Mondfinsternis

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einließ. Natürlich wusste ich, dass es weh tun könnte.
Doch genauso natürlich habe ich mich irgendwie mitgemeint gefühlt, als ich das Programm des Frauengesundheitskongresses las.

“Ich bin keine Frau”, sage ich oft, wenn ich mal wieder als solche einsortiert werde. “Ich bin eine queere Person.” schreibe ich in die noch viel zu selten eingepflegte dritte Option zur Frage nach dem eigenen Geschlecht.
Und doch.

Ich habe einen Körper wie die Menschen, die von der Mehrheit als “Frau” bezeichnet werden, ich mag feminines Sein und Wirken und sehe, dass vieles, das als weiblich benannt wird, etwas mit mir zu tun hat.  Aber ich bin keine Frau.
Selbst wenn ich wollte.
Selbst wenn ich mir für so einen Kongress vornehme mich ganz und gar nur auf meine weiblichen Anteile zu konzentrieren und zu beziehen, merke ich die Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber.
Ich merke einmal mehr: meine queere Identität ist kein Rollenspiel und hat nichts mit einer Ablehnung der “Frauen*rolle™” zu tun.
Ich bin einfach nur keine (Cis)Frau.

Ich kann schwanger werden und mit Glück auch Kinder gebären.
Mit noch mehr Glück lebende Kinder.
Mit noch ganz viel mehr Glück Kinder, die mich beerdigen, statt andersherum.
Das kann ich, weil in meinem Körper ein Organ ist, das das kann. Wenn die Umstände passen.
Ich mag dieses Organ. Ich mag aber auch meine Lunge und mein Herz. Vielleicht, weil ihr Beitrag zu meinem Leben ein klitzebisschen essenzieller ist, als der meines Uterus.
Aber wer weiß das schon.

In sozialen Blasen der “Heil- Kräuter-Lebens- und Kulturkunde” erscheint es mir manchmal so, dass dieses Organ entscheidend dafür ist, wer man ist. Ob man eine Frau, eine Mondin, eine Weise, eine mit der Urkraft der Welt verbundene Person ist – oder nicht.
Es ist als sei dort die Gebärmutter das Ticket für eine Reise zum Ursprung der Welt und des Laufs der Dinge, “wie er wirklich ist”.  Es ist wie ein Wahrhaftigkeitsversprechen, das einer langen Tradition folgend nur jenen gegeben wird, die ihm, im körperlichsten aller Sinne, gewachsen sind.

So fühlt es sich an wie ein Unwürdigkeitsbeweis, wie ich da so stehe, in mir umhersuche und außer einer Direktverbindung zum Schmerz dessen, was ich unterdrücke, um mich in dieser Umgebung passend zu machen und der zunehmend unbequemeren Frage danach, warum ich mir das hier eigentlich antue, nichts von dem finde, was doch in mir sein müsste.

Um konkreter zu werden.
Ich spreche hier nicht davon, dass ich herausgefunden habe, dass ich vielleicht doch keine Kinder möchte oder meine Menstruation gar nicht mal so geil finde, dass ich mir tiefere Gedanken dazu mache oder mich mit Gebräuchen und Erzählungen darüber auseinandersetzen will, oder, dass ich gemerkt habe, dass mir Räucherstäbchen und Meditationen im Wald vielleicht doch ein bisschen weniger gut helfen, um bei mir zu sein oder, dass ich Naturverehrung mit Gesängen zwar nett, aber politische Forderungen nach den Klimawandel abwendenden Maßnahmen noch ein bisschen netter fänd.

Ich spreche davon sich selbst zu respektieren und in den Aspekten zu ehren, oder zu achten, die man an sich selbst wichtig findet.

Ich kann es Menschen sehr gut lassen, sich in dem Umstand zu feiern, dass sie eine Gebärmutter haben und auch all ihre Aufladungen und Wertigkeiten.
Aber ich habe gemerkt, dass es im Gegenzug schwierig für mich ist, aus meiner Demut und meinen Auslieferungsgefühlen gegenüber meiner Körperlichkeit herauszugehen. Und noch schwieriger in so einem Stadium der Auseinandersetzung nicht gedacht zu werden, wenn ich mich in so einer Blase bewege.

Es kann sein, dass ich einfach gar nicht fit genug für diese Veranstaltung war. Viel zu dünnhäutig und überanstrengt von dem Lauf der Dinge, der im Moment ist. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass mir die Enttäuschung zunehmend mehr weh tut und ich es mehr spüre, seit ich weiß, dass ich “queer” zu dem sagen kann, was ich da merke, wenn ich darüber nachdenke, was ich (neben vielem anderen) bin.

Ich merke, dass es als ausgedacht, nicht echt, ein Quirk, eine Unnatur oder Ergebnis einer tiefen Verdrängung gilt, weder Mann noch Frau zu sein.
Das macht es für mich fast undenkbar meine Identität als queere Person jemals so aufzuladen, wie es die weiß alternative Kräuterbrigade für CisFrauen und in Teilen auch für CisMänner tut.
Was es für mich noch einmal schmerzlich macht.

Um es nochmal  zu sagen: ich finde es toll, dass diese Aufladung gibt. Ich sehe wie wichtig und hilfreich es für viele Menschen sein kann, auf einen kulturellen und spirituellen Fundus zurückgreifen zu können, der sich auf ganz verschiedene Aspekte des Lebens bezieht.

Aber ich sehe auch, wie ich aus dem Kongress hervorging und wusste, dass ich, wenn ich von meinem Uterus Gebrauch mache, wie ich es für mich in Kongruenz mit dem was ich bin, für richtig und gut halte, auf gar nichts zurückgreifen kann, außer biologistische Auseinandersetzungen und spirituelle Weisheiten, die Identitäten wie mich negieren.

jetzt ist die Zeit

Manchmal ist es einfach die Zeit.
Die Zeit, die ich verloren habe, ohne, dass ich Genaueres über sie weiß.
Die Zeit, die vergangen ist, bis alles so kommen konnte, wie es jetzt ist.

Ich habe einen 5 Jahresplan gemacht.
Ich, die am Ende des Tages froh ist, dass sie noch lebt und selbst den nächsten Morgen erst glauben kann, wenn die Mittagssonne auf der Haut keinen anderen Schluss mehr erlaubt. Irgendwie ist mir dieser Plan passiert und der Lauf der Dinge des Hier und Jetzt schiebt ihn mir jeden Tag ein bisschen fester an die Stelle, an der ich Trost finde, wenn wenn alles kippelt und schwankt.

Wir werden Deutschland verlassen.
Nicht jetzt, nicht morgen. Aber wenn die Ausbildung vorbei ist.
Wir werden den Appalachian Trail von Georgia nach Maine hochlaufen und von dort nach Kanada fliegen. Dort geben wir uns ein Jahr für die Frage, ob wir bleiben oder weiterziehen.
Wir werden dann 33 Jahre alt sein und 34 werden.
Das ist der letztmögliche Zeitraum für ein Holiday and Work-Visum in diesem Land.

“Warum?”, hatte eine Gemögte gefragt und mich überraschte die Frage danach.
Es ist ja nicht so, dass Deutschland mich braucht. Oder will. Oder Wert auf Menschen wie mich legt.
Es ist ja nicht so, dass meine Freundin nicht weiß, dass ich queer, alleinstehend, behindert und damit sagen wir: “unfreiwillig dauernonkonformistisch” bin, was zusätzlich zu unserem Gewalterfahrungshintergrund etwas ist, das die Lebensqualität nicht gerade steigert.

“Meine Familie werde ich nicht hier gründen und wachsen lassen können.”, dachte ich zu Beginn der Idee. Viele Tagtraumreisen durch ein Leben wo_anders als in Deutschland später sehe ich: Es wäre auch besser für diese Familie, würde sie so fern wie möglich von hier passieren. Unerreichbar für Menschen, die von meiner Ausbeutung profitiert haben. Fern von Strukturen, die mich nicht anerkennen und entsprechend dürftig schützen und stützen.

