viele sein?

~ Fortsetzung ~

Eigentlich ist die Fragestellung “Bei mir wurde eine DIS diagnostiziert – was jetzt?” wichtig und gut. Leider wird sie selten so offen und breit gestellt, dass es Raum zum Austausch außerhalb bestimmter äußerer Rahmen geben kann.

Ich habe die Frage selbst erst gestellt, als die Diagnose an mir erneut gestellt wurde – und zwar der Therapeutin, die sie gestellt hatte.
Und heute frage ich mich: Wieso habe ich damals eigentlich nur die Therapeutin danach gefragt und nicht mich selbst oder mein Innenleben? Oder andere Menschen mit der Diagnose?
War ich eine von denen, die frag- und klaglos hinter Medizin und Psychologie her trottete und froh war, keine eigene Haltung haben zu müssen?
Hm, ich glaube schon an manchen Stellen und in Anbetracht der Tatsache, wie ich damals um mein Überleben kämpfen musste, ist es für mich heute auch so eingeordnet, dass ich mir das  vergeben kann.

Ich merkte, dass mir Antipsychotika, verhaltenstherapeutische Ansätze nicht halfen. Verloren hatte ich auf dem Weg bis zur Prüfung der DIS-Diagnose, aber schon die Instanz, die wirklich durchgehend ein wohl- bis mit-mir-mitwollendes Auge auf mich hätte haben können: meine Familie, meine Freunde, ein soziales Umfeld, das mich hat aufwachsen und entwickeln sehen. Niemand hätte für mich mit überprüfen können, ob das was da eigentlich in den 4 Jahren vorher passiert war, irgendwie vielleicht doch positive Auswirkungen hatte, die ich selbst nicht sehen konnte.

Was ich hatte, war mein Empfinden von: “Ey egal, was ich habe – eine Schizophrenie, eine Psychose oder eine Borderline-problematik, habe ich nicht.” und als die Diagnose der DIS bestätigt war, ich 12 Wochen lang in einem Umfeld war, in dem ich wirkliche Entlastungen erfahren konnte, war es mir am Ende auch egal, wie es hieß, was da in mir drin passiert.
Ich war froh darum, dass es einen Ort gab, in ich über J. und K. und C. und C. und all die anderen reden konnte, ohne, dass mir mein Bezug zur Realität aberkannt wurde. Ich war froh, dass mir endlich geglaubt wurde, dass es noch Gewalt in meinem Leben gab.

Heute und gerade in der Netzbubble zu Traumafolgeproblemen erlebe ich es so, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Beweise für die DIS im Gegenüber sehen wollen und verlangen, dass niemandem fälschlicherweise diese Diagnose gestellt wird. So kann man die soziale Umgebung der Selbsthilfe-Austauschforen und –gruppen und was es nicht alles gibt, für sich kontrollieren und das kann wichtig sein.
Es wird aber an der Stelle problematisch, wenn man mitbeachtet, wie unterschiedlich die DIS an unterschiedlichen Menschen aussehen kann und auch, wenn man sich anschaut, wie schwammig bis fließend die Übergänge zu weniger ausgestanzten Formen komplexer dissoziativer Traumafolgeprobleme sind.
Und auch: dass Falschdiagnosen üblich sind. Es gibt keine Diagnose und auch sonst nichts im Leben, bei dem es nicht zu Fehlern kommen kann.

Für mich ist es am Ende tatsächlich egal, ob jemand mit einer tertiären DIS oder einer leichten DDNOS vor mir steht und mich fragt, ob ich zufällig von einer Klinik weiß, in der Traumafolgeprobleme der Seele gut, sorgfältig und im Hinblick auf die Wahrung der Menschenwürde achtsam, behandelt werden. Wer bin ich denn, erst mal eine Diagnose abzufragen oder zu argwöhnen, die Person wolle es sich im rosaroten DIS-Wunderland gemütlich machen?

Und überhaupt – wo ist denn eigentlich dieses rosa Wunderland für Menschen mit DIS?
Und wo sind denn bitte all die Vorteile, die sich da so angeblich erschlichen werden wollen, mit einer vielleicht sogar gefakten DIS?

Was ich sehe ist oft gezuckerte Ohnmacht, stellvertretende Wut, und ansonsten nicht als Mehrsamkeit.
Ja, vielleicht ist Mehrsamkeit toll und vielleicht ist das Ziel des Netzeskapismus von DIS-Faker_innen nichts weiter als das. Vielleicht sind DIS-Fakes nichts weiter als richtig traurige einsame Würstchen, die einfach ein zwei drei Mal am Tag den Kopf getätschelt haben wollen und hören müssen, dass sie toll sind und das Beste tun, was sie können.

Das Ding ist: ich will an manchen Tagen auch nur das. Und manchmal will ich auch monatelang nur das. Und ich will das – wie all die DIS-Fakes wahrscheinlich auch: aus Gründen.
Unsere Gesellschaft ist so brutal miteinander und die Welt da draußen ist so verdammt hart für so verdammt viele Leute – aber Hauptsache nur die Menschen mit ner echten DIS oder mit einer echt nachweisbaren Opferschaft im Hintergrund dürfen darunter leiden?! Gehts noch?
Na klar ist es scheiße, wenn sich Mitgefühl über Lüge und Betrug erschlichen wird, aber woher sollen Menschen wissen, dass sie sich auch ehrlich an andere Menschen mit einen Wunsch nach Mitgefühl und ja, vielleicht auch Mitleid und stellvertretend geäußerte Wut, wenden können, wenn es eine Erlaubtheitsskala für Leiden oder Not jeder Art gibt?

