Fundstück

Meine Regulation ist gestört. Das weiß ich und trotzdem tauche ich meine Hände in die Küchenspüle.
Ob das jetzt zu heiß war oder nicht, werde ich schon noch erfahren. Denke ich. Es dampft nicht verdächtig und eigentlich habe ich nichts anders gemacht als sonst. Aber mir fehlt das Stück zwischen Reizerfassung und Erkenntnis.

Während ich den Abwasch mache, denke ich an das Kind und den Bösen. Der Böse ist auf einer Insel und irgendwo lacht es immer noch darüber, dass die Therapeutin ihn von uns versorgt wissen wollte.
Ich weiß gar nicht, ob die Bösen überhaupt solche Bedürfnisse haben. Sie haben ja nicht mal das Bedürfnis nicht als “die Bösen” von mir gedacht zu werden.

Ich kratze auf der Teflonpfanne herum. “Es haftet ganz schön inbrünstig auf so einer Antihaftbeschichtung”, denke ich und überlege, ob meine Hände eigentlich immer so rot sind, wenn ich abwasche.

Und das Kind? Wieso schreit es eigentlich gar nicht?
Weiß es denn nicht, dass es ihm etwas Schlimmes passiert..e? Es muss doch jetzt ein Weh haben, ein Weh klagen, ein Weh in den Äther schicken und schreien.
Das macht man doch so.
Wir hatten mit der Therapeutin besprochen, dass wir uns kümmern. Dass wir es von dort mitnehmen und gut versorgen. Weil man das so macht.

“Noch einmal mit Pril abwaschen.”, denke ich, “und dann ist die Flasche alle und dann können wir endlich wieder das Fit nehmen.”. Ich denke an die Frauenhände meiner Familie* in Küchenspülen neben denen oft, immer, manchmal, das Fit stand und merke, wie erbärmlich meine Art Familien*verbundenheit eigentlich ist. An andere Dinge, die mich dem was eine meine Familie* hätte würde wenn gewesen worden wäre, näher bringen, kann ich mich aber auch nicht erinnern.

Es schreit nicht, es weint nicht, es bewegt sich nicht. Ich fühle nur Nichts von ihm. Weißes Rauschen, das kein Dissen ist.
Ist es dann eigentlich leiden? Wenn es nicht leidet, braucht es dann “gut kümmern” von uns?

Mein Abwasch ist fertig und in der Spüle vor meinem Bauch, treiben Speisereste, Fettaugen und letzte Restschauminseln umher.
“Wie fühlt sich eigentlich Ekel an?”, frage ich mich und fühle mich so fern von all dem was ist und wäre hätte würde wenn. “Wieso habe ich das jetzt eigentlich gemacht?”.

Ach ja, da war das Kind, vielleicht im Grundschulalter, das vor einer Wand kniet und weder sieht noch hört, noch ist und die Frage, ob es wohl leidet.
Und die Verlassenheit vor der Frage, ob man sich kümmern muss, wenn es kein Leiden gibt.

Die Frage was Leiden ist.

Und der Versuch um etwas anderes als dieses weiße Rauschen, das nicht ist und war und wird und ganz in Wahrheit überhaupt alles gar nicht ist.
So wie ich.

zur zweiten Episode “Viele–Sein”

Diesmal geht es um neue Wege und die Privatisierung, die das Leben mit Traumafolgen erfährt.
Ein Gespräch war nicht möglich, aber das hat uns glücklicherweise nicht abhalten können.

Also bitte – hier geht’s lang zur zweiten Episode “Viele – Sein” dem Podcast über das Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur.

