mit dem großen Zeh zuerst

weißeRose Vielleicht brauchte es nur das. Ein einfaches “What the fuck?!” von jemandem, den ich nicht gut kenne, der auf etwas reagiert, was ich so ewig ohne ein Wörtchen an jemanden mit mir rumgeschleppt habe.
Einfach irgendwie eine spontane, ehrliche Mitfühlung eines WHAT THE FUCKING FUCK?!- Moments.

Ich habe wohl gemerkt, dass es mir schwerer als sonst fällt, diese Welt zu berühren und Kontakt mit ihr auszuhalten.
Einfach schon, weil sich in meinem Kopf die Optionen der Reaktionen stapeln. Er/Sie/ * könnte denken dass… könnte finden, dass… denkt bestimmt, dass… findet mich sicher… hasst mich in Wahrheit… sieht mich nicht… hält mich für unfähig… und überhaupt weiß ich doch sowieso, dass ich…
So ein Optionenstapel wächst, schmilzt, wird zu einem Brei in dem ich meine Tage verbringe und schweigend, einhaltend, warte und nur hier und da Dinge äußere, die mir “sicher” erscheinen.
“Dieses und jenes kann man sagen- hatten wir schon zusammen- geht… gerade so/gut/okay/sicher aushaltbar”. In meinem Kopfannahmenbrei ist das wie die Stange vom Bademeister.

Wenn man schon nicht unter Kontrolle hat, wer die Wohnung betritt; wer einen verlässt oder verlassen muss; den Lauf der Welt weder beeinflussen noch anhalten kann, dann ist still-halten im Kopfbrei, der sich immer realer, immer echter, immer wahrhafter anfühlt, je länger man ihn nicht der Überprüfung aussetzt, das, was ich eben kann.
Klappe halten, warten, atmen, so tun, als wäre nichts. Irgendwann ist auch sicher nichts. Irgendwann ist alles gewesen. Eine Episode. Vorbei und vergangen. Tüdelü.

Bis jemand “What the fuck” sagt.
Dann ist es immer noch vergangen und vorbei. Weit weg, vertan, versackt, dreimal verdunstet und als Augenregen in Kissen reingetropft.
Aber es ist dann _gewesen_
Kein Angstfreudealptraum, den man nur von sich weisen _kann_, weil Fähig- Mutig- Kräftigkeiten fehlen. Surrealität, Absurdität, das krass krass krass der potenziellen Eventualitätsoptionen soweit über den Kopf ragen, wie die drei Zauberbohnen.
Weil allein, verlassen, einsam. Weil Angst vor dem Leben. Dem Dann. Dem Wenn. Dem und dann und dann und dann und dann.
Diesem ganzen Lauf der Dinge, den man nur mitmachen oder ohnmächtig, still, stumm anstarren kann. Ohne Kontrolle, ohne Einfluss.

Vorhin ist mir aufgefallen, dass ich mir die ganzen Kontroll- und Sicherheitslosigkeiten in meinem Leben mit Hass, Ablehnung, Dummheit, Opportunismus, Ignoranz, Mitgefühlslosigkeit, Zwang und persönlichen Ohnmachten erkläre.
Die Menschen müssen mich ja hassen, mich verachten, zu dumm sein mich und meine Entscheidungen zu verstehen, nur auf sich selbst bedacht oder einer anderen Instanz unterworfen- sonst würden sie mich ja nicht verletzen, kränken, diskriminieren. Mich so ohnmächtig fühlen lassen.

War ja immer so.
Kann ja gar nicht anders sein.
Hast du das denn schon wieder vergessen Rosenblätterdummchen? Du bist einfach scheiße- was hast du denn gedacht, was sich ändern würde, wenn…?!
Alle sind mächtig und du nicht.
Alle anderen kriegen ihr Leben geschissen und du nicht.
Weil du kaputt bist. Verkorkst. Von Natur aus falsch. Du brauchst dir nichts auf deinen Phänotyp des homo sapiens sapiens einbilden.
Du bist nicht wie sie.

