Vergebung

Früh am Morgen packe ich meine Sachen zusammen, um zum Lungenfacharzt und dann nach Hause zu fahren. Mein Blick fällt auf eine Liste der Freundin. „Vergebung hilft zu heilen“ steht da, mit vielen Punkten, was Vergebung ist und was nicht.
Ich schaue den Häuserschacht hinauf in den diesigen Morgenhimmel, auf die Uhr, in meine Kaffeetasse. Mir hängt der Gestank von Blut und Schweiß in der Nase, ich fühle mich klebrig verschleimt an, obwohl meine Haut warm und trocken ist. Ja, Vergebung, Heilung, whatever, das ist ein Modus, in dem ich gerade nicht bin.

„Und vielleicht auch nie komme“, denke ich als ich eine Anhöhe raufradle. Ich weiß nicht mal, wer mir das angetan hat. Wem soll ich vergeben. Und was überhaupt. Kaputtgehen passiert. Es ist eigentlich kein Ausnahmezustand, unheil und an irgendeiner Stelle irgendwie in irgendeinem Heilungsprozess zu sein. Ich steige vom Rad und befühle die Nagelbettentzündung an meinem kleinen Finger.
Der Flashback ist vorbei. Mein Alltag liegt vor mir wie ein ungepflegter Radweg.

Beim Lungenarzt sitzen außer mir nur Leute nach einer Covid-19-Infektion im Wartezimmer. Zwei haben einen Sauerstoffwagen neben sich stehen und sind kaum älter als ich. Meine Lungenfunktion ist so gut wie noch nie, mein Gewichtsverlust wird erneut goutiert und dass ich mich auch um eine Boosterimpfung kümmern soll, braucht mir mein Doc gar nicht erst schmackhaft zu machen. Im Wartezimmer wird gehustet. Kann man einem Virus vergeben?

Auch am Bahnhof gehts um Vergebung. Nach erst 30, dann 70 und 80 Minuten Verspätung, fällt der Flixtrain zwischen zwei verspäteten Zügen der Deutschen Bahn aus. Scheinbar schießen die Baustellen auf den Gleisen ohne jede Vorankündigung einfach aus dem Boden. Da kann man wohl nichts machen, außer demütig üben, nicht frustriert zu sein wie jeder normale Mensch. Wer heil sein will, muss sich selbst überwinden, oder so.
Im Zug lese ich in einer liegengelassenen Zeitung vom Elend an der Grenze zwischen Belarus und Polen, von der Überschwemmung in Sarajevo und dass schon jetzt die Länder am meisten unter dem Klimawandel leiden, die ihn am wenigsten befeuern. Keine Zeile übers Sterben im Mittelmeer. Die Coronatoten haben sich in Zahlen, die Realitätsverweigerer in eine unkontrollierbare Bedrohung verwandelt.
Die Welt ist kaputt, jede_r heilt für sich allein.

Die Sonne scheint das bunte Laub der Bäume an, ich schaffe den „Berg“ nach Hause zum ersten Mal in einem Rutsch. Der Partner verzögert seinen Abflug, um noch ein bisschen zu reden, die Hunde schnuffeln um uns herum. Der erste Adventskalender war in der Post.
Es gibt nichts zu vergeben. Hier heilt es sich auch so.

ein dritter November

7 Uhr 40. Es ist hell und kalt. 5° zeigt die Wetter-App, 3° meine Körperreaktion.
Ich vermeide es, bei so niedrigen Temperaturen länger mit dem Rad zu fahren. Anstrengung plus kalte Luft gleich Asthma-Attacke, das ist eine Rechnung, die fast immer aufgeht. „Vor allem, weil du deine Luke dauernd offen lässt!- Was bist du – ein Fisch?“
Ich presse meine Lippen aufeinander, trete in die Pedale, hoffe, dass weder meine Hand- noch meine Fußschuhe sehr feucht werden. Kurze Zeit später ist mein Mund wieder offen, eine Innere teilt mir eine Erinnerung an das Brechen der Nase zu. Ich beiße die Zähne zusammen. Lasse mich in die Musik auf meinen Ohren fallen. Langsam verschwinden sie darin. Meine Inneren, die Anderen, der ganze belastende Kram.

Umgezogen und restwarm steige ich in den Bus. Darin sitzt ein Psychiatriepfleger und quatscht den jungen Fahrer voll. Trotz Kopfhörern in den Ohren höre ich alles, was aus seinem unmaskierten Mund herauskommt. Wie die sich immer in Dinge verrennen und das manchmal ganz schön gefährlich werden kann. Dass die Arbeit schon Spaß macht, wenn man die erst mal unter Kontrolle hat.
Schon sind sie alle wieder bei mir. Sitzen mit im Bus, drängeln sich in meine Aufmerksamkeit, brodeln dicht unter unserer gemeinsamen Hülle. Er verstummt über einem Magazin als wir losfahren. Ich atme auf und merke, dass ich friere. Frühstück vergessen, Blutdruck im Keller. „Dumm dumm dumm – Warum bist du so scheiße?“ Musik an, runterfahren, Füße und Hände langsam und intensiv bewegen. „Nach dem Zahnarzttermin kümmere ich mich darum.“ Den Gedanken denke ich als solide Form mit glatter Oberfläche. Ein Monolith, an dem die vorbeirutschen, die sich nicht damit verbinden wollen/können und die haften bleiben, die Halt brauchen.