Ein Punkt der in den DIS-Diagnosenkampfolympics nämlich auch übersehen wird, ist der Zweifel.
Bin ich wirklich viele oder ist das alles unecht? Bin ich krank? Bilde ich mir das ein? Ist die Diagnose richtig oder falsch? Was bedeutet das jetzt eigentlich – es hat sich doch gar nichts verändert? Ich bin nicht so wie andere, die von sich sagen, dass sie viele sind – bin ich also nicht viele? Wenn ich “ja” zur Diagnose sage, sage ich dann automatisch auch “brutale Missbrauchsfamilie”, “satanistische Drogenmenschenhandelweltverschwörungssekte” und – das Schlimmste: “wehr-schutz-hilfloses kindliches verlassenes missbrauchtes zerstörtes OPFER” ?

So eine Diagnose wird einem nicht mit einem Ordnungssystem gegeben und das letzte, was in einer guten Traumatherapie passiert ist, dass die Behandler_innen daher kommen und ihren Diagnostizierten sagen: “So, also sie haben eine DIS, weil XY und wenn sie jetzt diesen “Ja, ich habe die Diagnose in mein Krankheitenstickeralbum aufgenommen”- Bogen unterschreiben, bekommen sie einen Gutschein für 3 mal täglich Kopftätscheln, einmal in der Woche dürfen sie ins Flauschbällebad für Missbrauchsopfer und einmal 50 Minuten Mitleid im Rahmen der ambulanten Psychotherapie.”.

Der Zweifel an der DIS-Diagnose ist eigentlich das, was die gesamte Diagnosefindung ad absurdum führen kann und nicht selten zu existenziellen Krisen führt. Wenn man bedenkt, dass es für viele Betroffene von zum Beispiel komplexer Traumatisierung durch nahe Familienangehörige, existenziell wichtig ist, das eigene Bewusstsein für sich selbst, sein Sein und Selbst abzuspalten, muss es zwangläufig nicht nur schwer, sondern auch bedrohlich sein, über zum Beispiel eine Diagnose, die das eigene Sein und Selbst benennt (oder dies versucht) an eine Überbrückung dieser Spaltung herangeführt zu werden.

Es gibt Menschen (like me), die verbringen viel Zeit  damit, vor dieser Überbrückung zum Selbst-Bewusstsein herumzuspringen, weil sie das starke Empfinden von Bedrohung haben. Das Letzte, was dann hilft, sind Leute, in deren Gruppe man gekommen ist, um sich zu versichern, oder zu hören, wie es Menschen geht, die diese Brücke genommen haben, die dann erst mal einen Beweis für etwas haben wollen, wovon man sich selbst erst einmal für sich selbst versichern und ja, vielleicht auch überzeugen muss.
Man kann Dinge, die man selbst nicht wirklich an sich überprüft hat, von sich weisen, als wären sie nicht da.

Auch deshalb sage ich den Menschen, die diese Diagnose erhalten haben, aber zweifeln und hadern und vor der Brücke umher schleichen bis hopsen, bis sich ein Lager davor aufgebaut haben, dass sie ruhig rüber gehen können.
Weil sie nur gewinnen können und zwar: die Chance, selbst zu überprüfen, ob es passt oder nicht.

Manche Menschen brauchen Unterstützung bei dieser Überprüfung, manche müssen nur wissen, dass es ihnen nicht allein so geht. Manche brauchen im Außen jemanden, di:er ihnen sagt, dass sie bleiben, egal ob die Diagnose und all ihre möglichen Implikationen “echt” sind oder nicht. Und manche Menschen brauchen immer wieder die Erinnerung daran, dass es sich bei Diagnosen immer nur um den Versuch handelt, etwas zu erfassen un nicht um eine allmächtige Ordnung der Welt.
Und diese Unterstützung kann drei mal tägliches Kopftätscheln erfordern. Es kann bedeuten, dass Menschen erfahren müssen, was es bedeutet einen Umgang damit zu haben einmal zum Opfer von Gewalt gemacht worden zu sein.

Auf keinen Fall bedeutet es, dass man seine Not als frisch diagnostizierter, verunsicherter und belasteter Mensch vor anderen potenziell Unterstützenden beweisen muss. Zumindest nicht für mich.

~ Fortsetzung folgt ~

9 Jahre später

Eislicht“Ist doch komisch, dass die Schneeflocken erst weiß sind und dann wasserfarbig.”.
Sie hockt mit dem Rücken zu den Windböen am Rand des gefluteten Ackers und betrachtet die Flocken auf den Ohren des Hundes, der auf ihren Füßen sitzt.
“Es ist kalt.”.
Die Worte klirren in ihr wie Eiskristalle.
Schmelzen. Laufen ihr vom Kinn herunter.

Der Wind drückt den Schneeschauer weiter
und zerreißt die Wolkendecke.
“Ich wusste gar nicht, dass wir einen Hund wollten.”
Die Sonne betrachtet sich zögerlich in den Pfützen.

Sie steht auf und steckt ihre Armstümpfe zurück in die Jackentaschen.
“Du?”, fragt sie, “Weißt du, wo zu Hause ist?”.

es ist Hartz 4

Ich habe mir in dieser Woche viele Gedanken um Hartz 4 und Hartz fear und Armut in der heutigen Zeit gemacht.

Erst war da der Artikel vom Besuch der Musik- und Kunstschule, dann der Artikel von Jasna. Dann mein Termin am Montag bei meiner Jobcentersachbearbeiterin für die aktiven Leistungen. Dann heute Nachmittag der Brief mit der Zahlungsaufforderung über 770€ vom Jobcenter.

Es ist der 23. Januar und ich habe noch 20€ auf meinem Girokonto.
27 € in meinem Flattraccount. Etwa 10 € in Pfandflaschen unter der Spüle. Meine Spendendose für gemeinnützige Organisationen sieht nach etwa 8 € aus.