Und dann geht mein ganzer Kopfbreistapel kaputt, weil andere, die, wie ich sie sehe, alles richtig machen, gänzlich okay und in Ordnung sind, nicht mehr als ein “What the fuck” äußern, um dem was war zu begegnen. Genau wie ich, als ich damit konfrontiert war.

Was Gewalt und Überwältigendes kann, ist Trennungen zu verursachen.
Ich habe mich von Menschen abgetrennt, die mich lange und nah begleitet haben. Von Menschen, die mich lieber anschweigen als in die Konfrontation zu gehen.
Ich habe mich von meinem Körper abgetrennt. Von Mutreserven, die die Überprüfung meines Kopfbreis, meines Handelns, meines Seins im Hier und Jetzt ermöglicht hätten.

Ich war außer mir und hab vergessen wieder in mich zu gehen.
So macht man das. So hats klein Rosenblatt doch gelernt.
Wenn man außer sich bleibt, dann ist aller Hass, alle Gewalt, alle Abwertung okay. Man kann ja sowieso nichts daran ändern.
Alles was zu viel, zu nah, zu überwältigend war und in der Folge passierte, hab ich in meinen Brei aus erklärenden Annahmen geworfen und mich an meiner Bademeisterstange aus Äußerungskontrolle festgeklammert.

Ich hab mich räumlich, sozial, emotional getrennt gehalten und es war okay.
Und, weil es für mich okay ist, muss es für andere ja scheiße sein.
Für mich darf ja nichts okay sein.
Also Druck und noch mehr Isolation.
Noch weniger Atem.
Noch mehr Trennung.
Noch mehr Gewalt, die von mir allein ausgeht.
Noch mehr Selbsthass für genau diese Gewaltausübung.
Noch mehr Gedanken zu Sinnlosigkeit, Ohnmacht.
Noch mehr Stille.
Noch mehr um sich kreisen, statt in sich hinein fühlen.

Ich denke, es ist gut, wenn ich das so spüre und für mich ausdifferenziere.
Wenigstens meinem Kopfannahmenbrei wieder mehr Marker für seine Eventualität hinzufüge.
Ja, kann sein, dass mich alle Menschen hassen und das aus gutem Grund – kann aber auch sein, dass XYZ der Fall ist und der einzige echte Fehler von mir ist, meine Ängste zu Annahmen und meine Annahmen zu Wahrheiten werden zu lassen.

Ich kann immer noch Einsiedlerin werden.
Aber ich muss es nicht sein, weil ich Angst davor habe den Gefühlen und Handlungen anderer Menschen auf immer und ewig hilflos ausgeliefert zu sein, die ich dann irgendwie in meiner Kontrollstarre aushalte.

Reicht, wenn ich eine werde, weil mir Menschen sicher sagen, dass sie mich verletzen, kränken, zu Tode ängstigen, weil darum.

bis dahin könnte ich
mit dem großen Zeh zuerst
zurück in mich, an mich heran gehen

alles, außer…

runtergefalleneBlüten Die Sonne scheint in mein Schlafzimmer hinein und ich lasse mich anscheinen.
Ihre Strahlen schütten Wärme auf meinen Rücken, lassen die Schmerzen darin zu kleinen Rinnsalen schmelzen und herunter rinnen.

Ich sitze auf dem Bett. Gebeugt über den Keilrahmen mit seinem stinkenden Acrylbelag und pinsele gegen das Eintrocknen der Farben auf meiner Untertasse an.
Streichle das Maltuch, kitzle die Linien und torkle im Motiv herum.

Mein G’tt was tue ich hier?
Stunden um Stunden vergehen und das Leben schlammt in Brocken an mir vorbei.

