Prozesskosmen

“Du hörst Musik?”, fragte eine Person, die mit uns in der Klasse ist und schaute mich an.
“Ich geh sogar jeden Tag aufs Klo!”, antwortete ich und hoffte mir über ihre Reaktion erschließen zu können, ob sie überrascht, verwundert, verwirrt, verunsichert oder sich doch allein auf den Umstand, dass ich Musik höre, bezogen war.
Sie und ein paar andere Umstehende lachten und sie erklärte, dass sie sich das einfach nur gefragt hatte, “wegen der Lautstärke”.

Mir ist später aufgefallen, dass wir in einer schwierigen Lage sind, wenn wir erklären wollen, was für uns an Geräuschen schwierig ist. Allgemein ist es schwierig nicht einfach so differenziert darüber reden zu können, wie wir das jetzt aufschreiben werden.

Offenbar hat sich die Idee eingeschlichen, es ginge bei “unserer Geräuschempfindlichkeit” um Lautstärke allein.
Das tut es aber nicht. Es geht um “viel”, das für uns schneller als für viele andere Menschen “zu viel” wird.
Wir hören gern Musik ohne Gesang – stundenlang, auch volle Wumme laut – das Gleiche funktioniert aber nicht mit Songs, in denen gesungen wird. Wir hören sie gern, könnten aber Konzerte mit Mitsingen und Personenkult drum rum nicht durchhalten. Disco kriegen wir auch hin – wissen aber auch, dass wir danach tagelang Ruhe brauchen, weil es uns schlaucht wie ein Triathlon.

Deshalb sind die Ohrenstöpsel, die wir uns am Montag gekauft haben, wieder nur eine Entlastung – kein Lösungsmittel.
Wir kommen auch nicht gut damit zurecht, gar nichts oder nur extrem gedämpft zu hören – da grätschen uns die Traumafolgen rein. Das ist der Verlust eines Sinnes und damit ein Stressfaktor, der unsere Bereitschaft in den Hyperarousel zu kippen, erhöht.
Die Ohrenstöpsel von Alpine sind deshalb so gut für uns, weil sie bestimmte Frequenzen filtern und uns damit von Geräuschen entlasten, deren konkreter Nutzen für uns derzeit nicht gegeben ist. Sie funktionieren wie kleine mechanische Filter, die andere Menschen im Gehirn haben und lassen uns deshalb weniger von dem auditiven “viel” bewusst wahrnehmen.

Wir hören üblicherweise nichts, was andere Menschen nicht auch hören. Wir hören es nur leider immer. Und immer. Und immer. Alles. Gleichzeitig.
Wenn es etwas gibt, um das ich andere Menschen beneide, dann ist es ihre Möglichkeit die multiplen Gleichzeitigkeiten des Jetzt nicht immer als solche bewusst zu haben. Es ist die Entscheidungsmöglichkeit. Das Moment, in dem sie sich darauf konzentrieren können, etwas zu entdecken, dass sie schon immer umgibt.

Neulich ging ich mit meiner Klassenlehrerin durch einen Flur der Schule, den ich sehr mag, weil sich an seiner Decke die Wasseroberflächenbewegungen des im Schulgebäudehof liegenden Teiches reflektieren. Ich sagte ihr, wie schön ich es finde und zeigte ihr, auf ihre Frage, was ich meine, die Bewegungen einen Meter über ihrem Kopf. “Ist mir noch nie aufgefallen.”, sagte sie und freute sich.
Ich freute mich über ihre Freude und verging gleichzeitig in einem Neid aus meiner Idee von ihrem Leben und Sein in einer Welt, in der so viel weniger Dinge für sie geschehen und nach ihrer Aufmerksamkeit zu greifen zu versuchen.

Für mich ist es nicht wie in einem Film, in dem ich einen Raum betrete und zack sind alle Details für mich “einfach da”. (Und nein – wir wurden auch nicht darauf trainiert viele (alle) Details in Räumen wahrzunehmen, weil wir als ein multipler Supersoldat gezüchtet wurden. Just sayin. Mit Blick auf diverse Multimythen, die versuchen Autismus mitzu”erklären”.)
Wir gehen in einen Raum und haben Angst, dass er uns weh tut mit irgendeinem Ding, das niemand sonst zu bemerken scheint.
Ein erheblicher Teil dessen, was in uns vorgeht, wenn wir uns in Räumen aufhalten, hat mit der Selbstpositionierung zu den Kosmen um uns herum zu tun. Wo stoßen wir an? Wo schlagen wir Schatten? Wo verdeckt das Ticken einer Leuchtstoffröhre, das Glucksen im Heizkörper, das mir so gut gefällt? Was macht es, dass wir sind, wo wir sind? Und so viel mehr.
Und dann kommen Menschen dazu und verhalten sich rücksichtlos in Bezug auf all das.
Es ist so viel da und doch sprechen sie nur uns an.

Für uns ist das ein Element aus Gewaltsituationen früher und gleichzeitig auch immer wieder ein Moment gestört zu werden.
Wir sehen uns als Gast, als Zuschauende_r, als Besucher_in wo wir gehen und stehen. Wir wissen, dass wir niemals eins sein können mit dem, was wir wo auch immer vorfinden – aber wir nehmen immer Anteil an den Prozessen, die passieren und werden in manchen Aspekten zum Teil davon. Wir werden vereinnahmt, sind beschäftigt, sind berührt von dem, was passiert, weil wir da sind.
Sich dem “einfach nicht zu widmen”, erscheint mir unmöglich und im Anspruch bigott, rücksichtslos, ignorant und manchmal auch einfach nur unverständlich.

Gleichzeitig kann ich aber natürlich anerkennen, dass Wahrnehmung eben unterschiedlich passiert. Dass Wahrnehmung und Rezeption, Erfassen und Begreifen, Verbindung und Kontakt bei und in jedem Menschen jeweils unterschiedlich passieren.
Bei uns passiert es so, dass wir Umgebungsprozesse wahrnehmen und zur Erfahrung es Ist zugehörig erleben, während andere Menschen einen grundsätzlich anderen Fokus haben. Für sie kommt es nicht in Frage einen Menschen in einem Raum als irrelevanteren Prozess einzustufen, als seinen Schattenschlag auf dem Muster des Bodens in Korrelation zum Geräusch seiner Schuhsohlen auf eben jenem – für sie kommt aber in Frage sich dem zu widmen, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Für sie gibt es die Wahl sich dem zu widmen.

Für uns gibt es die Wahl sich stören oder ablenken zu lassen. Oder eben die, die wir schon seit immer leben: die dritte Instanz zu sein zwischen dem nichtmenschlichen Prozesskosmos und dem menschlichen Prozesskosmos und zu versuchen sich zwischen Verbindung und Kontakt zu entscheiden.

Zum Beispiel zu versuchen in Verbindung mit dem menschlichen Prozesskosmos “Klassenlehrerin” zu gehen und ihr zu ermöglichen, Kontakt zu einem von mir wahrgenommenen Prozess aus dem nichtmenschlichen Prozesskosmos (die Bewegungen an der Decke) zu erfahren –  mit dem Ziel ihr zu sagen, was in mir passiert (welcher Prozess in mir passiert) während ich in Verbindung mit diesem Prozess bin.
Wir haben nicht die Wahl uns zwischen beiden zu entscheiden. Der Blick geht immer auf alles gleichzeitig und die einzige Wahl, die wir haben, ist die uns Optionen zu suchen, weniger stark darunter zu leiden.

Auf der einen Seite, dass wir uns manche auditiv wahrnehmbare Prozesse ausfiltern lassen. Dass wir Dinge und Räume meiden, die uns gleich viel oder mehr mit.teilen als Menschen, wenn wir mit Menschen zu tun haben.
Auf der anderen Seite, dass wir aber gegenüber den Menschen mit denen wir uns Verbindungen wünschen, beweglicher und transparenter werden – etwa in dem wir mit.teilen, was wir wann wie wo wahrnehmen, erfassen und womit wir uns gleichzeitig mit ihnen in Verbindung stehend empfinden.

Obwohl es für sie vielleicht nicht so erfassbar und begreifbar ist. Oder relevant. Oder gleichermaßen anziehend.
Und auch obwohl wir immer wieder gelernt haben und bis heute immer wieder als Lektion erfahren, dass das, was für uns von Bedeutung und Relevanz für das Ist als Prozess des Jetzt ist, für “alle anderen™” absolut irrelevant ist.
Nicht weil “alle anderen™” das so wollen oder so entscheiden – sondern, weil es für sie eine Frage des Wissen/Erfahren/* wollen sein muss, bevor sie es so wahrzunehmen versuchen können, wie wir. Und damit am Ende sogar scheitern könnten.
Weil wir jeweils anders sind.

Weil wir jeweils unterschiedliche Prozesskosmen sind.

Helfer_innengewalt

“Das müssen sie jetzt einfach auch mal aushalten Frau P. – Wenn Sie zur Schule gehen wollen, da kann ich ja auch nicht für Sie hingehen. Wenn Sie das wirklich wollen, dann müssen sie auch was dafür geben…”

Das hängt mir wirklich nach, merke ich. Das hat die gesetzliche Betreuerin gesagt, nachdem ich ihr sagte, dass ich überfordert bin und nichts tun kann.
Weder einen Antrag stellen, dessen Sinn und Ziel, Formulierung und Grundlage ich nicht erfasst hatte, noch tapfer mein Heulen über das greifbare Ende unserer halbwegs gesicherten Lebensumstände zu unterdrücken.

“Frau P. ich weiß wie es Ihnen geht – ich verstehe das…”
– “Nein – das tun Sie nicht.”
“Doch.”
– “Nein – das tun Sie nicht.”
“Doch.”

Ich merke, wie ich jeden ruhigen Moment den wir haben, damit verbringe zu verstehen, warum schon wieder jemand, von dem wir in diversen Aspekten abhängig sind, so gewaltvoll mit uns in Kontakt geht.
Frage mich, ob wir vielleicht einfach zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf das Hilfe- und Unterstützungsversprechen zurück gekommen sind. Was genau eigentlich ein “ungünstiger Zeitpunkt” sein kann, wenn die Person dafür bezahlt wird, Hilfe- und Unterstützungsversprechen einzuhalten.
Frage mich, warum unsere Warnungen am Anfang des Kontaktes so sehr zur Seite geschoben wurden, dass sie jetzt wie nie geäußert wirken.

“Meine Situation ist komplex und gefährlich – es kann sein, dass es Ihnen zu viel wird.”
– “Ach – jaja …”

Und dann sehe ich die Wiederholung und eröffne eine Gerichtsverhandlung über unser Verhalten.

