das ist auch Hartz 4

Irgendwie ist es ja so: Ich kotze meine gallenbittere Hartz 4 Realität hier hinein und mit Trauma und Gewalt hats dann doch erst auf den zweiten Blick zu tun.

Für mich, uns, die kleinen harten Knubbel unter der Haut über meinem Innen, für die ist das eine Wiederholung.
Jede Solidarität, jedes Mitfühlen, jedes Verstehen, das dann doch nichts ändern kann, tut weh, weil sich für sie, uns, etwas wiederholt.

Da sind Leute ohne Gesicht. Eine Macht, die alles von einem weiß. Alles von einem zu wissen verlangt. Vor der es keine Geheimnisse geben kann. Darf.
Da ist die Ohnmacht. Da ist das Wissen, dass es nur einen Knick braucht. Nur eine falsche Bewegung. Ein falsches Wollen. Ein falsches Wünschen. Eine einzige individuelle Regung, die auch nur ein einziges Kästchen sprengt
und das Leben, wie es war, ist zu Ende.

Und da ist auch
das Mitteilen von Not. Von Ohnmacht, Verzweiflung, Widerwillen, Ekel, Ungerechtigkeit.
Und dann die Worte.
“Oh ja, das ist sicher furchtbar.”
”Hartz 4 ist die totale Scheiße”
”.. so unmenschlich”
”Gewalt…”

Ich hab neulich so eine dieser wabrigen Erinnerungen gehabt, auf die kleinere Schatten folgten.
Die Horterzieherin, die fragte, obs denn nicht weh tut. Die Lehrerin, die sagte, ja Eltern könnten manchmal ganz schön blöd sein. Die Klassenkameradin, die stumm nickt und ihren Fußspitzen erzählt, dass sie weiß, was ich meine. Die Kinderärztin, die auf ihren PC tippt und sagt, dass alles da drin steht.
Und die Welt, die sich einfach weiter gedreht hat, als wäre nichts passiert.

Ist es eine Art Undankbarkeit, wenn ich gar nichts mehr erwidern kann, wenn mir Menschen ihr Mitgefühl mit meiner Hartz fear ausdrücken? Wenn sie fragen, ob sie mir helfen können und ich im Kämmerlein unter dem Vorwurf, andere Menschen dazu gebracht zu haben, zu denken, sie müssten mich retten, zerrissen werde, nur noch ein Danke herauskriege, das auch “Okay- nimm mich einfach” heißen könnte?

Hat mich das Hartz so zerstört oder war das schon immer so?

Ich denke manchmal, es ist eine Fähigkeit von uns – einer dieser komischen Faktoren, die beim Überleben helfen, dass wir uns ausdrücken können. Dass wir das so oft an Sprechproblemen und Wortlosigkeit vorbei  geschafft haben.
Und dann steht man in so einer Gesellschaft, die so ganz viel aus symbolischen Akten zieht. Aus Pro- und Kontrapositionierungen und Worten, nach denen man Taten gar nicht vermisst.

Ich habe mich vorhin bei einem alten Wunsch ertappt.
“Wenn es nur bitte bitte endlich vorbei wäre.”.
Ich denke wirklich oft: “Ja, gut – ich nehme die Armut, die begrenzten Möglichkeiten. Ich ziehe die Rentenlosigkeit und den Plastezahnersatz mit Mitte 30 und tausche gegen die Angst den Briefkasten zu öffnen und die Spirale aus Kämpfen und Verlieren.”

Ich hab einen ähnlichen Kompromiss als Jugendliche gemacht.
Weil ich in der Jugendhilfeeinrichtung ständig so furchtbare Bauchschmerzen und untergründig schwelende Todesangst hatte, hab ich getauscht und bin zurück nach Hause gezogen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wie es da eigentlich immer so war.

Ich weiß auch nicht, wie man ohne Rente und mit Plastezähnen so lebt.
Ich würds trotzdem gegen diese Hartz fear tauschen. Ernsthaft.

Aber Hartz 4 kann man nicht tauschen. Das kann man nur vererben.
Es gibt kein Raus für mich. Für uns. Jedenfalls nicht jetzt. Dieses Jahr. Nächstes. Übernächstes. Und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch noch überübernächstes Jahr nicht.