Mein Nachbar ist wohl erkältet. Ich höre sein Rotzen und hörte seinen letzten Orgasmus irgendwann letzte Woche.
Die Familie schräg gegenüber, die letztes Jahr herzog, spricht inzwischen nicht mehr ausschließlich Russisch. Jetzt ist es ein Sprachmüsli, das sich im Hof verteilt, wenn sie grillen. Dieses IKEA- Familienmodel, das Federball spielt und am Geburtstag der Tochter, Kakao und Kuchen im Garten kredenzt.
NakNak* ist läufig, doch wenn ich das niemandem sage, ist sie es auch nicht. Dann plötzlich kommt raus, dass der Rüde so oder so nie gut hört.
Ich bade in meinem Hunger und es fühlt sich gut an.
Der Frühling schießt seine Blütenboten in die Welt hinaus und die Insekten heißen sie willkommen. Schmetterlinge finde ich schön. Obwohl sie manchmal behaart sind und lange Fühler haben, wie Weberknechtmägde und andere HmHmHm-Flügler.

Ich denke darüber nach, mein Fahrrad und den Anhänger dazu, fit zu machen. Weiß aber nicht, wohin zu fahren sein könnte.
Meine Muskeln sind zu Stein erstarrt.
Das Bild ist fast fertig. Es fehlen nur noch die Gesichter und die dicken schwarzen Linien um sie herum, die sie bannen und für immer dort halten. Raus aus mir und meinem Leben. Ich fürchte ihre Gesichter.

Aber, alles ist okay. Alles ist im Werden.
Ich habe alles im Griff.

Außer den Pinsel in meiner Hand.

im Kreise gehn

Kugelblüte2.2 Die Bilder klebten wie Patina auf der Realität und obwohl sie sich zusammenzog und verkrampfte, war der Zug auf ihren Gelenken zu spüren.
Sie legte ihre Hände auf die Fäustchen, die sich unter dem Menschenkostüm verbargen und fuhr mit den Schilderungen des Heute über den Schlamm des Früher.

Sie erzählte vom Atmen und der Freiheit, vom Vorbei und Werden. Wachsen und stark sein.

Sie schauten einander an und während die Eine, obwohl verstoßen und zurückgezerrt, die eigene Position bewahrt, starrte die Andere im Zweifel über die Echtheit ihrer Anwesenheit über das angeleuchtete Gesicht und die schlagartig von ihr durchbohrten Hände.

“Leg dich ruhig wieder hin”, lächelte sie, während sie sich durchstach, im Versuch den Menschen auf die Matratze des Bettes zu nageln.
“Ich krieg das schon hin.”

Und sie kriegt es hin. Immer wieder, Tag für Tag.

Lächeln, sterben, auferstehen.
Vermeiden, erinnern, im Kreise gehn.

egalegalegal

Ich spürte wie sich meine Muskeln zusammenzogen und noch während ich nach meinen Taschentüchern suchte, klappte es mich in der Mitte zusammen und ich erbrach mich mitten im Niesen.
Ich hatte keine Zeit durchzuatmen. Wollte nur alles schnell noch erledigen, mit NakNak* rausgehen und dann ins Bett.
Die Therapiestunde, meine Gedanken, die Fetzen, die an meinem Bewusstsein entlang flogen, das ganze Kranksein aus mir heraus pusten. Ja, wenns geht, auch aus mir heraus erbrechen.

Ich bezahlte meine Rechnungen mit einem D-Zug-Scheuklappendenken von: „egalegalegal Ich brauche sowieso nichts- mir gehts gut- ich hab alles, was ich brauche- alleallealle können Geld haben, dass ich nicht hab- ist egalegalegal“ und stolperte durch die Stadt zu einer Gemögten.
Ging rein, spuckte meine reduzierten Sätze heraus. Ohne Tränen.

Ich ging in den kühlen Gegenwind und dachte an Schmiedekunst.
Betrachtete NakNak* dabei, wie sie sich in den  Wind stellte und ihre Nase wackeln ließ.

Jetzt mit der Erkältung wird mir mein Kämpfen bewusst. Mein Gegenankämpfen und mein zähes Nachlassen dabei.
Meine Kontextlosigkeit darin.

Meine Gemögte kam zu Besuch und bot an, doch nicht in der kalten Küche zu sitzen. Ich spürte, wie ich wieder zu zerlaufen begann. Wie ich mich anstrengte und doch nicht mehr im Kopf hatte als: “Ich habe kein Sofa.”.
Mit dem nächsten Niesen, tropfte ich in dicken roten Tropfen aus meinem Körper heraus.

