was was was was was was wieso was wieso wieso wieso wieso was denn sagen sagen wieso denn was sagen

Vielleicht würde geschrien. Die Energie, die Wut, das Chaos höchstselbst stelle ich mir als Schrei vor.
drängend durchdringend

es macht mich grenzen_los

und vielleicht die Schleife mit dazu.
“Wieso sagst du denn nichts?”

vielleicht, weil die Frage so tut, als gäbe es keine Grenzen, in dem was man sagen kann
was ich sagen kann
was sagbar ist

Fundstück

Meine Regulation ist gestört. Das weiß ich und trotzdem tauche ich meine Hände in die Küchenspüle.
Ob das jetzt zu heiß war oder nicht, werde ich schon noch erfahren. Denke ich. Es dampft nicht verdächtig und eigentlich habe ich nichts anders gemacht als sonst. Aber mir fehlt das Stück zwischen Reizerfassung und Erkenntnis.

Während ich den Abwasch mache, denke ich an das Kind und den Bösen. Der Böse ist auf einer Insel und irgendwo lacht es immer noch darüber, dass die Therapeutin ihn von uns versorgt wissen wollte.
Ich weiß gar nicht, ob die Bösen überhaupt solche Bedürfnisse haben. Sie haben ja nicht mal das Bedürfnis nicht als “die Bösen” von mir gedacht zu werden.

Ich kratze auf der Teflonpfanne herum. “Es haftet ganz schön inbrünstig auf so einer Antihaftbeschichtung”, denke ich und überlege, ob meine Hände eigentlich immer so rot sind, wenn ich abwasche.

Und das Kind? Wieso schreit es eigentlich gar nicht?
Weiß es denn nicht, dass es ihm etwas Schlimmes passiert..e? Es muss doch jetzt ein Weh haben, ein Weh klagen, ein Weh in den Äther schicken und schreien.
Das macht man doch so.
Wir hatten mit der Therapeutin besprochen, dass wir uns kümmern. Dass wir es von dort mitnehmen und gut versorgen. Weil man das so macht.

“Noch einmal mit Pril abwaschen.”, denke ich, “und dann ist die Flasche alle und dann können wir endlich wieder das Fit nehmen.”. Ich denke an die Frauenhände meiner Familie* in Küchenspülen neben denen oft, immer, manchmal, das Fit stand und merke, wie erbärmlich meine Art Familien*verbundenheit eigentlich ist. An andere Dinge, die mich dem was eine meine Familie* hätte würde wenn gewesen worden wäre, näher bringen, kann ich mich aber auch nicht erinnern.

Es schreit nicht, es weint nicht, es bewegt sich nicht. Ich fühle nur Nichts von ihm. Weißes Rauschen, das kein Dissen ist.
Ist es dann eigentlich leiden? Wenn es nicht leidet, braucht es dann “gut kümmern” von uns?

Mein Abwasch ist fertig und in der Spüle vor meinem Bauch, treiben Speisereste, Fettaugen und letzte Restschauminseln umher.
“Wie fühlt sich eigentlich Ekel an?”, frage ich mich und fühle mich so fern von all dem was ist und wäre hätte würde wenn. “Wieso habe ich das jetzt eigentlich gemacht?”.

Ach ja, da war das Kind, vielleicht im Grundschulalter, das vor einer Wand kniet und weder sieht noch hört, noch ist und die Frage, ob es wohl leidet.
Und die Verlassenheit vor der Frage, ob man sich kümmern muss, wenn es kein Leiden gibt.

Die Frage was Leiden ist.

Und der Versuch um etwas anderes als dieses weiße Rauschen, das nicht ist und war und wird und ganz in Wahrheit überhaupt alles gar nicht ist.
So wie ich.

zur zweiten Episode “Viele–Sein”

Diesmal geht es um neue Wege und die Privatisierung, die das Leben mit Traumafolgen erfährt.
Ein Gespräch war nicht möglich, aber das hat uns glücklicherweise nicht abhalten können.

Also bitte – hier geht’s lang zur zweiten Episode “Viele – Sein” dem Podcast über das Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur.