Nachtrag zum Tag des Folteropfers

flieder Gestern am 26.6. 2014 war internationaler Tag der Folteropfer.
Das
Institut für Menschenrechte trägt immer viele gute Sachinformationen zum Thema zusammen und macht auch in diesem Jahr, wie so ziemlich jede Organisation mit dem Schwerpunkt “Menschenrechte”, darauf aufmerksam, dass die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter bis heute im Grunde ein Ehrenämterposten mit dem Prüfungsauftrag sämtlicher Heime, Kliniken und Verwahrungsanstalten von Deutschland ist.
Es geht um Geld, Verantwortung, Schuld, den Begriff der Folter.

Es geht nicht darum Opferschaft als einen Zustand zu markieren, der vorbei geht und doch so tiefgreifende Spuren hinterlässt, dass das “nach der Folter”; “nach der Opferschaft”; “nach der Täter-Opferschaft”; “nach der Zeuge von Folter – schaft” gleichsam als sowohl Folter-, als auch Gewaltpräventionsraum anzusehen ist.

Folter ist ein Akt der Gewalt, der weit mehr als Symptome einer PTBS entstehen lässt, wie quälende Ängste, Flashbacks und darauf aufbauend Vermeidungsverhalten und Somatisierungen. Das Ziel von Folter ist es, zu Gunsten Dritter, sämtliche Internalisierungen über Werte, Normen, emotionale Bezüge in einem Individuum zu zerstören.

In manchen Kontexten steht am Ende der Folter eine Aufgabe Funktion des Individuums, zum Beispiel als SoldatIn Teil einer (Bürgerkriegs) Armee zu werden, oder als SpionIn, KurierIn oder auch bloßes Objekt zur Benutzung jeder Art eingesetzt zu werden.
In anderen Kontexten steht am Ende der Folter, die Integration in eine Gesellschaft, deren Normierungszwang die Folter erst ermöglichte. So sind geschlossene (Kinder und Jugend- ) Heime und die Psychiatrie als Ort zu betrachten, in denen das Sein der Irren und Ausgeschlossenen nicht nur in Gefahr ist, weil sie exkludiert sind und sich, warum auch immer, selbst- und/oder fremdschädigend verhalten, sondern auch, weil diese Art der Sprache, des Ausdrucks, als “verschwunden”/ “geheilt”/ “kompensiert” gelten muss, um eine Chance auf Reintegration zu erhalten. Das Stigma psychischer Krankheit verhindert jedoch bis heute gründlich die Inklusion von Menschen mit Psychiatrieerfahrung jeder Art.
In diesem Kontext hinterlässt die psychiatrische Folter also nicht nur den Verlust der Integrität über eigene Normen und Werte, sondern auch noch den individuellen Ausdruck dessen, zu Gunsten einer Gesellschaft, die sich selbst nach einem Anpassungsvorgang (selbst wenn das Individuum die totale Selbstentfernung und/oder Verleugnung vorgenommen hat und bereit ist sich neuen Aufgaben zu stellen) nicht dazu entschließen muss, sich diesem Individuum anzunehmen.

In jedem Fall bedeutet das Ende der Folter, den Anfang von einem Leben in dem vorrangig folterbedingte Internalisierungen das Individuum wenn nicht kontrollieren, so doch früher oder später, mehr oder weniger beeinflussen.
Die Möglichkeit selbst zum Folternden oder zum Folter nicht ablehnenden Menschen zu werden bzw. so zu handeln, weil keine Alternativen erlernt/eingeübt wurden und/oder gesellschaftlich akzeptiert und somit gesichert (privilegiert) werden, ist vielleicht nicht in 100% der Fälle zu beobachten, dennoch aber nicht von der Hand zu weisen.
Gewalt gebiert Gewalt – das gilt auch und in manchen Kontexten sogar explizit für Folter (siehe “Kindersoldaten”).

Am Tag des Folteropfers nicht über die Situation der zu Opfer gewordenen Menschen zu sprechen, halte ich persönlich für einen gewaltkulturellen Reflex unserer Zeit und ein Symptom für als selbstverständlich betrachtete Dualismen, die nicht als Gewaltmechanismen anerkannt werden.
Es ist offenbar selbstverständlich, dass zu Opfer gewordene Menschen weder in der Politik noch im ehrenamtlichen Engagement mitmischen dürfen, sondern bestenfalls als Fallgeschichte oder emotionalisierendes Einzelschicksal auftreten dürfen (!). Es ist offenbar nicht möglich, die verschiedenen Instanzen, die mit der Versorgung von Menschen die Folter überlebt haben (überleben mussten) zusammenzubringen und das Wissen über die Entstehung, Ausübung und Folgen von Folter zusammenzutragen, um es zu einem Einfluss für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung, Unterdrückung … Exklusion werden zu lassen.

Es heißt konstruktive Vorschläge wären neben der Formulierung der Problematik, dem Informieren über diesen Tag und sein Thema gern gesehen.
Hier meine Vorschläge und Ideen zur Prävention von Folter und folterähnlicher Zustände in geschlossenen Einrichtungen von Deutschland

1) Jeder/ jedem PatientIn*/ KlientIn*/ HäftlingIn* eine/n FürsprecherIn*
Diese/r muss:
– geschult sein in PatientInnenrechten bzw. in Haftkontexten in Rechten von Gefangenen
– global unabhängig vom Kostenträger der Einrichtung bzw. Anstalt sein
– befugt sein jederzeit Kontakt zu seinem/ seiner KlientIn* aufzunehmen (gleiches gilt für die KlientInnen*)
– befugt sein sofort und auch ohne Zustimmung und Kenntnis der Einrichtung Meldung über Missstände zu machen – im günstigsten Fall an eine kontrollierende Instanz, die, wenn nötig Maßnahmen zur Veränderung der Situation einleiten kann

2) geschlossene Einrichtungen müssen sich (entsprechend Punkt 1) vom Privileg der Selbstorganisation und freiwilligen Selbstkontrolle verabschieden

3) die Personalschlüssel in geschlossenen Einrichtungen werden angehoben

4) das Personal wird in im gewaltfreien Umgang mit ihrer Verantwortung als Definitionsmacht geschult

5) Für KlientInnen* wird ein größeres und besser nutzbares Netz an Alternativen zur Veränderung ihrer Lage geboten
Das bedeutet:
– ein Ausbleiben von Einweisungen auf “freiwilliger Basis, weil Alternativen der (sicheren) Unterbringung fehlen”, was wiederum der Nutzung der Psychiatrie als exkludierende Instanz entgegenwirken kann
– die Förderung von Projekten und Wohn- und Therapiekonzepten, die ambulante wie stationäre Aufenthalte in bisher neuem Umfang und fern psychiatrischer Kontexte zum Ziel haben
– die Finanzierung ambulanter Therapieangebote ist bis zur Heilung* eines Individuums gesichert – auch Erhaltungstherapie wird so lange gesichert, wie es nötig ist*
– die Bedarfsplanung zur Behandlung psychisch erkrankter Menschen orientiert sich an sowohl der angenommenen Dunkelziffer von Gewaltüberlebenden, wie an der Dunkelziffer noch nicht durch MedizinerInnen diagnostizierter Menschen
– stationäre Einrichtungen (wie zum Beispiel traumatherapeutisch arbeitende Kliniken mit offenem Konzept) werden in die Lage versetzt ihre PatientInnen* so lange und so individuell zu behandeln, wie es sowohl den BehandlerInnen, als auch den PatientInnen effektiv erscheint