Sie fragte mich, ob sie mich berühren dürfte; ob sie mir einen Waschlappen in den Nacken legen dürfte und ich dachte nur wirres ungeordnetes Zeug. Stand vor meinen Gedanken und Impulsen und wusste nicht, welcher der Passende war. Sie schaute mich an und ich wusste, dass sie gleich wieder einen dieser Sätze sagen würde, der mich in der Mitte zusammenklappt und irgendetwas aus mir heraus fallen lässt.
Statt sie reden zu lassen, nieste ich, hustete, krampfte. Vor meinem inneren Augen fuhr ich alle meine Panzerstacheln heraus und bohrte sie gnadenlos durch sie, durch mich, durch die Zeiten.
Irgendwie, durch diese ganze Welt.
Egalegalegal

Sie fragte meinen Namen mitten in mein allumfassendes Krampfkämpfen hinein und legte mir die kleine Wärmekisseneule an den Handrücken.
Sie sagte, ich bräuchte grad nicht so zu kämpfen, ich solle atmen und versuchen es zu lassen. Alles kommen und gehen lassen. Die Wärme fühlen und mich etwas entspannen.

Ich hatte mich in meinen Korbsessel gesetzt und drückte die Eule an meine Brust, lauschte dem Rauschen vom Kühlschrank neben mir und betrachte sie beim Schmusen mit Naknak* auf der Küchenbank. Sie fragte, ob es ginge und ich dachte nichts weiter als, dass es natürlich geht.
“Ich glaub, ich bin zu stark fürs schwach sein”, war dann alles, was mir rauskam.

Sie schaute mich ernsthaft an. Besorgt. Sterbezimmerblick.
Egalegalegal
Ich hielt meine Eule fest. Atmete.
Dachte an “Es wäre leichter, wenn das alles nicht wahr wäre.”, überlegte, ob es wahr werden könnte, wenn ich es für wahr nehmen würde- auch wenn es nicht wahr sei.

Und irgendwo am Rand meines Bewusstseins kroch ein Kind in ihren Schoß, ließ sich den Rücken kraulen und erzählte von Boo dem Eulenküken im Computer.

Multimythen Teil 3: “Oh wie süß- ein Innenkind!” oder: Wieso diese Mythenreihe?

Bläschen2verkleinert Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass die Denkleistung zur Verortung der hier aufgeführten Multimythen weiterginge als bis zu: “Die Rosenblätter schreiben über MultifakerInnen.”.
Ich beziehe mich hier auf den doch recht spezifischen Kosmos in Selbsthilfeforen, Mailinglisten und auch mancher Klinikkontexte.
Was “der Rest der Welt” über Multiple denkt, ist wunderbar in Film und Kunst, sowie in den parapsychologischen Ramschregalen jedes Antiquariats zu erforschen.
Hier und da wird sich aber inzwischen auch in der Wissenschaft mit dem Mechanismus der Dissoziation (so objektiv es die Wissenschaft* eben kann) auseinandergesetzt und nach (in Deutschland) inzwischen fast 20 Jahren, in denen das Thema “multiple Persönlichkeit”/ dissoziative Identitätsstörung rein psychologisch (also hochgradig individuell und an der Persönlichkeit und den Erfahrungen der PatientInnen allein verhaftet) aufgegriffen wurde, tat das auch dringend Not.

Es gibt diese zuckersüße Seelendiabetisecke im Multimythenbrutkasten des Internets. Kleine wackelnde Engel und glitzernde Tierchen, die ganze Homepages aussehen lassen wie die MySpaceseite eines Prä-Teenagers, aus den Anfängen des Internets.
Klar Geschmackssache, kann man hier angeben, da sich dies aber mit einer bestimmten Haltung paart, führe ich das mit an.
Genau auf solchen Seiten begegnen mir nämlich gleichsam oft Sätze wie: “Wenn die Seele zerschmettert wird, erwächst daraus eine wunderbare Chance”- als sei Gewalt ein Ding, dass Menschen noch besser machen würde, noch schützenswerter, noch besonderer und ach. (Während die Nachtigall ihre TäterInnendoktrin trapst…)

Klar, wem das hilft bitte- mit der Realität hat das aber nichts zu tun.