über die Entscheidung “krank – krank” zu sein

Ich habe mich dafür entschieden krank zu sein. Also “krank – krank” – also “so krank, dass ich nicht in die Schule kann- krank”.
Für mich ist der Umstand, dass ich mich für die Krankheit entscheiden musste, ein Symptom für die Krankheit “Langzeit-Hartz 4- Syndrom”. Darunter ist die Depression, die keine ist; die Angststörung, die keine Störung ist, die Ernährungsstörung, die keine Störung ist und die Anpassungsproblematik, die keine ist, zu verstehen.
Langzeit – Hartz 4 Krankheiten sind alles keine “echten” Krankheiten, weil sie logische Folgen eines Lebens in Armut, Mangel oder Fehlernährung, die Folge aus permanenter Existenzbedrohung, die gesamtgesellschaftlich gewollt und gestützt ist und am Ende zu sozialen, kognitiven wie innerpsychischen Anpassungen führt, sind.
Langzeit – Hartz 4 – Krankheiten werden in einer psychosomatischen Klinik nie erfolgreich behandelt. Deshalb sind es keine “echten” Krankheiten.

Richtig krank werde ich erst jetzt, nachdem ich soziale Teilhabe erfahren kann und darf.
Mein Körper, der fast 8 Jahre lang mehr oder weniger durchgängig wenig bis keine anderen Immunsysteme, außer dem des Hundes, länger als 6 Stunden am Tag neben sich hatte , befasst sich nun mit den Keimen, Viren und Bakterien der Kunstschüler_Innen.
Und ich musste darüber nachdenken, ob ich denn nun krank bin und wenn ja, wie “wirklich”.

Normalerweise – und ja für mich ist Hartz 4 – Leben normal, ich habe noch nie ohne gelebt – arbeite ich bis 38°C Fieber und bitte erst bei 39° C darum, dass jemand anderes mit dem Hund rausgeht und mir hilft aus überflutendem Wiedererleben von Gewalterfahrungen herauszugehen und orientiert zu bleiben.
Normalerweise schreibe ich meine Texte auch mit verletzten Händen, in Episoden dissoziativer Blindheit, in denen ich noch etwa 30% Sehschärfe aufbringen kann und mit Schreien in meinem Kopf, die zu laut für jedes Hören sind. Normalerweise halte ich meinen Haushalt auch dann noch aufrecht und begehbar, wenn ich mich selbst zutiefst gebrochen und unempfänglich fühle.
Normalerweise gibt es keine Grenze zwischen “Körper Geist Seele” und “Leben”.
Normalerweise ist beides eine Suppe, die von außen durchgesiebt und sortiert wird und nicht nach meiner Ansicht fragt. Ich kann eine haben, wenn ich will, aber irrelevant bleibt sie doch.

Und jetzt ist da die Frage danach, was Basis – was Pflicht und was Kür ist.
Die Basis ist vermutlich das Arbeiten, das keine “echte” Arbeit ist, weil es kein Geld gibt, aber passiert, weil es eben in mir drin ist. Ich erlebe mein Schreiben und Kunsten nicht als Handwerk. Es _ist_ und war schon immer. Es brauchte nie von Außen nötig gemacht werden.
Die Kür ist die Norm der Anderen. Die Norm bestimmte Dinge nicht in ihrem _Ist_Zustand anzuerkennen und zu wertschätzen, sondern erst in einem bestimmten (sozialem) Kontext oder damit assoziiert. Die Norm die Dinge, die in einer Seele, einem Geist, einem Körper drin sind, als “nicht genug” zu begreifen und darauf etwas zu konstruieren, das auf jede beliebige Art immer und immer wieder eine Verbesserung anstrebt und am Ende eine permanente Sicherung abnötigt.

Was ich merke ist, dass die Gesellschaft alias “die Welt da draußen”, meine Traumatisierung und mein Leiden am Leben damit, nicht als “echte” Krankheit begreift, wenn ich im Hartz 4 Bezug alt werde und sterbe. Vielleicht werde ich selbst nie weiter als bis zu dem Punkt, an dem ich mich jetzt befinde, meine Traumatisierung als etwas erfassen, das ein Leiden erlaubt, weil mein Hartz 4 Leben ein Suppenleben ohne Struktur ist. Es ist voller Not und voller “nicht genug”, aber fern der Norm, die das als Problem begreift.