[Menschen die zu Opfern von Folter wurden, warten derzeit bis zu 2 Jahre auf einen Therapieplatz in Kliniken unter Umständen weit entfernt von ihrem Wohnort, wo es oft genug weder konzeptionelle noch räumliche noch finanzielle Möglichkeiten gibt, sie in der Verarbeitung ihrer Erlebnisse wie auch der autonomen Gestaltung eines gewaltfreien Lebens zu unterstützen]

6) Traumata und die Behandlung ihrer Folgen für Körper Geist und Seele wird allgemeiner Bestandteil in sowohl der Ausbildung von Menschen, die mit Menschen arbeiten (PsychologInnen/ PsychotherapeutInnen, MedizinerInnen, LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen, PflegerInnen, Hebammen, PolizistInnen, JuristInnen) als auch der zivilen Bevölkerung

7) politische Initiativen, Gremien, Vorstände etc. arbeiten zusammen mit Menschenrechtsorganisationen, Überlebenden von Folter/folter ähnlichen Umständen und BehandlerInnen (sowie VertreterInnen oben genannter Berufsstände) um am Problem bestehender Risikofaktoren in geschlossenen Einrichtungen zu arbeiten und Lösungen zu formulieren bzw zu erarbeiten

8) Menschenrechte werden in den Schulunterricht eingebunden
– jedes Mitglied unserer Gesellschaft sollte wissen wann und wo seine Menschenrechte eingeschränkt und/oder verletzt werden und wo er die Wahrung selbiger einfordern bis einklagen kann

 

*Heilung meint in diesem Zusammenhang den von BehandlerIn und behandelten Menschen kongruent benannten Zeitpunkt einer solchen
*Erhaltungstherapie muss als Lebenserhaltende Maßnahme anerkannt werden und entsprechend finanziert

 

 

_________________
Dieser Text darf sowohl über das Internet, als auch in institutionellen Kontexten verbreitet werden, sowohl um eine Diskussion mit dem Ziel der Verhinderung von Folter und folterähnlichen Umständen entstehen zu lassen, als auch bestehende Diskussionen um Opferhilfen, Gewaltprävention und Wege zu einer inklusiven Gesellschaft zu unterstützen.

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ES ist nicht vorbei

Ich weiß noch wie das war.
Die erste eigene Wohnung, in der man in jedem Raum mit den Dachschrägen ins Gehege kam und die gerade klein genug war, um mir räumliches Zerfallen zu ersparen.

Wir mussten ausziehen, weil zwei Mal dort eingebrochen wurde.
Einmal wurden wir da überfallen.

Wir haben immer gesagt, es wäre jemand in unserer Wohnung gewesen und wir hätten das nicht gewollt.
Mehr Worte gab es nicht für diese Episode aus etwa 30 Minuten [… … …]

Damals hatte ich noch die Drogen. Das Tavor und das Zopiclon, die Antidepressiva.
Wir mussten nicht darüber reden, wie das für uns war, woran wir uns erinnern, was eigentlich gewesen ist.
Eigentlich waren da auch nur Schemen, Gefühle, die sich wie Gedanken anfühlen und ach –  das Etikett “es gab Täterkontakt” machte den Menschen um mich herum schon genug Fantasien in den Kopf. Wir haben uns durch die Ausstiegsspaltung gedrogenrauscht und versucht nebenbei das eigene Wachsen auszuhalten.

Die “Sache” mit den Polizisten und den Männern* vom Krisendienst

Ich würd lügen, würd ich schreiben, dass wir seitdem auch nur eine Nacht ohne Hilfsmittel hier haben schlafen können.
Ich würd lügen, würd ich schreiben, dass es mich nicht unaushaltbar wütend macht, dass der Mensch, der das alles ausgelöst hat, nicht ein einziges Mal – nicht einmal den kleinsten Hauch von Rückgrat in sich hat, sich mit uns persönlich auseinanderzusetzen.
Egal, denke ich
Ich würde den Menschen verprügeln, würde er vor mir stehen und das ist jetzt keine Rhetorik. Ich würde meine Ohnmacht vor der ganzen egozentrisch rettungsmoralischen Kackscheiße in seinem Kopf nicht ertragen und einfach losschlagen.
In meinem Kopf mache ich das. Immer wieder. So doll, dass ich das selbst kaum aushalte.

Und ja- ganz so blöd bin ich auch nicht- ich weiß, dass ich, wenn ich mir das vorstelle, mich selbst sehe, die Schmerzen zugefügt bekommt.
In meiner ersten eigenen Wohnung, von einem Typen, der sicher nicht einmal meinen echten Namen wusste, aber schon wusste, wieso er tat, was er tat.

Ich weiß, dass das hier das Hamstergrübelrad in Richtung Depressionmoloch nach (Re-) Traumatisierung ist.
Ich fresse und lebe, wie ein Schwein. Fühle mich wie eins. Ich bin überreizt und froh, wenn ich Laute aus der Buchstabensuppe in meinem Gedankenkochtopf gefischt kriege.
All die hübschen positiven Ressourcen liegen in meinem Notfallköfferchen und lächeln mich an. Lassen mich Alltagskomptenz halten und ausüben.

Und währenddessen denke ich an Drogen, Gewalt, Zerstörung, Ohnmacht, Schmerz.
Das ist alles wortlos. Das geht alles ohne Anstrengen, ohne Enttäuschung. Überall. Immer.

Ich hab bis heute keine Wörter in mich reintherapiert bekommen.

Irgendwie ist nur die Zeit vorbei gegangen.
ES nicht.

Keins von all den ES –en.
Keine dieser ganzen Episoden aus [… … …]

 

Aber,
ich hab einen Hund mit dem ich nicht reden muss, um mich ein bisschen besser zu fühlen.
Daran will ich mich später mal genauso krass erinnern, wie an
ES

es gibt meine Schuld und ich will sie haben

rosenblüte Es gibt kein Wort, keine Wendung, die ich häufiger in meinem Alltag verwende als: “Entschuldigung” und kein häufiger von Abhängigkeit geleitetes Gefühl in mir, als das der Schuld.

Als unsere Welt geplatzt war, gab es diese Botschaft von “Es war nicht deine Schuld”. Ich weiß noch, dass mein erster Impuls einer Entgegnung war: “Doch doch, ich hab ja Mist gemacht. Es war mal meine, aber jetzt ist sie ja bei ihm.”.
Ich weiß noch, dass meine Vorstellung von Schuld damals, als ich noch mitten in der Dynamik von Gewalt war, sehr viel fluider war, als sie es heute ist, wo ich allein Dynamiken von Gewalt aufbauen (und reproduzieren und halten) muss. Ich sehe bis heute das Zentrum von Schuld in mir, bin aber gezwungen sowohl Schulddefinition, als auch Schuldabsolution allein zu erteilen und bin einer Zwickmühle, denn gelernt habe ich ja, sowohl in der Familie, als auch in anderen Kontexten, vor allem, dass ich mal so gar nichts zu definieren habe bzw. aufzuheben, weil [… beliebige Ohnmachtsrolle einsetzen…].
Und dort beginnt die Schwierigkeit im psychotherapeutischen/psychiatrisch-medizinischen Diskurs:

Selbstzerstörung und Selbstbestrafung wird für meine Begriffe oft mit einer “nicht echten” oder “nur eingebildeten” Schuld erklärt, weil es nur einen Punkt der Wirkung gibt und, weil Konzepte der Autonomie generell als “nicht echt”, weil “ja nur für einen Menschen gültig” betrachtet werden.
Das ist der Nährboden für die Pathologisierung von allem, was man wegen sich selbst für sich selbst tut: die Subjektivität auf allen Ebenen, obwohl man sich doch in einer sozialen Gesellschaft befindet, in der die objektive Sicht auf Subjekte allein als alles bestimmend gilt- heißt: Es ist pathologisch, weil Außenstehende nicht involviert sind bzw. sein dürfen – es gilt als krank, weil andere, die keine Rolle darin spielen, nicht mitmachen dürfen.

Das heißt: selbstverständlich erzählen mir alle TherapeutInnen, es sei nicht meine Schuld gewesen, wenn XY passiert ist- denn jede Bestätigung meines Komplexes könnte die Bestätigung von irgendwann mal in mich eingebrachte TäterInnenwillkür oder SadistInnenlogik bedeuten. Ob ich sie vielleicht als meine wahrnehme, und es völlig unerheblich für meine subjektive Schuld- Schulderlassungsdynamik ist, woher das nun kommt, spielt da erst mal keine Rolle.

PsychiaterInnen/PsychologInnen- objektiv betrachtet, spiele ich beendete Kindheitsgewalt (bei der sie weder damals noch heute dabei waren) nach und deshalb ist es krank, falsch, schlecht… und, ob ich mich dann schuldig fühle (weil ich diese Therapie falsch mache, weil ich das ja weder so fühle, noch so wahrnehme und deshalb eh alles eine einzige Lüge ist und böse böse böse und damit wiederum eine Bestätigung für mein Schuldzentrum), muss wiederum in mir drin bleiben, um dann in weiteren Schuldkomplexen seine Schneisen zu brennen bis ich sie irgendwie umgewandelt bekomme.

Ich glaube heute, dass alle unsere “Familientherapie”- sitzungen genau deshalb immer diesen total bekloppten Satz “Wir reden hier nicht über Schuld” hatten.
Denn doch- eigentlich haben wir ausschließlich über Schuld gesprochen, die wir uns reihum wie das Ringlein gereicht haben, weil wir sie alle gebraucht haben. Ich und meine Geschwister brauchten sie, um die Gewalt an sich bzw. die Zeugenschaft der Gewalt aneinander in einen Kontext zu bringen; mein Vater brauchte sie, um sein Handeln zu legitimieren und meine Mutter brauchte sie, um ihre Selbstzerstörung aufrecht zu erhalten.
Was es gebraucht hätte, wäre anzuerkennen, dass wir eine Misshandlungsfamilie waren, die (überlebens)abhängig von Schuld(bindung) war/ist und den Wunsch nach Autarkie von ihr zu wecken. Stattdessen wurde die Familie in Abhängigkeit von psychiatrischer/juristischer Deutungshoheit gebracht und völlig zerfetzt.

Und genau deshalb komme ich bis heute in Druck, wenn mir irgendjemand sagen will, ich hätte keine Schuld oder meine Schuldgefühle, die mir immer wieder hochkriechen wären nicht echt im Sinne von „nicht richtig begründet“: Was wenn nicht Schuld, ist denn sonst bitte die Ursache dafür, dass ich mich so grottenscheiße fühle und wer außer mir, soll das denn bitte objektiv (und damit gesellschaftlich konsensual) belegend bestätigen?

Mein Wunsch ist es, mich schuldig fühlen zu können (zu dürfen) ohne dem Reflex von Gewalt an mir folgen zu müssen, um mir auch autark verzeihen zu können.
Es ist mir egal, warum ich mich für Dinge schuldig fühle, die anderen eher egal sind. Es ist mir egal, warum ich die Dinge bewerte, wie ich sie bewerte- wichtig ist mir die Folge davon.
Ich lebe heute so autonom, wie ich das eben kann und möchte im Laufe des Lebens noch mehr Bereiche meines Lebens autonom tragen- dazu gehört auch, dass ich keine bzw. weniger Gewaltdynamiken (mit anderen Menschen) brauche um Verzeihen bzw. Absolution in mich einbringen zu können.
Das bedeutet auch, dass ich als Grundvoraussetzung meine Schuld haben muss- denn wenn da nichts ist, gibt es nichts zu tragen außer meiner sogenannten Krankheit und damit einhergehend aller Abhängigkeit von dem Kontext, der das so benennt.

Ehrlich gesagt erlebe ich “Es war nicht deine Schuld” heute wie eine Ohrfeige, die mich tiefer und unrettbarer fallen lässt, als jede Prügel früher.
Einfach, weil es von Menschen kommt, die einen Scheiß von meiner Schuld verstehen und vielleicht auch verstehen wollen. Es ist eben leichter über ein sogenanntes Opfer als “nicht schuldig” zu urteilen. Ist ja eh passiv so ein Opfer. Hat ja nix, kann ja nix, wird nix… so ein un_schuldiges Opfer.
Guck wie krank Gewalt macht- dieses Opfer will sogar seine Schuld haben – schlimm, ne?”


Es gibt sie aber, meine Schuld.
Es gibt sie, wie es die Schuld bei den TäterInnen gibt.
Sie steht neben dem Leiden, das ebenfalls nicht nur ich zu tragen und in mein Leben zu integrieren hab.
Von der Gewalt betroffen bin nämlich nicht nur ich, die Geschlagene, sondern auch die, die mich geschlagen haben (nachdem sie selbst als Kind von früher Geschlagenen geschlagen wurden…).

 

vom Macht- “Ja” im “Nein”

aq Ich habe über Protest nachgedacht. Über Nicht- Zustimmung und seine Folgen.
Das Zusammenspiel von Ablehnung und Abgrenzung.

Ich habe dabei an die Verselbstständigungsphasen von Kindern und Jugendlichen gedacht und mir ist aufgefallen, dass es einen scheinbar stillen Satz gibt, der sagt: “Wo ein “Nein” ist muss ein “Ja” sein. (Man muss es nur finden, produzieren, erzwingen, Machtgewicht entsprechend drüber legen)”.

So werden dann Kinder die Treppen hoch getragen, weil das Hochgehen alleine zu viel Zeit in Anspruch nimmt (Macht des Erwachsenen zu definieren, was wie lange dauern kann oder soll oder darf – aus Erwachsenensicht, welche umfassender, erfahrungsreicher, in anderen Sicherungsdynamiken als die des Kindes entsteht vs. Wunsch des Kindes alleine (abgegrenzt vom Erwachsenen) die Treppe hochzugehen, Selbstbestimmung aus einer Sicht heraus, die sich auf Abgrenzungsprozesse und Selbstwahrnehmung bezieht)
und obendrauf kommt die Haltung, die mehr Bestätigung durch Machtposition erfährt: “Du sagst Nein zum Getragen werden – ich sage Ja zum endlich mal nach Hause kommen- das ist ja auch für dich besser/du willst es doch auch/ es ist wichtig/ nötig etc.”