Januar ist Bahncardmonat – 62€, ist Jugendherbergenbeitragsmonat ~30€, ist der übliche StromHeizungTelefonInternetmonat ~100€ , war der Monat mit Fahrkosten vorstrecken – 43€, war mein Monat mit 389€ von dem ~154 € übrig blieben und 100€ zur privaten Schuldentilgung überwiesen wurden.
Und dann kam die Anfrage für einen Vortrag im März. Honorar ja, Fahrtkosten selbst tragen. Mach ich dann zusammen mit den anderen vorgestreckten Fahrtkosten im Februar – oh wait … ich hab noch gar keinen Bescheid vom Jobcenter über die Bewilligung von Leistungen zur Grundsicherung über den 31.1.2015 hinaus.

Ich habe das Gefühl, dass es egal ist, was wir tun, um diesem Hartz-Wahnsinn zu entkommen. Und das habe ich nicht nur, weil mein Flattr-Schatz so mickrig ist oder sich nur eine Person gefunden hat, die unsere Arbeit monatlich unterstützen kann/will/mag, sondern, weil ich merke und in Kontexte setzen kann, wie sehr biegsam mein Wert und der Wert meiner Arbeit ist. Auch meiner Arbeitskraft.

Am Montag saß ich bei meiner Sachbearbeiterin für die aktiven Leistungen im Jobcenter.
Sie sagte, ihre Hilfe für mich einen Ausbildungsplatz zur Grafikdesigner_In/Illustrator_In in Teilzeit zu finden, sähe so aus, dass sie mir zusichern kann, dass der Betrieb, der mich ausbildet, nur 100€ Gehalt an mich zahlen muss. Wär ja auch bequemer. Ich bekäme ja dann noch Hartz 4.
Mit dieser Information laufe ich jetzt seit Montagmittag herum und habe noch nicht ein Mal darüber geweint. Obwohl ich diesen typischen Weindruck im Kopf habe. Obwohl ich weiß, dass jede andere Person an meiner Stelle weinen würde.
Gibt so kleine Würdeinseln, die man bis aufs UnterderHaut dann doch verteidigt.
Ich schiebe das weg und ziehe mir das Vorstudium an der Kunstschule vor Augen. Das ist flexibel, die Innens, denen diese Arbeit liegt, fühlen sich dort gut.
Obwohl sie belächelt werden, abgeschätzt und bewertet.

Was wir da machen, hat nur für uns Wert. Und die, die mit uns sind. Also ihr Leser_innen. So ihr uns denn nicht doch nur lest, um euch besser zu fühlen, uns zu überwachen oder euch an uns zu messen. Das kann man nie wissen und vielleicht kann mir dieser Gedanke auch verziehen werden, denn letztlich spüre ich nur wenige von euch.

Ich bemühe mich darum an Geld zu kommen und immer wenn ich welches bekomme, ist es im Grunde schon aufgefressen, bevor es wirklich da ist.
Manche Menschen denken, ich hätte für die Vorträge im letzten Jahr viel Geld bekommen.
Und vergessen sich zu fragen, was mich die ordentliche passende und angemessene Kleidung, die Fahrten, die Arbeitszeit, die Unterbringung, die Teilnahmegebühren wohl gekostet haben. Armut sei nicht vereinbar mit einem Smartphone, einem Laptop, den Kontakten, die ich pflege, denkt es in diesen Köpfen.
Ich könnte nun ein Bild  von Kindern, die an Typhus sterben, weil sie kein sauberes Wasser, aber Markenkleidung und Handys haben, einfügen.

Ich würde so manchen Menschen gerne das Preisschild an ihrem Lebensstil zeigen.
Den Gegenwert, den ich ihnen für ihre Chancen und Optionen auszahlen würde, wäre das möglich.
Letztlich habe ich vielleicht gar kein Problem mit dem wenigen Geld. Vielleicht geht es einfach nur um realistische Aussichten. Um Chancen, die ich so nutzen kann, dass sie mich autonomer machen und nur leider einfach gar nicht da sind. Weil ausverkauft.

Hartz 4 bedeutet nicht “keine Arbeit”.
Hartz 4 bedeutet auch nicht “kein Geld”
Hartz 4 bedeutet “Existenzminimum”.
Hartz 4 bedeutet “kann nicht ohne Hilfe”.
Hartz 4 gibt es, um Armut zu verwalten.

Ich sitze auf dem Entwurf für ein Büchlein. Fällt mir gerade ein.
“Könnt ich ja mal fertig machen”, denke ich. Und dann sitze ich wieder vor diesem Softwareproblem und erinnere mich, dass ich um das zu lösen, den Account bei Patreon eingerichtet habe.
“Und was ist, wenn das Buch dann fertig ist?”, frage ich mich. Und erinnere mich an das Gespräch mit der Verlegerin. Kleine Zielgruppe, von Mediziner_Innen und
Psycholog_Innen dominiert. Es wird gewertschätzt werden – keine Frage.
das andere Ende der SchnurEs wird sich halt nur nicht verkaufen.

Ach…

Es ist nicht hoffnungslos.
Eigentlich ist es nur völlig egal, wie es mir damit geht.

Und mir gehts ja eigentlich gut.
Ich hab mir Tusche und ein Skizzenbuch gekauft.
Wenn ich erst mal einen Beruf gelernt hab…!

Chancen

Es sind ganz junge Füße, die mich durch die kalte Dunkelheit zu dieser Musik- und Kunstschule tragen. Ich merke das an dem Schwung im Schritt. An der Musik in meinen Ohren. An diesem ganz zarten Glimmen unterm Sternum. An dieser Fragenschleife: “Und dann darf ich das lernen? Also so richtig lernen? Und dann darf ich da was machen? Und dann ist das richtig echt? Und dann…”. An den großen Augen, deren Iris mich fast verschlucken.