Die Welt dort draußen, meine Hausärztin zumindest, denkt ich leide unter Fieber und Muskelschmerzen, weil ich Fieber und Muskelschmerzen habe.
Ich leide aber unter Fieber und Muskelschmerzen, weil sie mich an Schmerzzustände erinnern, die ich in dem Moment nicht als Teil einer Vergangenheit einordnen kann. Weil ich von diesem Erleben nichts beworten kann. Ich leide, weil ich auf eine scheinbar unüberbrückbare Art allein und ohne Teilhabe bin, wenn ich mich erinnere.
Es erscheint mir, als sei die Einsamkeit meines Leidens, die Basis meines Lebens und die Welt da draußen denkt, das wäre Hartz 4.

Die Welt dort draußen denkt, ich würde unter Hartz 4 leiden, weil es nicht genug ist. Weil es nicht genug für mich ist.
Die Welt dort draußen fragt sich nicht, was für mich “genug” wäre, wann für mich das Leiden vorbei wäre.
Die Welt dort draußen versteht nicht, dass sie Teil meines Leidens ist, weil sie meine Norm nicht als gegeben anerkennt.
Die Welt dort draußen versteht nicht, dass mich die Gewalt durch Menschen zuerst von ihr getrennt hat und mit der Gewalt unter dem Begriff “Hartz 4” getrennt hält.

Und zwar so sehr und so gründlich, dass ich für mein Leiden, mein Kranken, mein Sein, im Grunde keinerlei Maßstab habe und die Entscheidung sich mit 39,5° Fieber, Halsschmerzen und Rotznase als “zu krank um am Leben in der Welt teilzuhaben” einzuordnen, zu einer unfassbar mutigen Tat wird, weil sie “die Welt da draußen” mitberührt.

Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wie krass das für uns ist, für sich allein etwas entschieden zu haben, das mit der Welt zu tun hat.
Vielleicht kann’s niemand. Aber ich kann’s.
Und mir ist das genug.

“fett”, “dumm”, “ungenügend”, “falsch” sind keine Gefühle

Das Video hat mich daran erinnert.
“fett” ist kein Gefühl. “dumm” ist kein Gefühl. “ungenügend” ist kein Gefühl. “falsch” ist kein Gefühl.

Das sind Zuschreibungen. Wertungen.
Und auch wenn ich sie ständig und immer, in allen möglichen Variationen im Kopf habe, sie höre, sie als Tritte, Stöße, Ziehen, Reißen, Kratzen, Brennen, Wucht und Energie in und an mir fühle, sind sie nicht von mir gemacht. Selbst wenn sie als Stimme aus mir herauskommen, meine Haut tragen und mein Leben an sich nehmen. Sie sind nicht ich.
Sie sind in mir geworden.
Weils nötig war. Weil Menschengehirne – weil Leben auf Spiegelung und Kopie beruht.

Mir ist aufgefallen, wie oft davon gesprochen wird von etwas oder jemandem getriggert zu sein. Trigger zu meiden oder einen Umgang zu finden. Immer wieder geht es um Trigger und darum bestimmte Handlungen zu unterdrücken. Zu vermeiden. Umzulenken.
Es geht nicht darum zu sagen: “Ich fühle wie damals, als eine Person, der ich mich unterlegen fühlte/von der ich abhängig war, mir sagte, ich sei fett, dumm, ungenügend, falsch, weil sie mich demütigen, abwerten, unterdrücken, brechen, verletzen, zerstören wollte.”. Es geht nicht darum zu sagen: “Ich erinnere mich an eine Gewalterfahrung.” oder “Diese Situation, unser gemeinsamer (sozialer) Kontext erinnert mich an eine Gewalterfahrung.”.
Es geht um Trigger_reize und darum das Framing dieses Begriffes zur Abstraktion von Gewalt und ihren Folgen zu miss-ge-brauchen.