Ich glaube, dass wir als Kinder viele dieser Dynamiken aufnehmen, unhinterfragt (lassen müssen) weitertragen und als Erwachsene in unsere Gesellschaft hinein installieren. Wir werden als Kinder (gerade auch als Kinder in einer Gesellschaft, die aus überwiegend Nichtkindern besteht) immer wieder damit konfrontiert, dass in jedem unserer “Neins”, immer mindestens im Außen ein “Ja” steckt. Und weil wir Menschen eigentlich alles per Gegenstück definieren, beziehen wir die Abwesenheit der Option eines Gegenstücks (bzw. die Anwesenheit beider Stücke nebeneinander) nicht ebenso ein.

Ich sehe darin viele Mitfaktoren für die Begünstigung zur Leugnung von Vergewaltigungskultur ja, irgendwie auch einer allgemeinen Gewaltkultur.
So werde ich als Eine, die radikal alle Dualismen als Gewalt(form) markiert, zur durchgeknallten Spinnerin, die ihre Erfahrungen nicht von der Realität abtrennt/ übertreibt/ Schwachsinn redet- nicht nur, weil ich als titelloses Gewaltopfer auf Hartz 4 und obendrein noch nicht cisgender, nicht heterosexuell und jüdisch; in meinen Neins, aufgrund meiner äußerlich weniger gestärkten Ansichten/Wahrnehmungen/ Überzeugungen, zu einem “Ja mit Sonderzeichen”.
Heißt: Mein “Nein” zu Gewalten wird gehört, aber zu einem “Ja, aber wenn…” verdreht.
So wird mir unterstellt, ich würde dieses oder jenes nicht mehr als Gewalt bezeichnen, wenn ich sie selbst ausüben könnte bzw. würde. Und auch mit diesem “Ja” in meinem “Nein” habe ich dann zu leben, weil es sich zwar um eine Hypothese handelt, durch die Markierung des mächtigeren (da gesicherteren) Menschen zu einem Fakt, der meine gesellschaftliche Position noch wieder eine Stufe weiter runterdrückt.
Dieser Mensch reagiert damit auf etwas, das er als Bedrohung vielleicht sogar Gewalt wahrnahm, weil die Option, dass ich diese Dinge nur so benenne- aber sie als Fakt allein nicht bewerte (also in einen weiteren Dualismus bringe), nicht gleichsam wie die Wahrscheinlichkeit einer Kritik (Nein mit Imperativkonnotation) in ihm war.

Ich habe darüber nachgedacht, dass ich mit meinem Artikel zu meiner Haltung zu Veganismus vor allem eines wollte: Nein sagen, um mich abzugrenzen.
Nicht nur von der Art des Protestes in Form von “etwas lassen”, sondern auch von der Schuld-Ekel-Moraldynamik, die manche VeganerInnen an mich herangetragen haben (bzw. wie ich sie bei PETA und anderen Organisation (nicht nur Tierschützer/retter/rechtlerInnenorganisationen) wahrnehme).
Ich erlebe Veganismus in meinem Umfeld allgemein als “nicht jüdisch”, “weiß”, “privilegiert” (nicht (nur) ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich gesichert zu sein in seiner (christlichen) Moral von Leid und Erbarmen, so wie der Vorstellung des Menschen als Zentrum einer Präsens und Fähigkeit), “passiv aggressiv” und vor allem frei-willig.
Ich feiere alle VeganerInnen, VegetarierInnen und was es sonst noch alles gibt, die von sich sagen: “Ich mach das, weil ich das kann- obwohl (und/ oder, weil) ich auch anders könnte.”.

Es gibt also Aspekte, von denen ich mich abgrenze, weil ich die Übereinstimmungen, die da sind (mein Weiße sein, meine Haltung zu Leid und meine Vorstellung vom nichtohnmächtigen Menschen) nicht kritisch genug betrachtet sehe bzw. nicht ausreichend auf mich übertragen kann.
Ich fühle mich nun einmal nicht freiwillig vegan lebend geworden, wenn mir durch Schockfotos, Menschtiergleichmachung, moralischen Druck, Verbotedruck, Schuld- und Ekelgefühle eine Entscheidung gemacht wird.

Das heißt nicht, dass ich in diesen VeganerInnen schlechte Menschen sehe, ihren Lebensstil ablehne, ihr “Ja” zum Veganismus mit meinem “Nein” füllen und ersetzen will.
Ich gehe aus dem Dualismus raus und sage: Ihr ja – ich nein = wir sind existent

Mir ist in meinen Überlegungen die Parallele zu dem großartig prägnanten Satz von Oprah Winfrey aufgefallen:
“No” is a complete sentence

Unsere Gesellschaft ™ fußt darauf, alles erklären zu müssen und nur mittels Erklärtsein zu gemeinschaftlichem Konsens und darüber wiederum zu Gütern, wie (sozialen) Privilegien durch Sichtbarkeit und damit Gewichtung zu kommen.

Damit wäre dann auch der Trugschluss des “Opferprivilegs” [Hashtag: #survivorprivilege] geklärt- hier geht man(n) davon aus, dass es etwas bringen müsste, ein Opfer zu sein, weil Opfersein erklärt werden kann durch die (im Vergleich so erscheinende) Abwesenheit von Aktivität – ist es nicht erklärbar (beweisbar durch das Gegenstück bzw. Zeugen/Beweise dafür) ist es Erschleichung von Anerkennung durch Erklärung. Ergo das Privileg als Opfer (Unschuldige) anerkannt zu sein. Nicht gesehen wird, dass das “Opferprivileg” allein in der gesellschaftlich notwendigen Anerkennung/Sichtbarkeit/das als (zum) Opfer erklärt sein ist, das anderen nicht gleichsam markierten Opfern nicht vergönnt ist, begründet liegt. Ohne Gesellschaft, die Opferschaft erklärt/begründet/bewiesen haben will, gibt es kein “Opferprivileg”.
Es gilt der gleiche Leitsatz, wie in allen Diskriminierungsdebatten: „Wer diskriminiert ist, hat keine Privilegien.“

Ohne Dynamik von “erklären” und “auf Erklärung reagieren” gibt es keinen (bzw. weniger häufigen) Konsens.
Insofern war mein Artikel zu dem Thema eigentlich dumm in dem Sinne, dass ich mein eigenes Nein, vom Satz zur Erklärung habe werden lassen. Er war aber konform im Sinne dessen, was von der Gesellschaft ™ anerkannt wird, als Mittel, das zu Konsens führt.
Mir erschien es als aktiveres, massiveres Nein, als der Satz, weil dieser nicht zur gleichen Abgrenzung führte.

Ich wollte mich selbst als abgegrenzt von Veganismus erklären, indem ich meine Ablehnung begründete, statt wie sonst im Alltag, mein scheinbar nicht gleichsam gewichtiges “Nein” ohne “Ja” anzubringen.