Ein durch dieses nach Außen getragene Kindlichsein bestärkter Multimythos ist: “Oh wie süß- ein Innenkind- voll niedlich- gleich mal einen Teddy in die Hand drücken.”
Innenkinder sind ein Garant für Spielkram und oft genug auch eine seltsame Verdrehung der Verhältnisse im Außen. Gleich ploppt überall ein Mamiding auf und wenn man Pech hat- egal, ob man nun wirklich multipel und für diesen Wechsel amnestisch ist oder weniger stark dissoziiert und sich dabei beobachtet, oder die soziale Rolle eines Kindes reflexhaft einnimmt bzw.. bewusst wie ein Kind agiert, weil es noch immer sicherer* erscheint
– mit der Entgegnung, wie einem echtem Kind gegenüber, ist die Chance in diesen Zuständen eine Verbindung dazu zu bekommen, dass sie heute, hier und jetzt, erwachsen sind, kraftvoll, stark und eigenmächtig, geringer, als sie sein könnte und mitunter auch einfach ein Helfer in Sachen: “Ich machs mir hier gemütlich in meinem “Ich kann dies nicht, ich kann das nicht, weil ich bin ein Opfer”-Nest”, ist.

Das heißt nicht, dass ich eine Befürworterin davon bin, Innenkinder gnadenlos zu konfrontieren.
Wenn eines auftaucht, hat das einen Grund, der bewusst werden muss. Und darum gehts.

Viele der Innenkinderstorys im Multimythoswunderland drehen sich darum, dass die Innenkinder Dinge tun, die die Menschen sonst nie tun würden. Nein- wer hätte das gedacht!
Immer geht es darum, Verantwortung abzuwälzen, Dinge zu verdrängen bzw.. mit irgendwas zu überlagern, was mehr oder weniger entfernt ist, von dem, was wirklich schmerzt bzw.. „richtig” mit (evtl.) erlebter Gewalt zu tun hat.
Was kommt da gelegener als das Bild eines Angehörigen einer (inzwischen) Minderheit, die früher wie heute, das am meisten glorifizierte und gleichsam am meisten missachtete Mitglied unserer Gesellschaft ist?
Was ist, früher wie heute, am Sichersten gegenüber Kindern* zu erwarten, wenn nicht der Muttertüddelmodus, den die Nazis zum Ideal hochglühten und die kapitalistische Medienlandschaft in ihrem Verkaufswahn am Glühen hält?

Sich dessen zu bedienen, bedient in meinen Augen auch TäterInnenschaft und Gewalt.
Da geht es um Manipulation, Instrumentalisierung und Unterwerfung, Untermauerung patriarchaler Gesell(en)schaftskonstruktion und Legitimierung der Vermeidung, Mechanismen der Gewalt in personen/befindensunabhängigen Kontexten zu betrachten.
Heißt: Wer immer Muttitüddel (= Hilfe nach Mamis Art) einfordern muss/kann/darf/soll, ist/ macht/ hält kindlich (= schwach) und muss/ lässt sich nicht damit belasten, was es für Auswirkungen auf andere Menschen in einer Gesamtgesellschaft mit all ihrer Verantwortung bedeutet, wenn man “Gewalt” als Ursache dafür angibt, aber nicht als Grund nimmt, dieses Agieren umzulernen bzw. sich dessen Funktionieren bewusst zu werden.

Gewalt in der Vergangenheit, als Ursache gegenwärtiger physischer, wie psychischer Beschwerden, Verhaltensweisen und noch nicht ausreichend wissenschaftlich erklärter Phänomene, ist noch jung. Und immer immer immer gibt es bei so einer Begründung, (macht- oder schlicht Gier-zentrale) Interessen, diese Begründung auszuhebeln.