Und alle verstehen, wie furchtbar das für uns sein muss.

Und die Welt dreht sich einfach weiter.

0 thoughts on “das ist auch Hartz 4

    1. Wegen meiner Behinderung brauche ich eine Teilzeitausbildung und ein bestimmtes Umfeld. Das gibts selten.
      Also versucht man über ein Quasi-Null-Gehalt, mich zu vermitteln – dann bin halt doch noch in Hartz 4.
      Selbstständigkeit kann ich mir nicht leisten, weil ich keine Rücklagen oder Ähnliches habe, um auch scheitern zu können. Gnadenlos irgendwas planen geht auch nicht, weil ich mit einer Behinderung lebe und immer damit rechnen muss wieder nicht arbeitsfähig zu sein.
      Ergo ist die Ziellinie Hartz4 und Aufstocken.
      Das ist halt nur nicht „raus aus Hartz 4“

  1. Ich erlebe es mit, als Beobachterin, da ein sehr enger Freund Hartz4 bekommt (oder auch nicht, wenn er mal wieder nicht folgsam war, bzw. nicht folgsam sein konnte). Was er erzählt, ist teilweise unmenschlich.

  2. Ich bemerke, dass es sehr schwer für mich ist einen Umgang mit eurer finanziellen Situation zu finden. Da geht es um Autonomie, Freiheit (gedanklich, finanziell), um Chancen, Perspektiven – da ist so viel Leben in euren Worten und man schwankt hin und her – möchte zeigen, dass man da ist und liest, mitfühlt und doch nicht helfen kann. Und: wenn man denn helfen könnte, wüsste man nicht, ob das gut oder zerstörend schlecht ist. Weil es eben nicht nur darum geht „kein Geld zu haben“, sondern keine Perspektive mit dem Geld, das da ist. Ich lese vom Verlust oder die Bedrohung eurer Würde im Auseinandersetzen mit dem Jobcenter und denke dabei: es fehlt vielleicht Abstand. Zugleich kann ich mir vorstellen, dass, egal, was ich schreibe, doch nur eine elitäre, finanziell unabhängige Frau bin, die nicht weiß, wie es euch geht.
    So ist es auch. Ich habe mir meine finanzielle Unabhängigkeit erkämpft und kann diese bis heute halten, ohne zu wissen, ob das für immer geht. Letztlich geht es, meiner Meinung nach, nicht darum, ob andere Leute eure Arbeit finanziell unterstützen und ihr somit „in Arbeit steht“, weil ihr dann immer noch Hartz 4 bekommt und euch für diese Einnahmen rechtfertigen müsst, diese belegen und einrechnen lassen müsst. Das sind Tropfen auf dem heißen Stein.
    Ich sehe die Chance für euch darin, euch selbst eine Chance zu geben.
    Wenn einige von euch die Kunst lieben und leben und die Kunstschule eine Möglichkeit zur Festigung und Ausweitung eurer Fähigkeiten ist, dann wünsche ich euch von Herzen, dass ihr alle dies zulassen und auch aushalten könnt, dass es da eine Chance zur (Selbst)verwirklichung gibt, die nicht nur etwas mit inneren Wachsen und Bilden zu tun hat, sondern auch ein Wirken in der Gesellschaft zur Folge haben kann.
    Ich habe oft gemerkt, dass ich nicht die Anderen brauche, um leben zu können, sondern ich innere Stärke, Zuversicht und Erlaubnis benötige, um das, was zweifelsohne da ist, leben zu dürfen.
    Ihr habt Talent zum schreiben und Talent zum zeichnen/malen. Ihr braucht nicht uns* und andere, um daraus etwas für euch zu entwickeln. Wirklich nicht. Ihr seid keine Marionetten des Staates, der euch die Grundsicherung zukommen lässt. Es ist Zeit sich der Angst zu stellen, was passiert, wenn sich eure Lebensrealität tatsächlich verändern wird.

    Ich sehe euch immer vor meinem inneren Augen als Mensch, der voller Kreativität vor einer Tür steht und nur hinauszugehen braucht. Aber etwas hält euch fest. Und das sind nicht wir*.

    Vielleicht sind meine Worte schmerzhaft, aber ich wünsche euch alles, was notwendig ist und wird, um durch diese Tür gehen zu können.

    Alles Liebe