Ich komme zu spät zu dem Termin. Bauarbeiten, Güterverkehr, die deutsche Bahn an sich. Ich bin ruhig und froh ein Stück rennen zu müssen. Blutdruck wieder hoch, die Lunge meldet Stechen und Drücken, das Innere diffuse Bilder vom Kampf um Luft durch Stoff und Fremdeinwirkung. Ich bin ruhig und in der Dauerschleife eines Songs, der mir gut gefällt. Ich denke an nichts, fühle meinem Herzschlag nach, rufe in der Praxis an, um Bescheid zu sagen, als die Idee an mir vorbeischwimmt. „Okay, ist kein Problem – bis gleich!“, gibt die Mitarbeiterin durch an mich, die_r es weiter nach innen trägt wie einen Brief ohne Adressaten.

In Bielefeld liegt eine tote Taube auf dem Sand am Fuß einer Stadtplatane. Ich greife den Lenker des Rads fester, fixiere meine Umgebung, sehe alles, erkenne nichts. Jemand inneres fährt uns zur Praxis, ich zittere als ich absteige. Klopfe mich ab, schüttle mich aus, ziehe mich zusammen, um meine Aufmerksamkeit zu bündeln.
Meine Zähne sind super, meine Figur auch. Seit dem frühen Sommer habe ich 32 Kilo abgenommen, das wird von der Mitarbeiterin goutiert, was mich irritiert. Meine Zähne richtig zu pflegen und gut zu behandeln war viel schwieriger, als mein Übergewicht zu reduzieren. Ich denke das laut und drehe ein jüngeres Ich weg von dem vergifteten Kompliment, um nicht gleich beim Frühstücken von ihr gestört zu werden.

Was gut funktioniert.
Bei Tee und einem Brötchen sitze ich in der Bäckerei und suche eine Zugverbindung zurück aus. Eine Stunde habe ich noch. In der kaufe ich mir einen Bademantel für die Schwimmhalle und werde zwei Mal fast von Autofahrer_innen überfahren.
Dann steige ich in den RE6 nach Minden, der nie pünktlich in Minden ankommt und heute sogar so viel zu spät ist, dass ich alle möglichen Anschlüsse nach Hause verpasse. Eine Stunde stehen wir am Gleis, essen ein zweites Brötchen zum Mittag, trinken das eiskalte Wasser aus der Trinkflasche, fangen wieder an zu frieren.
Auftauend im Zug denke ich darüber nach, statt ins Sportbecken in die Sauna zu gehen. Einmal ganz tief aufwärmen tut bestimmt genauso gut, wie eine Stunde Bahnen ziehen. In Wunstorf, meinem Hassbahnhof, warte ich auf den Umstieg und fühle die ersten Regentropfen. Die Wärme ist dahin, wenn wir durch den Regen nach Hause gefahren sind. Grmpf. „Bald haben wir den Führerschein.“ muntere ich mich selber wieder auf und fahre am Feierabendverkehr vorbei in die Schwimmhalle.

Der Bademantel ist mir viel zu groß. Da ist sie also immer noch, die verschobene Körperwahrnehmung – oder die Problematik, dass L bei Marke A die XXS von Marke B ist und andersherum. Eine Person kommt mit zwei kleinen Kindern in die Umkleidekabine. Mir wird schlecht, ich esse, einer spontanen Eingebung folgend, die Banane in meinem Rucksack und wickle mich fest in den Bademantel. Die Kinder hüpfen nackt durch den Raum, ich bin erfüllt von einer fremden Panik, dass sie mich berühren könnten. Ich sage irgendwas Nettes zum Abschied und stiebe wie dampfgetrieben zu den Nassräumen. Hier ist es nicht voll, ich bin allein da. Atme mich ruhig, denke das Wort „Nichts“ in Schreibschrift, spiele ein bisschen mit dem warmen Wasser aus der Dusche.
Im Bademantel laufe ich an den bodentiefen Bistrofenstern vorbei. „Hah, so ist es besser“ stecke ich mir meinen ersten Triumph des Tages an die Brust und ersticke das schlimme Gekeife der Dunkelbunten im Sportbecken, wo ich schon nach einer Bahn nichts mehr denke, erinnere, von den anderen spüre. Ich schwimme meine Routine durch, beobachte wie Anna heute ihr Seepferdchen schafft und wackle zur Düse im Entspannungsbecken, um meinen Mausarm massieren zu lassen. Es ist zehn vor halb 6 als ich das Wasser verlasse, den Bademantel ein weiteres Mal feiere und mir unter der Dusche den langen Zopf aufmache.

Es regnet immer noch. An die Gebäudewand gelehnt, esse ich noch die beiden Äpfel aus dem Rucksack und suche nach Schlupflöchern in meiner Angst vor dem Radfahren in der Dunkelheit. Es gibt nur eins und das verschluckt mich. Irgendwie komme ich zu Hause an, wo der Partner schon zu Abend isst und die Hunde mich sachte anstupsen.
Wir kochen schnell, essen noch schneller, gucken unsere Serien, versuchen zu erfassen, wie es dem Partner geht, liegen früh mit zwei Wärmflaschen im Bett unter der schweren Decke.

„Für einen dritten November nicht schlecht“, denke ich kurz vorm Einschlafen.