Der Multimythos von den Kinderinnens, die allerlei Schabernack machen und rundum süß sind und, von deren Agieren, ja dem eigentlich erwachsenen Menschen nichts zu verantworten gemacht werden kann, ist ein wunderbarer Hebel für zum Beispiel die False Memory Bewegung, die bis heute viel strukturierter und finanziell abgesicherter ist, als jede wissenschaftliche Traumaforschung, die sich mit Dissoziation als Überlebensmechanismus in Gewaltsituationen auseinandersetzt, was an sich wiederum so ein übles Unding ist, das mir gleich die Aorta aus dem Hals springt, wenn ich noch länger darüber nachdenke.

Also nein- es geht nicht nur um Menschen, die so tun, als ob sie multipel wären.
Es geht mir um die Konsequenz, die die Mystifizierung von Menschen mit DIS, für selbige bzw.. auch andere Betroffene für Gewalt hat.

enjoy

Neuroleptikahimmel Es ist Zeit
für die Anlage neben dem Bett

keine Zahlen beim Verschwimmen betrachten
keine Treffsicherheit
nur Play

Enjoy the silence
Laut dröhnend mitten in den Kopf

Es ist Zeit für Stille
Stasis- Baby!

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mit dem Song mehr als jemanden, den ich kenne, verbinde.
Sie hat mir mal die Maxi-CD von dem Song geliehen und ich glaube, ich habe sie ihr nie wieder zurückgegeben.

haha die Maxi CD
Frisbee- Mäuschen!

Sie sitzt da und steckt Bleistifte in die Löcher ihrer Kassetten
vorspulen, zurückspulen
Tesafilm auf die Löcher, um zu überspielen
Radio aufzunehmen
mit ohne Stimme- Baby!

All I ever wanted
All I ever needed
is here in my arms

und ich liege auf dem Bauch
das Gesicht im Kissen

Ich spüre, wie sie auf meinem Rücken kniet
meine Schädeldecke hochnimmt, um mit einem Stöckchen mein Gehirn zum Schreien zu bringen

Ich bin noch nicht einmal wieder weggelaufen, seit ich die Tabletten nehme
Ich kanns nicht

nicht weggehen, nicht wegsehen
Eskapismus fürn Arsch, Mäuschen!

Und die Liste der Dinge, die von meinem Eskapismus leben, wächst und wächst und wächst

“So”, sagt er und rückt seine Brille zurecht, “und was passiert, wenn Handlungsdruck und Stasis aufeinander treffen?”

words are very
unnecessary

und aus dem Off scheppert das Lachen des Jokers

Herbstsein

P1010134Zwischen fallenden Blättern stehen

den Wind umarmen

in Nebelschwaden tanzen

Auf Zehenspitzen, kaum den Boden berühren und doch…

mit

weg

aneinander vorbei

laufen

Angst?
Ich laufe mit dir mit
oder vor dir weg
oder an dir vorbei

Ich bin nicht verletzt
Hör doch mein Lachen im Rauschen an deinen Ohren
Ich blute nicht
Ich versprühe flüssiges Leben in alle Richtungen
In Tropfen und leuchtenden Schlieren hinter mir her.
Bin ich, bin ich da.

Ich mag den Herbst, denn er ist so wunderbar kräftig in seiner Art des natürlichen Mordens
Alles stirbt und wallt ein letztes Mal auf
P1010054Leuchtet wie ein letzter Versuch von einem Wunder zu zeugen

Ich kann noch so sehr versagen die Zeitfäden zu verwirren, ich kann immer sagen: Es ist Herbst
Ich gehe raus und bin sofort da
Hallo Welt! Wer will mit mir laufen?

Auf Zehenspitzen
entrückt im wundervollen Sterben der Welt
lebendig, sterbend, tot
und dabei mitten in der eigenen Geburt

Es ist ein Sein im Herbst
Vielleicht ist es meins
wenn ich den Boden berühre

Wenn

mein Auge und der Schmerz ohne Nerven

Sie räumt.
Wieso räumt sie jetzt in der Wohnung herum, wenn sie eigentlich am Telefon sein sollte, um ÄrztInnen anzurufen? Vermutlich räumt sie, gerade weil sie eigentlich etwas Anderes tun sollte.