Am Ende stellt sich heraus, dass eine Gesellschaft ™ bzw. Individuen, die ihr “Nein” ausschließlich bzw. überwiegend im Dualismus erleben (müssen), diesen Dualismus sowohl internalisieren (und in sich selbst ausschließlich Dualismen arbeiten, bzw. die Fähigkeit diese zu suchen, zu finden, zu produzieren… ) als auch nach außen übertragen. Letztlich um sich in der eigenen Wahrnehmung/Sicht/Überzeugung zu bestätigen und darin zu manövrieren.
Was que(e)rschießt, fliegt raus und wird auf dem äußeren Rand gehalten bzw. exkludiert.

So wird meiner Ansicht nach sowohl Vielfältigkeit in sich selbst, als auch außen um sich herum, nicht nur aktiv unterdrückt, sondern auch die Fähigkeit dazu Vielfältigkeit wahrzunehmen und anzuerkennen, ohne sofort in Handlungs/Bewertungs/Gewaltdynamiken zu geraten.

In diesen Kontext kann das “Nicht alle [… beliebige Gruppe einfügen…] Syndrom” in Diskriminierungsdebatten ebenfalls als ein Versuch zu mehr Vielfalt im Diskurs betrachtet werden, würde es nicht immer wieder zu Zwecken der Gewaltausübung im Sinne einer Unterdrückungsgeste aus Dualismen heraus auftreten.

So ist als vorläufiger Schluss in Bezug auf Abgrenzungsbemühungen und Protestgesten, wiederholt klar geworden, dass unsere Gesellschaft ™ nicht nur auf Dualismen basiert, sondern auch auf ihrer Sicherung durch Unterdrückung von Vielfalt und Neutralität.

Mir ist klar geworden, dass Oprahs Satz erst gelten kann, wenn “Nein” immer und überall, in Bezug auf alles und jeden auch komplett frei von “Ja” sein kann und darf.
Was das für mich selbst bedeutet, weiß ich noch nicht.
Doch ganz sicher erscheint mir meine innere mal mehr und mal weniger diffuse Viel_heit, als ein Weg heraus aus genau den Dualismen, die sie mir produziert haben.
Auch wenn das bedeutet, diesen allein gehen zu müssen.

“diese veganerische Sache”

 Zungenah2 Am Ende ist es ein Rotmarderpinsel, der mir “diese veganerische Sache” vorerst komplett vermiest.

Ich behaupte jetzt einfach mal von mir eine Tierfreundin zu sein.
Hunde, Katzen, Nager, Fische, Wildtiere- alle unentgeltlich, ehrenamtlich aufgepäppelt, vermittelt bzw. in die Natur entlassen. Ich protestiere sowohl online als auch “in echt” – you know diese Sache mit den Schildern und Transparenten, gegen Massentierhaltung, Tierversuche, Wilderei und Umweltverschmutzung.

Mein Hund bekommt jeden Tag 250gr rohes Fleisch.
Ich habe eine ganze Weile Mäuse für Pflegekatzen getötet, die mit Dosen und Trockenfutter nichts anfangen wollten.
Ich habe Raupen an Vogelküken verfüttert und Mückenlarven an Fische.

Ich selbst ernähre mich omnivor und ich lebe auf Kosten anderer Lebewesen.
Und niemand, der auf diese eine besondere Art vegan lebt, will das verurteilen.

Nein nein- ich soll von alleine drauf kommen, dass ich mich zu schämen habe für mein ignorantes Morden, mein rücksichtsloses Fressen, mein ekelhaftes Verlangen nach Leder, mein herzloses Kuhkindertränenleugnen.
Ich soll an den Planeten, das Klima, meine Verantwortung, meine Moral, das ganze Leid, das nur wegen Menschen wie mir passiert, denken.
Ich soll eine Entscheidung treffen und Verzicht üben- Gutes tun, indem ich etwas lasse.
Alles hängt an mir.
ICH BIN DAS ZENTRUM DES LEIDS!

Ich bin Schuld. Ich bin die Ursache für Schmerz und Qual. Für mich bluten andere. Ich verhindere nicht, dass andere ihr Elend in den Himmel schreien.

Ganz ehrlich- ich würde auch heute nur noch Dinge essen, die mich in freier Wildbahn nicht angreifen können, wenn ich mir zusätzlich zu meinen Internalisierungen von Schuld und Schande über meine bloße Existenz, auch noch immer diesen Klotz auf den Teller legen würde.

Es sind genau diese inneren Wahrheiten, mit denen ich jeden Tag kämpfen muss, um mir mindestens 2 von 5 Grundbedürfnissen am Tag zugestehen zu können:
Essen und Ausscheiden
Ich kann es mir auf so vielen Ebenen nicht leisten, mich auf diese moralisierende und hochgradig emotionalisierende Art mit Veganismus (und anderen Formen spezieller Ernährung) auseinanderzusetzen bzw. ihn zu leben, dass ich mich manchmal schon frage, ob das gerade bei den Veganerinnen um mich herum (und auch in meinen sozialen Netzwerken übers Internet) einfach nicht präsent ist, oder einfach grundsätzlich gar keinen Platz in ihrer Entscheidung hatte und entsprechend nicht weitergetragen wird, wenn sich mit mir darüber unterhalten wird.

Kaum ein Thema schafft es gleichsam zu polarisieren, wie Veganismus und warum?
Weil (weiße) Rettungsmoral und Weltbilderkartographie polarisiert ist in Gut und Böse, Arm und Reich, Stark und Schwach, Gesund und Krank und so weiter.

Unsere kapitalistische Gesellschaft lebt von Ausbeutung, die auf Leben zur Ausbeutung basiert.
Im Kapitalismus bin ich als Mensch genauso wie als Nutztier, geboren, um verwertet zu werden und nichts weiter.

Das ist immer wieder so ein Punkt, an dem es heißt: Ja, und weil der Mensch ja auch eigentlich ein Tier ist… – äh- nein Stopp.
Tiere stellen sich nicht vor mich und sagen: “Ich bin ein Tier und du ein Mensch.”
Tiere knallen uns weder Flughäfen in die Lebensräume, noch Atomkraftwerke, die unsere gesamte Existenz bedrohen.

Menschen
sind
keine
Tiere

Menschen sind Lebewesen, wie Tiere auch.
Nicht mehr und nicht weniger.
Die Macht der Menschen Tiere töten zu können (aber nicht zu müssen), verpflichtet zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dieser Macht. Diese Verantwortung enthebt nicht von der Pflicht das Leben der Tiere gut zu gestalten und den Tod nicht qualvoll herbei zu führen, sondern hat sie (meiner Meinung nach) selbstverständlich inne.