Wir bekommen über 80% Rabatt, weil wir von Grundsicherung leben. Der Kurs geht, wenn alles klappt, 12 Monate. Am Ende könnten wir eine Mappe haben. So eine Richtige. Nicht so eine peinliche: “Ach nett, Sie machen also kleine süße Zeichnungen in ihrer Freizeit.” – Mappe, wie wir sie jetzt haben.
Es ist eine Chance.
Wenn sie uns vom Jobcenter als solche anerkannt wird und davor bewahrt, Bewerbungstrainings oder andere Maßnahmen machen zu müssen. Denn arbeitsfähig in dem Sinne sind wir inzwischen wieder. Maximal 4 Stunden am Tag – davon 3 am Stück. Die 4 te geht für den Weg hin und zurück drauf.
Die 4 Stunden, die uns noch zur “normalen Arbeitsfähigkeit” fehlen, die brauchen wir dann zu Hause, um die vorangegangenen 20 Stunden zu be.greifen, in den Mund zu stecken und nochmal zu essen.

Ist halt so. Wir haben die 50% im Schwerbehindertenausweis nicht, weil das Foto von 2004 darin so schön ist.
2004 da hatte das Innen, das sich zwischen die Mütter und Klein.Kinder setzte, um im Schulgewusel anzukommen und die Lautstärke mit den Haarspitzen zu erfühlen, das letzte Mal über eine Zukunft als um des Begreifens Willen lernende Person nachgedacht.
Jetzt krabbeln ihm Kinder mit Kekskrümeln auf den Kullerbäuchen um die Füße herum und könnten aus ihm selbst gekommen sein.

Der Leiter des Kunstbereichs ist nicht sehr angetan von den Zeichnungen. Er mag so gern lieber abstrakte Kunst, dass er uns markiert, wann die Kurse für figürliches Zeichnen sind. Das Innen zittert. Drückt sich die Wunschäußerung raus, alle Kurse des Angebots einmal zu probieren. Er reagiert nicht. Springt auf ehemalige Schüler_Innen zu, die zu Besuch kommen.
Der Leiter der Fotografiekurse kommt an den Tisch. Auf dem Bildschirm ist unser Fotoblog zu sehen.
Das Kinderinnen, das die Fotos macht, schiebt sich zaghaft zwischen das junge Innen, mich, den Schatten der Anderen und das Heute, das plötzlich so viele Gesterns gleichzeitig ist.

“Die Motive sind mir zu lieblich, aber dein Auge ist gut. Die Aufteilung, die Gestaltung, die Farben. Sehr gut. Du hast das drauf. Oh hier die Langzeitbelichtung – sehr sehr schön …” Er scrollt und ich frage das Kinderinnen, ob ich ihn etwas fragen soll. Oder, ob es ihm etwas zu den Fotos sagen möchte. Ob es Fragen zu seinem Kurs hat. Ob es den probieren möchte. Ich frage das mit der Generalschlüsselfrage: “Ist er ein Mensch*?” alles gleichzeitig und mein kleines Herz nickt eifrig. “Hier – niemand macht sich die Mühe so nah an die Wasseroberfläche zu gehen, um so etwas zu fotografieren- das ist sehr gut”, sagt er und erzählt dann, das man sich Kameras ausleihen kann, um bestimmte Dinge zu probieren. Manches von dem, was unsere Kompaktautomatikknipse nicht kann.

Das kleine Herz zappelt unter meinen Federn umher und strampelt sich heraus. Steht mit offenem Mund hinter den Augen und fuchtelt mit den Armen. Meine Wörter legen sich um seine Bewegung und klumpen aus dem Uns heraus. Der Leiter des Fotokurses hört zu. Schaut auf die Fotos. In unser Gesicht. Lächelt seine Augen zu einer dicken Linie zwischen vielen kleinen.

Dann verabschieden wir uns von ihm und folgen dem Kunstleiter durch die Ateliers.
Unser Schritt ist eckig geworden.
Wir sehen junge Menschen. Teenager. Kunst, die uns gnadenlos die Inspiration ins Hirn pumpt und an etwas zerrt, dem immer – dem seit mehr als 13 Jahren ein “hätte” oder “wäre” oder “wenn” vorausgeht.

Ich erinnere, was eines der anderen Herzen in der Therapiestunde aus sich herausstachelte: “Wenn ich nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich nicht krank geworden wäre.”, und einfach nicht weiß, dass es in dieser Welt des Heute damit sagt: “Wenn ich die Gewalt, den Schmerz, die Qual, die Not, die Folter, die Ausbeutung nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich keine (psychiatrische) Hilfe bekommen hätte.”.
Ich weiß: Es hat auch Recht.
Auf eine dieser perversen Arten, wie sie nur das Leben hervorbringen kann, hat es recht. Wenn wir nur bis zum Abitur durchgehalten hätten. Wir hatten die Chance singen, tanzen, Kunst machen und vieles mehr zu lernen. Wir hätten so viel mehr lernen können als das Notwendigste für Überleben und Realschulabschluss.

Wir kennen diese “Eigentlich wollen wir ja keine Elite sein”- Gymnasiumattitüde, die dann doch Markenkleidung trägt und Privat- oder Kursunterricht, wie den, den wir hier gerade mit unserer Besichtigung stören, erhalten kann. Neben Schüler_Innennachhilfe und Taschengeld, um am Wochenende ins Kino zu gehen.
Wir haben nicht dort reinpassen können und mussten das auch nie.
Aber da war die Chance.
Und wir haben sie nicht genutzt.
Warum auch immer.
Egal wie nachvollziehbar die Entscheidung war, wegzugehen und einen anderen Weg zu wählen.
Die Chance blieb ungenutzt und sie wird nie wiederkommen.

Unser Rundgang endet in einem Raum, in dem die Kurse für figürliches Zeichnen stattfinden. Es gibt einen Leuchttisch und die roten Haare des Innens lecken ihre Hitze bereits wieder in alle Richtungen. Mit einem Leuchttisch, kann es Trickfilmbilder besser zeichnen.
Wir fühlen uns durch den Raum, in dem viele Teenager sitzen, miteinander reden und uns verstohlen anschauen.
Mein Blick fällt auf das Grafiktablett eines der jungen Menschen dort.