Autismus, Trauma, Kommunikation #10

Es ist einer der größten Risikofaktoren für autistische Menschen im Kontakt mit anderen Menschen unbeabsichtigt negative Irritation, unangenehme Gefühle oder falsche Annahmen über die Ziele und Intentionen der jeweiligen Gespräche und anderen Interaktionen auszulösen. Da geht es um unterschiedliche Kommunikationsstile, unterschiedliche Fokussierung, um unterschiedliche Interpretationsgewohnheiten und die soziale Position, aus der heraus man spricht bzw. in der man sich wähnt.
Es geht aber auch darum, wie ein Gegenüber mit negativer Irritation und/oder unangenehmen Gefühlen umgeht. Und auch welche Strategien man entwickelt, um sich der Ziele einer anderen Person zu versichern und wie man die eigenen Grenzen oder auch den eigenen Status in einer Beziehung schützt.

Für mich ist die Wahrnehmung negativer Irritation wichtig, um mich zu schützen. Ich weiß, dass es mir nur selten gelingt, andere Menschen von meinen Intensionen und Zielen einer Interaktion zu überzeugen, sind diese erst einmal von ihrer Wahrnehmung von mir überzeugt.
Was für die meisten neurotypischen Menschen ein kleines, eher unbedeutendes Missverständnis ist, das sie in 5 bis 10 Phraselrunden wieder ausgebügelt haben, ist für mich schnell eine Erfahrung von Gaslighting. Eine Manipulationserfahrung. Eine Negierung meines Anteils an einem Kontakt. Und also alles andere als leicht wieder gutzumachen, denn es geht dann ja nicht nur um die Situation selbst, sondern auch um den Kontakt. Es ist schmerzhaft, sich manipuliert oder negiert zu fühlen und sich gleichzeitig darüber aber nicht sicher sein zu können, denn es könnte ja doch einfach nur ein Missverständnis sein. Das ist auf Dauer ein Problem für jede Beziehung, für jeden Kontakt über längere Zeit. Denn auch ich habe ja das Bedürfnis mir einer gemeinsamen Basis sicher sein zu können.
An der Stelle treffen Autismus und Trauma zusammen.

Menschen, die sich als Kinder nicht auf die gemeinsame Basis mit den Menschen um sie herum verlassen konnten, werden das später nie automatisiert einfach tun. Sie werden immer hinterfragen, immer unsicher sein, sich nie auf ihren Instinkt, ihre Intuition, ihr Bauchgefühl verlassen, wie es jemand mit ihnen meint. Was sie leider auch zu Menschen macht, die ihre Partner_innen oder nahe Familienangehörige eher in Situationen bringen, die diese als emotionales Gaslighting empfinden und immer wieder eine Versicherung über die Motive und Ziele von Interaktion zu fordern, die sie gleichzeitig aber gar nicht glauben und wirklich annehmen können.
Denn es ist ja das eine, sich damit zu schützen, dass man sich auf nichts verlässt und an nichts und niemanden bindet – es ist aber ein menschliches Grundbedürfnis, sich sicher und verbunden zu fühlen und man braucht für diese Art der Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen einfach Vertrauen in den Wahrheitsgehalt dessen, was man selber wahrnimmt und andere Menschen vermitteln.
Wenn sich diese Sicherheit über die Dauer eines Kontaktes nicht einstellt, begibt man sich miteinander schnell mal in eine Wiederholung der traumatisierenden Dynamik und damit in Gefilde, in denen man als traumatisierte Person wirklich allein ist, weil ja alles immer durch diese Angst- und Zweifelfilter durchgeht. Da ist es völlig egal, wie oft wer was wie sehr versichert oder beteuert, macht und tut. Man er_lebt tatsächlich unterschiedliche Realitäten und kann sie nur mit Vertrauen, Sicherheitsgefühl und der Fähigkeit zur Selbstberuhigung miteinander verbinden. Das Drama komplex traumatisierter Menschen ist jedoch, dass Menschen Sicherheitsgefühl, Selbstberuhigung und Vertrauen nur sicher gebunden überhaupt erlernen.

Das bedeutet, dass komplex traumatisierte (also als (kleine) Kinder (von den Eltern oder ähnlich nahen Menschen im direkten Umfeld) traumatisierte) Menschen als Erwachsene mit einem Defizit leben, das sie oft nur mit Mut und der Fähigkeit sich in die Gegenwart zu reorientieren kompensieren (lernen) können. Sie müssen wissen, wann sie sich „von ihren (früh_kindlichen Todes-)Ängsten verrückt machen lassen“ und wann es von ihnen kompensierbar ist, sich mal auf ein Sicherheitsgefühl einzulassen – um vielleicht überhaupt mal zu fühlen, wie das ist. Wie ist das, wenn man mal locker lässt? Mal annimmt, etwas ist, wie es zu sein scheint? Wie fühlt es sich an, wenn meine Erwartungen an einen guten Ausgang einer Situation sich auch wirklich erfüllen? Und wie oft werden meine Erwartungen an einen guten Ausgang von Situationen eigentlich erfüllt?
Außerdem müssen sie verstehen und begreifen, dass sie sich langfristig schaden, wenn sie sich vor Verbindung schützen, weil sie gegen ihre Menschlichkeit handeln. Sie behindern sich selbst, sie verletzen sich selbst, sie arbeiten – krass ausgedrückt – an ihrer Vernichtung. So wie das Trauma sie zu vernichten bedroht hat, weil ein (oder auch alle) Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurde.n.