Ende 2015: “Ja, Sie sind schon ein Fall, in dem ich mehr mache, als bei allen anderen. Aber ich lerne dadurch auch mehr, als bei allen anderen.”
Frühjahr 2016: “… Ich lerne immer wieder Neues durch Sie…”

Sommer 2016:  “Ich habe jetzt schon so viel für Sie getan – aber wie soll das denn werden, wenn Sie in die Schule gehen? Ich kann nicht auch noch für Sie in die Schule gehen…”

Ich nehme mich in Kreuzverhöre, wie nachdrücklich, eindringlich, verständlich ich ausgedrückt habe, dass es für uns problematisch ist, auf diese Art benutzt zu werden und das auch anhören zu müssen. Frage mich, ob ich oft genug, eindringlich genug gesagt habe, dass es für uns kein Problem ist, wenn sie sich jemand anderen dazu holt oder wir den Auftrag auf mehrere Personen aufteilen, wenn es zu viel wird.

Das Problem ist, dass unsere Lage eigentlich nie “mehr wird”. Das Problem ist, dass Außenstehende immer erst nach ein bis zwei Jahren, die sich sich schon hart durch unser Zeugs gewurschtelt haben, wirklich begreifen, wie umfassend viel es ist und wie wirklich wenig bis gar nichts wir, als konkret davon betroffene Person, beitragen können.
Das Problem ist, dass es um systemimmanente Komplexität und dadurch entstehende Stasis geht und nicht um ein Phlegma von uns oder eine Unwilligkeit oder eine Unfähigkeit – dass Letzteres aber leichter zu kritisieren ist.

Das Problem ist, dass es für uns ein Problem ist, zu bemerken, wann wir dem Bild, das andere Menschen von uns haben, nicht entsprechen.
Dass wir in Selbsthass kippen, wenn wir Menschen enttäuschen – selbst dann, wenn die Erwartungen an uns maximal über das von uns überhaupt leistbare Maß geht. Selbst dann, wenn die Erwartungen an uns, durch Erwartungen und Ansprüche der Person an sich selbst produziert werden. Selbst dann, wenn wir merken, dass eine Person an uns eine emotional affektive Übertragung laufen hat, die sich nicht durch uns oder mit Apellen an die Ratio auflösen lässt.

Ich glaube, dass wir weiter versucht hätten mit ihr umzugehen und an einer Lösung gearbeitet hätten, wäre dem Gespräch nicht auch noch die komplette Ignoranz unseres Versuches mit der Situation so konstruktiv und barrierenarm wie für uns möglich umzugehen, gefolgt.
Auf unsere Email an sie, mit der Bitte uns die aktuelle Lage und die nötigen Handlungen zu schildern, in der unsere anderen Unterstützer_innen im CC waren, damit alle auf dem gleichen Informationsstand sind, kam ein Brief zu uns nach Hause.
Als hätte es unsere Email an Sie nie gegeben. Als hätten wir keinen Grund, um auf eine Email zu bestehen. Als wäre es das Porto, den Ausdruck, den Aufwand der Exklusion unseres Helfernetzes genau jetzt zu diesem Zeitpunkt nötig und wert gewesen.

Am Samstag kam dann der vorläufige Hartz 4 Bescheid für diesen Monat.
Vorhin kam von ihr eine Email mit der missverständlich eingebetteten Information, dass es diesen Bescheid gibt.
Sie kann also Emails schreiben, wenn es darum geht, wie sie Gutes für uns erreicht hat? WTF???

Währenddessen versuche ich zu erfassen, was da eigentlich bei uns in der Verbindung zu ihr passiert. Letztlich sagt eine Freundin von uns das bei unserer Geburtstagsfeier einfach so “… das Vertrauensverhältnis zu ihr ist kaputt.”.
Wir wissen nicht, ob wir vertrauen oder zutrauen – das sind Begriffe für uns, die zu weit, zu unkonkret sind – aber wir haben eine Idee davon, was Menschen tun und fühlen, wenn sie jemandem vertrauen bzw. ein Zutrauen haben. Und genau diesen Inhalt sehen wir nicht mehr in uns.

Nicht, weil sie einem Anspruch nicht gerecht geworden ist oder konkret versagt hat.
Vielleicht hat es uns gegenüber schon gereicht “Doch.” in einem Moment zu sagen, in dem “Stimmt – tut mir leid, dass ich eine Grenze übergangen bin.” richtig und wichtig gewesen wäre.
Vielleicht war es aber auch nötig, dass sie das sagt, damit wir einen konkreten Ansatzpunkt für die Überprüfung des Verhältnisses haben und bemerken, dass es nicht das erste und auch nicht das letzte Mal war, in dem sie unsere Grenzen und von Anfang an formulierten Warnungen übergangen ist.

Wir jammerten nicht einfach nur so darüber, dass wir so viele Dinge einfach müde, leid und weh sind.
Immer die Erste zu sein, die viele ist, die komplex traumatisiert ist, die so viele Extreme mitbringt, die so viele Auslöser für kognitive Dissonanz antickt – immer wieder die Erste zu sein, an der man „so viel lernt“, durch die man „so inspiriert wird“ – immer wieder die Erste zu sein, an der man so grundlegend scheitert, dass man sich vor sich selbst schämt – immer die Erste zu sein bedeutet, dass für uns nie mehr, als das Nötigste übrig bleibt, weil alles für die andere Person passiert und ist.
Und das ist wichtig. Das ist ein so wichtiger Punkt in unserem “Helferding”, ganz neben den Problemen in der Kommunikation, neben der Besonderisierungsproblematik, neben der Toxizität, die mit der Wiederholung dieses Geschehens einhergeht. Es ist wichtig zu verstehen, dass uns Verbundenheit und Dankbarkeit für ganz basal erwartbare Hilfen abverlangt wird – und nicht für irgendein Extra oder ein höchstpersonalisiertes Seelengoodie, das uns geschenkt wird, weil wir als Fall oder als Person die Erste sind, an der man so viel lernt und von der man so viel hat, worüber man so dankbar ist.

Hilfe und Unterstützung liegt nicht auf der Straße. Erst recht nicht die, die wir brauchen.
Wir sind nicht wählerisch mit Helfer_innen und Hilfe allgemein, weil wir die besondere special super Hilfe haben wollen – wir bemühen uns um Wählerischkeit und Pickigkeit, um uns diese Erfahrungen zu ersparen. Um die Hilfen und Unterstützungen für uns zu haben und nicht für die Helfenden oder Unterstützenden oder die Systematik, die uns in die Hilfe- und Unterstützungsbedarfe bringt.

Wir arbeiten vor, wir bereiten vor, wir übernehmen so viel zu viel Verantwortung dafür, dass andere Menschen ihren Job an uns gut machen, dass sie selbst sich irgendwo zwischen “in der eigenen (fachlichen) Kompetenz missachtet” und “völlig überqualifiziert für diese Aufgabe” verorten.
Natürlich, weil wir machen, was wir machen. Natürlich, weil man genau so darauf reagieren kann. Ganz klar passiert das nicht, weil diese Menschen dumpfreaktive Automaten ohne eigenes Innenleben sind. Aber es passiert auch, weil sie an irgendeinem Punkt den Kontakt zu uns unterbrechen oder eine von uns rückgemeldete Verzerrung im Kontakt nicht als solche teilen und entsprechend ernstnehmen.
So werden wir immer wieder nicht nur vom good will dieser Personen abhängig, sondern auch davon, wann für sie und von ihnen wahrgenommen irgendetwas im Kontakt schwierig und entsprechend mit allen auch negativen Konsequenzen für uns problematisch wird.

Wir sind bereits mit fast 18 Jahren gründlich von dem Wunsch geheilt worden, dass Helfer- und Unterstützer_innen wissen müssen, was sie tun. Dass sie ein ganz und gar grundlegend festes Verständnis davon haben müssen, was das Überleben und die Befreiung aus organisierter Gewalt für das Leben eines Menschen perspektivisch bedeutet.
Wir sind davon geheilt zu glauben, dass Menschen, die lange mit Menschen mit DIS arbeiten, automatisch die richtige Grundeinstellung zu Menschen mit DIS als durch langanhaltende Gewalterfahrungen traumatisierte und in ihrem Verhältnis zur Welt erschütterte Personen, haben.
Wir sind durch mit der Illusion, dass alles gut wird, wenn wir nur “die richtige Hilfe” erhalten.

Wir sind nie wieder in die Haltung gegangen, dass Helfer- und Unterstützer_innen automatisch und Kraft ihrer Fachkompetenz und Herzensgüte das Richtige tun. Wohl aber in die Haltung, dass sie uns gegenüber, innerhalb bestimmter Verhältnisse, dazu verpflichtet sind das zu tun, was wir in unserem Auftrag an sie als “das Richtige” definieren.

Wenn wir darüber jammern wie schwierig die Lage ist und was sie mit uns macht, dann geht es nicht darum harsch behandelt zu werden und das nicht gut zu finden oder zu glauben, dass wir eine bessere Behandlung verdient haben.
Es geht darum zu bemerken, wie unübersehbar die Parallelen zu Menschen sind, die es auch nur gut mit uns gemeint haben, als sie uns verletzt und gequält haben. Die auch nur das Beste für uns wollten und unter Einsatz all ihrer Kraft dafür gesorgt haben, dass mit uns passiert, was sie für nötig, richtig und wichtig gehalten haben.

Es geht darum zu merken, wie hart wir mit uns in die Reflektion gehen, um keine Täter_innenübertragung aufzubauen (um niemandem Unrecht zu tun und uns selbst immer orientiert zu halten), sondern uns immer wieder daran zu erinnern, wie normal und schlicht überall und in jedem Kontakt, auch Gewalt erfahrbar ist – während manche unserer Helfer- und Unterstützer_innen genau darauf aus Gründen verzichten und teilweise sogar genau dieses Vorgehen aktiv ablehnen, als wären sie dank fachlicher Kompetenz und massig Berufs- und Lebenserfahrung davor gefeit.

Es erscheint als großes Wort, wenn ich sage, dass ich mich von den Aussagen der Betreuerin retraumatisiert erlebe oder als ich damals™ sagte, ich fühle mich durch die Kontakterfahrung mit der Oberärztin in der Klinik retraumatisiert – doch ganz konkret aufgenommen, ist es so und mehr und mehr weigere ich mich so tun, als wäre Helfer_innengewalt allein durch die Intension und den Status der Personen, jemals weniger traumatisch für uns gewesen, als das, was wir von Personen erfahren haben, deren Handeln strafbar war. Strafbarer jedenfalls als seine Patient_innen/Klient_innen zu missachten, zu demütigen und in der eigenen Existenz zu verunsichern.

Ich unke in unsere Zukunft, dass wir die Erste sein werden, die die weiterführende Betreuung durch diese Betreuerin mit genau dieser Begründung ablehnt und die Erste sein werden, die nicht aufhören wird auf solcherlei Gewaltdynamiken auch in Kontexten, die als safe spaces gedacht werden hinzudeuten.