Ich sehe derzeit keine Möglichkeit an irgendeiner Stelle unseres Systems, die Verhinderung von Tierleid einzuklagen oder aktiv herbeizuführen, ohne den Staat in seiner derzeitigen Form und Ausprägung zu bestätigen (was ich nicht will, weil er Kackscheiße an Tieren zulässt- ergo der Verpflichtung, die seine Macht inne hat, nicht in meinem Sinne nachkommt).
Ich sehe aber auch keinen Sinn im Veganismus als Mittel diese Veränderungen herbeizuführen, denn dieser hat durch den Verzicht auf Konsum von Fleisch und tierischen Produkten, nur noch indirekt mit den Tieren und ihren Leben zu tun. Es ist meiner Meinung nach, ein Signal, das wahrgenommen werden muss, aber letztlich verändert sich durch Nichtstun – bloßes sein lassen und Verzichten – gar nichts. Alles, was Veganismus tut ist: sich frei (von tierischen Produkten und der Schuld am Leiden, der Tiere) sprechen.

Das heißt nicht, dass ich meine Bodenhaltungs 99 Cent Eier weniger bewusst in meinen Einkaufswagen lege, weil ich keine Veganerin bin.
Ich lege mir 99 Cent Bodenhaltungseier mit dem Bewusstsein in den Korb, dass ich sie mir leisten können muss und verbeuge mich dann als Zeichen tiefster Dankbarkeit vor einer Gesellschaft, die sich gut fühlt, weil sie mich auch noch durchfüttert, obwohl ich für ihre Verarbeitungszyklen wertlos bin.

Das ist das Grundgefühl, dass (Dauer-) Hartz 4 EmpfängerInnen  krank macht.
Der Gedanke, der sich durch Kopf, Herz und Seele frisst: “Ich bin wertlos. Ich habe X und Y und Z nicht verdient.”, der sich über die Zeit in ein quälendes: “Ich verdiene es nicht am Leben zu sein.” verwandelt.

Mein Leben ist mit der eigenen Sicherung beschäftigt.
Für mich spielt es eine Rolle mir alles, was dazu nötig ist, zugestehen zu können und so kommen wir zu Essstörungen im Zusammenhang mit Veganismus
Als ich mit meinen 1,72m bei 49 kg war, habe ich gar nichts anderes mehr gegessen als vegane Biokekse (50gr Beutelchen zum Preis vom 5 kg Sack) und Mineralwasser. In dem Pro-Anaforum, in dem ich damals war, wurde ich für mein Tierleidfreies Verhungern gefeiert.
Ich hatte nichts anderes mehr im Kopf, als gequälte, ausblutende Kühe für mein Wassereis, meine Seife, meine Kleidung, meine Wohnung, der Schminke im Gesicht meiner Mitmenschen. Zu kaum einer Zeit in meinem Leben, war es wahrscheinlicher, dass ich mir das Leben nehme, weil ich es kaum ertragen konnte zu sehen, dass mein doch so offenes Verzichten, so überhaupt gar keine Veränderung am Leiden Anderer herbeiführte.
Ich habe mich als leidreines Strichlein inmitten einer grausamen Welt voller Gewalt gesehen. Lebender Imperativ an eine ignorante Welt.

Essstörungen sind ein ganz ähnlicher stummer Imperativ wie Veganismus zur Verhinderung von Tierleid.
Es ist eine Botschaft, die ernstzunehmen ist.
Doch Botschaften, die an den Körper und seine Versorgung geknüpft sind, nennen sich im Kontext medizinisch/psychologischer Deutungshoheit “Psychosomatik” und in anderen Kontexten “Instrumentalisierung”.
Der medizinisch/psychologische Kontext hat mein Leiden unter der Botschaft des Verzichts aufgegriffen, wohin gegen andere Kontexte das nicht taten. Mir hat es geholfen die innere (auch und vor allem Gewaltbedingte!) Kette “Ich sehe Leid (außerhalb von mir- nämlich an Tieren, Kindern in Armut etc.)
-–-> ich fühle Leid (in mir) weil in mir Gefühle aus Situationen angetriggert sind, in denen ich wie ein Tier, ein Kind in Armut etc. gelitten habe
—> also muss ich alles tun, um das verschwinden zu machen [denn ich bin ein Mensch mit Macht, Kontrolle, einem gewissen Wirkungsradius (Menschen sind ja eh omnipotent und omnipräsent…)]
—> und da ich eh ein wertloses Schwein bin, kann ich dabei auch bis über alle Grenzen hinaus gehen- es ist nicht schlimm, wenn ich sterbe”
zu sehen und aufzulösen und letztlich darüber in die Lage (die Fähigkeit) zu kommen, mir Nahrung nach meinem Wunsch und Willen zuzugestehen.

Das bedeutet nicht, dass ich in jeder vegan lebenden oder nur essendem Person jemanden sehe, der essgestört ist.
Aber ich sehe Argumentations- und Handlungsketten, die in Essstörungen hineinführen bzw. zu bestehenden Essstörungen Facetten hinzufügen und vertiefen.

Da war dieser eine Moment, als wir mit jemandem in der Kälte auf der Suche nach einem Cafè oder Bäckerei waren, in dem es auch vegane Produkte im Angebot gibt.
“Das darf ich nicht essen- das ist nicht vegan.”
Kann sich mal bitte kurz jemand vorstellen, was mir in dem Moment durchs Herz gefahren ist? Alle Lampen strahlen auf “Verbote sind keine Entscheidungen” und “dieser Veganismus ist keine Entscheidung, sondern eine Botschaft” und mir war klar, dass wir jetzt noch sehr viel Zeit damit verbringen würden, das richtige Cafe zu finden, damit das richtige Lebens(erhaltende)mittel zu sich genommen werden durfte.
Ich wurde zur Empfängerin eines Imperativs, der nichts mit mir und meinen Möglichkeiten zu tun hatte- dem ich aber folgen musste, wollte ich einen Konflikt vermeiden.

Was das jetzt alles mit dem Rotmarderpinsel zu tun hat?
Jemand der vegan lebt, sagte, als ich von meinem Wunsch nach einem zweiten (größeren) Pinsel zum Aquarellieren erzählte: “Du darfst das nicht.”.

Und in meinem Kopf brüllte mich ein Vielfaches dieses Satzes an und verbot mir alles, bis auf mein bloßes Existieren in Schuld und Schande.
Ich sah meine Überlegungen und Suchen nach Alternativen nicht gesehen, ich fühlte mich nicht nur schlecht, sondern auch gedemütigt, wie ich als Kind gedemütigt wurde, wenn ich meine Wünsche oder auch Bedürfnisse mit einem bloßen “du darfst das nicht” verwehrt sah.

Natürlich muss ich nicht, weil ich als Kind Hunger hatte und mal in einem veganen Schuldwahn magersüchtig war, heute jeden Tag Fleisch essen oder keine Rücksicht auf vegane oder auch vegetarische Lebensstile nehmen.
Aber ich muss auf meine Kindheit, Jugend und mein Leben heute, das von Verzicht und aufgezwungener Entbehrung von außen durchzogen ist, verweisen, als Grund genau diese Lebensstile für mich abzulehnen.
Ich bin gestört in meinem Verhältnis zu Nahrung, denn wenn Süchte eines können, dann ist es sich selbst immer wieder zu bestätigen.
Ich bin schwer- und komplex traumatisiert und deshalb gestört in meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung, lebe mit Lebensschuld und händle echte reale Armut jeden Tag.

