Fundstücke #97

Das Büro ist wieder voll Geschwätz. Oberflächliches, zielloses Gerede zwecks sozialer Verklebung. In den ersten 2 Stunden kann ich noch antworten, mitmachen, plätschern und plänkeln. Dann werde ich müde. Es wird anstrengend. Ich verstehe immer seltener, was gesagt wird, und werde traurig, weil es in diesem Kontakt gar nicht darum geht, einander zu verstehen, sondern darum, Stille zu verdrängen.
Und dann sagt die eine Kollegin: „Du hast ja keine Kinder, da kennst du diese Liebe ja nicht so.“ und redet über die gesundheitlichen Bedarfe ihres Kindes und wie sie immer für ihre Kinder da ist, komme, was wolle. Ich schaue sie nicht an, drehe mich weg und reagiere mit „Hm“s und „Jaja“s. Dann ist auch das Thema weggeflossen und irgendwann geht es wieder um ganz andere Dinge.

Müde und geistig leer trete ich meinen Feierabend an. Meine überprallen, überempfindlichen Brüste tun weh, als ich den BH ausziehe, dessentwegen ich den ganzen Vormittag schon kurz vorm Ausrasten war. Meine Unterwäsche ist trotz Wäscheschutz vom Progesteronzäpfchen versaut. Ich ziehe mich um, finde mein Körperfett zum Kotzen und als ich in den Computer schaue, um nach Verlagsarbeit und Sonstigem zu sehen, kommt die ganze Ladung an. Die Termine, die Spritzen, die Schmerzen, die Neben.Wirkungen, die Narkose, der Eingriff, das Warten, das Hoffen, der Streit mit meinem Mann, das Wochenende allein mit mir und der Unvorhersehbarkeit des Laufs der Dinge, der Arbeitstag vor dem Transfer, von dem ich nicht, weiß, ob er stattfinden kann und dann doch tatsächlich ein Transfer. Und dann die Schwangerschaft, die noch keine ist, aber vielleicht doch, nobody knows. Und Sookie, die immer noch tot ist, obwohl ich sie so geliebt habe, wie noch nichts und niemanden zuvor. Der übliche After-Arbeit-Crash wird ein richtiger Crash. So richtig mit Krampfweinen und Rotz aufs Hemd, heißem Kopf und merkwürdig kalten Tränen. Die Art Crash, bei der ich mich unrettbar verloren und einsam fühle, weil ich spüre, dass schon die Anwesenheit irgendeiner anderen Person mich jetzt seelisch umbringen würde. Es gibt nichts zu reden, nichts zu trösten. Alles ist schlimm. Einfach nur schlimm, schmerzhaft, zu viel, zu stark, zu überwältigend.
Und irgendwann bin ich auch dafür taub. Wasche mein Gesicht, lese Nachrichten, vertiefe mich in mein Strickprojekt und spüre meinen Gedanken bei der Selbstordnung nach.

Dann kommt die Abendroutine.
Die Nachtroutine.
Die Morgenroutine.
Das Büro voll Geschwätz.

Am Nachmittag sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und erzähle ihr nichts davon. Wir führen ein merkwürdig oberflächliches Gespräch, vielleicht um mich nicht zu überfordern, vielleicht weil mir außer Behandlungsupdates zu geben kein Gesprächsbeginn einfällt.
Ich gehe leer und verbunden.

Dann kommt die Abendroutine.
Die Nachtroutine.
Die Morgenroutine.
Das Büro voll Geschwätz.

Und dann ist Wochenende.


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