22326_web_R_K_B_by_Linda Dahrmann_pixelio.deMir tut das Auge so weh. Das linke. Das kaputte. Das Auge, auf dem ich nie besser als verschwommen sehe.
Die Kugel im Kopfloch, die manchmal auch gar keine Bilder hinein lässt. Dann wird sie zum Pfropfen, der den Strom unterbricht.
Das andere brennt und fühlt sich an, wie mit Sand paniert. Jeden Abend wieder.
Es kommt mir vor, als würde das rechte Auge mehr Weg zurück legen. Mehr arbeiten und deshalb schlimmer verdrecken, als das linke.

Sie hat Angst vor Ärzten.
Sie stellen Fragen. Sie sind Fremde. Sie sind Autoritäten, die sie schrumpfen lassen. Manche fassen sie an. Manche, wie ein Augenarzt zum Beispiel, machen sie blind. Oder, wie die Zahnärztin, taub an einer Stelle.

Sie sitzen in Räumen, die komisch riechen. Voll sind und hektisch, obwohl die Abläufe in Zeitlupe zu passieren scheinen. Sie haben Instrumente mit Namen, die selten genannt werden. Geräte, deren Nutzung genauso unbekannt sind, wie das Ziel selbiger.

Und sie alle mögen die Psyche nicht.
Psyche frisst Zeit, verschleiert und verzerrt. Ist das, was am Ende steht, wenn die Symptombeschreibung nicht zusammenpasst.

Sie räumt die Wohnung auf. Sortiert, heftet, archiviert. Spürt den Schmerz im Auge.
Sie sitzt am Schreibtisch und spielt mit einem Zirkel herum. Denkt an Schaschlikspieße mit Glaskörpern darauf. „Wünsche guten Appetit“ denkt sie, während sie die Spitze des Werkzeuges in den Malblock rammt. Direkt in mein Bild vom schmerzenden Auge hinein.

Mein Auge wurde verletzt. Aber es sieht ganz normal aus. Der Schaden ist darinnen.
Wir waren schon mal beim Augenarzt. Der hatte getropft und meinen Kopf in ein Gestell geklemmt, aus dem ich nicht mehr herausgekommen wäre, wenn ich gewollt hätte. Er schaute meine Augen an und sagte, mein gelbgrüner Ring um die Iris herum sei schön. Er sagte, da sei eine Deformierung. Eine Narbe.
Ich dachte an die Nabelschnur von Kükenembryonen. „Vielleicht sieht es so ähnlich aus.“, dachte ich.

Er sagte, man könnte operieren. Das ginge vielleicht. Aber nur vielleicht.
Er sagte, ich müsse dabei wach sein. Mein Augenlid würde fixiert und… Ich konnte ihm nicht mehr zuhören. Jemand unterbrach ihn. Eine Operation käme nicht in Frage.
Er gab uns Tropfen mit, die das Auge besser im Kopf herumflutschen lassen.

Das hatte ganz gut geholfen. Gegen die Schmerzen, die ich jetzt wieder verspüre, helfen sie aber nicht.

„Es ist nur eine Erinnerung.“, schreibt sie auf mein Bild.
„Das Auge kann nicht weh tun. Keine Nerven.“

Es tut trotzdem weh.
Ich glaube, mein Schmerz braucht keine Nerven, um da zu sein.
Vielleicht braucht er nur meine Erinnerung dafür.

müde

Es ist der dritte Tag in Folge ohne Schlaf.
Es ist der Punkt an dem ich Halluzinationen in der Sichtperipherie habe, mein Kopf auf eine dysfunktional verstümmelte Kurzstreckenwahrnehmung eingestellt ist.234247_web_R_K_by_Sarmakant_pixelio.de

Langsam über den Tag verteilt spüre ich Sandkörner in den Gelenken, die sich mit jedem Schritt vermehren. Wie Brause prickelt es unter meiner Haut und ab und an keimt die Idee in mir auf, dass es sich dabei um Insekten handelt. Am Abend höre ich dann das Aufquietschen meiner übersäuerten Muskeln und das kratzende Geräusch, welches meine Augenlider verursachen, wenn sie sich über die brennend tränenden Augäpfel zu schieben versuchen.

