zu_hören

“Dieses Innen hat eine seltsame Art sich im Körper festzuhalten.”, denke ich und schaue ihm aus den Augenwinkeln bei seinem Tun zu.
Zwischendurch schließe ich das Sehen und höre seinem Denken zu, dass durch das Innen klappert und seine sonoren Schleifen an jede Ecke klebt, an denen es sich weh tut oder dumpfen Widerstand spürt.

“So, und wenn das hier fertig ist, dann …”, schepper schepper, “Das muss aufhören, dann…”, pittsch pattsch, “Das ist dann zu Ende und dann…”
Wenn es inne hält, spielt es durch, wie es die Therapie beendet, Kontakte sein lässt, die Wohnung bereinigt, sich die Haare abschneidet, und vor einem Moment stehen bleibt, in dem es um einen Akt des globalen Umgekrempeltwerdens geht.

Es ist kein Innen, das wie ein Presslufthammer ins Denken donnert.
Es schepperplätschert einfach nur hindurch.
Es ist leicht, daneben die tolle neue Kamera auszuprobieren, glück-selig zu flirren und simmern. Mit dem Hund zu schmusen, die Frühlingswinde in den Handinnenflächen zu streicheln, virtuell miteinander zu sein. Das ist, als wäre diese Planung einfach völlig in Ordnung, logisch und dabei simpel im Sein.

Und daneben ist die Wahrheit: “Es wird nie aufhören”.
Genauso schlicht und simpel. Genauso leicht und unwiderlegbar.

Weil es nie aufhören wird, mit diesem verrückt sein, braucht man keine Therapie mehr machen. Weil man ja nie aufhören kann, mit diesem viele sein, braucht man keine Kontakte mehr haben, die sich deshalb auf eine Art verpflichtet fühlen … wollen.
Weil ja alles schon fertig ist, kann man ja aufhören.

Kann man ja mal machen.
Und zwei drei Wellen weiter nickt jemand und erinnert an das Außen, das schon so oft antrug, man würde in seinem Sein verharren und nichts wirklich tun, um es aufhören zu lassen. pittsch pattsch “Ja, und dann lasse ich das und wenn das vorbei ist, dann…”

Am 3. ist Karfreitag, am 4. beginnt Pessach.
Dass es so bald schon soweit ist, ist völlig an mir vorbei gegangen. Ich habe noch gar nichts vorbereitet, obwohl mir gerade das Putzen zu Pessach sehr gut tut und es überhaupt eines der Feste ist, die mir angenehm global vorkommen. Wir sind zum Sederabend bei der Familie° eingeladen und, weil die Kunstschule Ferien macht, haben wir unseren Frontgängeralltag wieder zurück. Es gibt die Chance, dass damit auch die nächtlichen Intrusionen der Anderen, ein bisschen in die Ferien gehen.

Ich erinnere aber auch den Suizidversuch am Karfreitag vor … hmmmm … 13 Jahren? und merke, wie es dahinter pocht und drückt. Wie dort ein Presslufthammer nur darauf wartet, meinem Kopf von innen heraus zu spalten, um aus Trümmern aufzusteigen.

Und ich merke, wie müde ich davon bin.
Wie schön der Gedanke daran ist, es einfach aufhören zu lassen.
Einfach nicht mehr machen. Einfach loslassen und nicht mehr machen. Einfach so und dann … wird alles anders sein.

tropf tropf
es wird alles anders sein

das ist doch schön
oder etwa nicht?
Naaaaaa?
Wär das nicht schön?

tropf tropf

knarz
raschel

Nebel, der in den Ohren rauscht
Für mich das Signal, die Augen wieder zu öffnen und nach außen zu schauen.

habt ihr* ein “und dann”?

Mit kommts vor, als würde der sogenannte “erweiterte Suizid” (der meiner Ansicht nach, eine andere Bezeichnung braucht) eines weißen Mannes den Rahmen der Ignoranz und Vermeidung erweitern, je ferner sich die vermeidungswilligen Ignorant_innen wähnen.
Da schaue ich auf ein Wandtattoo, das ich mit meiner Kotze dran nicht abstoßender finden könnte – neben jedem Verständnis für die Gefühle der Trauernden, die sich von so einem Produkt tatsächlich getröstet fühlen.
Da schaue ich auf die Presse, die ich mich, nach diesem Totalausfall auf breiter Front, immer weniger als “Medien” zu bezeichnen in der Lage sehe.

Und ich schaue in meine kleine Filterbubble und bemerke Wiederholungen, statt alternativer Schritte.