Das Teil kostet neu über 800€. Frau Rosenblatt sabbert das Gerät seit der ersten Version durch das Internet an und fühlt jedes Mal den Schmerz des Wissens, dass es mehr kostet als das, was sie zum Leben vom Staat erhält. Weil das ihr Leben in einem Monat kosten darf.
Und dann liegt es einfach da.
Achtlos neben Wassergläsern abgelegt und mit Aufklebern verziert.
Es kostet so viel wie 100 Monate Kunstkurs für eine Hartz 4 Behinderte mit Splitter-Ich.
Würde der Kurs soviel kosten, wie es der Staat für Bildungsausgaben unter Hartz 4 vorsieht: 533 Monate.

Es liegt dort rum und würde es aufstehen und uns sagen: “Siehste- das haste nu davon!” – es wäre nur logisch.

Im Flur vor dem Raum liegt eine braune Labradorhündin und schläft mit dem Gesicht zwischen den Pfoten.
Wir tauschen Floskeln mit dem Kunstleiter und torkeln mit unseren Eindrücken im Kopf in die Kälte hinein.

Ich denke an den Artikel zum 10 jährigen Bestehen der Hartz 4 Gesetze, den wir uns seit Wochen aus dem Herzen rausschreiben wollen und daran, dass so viele Menschen von unserer Armut erfahren und dennoch denken, es hätte für uns jemals ein
“vor Hartz 4” gegeben. Ein “vor der Armut”. Ein “bevor es alles schwierig wurde”. Oder zumindest so mit uns sprechen.
Vielleicht, weil es so normal ist, dass jede_r mal ein “Früher war alles besser” hatte.

Wir hatten das nicht.
Wir hatten nur Chancen.
Und die haben wir nicht genutzt.

Weil wir statt auf ein Über.Morgen hinzuleben, ein Heute erkämpfen mussten.

Wir haben kein greifbares “wenn es vorbei ist”. Keine realistische Vorstellung, wie das Morgen nach dem Überleben, nach der Armut, wie das Ende des Hoffens erreicht werden kann. Wir wissen nur: das Bedürfnis der Therapeutin, der Welt, den Augen, die auf uns drauf schauen zu sagen, dass es in unserem Leben eine strukturell produzierte und aufrecht gehaltene Todesangst gibt, die für andere Menschen einfach nur “Hartz 4” heißt – das wird morgen wieder überlebt sein.

Genau wie alle Gewalt, Schmerz, Qual, Not, Folter und Ausbeutung, die wir überlebt haben bis wir 21 Jahre alt waren.

 

 

auftauen

Da lieg ich im Bett mit den heißen Körnerkissenschuhen an den Füßen, der heißen Körnerkisseneule auf dem linken – die heiße Körnerkissenrobbe auf dem rechten – Knick zwischen Oberschenkel und Becken und veratme den Schrei in meinem Kopf zu einem wattigen Hintergrundrauschen.
Ich fühle mich stark und schwungvoll. Allgemein auf eine Art “an”.
Ich fühle meine Ränder im Moment sehr gut und ich habe fast Spaß an meinem Mut mit ihnen irgendwo entlang zu kratzen.

Es ist der Wind, die Winterkälte und vielleicht auch die Erinnerung daran, dass es total egal ist, was ich tue. Wie ich es tue. Ob es nun gut ist oder schlecht, ob und was andere über mich denken – völlig egal.
Ich merke, ich kann jederzeit sagen: “Ja, ich bin ja auch scheiße. Passt schon alles.” und fühle mich damit so frei von den Urteilen und Bewertungen anderer Menschen über mich. Dass ich scheiße bin, muss mir ja niemand mehr sagen. Weiß ich ja schon. Und wenn ich für andere nicht scheiße bin, dann ist es ja schön für diese Personen. Ist ja nicht meine Sache, wer was wie findet für sich. Es hat nichts mit mir zu tun.
Hach. Geil.

Ich drehe meinen Kopf zur Seite und lege meine Stirn an NakNak*s Schulter.
Die Schindeln am Hausdach klappern unter den Sturmböen.

Im Innern meiner Zehen knackt das Eis auf. Um meine Mitte herum steigt Dampf hoch.
“und jetzt taue ich auf” denke ich und vielleicht lächle ich genauso wie der Schneemann Paul in der Frühlingssonne.

Und dann sterbe ich in die Nacht hinein.

 

 

 

Essen, das komisch guckt

das komisch gucktIn den letzten Monaten waren wir häufig unterwegs und ich twitterte öfter mal von “Essen, das komisch guckt”. Darauf kamen die Fragen danach, was das denn bedeutet. Wie guckt denn Essen (für mich)? Ist es, weil es tierische Produkte enthält? Weil es wie ein Gesicht angeordnet ist?

Ich habe das noch nicht so ausformuliert bisher, deshalb ist das hier ein erster Versuch:

Also, Essen, das komisch guckt ist:

1) Essen, das kein Lebensmittel mehr ist

2) Lebensmittel/Essen, das nicht aussieht, als wäre es mit Händen oder wie ein Getränk aufnehmbar

3) Lebensmittel/Essen, die ich nicht aussprechen kann

4) Lebensmittel/Essen, die nicht geschrieben werden, wie sie heißen

5) sehr kunstvoll arrangiertes Essen/Lebensmittel

6) Lebensmittel/Essen, die erst ein Pulver sind

7) Lebensmittel/Essen, die ich nicht kenne

Also: irgendwie alles, außer Leitungswasser, Milch und Lebensmittel, die man roh essen kann.
(Und selbst das kann man mir komisch gucken machen, wenn man es mir als “raw food” oder als “vom Fuße des Himalaya in eine Flasche abgefüllt” vorsetzt)
Eingefangen habe ich mir diese Bezeichnung zusammen mit meiner Essstörung, die ich hier im Blog eher als Umgang mit bestimmten Leiden beschreibe, denn als die Störung, die sie für meinen Alltag oft (auch) bedeutet.
Während mein hungern, erbrechen, fressen – mit Absicht viel oder weniger werden – , immer in einem Kontext passiert, der nachvollziehbar ist, ist die Sicht auf Lebensmittel und Speisen bei uns eigentlich immer die gleiche und vielleicht ist sie die eigentliche Essstörung, für die wir einen Umgang lernen und üben müssen.

