zurück drehen

Es ist die Zeit im Jahr, in der viel zurück und vor die eigenen Füße geschaut wird.
So drehe auch ich mich um und schaue durch die Finger vor meinen Augen.

2014 hat mich aufgeschlitzt, in den Seilen hängen und ausbluten lassen.
Herzblut, Wutblut, Mutblut.
Und mein Herz, das hat sich elektrisieren lassen. Hat mich hoppelnd von Akt zu Akt getragen und kleine Blüten in den Lauf der Dinge getropft. 

Ich habe gelernt, dass Lebens- und Seinskonstellationen wie meine extrem selten sind.
Was weh tut.
Herzen zer.springen lässt.
Fakt ist.

Ich habe gelernt, dass Menschen, die das Neue und Außergewöhnliche suchen, in aller Regel die Suche nach sich selbst scheuen und Neues erst akzeptieren, wenn sie eine Wunschversion von sich selbst darin erkennen können. Möchten.

2014 war das Jahr, in dem ich lernte, dass Macht immer korrumpiert. Auch Menschen, die ich “Gemögte” nannte.

Ich habe gelernt, dass ich in meiner Art über die DIS (dissoziative Identitätsstruktur) zu sprechen, streckenweise noch sehr allein bin. Zu politisch. Zu komplex. Zu abgehoben. Zu unkonkret. Zu unopferig. Zu unprofessionell. Zu viel Internet.
Ich habe gelernt, dass es leicht ist zu sagen, dass etwas “zu …” ist, wenn man sich selbst zu gemacht hat.

Anfang 2014 traf ich Menschen, die zur Traumafachtagung “Wir sind Viele” kamen, um sich von der Diagnose überzeugen zu lassen. Menschen, die davon überzeugt waren, dass es ja gar nicht so (schlimm) sein kann, wie es geschildert wird. Menschen, die davon überzeugt sind zu wissen, wie es ist, weil sie Menschen kennen und behandeln, die ihnen sagen, wie es für sie ist.
Für mich war die Teilnahme wichtig und ich bin nachwievor dankbar um diese Eindrücke und Einsicht in diesen kleinen Teil der Auseinandersetzung mit den Folgen, die so massive und zielgerichtete Gewalt auch haben kann.
Ohne Unterstützer_Innen, die ungenannt bleiben wollen, hätte ich weder die Tagungsgebühr, noch die Übernachtung, noch die Fahrt stemmen können.  

Eigentlich ist der Mai mein Monat.
Ich feiere Lebenstag, stärke und ermutige mich. Bündle mich für den Sommer, in dem es oft viel zu entdecken und erleben gibt.

Diesen Sommer habe ich damit verbracht mein Herz zusammenzuhalten, tapfer zu bleiben und mich nicht beirren zu lassen.
Irgendwo darinnen wurden wir eine 28 Jahre alte Person. Frau mit Sonderzeichen *.

Wir fingen an zu filmen und hörten auf, unsere Fotos als eigentherapeutisches Überbleibsel zu betrachten.
Die Verjährungsfrist für eine mögliche Strafanzeige wegen der Gewalt, die mich zu vielen machte, lief ab. Der Antrag auf Opferentschädigung rückte ins Nie. SonnenuntergangWalchensee
Das zehnte Jahr Hartz 4 begann. Ich verschuldete mich und erfuhr davon erst Monate später.
Unsere Therapeutin zog mit der Praxis um und wir hielten unseren ersten Workshop zur Sprachführung über Gewalt.

Ich fotografierte am Veranstaltungsort den schönsten Sonnenuntergang in diesem Jahr und schickte ihn mit meinem letzten Datenvolumen an die Person, die mir auch in diesem Jahr ein Leuchtturm war.

Wie viel Angst wir in der Zeit ausgehalten und getragen haben, konnten wir nicht formulieren. Wozu auch.
Am Ende zählt, was bleibt und das war im September dann ein Video von unserem Vortrag zur Sprachführung über Gewalt. Ich wollte ihn untertiteln und dann fiel mir auf, dass in dem Vortrag viele Stunden schwieriger Arbeit.szeit, Fahrtkosten, ein Kongressticket und die Aufgabe meiner Unanguckbarkeit gesteckt haben, die nicht honoriert bzw. erstattet wurden.
Wer Untertitel braucht, kann mich als Referentin* in einer Veranstaltung buchen (lassen), bei der direkt übersetzt wird.

Im Oktober zog ich aus, zu erfahren, wie das Böse in mir aussieht.
Nach Ereignissen im Jahresbeginn erschien es nötig darüber Klarheit zu bekommen.
Ich zog aus das Monster im Schwarz des Inmitten von mir zu finden und fand Teenagerinnens, die mehrfach den eigenen Suizid überleben mussten. Misshandelte, gequälte, verzweifelte, sprachlose, unfassbar verletzte Seelenstückchen, für die sich niemand interessierte, der für dieses Interesse nicht auch bezahlt wurde.