Das Unglück Der massenmedial aufbereitete sogenannte “erweiterte Suizid” eines weißen Mannes ist ein aktueller Aufhänger – ich bin mir bewusst, dass es als Derailing gelesen werden kann (und wird), wenn ich jetzt nicht auch mit in das Horn “Hört auf ‘psychisch Kranke’ zu entschuldigen” oder “Die Berichterstattung ist ableistisch!!1!!1!!1” oder “KACKSCHEIßE IN DER BILD” oder “Die Gesellschaft ist…” reinpuste, weils einfach immer gut kommt und ja oft genug auch leider immer noch radikaler und politischer rüberkommt, als das, was man so von anderen Personen wahrnimmt. Meiner Ansicht nach, ist vieles von dem, was in diese Hörner gepustet wird, das eigentliche Derailing.

In dem, was ich im Moment wahrnehme, geht es darum, was als gegeben betrachtet wird und wie darüber gesprochen wird.
Nach den Protesten in Ferguson und dem Hashtag #BlackLivesMatter habe ich noch einmal viel umfassender verstanden, was internalisierter Hass bedeutet. Dort im Komplex des Rassismus.

So kommt es zum Beispiel, dass schwarze Personen, die eine Straftat begangen haben, in den meisten Fällen anders bezeichnet bzw. beschrieben werden, als weiße. So wird eine schwarze Person, die mehrere hundert Menschen in einem öffentlichen Gebäude erschossen hat zum “Massenmörder aus niederen Beweg.Gründen” oder direkt ein “Terrorist”, während eine weiße Person in der Regel als “psychisch krank” (und ergo nicht ganz bei sich/in einem Ausnahmezustand befindlich und ganz am Ende: nur bedingt verantwortlich für seine Handlungen) bezeichnet.

Ich achte inzwischen sehr aufmerksam darauf, wie viel internalisierter Rassismus, aber auch Ableismus, (Trans-)Misogynie, und nicht zuletzt etwas, dass ich für mich bis jetzt als “gesellschaftlich pseudokonsenuale Vermeidungstänze” bezeichne, in Zeitungen und anderen Medien, über die mir Informationen bereit gestellt werden, auftauchen.
So könnte ich jeden Tag einen Tweet nach dem anderen verfassen und immer wieder mit dem Finger auf etwas draufzeigen und herumpieksen. Und das würde rewarded ohne Ende. Die gefühlten tausend Watch-Accounts bei Twitter, die Sammeltumblr’s, die Blogs, in denen ein Artikel nach dem anderen nichts weiter tut, als die Beweise für perpetuierte Diskriminierungen und andere Formen von Gewalt, die Menschen ganz alltäglich anderen Menschen antun, zu sammeln, senden mir zumindest dieses Signal. Ich glaube nicht, dass sich jemand diese Arbeit macht, wenn er/sie/* keine positive Rückmeldung von irgendjemandem erhielte oder sich davon erhofft.

Ich bin unzufrieden damit. Kann sein, dass das alles ist, was man tun kann. Ja.
Kann sein, dass diese Watch-Kultur dazu führt, dass die Sichtbarkeit dieser Gewalt zunimmt.
Kann sein – ist ganz sicher auch an vielen Stellen so – aber ich frage mich zunehmend, was dann passieren soll und fühle mich allein mit diesem Gedanken.

Was ist, wenn die Menschen erkennen, dass Menschen gefährliche Tiere sind? Was tun wir, wir alle – alle die es uns gibt und die auf diesem Planeten herumkrauchen – wenn wir in der Lage sind, anzuerkennen, dass es für manche Gewalt, die wir uns – sei es ganz alltägliche, wie der frauenfeindliche Witz oder die rassistische Karikatur, oder ganz extrem ungewöhnliche, wie ein sogenannter “erweiterter Suizid” mit einem Flugzeug oder dem Umsichschießen in einer Schule – antun, keinen anderen Grund, als die Entscheidung einer einzelnen (dazu privilegierten) Person allein, gibt?

Ich bin die Letzte die Pathologisierungskritik ablehnt – bitte bitte immer her damit – es gibt noch viel zu wenig davon! – aber: Wisst ihr*, was ihr an Stelle dessen haben wollt? Ist klar, was mit der Auflösung von Pathologie – von am Ende immer: Hass (Ablehnung/Abgrenzung) – einhergeht?

Ich frage mich wirklich, wie Menschen, deren gesamtes Weltbild auf der Abgrenzung, der Entfremdung und Entfernung von sich selbst, wie auch seiner Umwelt basiert, sich zu verhalten und miteinander umzugehen gedenken, wenn sie sich selbst definieren müssten. Wenn sie keinen Unterschied mehr zwischen sich und anderen Personen machen können, weil ihre Handlungen unterschiedliche Bewertungen erfahren und ergo in die Ver-Wertungslogik gesellschaftlicher Privilegierung fließen.