Wir werden in Deutschland zu den zwei Dritteln der Generation Y, die sich mit Selbstständigkeit aus eigenen Unternehmen zu finanzieren versuchen. Und das als schwerbehinderte Person. Diesen Stress können wir uns auch an einem Ort geben, an dem wir nicht auch noch unseren Opferschutz selbstständig balancieren und bewahren müssen.
Wir können es uns leichter machen.

Ich glaube, das ist eine Antwort auf das “Warum?”.
Weil wir unser Leben mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einem Schulabschluss und einem Quäntchen Berufserfahrung aus diversen Quellen um den Faktor Schutz auf Kosten von Autarkie erleichtern können, wenn wir nicht mehr hier leben.
Weil es geht. Weil es für uns wo_anders auf eine Art leichter gehen kann, als für viele andere Menschen.

Auch wir werden uns all den Problemen und Dramen, die auf Auswandernde und Ausgewanderte zukommen stellen müssen. Natürlich. So wenig wie Deutschland mich braucht, braucht mich jedes beliebige andere Land.
Aber was ist, wenn eine Entfernung uns schützt, die wir nicht 24/7 so aktiv aufrechterhalten und sichern müssen, wie jetzt?
Was ist, wenn wir feststellen, dass wir entfernt von allem, was uns gemacht hat, Energien sparen, die uns zu einer völlig anders belasteten oder auch “anders beweglichen” Person manchen als jetzt?
Ich glaube, dass es wichtig ist, das wenigstens zu versuchen.
Wenigstens für ein Jahr.

Und zwar genau dann. In drei Jahren.
Denn in drei Jahren sind wir 33 und werden 34.

Das ist ein Umstand, den wir nicht vergessen dürfen.
Den ich aber gern vergessen würde.
Denn er tut weh.

Ich war nie jünger als 16 und als ich geboren war, war die Chance auf ein glückliches Leben im Kreise einer liebenden Familie, die mir Auslandserfahrungen zum Zwecke meiner Weiterentwicklung und Lebensperspektiven ermöglicht, schon vergangen.
Sollte sie überhaupt je bestanden haben. Wer weiß das schon.
Ich weiß es nicht. Mein Leben beginnt mit einem Einzelzimmer auf einer geschlossenen Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, ohne Kontakt zur Familie, ohne Aussicht auf mehr als das Nötigste zum Leben.
Ich habe meine Familie nie vermisst, denn ich habe sie nie kennengelernt.

In den letzten Wochen recherchiere ich nach und nach, was Auswandern bzw. ein längerer Auslandsaufenthalt erfordert.
Natürlich finde ich noch keine Informationen, die für behinderte Menschen passen. Natürlich finde ich noch keine Berichte von behinderten Menschen, die ausgewandert sind. Und natürlich komme nicht umhin sie zu sehen: Die jungen Menschen zwischen 18 und 25, die in die Kamera strahlen und nicht wissen, dass sie für mich aussehen wie Werbemodels eines Produktes, das ich nie im Leben auch repräsentieren werde.

Ich werde neidisch. Und wütend auf meinen Neid, denn er ist so unfair wie sein Grund.
Mir fehlen 16 Lebensjahre und eine Familie, die mich bedingungslos liebt, schützt und stützt – und mir so ein Strahlen vor dem Grand Canyon (mit)ermöglicht.

Es kann doch niemand etwas dafür, dass mir der eigene Grund und Boden in dieser Welt fehlt.

Das denke ich mir so, denn ich bin nicht der Typ für eine Anklage à là “Die Täter_innen haben mir alles genommen, was hätte würde wenn…”.
Ich weiß nichts von dem hätte würde wenn, das mir zusteht oder zustehen könnte. Oder zustehen sollte.
Ich bin erst seit ich habe, was mir zugestanden wird.

Was ich im Moment spüre ist: mir fehlen 16 Jahre und es fühlt sich nach einem unwiederbringlichen Verlust an.
Ich wünsche mir nicht wieder 16 zu sein. Ich wünsche mir Heute in “mein Anfang minus 16 Jahre”.
Ich wünsche mir einen anderen Anfang. Einen Anfang wie jetzt.

Ich werde von einer Therapeutin, die mir gut hilft, begleitet.
Habe den Begleitermenschen im Leben, der mich gut stützt.
Gemögte, Freunde, Gemochte, Gewohnte und Verbündete, die mich aus_halten und tragen, wenn ich allein nicht weiterkomme.
NakNak*, die mir hilft mich zu schützen.

Ich weiß, dass alles anders gekommen wäre, wäre es nicht gewesen wie es war.
Trotzdem. Es wäre schön gewesen und ich kann so ehrlich zu mir sein, dass ich weiß, warum es mir so leicht fällt, mir diesen Anfang zu träumwünschen, anstatt darüber nachzudenken und -zuspüren, warum mir meine Kindheit und Jugend so weit fehlt.

Ich weiß, dass ich, obwohl ich noch nicht weiß warum, in Trauer bin und auch die Idee überhaupt das Land zu verlassen, nicht nur aus rationalen Überlegungen heraus entstand.
Doch jetzt ist die Zeit für solche Ideen, Pläne und vielleicht auch Entscheidungen.

Vielleicht gibt es sie nur einmal.

Traumascheiß

Und dann hatte ich gezielt und abgedrückt.
Den Anblick eingefangen. Die grau-blaue Hand mit den dunklen Fingernägeln, die an mir dranhing, obwohl sie jemand anderem gehört.

“Geht das schon wieder los”, dachte ich und versuchte mit genervtem Ausatmen genug Abstand zu gewinnen. Für meinen jagenden Puls. Die Enge im Oberkörper. Diese Starre im Kiefer. Im Nacken. Den Impuls wegzulaufen. “Was soll denn dieser Scheiß?!”, dachte ich und richtete mein Unverständnis wie eine Mauer vor diesen Übergriff auf mich. Diese Ansteckung. Diesen Virus, der sich etwas von mir nehmen will, was ich ihm nicht geben will.
Meine Anerkennung. Meinen Glauben an so etwas wie eine eigene Beteiligung an DEM DA

Vor ein paar Jahren habe ich aufgehört Armbanduhren zu tragen. Armbänder zu tragen.
Mein Haargummi am Handgelenk dabei zu haben.
Ich hatte jedes Mal unaushaltbaren Brechreiz empfunden, wenn ich etwas an meinen Handgelenken spürte. An einem Tag war das einfach so da. Von jetzt auf gleich.
Dabei bin ich auf eine jederzeit verfügbare Uhr angewiesen.
Dabei finde ich Armbänder ganz hübsch.

Das hat sich nicht verändert in den letzten Jahren.

Seit ein paar Monaten werden meine Hände plötzlich kalt.
Dann grau-blau. Dann taub. Einfach so.
Manchmal schrumpeln sie auch zusammen. Dann bleibt meine Haut stehen, als hätte ich seit Tagen nicht getrunken oder gegessen.
Ich kann sie bewegen. Es tut nicht weh. Mir geht es gut.

Ich wollte mich gegen Wände schmeißen und an ihnen hinunter rutschen, als es wieder passierte.
Außer dieses eine wehrhafte “Nein.” fällt mir nichts dazu ein. Dieses “Nein.”, das in seiner langen Version die Abwehr von Anerkennung und Glaube; in seiner kurzen Version das Schmerzmoment, durch das ich mich hindurchkrampfe, ist.

Ich wollte mich nicht verletzen.
Wollte die Stille in meiner Wohnung nicht mit diesem Inferno in mir verdrecken.
Ich machte ein Foto und rannte in den Wald.
Stopfte mir das Leben ins Maul und pumpte mich damit auf.

Da verschwand er wieder.
Dieser Traumascheiß.

Übergabe

Wie wir gestern in einem Termin zur Fallübergabe saßen, war es anders als früher.
Natürlich gab es dieses verletzende Moment, in dem wir hören müssen, dass wir ein arbeitsintensiver Fall waren und wie selbstverständlich erscheint es uns, dass es keine Übergabe ist, die von uns ausgeht, sondern von äußeren Bedingungen.
Und doch.
Es ist anders.