Immer, wenn mein Mut zum Sicherheitsgefühl (empfinden/annehmen) belohnt wurde, habe ich viel gelernt. Natürlich erst einmal, wie es sich anfühlt sich sicher zu sein und zu bleiben, aber auch, dass es durchaus klargeht. Dass ich richtig einschätzen kann, wann mein Mut zur Empfindung mich nicht gefährdet hat. Was ich gebraucht habe, um diesen Mut aufzubringen. Was geholfen hat und was nicht. Dass ich als erwachsener Mensch mit Ängsten umgehe, die früher ein wichtiger Marker für meine Gefährdung waren, aber heute ein Marker für eine andere Art von Gefährdung, weil ich meine Grundbedürfnisse spüre, ernst nehme und mir, soweit es geht, bedingungslos erfüllen kann, weil ich dafür niemanden mehr zwingend brauche.

Missverständnisse mit anderen Menschen haben früher mein Leben bedroht, und zwar ganz direkt.
Beleidigungen, Phrasen oder Redewendungen wörtlich zu nehmen, Trickfragen nicht erkennen können, den Anteil eines Gespräches, in dem jemand die eigene Überlegenheit und Macht über mich kommuniziert, übergehen, sich in Situationen sicher zu fühlen, weil bereits erlebte Misshandlungsszenarien in Details verändert wurden, die als Erkennungsmerkmal funktionierten … das sind Situationen gewesen, in denen mein autistisch sein zu negativer Irritation führte, den Täter_innen aber auch extrem erleichtert hat, die Gewalt an mir zu legitimieren oder meine Ausbeutung nicht als solche wahrzunehmen.

Heute sind es nicht mehr die großen körperlich bedrohlichen Szenarien, die mir Probleme bereiten, sondern die kleineren sozialen. Denn die bringen mich an emotionale Verletzbarkeiten und Traumata. Und die sind für mich bis heute schwer zu reorientieren, weil sie nie aufgehört haben. Ich kann es schaffen, sie von den Personen zu lösen. Kann mich daran erinnern, dass ich mehrheitlich von neurotypischen Menschen umgeben bin, die einfach immer alles als auf sie persönlich bezogen einordnen, die von mir gesagt bekommen müssen, was ich fühle und möchte (obwohl sie sich seltener die Mühe machen, sich mir zu übersetzen) und dass ich vieles einfach anders wahrnehme.
Das macht aber die Verletzung nicht weg. Und auch nicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn das Grundbedürfnis nach sozialer Verbundenheit einfach nicht erfüllt werden kann, weil sich niemand in der direkten sozialen Umgebung ähnlich wie ich ver_bindet.
Aber es ist richtiger als der traumalogische Schluss, dass ich nichts dagegen tun kann. Dass ich deshalb komisch bin oder falsch und ja kein Wunder ist, dass mich niemand mag. Dass ich meine Einsamkeit irgendwie nicht anders verdient hätte und mich in ihr einrichten muss, obwohl ich das gar nicht will. Oder, dass meine Gefühle von Verletzung zu äußern falsch ist, nur weil andere Menschen unverletzt aus dem herausgehen, was sie als Missverständnis interpretieren.

Je mehr ich mich mit diesen Dingen auseinandersetze, desto bewusster wird mir, dass ich weiter sehr viel mehr Mut und vielleicht auch Opfer aufbringen muss, um ein alle Grundbedürfnisse erfülltes Leben zu führen. Das macht mich manchmal traurig, weil das sehr anstrengend ist und häufig auch mit Unverständnis des Umfelds einhergeht. Andererseits macht es mich auch froh und dankbar, weil es mich daran erinnert, dass die Alleinverantwortlichkeit für die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse heute kein zu hoher Anspruch mehr an mich ist, wie damals als Kind und Jugendliche_r.

Und, weil ich das Leben heute als etwas fühlen kann, das eben nicht um (die Verhinderung von) Schmerz und Not kreist, sondern um Grundbedürfnisse, die sind, weil sie sind, weil das Leben ist und ist und ist.

Training fürs Leben im Niemandsland

Als ich auf dem Nachhauseweg bin, begreife ich, was ich hier eigentlich mache.
Ich trainiere mich normal. Zwinge mich zu unauffälligem Wieallesein. Konditioniere mich auf einen weiteren Bereich außerhalb meiner Grenzen. Weil ich ein Kind haben aufziehen eine Familie gründen möchte. Weil ich denke, dass das meinem Partner Sicherheit gibt, mir alles einfacher macht, es dann überhaupt nur klappen kann.
Wieder dreht eine Zeile des Songs eine Runde in meiner Erinnerung. Ich trete in die Pedale und mir in den Arsch. Weiter jetzt.

Den Ohrwurm habe ich mir beim Wassersport-Kurs eingefangen. Ein Charthit der frühen 2000er, die ich überwiegend unter Schmerzen, ständig blutend und verkrustet erlebt habe. Verzweifelt und ebenfalls ständig außerhalb meiner Grenzen.
Ich war eine Stunde mit dem Rad gefahren, um dann eine dreiviertel Stunde im Wasser zu arbeiten und dann wieder zurückzufahren. Um weiter Gewicht zu verlieren, weiter Kraft und Ausdauer aufzubauen, Stress zu kanalisieren und leichter schwanger werden zu können. Es ist total bescheuert, aber das ist der Kinderwunsch an sich wohl auch. Denn jetzt, wo ich 35 bin, wollte ich es nicht mehr versuchen. Ich wollte fertig sein, zwei Kinder versorgen, dem Windelhorizont mindestens entgegengehen. Jetzt stehe ich hier im Niemandsland und kann nicht mal darüber entscheiden, in welche Richtung ich weitergehe.