Was wollt ihr machen, wenn ihr feststellt, dass Menschen eine Macht haben, die ihnen erst dann klar ist, wenn sie andere Menschen unterdrücken?
Wie wollt ihr diese Dynamik verhindern? Und wieso?
Was ist, wenn es sichtbar ist für alle – aber niemand verhindert die weitere Anwendung, weil sie ganz natürlich zum Menschsein dazugehört?

Was ist, wenn ihr mir glauben müsst, wenn ich euch sage, dass Menschen und ihre Entscheidungen das Gefährlichste sind, was dieser Planet für euer Leben zu bieten hat?

Ist doch viel beruhigender sich zu sagen: “Ach, die Rosenblatt ist ja krank…(nicht wie ich)”, oder etwa nicht?
Wann kommt der Punkt, an man auch anerkannt werden kann, was als Vorteil von Pathologie, von Ab- und Ausgrenzungen jeder Art für wen und wann genau wichtig und unter Umständen genauso lebensrettend, wahrgenommen wird?

Oder mag dieser Punkt vielleicht gar nicht kommen, weil er so unfassbar komplex und schwierig ist und ja eigentlich alles okay ist, wenn man vorm Fernseher sitzt mit Chips und Bionade?

Niemand muss sich persönlich von diesem Artikel angesprochen fühlen. Diese Gedanken kreiseln in mir schon seit einer Weile und haben keinen wirklichen einzelnen Ursprung in einem Posting, Tweet, Tumblr etc.
Ich bin auf der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, anderen Menschen keine Gewalt mehr anzutun, ohne aber verleugnen oder bewerten zu müssen, dass Gewalt ein allgegenwärtiges Ding ist, das unser aller Leben definiert und strukturiert.
Vielleicht bin ich damit allein, vielleicht aber auch nicht.

Es gibt einfach diese Spitzen von Momenten wie diesem jetzt gerade, wo ich einen Artikel schreibe, statt Flashbacks zuzulassen, die mir das Bewusstsein an die Brutalität, den Sadismus, die Ignoranz, die Lust an der Ohnmacht anderer Menschen so nah sein lässt, dass es kein Entrinnen daraus gibt.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich denke: “Ich habe die Menschen gesehen und ich habe sie ausgehalten und ihre Taten überlebt.
Und weil ihr diese solche Taten und das Bewusstsein darum nicht aushalten wollt (weil ihr so privilegiert seid, euch darüber entscheiden zu können), entscheidet ihr euch für Pathologie, Ab- und Ausgrenzung. Weil das aber genau der Mechanismus von Gewalt, ist, den ihr bei zum Beispiel rassistisch oder (trans-) misogyn agierenden Menschen ablehnt, entscheidet ihr euch für eine Kritik daran, die kein “und dann” kennt oder Alternativen eine Grundlage gibt.”

Es gibt diese Spitzen, in denen ich mich von euch abgrenze, eure Gedanken und Kritiken bewerte, euch darin kritisiere und nicht weiß, ob die Abwesenheit eines schlechten Gewissens diesbezüglich nicht doch schon der Beginn der Gewalt ist, die ich selbst kritisiere bis ablehne.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich gern von einem möglichen “und dann” wüsste, um mir selbst den Weg aus der Gewalt heraus ermöglichen zu können.

(* ich weiß nicht, wen ich genau mit “Ihr” meine – es steht hier als “alle außer mir” und ist als unbestimmt zu lesen)

Kontakt

Ich wusste nicht, warum ich weinend aus dem Haus, in dem die Praxis unserer Therapeutin ist, ging.
Verstand nicht, warum ich zu Hause in der kardiologischen Praxisklinik anrief und den Termin als einen empfand, der weder für mich gemacht wurde, noch von mir wahrgenommen werden würde.

Es war ein Abgehen des Außen, um es zu begradigen.
Ich verstand nicht, wieso das Weinen nicht aufhören konnte. Wieso das einfach nicht ging.

“Sie haben recht: das Herz muss es wollen.
Mein Herz will aber nicht und wollte nie – es braucht und braucht schon so lange.”

Es schreibt diese Nachrichten an die Leuchtturmwärterin und versteht nicht, warum.
Und weiß nicht, dass ich es bemerke. Dass es gesehen, mit Sorge bemerkt wird.
Ich verstehe über diese Nachricht, warum es nicht aufhören kann.