Heute ist es kein freier Fall ins Nirgendwo mit einem harten Aufschlag in einer neuen und fremden Realität.
Heute ist es eine geordnete Sammlung unserer Angelegenheiten, die einem neuen gesetzlichen Betreuer übergeben wird.

Es ist als hätten wir uns gewandelt. Von einer Wolke frei umherflatternder Briefe und Dokumente unklaren Nutzens, zu einer in einem Regal stehenden Akte mit Anfang und Ende. Als könnte all das Chaos, die Unübersichtlichkeit unseres War und Ist erfassbar sein. Als könnte man damit umgehen. Als gäbe es eine Möglichkeit, mehr davor zu empfinden als Angst, Verwirrung, Überforderung und den Wunsch sich zu Tode zu prügeln, weil es ist, wie es ist.

Seit wir uns für die gesetzliche Vertretung entschieden haben, spüren wir mehr von der Abwertung und Stigmatisierung behinderter Menschen. Wir erfahren mehr Stellvertreterdenken und haben weniger Möglichkeiten uns dem Moment zu entziehen, in dem uns wahlweise Faulheit oder Bequemlichkeit, Verantwortungsübernahmeverweigerung oder naturgegebene Unfähigkeit zur Vernunft unterstellt wird.
Seit wir gesetzlich vertreten werden, ist der Preis für unsere Selbstbestimmung nicht mehr nur das Gefühl sich etwas anzueignen, das uns nicht zusteht, sondern auch noch Beschämung bis Verachtung.

Und doch.
Wir haben unsere Dokumente beisammen. Sie sind aktuell und gültig. Jemand ist verbindlich dazu verpflichtet mit und manchmal auch für uns darauf zu achten, dass das so bleibt. Wenn wir ein Recht auf etwas haben, dann haben wir jemanden, der verbindlich dazu verpflichtet ist, uns zu unterstützen und zu vertreten, damit wir es auch wirklich erhalten.

Unsere gesetzliche Betreuung kennt sich nicht aus mit DIS. Und wahrscheinlich auch nicht mit Autismus, organisierter Gewalt, Traumafolgen allgemein.
Für uns ist das nicht relevant. Wir raten anderen ähnlich oder gleich diagnostizierten Menschen auch nicht dazu, nach so einem Kompetenzprofil zu suchen.
Relevant ist strukturell abgesichert zu sein soweit es geht und in der eigenen Selbstbestimmung unterstützt bzw. dazu befähigt zu werden.
Für unsere Behandlung und Therapie sind andere Menschen zuständig.
Um mit uns als gesetzliche Vertretung angemessen umzugehen, braucht es die Fähigkeit zu achtsamer, respektvoller, offener und verbindlicher Grundhaltung uns gegenüber und die Bereitschaft relevante Aspekte zu berücksichtigen, wenn sie nötig sind.
Der neue Betreuer klingt nett.
Wir haben im letzten Jahr viel darüber gelernt, was es uns leichter macht, sich Behörden- und anderen bürokratischen Angelegenheiten zu widmen und Schwierigkeiten zu kommunizieren.
Es ist ein Neuanfang, bei dem es vielleicht mit weniger Anstrengung auf unserer Seite klappen kann.

Das ist neu.

Und es fühlt sich gut an.

Fundstücke #40

In der Deutschklassenarbeit gab es eine Aufgabe,
die mir geholfen hat etwas über (Innen)Kinder zu verstehen.
Das will ich mit.teilen.

Die Aufgabe zeigte eine Zeichnung.
Die Zeichnung sah so aus:

Man sieht 2 Figuren, die auf unterschiedlichen Ebenen stehen.
Die Figuren werden durch einen Dialog verbunden.
Das sieht man, an der Form des Wortes “Dialog”.
Die Form soll an eine Leiter erinnern.

In der Aufgabe sollten wir erklären, warum es wichtig für gute Kommunikation ist,
wenn man auf der gleichen Ebene zueinander spricht.

Was ich über (Innen)Kinder verstanden habe,
zeige ich jetzt auch mit einer Zeichnung.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht eine kleine Figur und eine große Figur.
Die kleine Figur bedeutet ein (Innen)Kind.
Die große Figur bedeutet eine erwachsene Person.

Die Figuren werden durch den Dialog verbunden.
Das Wort sieht wieder wie eine Leiter aus.
Weil das Kind kleiner ist als die erwachsene Person.

Obwohl beide Figuren auf einer Ebene stehen
funktioniert jede Kommunikation zwischen ihnen wie eine Leiter.

Ich kenne Leitern.
Ich finde es anstrengend Leitern zu benutzen.
Man muss aufpassen
– dass man nicht daneben tritt
– dass man das Gleichgewicht behält
– dass man nicht vergisst, was man machen will
– dass jemand da ist, der die Leiter gut festhält

Wenn (Innen)Kinder einen Dialog mit erwachsenen Personen machen,
müssen sie auch aufpassen.
– Dass sie die richtigen Wörter benutzen
– Dass sie alles sagen, was sie wollen
– Dass sie beim Sprechen nicht vergessen,
dass sie laut genug sein müssen

Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder, die mit erwachsenen Personen sprechen,
Hilfe beim Dialog machen bekommen.
Zum Beispiel:
– die erwachsene Person gibt Wörter, wenn dem Kind eins fehlt
– die erwachsene Person versucht alle Wörter zu verstehen
– die erwachsene Person macht leicht verständliche Dialoge mit dem Kind
– zum Beispiel mit leichten Wörtern
oder mit kurzen Sätzen

Mir ist aufgefallen, dass wir andere Dialoge machen.
Dafür habe ich eine Zeichnung gemacht.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht zwei Gesichter und zwei Sprechblasen.
In der oberen Sprechblase* steht:
“Monolog
– Einleitung/These
– Begründung/Beispiele
– Fazit/Spiegelfrage/Überleitung”

In der unteren Sprechblase steht:
“viele Wörter-Antwort”
Man sieht viele kleine Pünktchen und Linien,
die durcheinander sind.

Ein Pfeil zeigt auf die untere Sprechblase.
Dort steht:
“dazwischen verstecken sich die Wörter,
die man zum Überlegen einer Antwort braucht”

Das soll darstellen, dass wir ein festes Schema beim Reden haben.
Und, dass wir die Antworten von anderen Menschen nicht als Schema erkennen,
sondern als Aufgabe.
Oder als Rätsel.

Jetzt schreibe ich, was ich über Innenkinder verstanden habe.

Ich habe verstanden, dass sie einen Dialog immer wie eine Leiter machen müssen,
weil sie noch klein sind.
Und gleichzeitig die  Wörter für eine Antwort finden müssen,
und ihnen niemand hilft.
Weil die anderen Menschen eine erwachsene Person sehen
und anders mit Wörtern und Sprache umgehen,
als wir.

Ich habe verstanden, dass wir den Innenkindern helfen können,
damit es nicht so anstrengend für sie ist.
Zum Beispiel
– wenn wir unsere gesammelten Wörter mit ihnen teilen
– wenn wir bei ihnen sind, wenn sie einen Dialog mit einer erwachsenen Person machen
– wenn wir alles leicht verständlich für sie sagen
– wenn wir versuchen alles zu verstehen, was sie uns sagen wollen

Wir sind erwachsen.
Wir können für die Innenkinder gute An.Sprechpartner_innen sein.
Dann wird es weniger anstrengend für uns alle.

Dafür habe ich auch eine Zeichnung gemacht.
Weil ich Lust dazu hatte.


*Das Sprechschema ist von Innensystem zu Innensystem unterschiedlich starr bzw. wird unterschiedlich flexibel gehandhabt.

Sozialneid

Es ist ein neues Wort und seine Macht ist, mich wütend zu machen.
Auf die Menschen, die ihn haben. Auf die Menschen, die ihn negieren oder ihn, in seiner Problematik für mich, nicht anerkennen wollen.
Und auf mich, denn ich stehe dem hilflos gegenüber und kann nichts tun. Ich hasse mich so sehr, wenn ich nichts weiter tun kann, als unter etwas zu leiden.