Aber darin die Erste zu sein empfinde ich als weniger schlimm. Wenn das etwas ist, das sehr viel mehr anderen Personen als miruns hilft, dann ist es okay, wenn wir davon nicht so viel haben. Mal abgesehen davon, denke ich, dass ich nicht wirklich die Erste sein werde, die das tut.

Es fühlt sich nur manchmal so an.

das “so-tun-als-ob-die-DIS-Diagnose-neu-wäre”-Ding #1

Während sie uns die Treppen hinunter manövrierte, drehte sie sich zu mir und sagte: “Läuft doch gut, oder nicht? Landkartendings – check!” und fuchtelte ihr Fröhlichfuchteln.

Ich hielt inne und beschloss umzudrehen. Die Treppen zurück nach oben, Sturmklingeln und den krausen Wirrwusch zwischen Denken, Begreifen und Kontrollverlust per Telepathie ins Verstehen der Therapeutin hineinpflanzen. Beschloss: “Nein – Nein – Nein” und all die anderen Konstruktivitäten, für die ich bekannt bin.
Griff nach meinen glatten Wortketten zur Erklärung von allem, drehte mich um und bemerkte, wie andere schon längst um den Lenker des Fahrrads schwirrten, um nach Hause zu fahren.

“Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, wieso du dich immer so schuckich anstellst, wenn es mal irgendjemand von uns schafft, mehr als Mimimi und Nein-Nein-Nein zu sagen?”, fragte mich ein Knäul etwas neben der beschwingt auf dem Rad um sich fuchtelnden Jugendlichen.

Leises Grummeln walzte sich durch das Grau über unserem Kopf. “Ich bin nicht mehr phobisch euch gegenüber.”, antwortete ich und hörte, wie das Knäul missbilligend schnaubte.  “Uns nicht – aber dir selbst gegenüber – Herzilein – dir selbst gegenüber…”.

Manchmal denke ich noch: “Ach – ich warte jetzt einfach kurz bis ich wieder normal bin und dann mach ich alles wieder gut. So wie vorher.”. Dann krause ich neben uns her und summe in mich hinein, dass alles okay ist, weil alles okay ist und nichts nicht rückgängig gemacht werden kann.
Leider weiß ich schon, dass mein Vorher eine tröstliche Selbstverarsche ist, die mich über mein Unvermögen flauschen will. Und leider weiß ich selbst auch schon, dass jedes Nein-Nein-Nein und Mimimi nichts weiter beinhaltet als: “Wääh – ich will aber bitte nicht, dass das so ist, sondern bitte irgendwie weniger SO und mehr – naja – ich weiß auch nicht – fuchtel fuchtel keine Ahnung alles – Hauptsache nicht SO” as you know – i’m the queen of konstruktiv

Und trotzdem verfolge ich diese Therapie weiter. Stehe neben der Tür und beobachte, wie sie mit der Therapeutin reden, höre manchmal hin und manchmal weg.

Die Idee eines So-tun-als-hätten-wir-die-DIS-Diagnose-neu fand ich interessant. Denn ich hatte nie die Chance diese Diagnose als neu zu empfinden oder zu denken. Es gab sie schon, als meine Erinnerung beginnt und einen Umgang, eine Haltung, eine Identifikation damit zu haben, werden von mir genauso erwartet, wie von allen anderen eher in den Alltag wirkenden Innens, die sich damit schon seit 2003 auseinandersetzen.
Ich hatte mir einen sichereren Rahmen dafür gewünscht. Mehr aufgefangen werden, mehr Option sich umzudrehen und jemandem – auch wenn es gar nichts verändert – alles von mir empfundene: “Ja – aber – Mimimi” sagen zu können, um nicht damit allein sein zu müssen, während man nicht weiß, wohin damit.
Jetzt versuchen sie es im Rahmen der ambulanten Therapie weiter.

Es gibt jetzt eine neue innere Landkarte und sie lag heute vor der Therapeutin auf dem Boden. Ich dachte an Metaphern wie  “das Innerste vor jemandem ausbreiten” und viel “oh nein – nein – nein” und wunderte mich wie die Jugendliche und die Therapeutin so miteinander reden.
So ruhig und ganz klar umrissen.
So überhaupt gar nicht dem chaotischen Kreuzfeuer, das in meinen Ohren rauschte, entsprechend und allgemein so… surreal alltäglich.

“Dein Problem ist nicht, nicht zu glauben, dass du zusammen mit uns viele bist – dein Problem ist, dass du denkst, das Viele-Sein an sich, hätte mit dir nichts zu tun, Herzilein.”, sagte das Knäul mit den ersten auf uns herabfallenden Regentropfen.

Ich weiß, dass das stimmt.
Aber.

Mimimi

Fundstücke #25

Ich bin der Schrecken, der das Moment durchflattert
– ich bin ein Trigger für dein schlechtes Gewissen –
ich bin die Person, der es nicht gut geht!

Schade. Ich habe kein Cape.
Ein Cape, ein riesengroßes Ego und eine Hand voll Rauchbomben, das wünsche ich mir manchmal.
Meistens. Immer.
Wenn Menschen denken, sie könnten sich langsam entspannen im Kontakt mit uns. Mal einen “Witz™” über Behinderte/Juden/(Psycho)Therapie/Frauen/ etc. etc. etc.  machen. Mal eine Logik durchblitzen lassen, die victim blaiming enthält, “politisch unkorrekt” ist, Gewalt bagatellisiert.
Wenn Menschen aufhören innezuhalten und zu hinterfragen, wem sie da gerade was sagen und zu welchem Zweck eigentlich.

Manchmal kann ich den Wunsch nach Unbeschwertheit verstehen. Kann verstehen, dass es anstrengend sein kann viel in Kontakt mit uns zu sein und ein bestimmtes Level der Achtsamkeit zu halten.
Gerade auch nach den jüngsten Ereignissen denke ich: Ja, ich bin nicht die Person mit der man Niveaulimbo macht und sich selbstgerecht die Wampe krault.

Es ist leicht mir vorzuwerfen, ich hätte zu hohe Ansprüche.
Und uns dann ins Gesicht zu boxen, sich über uns zu stellen und zu vermitteln, wir seien selbst schuld, wenn für uns nichts so läuft, wie gewünscht.
Würden wir durch die Welt stelzen und eine echte Wahl darum haben, womit wir uns an andere Menschen richten, könnte ich das vielleicht unter “Wettbewerb” oder “Dominanz” ablegen und wie immer um diese Dinge herum gehen. Sie also umgehen. Mit meinem speziellen Umgang.

In unserer Lage gibt es so etwas wie echtes Wählen um die Dinge, die uns betreffen, selten.  Das ist so, weil es so ist.
Weil es immer jemanden geben muss, di_er übrig bleibt und sich so lange wie nur irgendmöglich einreden können muss, sich jederzeit auch für etwas anderes entscheiden zu können.
In unserem Fall ist die Wahl sich auch selbst zerstören oder suizidieren zu können. Das ist so, weil es so ist. Weil genau diese Wahl die einzig echte Wahl ist, die wir uns von den Menschen, die uns früher weh getan haben, zurückerobert haben.

Am Ende der Wahl so vieler anderer Menschen und Instanzen als uns selbst, steht unser Wunsch, dass sich Dinge für uns verändern und die Not.wendigkeit hinter eben jenen Veränderungsbestrebungen. Sowohl an uns selbst, als auch den Dingen um uns herum.
Und zwar immer noch. Nachwievor. Und eben nicht, wie so gern an uns herangetragen wird, OBWOHL “alles (Schlimme) doch jetzt vorbei ist”, sondern in weiten Teilen WEIL “alles (Schlimme) geschehen ist” und der Lauf der Dinge weiterhin passierte.

Die Not hinter dem Wunsch bitte auch mal loslassen zu können, die ist am Ende, was für uns bleibt, wann immer etwas nicht so läuft, wie wir es geplant, gehofft, erkämpft, gewünscht haben.
Nicht um jeden Cent, jedes bisschen Sicherheit, jeden Fitzel von sich selbst – nicht um jeden einzelnen Tag krampfkämpfen zu müssen – ist das ein zu hoher Anspruch?
Zu hoch, weil “ja alle irgendwie kämpfen und gucken müssen, wo sie bleiben”?
Oder zu hoch, weil die Aufgabe, sich eigene Unfähigkeiten, Hilflosigkeiten, Überforderungen anzunehmen und transparent zu machen, so verdammt weh tun kann?

Wir machen seit 15 Jahren Menschen ohnmächtig. Mitmenschen. Freunde. Fremde. Gemögte und Gemochte. So ohnmächtig, dass sie uns überfordern, hilf.los zurück lassen und uns demonstrieren, wie unfähig sie sich vor uns erleben.
Wir trösten sie, verstehen sie, bilden sie fort, bilden sie aus. Stählen sie für spätere Kontakte mit anderen früheren Gewaltopfern.

Und wir? Bleiben übrig.
Spüren unser Handeln wie eine eiserne Maske, die uns ungesehen sein lässt, über unsere Not scheuern. Atmen den Gestank von Eiter und Trauma assoziierter Scheiße ein und spüren der Einsamkeit nach, die auch die größte Nettigkeit und die immer wieder auftauchenden Angebote sich “jederzeit melden zu können, wenn was ist”, von Menschen, die an uns keinen Auftrag haben, nicht füllen können.

Denen machen wir ein schlechtes Gewissen, wenn es uns nicht gut geht und sie es nicht bemerken. Denen machen wir Not, wenn sie merken, dass es uns nicht gut geht. Denen machen wir es ungemütlich, wenn wir sie daran erinnern, dass 21 Jahre lang Gewalt & Ausbeutung zu erfahren, einen Dauerzustand von wie auch immer gelagerten Nöten in unterschiedlichsten Facetten und Auswirkungen nach außen, für uns zur Folge hat.
Nicht nur heute oder nach einem Erinnern. Nicht nur gestern, vorgestern und letzte Woche, weil irgendwas geschehen ist, was jede_n andere_n gleichermaßen aus der Bahn werfen würde – sondern verdammt nochmal vorhersehbar sicher auch noch morgen und übermorgen und nächste Woche, weil egal warum, geschehen ist, was geschehen ist und durchs nichts jemals ungeschehen werden kann.

Wir sind, was von der Gewalt übrig ist.
Wir sind der Rest und niemand weiß so recht, was daraus mal noch werden soll. Darf. Kann.

Hätte ich ein Cape, dann könnte ich wenigstens so tun, als würde ich die Not daran held_innenhaft er.tragen.

Fundstücke #23

Wir haben uns nie viele Gedanken darüber gemacht, wieviele wir sind und welche Auswirkungen das auf unsere Behandlungsaussichten wohl haben könnte. Wir haben seit Jahren nicht infrage gestellt, ob es richtig ist, keine Gewalt mehr in unser Leben zu lassen und selbst keine mehr auszuüben.