Was ein Trigger ist, ist schnell erklärt und jede – wirklich jede Person versteht das Reiz-Reaktionskonzept “Trigger”.
Aber wird es auch begriffen? Wird mit der Erklärung des Begriffs – der Bewortung eines Vorganges, begriffen, dass es um die Folge eines An- und Eingriffs in das gesamte Denken und Werten bezüglich jeder Regung innerhalb eines Individuums geht?
Nein.

Oft passiert es sogar, dass eine Spaltung aufgeht, was ein “echter Trigger” sei und was “ein irgendwie anderes Dings”.
So gibt es die Idee, dass ein echter Trigger direkt zum Flashback oder zum dissoziativem Symptom führt und alles andere einfach schon immer so sei und vielleicht bei jedem sogar gleich. Denn schließlich fühlt sich ja heutzutage jede x-te Person “fett”, “dumm”, “ungenügend”, “falsch”.
Obwohl genauso jede Person wissen kann, dass das keine Gefühle sind.

Aber wie oft setzt man sich schon hin und denkt darüber nach, wie man sich eigentlich fühlt?
Wann kann man sich Gefühle eigentlich erlauben?
Wann kann man seine Gefühle ertragen oder aushalten?

Sicher nicht, wenn man glauben muss, man sei fett, dumm, ungenügend und falsch.
Ganz sicher nicht, wenn man andere Zuschreibungen nicht gleichsam wahrnehmen darf. Und ganz sicher nicht, wenn man sie sich nicht einmal zu erlauben überlegen können darf.
Weil man auf den “richtigen Trigger” warten muss, bis das zu etwas werden darf, das man als nicht von sich kommend markieren kann.
Weil es eine neue Machtinstanz* mit eigener Sprache erlaubt.
Nicht etwa man selbst.

 

*hier: die Psychotherapie/Psychologie als Wissensmacht ergo Gewalt

der Hashtag-Rant

Schlaglicht, #ThereIsNoPerfectVictim und ganz viel Wut im Bauch

In der letzten Zeit lese ich immer wieder Tweets, in denen sich Bystander und Verbündete, Unterstützer_Innen und auch Personen, die selbst zu Opfern wurden, dafür aussprechen, Personen, die zu Opfern wurden, doch bitte mehr Verständnis und Empathie entgegen zu bringen. “Bitte seid doch mal lieb zu den Opfern! Hört doch mal auf die Opfer immer noch weiter fertig zu machen.”
Ich weiß nicht, in was für einer Welt diese Menschen leben. Vielleicht liegts auch nicht daran, dass da eine andere Lebensrealität gelebt wird, sondern einfach mal die Lebensrealität von Personen, die zu Opfern wurden, zu erfassen nie als Forderung formuliert wird. Es wird immer wieder “bitte bitte” gemacht – immer wieder in eine Masse hineingebeten, die einem Bitten erst dann nachkommt, wenn sie die direkte Eigenbeteiligung begreift.

Der Hashtag dreht sich um rape culture/ Gewaltkultur bzw. das Ergebnis ebendieser, dass eine Person, die zum Opfer wurde, sich im Grunde nie “richtig” verhalten kann, um in seiner erfahrenen (von der Person so definierten) Opferschaft anerkannt zu werden. Much Erkenntnis. Guten Morgen.
Doch die Frage, warum es die Anerkennung durch andere Personen braucht, um sich als Opfer anerkannt zu sehen – warum es erneut eine Definition des eigenen Status als Opfer (zum Zeitpunkt XY) durch eine andere Person oder auch durch einen Rechtsspruch braucht, bleibt weiterhin unangetastet.

Gewalt wird erneut zu einem (einzelnen) Vorfall innerhalb eines isolierten sozialen Raumes gemacht, nämlich der persönlichen Lebenserfahrung einer Person, die einzig durch die Bewortung mit dem Begriff “Opferschaft”, als tatsächlich – als wahr-haft gelten kann.
Unter dem Hashtag wird auch perpetuiert, dass diese Bewortung alles gut machen würde. Ein Rechtsspruch, einmal Gewalterfahrung anerkannt und alles ist gut. Oder auch, dass Empathie und Verständnis für das Verhalten von Personen, die zu Opfern wurden, alles leichter oder besser oder einfacher machen würde.