Die Situation ist, dass ich ein_e 30 jährige_r Schüler_in in einer Gruppe von 15 bis 18 jährigen Schüler_innen bin. Dass ich mit einer Schwerbehinderung lebe und diese kompensieren muss. Dass ich, anders als meine Mitschüler_innen, nicht normal bin und auch nicht so tun kann, als wäre ichs, weil mein Anderssein ganz grundlegend anders ist als ihres.
Die Situation ist, dass es für kaum jemanden an meiner Schule normal ist, mit einer Behinderung zu leben oder durchgehend damit zu leben, wie jemand eine Behinderung anders als andere kompensieren muss.
Die Situation ist, dass ich nicht den Luxus habe, ein Sonderfall nach vielen anderen Sonderfällen zu sein. Die Situation ist, dass ich damit leben muss, dass es in dem Normal einiger meiner Mitschüler_innen keine Möglichkeit gibt zu verstehen, was mein Normal im Bezug zu ihrem bedeutet.

Die Situation ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen mehr oder weniger gleich stark lernen, dass alles Verhandlungssache ist.
Wem wir als Gesamtgesellschaft durch unsere gemeinsam genutzten Institutionen und Rechte, Regeln und Verbote, Würde zugestehen und wem nicht. Wem wir unter welchen Umständen, wie, wo, warum und wozu Teilhabe ermöglichen und wem nicht.

Das beginnt damit, dass wir alle gelernt haben, dass zu jedem Gewinn ein Verlust gehört und endet damit, dass wir den Grund für unsere Unzufriedenheiten nicht bei uns und unseren Anspruchs- und Erwartungshaltungen, unseren Einstellungen und Ideen über die Dinge, die uns beschäftigen suchen, sondern dort, wo wir sie erfüllt vermuten.

Sozialneid kann man vorbeugen. Bei einem Großteil der Menschen in meiner Klasse scheint das auch gut funktioniert zu haben.
Ihnen hat es gereicht einen Einblick in meine Art der Wahrnehmung(sverarbeitung) und einen Hinweis auf das Grundrecht der Bildung für alle Menschen gleichermaßen zu bekommen, um zu verstehen, dass weder die Anwesenheit des Assistenzhundes, noch die Gewährung von Dingen, die mir als Nachteilsausgleich dienen, optional sein können, damit ich ein_e Schüler_in wie sie auch sein kann.

Sie haben verstanden, dass meine Teilhabe am Unterricht nicht optional sein kann.
Sie haben verstanden, dass meine Teilhabe nicht gewährleistet sein kann, wenn mir nicht geholfen wird, bzw. ermöglicht wird mir selbst zu helfen.

Für mich sind diese Schüler_innen und auch meine Schule, die mir diese Teilhabe an einer ganz üblichen Berufsausbildung gewährt und ermöglicht, ein Privileg und eines der wenigen wirklich großen Geschenke im Leben.
Andere autistische Menschen mit meinen Problemen lernen in einer Werkstatt und arbeiten später dort bis zur Rente im betreuten Wohnen. Für manche ist das schön und erfüllend, für andere schlimm und das Letzte, was sie sich für das eigene Leben wünschen. Für mich wäre es schlimm in so einer Werkstatt zu arbeiten, denn ich weiß, wie viel mehr ich für die gleiche Arbeit in einer üblichen anders anderen Werkstatt verdienen würde, wäre eine Arbeitskraft wie meine nicht so optional annehmbar, wie sie es für die meisten Unternehmen ist.

Für mich wäre es schlimm, weil ich mein Leben nicht dafür gerettet habe, ausgrenzt, arm und unbefähigt zur Selbstverwirklichung zu leben.
Das ist wichtig nicht zu vergessen.
Ich musste mein eigenes Leben allein retten. Dann will ich es nun gefälligst auch allein mit mir und für mich allein in alle möglichen Richtungen erfüllen.
Und zwar mit Teilhabe an Bildung, an sozialem Leben, an kultureller Praxis, an gesellschaftlichem Diskurs. Mit Würde, Respekt und Achtung vor mir und meinem Sein, wie ich bin.

Die meisten Menschen, die ich kenne, finden so einen Anspruch unheimlich kraftvoll und groß.
Sie erleben so einen feierlichen Schauer, der ihnen den Rücken hinunter läuft, weil ihnen plötzlich klar wird, wie vielschichtig und tiefgreifend dieses Normal, in dem sie sich mal mehr mal weniger angestrengt und frei, selbstbestimmt und behindert bewegen.
Bei manchen Menschen jedoch kommen solche Ansprüche als leere Floskeln ohne jeden Wert an. Bei manchen, weil sie sich diesem Wert nicht bewusst sind (und nie bewusst werden müssen) und bei manchen, weil sie bereits Erfahrungen damit gemacht haben, dass es nichts bringt, solchen Ansprüchen entsprechend behandelt werden zu wollen.

Das Schlimme ist, dass man niemals um Dinge neiden kann, die man hat oder derer man sich bewusst ist.
Das ist, was mich an dem Sozialneid zweier meiner Mitschüler_innen so wütend macht.
Die Verweigerung sich damit auseinanderzusetzen, was sie da eigentlich neiden, wenn ich früher nach Hause darf. Was sie da eigentlich “unfair” finden, wenn unsere Lehrer_innen mich fragen, ob ich lieber allein im Nebenraum arbeiten will; ob es okay ist, wenn der Beamer die 90min Gruppenarbeitszeit über durchgehend läuft; ob ich es schaffe drei Raumwechsel in einer Unterrichtstunde zu haben und so weiter und so weiter.

Es macht mich so wütend, weil ich sie um ihre Möglichkeit darum beneide und weiß, dass ich niemals in meinem Leben an diesen Punkt kommen werde.
Mit der Anerkennung meiner Behinderungen und daraus resultierenden Problemen habe ich meine Chance auf die Vermeidung der Anerkennung meiner Diskriminierungen und Privilegien verwirkt.
Ich werde niemals in meinem Leben in die Position kommen, in der ich vergessen kann, was es für ein Privileg ist zur Schule gehen zu können und was es für ein Geschenk ist, dabei jede nötige und mögliche Unterstützung zu erhalten.

Ich werde niemals in meinem Leben vergessen können, was es für ein Geschenk ist, wenn andere Menschen mich nicht ausgrenzen und dadurch direkt miterleben können, wie das erlernte Modell von “Geben = Nehmen” (wenn ich jemandem etwas gewähre, verliere ich selbst etwas) keinerlei Relevanz hat.

Ich beneide sie um ihre Möglichkeit auszublenden, wie frei und selbstbestimmt sie sich entscheiden können. Um es platt zu sagen: ich beneide sie darum, dass sie sich dafür entscheiden können, sich bewusst zu machen wie gut oder schlecht es ihnen eigentlich geht. Sie haben diese eine Wahl, die ich durch die Diskriminierungen und den daraus entstehenden Problemen, in diesem Umfang so nie hatte. Und niemals haben werde.

Ich stelle es mir viel einfacher vor so durchs Leben zu gehen. Einfacher, als ich es im Moment erlebe.
Aber natürlich weiß ich auch, dass ich das schon oft gedacht habe.
Das Sprichwort dazu ist: “Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner.”

Ich weiß, dass es um Perspektiven und Lebenserfahrungen geht. Und darum, dass man lernen muss, dass nicht alles Verhandlungssache sein kann. Schon gar nicht, welche Perspektive auf die Lebensqualität und Lebensumstände eines anderen Menschen die ist, der folgend man eben jene bewerten und beurteilen darf.
Nur, weil ich glaube, es wäre für mich leichter, könnte ich mich verhalten wie meine Mitschüler_innen, heißt es nicht, dass es für sie einfach ist, sich jetzt gerade so zu verhalten, wie sie es tun.

Trotzdem könnte ich auch gern, was sie können.
Und es ist okay, das auch können zu wollen. Das verändert nichts an der Realität. Es macht überhaupt gar nichts, dass ich das auch gerne möchte und neide, wo ich es vermute.
So lange ich nicht anfange andere Menschen mit meinem Neid zu belasten oder zu quälen oder ihnen die Verantwortung für meine Gefühle daran zuzuschieben.
So wie das diese beiden Mitschüler_innen gerade tun.
Höchstwahrscheinlich sogar ohne das zu merken.