Ich hatte noch nie Kontakt mit einem Innen, das Inmitten ist. Oder nahe dran. Oder darum herum. Es sind die anderen Anderen, die mit dem Außen eigentlich nie zu tun haben. Wohl aber darauf reagieren und sich hinter uns Frontgängern verschieben, was uns zum Verschieben bringt. Irgendwie.
Man könnte sagen, es sei eine Art Tektonik der Seele – Schmetterling hier – Tsunami da.

Ich dachte mir, da ich es bemerke, könnte ich etwas versuchen. Vielleicht waren es die perfekten Umstände dafür. NakNak* war da, die Kunstschule ist direkt neben einem Krankenhaus und zwischen der Praxis der Therapeutin und der Wohnung einer Gemögten von uns. Das Fotografieren würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Innen aus dem Inmitten nach vorne ziehen und seine Schutzwälle aufspreizen lassen.
Ich brauche diese Art Sicherheiten für solche Experimente. Raum zum Scheitern- Raum zum Zusammenbrechen von Welt, Geist und Leben. Sonst kann ichs nicht.

Ich konzentriere meine Aufmerksamkeit zu diesem Innen und mache mich “glatt”. Augen zu, Ohren zu, ausatmen – hätte mein Selbst Muskeln, würde ich die auch loslassen. Und dann sitze ich neben dem Denken des Innens. Ich schaue es nicht an, berühre es nicht. So habe ich den Kontakt mit anderen Innens schon öfter aufnehmen können und erlebe das als etwas, das, wenn es soweit ist und einfach alles genau schon richtig ist und passt , auch einfach geht. Wenn nicht, dann nicht. (Dann habe ich aber auch nicht den Impuls das zu versuchen)
Wenn ich da bin, bin ich einfach da. Ich warte auf eine Art Resonanz und spüre sie oft da, wo mein Körper wäre, hätte mein Selbst einen. In diese Resonanz gehe ich dann hinein und fange an zu sagen, was mir dann ergänzend zum Denken des Innens erscheint.

Ich redete über NakNak* und darüber, dass sie vielen kleinen Herzen in uns gibt, was sie brauchen. Ich teilte meinen Blick auf F., die vorne die schwere Kamera des Lehrers hochhielt und ihre warme Freude nach innen strahlte.

FoKu

“Du weißt nicht, was du brauchst, wenn es immer noch ein Hund ist, der die Bedürfnisse der Kinderinnens stillt.”.
Das schob sich wie ein dumpfer Spieß in meine Gedanken und blieb.
Ich wusste nichts mehr zu sagen und blieb doch bei dem Innen.

Ohne zu wissen, ob es sehen kann; ob es sehen wollte, teilte ich meinen Blick mit dem Innen bis wir im Bett lagen.
“Gibst du mir die Chance das zu verstehen? Irgendwann?”, war das Letzte, was mir als Frage einfiel und gleichzeitig ein Bitten um unser beider Überleben war.

“Du wirst das Verstehen nicht ertragen können. Dafür bist du nicht gemacht.”, nahm ich als Antwort wahr, die mich wegsprengte.

“Ich verstehe.”, schrieb ich auf den Zettel mit dem Termin in der kardiologischen Praxis und schlief mit dem Gedanken ein, dass ich vermutlich nie mehr tun kann, als zu hoffen, dass ich, auch not_be_dürftig, ausreiche für Innens wie dieses.

Mir ist etwas eingefallen, was die Therapeutin in der Stunde gesagt hatte: “Menschen sind begrenzt”. Und das Inmitten schrie die Antwort: “Ich bin ein Mensch.”, ohne dass sie es hören konnte.

Ich bin vielleicht zu begrenzt, um die Tragweite dessen zu begreifen.
Aber ich habe die Resonanz dieses Innens im Hals. So nah an Worten, wie noch nie.
Und, dass das eine Chance ist, habe ich begriffen.
Vielleicht, statt diesem Innen.

Herzensangelegenheiten #3

herz2

“Ich weiß gar nicht, wie man Halt gibt.”. Sie dreht sich leicht nach innen und prüft den Strang des Wunsches, die Organbefestigung des menschlichen Herzens zu kennen.
Eine Stimme kullert in den Gang und schiebt mit dem Fuß Gefühlsplitter
ins Licht.
“Ich mag Haken nicht.”.

Es raschelt.
“Wurzeln sind wichtig, um Halt zu erfahren. Du könntest deinem Herzen Wurzeln geben.”.

Leise kratzt der Bleistift übers Papier.
Sie lächelt über ihre Schulter hinweg in die dunkle Nische am Gang.
“Rosenstockwurzeln.”.

Herzensangelegenheiten #2

Nur noch ein Faden ist von der Operation vor zwei Wochen übrig.
Inzwischen weiß ich, dass der Zahn, der nun keine Wurzel mehr hat, der Herz und Milz- Zahn ist. Oh Nachtigall, ick hör dir Polka tanzen.