Ich fand die Wut und ich sah, dass sie gut war.
Nicht verantwortlich für die Signale auf die sie entsteht.

Im November zog unsere Therapeutin erneut um und wir bereiteten uns auf unseren ersten Vortrag zu ritueller Gewalt und einzelnen Punkten des Ausstiegs aus zielgerichteter Gewalt durch Personengruppen vor.
Inzwischen liegt eine vernünftige Aufzeichnung dazu vor. Die Kraft und der Mut, sich den Rückmeldungen derer zu stellen, die sich mit dem Thema aus einer anderen Perspektive als meiner befassen, nicht.
2014 ist das Jahr, in dem ich und mein komplett selbst hochgewuchtetes Tun mehr bewertet und beguckt wurde, als Haut über empfindlichen Stellen nachwachsen konnte.

Als Belohnung fürs Durch- und Aushalten fuhren wir 3 Tage nach Berlin.
Besuchten Menschen und Herzen. Erinnerten uns an die Relevanz dessen, was “Freiheit” heißt. Lernten, dass Kinder Übungs- und Gewöhnungssache sind. Erkannten, dass Berlin Mitte ein Stadtteil ist, in dem Todes.Angst und Bedrohung zum Lebensgefühl gehört, wie bei uns das provinzielle Flair, das denkt es sei von Welt.
Wir besuchten ein Konzert und betrauerten den leeren Platz neben uns genauso wie das klaffende Loch, das Gemochte und Gemögte Monate wie Jahre vorher in uns hineingerissen haben.

Kurz darauf kam die Möglichkeit den Zukunftskongress “Inklusion 2025” zu besuchen.
Es entstand der erste Artikel, der komplett gesponsert wurde und doch typisch Rosenblatt war, so wie der längste Artikel des Blog von Vielen.
Diese Tage waren rückblickend betrachtet das letzte Aufglühen.
Ein bisschen der letzte Versuch zu hören: Es gibt auch für dich Zukunft. Autonomie. Einen Platz in diesem System. In dieser Welt.

Ich habe gelernt, dass Inklusion für viele Menschen ein Geschäftszweig ist. Eine Art sich selbst und sein Agieren zu labeln. Ich habe gelernt, dass ich von Menschen, die selbst nicht behindert werden, nichts erwarten darf, ohne Verletzungen zu erleben, die nicht bewortbar sind, ohne Egos zu verletzen und Macht zu thematisieren.

Was mir in 2014 passiert ist, war das Moment, in dem ich deutlich wie nie zuvor gespürt habe, dass meine Zeit abgelaufen ist. Dass meine Zeit von Hilfen, wie ich sie brauche, vorbei ist.
Irgendwie bin ich zu einer Frau Rosenblatt geworden, die schon alles geschafft hat. Die ihren Weg schon gehen wird. Die schon irgendwie zurecht kommen wird. Die ein Netzwerkmensch, eine Macherin ist. Eine Frau Rosenblatt, die immer will und niemals braucht.

Ich habe gelernt, dass ich meine Bedürftigkeit ver.substantivieren muss und nicht kann.

Ich habe verstanden, dass Content im Internet kurz und heftig sein muss, um geteilt und gelesen zu werden und das einfach nicht meine Art Inhalte zu produzieren ist.
Jetzt in dieser Schwebezeit des Jahres komme ich an die Erkenntnis, dass wir im ganzen Jahr 2014 immer das Beste getan haben, was wir konnten. Immer das Beste von dem gegeben haben, was wir geben konnten.

“Ich bin auch noch da, wenn alle anderen weg sind”, ist der Satz dazu, der langsam beginnt, mich zu beruhigen und zu stärken.

Ich möchte vieles und ein paar Jemande in diesem Jahr zurücklassen.
Liegen, fallen, stehen lassen.

Sie und es nicht mittragen, wenn ich mich nach vorn drehe.

drei Nummern größer oder alte Kontakte neu erleben

Vor ein paar Tagen schrieb ich es in einer Email: “Das sind die Tücken von Krisen: Man kann daraus auch so groß wieder herauskommen, dass man ein neues Paar Schuhe braucht haha “

Wir haben im Zuge des “den hyperaktiven Kraken machens” Kontakt aufgenohmmen zu Menschen die uns früher ein Stück weit begleiteten auf verschiedene Arten.

Und wieder einmal habe ich in verschiedene Fenster blicken können. Es gibt Menschen mit denen wir damals viel Zeit verbrachten und die absolut erschüttert über unser jetziges Leben sind. Und es gibt Menschen, mit denen ich weniger eng oder intensiv oder bei denen wir weniger Nähe zulassen konnten, die uns nun in Gänze sehen- die jeden Schritt- jeden gewachsenen Zentimeter an uns zu schätzen und zu würdigen verstehen.

Was für eine Erfahrung!