Ich versuche es wirklich. Ich will nicht jammern und rumheulen. Ich will nicht schwächeln und in diesen Moloch aus Selbstmitleid und Trauer verfallen.

In solchen Zeiten merke ich dann aber doch, dass ich versucht bin, nach einer Mami zu weinen- obwohl ich zeitgleich kindlich-erwachsen spüre und denke, dass keine kommen wird. Weil keine da ist. Weil ich keine habe. Weil die, die es gibt nie kommt. Weil ich ganz eigentlich auch gar nicht will, dass sie kommt, weil sie…
Weil ich eine Mami will- nicht meine Mutter.

Dieses Jahr ist es das erste Jahr in dem es keine Post um die entsprechende Zeit gab.
Keine Aufforderung. Kein Zeichen. Nichts.
Nun also nicht einmal mehr eine pseudoreligiöse Bestimmung?
Es ist wundergut- fantasischlimm und stellt den Mixer an, der sich in das Impulsgelee versenkt und alles so durchpflügt, dass ein uneinheitliches Bitterbunt in mir herumschwappt.
[Meine Mutti hat mich nicht mehr lieb.-BÄÄÄM–  Ja ne ist klar- die Olle hat dich nie lieb gehabt, begreifst du das denn nicht?!- BÄÄÄM BÄÄÄM BÄÄÄM- Hey heißt das, dass wir jetzt noch ein bisschen freier sind?- Sie wollen sicher, dass wir uns melden. Das hätten wir schon längst tun sollen. Vielleicht denken, sie, dass wir tot sind und sie trauern um uns?- BÄÄÄM BÄÄÄM- Mutti soll nicht traurig sein. Ich sollte anrufen und sagen…-Sag mal spinnst du jetzt komplett?! Wir sind nicht bis hierhin gekommen, damit du Leuten entgegen gehst, vor denen wir weggelaufen sind!- Ich bin mutterseelen allein. Mutterverlassen. Verlassen… verlassen…. verlassen _ Eine Tür knallt_  BÄÄÄM BÄÄÄM BÄÄÄM]

Ich habe mich in einer Nacht im Schlafanzug und ohne Schuhe, etwa 10km entfernt von meiner Wohnung wiedergefunden. Nach einer Flucht, wie ich denke.
Ich hatte so eine Angst vor einem ausbrechendem Feuer, dass ich mich nicht getraut habe, den Haustürschlüssel so verpackt mit Anweisungen wie es meine Therapeutin vorgeschlagen hatte, in meiner Wohnung liegen zu haben.
Ich habe wirklich Angst vor Verletzungen in so einem Zustand, Angst um Sookie, Angst um mich, Angst davor irgendwann von jemandem aufgegriffen zu werden, Angst einmal irgendwo aufzutauchen von wo ich den Heimweg nicht so einfach wiederfinde.
Angst davor zu wissen, wovor ich meine so weglaufen zu müssen.
Ich habe Angst vor Angst zu sterben.

Ich esse, nehme zu und schaue “Anxiety” dabei zu, wie sie sich mit den BÄÄÄMs vereint. Wie sie gemeinsam an der Klinge wetzen, über die sie mich springen lassen wollen, während ich Schokolade, Chips, Säfte, Zucker und allgemein ungesundes Zeug, in Massen in mich hineinschaufle, um mich mit dem Schmerz des überfüllten Bauches zu strafen und doch gleichzeitig auch auf Ebenen zu sättigen, die selbst die wertvollste Köstlichkeit nie erreichen wird.

Voilà!
Der wohl misslungenste Versuch einer Houdini-Schülerin sich aus dem kopfeigenen Selbstzerstörungs- und Ängstenetz zu befreien!
Nicht nur noch tiefer verheddert, sondern gleich noch ein paar Fesseln mehr angelegt.
Hat wohl nicht genug geschlafen!
Versagerin.
Und jetzt fängt sie auch noch an zu heulen!