Ich habe mir in meine Wünsche für 2015 geschrieben, dass wir öfter Essen kochen, das uns gut tut, damit wir das auch endlich mal wenigstens versuchen.
Bisher klappt es ganz gut, würde aber nicht funktionieren, wenn wir nicht unsere Gemögte hätten, die uns übers Telefon ermutigt, wenn es mal wieder ganz furchtbar komisch guckt.

Das verursacht der Blick eben auch mit. Wenn es zu komisch guckend ist, kann ich es nicht essen. Da ist eine Sperre und aus Versehen habe ich dann auch mal eine ganze Weile keinen Magen oder einen mit Rückschleuderkatapult drin. Wenn andere Menschen noch da sind, gehts hingegen.
Mit anderen Menschen zusammen ist die Nahrungsaufnahme häufig mehr Normenperformance als alles andere. Während ich es mit anderen Menschen schaffe einen Bissen nach dem anderen zu nehmen, mich zu unterhalten und dabei nicht wie das Biest im Disneyfilm auszusehen, bleibt mir davon zu Hause und allein kaum etwas davon, fühlt sich aber echter im Sinne von „mehr wie ich wirklich bin“ an.
Ich verwende von meinem ganzen schönen Geschirr exakt immer die gleiche Schale (bis sie anfängt komisch zu gucken – dann nehme ich eine andere) und koche in aller Regel monatelang das Gleiche auf die immer gleiche Art, zu immer der gleichen Zeit. Sonst guckt es komisch und ich brauche einen Jemand zum bei mir sein, während ich esse.

Mein Jahreswunsch ist eine Herausforderung, weil er für mich auch bedeutet mich abwechslungsreicher zu ernähren und das bedeutet: Veränderungen im Handlungsablauf der Zubereitung und Flexibilisierung der Beschaffungsprozesse. Unsere Art Lebensmittel zu beschaffen, hat immer mehr von einem Geheimauftrag und läuft immer wieder in Abhängigkeit vom Außen erfolgreich oder eher nicht erfolgreich ab.

Ich frage mich gerade, wie das wohl auf andere Menschen wirkt, wenn ich das einfach so daher schreibe.
Als Teil meiner Lebensrealität und eben einfach so Fakt.
Vielleicht klingt das sehr anstrengend und so, als würde mir Essen keinen Spaß machen oder nur Stress bedeuten. Aber das tut es wirklich nicht.

Es ist halt nur nicht so ein Automatismus, den ich mir jederzeit gestalten kann, wie ich es will oder ein Trend oder eine politische Überzeugung oder eine sonstwie gelagerte Ansicht es verlangt oder ermöglicht.
Vielleicht wird meine Art Nahrung zu mir zu nehmen auch nie „normal“ oder so unproblematisch, wie es das für andere Menschen ist.

Essen hat etwas mit am Leben sein zu tun.
Ist halt dann doch nicht immer so einfach zu machen, wie es aussieht.

auch noch behindert oder was?!

Es gibt so Menschensätze, die haben Zähne mit Frisur. Die beißen und sehen von Weitem weich und wuschelig aus.
Harmlos. Ist doch nur so gesagt. Ist doch nur gefragt.

Mir sind beim Zukunftskongress einige davon eingefallen. Einer ist mir zurück in seine Umlaufbahn um mein Denken herum gerutscht und schwebt mir nach ein paar Monaten Ruhe erneut als Satellit um empfindliche Seelenstückchen: “Jetzt sind Opfer auch noch behindert oder was?!”.
Ich habe damals geantwortet: “Nein – nicht SO” und gäbe es die Möglichkeit für Zeitreisen, würde ich mich aus diesem Gespräch, dieser Runde, dieser sozialen Umgebung abholen, mir sagen: “Du brauchst, das “nicht SO” nicht sagen. Du musst dich vor diesen Personen nicht so öffnen, um auf Probleme zu zeigen. Hier lebt Stellvertreter_Innenkultur.”.
Pastme würde mich anmeckern und diese Menschen verteidigen, weil es in dem Moment noch denkt, es sei ja nur eine Frage. Ganz harmlos weich und wuschelig. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.
Pastme wird erst im Zug nach Hause erinnern, das es böse ist und erst 8 Monate später begreifen, wie tief dieser Fragesatz seine Intension in es hineingebissen hat.

Ich habe über die Formulierung “seelische Behinderung” nachgedacht und erlebe sie im Moment treffender denn je.
Beim Kongress hatte ich sie verwendet und eine Person sagte mir, dass sie sie schwierig fände, weil die Seele für sie unveräußerbar sei.
Ich antwortete ihr, dass es die Seele ist, die sich irgendwie als erstes veräußert – ent-leibt, wenn man [(schwer ) versehrende] zwischenmenschliche Gewalt erfährt.
Wer sich wegmachen muss, weil er mit einem Schmerz, einer Angst, einer Umgebung und Abhängigkeit konfrontiert ist, die genau das zum Ziel hat – Zerstörung, Versehrung, das Abtrennen von Gut zu Böse – oben und unten – nun, der merkt, dass er seinen Körper nicht verschwinden machen kann. Aber sich selbst.

Man ist einfach nicht mehr da. Lässt alles los. Löscht sich aus Sinn und Unsinn, aus Wert und Zeit und versickert irgendwie im Irgendwo.
Manchmal macht man es ganz bewusst, wenn da ein Riese vor einem steht und jedes Wort aus seinem Mund zuflüstert, dass es besser ist, jetzt schnell nicht mehr zu sein und manchmal bleibt das Seelchen einfach stehen, während der Körper geworfen wird und keinen Boden mehr unter sich hat.