Ich könnte sagen: „Ja, das wars.“ Und mir das Herz brechen, weil ich wieder etwas normales, gesundes, einfaches … natürliches … an meine Unnormalität, meine Abartigkeit, meine Kaputtheit verloren habe. Und dann irgendwas von den Dingen machen, die gehen, gerade, weil ich keine Kinder zu versorgen habe. Das Architekturstudium zum Beispiel. Irgendwie muss das Nachwachshaus ja schließlich gebaut werden. Oder die Wanderung von Kreta nach Spitzbergen. Oder das Bücherschreiben in einer Muchtelbude irgendwo im Ausland.
Aber – werden diese Dinge mich glücklich machen, wenn sie auch das Eingeständnis sind, dass ich zu kaputt für eine Familiennormalität bin?

Ich könnte es aber auch nicht aufgeben. Könnte warten. Hoffen. Noch mehr Geduld mit dem Prozess haben, obwohl 10 Jahre Kinderwunsch und 3 Jahre Geduld haben schon wirklich viel ist. Vor allem, wenn es sich nach Lebens_Zeitverschwendung anfühlt und immer auch nach etwas, das mir in Wahrheit überhaupt nicht zusteht, weil es alle sicher besser hinkriegen würden als ich. Weil die normal sind und ich nicht. Weil die nicht ich sind.

Ich bin zur Schwimmhalle gefahren, obwohl ich Angst vor einem Unfall hatte. Die Hunde allein zu Hause, ich tot auf der Landstraße, der Partner im Bergurlaub – eine lähmende Horrorvorstellung, die ich hinter mich gepresst habe, wie das Erinnern an die Gewalt in meiner Kindheit.
Ich habe meinen Gehörschutz im Spind gelassen, obwohl ich weiß, dass gerade Schwimmhallen und Wassersport mich sensorisch schnell überreizen. Aber der Partner schwimmt gerne. Ich will mit ihm schwimmen können. Ohne Hilfsmittel, die mich als unnormal auszeichnen. Will ihm zeigen können: „Hier guck, das hier ist die Hölle für mich, aber ich weine gar nicht, weil ich mich absolut sicher im Griff habe!“

Ich muss das trainieren, wie ich jeden anderen Teil meines anscheinend normalen Er_Lebens eintrainieren musste. Würde ich meine Grenzen und Gefühle beachten, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Nicht mehr allein, nicht mehr arbeitslos, in der Lage, mich nachhaltig und bedarfsgerecht zu versorgen und selbst_bewusst genug zu sagen: „Ich kann dieses Er_Leben.“
So oft sagen Leute, dass das schlimm ist. Dass man für niemanden die eigenen Grenzen übergehen soll und dass es nichts gibt, was die Quälerei wert ist. Und gleichzeitig haben sie einfach keine Ahnung, wie die Welt wäre, würden alle immer auf die eigenen Grenzen achten und gäbe es auch gesellschaftsstrukturell keine Notwendigkeit, sie immer wieder überwinden zu müssen.

In meinem Leben hat sich lange niemand um meine Grenzen überhaupt geschert und danach wurden meine Grenzen an Punkten gedacht, wo sie selten auch wirklich waren. Jetzt weiß ich, dass sie tatsächlich sind, wo für andere noch lange keine sind. Jetzt verstehe ich, warum ich mich mein Leben lang im Niemandsland bewegt habe – und vermutlich auch für immer bewegen werde. Auch, wenn es alle gut und lieb mit mir meinen.
Ich werde mich immer zwingen, trainieren, ein Stück weit von meinem Empfinden dissoziieren müssen, um mit anderen Menschen zusammen sein zu können. Das ist der Deal, ich habe ihm zugestimmt, als ich mich für mein AmLebensein entschieden habe. Nur, was ich darin bereit bin zu tragen, ist mir noch nicht so klar.
Denn: Wenn ich mich schon so anstrenge, dann sollte es doch wenigstens so sein, wie ich es mir wünsche?

Masking

Das Thema „Masking“ begegnet uns bereits länger immer wieder. Insta-Kacheln mit Listen, wie Masking aussieht, was es bedeutet, Tweet-Ketten darüber, was das ist und welche Funktion es hat, das scrolle ich inzwischen einfach weiter, denn ich weiß schon Bescheid. Ja ja, das Versteckspiel unter den Anderen, das Anpassen und Verunauffälligen in einer Welt, in der unerwünscht ist, was anders ist lalila I did that dance with my DIS, my Traumascheiß, my Me, my Life, my Everything

Es ist kein Thema mehr für mich, weil ich das Sackgassengefühl nicht mehr aushalten kann.
Weil ich merke, dass es im Internet Reichweite generiert, man sich mit solchen Aufklärungsposts auch selbst gut generieren kann, aber im analogen Leben außerhalb der Bubble niemand davon redet, darüber nachdenkt, es einfach immer wieder verschlämmt wird vom Wogen des Mainstreams. Alle Leute maskieren. Alle haben deshalb Probleme. Bumms.