Sicherlich würden sich viele Personen, die gerade vor ihren abgelehnten Opferentschädigungsanträgen sitzen, die sie vor bis zu 10 Jahren stellten und erst nach unzähligen entwürdigenden Befragungen und Begutachtungen, erhalten haben, besser fühlen, wenn auch nur eine einzige Person auf der Welt sagt: “Das ist echt scheiße und es tut mir leid, dass dir das passiert ist.”
Aber als Person, die zum Opfer wurde und eine ganz spezifische Lebensrealität hat, die von einer anderen Person ver.schuld.et wurde, wird sie damit nicht anerkannt.
Von Verständnis kann man keine Schlafstörungen, keine Depression, keine Suchtrisiken, keine verdammte posttraumatische Belastung, kein einziges soziales Stigma, das mit dem, was wir “sexualisierte Gewalt” nennen, einhergeht, los werden, überwinden, wegmachen.

Es ist scheiß egal, ob man als Opfer irgendwo anerkannt ist oder nicht – man hat immer immer immer das Recht darauf respektvoll, empathisch, verständnisvoll und achtsam behandelt zu werden. Immer. Egal, welche Lebenserfahrungen man gemacht hat, egal welche Unrechte und Gewalten in seinem Leben wüten oder gewütet haben.
Als Opferschaft ist ein Zustand zu betrachten – keine Identität, kein Sein.

Vielleicht bin ich inzwischen so sehr im emanzipatorischen Stoff und Denken drin, dass die Wichtigkeit von Anerkennung meiner Gewalterfahrungen durch andere Menschen inzwischen weniger die Relevanz hat, als sie das vor vielleicht 7/8 Jahren hatte. Vielleicht habe ich aber auch einfach das “Bitte Bitte-machen – Spiel” mit unserer Gesellschaft schon zu oft durchgespielt.

Mich macht dieser Hashtag so wütend, weil ich nicht mehr traurig sein kann.
Weil ich einfach nicht mehr darüber weinen kann, dass es keine einzige Sichtbarkeitsbemühung für die Lebensrealitäten von Personen, die zu Opfern wurden, schafft, Opferschaft zu definieren. Weil Mythen verfestigt und nicht gleichsam breit aufgeklärt werden. Weil die Frage danach, wie man einen Alltag miteinander gestalten muss, damit Personen, die zu Opfern wurden, nicht für immer auch Opfer bleiben, ungestellt bleibt. Weil Strafen, Justiz und Wahrheitsansprüche in den Vordergrund gerückt werden, als wären dies die einzig wichtigen Schritte für Personen nach Gewalterfahrungen.

Für mich gibt es keine und wird es auch nie nie nie nie
verdammt nochmal NIEMALS diese eine Gerechtigkeit geben, wie sie unter diesem Hashtag und in so vielen vergleichbaren Aktionen angestrebt wird. Ich und so viele andere Menschen, die als Kinder misshandelt wurden und erst als Erwachsene Worte dafür finden; so viele Menschen, die durch Kriegsverbrechen und alles, was diese für ihre Leben bedeuten, verletzt wurden; so viele Menschen, die gar nicht wissen (und vielleicht bis sie sterben nicht bewusst bekommen können), dass sie “die Opfer” sind von denen hier und da mal in einer Aktion gesprochen wird …
wir leben ein Leben, in dem wir unter Umständen erfahren, dass uns auch dann, wenn uns geglaubt wird, nicht geholfen, nichts entschädigt, nichts wieder gut gemacht wird.