Und wenn es wieder zurück ist, dann ist vielleicht weder Erinnerung noch Wahrheit übrig. Dann ist da eine Indifferenz zwischen Körper und Seele, zwischen Heute und Gestern, zwischen Werden und Gewesen, die in jedem weiteren seelischen Entwickeln wie ein innerer Mariannengraben mit allen Spalten und Kluften am Rand wirkt.

Ich sehe einen Punkt in Gesprächen zu seelischer Behinderung und Opferschaft, der oft nicht bewortet ist, weil es das Vermeiden von Umdenken über Behinderungen allgemein gibt.
Auch die “Unerwünschtheit”/Uneinbringbarkeit anderer Blickwinkel auf die “lauten” Stimmen der Inklusionsdebatte spielen da mit hinein.

Wenn es nicht um Physis, Vermögen und Arbeit geht, gibt es keine Möglichkeit einer äußerlich sichtbaren Barrierenabschaffung. Keine veräußerbaren Dinge, die auf etwas hinweisen. Keine Hilfsmittel, die markieren, dass jemand etwas kompensiert oder überwindet.
Außer die Psychotherapie vielleicht.
Und über die darf man auch nicht wirklich neu denken, weil sie als Heilmittel gedacht und konstruiert ist – nicht als Krücke zur eigenen Entwicklung von Dingen, die den inneren Graben in sich aufschütten oder zusammennähen. Da rüttelt man ganz schnell an (auch patriarchalen) Strukturen, die “krank” und “behindert” am Rand einer Norm entlang definieren und Denkkonstruktionen wie “Objektivität”.

Man denkt Seele als krankbar, wie krank machend.
Als sprechend, aber nicht stimmhaft.
Alles und jede_r kann eine Seele in sich tragen, aber nicht alles und alle können sie zu Wort kommen lassen oder erleben sie so autark neben dem eigenen Willen und Wünschen, wie ich zum Beispiel meine Innens.

Ich erlebe meine Behinderung in der Interaktion mit einem (linearen/ein.s.fachen) Außen, das immer wieder (Gewalt)kompensierende Reaktionen in mir auslöst und mir diese Reaktion als “krank” und “unnormal” darstellt und ich sehe meine Behinderung darin, dass meine Seele eine Sprache hat, die oft nicht einmal von mir verstanden wird. Nicht darin, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde und körperliche Folgen und seelische Mariannengräben habe – sowas kommt von sowas und geht oft auch ohne erlebte Behinderung(en) aus. Es gibt viele Menschen, die sich über dieses geeinzelte und einzelnde Außen ihre stabilen Brücken über die inneren Gräben erschaffen können.

Pastme hat mich heute morgen berührt und gefragt, ob der Menschensatz Angst vor einer Er.Kenntnis der mehrfachen Stigmatisierung von Menschen mit DIS nach [(schwer) versehrenden] Gewalterfahrungen hatte.
Ich habe meine Arme geöffnet und wortlos genickt.

zurück drehen

Es ist die Zeit im Jahr, in der viel zurück und vor die eigenen Füße geschaut wird.
So drehe auch ich mich um und schaue durch die Finger vor meinen Augen.

2014 hat mich aufgeschlitzt, in den Seilen hängen und ausbluten lassen.
Herzblut, Wutblut, Mutblut.
Und mein Herz, das hat sich elektrisieren lassen. Hat mich hoppelnd von Akt zu Akt getragen und kleine Blüten in den Lauf der Dinge getropft. 

Ich habe gelernt, dass Lebens- und Seinskonstellationen wie meine extrem selten sind.
Was weh tut.
Herzen zer.springen lässt.
Fakt ist.

Ich habe gelernt, dass Menschen, die das Neue und Außergewöhnliche suchen, in aller Regel die Suche nach sich selbst scheuen und Neues erst akzeptieren, wenn sie eine Wunschversion von sich selbst darin erkennen können. Möchten.

2014 war das Jahr, in dem ich lernte, dass Macht immer korrumpiert. Auch Menschen, die ich “Gemögte” nannte.

Ich habe gelernt, dass ich in meiner Art über die DIS (dissoziative Identitätsstruktur) zu sprechen, streckenweise noch sehr allein bin. Zu politisch. Zu komplex. Zu abgehoben. Zu unkonkret. Zu unopferig. Zu unprofessionell. Zu viel Internet.
Ich habe gelernt, dass es leicht ist zu sagen, dass etwas “zu …” ist, wenn man sich selbst zu gemacht hat.

Anfang 2014 traf ich Menschen, die zur Traumafachtagung “Wir sind Viele” kamen, um sich von der Diagnose überzeugen zu lassen. Menschen, die davon überzeugt waren, dass es ja gar nicht so (schlimm) sein kann, wie es geschildert wird. Menschen, die davon überzeugt sind zu wissen, wie es ist, weil sie Menschen kennen und behandeln, die ihnen sagen, wie es für sie ist.
Für mich war die Teilnahme wichtig und ich bin nachwievor dankbar um diese Eindrücke und Einsicht in diesen kleinen Teil der Auseinandersetzung mit den Folgen, die so massive und zielgerichtete Gewalt auch haben kann.
Ohne Unterstützer_Innen, die ungenannt bleiben wollen, hätte ich weder die Tagungsgebühr, noch die Übernachtung, noch die Fahrt stemmen können.  

Eigentlich ist der Mai mein Monat.
Ich feiere Lebenstag, stärke und ermutige mich. Bündle mich für den Sommer, in dem es oft viel zu entdecken und erleben gibt.

Diesen Sommer habe ich damit verbracht mein Herz zusammenzuhalten, tapfer zu bleiben und mich nicht beirren zu lassen.
Irgendwo darinnen wurden wir eine 28 Jahre alte Person. Frau mit Sonderzeichen *.