Neben vielen Gedanken zum Herzproblem selbst, ist da inzwischen das Bewusst.sein dafür, dass dies meine, unsere, erste ernsthafte körperliche Problematik ist, die nicht von jemandem gemacht wurde.

Es ist das erste eigene, persönliche, organisch existenziell mit mir verbundene Problem in meinem Leben.

Ich habe den Satz fett gemacht. Er gefällt mir so.
Es ist ein Monolithsatz.

Es ist einer dieser Sätze von denen ich weiß, dass sie für uns wichtig sind, weil wir uns in Bezug auf all die anderen Probleme, Konflikte, Schwierigkeiten und Nöte noch nie den Raum nehmen, wie geben konnten, so wahrzunehmen, was es ist.
Ich glaube, das kennen viele Menschen: Da ist eine Schwierigkeit und eigentlich ist man von jetzt auf gleich damit beschäftigt es zu lösen. Es weg zu machen. Die Wogen zu glätten und seinen Kopf über Wasser zu halten.
Es ist phobisches Verhalten.
Zumindest ist es das bei uns.

Dabei ist es eigentlich nie die Schwierigkeit, die schwierig ist und Angst macht.
Wir haben ständig Angst vor der Angst und kriegen manchmal sogar noch Angst, wenn wir gar keine Angst haben, gerade, weil wir keine Angst haben. Schwierigkeiten sind eigentlich immer mehr eine Art Bestätigung dafür, dass die Angst richtig ist. Manchmal auch: berechtigt.
Gleichzeitig fühlt sich Angst aber natürlich schlimm an. Genauso wie Schwierigkeiten und deshalb tanzen wir ständig herum. Sind phobisch. Vermeidend.

Aber um mein Herz kann ich nicht herum tanzen. Das trag ich immer bei mir.
Im Moment denke ich oft darüber nach, wie mein Herz so in meiner Brust befestigt ist und vor sich hin pocht. Man denkt viel zu selten darüber nach, wie absurd es ist, dass in anatomischen Zeichnungen von Organen nie die Haken und Ösen zur Organbefestigung mit dargestellt sind.
In meiner Vorstellung baumelt mein Herz fröhlich an den Venen und Arterien herum, wie ein Ohrring.
Und dann muss ich an meine Eulenohrringe denken, die ich erst zwei Mal tragen konnte. Und dann denke ich daran, dass unsere gekunsteten Eulen immer Herzschnäbel und Herzfüße haben und dann habe ich wieder eine Vogelpolka vor Augen und eine weitere Idee für eine Kindergeschichte.

Und dann erzähle ich diese Geschichte nach innen und ich fühle, wie sich meine Widmung auswirkt. Es ist nötig, dass ich das so mache. Es ist wichtig dass ich mein Problem so betrachte und nicht gleich weg gebe.

Eine unserer Gemögten ist körperlich chronisch krank und ich bin gerade dankbar dafür, dass ich in ihrem Leben sein darf. So ein bisschen.
Sie versteht den Wunsch, sich nicht gleich einfach, “weil man das so macht” in die Mühlen medizinischer Deutungs- und Definitionsmacht zu begeben. Ich fühle, wie mich ihr Verständnis dazu ermutigt mich aufzumachen und meine Angst nicht gleich sofort weg zu tanzen.

Wir haben gerade den Raum zu merken, dass unser Problem nichts mit den möglichen Ursachen oder Lösungen zu tun hat. Nichts mit uns als Sein, Selbst, Geist, Seele, wie auch immer man es nennt. Und es ist groß in vielerlei Hinsicht.
Es hat Aspekte von der Größe, die die Gewalterfahrungen früher hatten. Aspekte, die ganz global überfordern und überreizen.
Es hat aber auch Aspekte von Winzigkeit, die mit dem Leben als Spielzeug des Zufalls, G’tt, der Natur, dem Lauf der Dinge zu tun haben.

Ich merke, dass das, was mir Angst macht, meine soziale Umgebung und ihr Umgang damit ist.
Unsere Therapeutin. Unsere anderen Gemögten. Die Gemochten, Bekannten, die Mediziner_innen, die hier und da unsere Wege kreuzen.
In meinen kleinen Raum, in dem ich mein Herz in die Hände nehme und zu erfassen versuche, wollen manche von ihnen gar nicht hinein. Sie klopfen lieber höflich an und sagen uns, wie wichtig ein Termin bei einer Kardiologin ist.