Das Leid der Gequälten, egal ob Mensch oder Tier, geht mir nicht nur nah, sondern in der Regel auch mitten in mich hinein.
Und genau deshalb trenne ich meine Ernährungsweise von Botschaften ab, die meine ausbeutungsbasierenden Lebensumstände nicht im Mindesten beeinflussen würden.

Ich könnte vegan essen, und vegan leben- trotzdem würde ich noch andere Lebewesen ausbeuten.
Nicht, weil ich das entscheiden kann, sondern weil unsere Gesellschaft darauf fußt.

 

Leider.

das warten

intuitiv2 irgendwann heute morgen ist mir eingefallen, dass ich aufgehört hatte zu warten
ich glaube nicht, dass da ein gedanke war, der mir sagte, es käme niemand. so denke ich erst seit ein paar jahren.
erst seit es kommende und gehende menschen in meinem leben gibt.

aktion und reaktion waren tragend. das weiß ich noch. aber irgendwann werden sich meine reaktionen auf eigene aktionen begrenzt haben. manchmal hat das rauschen in meinem kopf sich zu einem schrillen sirrenden faserig flirrenden ton verwandelt und ihn mir fast gesprengt. also schüttelte ich den kopf und ließ den ton aus meinen ohren herausfallen. ich bin im kreis gelaufen und hab das gitterbedeckte loch im boden ausgelassen.

heute morgen dachte ich, dass das aufhören eines wartens, das erste in sich hinein- und aus der welt herausfallen ist

wenn man nicht mehr wartet, dann ist es, als trenne man eine letzte verbindung, um neue wege des ich zu gehen
man lautet um etwas zu hören, greift sich alles außer sein selbst und steckt es sich in den mund, um zu fühlen und eine reaktion zu provozieren. und sei es das hochwürgen und erbrechen der eigenen fäkalien.

wenn das ende des wartens auf den reiz menschlicher existenz, zur reizung an sich selbst wird
das ist, als würde das leben versuchen, sich selbst zu reanimieren

eine art implosion, die denkt sie sei fähig zur explosion ist das

ich hab lange gedacht, dass mich das warten zermürbt hätte. diese ohnmacht vor der verschlossenen tür, die sich nicht auf schreien, treten, verhandlung, fragen, bitten, betteln, weinen, versprechen öffnete. die nur da war und irgendwann zu einem wandstück wurde, das anders schmeckte, als die anderen.

jetzt denke ich, vielleicht war das mürbende element viel mehr, dass es nach dem ende des wartens weiterging
dass selbst das ende der existenz des “außerhalb von mir” in meinem eigenen inneren kosmos nicht das ende von mir bedeutete

ich weiß nicht wieso ich nicht ausgewichen bin auf das warten auf den tod

wieso hab ich damals aufgehört zu warten
und wieso besteht heute, wo ich licht, nahrung, wärme, sauberkeit, luft, bewegungsfreiheit und ansprache habe, der großteil meiner alleinsamkeit daraus, alle reize von mir abzutrennen und

 

zu warten

vom Glück keinen Darktwitteraccount zu haben

Schnecki1 Heute gibt es auf Kleinerdrei einen Artikel zum sogenannten Darktwitter.
Neben allen Spaltungprozessen sozialer Interaktion, die anhand des Internet bzw. der Kommunikation darüber, an diesem Nutzungsverhalten wunderbar illustriert werden können, tauchte mir gerade die Frage auf, was es eigentlich sagt, wenn so eine Nutzung als “besonders sicher” gelabelt ist.

So sicher, dass besonders nahe, schmerzliche, persönliche, private Erlebnisse und Erfahrungen ausschließlich in diesem Setting geteilt und getauscht werden.
Dass das passiert, ist in meinen Überlegungen als völlig selbstverständliche Grundlage menschlicher Kommunikation abgelegt. Natürlich teile ich nicht mit jedem alles. Natürlich twittere ich nicht mit Menschen, die mich verachten.

Spannend wird es für mich an dem Punkt, an dem klar ist: “Ich will etwas teilen, dass mich anders auf dich wirken lässt- schnell mal ins Darktwitter reingeben, denn woanders ist das nicht sicher.”
Und ich frage mich: “Wieso habe ich denn keinen Darktwitteraccount?”

Und bing- plötzlich ist mir klar: Ich habe überhaupt keinen Grund dazu.
Ich habe keine Reichweite und damit einhergehend einen Ruf/ ein Image, wie zum Beispiel die AutorInnen von Kleinerdrei oder auch UserInnen, die so kontroverse Nachrichten verschicken bzw. teilen, dass sich früher oder später ein Account, in dem man nicht permanent angegangen wird, einfach als nötig erweist.
Ich habe weder analog noch digital ein Netzwerk, das sich so spalten lässt.

Darktwitter ist ein Privilgiensicherungswerkzeug.
Du bewahrst dir deinen Ruf, deine Reichweite, deine FollowerInnen, wenn du bestimmte Dinge einfach nicht in denen AktivistInnenaccount reinschreibst. Dein Profil bleibt unangetastet. Du bestimmst, wer ein rundes Bild von dir bekommt und wer nicht.
Schwierig, oder naja, ich sage mal besser: einen faden Beigeschmack macht es mir schon, zu wissen: “Jo, du kriegst hier ne Show geboten, weil das hier alles nur die öffentlichen Accounts sind, denen du folgst.”.

Ich weiß nicht, ob solche Performances ein kommunikationsimmanenter Teil sozialer Interaktion sind. Vielleicht ist das so und muss akzeptiert werden, um anderen Menschen Raum zu lassen, sich innerhalb ihrer Grenzen (der Komfortzone) frei bewegen zu können. Das ist ja etwas, dass ich auch möchte.
Der Punkt ist, dass ich keinen Showaccount habe und es als Fragmentierung meiner Selbst erleben würde, hätte ich nebenbei einen.

Ich habe einen Account der geschützt ist. Am Anfang dachte ich, dass es einer werden könnte, in dem ich meinen Hund zeige, mich zeige, mehr von dem teile, worüber ich weder hier schreibe noch mit den FollowerInnen, die ich nicht analog kenne, teilen will.
Tja. Bis auf Hundefotos läuft auf dem Ding nichts. Es ist unnötig für mich und eigentlich mehr schmerzhaft, als entlastend oder schön.
Einfach, weil es mir (neben meinem kleinen Radius der näheren Interaktionen) auch zeigt, dass meine Nutzung der Kommunikationsmittel Twitter, Facebook etc. ziemlich genau nur um das kreisen, was ich ins Internet hineinschreibe. Nicht, was ich lebe.
Natürlich bedingt das Eine das Andere und eine absolute Aussage ist hier nicht zu treffen, es zeigt aber deutlich welche Privilegien eben doch auch an das ach so offene, freie Internet gebunden sind bzw. sein können und auch sein müssen, bis Darktwitter, Darkfacebook, Darknet allgemein einen Sinn für die jeweiligen NutzerInnen ergibt.

Irgendwie,
jetzt, wo ich diesen Gedanken so ausformuliert habe, verstehe ich diesen Schlag an mich heran besser.