Jetzt sind diese Gedanken natürlich da.
Sind wir überhaupt behandlungsfähig? Sind wir wirklich viele? Wer sind wir eigentlich und wer lacht sich eigentlich schon seit Jahren über unsere dämlichen Versuche uns zu sortieren und besser zurecht zu kommen halb tot, weil es doch in Wahrheit so offensichtlich sinnlos ist? Schließlich…

Ich denke oft an die Familie* und mache selbstverletzende “Was wäre wenn” – Spiele bis mich irgendeine Erinnerung auseinanderreißt, weil es mich beruhigt so unaushaltbare Körpererinnerungen provozieren zu können. Als wäre das ein Beweis für einen nicht gemachten Denkfehler oder eine Rechtfertigung meiner Not überhaupt je über Hilfen oder Unterstützungen nachzudenken.

Viele Helfer_innen machen und haben mir schon den Vorwurf gemacht, ich würde Schach-Matt-Situationen provozieren. Man könne mir nicht helfen, weil mein Anspruch zu hoch, meine Erwartungen falsch, mein Problem zu komplex und das Gras auf der Wiese zu grün sei.
Ich kenne diese Dynamiken. Ich habe sie schon tausende Male auseinanderseziert und weiß, dass sie verlogen, narzisstisch, gewaltvoll und niemals so sehr von mir verursacht wurden, wie es mir vermittelt wurde. Ich weiß das. Ich kenne Gewalt und sehe sie, wenn sie mir angetan wird.

Aber wir leben in einer gewaltvollen Welt.
Wir leben in einer Welt, in der man sich aus Leidensgründen an Gewalterfahrungen in Institutionen begibt, in denen man lernt, dass man sich so an Gewalten anpassen kann, dass man selbst weniger leidet. Man muss nur sozial verträglich und sich selbst genug bescheißend dissoziieren. Man muss nur aufhören zu hinterfragen. Man muss nur ausblenden, was belastet und sich für die Erfahrungen öffnen, von denen man selbst profitiert. Man muss andere Menschen einfach nur nachmachen. Man muss nur ein bisschen anders sein als man ist. Nur ein bisschen besser und nur an ein paar Stellen. Es ist doch nur das eigene Selbst, was falsch krank problematisch ist. Alles andere ist irrelevant, weshalb man es “okay” nennt.

Wir leben in einer so gewaltvollen Welt, dass die Menschen, die andere Menschen vor Gewalt schützen sollen, Teil eines gewaltvollen Apparates sind.
Dass Menschen, die Menschen mit Gewalterfahrungen ausschließlich mittels gewaltvoller Rahmenbedingungen helfen. Dass Menschen, die Menschen, die unter den Folgen von Gewalterfahrungen leiden, erneut Gewalt antun müssen, noch bevor sie irgendwas für sie tun können.
Unsere Welt ist so vollgestopft mit Gewalt, dass man einander scheinbar nie wahrhaft ohne Gewalt begegnen kann.

Denn schon der offene Versuch ohne jede Nutzung oder Profit für sich allein aus gewaltvollen Dynamiken miteinander umzugehen, wird als Angriff, Gefahr, zu anspruchsvoll gewertet.

Und ich bin immer noch dabei, genau das immer weiter zu versuchen.

Weil ich keine Kraft dafür habe andere Menschen zu manipulieren. Weil ich keine Perspektive für mich und uns darin sehe, sich ständig gegen andere Menschen zu behaupten, anstatt mich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu versuchen sie selbst und ihr Verhalten zu verstehen.
Weil ich fürchte, dass ich uns selbst nie zu Gesicht und Bewusstsein kriege, wenn wir uns für den Rest unseres Lebens in solchen zwischenmenschlichen Gewaltdynamiken bewegen. Egal warum, wie genau und wie viel anders doch intendiert ist, was mir begegnet.

Aber was, wenn das falsch ist?
Was, wenn mein Kernproblem an Hilfe nicht mein Selbst ist, sondern mein Wunsch niemandem in Gewalt begegnen zu müssen, um Hilfe zu erhalten?
Wenn mein komplexes, anspruchsvolles Kernproblem ist, dass Menschen, die Menschen helfen, noch immer davon befreit werden, sich mit ihrer eigenen Gewaltausübung zu befassen und sie zu beendigen?

Ich merke, wie wichtig das wäre. Ich merke das, weil ich mich plötzlich mit Fragen wie: “Wieso darf denn diese Therapeutin Wände zwischen Innens machen lassen und das gut und wichtig nennen – aber wenn dies andere Leute machen, heißt das “Mind Control” und ist böse?”, auseinandersetzen muss und merke, wie viele Parallelen zwischen früherem und heutigem Gewalterfahren aufgehen, die lediglich in der Bezeichnung und Betitelung der Akteure unterschiedlich ist.

Wir weigern uns, uns in den Reigen der Menschen einzugliedern, die behaupten in jeder Klinik, in der Menschen mit DIS behandelt werden, würden Täter_innen sitzen und überhaupt – nirgendwo kann man sicher sein und gut aufgehoben und la la la
Wir brauchen keine Idee von ominösen Verstrickungen von Behandler_innen durch organisierte Gewalt. Wir wissen, dass Behandler_innen ebenso in Gewalten sozialisiert sind wie wir. Sie mögen sie nicht gleichermaßen ausgestaltet erfahren haben, doch erlebt, gelebt und ausgeübt, haben sie sie schon tausend Mal und das ihr ganzes Leben lang. Sie können und manche wollen sich auch nur nicht dagegen entscheiden, so wie wir.

Es ist die Frage, warum uns dieser Verzicht scheinbar per default inkompatibel macht. Warum die Angst vor Gewaltverzicht, Veränderung, die Anstrengung für etwas noch nie gewesenes, Menschen dazu bringt, uns das Gefühl zu geben, wir wären es weder wert sich mit uns auseinanderzusetzen, noch okay genug, um uns auch so fühlen zu lassen.

Es ist alles noch da

Vorhin, in den letzten Schwingungen des Spontankontaktes mit der Therapeutin, die wir gedenken “unsere Therapeutin” zu nennen, fiel mir auf, wie üblich es jetzt weiter geht.
Mit NakNak* rausgehen – nur entspannter. Abendessenszutaten einkaufen – nur entspannter. Bloggen – nur ohne den Beigeschmack etwas Verbotenes zu tun. Ins Bett gehen und schlafen – nur ohne vorher einen Wecker zu stellen.

Alles ist noch da. Alles funktioniert noch.
Voll krass.

Weil, eigentlich müsste doch alles in Scherben sein. Schließlich hat man uns aufgegeben und weggeworfen. Schließlich ist man in der Klinik zu der Erkenntnis gekommen, dass man mit uns kein Arbeitsbündnis geschafft hat (und dadurch offensichtlich automatisch zu dem Schluss, dass sich das auch niemals je ever überhaupt je hätte eventuell vielleicht mal noch entwickeln können, wenn man uns und unserer Entwicklung Zeit gibt – weil Zeit ist Geld und Geld gibts ja von den Krankenkassen nie genug und darum kämpfen mag man nicht mehr,weil aus Gründen und Selfcare. Muss man ja auch verstehen – ) und uns entlassen hat.

Tatsächlich sind wir nicht in Scherben. Aber es ist ein bisschen was kaputt gegangen, das weniger mit uns, als mit dem zu tun hat, was wir so tun und weshalb wir es tun.
Unsere Loyalität gegenüber dieser Klinik und manch ihrer Akteur_innen hat einen weiteren derben Spalt in sich und bringt uns in tiefer greifende Zweifel und Konflikte über unsere Haltung, die wir nach außen vertreten.
Etwa dann, wenn mal wieder eine Email kommt, welche Klinik es ist und welche anderen wir empfehlen können. Oder dann, wenn es um Behandlungsansätze und unsere Erfahrungen damit geht. Oder dann, wenn jemand ähnlich verletzt, gekränkt und Teilen angebrochen, wie wir aus dieser Klinik herauskommt und hofft mit uns jetzt doch mal so richtig über “diese bescheuerten Therapeut_innen” oder “diese scheiß Klinik” herzuziehen.

Wir sind nicht so. Und wir waren auch nie so.
Obwohl wir von einem Therapeuten sexuell misshandelt wurden, in Kinder- und Jugendpsychiatrien fehl- bis miss_be_handelt wurden, von Dutzenden Therapeut_innen und Kliniksystemen verachtet, dressiert und verkorkst wurden, waren wir nie die Person, die anfängt gewaltvoll auf diese Personen zu reagieren oder gegen sie zu agieren.
Wir haben nie jemanden angezeigt. Wir haben uns nie gewehrt. Wir haben nie Schmerzensgelder oder Entschädigungen aufgrund von Falschbehandlungen oder Falschdiagnosen verlangt. Obwohl wir schwere Schäden davon getragen haben und diese bis heute nachwirken.

Wir haben nur immer wieder aufs Neue gehofft, man würde sehen, wie groß ist, was wir Behandler_innen in die Hände legen, wenn wir sie um die Hilfe bitten, die sie anbieten bzw. als von ihnen als leistbar anbieten
Immer ein bisschen weniger, aber doch: in Hoffnung

Es ist eines dieser großen Geheimnisse und Rätsel für uns, wonach Menschen bemessen, wann was wie genau für sie ist. Wie genau Menschen eigentlich abzirkeln, ob und wenn ja, was genau sie eigentlich von dem erfassen, begreifen und verstanden sein lassen, was sie wahrnehmen.
Manche Menschen nehmen diese Rätselhaftigkeit für uns ernst und öffnen sich für uns. Sie machen sich für uns ein bisschen leichter lesbar. Ein bisschen einfacher für uns. Sie machen sich barrierefreier für uns.
Manche, weil sie genau das als Teil ihrer Arbeit inkludieren und fachlich kompetent genug sind, zu wissen und begriffen zu haben, dass gerade komplex traumatisierte Menschen (gut lesbare und dadurch) abschätzbare und verlässliche Gegenüber brauchen, um in Kontakt gehen zu können, der eine konstruktive Arbeitsbeziehung zur Folge haben soll. Manche, weil sie uns irgendwie sympathisch finden und wollen, dass wir sie auch sympathisch finden. Manche, weil sie uns etwas schenken wollen. Manche, weil sie merken, wie sehr wir uns daran aufrauchen sie zu verstehen und Mitleid haben.

Und manche nehmen diese Rätselhaftigkeit nicht ernst. Verstehen das Problem nicht. Stehen vor ihrer kognitiven Dissonanz und kriegen unser Auftreten nicht zusammen mit dem rabenschwarzen Loch der Not, die sich logischerweise aus solchen Rätselhaftigkeiten ergeben. Für manche Menschen wirken wir vielleicht (sehr wahrscheinlich) nicht glaubhaft oder aufrichtig in diesem, so fühlt es sich jedenfalls für mich an: Geständnis von Rätseln, Unwissen, Unsicherheit, Angst und Not daran.