Ich kann gut damit leben. Ich bin stolz auf alles, was ich wegmaskiert bekomme. Wenn ich  mich im Griff habe und eine_r von vielen bin. Wenn ich keinen Stress kriege, weil es mich gibt, denn darauf bricht es sich ja immer wieder runter.
Vielleicht ist das ein Fehlschluss. Eingebrannt in einer Kindheit, in der man weder erwartet, noch erhofft, noch erwünscht war, sondern an_genommen wie etwas, zu dem man einfach irgendwie kommt. Wie Einkaufswagenchips. Oder Kugelschreiber mit Werbung drauf.
Aber nein. Ich weiß schon, dass es bei negativen Reaktionen auf mein im Allgemeinen gut wegmaskiertes Geheimnis, meine verborgenen Makel, meine unterdrückte Lästigkeit gar nicht um mich geht. Nichts Persönliches ist und praktisch nie so brutal böse, so schmerzhaft zerstörerisch gemeint ist, wie es in mir wirkt. Ich weiß aber auch, dass alle, die nicht mein Leben hatten, 24/7 Zeter und Mordio schreien würden, würden sie erfahren, was ich erfahre, spüren, was ich spüre. Sie wären empört, persönlich beleidigt, gedemütigt, gekränkt, würden Rache und Vergeltung planen. Oder maskieren und die Luft anhalten bis jemand Nahes kommt, fragt, was los ist und sich in eine Tränenlache verwandeln.

Viele Menschen kennen die Geschichte von den Vielen, die Viele sind, weil ihnen die Maske zur zweiten Haut, zum zweiten, dritten, vierten Ich geworden ist. Viele autistische Menschen haben das gleiche Problem. Vielleicht nicht so, dass sie eine DIS entwickeln, aber schon so, dass sie eine Identitätskonfusion erleben. Nicht mehr sicher wissen, wie sie denn eigentlich sind, wenn sie einfach nur so sind. Nicht angepasst, nicht irgendwas unterdrückend, nicht irgendwas von sich an sich reißend, bis es tief ins Innere gedrängt ist, damit es niemand sieht.
Und auch so, dass sie, genau wie ich als Viele, kaum Erfahrung mit diesem unmaskierten, freien, einfach so passierenden Ich haben. Und folglich natürlich kaum Selbst_Sicherheit, wenig Kompetenz und Erfahrungswissen mit sich selbst haben. Was eine Überforderung sein kann, mindestens aber eine Herausforderung, die Kraft zur Bewältigung erfordert. Vor allem, wenn das überwiegend heimlich, allein_verantwortlich und ohne jede Ermutigung, Unterstützung, Versicherung von außen passieren muss.

Im alltäglichen Allgemeinleben ist mein behindertes Erleben eine Privatsache. Sie ist intim. Ich bin empfindlich und streng mit den Menschen, mit denen ich Aspekte davon teile. Ich erwarte von ihnen, dass ihnen das klar ist. Erwarte eine bestimmte Sprache, ein bestimmtes Mindset. Sonst kann ich sie nicht als meine Vertrauten, meine Nahen, meine Gemögten an mich heranlassen. Sie müssen begreifen, dass sie meine Bubble sind. Mein safer space. Meine Version vom Leben unter den Anderen, neben dem es zu keinem Zeitpunkt, in keinem Aspekt irgendetwas Leichtes, Einfaches, Ungefährliches, Unproblematisches gibt.

Ich kann nichts, wirklich nichts, einfach machen wie sie. Außer existieren. Und wäre dies eine allgemein positiv anerkannte Daseinsform hätte ich sie bereits als die meine angenommen.

Mein maskiertes Leben ist gut. Ich kann viele Dinge er_schaffen, kann viele Kontakte haben, kann viele Fähig- und Fertigkeiten aus_entwickeln, die mir das Leben erleichtern und bereichern. Einzig nicht gegönnt bleibt mir, dass ich vergesse, dass es nicht echt ist. Nicht einfach so, nicht natürlich. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich daran erinnert werde und jedes Mal ist es mir der Untergang einer Welt. Ja, einer Traumwelt, aber einer die alle anderen um mich herum mit mir teilen. Einer, in der ich etwas lebe, was sich alle Menschen wünschen.

Und das ist mein Problem mit Masking. Dass ich es will und nicht hinkriege. Dass ich wirklich nichts dagegen habe und mir kaum eine Anstrengung zu viel dafür ist, aber immer wieder mit Kometengeschwindigkeit auf den Boden der Tatsachen knalle. Wegen Dingen, die so banal sind wie Einkaufswagenchips, Kugelschreiber mit Werbung drauf, ein TÜV-Prüfer, der mich nicht zur Prüfung zulassen will, weil ich behindert bin.

Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

Die erste Etappe – Radtour 2021

Ich trage keine Kopfhörer, der Fahrtwind ist mein Auftaktgeber. Wir haben gebummelt, sind eine Stunde später als geplant los, es ist okay so. Kein Zielstress. Möglichst gar kein Stress. Dann erschreckt mich das Navi mit seiner Ansage.

Unsere erste Etappe besteht hauptsächlich darin, die eigentliche Tourstrecke zu erreichen. Es sind 20 Kilometer bis dahin, danach sind es noch mehr als doppelt so viele bis zum ersten offiziellen Ziel. Ich merke meinen Kopf leer werden, spüre jemand anderen, freue mich über dessen Neugier auf die Fährfahrt, die mir eher Sorge bereitet.

Blick von einer Fähre über die Weser.

Unser Weg führt durch eine Nadelbaumplantage. Ein Reh steht auf dem Weg und beobachtet mich eine Weile bevor es weghüpft. Später sehen wir ein Eichhörnchen, das durchs hohe Gras hüpft wie eine Antilope. Und noch später eins, das im Baum sitzt und etwas zerknuspert.