Fundstücke #39

Einerseits fühlt sich das Hintermir wie abgeschnürt an. Es ist zu viel zu tun, zu wenig Zeit, zu wenig Ruhe, zu wenig für uns alle.
Der Kanal zu den anderen verjüngt sich und es gibt Tagesphasen, in denen ich mich lose und ungehalten, dumpf und leer fühle.

Andererseits merke ich sie doch. Merke, dass ich auf dem Drama eines Kinderinnen passiere, das wir seit ein paar Wochen schon durch unseren Alltag schlängeln und in die Ritzen des vielen Viels drücken, bis es von einem Zuviel herausgepresst wird und erneut umgeparkt werden muss.

Dann frage ich mich: Ist das “Funktionalität”?

 

Straßenbahn fahren

Ich bin heute mit der Straßenbahn gefahren.
Ich, Hannah.
Ich bin heute mit der Straßenbahn gefahren und kann dir sagen, welche Farbe mein Sitz hatte, wo ich saß und dass die Sonne geschienen hat, während ich das tat.

Es ist nichts Besonderes mit der Straßenbahn zu fahren. Fast jeden Tag steige ich in eine ein und wieder aus.
Doch mitgefahren bin ich noch nie.

Es ist laut. Zu viel Viel und zu eng. Ich verliere schnell den Überblick. Kann mich nicht finden in all dem ALLES, was in einer Straßenbahn passiert. Mit mir, mit den Menschen, die mit mir fahren. Mit der Bahn und dem, was ihr passiert.
Ich steige in eine Straßenbahn und löse mich auf, weil das ALLES um mich herum in mich eindringt. Mein Denken und Fühlen annektiert. Wenn ich einen Platz gefunden habe, weiß ich nie ob ich sitze, oder selbst eine Fläche bin. Es fällt mir schwer meinen Körper zu fühlen, weil ich die Bewegungen der Bahn nicht von meinen unterscheiden kann. Das Fahren mit Bus und Bahn, mit Zug und Karussell, mit Booten oder dem Fahrrad ist für mich etwas, das mich vereinnahmt und verschwinden macht. Einfach so. Ich bin dann nicht mehr da.
Dann bin ich die Farben der Geräusche. Bin mein Schmerz. Bin meine Angst zu versagen. Und dann vergeht eine kleine Zeit und ich bin tot. Ich denke nicht, ich fühle nicht, ich bin unkörperlich auseinanderdissoziiert und ein anderes Innen tritt durch den Feinstaub, der mal das war, was ich als “Ich, Hannah” bezeichne.

Und heute war ich mit den neuen Ohrenstöpseln unterwegs.
Und bin nicht gestorben, sondern mit der Straßenbahn gefahren.

Ich habe mich hingesetzt und auf den Monitor mit der Werbung geschaut. Und dann habe ich nach links geschaut, weil viele Menschen eingestiegen sind.
Und dann ist mir aufgefallen, dass es nicht weh tut. Dass ich immer noch in der Bahn sitze. Und sitze. Und rausschauen kann. Und die Sonne sehe. Die immer noch genauso da war und schien, wie an der Haltestelle, an der ich eingestiegen war.
Meine Synästhesie für die Geräusche war subtil und flüchtig – ich konnte alles sehen. Mich orientieren. Ich wusste genauso klar, wie ich das zu Hause oder an anderen Orten weiß, wo ich war und wo die Menschen um mich herum. Ich wusste das, obwohl ich nicht meinen Körper berührt hatte. Und als ich ihn berühren wollte, hätte ich fast geweint, weil ich nicht erst überlegen musste, wo eigentlich meine Ränder sind.

Es war wie einer dieser Momente, in denen man sich des eigenen am Leben seins so sicher und bewusst ist, dass es das Herz erfüllt und überschwappen lässt.

Ich, Hannah, bin heute mit der Straßenbahn gefahren, ohne in einen dissoziativen Zustand zu kommen, der mein (unser, als Einsmensch) ganzes Leben prägt.

Zurück zu Hause (nach einer Rückfahrt während der ich die ganze Zeit auf meinem Platz saß und in die Runde schaute, weil ich allen sagen wollte, dass ich da bin und wie krass das ist, und dann merkte, wie noch viel krasser es ist, dass ich merke, dass ich das wirklich tun könnte, weil ich ja gerade da bin und die Energie dafür hätte und und und… ) wollte ich dem Begleitermenschen schildern, was in mir vorging.
Wie krass das ist. Und wie neu, dass ich nach so einer Fahrt überhaupt die Kraft dafür hatte, etwas mitzu.teilen. Und wie gut. Und krass. Und schön.

Und wie traurig. Und wie bitter.

Ich merkte ein paar Rosenblätter und ihnen Vorangehende, mit ihren Gefühlen und Reaktionen. Merkte wie (nochmalig) sinnlos ihnen frühere therapeutische Maßnahmen zur Bewältigung unseres Stress- und Noterlebens nun vorkommen. Das Abstumpfungstraining in Form von wochenlangem Bus- und Bahn fahren bis es keine Panikattacken, Krampfanfälle und Nervenzusammenbrüche während der Fahrt  mehr gab (weil sich ein Innen (weiter)entwickelte, das dieses Training durchhalten konnte). Die massiv kränkenden Sitzungen mit einer Wald-und Wiesen-KVT-lerin, die ihnen bei jedem Termin eingeimpft hatte, dass sie schlicht, die falsche Einstellung zum Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätten und an andere Dinge denken sollen. Das rücksichtslose Gebohre nach Traumatisierungen, in denen Täter_innen irgendetwas vorgeben, wie man sich während Wegstrecken fühlen oder verhalten soll, durch eine frühere Traumatherapeutin.

In den letzten Monaten passiert vieles für uns, dass wir schon seit vielen Jahren hätten für uns einfordern oder erarbeiten und probieren können. Theoretisch. Rein praktisch ging das nie, denn wir hatten keinen Begleitermenschen und kein weiteres Verstehen darum, was mit uns passiert, als das, dass wir uns jeden Grund für unsere Probleme aus dem Dissoziierten in uns herausschälen müssen, um es zu verändern.

Krampfanfälle in der Schule/bei der Arbeit/in Krisenzeiten? – Das ist bestimmt ein desorientiertes Innen
Dissoziative Amnesien für Handlungen des Alltags? – Das ist bestimmt ein desorientiertes Innen
Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion? – Das kommt bestimmt von desorientierten Innens
Schwierigkeiten zu Sprechen und Gesprochenes zu begreifen? – Da wirkt doch bestimmt irgendein Redeverbot/Programm – also desorientierte Innens!

Ich merke, dass eine ganze Ladung der Bitterkeit aus dem Bewusstsein um mehr als 10 Jahre therapeutischer Arbeit auf einzig bis überwiegend diesen Annahmen basierend mit und an uns passiert ist, kommt.
10 Jahre, in denen wir uns das eigene Leiden an dem, was für alle anderen um uns herum scheinbar kein Problem war/ist, abgesprochen haben, mit der Begründung, wir wären uns eben noch nicht alle wirklich im Klaren darüber, das heute heute ist und die Gewalt vorbei.
Und je länger ich darüber nachdenke, sehe ich auch die Missachtung unseres allgemeinen Funktionierens und Therapiefortschritts darin.

Was etwas ist, worüber wir schon länger nachdenken, weil es uns seit Jahren immer wieder auffällt:
Die Überbetonung der Schwierigkeit und Langwierigkeit der Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgen bzw. konkreter: der Menschen mit DIS aus organisierter Gewalt in Kombination mit einer bezüglich der allgemeinen Lebensperspektive wenig konstruktiven Fokussierung auf Ursachen in den Klient_innen selbst.
Als Beispiel: eine Person ist ausgestiegen und schliddert von Aussteigereuphorie in Todesangst, nachdem “Alltag (neu) zu lernen)” sich als chronisch überfordernd herausstellt, nachdem diverse Fähig- und Fertigkeiten schlicht nicht vorliegen.
Auf die Idee, diese Fähig- und Fertigkeiten zu unterrichten bzw. konkret einzuüben und zu benennen, kommen viele tiefenpsychologische Therapeut_innen häufig nicht – wohl aber auf die Idee, dass es sicher Gründe hat, dass die Person das nicht kann. Und diese Gründe werden ganz klassisch in der Person selbst verortet. Nicht etwa in einer Inkompatibilität der Person mit ihrer Umwelt und anders herum. Nicht etwa darin, dass es neben all dem eher Ungewöhnlichem im und am Leben dieser Person, auch ganz simple, ganz profane Problemdynamiken geben kann.