Und manche Menschen sind einfach ignorant. Nicht bei uns, sondern hauptsächlich bei sich und dem Oben und Unten, das sie davon befreit, sich damit zu befassen, wie problematisch ihre Ignoranz ist.
Der Begleitermensch nannte das “Therapeutendünkel” und ich nenne es das logische Ergebnis aus wer weiß wie vielen Kämpfen mit kranken Kassen, Gutachterbullshit, fachlichen Querelen und dieser einen Prise Überheblichkeit, die mit Deutungsmacht einhergeht. Wer sich nicht stellen muss, weil es auch anders geht, tut es nicht. Wer hunderte Patient_innengesichter und –geschichten an sich vorüberziehen sieht, ohne sich je für mehr als diese eine Episode ihres Lebens mit_verantwortlich fühlen zu müssen oder zu sollen, der kann fallen lassen, was verwirrt, irritiert, weh tut, stört.

Wir hätten allen Grund wütend zu sein oder aggressiv aus Gefühlen von Verletzung.
Tatsächlich aber haben wir gerade den Impuls, Mitleid mit den Menschen in diesem Klinikapparat zu haben.

Mitleid ist eine Form der Gewalt. Vielleicht eine der schlimmsten.
Denn auch sie entwürdigt, entmündigt, entmachtet. Negiert jede Form des eigenen Willens und Wollens, löscht jede Idee von eigenen Fähig- und Fertigkeiten eines Individuums aus.
Wer Mitleid hat, sagt, dass eine Person keine andere Wahl hat. Nicht anders kann (hier: “kann” als Fähigkeit gedacht) und das ganz sicher schlimm für diese Person ist. So schlimm, dass sie leidet.

Mitleid gilt häufig noch als etwas, das wichtig ist, weil es mit Mitempfinden oder Verständnis verwechselt wird.
Wir haben aber weder Verständnis dafür, wie die Entscheidung “der Klinik™” zustande gekommen ist, noch können wir irgendetwas mehr erfühlen als die Idee einer ängstlich vermeidenden Haltung uns gegenüber bzw. dessen, was wir repräsentieren (was auch immer das wohl sein mag)

Wir ermahnen uns, uns die gewaltvolle Struktur “Klinik” als Teil verschiedener gewaltvoller Strukturen (wie “Psychopathologie”und “Gesundheitssystem”) innerhalb der allgemein bestehenden Gewaltkultur unserer Gesellschaft, nicht als die gleiche unveränderbare und unkritisierbare Grundlage anzunehmen, wie diese Menschen, sondern ihnen die Verantwortung über die Stützung und das eigene Profitieren an diesen Strukturen zu überlassen. Denn da wurden Entscheidungen getroffen. Da wurde und wird etwas getragen, das, neben vielen eher positiven Eigenschaften, auch als toxisch, gewaltvoll und menschenverachtend anzuerkennen nicht schwer ist, wenn man sich damit so brachial kritisch auseinandersetzt wie es die aufrichtige Auseinandersetzung mit jedem Aspekt des menschlichen Seins und Wirkens erfordert.

Ja, wir intellektualisieren. So sind wir. Wir tun das nicht, weil uns das so schön aus Schmerz, Verletzung, Trauer und Not bringt und uns in irgendeiner Form ermächtigt. Wir tun das, weil wir das tun. Ganz schnörkellos und ohne tiefere Bedeutung, als die, die es für uns hat: Kontext (für unseren Schmerz, unsere Verletzung, Trauer und Not).

An unsere Schnörkellosigkeit muss man sich gewöhnen. Dafür braucht man Zeit, Kraft, Mut zum Irrtum und den Wunsch zu verstehen.
Das geht in jedem Rahmen und egal, wie gut oder schlecht wir uns in diesen Rahmen hineinoperieren können.

Was unser Arbeitsbündnis nicht hat zustande kommen lassen, war ein einziges grundfestes Missverständnis, das man nicht glauben will.
Weil so viele tausend erdeutete Ideen und Fehlannahmen über uns als Person und unser Re_Agieren so viel besser gepasst haben, um uns und unsere Behandlung zu vermeiden.

Als Patient_in kann man nicht beides leisten: sich selbst und seine Behandler_innen davon überzeugen, dass es sich wirklich lohnt.
Dass diese Doppelbelastung nun ein Ende hat, darum sind wir froh.

Was bleibt sind vermehrte Zweifel, ob wir unsere Engagements für komplex traumatisierte Menschen überhaupt noch jemals unter Einbeziehung von behandelnden Menschen fortführen wollen. Offensichtlich wäre vieles einfacher gewesen, wären wir nicht der Mensch hinter “Hannah C. Rosenblatt”.
Andererseits denke ich, dass unsere nervig irritierende Schnörkelosigkeit ist, was dieser eingeschworenen Traumabubble hier und da fehlt.

Wer weiß.
Erstmal einfach weiter im Text.

Podcast schneiden, Nachwachshausumfrage bewerben, die 321 Emails aus der Klinikzeit lesen und beantworten, eine gute Sonnencreme finden und die erste Miniradtour vor der Großen planen.

Es ist alles noch da.

den Versuch wert

Wir hatten keinen guten Tag, waren circa 3 Löffelkästen über unsere Grenzen hinaus und nicht gefasst darauf, dass die Therapeutin Dinge wie “Das Leben ist voller Kompromisse” und “Sie müssen wissen, was es ihnen wert ist in der Klinik zu sein”, sagen würde.

Ich hatte keine Kraft für den Hinweis darauf, dass “einen Kompromiss eingehen” eigentlich soviel bedeutet wie “beide Seiten haben Anteil an der Lösung” und “beide Seiten haben etwas davon”. Ich hatte nur noch Kraft einen dieser inneren Giftpfeile abzufangen, der Schimpfworte und eine bittere Wahrheit auf sich geladen hatte. Die Wahrheit nämlich, dass unsere Kompromisse in aller Regel als gegeben betrachtet werden. Die Wahrheit nämlich, dass unser Leben voller mistig nerviger bis wirklich Kraft und Selbst zerfressender Barrieren, an so vielen Stellen Kompromisse, Zurücktreten, Schweigen, Aushalten und Durchziehen bedeutet und das genau niemand sieht, der es nicht weiß.

Ich rede hier nicht von Dingen wie “Gah scheiße – immer muss man nett und freundlich sein – nie darf man motzen.” oder “Mäh – nie darf anderen auf die Nase hauen – immer nur muss man konstruktiv sein.” oder “Mimimi – nie darf ich machen, was ich will.”.

Ich rede hier von Dingen, die für uns schwierig sind und die wir trotzdem tun,

weil sie den Versuch wert sind.

Das machen wir jeden Tag und wir sind okay damit. Irgendwie ist das einfach unsere Art diese Sache mit dem Leben leben zu probieren, daran zu scheitern und es dann nochmal neu zu probieren usw usw usw.
Es wird jedoch schwierig, wenn wir das Gefühl haben nicht in dem gesehen zu werden, was wir da eigentlich dieser Welt, dem Leben und den Dingen in ihm drin, an Bereitschaft uns zu widmen, entgegen bringen
Wenn der Preis, den wir dafür zahlen, vergessen wird und die Kraft, die wir daran verlieren und dann eben nicht mit in dieses Leben und seine Gestaltung hineingeben können, als “verborgen tief in uns drin” verortet wird und nicht als “darauf verschossen überhaupt irgendwo zu sein und das auszuhalten, ohne zu im- oder explodieren”.

Wir hatten ein Stille-Post-Missverständnis was die Versorgung von NakNak* während der Klinikzeit angeht (heute geklärt – alles gut).
Für uns ist es ein hoher Preis auf ihre Anwesenheit dort zu verzichten und worum es dabei geht, versuche ich immer an dem Beispiel der Blindenhunde zu erklären, wenn jemand fragt, wie denn eine blinde Person in so einer Klinik zurecht kommen sollte, ohne Blindenführhund.

Blindenführhunde gelten oft als durch andere Menschen ersetzbar. Das heißt: auf die Selbstbestimmung einer blinden oder sehbeeinträchtigen Person wird direkt geschissen – soll sie halt einen Stock benutzen (was nicht für alle blinden oder sehbeeinträchtigen Menschen geht) oder sich führen lassen (also abhängig sein und sich einer evtl. fremden Person anvertrauen).
Es ist an der Stelle der Barrierenkompensation, die sich durch Blindheit oder eingeschränktes Sehen ergeben, also essentiell, dass sich die behinderte Person anderen Menschen anvertrauen und mit ihnen kommunizieren kann, wo sie hin will, was sie haben will und so weiter.

NakNak* ist eine Assistenzhündin, die spezielle Aufgaben für uns erfüllt und die auch nur von ihr erfüllbar sind.
Andere Menschen merken uns nicht an, wann wir so überreizt sind, dass ein Anfall direkt bevor steht. Andere Menschen merken uns nicht an, wie viel Verunsicherung, Angst, Verwirrung, Unklarheit und Überforderung sie bei uns auslösen (meist ja nicht mal dann, wenn wir es ihnen sagen). Andere Menschen merken uns nicht an, wann wir desorientiert im Raum sind und uns selbst nicht mehr verorten können. Und ach – so viel mehr.

Andere Menschen brauchen von uns immer immer immer mehr, als das einfache Reiz-Reaktionsmuster, an dem wir uns in unserem täglichen Leben entlang arbeiten, um halbwegs stabil und reagibel zu sein.
Unser Hund braucht ein Signal oder ein Handzeichen oder die spezifische Körperspannung, die wir haben, bevor ein Anfall uns umhaut, um zu wissen, was wir von ihr brauchen und was wann wie geht.
Wir müssen ihr nichts begründen. Wir müssen ihr nichts “beweisen” oder “ihr offensichtlich machen/zeigen”, dass wir irgendwas wirklich brauchen oder möchten. Wir müssen nicht “bitte bitte machen” und wir müssen auch nicht “danke” sagen. Sie hat gelernt auf Reize zu reagieren und fertig – den ganzen Sozialschmodder, den ein Mensch an ihrer Stelle bräuchte, braucht sie nicht – und wir sind entlastet von einem dieser tausend Löffelfresser im Alltag – denn was ein Mensch braucht, um uns gegenüber so gut gestellt zu sein, dass er uns hilft, müssten wir aus Schwällen von Worten herausraten oder wild bis strategisch drauflos versuchen. (Und all das noch genau bevor die traumabedingten Probleme mit zwischenmenschlichem Kontakt beginnen!)

