über Vermeidung als individuellen Selbstschutz und die Erinnerung daran, dass jeder Mensch eine Insel für sich selbst ist

Die Ablösung tut weh und den Schmerz will ich vermeiden.
Vermeidung ist gut. Vermeidung ist nicht gleich Verdrängung, „wegmachen“, Dissoziation. Jedenfalls nicht für mich.
Ich weiß in der Regel, was ich vermeide. Bin sehr bewusst und aktiv bei der Sache, die ich vermeiden will, sonst würde ich nicht spüren, ob und wann ich sie erfolgreich vermieden habe.

Schmerz verändert mich. Dissoziiert mich. Greift in mich hinein und verschiebt meinen Bezug zu Dingen. Und das ist am Ende, was mich am meisten überfordert. Wenn ich einen Schmerz habe, bin ich nicht mehr ich selbst und die Welt um mich herum auch nicht.
Die Kompensation dessen ist zwangsläufig die Dissoziation, denn sie erzeugt Kongruenz. Er_gibt Sinn, könnte man sagen. Denn in mir entsteht im Moment des Schmerzes eine Trennung zwischen mir und allem Äußeren. Eine Lücke, die gefährlich ist in einer Welt, in der alle (noch) ganz dicht sein müssen. Alles passen muss, weil die Mechanik des Miteinanders nicht eine einzige Leerstelle zu kompensieren in der Lage ist.

Das Vermeidungsverhalten komplex traumatisierter Menschen wird in der Regel deshalb problematisiert, weil Erinnerungsauslöser vermieden werden, was den Prozess der Verarbeitung verhindert. Sich zu erinnern ist notwendig für die Verarbeitung. Zu vermeiden ist notwendig für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Lebensfunktionen. Als komplex traumatisierter Mensch befindet man sich also immer in einem Spannungsfeld zwischen funktionalem Leben und Verarbeitungsprozessen, die mit dem Gefühl einhergehen, diese Funktionalität zu gefährden und damit das eigene Leben.
Das macht die professionelle Traumatherapie so anspruchsvoll. Man hat es immer wieder mit einer Situation zu tun, in der es um Leben und Tod zu gehen scheint und versucht mit der Therapie, mit der therapeutischen Beziehung, einen Raum zu schaffen, in dem die komplex traumatisierte Person sich traut, Lebensgefahr (wieder) zu erleben oder sich selbst als in dieser Gefahr wahrzunehmen und gleichzeitig die Sicherheit, die im Hier und Jetzt, dem Heute besteht.
Hier haben es von Menschen komplex traumatisierte Menschen besonders schwer. Denn andere Menschen und die Beziehung zu ihnen ist, ob bewusst oder unbewusst, ein Auslöser und also oft auch etwas, das vermieden wird.

Von Menschen traumatisierte Menschen sind aus meiner Sicht sehr funktionale Vermeidungskünstler_innen, denn sie verbinden oftmals Dissoziation (Trennung/Ver_Meidung) und Beziehung (Bezug/Kontakt/Erinnerungsauslöser) und schaffen es in vielen Fällen die Widersprüchlichkeit dessen in sich – nicht im Außen! – zu integrieren. Manche, weil sie hoch dissoziativ funktionieren und sich der Widersprüchlichkeit nicht bewusst sind und manche, weil sie es schaffen, diesen Umstand als (natürlich) gegeben hinzunehmen (oder vermittelt bekommen, dass es sich dabei um Hinzunehmendes, weil Unveränderliches, handelt).
Menschen sind soziale Wesen und es ist nur logisch, das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt als genetischen Imperativ zu akzeptieren oder aber auch als etwas anzunehmen, das im gleichen Maße zum Überleben beiträgt, wie es die Vermeidung (der Möglichkeit) von zwischenmenschlicher Gewalt tut, weil es das eigene kulturelle Erbe, die Geschichte der Menschheit, so lehrt.

Das Problem: Diese Wahrnehmung führt zu einer spezifischen Perspektive und formt so eigene Werte und Normen. Zum Teil Werte und Normen, die nicht vereinbar sind mit dem Außen, der außer-ichlichen Umgebung. Sprich: anderen Menschen.
Ein übliches Dilemma, denn jeder Mensch ist für sich selbst eine Insel, abgetrennt von anderen Menschen – völlig unabhängig von Vermeidung und der Wahl von Bezugspunkten.

Eine für mich relevante Erinnerung.
Mein Vermeidungsverhalten hat etwas mit der Angst vor Kontrollverlust und der Vermeidung von Gewalterfahrungen durch Menschen zu tun. Das Vermeidungsverhalten meiner ehemaligen Therapeutin vielleicht nur mit ihr selbst und ihren (Un-)Fähigkeiten bzw. der Kompensation dessen.
In jedem Fall eignet sie sich nicht mehr dazu, zu verarbeiten, was das (Vermeidungs-)Verhalten anderer Therapeut_innen mit mir gemacht hat. Obwohl es gerade jetzt – für mich unübersehbar, ganz offensichtlich und sogar von ihr selbst getan – sichtbar ist und sich als Illustration, als Beispiel anbietet. Sie es doch eigentlich nicht übersehen kann – würde sie es nicht vermeiden (müssen).

Eine neue Einsicht. Eine neue Ohnmacht.
Ein alter Schmerz. Eine Wiederholung früherer Traumatisierung.

One thought on “über Vermeidung als individuellen Selbstschutz und die Erinnerung daran, dass jeder Mensch eine Insel für sich selbst ist

Comments are closed.