Mich erinnert das an die Arroganz der Zauberer in Harry Potter: alles wird aufgezaubert, weil man es kann – Schema F ist special besonderes Zauberstabgewedel, um ein Türschloss zu öffnen, statt die Klinke zu benutzen oder die Tür einzutreten.
In unserer Behandlung von Ängsten, Zwängen und anderen Problemen, die unsere Funktionalität zuweilen existenziell bedroht bzw. eingeschränkt haben, haben wir bereits Thesen und Ideen zu unserer inneren Struktur und Biografie gehört, die von abwegig und unwahrscheinlich bis tatsächlich hanebüchen reichten – und letztlich die Probleme selbst nicht gelöst haben.
Uns hat es nie geholfen, von einer Intension anderer Menschen hinter unserem Leiden auszugehen – vielleicht, weil die Intensionen anderer Menschen für uns selten wirklich ausschlaggebend für die Beurteilung einer Situation sind (weil wir die Intensionen anderer Menschen häufig nicht eindeutig bestimmen können) – vielleicht aber auch, weil es für unser Leiden tatsächlich völlig irrelevant ist.

Ich konnte die Straßenbahn nie bewusst nutzen, weil mein Reizfilter nicht gut funktioniert, die Auswirkungen dessen immer wieder das Erinnern von unverarbeiteten Traumatisierungen antriggert und mein Gehirn mit Dissoziation darauf reagiert.
Natürlich kann ich andere Begründungen finden. Etwa: Meine Oma hat mich immer dafür bestraft, wenn ich mit der Straßenbahn gefahren bin (und weil ich auch nach 10 Jahren Traumatherapie nicht in der Lage bin, zu schnallen, dass ich erwachsen bin und tun kann was auch immer ich will und meine Oma für ein omnipotentes Überwesen halte, das mich furchtbar zerfetzen wird, wenn ich es doch tue – weil ich einfach nicht fähig bin, mich und meine Überzeugungen konstant mit der Realität abzugleichen (oder! (kaum hörbar geflüstert) mein_e Therapeut_in einfach schlechte Arbeit mit mir macht)) und deshalb kann ich das heute nicht und bin überfordert und muss immer weiter und weiter an meinem Oma-Ding arbeiten, um das zu können.

Natürlich gibt es Menschen, für die es wichtig ist und hilfreich und völlig okay, sich so mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen.
Für mich wirkt es im Moment jedoch auch wie ein Weg sich Klient_innen zu produzieren, die man sehr lange, sehr tiefschürfend, fast ausufernd behandeln _muss_, ohne dabei wirklich greifbare Ziele erreichen können. Weil die Straßenbahn-fahr-Verbot-Oma ja auch noch tausend andere Dinge verboten haben kann und man so ja nie etwas lernen konnte und das betrauert werden muss (Trauer ist eventuell auch ein langer Prozess…) und integriert werden muss und tja am Ende irgendwann, wenn die Kraft der Behandler_in nicht mehr reicht, muss di_er Klient_in vielleicht lernen damit umzugehen, dass bestimmte Dinge bei ihm_ihr einfach aufgrund der Geschichte mit Oma vielleicht nie gut/normal/funktional sein werden, aber das ja nicht schlimm ist, schließlich hat sich die di_er Klient_in in x Behandlungsjahren eh schon dran gewöhnt “krank”/dysfunktional/bekloppt zu sein.

Ich behaupte nicht, dass das oft vorkommt und man sich deshalb niemals mit einem Oma-Ding in Therapie begeben sollte. Oder, dass gezielte Misshandlungen im Rahmen von organisierter Gewalt niemals Täter_innen-Intensionen folgen, die im späteren Leben der ehemaligen Opfer eine große Rolle dabei spielen, bestimmte Dinge zu können oder neu zu lernen oder genau nicht zu können und zu lernen.
Ich sage, dass diese Herangehensweise bzw. allgemeiner die Begründung von Schwierigkeiten in den Intensionen anderer Menschen zu sehen, für uns nie zur Folge hatte, unsere Probleme lösen zu können, neue Fähig- und Fertigkeiten zu entwickeln, geschweige denn, uns tatsächlich von diesen Personen zu emanzipieren.

Mit uns funktioniert der “böse auf die Täter_innen werden und sich dadurch besser abgrenzen können”-Ansatz nicht und darüber ein Großteil der üblichen Methoden zur Motivation von Aneignung des eigenen Lebens und Etablierung von Selbstbestimmung und so weiter, ebenfalls nicht.
Und erst jetzt kommen wir zu der Erkenntnis weshalb das so ist.

Wir wollen unsere Therapieziele um ihrer selbst willen. Wir haben uns für das Leben um des am Leben seins willen entschieden.
Mich hat es belastet die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht zu erinnern bzw. bewusst für mich selbst zu erleben, weil ich es nicht erinnerte bzw. nicht bewusst für mich erlebte. Es ist unser permanenter Sachbezug, der uns in einem Kontext der Gründe aus Intuition und Personenbezug eine Schleife von 10 Jahren hat fahren lassen.
Und das ist eine wirklich bittere Erkenntnis.

Das erbittert uns nicht nur die Traumatherapie bis heute, es erbittert uns auch sämtliche früheren Behandlungen als Versuch einer sich bietenden sinnvoll erscheinenden und von allen Seiten angeratenen Möglichkeit sich Erleichterung und mehr Lebensqualität zu verschaffen.

Der Begleitermensch hatte gefragt, ob es denn nicht gut sei, es jetzt geschafft zu haben, einen Weg gefunden zu haben, das Fahren mit der Straßenbahn zu erleben, ohne zu dissoziieren. Ob es denn nicht schön sei. Ob es das denn nicht überwiegt. Oder relativiert.

Jetzt ist eine ganze Weile vergangen seit dem Tag, an dem das passierte.
Und ich kann sagen: nein, das tut es nicht.
Es jetzt zu schaffen, macht das Leid früheren Scheiterns und seiner Konsequenzen für und in uns nicht weg und schon gar nicht relativiert es das. Es ist nicht erhebend für mich zu sagen: “Ha! Ich habe es geschafft ohne diese Verhaltenstherapeutin! Ha ha! Ich bin ja wohl doch nicht so blöd, wie sie mich vor mir selbst dargestellt hat!” – es ist unfassbar traurig für mich, nicht früher und ohne so schmerzliche Episoden auf Kosten anderer Innens an den Punkt gekommen zu sein.

Ich bin nicht dankbar dafür, jetzt Bahn fahren zu können, weil es sich im Moment mehr nach einer zufälligen Belohnung fürs Durchhalten anfühlt, als nach einer Entschädigung oder dem Gewinn eines Kampfes.
Ich bin nicht voll des Triumphes, weil ich mir einreden kann, ich würde wegen dieser Fertigkeit den Täter_innen ein Schnippchen schlagen, weil ich jetzt etwas kann, was sie mir immer verwehren wollten.
Ich bin nicht voll der Zuversicht für die Lösung anderer, ähnlich gelagerter Probleme des Alltags, weil ich weiteren Schmerz fürchte, der mit der Erkenntnis einhergeht, dass wir schon sehr viel früher, sehr viel ernster und allen Vorgaben durch Therapiemethoden und Therapeut_innen zum Trotz auf das, was um am Kränksten, Durchgeknalltesten, Awkwardesten an uns selbst erschien (und bis heute erscheint) achten und entsprechend handeln hätten müssen – obwohl ich weiß, dass wir genau das aber auch aus Gründen sehr lange nicht konnten (und auch heute nicht einfach mal eben können).