Es ist kein Kompromiss zu sagen: Okay, wir versuchen es ohne sie.
Es ist eine runtergeschluckte Alltagsdiskriminierung und die Ansage an uns nach innen, dass wir mit unserer Kraft so sparsam wie nur irgendmöglich umgehen müssen, weil wir neben der Kleinigkeit “teilstationäre Klinikzeit” (und ihre Implikationen) auch noch “Barrierenkompensation Level 100” schaffen müssen.

Wir erwarten schon lange nicht mehr, dass sich Institutionen und Behörden endlich einmal mehr damit auseinandersetzen, wie barrierefrei sie überhaupt sind und welchen Stellenwert die Selbstbestimmung aller Menschen, die dort ein- und ausgehen hat. Für uns ist inzwischen total klar, dass Institutionen und Behörden dazu gezwungen werden müssen, die Hilfen und Hilfsmittel behinderter Menschen mit Brillen, Fahrstühlen und Sprachdolmetschern gleichzustellen.

Aber wir erwarten, dass nicht von uns erwartet wird so zu tun, als wäre auf das wichtigste Hilfsmittel in unserem Leben zu verzichten, ein Kompromiss.
Das ist es nicht. War es nie. Ist es nie.

Ich habe in den letzten beiden Tagen gemerkt, wie viel bewusster wir in den letzten Jahren dafür geworden sind, wo unsere Kraftgrenzen sind, was wir wie lange aushalten können und wann wir welche Art der Pause und Ruhe brauchen.
Und heute Abend merke ich auch deutlicher denn je, wie gut uns die DIS in all den Jahren davor geschützt hat, unter dem zusammenzubrechen, was “der ganz normale* Lauf der Dinge” für so viele Menschen bedeutet.
“Der normale Lauf der Dinge für die Mehrheit der Menschen” ist einer, dem wir nur mit einer DIS oder anderen wie auch immer gelagerten Abwehr- und Schutzstrategien begegnen konnten, weil er nicht für Menschen, wie uns gemacht/gedacht ist.

Die Therapeutin hatte versucht uns klar zu machen, dass es unsere Entscheidung sei festzulegen, wie viel uns dieser Versuch mit der Klinik kostet und wir haben nachwievor keine Antwort darauf, denn eigentlich ist unsere Entscheidung eine andere.
Wir müssen für uns festlegen, wie viel von unserer Substanz es kosten darf/soll/muss, auf etwas hinzuarbeiten, von dem wir bisher immer eher legendenartig gehört haben (you know diese Zauberwolke aus: “gutes/okayes Leben”, “aushaltbar_sein”, “mit sich irgendwie okay sein”, “mit dem, was man erlebt hat irgendwie okay sein”).

Ich finde das bitter.
Aber den Versuch kann es ja trotzdem wert sein.
Oder “auch wert sein”.

ein anderes Problem am Märchen vom “funktional (multipel) sein”

Die Paulines schrieben einen Artikel dazu, wie schwierig es für sie ist, in ihrer inneren Zerrissenheit gesehen zu werden, wenn sie funktional wirken bzw. so eingeschätzt werden.

Für  uns gibt es diesen Konflikt in der Form nicht. Vielleicht, weil wir nie als funktional eingeschätzt werden, sondern eher als kompetent, kritisch unnahbar, wenig empfindlich. Kurz: “Total kaputt  – aber irgendwie läufts halt.”. Wie genau wir eingeschätzt werden, wissen wir aber nicht. Wir bekommen solche Rückmeldungen nicht – oder, wenn doch, dann so, dass wir sie nicht als solche wahrnehmen.  Vielleicht doch auch ein Segen, so ein Kommunikationsmurksi zu sein – wer weiß.

Anyway – das Thema “Mimimi immer bin ich so funktional – wie schlecht es mir geht, sieht niemand” taucht immer wieder mal auf und ich habe darauf immer wieder den gleichen Reaktionspfad: “Dann sag den Leuten, dass es dir schlecht geht und sei so funktional, wie du eben bist”.
Funktionalität ist für viele Viele ein Produkt ihrer Dissoziationsleistungen und nur selten ein Produkt dessen, was sie leisten, weil sie es leisten können. Manche sagen “trotz dem, wie es ihnen geht”, während wir von uns immer wieder sagen würden “weil es uns so geht, wie es uns geht”.

Wir werden produktiver, je schlechter es uns geht, weil wir uns strikter reglementieren, je schlechter es uns geht. Menschen, die nah an uns dran sind, merken das auch. Wir reden dann mehr von Tagesplänen, Essensplänen, Strukturen im Alltag und daran, wie viel Zeit wir für die soziale Interaktion mit ihnen freimachen.
Unsere Funktionalität erstreckt sich dann völlig auf den Selbsterhalt und den Erhalt der bestehenden Projekte, Vorhaben und Sozialkontakte.

Wenn es uns gut geht, dissoziieren wir häufiger die Anstrengung des Selbsterhalts und anderer Dinge und stecken mehr Kraft in den Ausbau und die Weiterentwicklung bestimmter Dinge. Eine Falle dabei: manchmal dissoziieren wir dabei auch, dass es so etwas wie ein “uns allen im Innen geht es super gut” noch gar nicht für uns gibt und provozieren damit am Ende schnell einen Bumerang, der uns in die Kniekehlen fliegt.

Unser Problem ist selten zu äußern, dass es uns nicht gut geht, wir in uns unklar sind und uns nicht stimmig mit dem Außen erleben – schwieriger ist für uns die Anerkennung unserer Art der Funktionalität. Für viele Menschen ist es keine Funktionalität sich selbst nicht umzubringen, weil eine akute Verzweiflungswelle nach der anderen von innen nach vorne rollt und man für eine Weile denkt, das würde nie wieder aufhören.  Genauso wenig, wie es zu Funktionalität gezählt wird, sich selbst auszuhalten.
Als funktional gilt man häufig für Dinge, die das Außen als innerhalb einer Funktionalität erkennbar markiert.
“Aha – die Person arbeitet und ist damit erfolgreich = die Person ist funktional”
”Aha – die Person ist in einer geschlossenen Einrichtung, weil sie sich selbst zerstört = die Person ist nicht funktional”

Neuer Kontext an der Stelle, der sich für uns aufgetan hat: “Aha – die Person hockt nicht schaukelnd in einer Ecke und zählt auf den Boden gefallene Streichhölzer mit einem Blick = hochfunktional autistisch = also eigentlich gar nicht autistisch = also eigentlich wie ich = dann kann ich ja das Gleiche von ihr abverlangen, wie ich von mir abverlangt erlebe”
im Vergleich zu: “Aha – die Person macht keine creepy Sachen wie in Kindersprache lispelnd in der U-Bahn zu sitzen oder durch einen anderen spektakulären Persönlichkeits/Innenwechsel auffällig zu wirken = sich hochfunktional dissoziierend/multipel = also eigentlich gar nicht unter Dissoziation leidend/nicht multipel = dann ist ja keine Rücksichtnahme/Mitbedenken, dieser Problematik erforderlich”

Der Punkt ist: häufig ist “funktional” zu sein als “problemfrei” zu sein internalisiert. Als “allen äußeren Ansprüchen gerecht werden zu können”.
Die Idee der Funktionalität bewegt sich folglich häufig auch reichlich nah an einem Punkt, an dem man sich aufgefordert fühlen kann, sich selbst völlig aufgeben zu müssen, um eine Entsprechungschance zu haben.

Deshalb pochen wir immer wieder darauf, dass Menschen mit uns sprechen, wenn wir gemeinsame Projekte starten oder sonst wie miteinander zu tun haben.
Wenn sie uns nicht sagen, was sie gerade können und was nicht – wenn sie uns verschweigen, was sie von uns erwarten, weil sie es von sich selbst auch erwarten – wenn sie ihre internalisierten Vorstellungen von Funktionalität auf eine Stufe mit Selbstaufgabe und maximaler Dissoziation eigener innerer Dynamiken und Konflikte stellen, dann werden wir zwangsläufig zu einem Instrument ihrer Selbstaufgabe und manchmal auch ihrer Reinszenierung von erlittener Gewalt.

Wir haben in den letzten Tagen erst wieder erfahren, wie soziotoxisch solche nicht barrierefrei kommunizierten Ideen von Fremdwahrnehmung und als notwendig eingeschätzte Funktionalitätsperformance wirken und wie wichtig es ist, sowas an sich zu reflektieren und darüber in Kontakt zu gehen.
Während wir denken, dass es wichtig ist, seine sozialen Kontakte auch dafür zu nutzen, sowas auch zu üben, um sie gut und regelmäßig weiter entwickeln zu lassen, merken wir, dass gerade Menschen, deren äußere Performance einer durch andere Instanzen definierten Funktionalität hochgradig existenziell eingestuft wird, einen Scheiß auf unseren Kontakt geben.
Anders formuliert: sie hängen die Funktionalität, die der Arbeitgeber, die Peergroup, die für diverse Dinge substanziell wichtig ist, höher als das, was wir ihnen bieten können. Ihr wisst schon – so Kleinigkeiten wie den Blick auf das Selbst, das vor eben diesem Arbeitsgeber und dieser Peergroup keinen Platz haben kann und die Anerkennung des täglichen Kampfs um Selbsterhalt und all das.

Wir glauben nicht, dass das absichtlich passiert. Soviel Gedankenfokus sind wir diesen Menschen nicht wert. Aber es passiert und wir merken, dass es häufig damit zu tun hat, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Um geglaubt und angenommen zu werden.
Wie kann das denn sein, dass jemand keine Vorwürfe macht, sondern wirklich nur sagen will, was gesagt wird? Geht ja gar nicht – MUSS eine Falle sein. MUSS eine Lüge sein. MUSS naiv und dumm sein. DARF also abgewertet und weggeschmissen werden (weil: übt man ja fleißig in der Therapie – Abgrenzung!11!!1)

Inzwischen versuchen wir, unsere Kontakte zu nach außen als funktional bezeichneten Menschen zu reduzieren bzw. auf genau dieser Ebene zu belassen: der Funktionalität, an der sie sich zumindest zweitweise gern festhalten, um sich darin zu bestärken, dass sie nicht wertlos, faul, dumm, krank, behindert und kaputt sind (,wie all jene, von denen sie sich so sehr abgrenzen müssen, vor lauter Angst, das könnte auf sie abfärben).

Und daneben versuchen wir mit unserem Selbstlob offen zu sein. Versuchen sichtbar zu machen, welche Leistungen für uns Leistungen sind und welches Funktionieren für uns Funktionalität ist.
Wir versuchen nicht nur zu sagen: “Ich bestimme selbst” – wir bestimmen und bewerten unser Wirken auch wirklich selbst.
Wie gesagt – vielleicht kriegen wir Fremdbeurteilungen einfach nicht mit, weil wir so schlecht darin sind, sowas aus dem Verhalten und unachtsamer (oder ausbleibender) Kommunikation anderer Menschen zu dekodieren und erfahren deshalb nicht die gleichen Verunsicherungsfaktoren, wie andere Menschen. Trotzdem ist ja von außen sichtbar, dass es grundsätzlich möglich ist das zu tun, ohne, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Nachwievor denke ich: Wenn man möchte, dass Dinge gesehen werden, dann muss man sie sichtbar machen. Und zwar so, dass andere Personen sie auch sehen können.