Der Weg ist gut, das Wetter perfekt. Wir sind überwiegend allein, treffen nur auf andere Menschen, wenn sie uns überholen. Was nicht schwer ist, denn wir channeln die Schnecke als unsere mentale Tempovorgabe.

Wir machen eine Pause an einer alten Mühle, neben einem Pfeiler, in die Erde gerammt 16hundertirgendwann. NakNak* ist müde, will nicht einschlafen, ich bin müde, will es nicht zugeben. Google Maps wollte uns schon wieder mit einem Streckenvorschlag umbringen, der Umweg führte 16 extra Kilometer durch Wäldchen mit Sandwegen und Feldwege ohne Schatten, von dem uns Komoot unbedingt wegleiten wollte. Doch ab jetzt wird alles einfacher. Dieser Weg ist betreut und gut ausgeschildert. Es sollte keine Umwegeabenteuer mehr geben.

Irgendwann tun mir die Hände weh, ich fange an mir die 20, 18, 16 Kilometer zum Ziel schön zu rechnen. Zeit einen Zeltplatz zu suchen, alte Wanderregel.

Wir finden einen netten kleinen Platz direkt am Fluss, werden eingehüllt von Kinderlärm und der Aussicht auf eine Dusche.

So wund an der Stelle um die eigene Familie werde ich schwer bei dem Geplapper und Geschnatter der Familien an der Badestelle. Aber auch weich, weil es diese Familien eben gibt. Meine gibt’s, diese gibts, es gibt so viele Familien und dann auch noch die, in der wir heute leben. Die vermisse ich auf einmal.

Kann mich aber trösten, denn morgen muss uns der Partner unseren Impfausweis nachtragen. 😅

Eltern, die ihre Kinder hassen

Diesmal ist es kein Schnelldurchlauf, sondern eine Zeitlupe und das Quietschen meiner Nackenmuskeln. Gedämpfter Straßenlärm, das Atmen der Therapeutin mir gegenüber.
„Meine Eltern hassen mich.“ „Ich glaub, er wollte mich umbringen.“ So schieben sie sich zusammen. Sie von links aus der Sitzung mit der Autismustherapeutin, er von weiter weg aus der Traumatherapie. Keine Kinder mit großen feuchten Augen, die einem das Mitleid aus dem Herzen zapfen wie den Sirup aus dem Baum, sondern bodenlos hoffnungslose, verdreckte, abstoßende … Ichs in einem Zeit-Raumempfinden von vor über 20 Jahren.
Ich bin so weit weg, dass ich sie wahrnehme aber nicht spüre. Sie bleiben Fremde für mich. Sind Einheimische in einer Welt, die ich nur begleitet aufsuche, um zu vermitteln, dass ES vorbei ist und DAS DA nicht wieder passiert. Jedenfalls nicht so. Nie wieder so.

Diesmal habe ich keine Feldnotizen. Kriege meine Gedanken nicht um die Dimension ihrer Not, weil es nicht um Mangel geht, sondern um etwas, das über das Tabu der Gewalt an sich hinaus geht.
Gegen Hass kann man nichts machen. Der ist nicht in Liebe zu verwandeln. Nicht einmal in achtsame Zuwendung oder Fürsorge. Hass ist absolut, deshalb kann man aus ihm heraus so einfach gewaltvoll sein. Braucht fast so wenig Anstrengung wie aus Ignoranz oder Todesangst.
Und ja, was anderes sollte ein Kind über die Motive von jemandem denken, der es praktisch zu zerreißen versuchte, als dass es um einen Tötungsversuch ging?

Elternschaft ist ein Status, kein Zustand.
Liebe, Achtsamkeit, die Fähig- und Fertigkeiten sich selber zu regulieren, um die eigenen Kinder zu begleiten, Fürsorge, Mitgefühl, Geduld – ja nicht einmal das Interesse am Mensch „Kind“ sind nicht einfach so da, nur weil man ein Kind geboren und es am Leben erhalten hat. Am Ende sind alle Eltern einfach nur Leute, die sich an jemanden gewöhnen, den sie selbst gemacht bzw. für immer in ihr Leben eingeladen haben. Sie bedeuten für ihre Kinder nichts, weil sie Eltern sind, sondern weil sie überlegen sind und mit jeder ihrer Entscheidung für oder gegen den liebevollen, achtsamen, interessierten, fürsorglichen Umgang eine Entscheidung über das Über_Leben treffen. Wenn Eltern hassen sind ihre Kinder nicht nur machtlos, wie es Kinder nun einmal sind. Dann sind sie ausschließlich über die Gewalt an sie gebunden, denn das ist alles, was Hass will und braucht. Dann ist das eigene Kindsein kein Zustand, sondern ein Status, der keinerlei Bedeutung für das Leben mit den Eltern hat. Es macht dann also weder einen Unterschied noch ein Kind zu sein, noch das Kind dieser Eltern zu sein. Man könnte auch ihre Haustür, ein Stück Klopapier, der Biomüll von letzter Woche sein.

Ich kann mich nicht erinnern schon mal davon gelesen zu haben. Hassende Eltern.
Natürlich wird das oft unterstellt, wenn jemand das eigene Kind getötet hat. Oder anderen zum Töten überlassen hat. Oder sich einfach nicht gekümmert hat. Es ist so leicht zu glauben, dass man nur tötet, was man hasst. So viel leichter als sich Mörder_innen zu widmen. Gewalttäter_innen. Leuten, die getötet haben, ohne so richtig klar zu haben, warum eigentlich.
Wir leben in einer Zeit in der Mütter nicht bereuen dürfen Kinder bekommen zu haben. Wo soll da der Raum für das Thema „Hass auf die eigenen Kinder“ herkommen? Wie soll das kein Tabu bleiben?