Wir fingen an zu filmen und hörten auf, unsere Fotos als eigentherapeutisches Überbleibsel zu betrachten.
Die Verjährungsfrist für eine mögliche Strafanzeige wegen der Gewalt, die mich zu vielen machte, lief ab. Der Antrag auf Opferentschädigung rückte ins Nie. SonnenuntergangWalchensee
Das zehnte Jahr Hartz 4 begann. Ich verschuldete mich und erfuhr davon erst Monate später.
Unsere Therapeutin zog mit der Praxis um und wir hielten unseren ersten Workshop zur Sprachführung über Gewalt.

Ich fotografierte am Veranstaltungsort den schönsten Sonnenuntergang in diesem Jahr und schickte ihn mit meinem letzten Datenvolumen an die Person, die mir auch in diesem Jahr ein Leuchtturm war.

Wie viel Angst wir in der Zeit ausgehalten und getragen haben, konnten wir nicht formulieren. Wozu auch.
Am Ende zählt, was bleibt und das war im September dann ein Video von unserem Vortrag zur Sprachführung über Gewalt. Ich wollte ihn untertiteln und dann fiel mir auf, dass in dem Vortrag viele Stunden schwieriger Arbeit.szeit, Fahrtkosten, ein Kongressticket und die Aufgabe meiner Unanguckbarkeit gesteckt haben, die nicht honoriert bzw. erstattet wurden.
Wer Untertitel braucht, kann mich als Referentin* in einer Veranstaltung buchen (lassen), bei der direkt übersetzt wird.

Im Oktober zog ich aus, zu erfahren, wie das Böse in mir aussieht.
Nach Ereignissen im Jahresbeginn erschien es nötig darüber Klarheit zu bekommen.
Ich zog aus das Monster im Schwarz des Inmitten von mir zu finden und fand Teenagerinnens, die mehrfach den eigenen Suizid überleben mussten. Misshandelte, gequälte, verzweifelte, sprachlose, unfassbar verletzte Seelenstückchen, für die sich niemand interessierte, der für dieses Interesse nicht auch bezahlt wurde.

Ich fand die Wut und ich sah, dass sie gut war.
Nicht verantwortlich für die Signale auf die sie entsteht.

Im November zog unsere Therapeutin erneut um und wir bereiteten uns auf unseren ersten Vortrag zu ritueller Gewalt und einzelnen Punkten des Ausstiegs aus zielgerichteter Gewalt durch Personengruppen vor.
Inzwischen liegt eine vernünftige Aufzeichnung dazu vor. Die Kraft und der Mut, sich den Rückmeldungen derer zu stellen, die sich mit dem Thema aus einer anderen Perspektive als meiner befassen, nicht.
2014 ist das Jahr, in dem ich und mein komplett selbst hochgewuchtetes Tun mehr bewertet und beguckt wurde, als Haut über empfindlichen Stellen nachwachsen konnte.

Als Belohnung fürs Durch- und Aushalten fuhren wir 3 Tage nach Berlin.
Besuchten Menschen und Herzen. Erinnerten uns an die Relevanz dessen, was “Freiheit” heißt. Lernten, dass Kinder Übungs- und Gewöhnungssache sind. Erkannten, dass Berlin Mitte ein Stadtteil ist, in dem Todes.Angst und Bedrohung zum Lebensgefühl gehört, wie bei uns das provinzielle Flair, das denkt es sei von Welt.
Wir besuchten ein Konzert und betrauerten den leeren Platz neben uns genauso wie das klaffende Loch, das Gemochte und Gemögte Monate wie Jahre vorher in uns hineingerissen haben.

Kurz darauf kam die Möglichkeit den Zukunftskongress “Inklusion 2025” zu besuchen.
Es entstand der erste Artikel, der komplett gesponsert wurde und doch typisch Rosenblatt war, so wie der längste Artikel des Blog von Vielen.
Diese Tage waren rückblickend betrachtet das letzte Aufglühen.
Ein bisschen der letzte Versuch zu hören: Es gibt auch für dich Zukunft. Autonomie. Einen Platz in diesem System. In dieser Welt.

Ich habe gelernt, dass Inklusion für viele Menschen ein Geschäftszweig ist. Eine Art sich selbst und sein Agieren zu labeln. Ich habe gelernt, dass ich von Menschen, die selbst nicht behindert werden, nichts erwarten darf, ohne Verletzungen zu erleben, die nicht bewortbar sind, ohne Egos zu verletzen und Macht zu thematisieren.

Was mir in 2014 passiert ist, war das Moment, in dem ich deutlich wie nie zuvor gespürt habe, dass meine Zeit abgelaufen ist. Dass meine Zeit von Hilfen, wie ich sie brauche, vorbei ist.
Irgendwie bin ich zu einer Frau Rosenblatt geworden, die schon alles geschafft hat. Die ihren Weg schon gehen wird. Die schon irgendwie zurecht kommen wird. Die ein Netzwerkmensch, eine Macherin ist. Eine Frau Rosenblatt, die immer will und niemals braucht.

Ich habe gelernt, dass ich meine Bedürftigkeit ver.substantivieren muss und nicht kann.

Ich habe verstanden, dass Content im Internet kurz und heftig sein muss, um geteilt und gelesen zu werden und das einfach nicht meine Art Inhalte zu produzieren ist.
Jetzt in dieser Schwebezeit des Jahres komme ich an die Erkenntnis, dass wir im ganzen Jahr 2014 immer das Beste getan haben, was wir konnten. Immer das Beste von dem gegeben haben, was wir geben konnten.

“Ich bin auch noch da, wenn alle anderen weg sind”, ist der Satz dazu, der langsam beginnt, mich zu beruhigen und zu stärken.

Ich möchte vieles und ein paar Jemande in diesem Jahr zurücklassen.
Liegen, fallen, stehen lassen.

Sie und es nicht mittragen, wenn ich mich nach vorn drehe.