Ob das dann dazu führt, dass die Reaktion eintritt, die man sich wünscht oder für sich braucht, ist dann die nächste Frage. Auch darauf kann man sich nicht verlassen. Aber wenn man vor lauter Angst, es könnte eine falsche oder schwierig auszuhaltende Reaktion kommen, gleich die Sichtbarmachung des Problems oder einer Gesamtkonstitution ausbleiben lässt, dann ist das Problem nicht, dass Funktionalität als so viel toller gilt, sondern, dass nur die Funktionalität sichtbar gemacht wird.

all the shades of “Schweigen”

Mit „Schweigen“ und „Opfer“ – „Schweigen“ und „sexueller Missbrauch“ kommen die Klicks. Damit kriegt man die Leute an die Inhalte zum Thema. Hier eine Broschüre mit Hilfeangeboten und Beratungsstellen, da ein bahnbrechend aufrüttelnder Film. Hier ein berührender „Roman“ und da ein „vom Mantel des Schweigens“ befreiter Skandal. „Die Opfer müssen ihr Schweigen brechen!“ – ein stetiger Imperativ, wo und wann auch immer es um Strafverfolgung und ihre Hindernisse geht.
Wie schwierig dieser Strudel ist, habe ich schon oft im Blog von Vielen beschrieben. Habe aufgezeigt, welcher Schuldspruch an die Opfer und zu Opfer gewordenen damit getragen wird. Habe formuliert, wie laut Opfer und zu Opfer gewordene sind, selbst, wenn sie keine Worte für das haben, was ihnen passiert ist.

Natürlich wird sich überall nach wie vor an allen Ecken und relevanten Stellen auf „das Schweigen der Opfer“ bezogen – und nicht darauf, wer was wo wie wann hören, aufnehmen, begreifen kann, will, muss.
Natürlich wird auch immer noch darüber gesprochen, wie man helfen kann, Wege und Mittel aus den Schweigegeboten, denen Opfer und zu Opfern gewordene unterliegen, zu finden.
Und natürlich steht daneben das Schweigen all derer, die durch diese Bemühungen mit etwas belastet werden, das mit ihnen selbst überhaupt nichts zu tun hat.

Wir berichtigen ‚unsere Menschen‘ nach wie vor, wenn sie uns einfach zu der Gruppe derer zählen, die mit Schweigegeboten zurechtkommen müssen.
Wir wurden nie einem Schweigegebot unterworfen. Wir wurden Redeverboten unterworfen.
Das ist etwas anderes und für uns ist es ein relevanter Schritt gewesen, das zu erkennen und zu begreifen, denn ein Verbot ist etwas anderes als ein Gebot.

Wir erleben die Auseinandersetzung mit Schweigen im Kontext von Gewalt einseitig täter_innen(willen)zentriert und nicht zuletzt, als immer wieder die konkret betroffenen Personen in ihren Handlungsoptionen normierend.
Es ist so selten, dass in einer Fachtagung, einem Kongress, einer breit wirksamen Veranstaltung darüber gesprochen wird, wie sich die Auffassung von Schweigen als Schutz allein und nicht auch als notwendiges gewaltkulturelles Fundament der Gesellschaft, auf das Anzeige- und Strafverfolgungs , so wie das -verurteilungssystem auswirken.

Man spricht so gern von Liese Müller, die schrecklich leidet, weil sie ein unfassbar furchtbares Geheimnis hat, das sie nicht teilen kann. Man beschreibt so gern den Käfig ihres Schweigens und nicht zuletzt natürlich den wahnsinnig inspirierenden Befreiungskampf daraus, was dann auch schnurstracks zu Heilung, Gerechtigkeit und Regenbogen überm Sonnenuntergang führt.

Der soziale Tod von Hilda Stein, ihrer Familie und ihrer Herkunftsfamilie – die Scham, die Not an jedem Wort und jeder Selbstwirksamkeit – das langjährige und dann gescheiterte OEG-Verfahren – die Jahre der Therapie und der Versuche irgendwie auf einen grünen Zweig zu kommen – ohne je in einen Zustand zu kommen, in dem sie mehr sagen konnte als: „Ich wurde von XY misshandelt“ – das fehlt.

Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass es kein „das Schweigen brechen“ ist, wenn man einen Oberbegriff für erfahrene Gewalt benutzt oder einfach eine_n Täter_in benennt (und anzeigt).
Heute wie früher, wissen alle Menschen in der Umgebung, was eine Straftat ist, und was nicht.
Heute wie früher, wissen alle Menschen in der Umgebung, wann genau man was nicht sagen soll.
Und das betrifft nicht nur das Sprechen über Gewalt und Opferschaftserfahrungen.
Das betrifft auch das Sprechen über Krankheiten, seelische Befindlichkeiten, Menstruation und die Beschaffenheit von Kinderwindelinhalten. Zum Beispiel.

Schweigen gebieten nicht nur Gewalttäter_innen. Schweigen gebietet auch und meist sogar noch vor denen, die den Schutz durch Schweigen von ihren Opfern einfordern, unsere Gesellschaft und die (Gewalt-)Kultur, die sie pflegt.

Ich formuliere es radikal und dadurch leicht misszuverstehen, wenn ich schreibe: „Ein Schweigen der Opfer gibt es nicht“ und bleibe dennoch dabei.
Denn es ist wichtig zu verstehen, dass das Verschweigen von Gewalt(ausübungs)- und Opferschaftserfahrungen (also auch: globalen Ohnmachtserfahrungen) nichts ist, was in irgendeiner Form für bestimmte Personengruppen reserviert sein darf.

Die Anerkennung einer eigenen Opferschaft wird dadurch erschwert, dass man sich durch das soziale Reglement, wer wann worüber wo und vor wem etwas zu sagen verpflichtet ist, oder nicht, wer sich wann wo wie und wem gegenüber einer Aussage entziehen darf und wer nicht, eine eigene Position suchen muss.
Es ist nicht immer und ausschließlich der Druck vor der Angst, eine Opferschaftserfahrung könnte nicht geglaubt werden oder die Angst vor einer Strafe durch eine_n Täter_in, die Menschen daran hindert, gemachte Opferschaftserfahrungen zu beworten. Noch allzu oft ist es auch das ganz klare Spüren der Unerwünschtheit dieses Themas oder das Bewusstsein um Ohnmachtserfahrungen als dem Leben in dieser Gesellschaft immanent.
Genauso wie heute nach wie vor der soziale Tod eintreten kann, wenn man sich nonkonform in Bezug auf die Regeln der thematischen Angemessenheit verhält.

Natürlich stehen daneben die Überlegungen: „Okay, wenn wir das nicht wollen – wenn wir dieses Reglement aufbrechen wollen, dann müssen wir darüber reden. Und zwar immer und überall – wir verschonen niemanden. Sich rausziehen und die Augen verschließen, das erlauben wir nicht. Niemand soll sagen dürfen, er kenne niemandem, dem SO ETWAS mal passiert ist.“.

Für uns ist das ein Ansatz, der an der falschen Stelle anfängt. Weil wir wissen, dass jeder Mensch in der Umgebung auf jeden Fall jemanden kennt, dem SO ETWAS mal passiert ist – es aber nicht immer unbedingt auch weiß. Und zwar aus Gründen, die in der Umgebung dieser Menschen und den Möglichkeiten des konkret betroffenen Menschen liegen.

Was nutzt es Ella Kranz, die den örtlichen Kindergarten leitet und schwere Medikamente einnimmt, um trotz massiver PTBS-Symptome weiter arbeiten zu können, wenn Hannah C. Rosenblatt in allen Einzelheiten über ihre ersten 21 Lebensjahre schreibt? Oder Ute Koch jede Sekunde ihrer erlittenen Vergewaltigung durch ein Mikrofon ins Fernsehen spricht?
Ella Kranz braucht das nicht. Niemand braucht das. Niemand, außer vielleicht Hannah C. Rosenblatt, Ute Koch und all die anderen, die irgendwann das Gefühl haben, dass es richtig ist, die Einzelheiten und Details auszusprechen, um sie eben überhaupt einmal ausgesprochen zu haben – weil man es konnte oder wollen konnte oder können wollte oder oder oder
Jedenfalls braucht sie das nicht, um zu erfahren, dass sie nicht allein ist und es Hilfe für sie geben kann, die ihr auch so solidarisch zur Seite steht, dass sie weder ihren Job noch ihre soziale Position verliert. Dafür braucht sie das ausdauernde Engagement von Helfer_innen, strukturelle Sicherheiten und das Zutrauen in sich, durch diese Zeit ihres eigenen Lebens gehen zu können – also eine Umgebung, in der sie schweigen und sprechen kann, aber nicht muss.

Ich möchte Menschen mit meinen Erfahrungen verschonen, um mich zu schonen. Ganz klar.
Ich komme nicht gut mit all diesem reflexhaft abgespulten Zeug zurecht, das Menschen von sich geben, wenn sie nicht wissen, was sie von sich geben sollen, könnten, wollen. Deshalb halte ich meine Opferschaftserfahrungen als Teil von mir, wie meine Hundehaltungserfahrungen, meine Bastelerfahrungen, meine Schreiberfahrungen, meine x anderen Lebenserfahrungen in Kontakte hinein und entbinde Menschen ganz grundsätzlich von einer Reaktion darauf.
Ich erlaube ihnen mit mir zusammen darüber zu schweigen und einfach gemeinsam zu sein in dem Wissen, dass diese Erfahrungen da sind.

Das ist meine Art der sozialen Selbstermächtigung in dieser unserer Gesellschaft, die sowohl mich als Person, die zum Opfer wurde und mein offizielles Verschweigen von Straftaten an mir, als auch all die Abwehr- und Selbstschutzmechanismen in meinen Mitmenschen geformt hat.
Ich bin kein „schweigendes Opfer“, weil mich die Polizei oder irgendein gewaltkultureller Opfermythos so braucht, um mir meinen Schmerz, mein Leiden und nicht zuletzt auch uns als Mensch, der viele ist, zuzugestehen und anzuerkennen.
Ich bin eine Person, die etwas verschweigt, weil sie es kann, nachdem es jahrelang aktiv von ihr zu können gefordert wurde, und zwar von jemanden, der sie ganz global beherrscht hat.

Heute ist es meine Entscheidung zu schweigen. Meine globalen Opferschaftserfahrungen sind vorbei und die Macht der Täter_innen ist auf einer Ebene in meinem Leben, die nicht mehr nur mit mir allein zu tun hat und sich deshalb auch nicht mehr auf mich allein konzentriert.