Übrigens gibt es in unserer Stadt genau eine Kardiologin. Eine.
In einer Gemeinschaftspraxisklinik.
In meiner Vorstellung ist sie ein Mensch, der ohne zu Zaudern mein Herz aus den Angeln rupft und es auf eine Untersuchungsplatte segeln lässt. Und dann durch gestrenge Brillengläser darüber hinweg auf mich schaut und fragt, was der ganze Glitzerkram soll.
Weil sie ja nicht weiß, dass ich es vielleicht nur mit Glitzerflausch drumrum er-tragen kann, es dort liegen zu sehen.

Weil sie mich ja nicht kennt.
Weil sie ja mit meinem ersten eigenen, persönlichen, organisch existenziell mit mir verbundenen Problem in meinem Leben gar nichts zu tun hat.

Niemand hat damit zu tun und das ist schön. Es ist ein wirklich wunderschönes Problem, wenn kein Mensch damit zu tun hat.
Es ist nur eben auch ein sehr einsames Problem.
Denn es ist meins, unseres, ganz allein.

*maunz*

“Die mauzende Katze fängt keine Mäuse”, sagt eine Stimme aus Papier in meinem Kopf und wedelt sachte raschelnd den Zeigefinger.
”Über verschüttete Milch weint man nicht.”, schiebt eine andere nach.

“Ja, aber…”, beginnt etwas über meinem Zwerchfell und verendet sofort.

Ja, ja, man muss kämpfen und Niederlagen nehmen, wie sie kommen. Ja, ja, das Leben ist kein Ponyhof und nicht mal von Ponys haben wir Ahnung.
Wir sind hier nicht bei wünsch-dir-was, sondern da, wo wünschen peinlich und dumm ist. Naiv. Irrational. Wenn man etwas will, dann muss man es sich machen. Wünschen ist was für die, die nicht anders können. Und wir sind ja niemand, der nur wünschen kann – nicht wahr?

Ja. Und: Nein. Und: Orr diese Haltung ist neoliberaler ableistischer Kackscheiß, der mit Wohlfahrtsgesellschaft, Sozialdarwinismus und Diskriminierungen jeder Art zu tun hat
[insert Zeter und Mordio – fünfhundertster Akt]

Ich erlebe uns oft in eine Position gebracht, in der die Welt als so wie sie ist, von uns nur angenommen werden müsste, damit wir uns besser fühlen.
Viele der Hilfen und Unterstützungen, die uns angeboten werden, basieren von vorne bis hinten auf diesem Ziel. Sind unpolitisch, dumpf für die Realität von Diskriminierungen und Lebensrealitäten, die dadurch entstehen.
Der Punkt, an dem das Leiden unter und an etwas beginnt, bin ich, sind wir – nicht etwa das, was den Impuls abgab, der mich und uns verletzt und leiden macht.
Denn die Welt ist ja wie sie ist. Die Welt leidet ja nicht. Die Welt hat ja kein Problem.

Denkt sie jedenfalls.
Denn ich bin, wir sind, ja da und habe_n gar nicht die Kraft, die Macht, die ganz praktischen Möglichkeiten das Gegenteil zu beweisen oder zu verdeutlichen.

In den letzten Wochen ärgere ich mich vermehrt darüber, wie einerseits an mir profitiert wird, sich erhoben bis aufgeheitert wird, weil es uns nicht gut geht und viel Unterstützung gebraucht wird und andererseits (manchmal von den gleichen Personen, manchmal aber auch von anderen) eine Kraft, Macht und viele praktische Möglichkeiten in uns hineinprojiziert werden, die gar nicht da sind.
Die, eventuell vielleicht, irgendwann, ganz am Ende, wenn wir viel Unterstützung, Förderung, ganz viele Menschen, die mit uns zusammenarbeiten möchten und können und wollen, da sind – aber jetzt noch eingefordert, gefunden, erarbeitet werden müssen – die vielleicht zu er.wünschen in uns erlaubt sein müssen – da sein oder entstehen könnten, aber jetzt einfach nichts weiter sind, als der Blick anderer Menschen auf uns und unsere Ideen drauf.

Ich, wir, verbringen viel Zeit damit, die Blicke anderer Menschen von uns runterzukratzen, damit wir wenig Anpassungsleistung aus Überlebensreflexen heraus tun. So funktioniert unser viele sein – wir überlegen uns vor einem Vorstellungsgespräch, einer Projektbesprechung, einem Bettelbesuch nicht, welches Innen dort sein könnte oder wer von uns die beste Performance leisten kann, um zu bekommen, was wir brauchen.
Wir interagieren mit den Menschen in unserem Leben in dem Bewusstsein, dass sie uns gefährlich sein können. Jeder Kontakt mit Menschen ist in uns gleichgesetzt mit Lebensgefahr und wir passen uns erlernt reflexhaft daran an.