Wieder bewege ich mich also in dem Kreisel aus internalisierter Pathologisierung, Anerkennung der Schädigung von früherer toxisch wirkender Psycho(trauma)therapie und deren Auswirkungen auf mich (uns) heute.
Weil ich ein Erfolgserlebnis hatte.
Weil ich ein Therapieziel erreicht habe.
Weil es nun einen Bereich mehr in unserem Leben gibt, der nicht so bewältigt werden muss, wie früher Gewalterfahrungen bewältigt wurden.

tl,dr: Es ist schön, dass es jetzt so ist.
Und es ist bitter, dass es nicht schon vorher so war.

zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen

Was gut ist: ich lese immer seltener “die Behinderten” und auch journalistische Negativglanzleistungen wie “leidet an [medizinische Bezeichnung eines körper-seele-funktion Umstandes]”.
Das ist alles, was gut ist und das liegt wahrscheinlich an mir selbst.

Ich habe mich radikalisiert. Ich lese kaum noch Artikel über behinderte Menschen. Konsequent und so radikal, dass es meine Leseliste um 90% verschlankt hat, lese ich nur noch behinderte Menschen, die über, von und mit behinderten Menschen schreiben/filmen/anders berichten.
Das mache ich nicht, weil das der Journalismus ist, den ich mir wünsche, oder weil behinderte Menschen, die besseren Berichter_innen sind – ich mache das, weil für mich jeden Tag „internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ist.

Ich habe lange geglaubt, die Gewalterfahrungen, die ich machen musste, hätten mich als schwerbehinderte, kaputte und damit weniger werte Person zurückgelassen.
Das war gut, um die Ungerechtigkeit der Gewalt an sich und ihrem Wirken an und in mir überhaupt erfassen zu können. Das war wichtig, um in einen Trauerprozess um all die Optionen zu kommen, die es für mich hätte würde wenn eventuell vielleicht hätte geben können, wenn nicht …

Leider war das auch ein Ausdruck der opferfeindlichen und ableistischen Kackscheiße, die ich internalisiert habe und als ich dann, vor etwas über einem Jahr so sicher wie es in meinem Fall sicher sein kann, erfuhr, dass es all dieses hätte würde wenn, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst ohne die Gewalt, die mir in der eigenen Familie passiert ist, nicht für mich gegeben hätte, war es einer dieser Momente, die weh tun, weil sie von einem kaputten Selbstbild und dem Verlust der eigenen Positionierung in der Welt herrühren.

Ich bin keine behinderte Person, die danach strebt ihre Behinderungen “nicht so schlimm” zu finden oder “zu sein, wie alle anderen Menschen”.
Ich will normal sein.
Und nein, das ist kein Widerspruch – das ist eine Kampfansage an die Norm.

Vor inzwischen 9 Jahren habe ich mich dazu entschieden aus einem Kontext auszusteigen, der mich über kurz oder lang das Leben gekostet hätte.
Ich gab es auf, eine Familie zu haben und wurde zu einer Waise, deren Eltern noch leben. Ich gab es auf, einen Lebenslauf zu haben, den ich ohne kosmetische Totaloperation zu einer Bewerbung tackern kann. Ich akzeptierte, dass die bürokratischen Strukturen des Landes, in dem ich lebe, weder Biografien, noch daraus hervorgehende Bedürfnisse und Behinderungen kennen, noch angemessen zu behandeln in der Lage sind. Ich tat einen, zwei, drei Schritte von meinen mir per Gesetz zugesicherten Grundrechten zurück und spürte, wie ich endlich etwas richtig machte.
So soll das nämlich sein, wenn man aus etwas hervorgeht, das nicht vorgesehen ist.

So schwere organisierte und häusliche Gewalt zu überleben, ist nicht vorgesehen. In dieser so gestalteten Welt nicht so funktionieren zu können, wie die Mehrheit der Menschen, ist nicht vorgesehen. Plötzlich nicht mehr zu funktionieren, ist nicht vorgesehen. Plötzlich anders zu sein oder sich Stück für Stück anders zu entwickeln oder für immer und trotz allem anders zu bleiben und Worte, Gründe und eigene Werte daran zu haben, ist nicht vorgesehen.

Und was nicht vorgesehen ist, das gibt es nicht.
Und wenn es etwas nicht gibt, dann ist völlig klar, dass man sich damit weder gut noch schlecht fühlen kann. Dass man sich fern von allem (= der Norm) zu positionieren hat und ergo niemals von irgendetwas, das passiert, angesprochen und mitgemeint fühlen kann.

Behinderte Menschen sind nicht vorgesehen. Egal, um welche Art der Behinderung es sich handelt und, egal wie hoch das Maß des Funktionierens innerhalb normalisierter Umstände und Umgebungen ist.
Sämtliche Strukturen sind darauf ausgerichtet die Norm zu erkennen und mit ihr umzugehen. Für “den Rest” gibt es Sonderstrukturen und wir hier im Westen haben das Glück in einem Kapitalismus zu leben, der daraus noch Gewinn erzielen kann.
Es gäbe keine Pflegeheime, Förderzentren, Sonderschulen, Werkstätten und Spezialtechniken, würde man damit kein Geld machen können.
Es ist kein Akt der Menschlichkeit und schon gar nicht der gelebten Inklusion, Sonderstrukturen zu haben, zu nutzen oder mit Altruismus zu erklären (und zu legitimieren).

Behinderte Menschen werden durch die Option dieser Sonderstrukturen zu einer wirtschaftlichen Ressource.
Das ist wie mit Müll.
Niemand will ihn in der Wohnung haben – aber der Typ, dem die Müllabfuhr-, der Typ, dem die Halde-, der Typ, dem das Recyclingwerk- , der Typ, dem die Firma für aus recyceltem Material gemachtem Zeug — gehört (und seine vielen Angestellten, sowie der Staat, der deren Steuern bekommt), die finden Müll so richtig geil.

Diese Metapher ist schmerzhaft, ne? Es ist aber die Art schonungsloses Bespiel, das die Verachtung und Entmenschlichung, mit der behinderte Menschen jeden – wirklich jeden! – Tag umgehen müssen, am deutlichsten aufzeigt.
Und es ist die Metapher, die mir am meisten hilft für meine Grund- und Menschenrechte einzutreten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
“Würde” bedeutet: jeder Mensch ist wertvoll.
Auch dann, wenn er nicht mitbedacht, nicht vorgesehen ist.

Menschenrechte gelten universell und niemand braucht mehr als die eigene Menschlichkeit um zu dieser Party eingeladen zu sein.
Niemand braucht mehr als das, um ganz üblich in seiner Würde und seinem Wert unangetastet zu sein.

Wenn es jedoch um den normierten Alltag geht, wird eine andere Party gefeiert, denn hier muss niemand über die eigene Menschlichkeit nachdenken.
Hier sind alle Menschen, die nicht vor der Treppe am Eingang, der Beschaffenheit der näheren Umgebung oder dem sozialen Code zum Einladungserhalt (und vielem mehr) gescheitert sind.
Es ist schwierig sich als gleichartiger Mensch zu erleben, wenn man permanent gezwungen ist, eine Subparty vor der Haustür oder im Begegnungszentrum drei Blocks weiter zu veranstalten und sich selbiges auch noch schön zu reden, weil „es ja auch schlimmer sein könnte und man ja niemanden zwingen kann, die Party einfach grundsätzlich woanders zu starten“.

Es ist diese fatale Normalität des Ausschlusses und der Abgrenzung, die mich unnormal macht und mir aufbürdet mich einzugliedern und anzupassen, um als Mensch anerkannt zu werden.

Ich will nicht normal sein, um besser und wertvoller zu werden, als ich jetzt bin.
Ich will normal sein, um von Staat und Gesellschaft als Mensch anerkannt zu werden und den täglichen Kampf um Gleichberechtigung, Partizipation und Selbstbestimmung beenden zu können.