Mein Schweigen ist losgelöst von Schulddynamiken.
Mein Schweigen ist losgelöst von Errettungs- und Heilungsphantasien.
Mein Schweigen ist losgelöst von meiner früheren Opferschaft.

Mein Schweigen ist, was es ist: Schweigen, aus Gründen, die ich allein bestimme, auch dann oder sogar trotz dem, ich damit Täter_innenwillen oder Interessen von Täter_innen schütze, berücksichtige oder bewahre.
Mein Denken, Fühlen und Leben im heutigen Hier und Jetzt, will ich nicht so täter_innenzentriert passieren lassen.

Für mich ist es wichtig, dass sich um Opfer und zu Opfern gewordene gekümmert wird, weil sie zu Opfern wurden und das etwas mit ihnen macht bzw. gemacht hat. Und nicht, um Täter_innen zu drohen oder sie zu bestrafen oder zu beschämen.
Die Auseinandersetzung mit Straftäter_innen ist in unserer Gesellschaft ganz klar und strukturell geregelt. Wir haben Gesetze, die sie als Täter_innen definieren. Wir haben eine Justiz, die ihre Taten verurteilen und ihre Strafen bemessen soll und wir haben Gefängnisse, die sie genauso aus der Gesellschaft herausreißen, wie es die Gewalt- und Ohnmachtserfahrung ihrer Opfer zuweilen tut.

Für Opfer und zu Opfern gewordene fehlt etwas Vergleichbares.

Eine detaillierte Beschreibung meines früheren Leides wird solche Strukturen nicht entwickeln. Sehr wohl aber könnten sie dazu beitragen zu normieren, wer was erfahren haben muss, um welche Hilfen, wie wo vor wem einfordern zu dürfen.

Meiner Ansicht nach, muss man davon wegkommen, sich mit dem „Schweigen der Opfer (und zu Opfern gewordenen)“ auseinanderzusetzen und sich endlich mehr damit beschäftigen, wie man hört, was Opfer und zu Opfern gewordene sagen und wie man dann damit umgeht als Gesellschaft.
„Wir Opfer und zu Opfern gewordene™“ schweigen nämlich alle unterschiedlich und die Anerkennung dessen bleibt aus.

Genauso wie weiterhin darauf verzichtet wird, sich mit dem Schweigen der Täter_innen auseinanderzusetzen.
Ein einziges Mal will ich in einer Missbrauch-Trauma-Gewaltpräventionsverstaltung sitzen und hören, dass die Täter_innen ihr Schweigen brechen sollen und man sich etwas überlegt hat, wie man das wohl möglich machen könnte.

Es ist Zeit, sich dem Schweigen zu widmen, anstatt sein Ende einzufordern.

Fundstücke #18

An dieses Loch in der eigenen Kindheit habe ich mich in den letzten Jahren irgendwie gewöhnt. Ich habe mich daran gewöhnt zu wissen, dass ich nichts weiß und kämpfkrampfe seit Jahren daran herum es eigentlich auch nicht wissen zu wollen und gleichermaßen nicht er_tragen zu können, wenn mir so ein Klumpen Erinnerungen wie zähflüssiger Eiter ins Denken fällt.

Es ist erschreckend und abstoßend für mich. Aus Gewohnheit. Weil mich immer alles erschreckt und abstößt, was ich von dem Kind, das ich und wir einmal war und waren, ohne es zu erinnern, erfahre. Und wenn ich fertig bin mit erschrecken und abgestoßen sein, dann stehe ich da und halte so ein bitter trauriges Fetzstück eines Lebens in der Hand und weiß nicht so recht wohin damit.

Da war so dichte Sommerhitze, dass der Körper nur von ihr zusammengehalten war. Die großen Betonplatten mit den Teerwürsten am Rand bildeten ein warmhartes Unten und die Baumkronen begrünten das Oben. Dieser Hort war ein schöner Ort. Ein Stück zwischen Schule und Zuhause, in dem nur die Hausaufgaben zu erledigen und sich gut mit den anderen Kindern zu vertragen Pflicht war. Die Erzieher_innen hatten einen Schlauch mit Löchern bespickt und damit ein Wasserspiel für den Sommer gebaut. Die  Kinder rannten dort nackt umher und hatten Spaß.
Und ein Mädchen aus der Klasse fragte, warum Körperteile des Kindes so rotblaulila waren.
Da ist das Bild, wie ich mich selbst anschaue und erschrecke.
Und so viele Wörter gleichzeitig vor Augen habe, dass sie sich zu einem weißen Rauschen vermengen.

Es ist so leicht einen weiten intellektuellen Bogen zu spannen und ihn dann in ein Weltbild zu klemmen, das das Kind als Individuum verschwinden lässt. Es ist so leicht, wenn man sagt: “So ist das Leben nun einmal. So sind die Menschen nun einmal. So kann es eben auch laufen.”
Das ist die Nachahmung gesamtgesellschaftlicher Dissoziation. Das ist, was machte, das man dachte, alle wüssten ES und wenn ES etwas außergewöhnlich Schlimmes wäre, dann würde diese eigene Unsichtbarkeit inmitten dieser Gesellschaft, dieser seiner eigenen sozialen Umgebung nicht mehr gegeben sein.

Ich wusste von dieser Episode. Wusste, dass ich und wir der Mitschülerin antworteten, dass wir es nicht wüssten oder so etwas ähnliches. Wir erlauben uns, das Nichtwissen unserer Antwort als übliches Vergessen einzuordnen. Niemand kann sich immer an alles detailgetreu erinnern.
Aber das Wörterding. Und das weiße Rauschen. Das Erschrecken über die Erkenntnis einer Verletzung durch einen Hinweis von außen. Die Erinnerung, dass sie uns erst nach dem Toben unterm Wasserspiel angesprochen hat. Eine vorläufige bittere Idee, dass uns sonst niemand angesprochen hat. Und nicht verstand, als wir etwas sagten.

Und Jahre später die Information, wie relevant Zeug_innenaussagen bei fehlenden Beweisen ist. Und, dass unser Hort heute nur noch eine begrünte Hinterhoffläche ist.

Es macht mich traurig anerkennen zu müssen, dass die schwierigen Erfahrungen des Kindes, das ich und wir früher einmal waren, sich so viel fester in unser Er_leben und alltägliches Sein hineingefressen haben, als die Orte, an denen es sich gut gefühlt haben könnte. Jedenfalls gut genug, um zu vergessen, dass es ein Zuhause gibt, in dem es verletzt wird.

Es ist ein schmerzhaftes Ding anerkennen zu müssen, dass das Kind, das ich und wir einmal waren, schon damals ich und wir waren.

Dass dieses Erschrecken über die Wahrnehmung und das Bewusstsein über etwas von oder an sich selbst schon damals da war, genauso wie der Wörterquirk und die Überforderungen, die daran entlang auch zu Dissoziationen geführt haben und uns vielleicht genau deshalb zu so vielen haben werden lassen, wie wir sind. Und eben nicht nur, weil die Gewalt und das “so tun als ob-Spiel” darum herum überfordert hat, sondern das gesamte Er_Leben überall darum herum.

Ich habe mich an die Idee einer dissoziativen Amnesie gewöhnt, die mit ihrem Ende definiert, dass ich nicht mehr das Kind bin, das ich und wir einmal waren. Ein therapeutisches Re_Orientierungsmärchen, das kurzfristig hilft eine Barriere zu errichten, doch langfristig zur Annahme führen kann, Erwachsene seien keine Kinder bzw.  erwachsen zu sein sei unverbindbar mit Kindlichkeit oder kindlicher Bedürftigkeit.

Ich habe mir überlegt, dass ich gut damit leben könnte zu sagen, dass das Kind, das ich und wir früher einmal waren, noch heute viele Schwierigkeiten hat, die es früher schon hatte und die Teil seines Erwachsenenlebens sind, weil es selbst auch der erwachsene Mensch ist, der ich und wir heute sind.

Das ist keine große Idee, weil Multipelsein das nicht ausschließt.
Der Schritt für mich ist die Möglichkeit, als wahr(haft) anzunehmen, dass die vielen fremden, weil dissoziierten Sozialuniversen überlebt von vielen vielen Kinderinnens, überlebt und beschützt von vielen vielen anderen Innens, Seelen und Energien, die irgendwann von ganz anderen Innens, Seelen und Energien überlebt, beschützt und ins Erwachsenenleben getragen wurden, die wiederum von anderen überlebt, beschützt und in einen weiteren Abschnitt Erwachsenenleben getragen wurden usw usw usw in einem einzigen Leben passiert sind und bis heute passieren.

Neben der Erklärung für mein Erschrecken und Nichterinnern, mein ständig fremd im eigenen Leben sein, die ganze Angstproblematik, die Symptomatik des unkontrollierten Erinnerns und all das, hat die Diagnosestellung der DIS nichts aufgelöst.
Schon gar nicht mein Bild von mir, die völlig problemfrei wäre, wären diese dysfunktionalen Reaktionen und schwierigkeitsbeladenen Innens nicht mehr da oder einfach funktionaler und orientiert, dass ihre Schwierigkeiten heute vorbei sind.

In den letzten Wochen haben wir aber neue Dinge versucht, die wir für uns als individuelle Herangehensweise empfinden.
Dazu gehörte Überforderungen wahr(haft)zunehmen und entsprechend anders zu arbeiten und auch zu interagieren, aber auch der Beginn den Wörterquirk als Baustein therapeutischer Arbeit zu nutzen.
Ich merke, dass es uns gut tut und hilft. Weil es etwas ist, das wir alle gleich bzw. sehr ähnlich erleben.

Darüber merke ich aber auch, wie sehr wir unsere Individualität aus “So ist das Leben nun einmal. So sind die Menschen nun einmal. So kann es eben auch laufen.” heraushalten. Wie sehr wir, obwohl wir wissen, dass auch wir zum Lauf der Dinge, diesem Leben, dieser Gesellschaft gehören uns erst dann dort zu finden trauen, wenn wir unauffällig bis unsichtbar sind.
Keine Erwachsene, die mal Kind war. Keine Person, die Wörterquirks hat. Keine Person mit Loch in der Selbst- und Umweltwahrnehmung. Keine Person mit fremden Problemen im eigenen Leben.

Jeder Erinnerungseiter bringt mich in ein Moment, in dem ich merke, welche Ähnlichkeiten ich und wir mit dem Kind, das wir früher einmal waren, haben.  Wie sehr mein Fremdheitsgefühl nicht an den Problemen der Innens, sondern an der Zerrissenheit meines Mit_Nach_Empfindens und der manchmal daraus folgenden Unnachvollziehbarkeit ihrer Reaktionen darauf liegt.

Ich merke, wie ich mich daran gewöhnt habe Wörter für Symptome zu benutzen, wo Wörter für uns und unser in diesem Leben passieren, sein müssten.