Ja ach bu hu – ihr armen Außenstehenden, die sich nun mit den Menschen, die an uns zu Täter_Innen wurden, gleichgesetzt fühlen.
Walk in my shoes und wir sprechen uns nochmal.

Aus diesem ständigen Gefühl der Lebensbedrohung werden viele Dinge auf eine Art priorisiert, die andere Menschen nicht verstehen. Viele verstehen nicht, dass wir ein ganz bestimmtes Level von Not und Hoffen in uns bewusst haben müssen, um uns zum Beispiel dem Risiko “Psychotherapie” auszusetzen. Die Hoffnung, dass es hilfreich ist dort zu sitzen, um soweit zu erstarken, dass wir die erfahrene Gewalt verarbeiten können, muss mindestens genauso groß sein, wie die Todesangst in dem Moment, in dem die Tür des Therapieraumes hinter uns ins Schloss fällt.
Mindestens.

Wir haben mit keinem Menschen in unserem Leben zu tun, ohne, dass wir ein Gegengewicht zur Todesangst in den Händen halten, weil wir das brauchen.
Und das fehlt mir im Blick auf uns.

Und im Moment sogar sehr stark.
Ich erlebe unsere Lebensrealität schon in den Punkten, die in unserer Gesellschaft vielleicht ein bisschen sichtbarer gemacht und gehalten werden, als die Art Opferschaft, die wir erleben mussten und auch als die Art der Folgen dieser Opferschaft, mit der wir jetzt leben, nicht oft so global anerkannt, wie sie sind. Das beginnt damit, dass sich scheinbar niemand fragt, wie wir unsere Projekte denn so zu realisieren, zu finanzieren gedenken, mit Hartz 4 und einer Schuldenbelastung. Wie wir unsere Projektkompetenz denn so zu beweisen gedenken, wenn die Personenkreise, um die es geht, in aller Regel nicht einmal wissen, dass sie diskriminiert und ausgebeutet werden – wenn man etwas über Professionen weiß, selbst aber keine gleichsam anerkannte Profession nachweisen kann.
Das ist die Basis und wir haben keine. Wir verstecken keine geheime Superkraft, keine Berufsstandzugehörigkeit oder ein Riesenbudget.
Wir sind wirklich so ein Irgendwas, das irgendwie so herumschwebt und eigentlich jederzeit verschwinden kann, ohne etwas zu hinterlassen, das _ist_ .
Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass sich das durch eine einzelne symbolhafte Tat, wie das Hoffen, dass es sich verändert, auch wirklich verändert.

Die Macht der Symbolik ist die Macht der Mächtigen. Mächtige brauchen nichts Wahrhaftes mehr zu tun. Sie brauchen nur noch so zu tun als ob. Sie brauchen nur noch irgendwo sein und vielleicht noch einen Berechtigungszettel zu haben, auf dem steht, dass sie ein Jemand und/oder ein Etwas sind.

Ich bin, wir sind nicht mächtig.
Unser (Irgend)was ist, nicht gestorben zu sein und das ist kein Verdienst oder das Ergebnis harter Arbeit, die in unserer Gesellschaft so belohnt wird.
“Überleben” ist nichts weiter als ein Wort dafür, dass jemand über etwas drüber gelebt hat. Überleben ist Alltag. Die Angst davor bzw. die Drohung es nicht zu schaffen – die Abhängigkeit von anderen Menschen, Eminenzen und nicht zuletzt auch vom Zufall, dies zu schaffen – das ist die Gewalt und das ist am Ende der Stein, der die Traumatisierung anstoßen kann.

Wir erhalten inzwischen jeden Tag mindestens eine Email, eine Nachricht und eine Ansprache, die uns erzählt, wie toll wir Dinge machen und wie mutig das ist und wie stark und und und
und haben am Ende kein Gegengewicht mehr, weil zu der allgemeinen Todesangst, eine Versagensangst dazu kommt und die Angst davor sich zu wünschen, dass etwas Wahrhaftes aus einem Miteinander entsteht.

Ich weiß nicht, ob man sich vorstellen kann, wie groß die Angst vor einem Wunsch nach Miteinander mit anderen Menschen sein kann, wenn schon jedes Neben- oder Füreinander eine Todesangst bedeutet.
Und wie furchtbar das ist, wenn man eine Lebensrealität als behinderte Person, als Hartz 4 –abhängige Person lebt, die immer immer immer und zwingend ein Füreinander bedeutet, von der das Überleben ganz konkret abhängig ist. Wie das ist, wenn es gelogen ist – eine ganz ganz ganz klare Lüge bis Diskriminierungsblindheit ist – wenn uns jemand sagt, die wahrgenommene Todesangst, wäre ausschließlich im Früher begründet und das wäre unser kleines Problem. Unsere kleine Krankheit.
Unsere kleine Macke, dass wir das tss tss tss *Kopftätschel* immer wieder so verwechseln.