Und dann bin da auch ich selbst. Die_r mit dieser kindlichen Wahrheit in Kontakt geht und weiß, dass es für immer eine innere, eine vielleicht ausschließlich traumalogische Wahrheit bleibt, weil wir nie den Tag erleben werden, an dem sie uns sagen: „Ja, wir hassen dich.“ oder „Nein, wir hassen dich nicht.“

Noch so eine Opfersache mit der man Ende völlig allein zurückbleibt.

ein verbindendes Element

In der Autismustherapie sprachen wir darüber, dass Menschen manchmal Dinge sagen und keine Aussage damit machen wollen. Dass sie einander manchmal einfach nur Phasen vortragen, als wären sie Teil des traditionellen Miteinander-Tanzes, über deren Schritte man nicht nachdenkt, die vielleicht unnötig sind aber irgendwie doch dazugehören. Und, dass es weder eine Konzentrationsfrage noch eine Motivationsfrage ist, diese Kommunikationsform zu bemerken. Es ist vielleicht nicht einmal nur eine Frage des Erkennens oder Entschlüsselns, sondern der Ver_Bindung. Das denke ich zumindest jetzt, eine Woche später.

Denn ja, manchmal bemerken wir es nicht, wenn man uns aus einem Gespräch herausphraseln möchte oder auf einer unverbindlichen Ebene des Gesprächs bleiben möchte oder unausgesprochene Ziele verfolgt. Was darunter allerdings leidet, ist in unserem Fall nicht unbedingt das Gespräch, sondern die Bindungsbereitschaft der anderen Person und damit eine Grundlage für das Miteinander als Ganzes.

Wir können es nicht verhindern, wenn Menschen zum Beispiel unangenehm finden, dass wir ihnen auf (für sie) kurz zu beantwortende Fragen, alles antworten, was wir dazu wissen, weil ihre Frage zu unspezifisch für eine kurze Antwort war. Oder wenn sie sich ertappt (oder bedroht) fühlen, weil wir ihnen im Versuch einer Problemlösung statt prosozialer Phrasen eine Analyse mitteilen, in der sie vielleicht nicht so harmlos, lieb und gut gemeint wirken, wie sie sich selber sehen.
Wir können es nicht verhindern – merken aber deutlich, dass wir Erwartungen enttäuschen und deshalb oft unverbunden mit anderen Menschen bleiben oder eine Ver_Bindung haben, die von Furcht vor Exposition, eigennütziger Intention oder Projektion auf uns motiviert und getragen ist.

Es gibt nur wenige Menschen, mit denen wir zu tun haben, die unsere Bemühungen die Erwartungen anderer Menschen zu erkennen (für) wahr_nehmen und noch weniger, die dies nicht als nur traumabedingt einordnen. Denn die Erzählung über komplex traumatisierte Menschen mit DIS enthält nach wie vor auch, dass Kinder zum Überleben davon abhängig sind, immer zu wissen, was von ihnen erwartet wird und immer auch herstellen/präsentieren/machen können, was von ihnen erwartet wird. Und weil sie es als Kinder so perfektionieren mussten, haben sie auch als Erwachsene noch dieses Muster, um sich selbst zu schützen, beziehungsweise darin Sicherheit zu finden.

Auf meiner „Traumaachse“ kann ich das durchaus auch sehen. Ich sehe aber vor allem die Traumalogik darin. Wenn ich aus traumalogischen Gründen, die Erwartungen anderer Menschen erfahren will, dann tue ich das aus Todesangst heraus. Ich habe Angst zu sterben, wenn ich nicht verstehe oder erfülle, was Menschen erwarten, denen ich eine momentane oder generelle Autorität zuschreibe.
Auf meiner „Autismusachse“ bin ich manchmal beeinflusst von meiner Traumalogik, in der Regel jedoch funktioniere ich nach allgemeiner Überforderungslogik und dem folgend nach den Prinzipien der Effizienz. Autorität zum Beispiel ist extrem ineffizient in einem 1 zu 1-Kontakt, also beachte ich sie nicht weiter, sondern konzentriere mich auf den Gegenstand des Kontaktes, um genug Energie dafür bereitzuhalten. Dabei treffe ich keine Entscheidung gegen die Autorität der Person oder gegen das Zeremoniell oder die Person selbst, sondern nur die Entscheidung mich auf das zu konzentrieren, weshalb wir in Kontakt sind. Beziehungsweise das, wovon ich glaube, dass es der Grund für den Kontakt ist.

Das ist etwas, worüber ich mich anderen Innens – auch die, die noch gar nicht orientiert sind, also sich noch im Trauma erleben – nähern kann. Wir teilen die Zerrissenheit etwas auslassen zu müssen, um Kontakte machen, halten, gestalten zu können – die Unverbundenheit mit Menschen, die wir ganz sehen und verstehen, aber nicht gleichermaßen ganz fühlen können – die Fragmentierung, die nicht (nur) (trauma)reaktiv dissoziativ, sondern auf eine Art irgendwie bio_logisch ist – und die Verwirrung darüber, welche Funktion und welche Bedeutung die Erwartung anderer Menschen an uns hat. Besonders dann, wenn diese Menschen gewaltvoll mit uns umgehen.