Fragt doch mal die ehemaligen Schüler_Innen der Odenwaldschule, die Menschen, die auf die Misshandlung in verschiedenen kirchlichen Gemeinden aufmerksam gemacht haben; die Menschen, die früher in Kinderheimen untergebracht wurden;, die Menschen, die uns heute als “Holocaust-Überlebende” aus den Zeitungen anschauen, die Menschen, die als “Opfer von Menschenhandel”, als Geflüchtete,
als Hartz 4 – Abhängige in neongelben Fluren von Behörden jeder Stadt auf Zettel warten – geht doch endlich mal da hin und hört zu, worum es eigentlich geht.
Die Masse dieser Menschen sitzt gar nicht da und sagt: “Wenn mir doch nur endlich jemand glaubte…” – die sagt: “Ach, wenn mir doch DIE RICHTIGEN glauben würden…” und das ist ein Unterschied. Das ist der Unterschied, der, weil er politisch ist, so selten auch wirklich gemacht wird.
Weil er so politisch ist, dass er klar macht, dass es auch bei dem was wir „Politik“ nennen, wieder um Gewalt und Opferschaft geht.

Natürlich können wir uns die grauen Wintermonate damit vertreiben einander unser Leid mitzuteilen und dabei auch laut werden. Alles echt kein Thema. Ich finde es gut, wenn Menschen, die zu Opfern wurden, laut werden, sich schwer und sichtbar machen.
Nur diese Reinszenierung der absoluten Abhängigkeit von einer äußeren Definition braucht es nicht, um mit Menschen, die zu Opfern wurden, respektvoll, achtsam, empathisch und wertschätzend umzugehen.
Es braucht eine Bewegung, die diesen Umgang als so wichtig und nötig markiert, wie er für alle Menschen von der Wiege bis zu Bahre immer immer immer – egal was auf dem Weg dazwischen passiert – wichtig und nötig ist.

Macht_Struktur

Nach 8 Jahren wieder Schulbetrieb.
Massenschleuse und automatisierte Abläufe, die keine Augen haben.
Es gibt diese ganz spezifisch Desorientierung, die zum “neu sein” und “fremd sein” dazu gehört und eine Abhängigkeit erschafft, für die manche Personen nicht sensibel sind.

Steile These: es gibt so etwas wie Informationsbroschüren, Lagepläne und Laufzettel,
sowie automatisierte Abläufe, damit bestimmte Personen diese Sensibilität auch nicht haben müssen.
Manchmal glaube ich wirklich, dass Personen, die in Lehrbetrieben tätig sind, tatsächlich nur über die ständig perpetuierte Annahme, Kinder bzw. alle Personen, die +/- 5 Jahre jünger sind, als man selbst, seien “unfertige”/ “unterentwickelte”/unreife/ “unerleuchtete” Wesen, denen man “von Natur aus” alles häufiger sagen muss, sich überhaupt die Mühe machen, noch so etwas wie sachdienliche Informationen abzusondern. Obwohl eine verstehbare, stabil verlässliche Erklärung der Gesamtstruktur auch reichen würde.
Aber das würde ja Machtstrukturen auflösen, in denen Wissen Macht ist und einzig diese wiederum es ist, die den Unterschied zwischen den Personen macht.

Mir fallen solche Strukturen immer wieder auf und ich kann sie nicht ignorieren, wie es andere tun. Für mich ist es eine wirklich große Erleichterung, das auch so klar zu haben, denn oft genug wird und wurde mir vermittelt, es sei ein persönliches Problem von mir, ein Wille zur Macht oder Dominanz, ein willkürlich gesetzter Impuls zur Opposition von mir, wenn ich innerhalb (sozialer) Strukturen genau diese Komplexe aufzeige.
Mir liegt nichts daran andere Menschen zu beschämen oder sie zu entmachten, wenn ich ihnen sage: “Hör mal- du hast mir gesagt… aber du hast XY und deshalb…”. Meistens geht es mir in solchen Situationen darum klar zu machen: “Hallo – du hast gesagt, ich könnte mich auf dich verlassen/ du würdest mich versichern/ du würdest mir Möglichkeiten zur Orientierung geben und jetzt stehe ich hier und nichts davon nehme ich wahr.”.
Wären Menschen sensibel für Abhängigkeiten würden sie merken, wie schwer in mir die angetriggerten Empfindungen von ausgeliefert und verlassen sein, in einer potenziell lebensbedrohlichen Situation sein und so weiter, kreisen.
Einfach, weil nur wer Abhängigkeit versteht und begreift, auch Gewalt und ihre Folgen
versteht und begreift.