Wenn Menschen so toll finden, was wir machen, warum machen sie dann nicht mit?
Warum ist es so viel leichter vorstellbar, dass wir schon jemand anderen finden werden, der uns fördern und unterstützen wird, als selbst an dem Vorhaben mitzu_wirken?

Ach ja.
Keine Zeit, keine Kraft, kein Geld, keine Ahnung… keine Macht
so wie die Rosenblätter, die das schon alles schaffen werden. Sie sind ja keine von denen, die sich nicht zu helfen wissen. Die Rosenblätter sind Macher_Innen, die kriegen das schon hin. Die sind ja nicht behindert, die sind ja nicht arm und verschuldet, die wissen ja jeden Tag wofür sie aufstehen und sind ja so wahnsinnig mutig. Die wollen ja – dann können sie auch.

203_4727Die sind ja nur Opfer gewesen und das ist ja jetzt vorbei.

Da kann man ja was machen.
Und manchmal gibt’s da sogar was von Ratiopharm.

[maunzend ab, um Milch nachzuweinen]

ent.fern.ung

Und wenn ich an dem Punkt bin, in dem ich über alles, was ich wahrnehme denke, ich sollte damit aufhören, weil es schon wieder so opfermäßig, weichpittiartig, krank, scheiße, widerwärtig und peinlich ist, dann frage ich mich, was da in mir angegangen ist.

kleinesUniversum2Da ist so eine Härte drin, die mir mein Außen gar nicht abverlangt. Nicht mehr.
Ich brauche mich nicht zu labeln. Ich kann aufhören mich schlecht zu fühlen. Es ist okay Angst zu haben, verzagt und grundverwirrt zu sein. Inkongruenzgefühle mit der Welt zu haben. Es ist nicht gefährlich sich uneins mit dem Außen zu sehen.
Es ist manchmal so.

Manchmal wird man von etwas aus der Bahn geschleudert und treibt in einem anderen Universum herum.

Es wird einfach schwierig, wenn das Verbinden mit der Welt – das wenigstens einen Faden spinnen und ihn nicht loslassen – so schwer fällt und vielleicht auch weh tut oder als fremd erlebt wird.
Gestern haben wir einen Artikel in der Mädchenmannschaft gehabt. Wo ist dieses kleine Stolzglimmen unter meinem Sternum?
Gestern haben wir die dritte Episode unseres Podcast “Viele-Sein” veröffentlicht – ich wollte, hätte, würde wenn so viel mehr zum Thema Sichtbarkeit geschrieben, aber ich bin sichtbar für Menschen, die mein Schreiben dazu sehen könnten.
Gestern trugen wir H. in die Praxis unserer Therapeutin. Und hätten es sein lassen müssen. Können.

Von einer Krankheit zu erfahren kann aus der Bahn schleudern.
Es kann ja niemand etwas dafür, wenn es unbemerkt bleibt, wie es uns aus der Welt schleudert_e.

Der Lehrer für figürliches Zeichnen gab das Stichwort “Metamorphose” und das Innen zerfloss am Innern seiner Ränder, zur Ursuppe zwischen Raupe und Schmetterling. Wurde geflutet vom Erinnern ohne Bewusstsein an die Verwandlung des eigenen Lebens und ertrank.
Und die Härte ist unerbittlich.
Es gibt keine Gnade vor der Angst, kein Erbarmen vor dem müde, schwach, traurig, verlassen, einsam und allein inmitten eines Universums fern von allem sein. Das gibt es einfach nicht.
Es geht weiter und wir ziehen uns selbst durch den Rest des Tages wie eine Hand durch Dornengestrüpp.

Und gestehen uns kein AUA zu, weil es eigentlich keinen Grund dazu gibt.
Sonnenuntergang fotografieren ist doch toll. Intensives Reden ist doch toll. Nach Hause kommen nach einem vollen Tag ist doch toll.

Am Leben sein ist doch toll toll toll.

Und das Herz schlägt und schlägt und schlägt.
Niemand kann etwas dafür, dass es im Inmitten danach sehnt geschlagen geschlagen geschlagen zu werden.
Für ein bisschen Kongruenz. Für ein bisschen Grund zum Weinen zum opfermäßig, weichpittiartig, krank, scheiße, widerwärtig und peinlich sein.