Zum Einen fühle ich mich bzw die Innenkinder-Jugendliche darin bestätigt, dass anscheinend wirklich nicht jeder unsere Not und unser Elend wahrnahm- aber zusätzlich kommt auch mehr Verständnis dafür auf, warum nicht. Was es natürlich nicht besser macht- aber es wird greifbarer und erklärbar. Echter. Es gibt uns mehr in die Hand, um jenen Innenkindern und Jugendlichen eine Art Trost zu reichen, der ihnen vielleicht beim (Nach)Wachsen hilft.

Da war zum Beispiel eine Musiklehrerin. Jemand von uns hat bei ihr Klavier gespielt und eine kleine Insel im Alltag gehabt. Dieses Jemand hatte kein Wissen von unserem Doppel-Dreifach-Vierfach- multidimensionalen Pseudoleben. Ob dieses Jemand viel mehr gesehen hat, als die “Musikwelt” in der wir aktiv waren, ist bis heute unklar. Was hätte das Jemand also der Lehrerin vermitteln können? Gequetschte Finger, Brandblasen, entzündete Nägel, später dann Wunden in Handgelenknähe- das war alles Unvorsichtigkeit eines Mädchens das halt wild ist und die Klavierstunden als Ausgleich und Konzentrationstraining braucht. Die Eltern dankens ja.

Wir sind heute ein bisschen traurig. Und enttäuscht. Vielleicht gekränkt, nicht genug wahrgenohmmen worden zu sein. Aber mal wieder auch sehr verständnisvoll. (Mensch-ehrlich wir müssen uns das abgewöhnen- so kommt man nie dazu auch der Wut Raum zu geben.)

Ich habe mit der Lehrerin gesprochen. “Wie du arbeitest nicht? Du hast doch soviel Potenzial! Was ist aus deiner musikalischen Ausbildung geworden? Du bist so begabt! Ich habe gern deine Kompositionen gehört! Wofür hast du das aufgegeben? Was ist passiert?!”.

Einen (ganz flachen) Austausch (“Ich bin erkrankt und das hatte mich aus der Bahn geworfen”) später ist klar, warum auch dieser Mensch für uns nie Rettung hätte sein können. Es fehlt das Wissen darum, dass es eine Hölle auf Erden geben kann. Zu behütet, zu weit oben im System, zu sicher, zu gefestigt.  Wir hätten- selbst wenn besagtes Jemand ihr etwas vermitteln hätte können- enorm an ihrem Weltbild rütteln müssen und sie hätte es zulassen müssen.

Das ist etwas, das unter Umständen sehr viel (Gegen)Wert erfordert. Wir haben uns damals (und viele von uns tun das bis heute nicht) nicht für so wertvoll gehalten, dass ein Kämpfen “die Sache” (von der ja nie klar war, was sie a) eigentlich ist und b) was sie bedeutet bzw. was ein Leben in ihr bedeuten könnte!)  wert sei.

So nehmen wir heute die Begegnung mit dieser Lehrerin auf als Bestätigung dessen, was uns unsere ehm. Therapeutin auf ihre Art versuchte zu verdeutlichen: Damals war alles anders- wir waren anders und wir haben auf die Art überlebt, wie sie einzig möglich war. Etwas Anderes von sich zu erwarten (bzw. wütend über das eigene Handeln damals zu sein) oder auch von (manchen) Anderen (nicht den Tätern) zu erwarten, wäre nicht gerecht. Wir würden mit unseren Riesenschuhen von heute, die Babysteps von damals niedertreten und die verletzten Innenkinder und Jugendlichen in ihrer Not bestätigen.

 

Wir haben auch Kontakt aufgenohmmen mit Menschen deren Wertschätzung unserer Person schon damals bewusst war. Die uns schon früher mehr angenohmmen haben, als wir uns selbst. Die uns die Art bedingungsloser Zuwendung schenkten, die jeder Mensch bekommen sollte. Damals war es in unserem Kosmos vermutlich  noch die blanke Überforderung und vielleicht auch Angst.

“Du bist nicht jeder Mensch”,

“Du bist [… Entwertendes…]”

“Deine Bestimmung ist es […Platz für Pseudoreligiösität…] “

Alles das ist um so vieles mehr verankert und eingeprägt als jede Wertschätzung und Zuwendung, dass wir früher noch nicht viel mehr tun konnten, als entweder abzuwehren oder nach aussen anzunehmen, um es dann in einem Akt der stellvertretenden Zerstörung von uns zu weisen.

Nun habe ich Kontakt aufgenohmmen zu zwei Menschen, die nie aufgehört haben uns zu vermitteln, dass wir ihnen nicht egal sind. Dass wir für sie von Wert sind. Dass sie uns mögen so wie wir sind- mit Allen und Allem drin. Obwohl uns soviele Jahre trennen und wir uns eigentlich gar nicht mehr kennen.

Was für ein Geschenk!

Kann es eine bessere Begleitung beim Einlaufen der neuen (größeren) Schuhe geben?

Wohl kaum!