Wer spürt, dass es Abhängigkeiten gibt, der spürt auch die Gefühle ausgeliefert, verlassen, bedroht zu sein.
Wer Abhängigkeiten lediglich als etwas betrachtet, was man einfach mit einem neuen Ordner, einer neuen Aufgabe, einem Neuarrangement der Abläufe regeln kann, der wird sich von den Abhängigkeiten anderer Personen vielleicht eher ge- oder auch überfordert fühlen und sich mehr oder weniger reflexhaft darum bemühen sich selbst zu erheben. Notfalls auch mittels Individualisierung des Problems über Pathologisierung, Marginalisierung – schlicht: Ab- bis Entwertung der Person, die letztlich gar nichts weiter getan hat, als seine eigene Abhängigkeit offen zu legen.

Ich denke, dass es mir leichter fallen würde, solche Machtdynamiken und – strukturen zu übergehen oder zu ignorieren, würde ich einerseits weniger stark in traumaassoziierte Empfindungen getriggert werden und andererseits, mehr Handlungsalternativen haben und jeweils akut auch nutzen können.
Ich meide Gruppen in aller Regel nicht, weil ich Hierarchie ablehne oder, weil ich die Nasen der Personen nicht mag, sondern, weil ich sie in dem, was ich tun will in 90% der Fälle nicht brauche, um zu tun, was ich tun oder können möchte.
Ich gehe in Gruppen, weil ich etwas will und die Gruppe dazu ge-brauchen kann. Im Gegensatz zu manchen Personen, die diese Gruppen leiten oder auch nur organisieren. Die brauchen die Gruppe oft, um sie zu ge-brauchen – häufig wollen sie sie aber nicht. Weil sie Arbeit machen, Kraft kosten, viel schwere Verantwortung bedeuten und nicht zuletzt in eine Lage versetzen, in der eigene Abhängigkeiten etwas sind, das nie nie nie und nimmer Thema sein darf, weil sie potenziell am eigenen Machtstatus knabbern und es ein Risiko bedeutet, zu überprüfen, ob das tatsächlich so ist.

Man mag mir sagen: “Ätschibätsch – dein Wollen und Brauchen macht dich schwach und jetzt rufst du ein Mimimi in die Luft, weil dich das anpisst, anstatt dich selbst darum zu kümmern, dass du kriegst, was du brauchst.”. Von mir aus kann das jede Person sagen, die sich über solche Gewaltausübung an mir besser fühlt – es ändert aber nichts.
Nicht jedes Brauchen ist durch von Wollen geleitetem Kämpfen auch erreichbar.

Wäre dem so, gäbe es keine der Strukturen von denen ich gerade sprach.

9 Jahre später

Eislicht“Ist doch komisch, dass die Schneeflocken erst weiß sind und dann wasserfarbig.”.
Sie hockt mit dem Rücken zu den Windböen am Rand des gefluteten Ackers und betrachtet die Flocken auf den Ohren des Hundes, der auf ihren Füßen sitzt.
“Es ist kalt.”.
Die Worte klirren in ihr wie Eiskristalle.
Schmelzen. Laufen ihr vom Kinn herunter.

Der Wind drückt den Schneeschauer weiter
und zerreißt die Wolkendecke.
“Ich wusste gar nicht, dass wir einen Hund wollten.”
Die Sonne betrachtet sich zögerlich in den Pfützen.

Sie steht auf und steckt ihre Armstümpfe zurück in die Jackentaschen.
“Du?”, fragt sie, “Weißt du, wo zu Hause ist?”.