Am „internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen“, geht es darum, genau das deutlich zu machen.
Egal, ob jemand ausschließen will oder nicht – egal, ob jemand behinderte Menschen ausgrenzen will oder nicht – egal, ob jemand “nichts gegen Behinderte hat” oder vielleicht doch – egal, wie gut oder schlecht eine nicht dauerhaft und global behinderte Person einer behinderten Person das Leben ermöglicht – der Ausschluss und die Entmenschlichung behinderter Personen ist real und passiert jeden Tag.

Das aufzuzeigen und/oder in Erinnerung zu rufen, ist alles, was so ein spezieller Tag leisten kann.
Etwas dagegen zu tun und die Universalität der Menschenrechte in die Lebensrealität aller Menschen gleich zu implementieren, das ist etwas, das mehr braucht.

Man muss es aber gewähren wollen.
Ohne selbst etwas dafür zu verlangen.

kein Trost

Wir waren im Kino und haben uns “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” angesehen.
Im Folgenden spoilere ich etwas aus dem Film, deshalb gibt es ein tl,dr am Ende des Artikels.

Ich fand den Film unfassbar traurig. Er ist traurig wie die X-Men-Filme traurig sind. Wie jeder Film, in dem Andersartigkeit zu Not und schmerzhaftem Miteinander führt, traurig ist.

“Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”, spielt in der “Harry Potter-Welt”.
Eine Welt, die gespalten ist, in magische und nicht magische Wesen. In Könnende und Nichtkönnende. Eine Welt, in der die Einen die Anderen fürchten und verachten, mit etwas Glück jedoch bewundern und einander nacheifern.
Eine Welt, in der beide Seiten sich selbst nicht im Anderen erkennen können, obwohl ihre kulturellen Praktiken die gleichen Wurzeln haben.

Die Faszination solcher Filme liegt für mich in der Möglichkeit mir meine eigene Welt, mein Hier und Heute von außen anzuschauen. Ich kann die Konflikte, in denen ich mich selbst befinde, in einer übersetzten Variante als unbeteiligte_r und irrelevante_r Zuschauer_in betrachten und mir eventuell in Frage kommende Handlungsoptionen ansehen.
Oder, wie heute, einen Tränenstrom runterschlucken und denken: “Scheiße.”.
Denn anders sein ist scheiße.

Anders unter anderen zu sein, macht niemanden gleich.
Es macht nur alle anders und verbietet ein Leiden unter der eigenen Andersartigkeit.

Es gibt in dem Film eine Figur, die als Squib (eine nichtmagische Person, die eine magische Familie hat) eingeführt wurde und von einer hasserfüllten Adoptivmutter misshandelt wird. Im Verlauf taucht eine Vertrauensperson für diese Figur auf, die sie jedoch auch nur ausnutzt.
Der Angelpunkt ist die Verwandlung dieser gequälten Figur zu einem alles vernichtendem dunklen Wesen – das am Ende scheinbar getötet wird.

Über diese Wesen wird im Film gesagt, dass sie nicht alt werden.
Es gab keinen Fall von einem, das älter als 10 wurde.
Die Figur, die dieses Wesen ist, ist älter und alles, was dazu kommt, ist die Erwähnung “großer Kraft”.

In den letzten Ausklängen des Filmes ist ein Fitzel des schwarzen Wesens zu sehen.
Es hat wieder überlebt.
Weil es ja so stark ist vielleicht.

Mich hat das “abgeholt”.
Weil ich so müde bin und so überhaupt gar keine Kraft für irgendwelche Opferleistungen mehr habe. Ich kann nicht mehr verhandeln, ich kann nicht mehr ausreden lassen, ich kann meine Gedanken nicht mehr zusammenschieben, damit sie in die Schubladen anderer Menschen passen. Ich bin überarbeitet und 24/7 überfordere ich mich damit meine Überforderungen in Arbeiten zu zerhacken, die ich bewältigen kann, nur um festzustellen, dass es zu viele werden.
In meinem Kopf spulen sich mit jedem Fehler, mit jeder Erkenntnis etwas nicht zu schaffen, vor irgendetwas zu scheitern, mit etwas nicht rechtzeitig, nicht genug, nicht passend fertig zu werden, genau solche Misshandlungsszenarien wie in diesem Film ab.

Strafen, Not, Einsamkeit, dieses eingeklemmte Gefühl im Oberkörper, das man kriegt, wenn man sich selbst aus all dem rausschreien, rausstrampeln, freikämpfen will, aber nicht kann, weil vor lauter Arbeit gegen die Arbeit, gegen Überforderung und für all das, was man sich wünscht und will, schlicht keine Kraft mehr hat.

Es ist keine Hilfe zu wissen, dass es alte Dinge sind.
Dass es vorbei ist und mir niemals wieder jemand so weh tun kann.
Es hilft nicht, weil Erkenntnis nicht das Gegenteil von Schmerz und Not ist.

Was mich an solchen Filmen mit Zauberei und Superkräften tröstet, ist die Unwillkürlichkeit aller Protagonist_innen zu Beginn ihres Umgangs mit ihren Fähigkeiten. Die meisten haben Angst vor sich selbst, versuchen sich zu positionieren, vergleichen sich anderen und je nach Verlauf der Geschichte, finden sie Wege sich mit anderen Anderen zu befreunden und zu sich zu finden, oder sich in den Kampf um etwas zu begeben, das ihnen wichtig ist.

Ich bin viele und anders.
Wenn ich sterbe (= so stark dissoziiere, dass ich mich nicht mehr als “ich” wahrnehme) kommt etwas aus mir heraus, dass ich weder beeinflussen, noch spüren, noch mehr als erahnen kann. Wenn ich eins kenne, dann ist es das Gefühl jeden Moment zu einem schwarzen Loch zu werden, das alles und alle um sich herum verletzt, kränkt, falsch behandelt – ganz und gar anders ist, als ich.
Das ist mein “normal” und zwar schon immer. Mein ganzes Leben lang.

Dieser Film war, glaube ich, der dritte oder vierte, in dem ich eine Figur sehe, die anders ist und misshandelt wird – und ihre_n Misshandler_in tötet.

Neben all dem „Kraft zum Überleben-Blabla“, das Hollywood braucht, um Opferschaftserfahrungen zu verwursten, ohne die betroffene Person aufgrund dessen als schwach und minderwertig darzustellen, ist es das, was Filmemacher_innen dann einfällt.
Und mich weit mehr ängstigt als es irgendein Horrorfilm schaffen kann.
Genugtuung durch Rache mit Todesfolge.

Ich identifiziere mich mit solchen Figuren, weil mich ihr Anblick in meiner eigenen Existenz in dieser Welt versichert.
Wenn es in Filmen solche Figuren mit so anderen Eigenschaften gibt, dann gibt es mich auch.
Menschen erfinden nichts, was es nicht in irgendeiner Form bereits gibt.

Es ist schlimm anerkennen und akzeptieren zu müssen, dass auch ich das Potenzial habe Menschen zu töten. Menschen, die mich verletzt haben, zu töten.
Zu töten, wenn ich die Kontrolle über mich verliere und das schwarze Loch an meine Stelle tritt.

Das Drama des Wesens in dem Film ist, die Andersartigkeit unter anderen und eine Einsamkeit, die sehr viel weiter greift als bis zu dem Punkt, an dem es weder durch die magische, noch durch die menschliche Gemeinschaft eine Daseinsberechtigung erfahren kann, weil ist, was es ist.
Die absolute Einsamkeit, die globale Tragödie entspinnt sich erst dort, wo es überlebt hat. Schon wieder.

Es macht mir selbst klar, was mich an meiner eigenen Überforderung und Überarbeitung so in Not bringt.
Ich weiß, dass ich das überleben kann. Ich weiß, dass ich die Gewalt in meinem Kopf, in meinem Erinnern und Wiedererleben genauso überleben kann, wie das Selbst aus vielen Ichs, sie früher überlebt hat.

tl, dr:
Es ist kein Trost zu wissen, was man alles überleben kann, weil man es schon einmal überlebt hat.  Es ist so oft nichts mehr, als ein weiterer Schmerz, den man zusammen mit all dem, was ist und war und wird, jeden Tag aufs Neue überleben muss.