Vielleicht ist es auch etwas, was ganz normal und zwangläufig passiert, wenn man sich über die jeweiligen Intensionen hinter der Art, wie und womit Menschen miteinander kommunizieren, austauscht.
Ich glotze in Kleinerdrei hinein und sehe eine Welt, die auf so vielen Ebenen fern von mir ist und, trotz aller “Phhs!” und “Achs!” immer doch irgendwie vielleicht eventuell das Leben als junge Erwachsene abbilden könnte, dass ich auch leben würde, wäre ich nicht in diesem Leben drin, in dem ich jetzt nun einmal bin.
Wie ich darüber vergessen kann, dass solche Leben auch andere Nutzungsverhalten mit sich bringen, ist dann wieder einer meiner blinden Flecke, doch das Autsch bleibt natürlich nicht aus.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Twitter nutzen und eine Performance abliefern. Für mich sind das halt alles keine sinnentleerten Klicks, Zeichen und “eigentlich total egal, weil das “echte”/ “richtige”/ “wichtige” eh woanders bleibt.
Ich nehme mein Handy in die Hand und habe die ganze Zeit bewusst, dass ich über Twitter zu anderen Menschen spreche. Menschen anspreche. Was ich nicht anspreche und teile, das ist eben mein (sogar vor mir oft) unsichtbares Sein ohne Form und Farbe, das sich erst von “wabernd” zu “Sprache” zu “Wort” und “mit-teilbar” evolutionieren muss.

Vielleicht ist das mein Fehler zu denken, dass “man nun mal so mit Menschen übers Internet redet, wie man es auch analog/direkt tut bzw. tun muss”.
Vielleicht ist es aber auch mein kleines Privileg und Glück, dass ich es mir leisten kann, in meinem öffentlichen Twitteraccount genauso zu agieren, wie ich auch analog/direkt agiere (wenn ich denn besagte innere Evolutionskette durchlebt habe)
Zumindest so lange mir niemand mit eindeutiger Gewaltintension begegnet.

Twitter hat zwar die Block- und auch die Mutefunktion eingeführt bzw. verbessert, letztlich drohen, hetzen, verletzen und stalken noch immer die gleichen GewalttäterInnen* wie vor einem Jahr über Twitter hinter vielen UserInnen* meiner Timeline her.
Weil diese Menschen eben nicht, wie in allen anderen Kontexten der sozialen Interaktion bzw. Kommunikation behandelt werden, agieren die von Gewalt bedrohten UserInnen auch nicht, wie in allen anderen Kontexten und allein das bringt Darktwitter in seine Sonderposition:
Es ist die gleiche Unfähigkeit Gewalt aus dem Miteinander herauszuhalten, wie überall sonst.

So bleibt mir der Punkt der Dankbarkeit davon soweit verschont zu sein, dass mir bisher die Block- und Mutefunktion gereicht hat, um weder in die dunklen Ecken des Netzes kriechen, noch meine Kommunikation übers Internet so weit zerpflücken, wie ich es in mir selbst bin, zu müssen.

Lückenmädchen

Lückengras Ich habe gedacht, dass mein Schritt in eine Welt, die mehr als Nichts von mir erwartet, nur schief gehen konnte
Ich habe gedacht, dass mein Schritt aus einer Welt, die alles bis auf das Nichts aus mir herausholt, nur falsch sein konnte

Da ist dieses Gefühl gar nicht zu sein und sich zu wundern, dass es doch möglich ist zu berühren und berührt zu werden
Tot zu sein und trotzdem gefressen werden zu können

Und dann ist da die Bestätigung nur zu sein, weil beide Welten sind
Unverbindbar, blind für einander und doch einander nährend

ich bin verrückt
weil ich mich ver-rückt habe

ich verstehe diese Existenz nicht
diesen Zwang des “und wo geht es jetzt hin?”

Ich bin doch schon da
bin doch schon gemacht
habe nichts mehr zu geben

ich würde gerne so ein _da_sein werden

da gibt es diese Auffassung nicht mehr, als all seine Erfahrungen zu sein
in dieser Welt der Forderungen, gibt es kaum etwas, was mehr abgelehnt wird, als das, was meine Erfahrungen sind
wie soll es mir hier gelingen, ein Dasein zu entwickeln?

mit meinem Schritt aus der Welt, die mich so aushöhlte, habe ich mich im Weltbild ver-rückt
mit meinem Schritt in diese Welt die Entsprechung von mir fordert, mache ich mich selbst verrückt

mein Lückenleben ist nicht
ich Lückenmädchen bin Nichts
Lückenmädchen lebt Lückenleben
ist nicht und Nichts zu gleich

wenigstens habe ich jetzt ein Wort zum Namen für mich
Am Anfang war das Wort.

zum internationalen Hurentag

P1010148 Heute ist der internationale Hurentag und dies einer dieser Artikel, die mir schwer fallen.
Nicht, weil mich Scham und Schande beuteln, weil ich mein Schweigen breche oder meine Sicht auf Huren, Sexarbeiterinnen, Prostitution; (Auslieferung) zu fortgesetzter sexualisierter Misshandlung und Menschenhandel niederschreibe, sondern, weil ich die Probleme rund um Prostitution und Gewalt an Frauen* irgendwie nicht ganz deckungsgleich mit meinen Mitmenschen verorte.

Huren sind für mich nicht nur Frauen*, die Sex verkaufen.
Ganz ehrlich, so wie ich Sex- weibliche Sexualität- in unserer Zeit behandelt sehe, wäre sonst jede Frau* eine Hure.
Sex und Sexualität werden weder absolut kontextlos zelebriert, noch mit Schlips und Kragen genossen- “besonders” oder “würdevoll” ist daran also nie bzw. nicht in allen breit anerkannten Kontexten etwas. Überwiegend geht es um ein mehr oder weniger sicherndes, aufbauendes, ich- stärkendes (Tausch-) Geschäft. Sex aus bedingungsloser Lust, den gibt es selbst im eigenen Bett, ganz mit sich allein kaum. Wie kann man denn heute eigentlich auch noch Lust auf sich haben, wenn eigentlich jede Bedürfnisbefriedigung auf äußere Instanzen verlagert wird; werden kann oder auch: werden muss.

So geht Kapitalismus: du willst/ brauchst es- du kriegst es und zwar von anderen, als dir selbst (denn du bist mangelhaft, sogar vor dir selbst)
Immer gibt es irgendwo einen billigen kleinen Fetzen Körper, der genau davon lebt, leben muss oder dazu gezwungen wird, zu brauchen, dass du etwas willst oder brauchst.
In unserer Gesellschaft  gelten die Huren als genau dieser Fetzen Körper, der nichts weiter ist, als “zur Benutzung freigegeben” und so werden sie auch behandelt.

Um genau diesen Missstand zu beenden bzw. darauf aufmerksam zu machen, wurde 1975 der internationale Hurentag ausgerufen.
Es ging und geht darum, in Huren Menschen zu sehen. Menschen, die einer Arbeit nachkommen, die die gleichen Dynamiken von Angebot und Nachfrage in sich trägt, wie andere Berufe auch.
Es geht für mich auch darum anzuerkennen, dass Huren einer Arbeit nachgehen, die einen besonderen Status hat, weil sie Menschen im Zentrum hat.
MedizinerInnen, PflegerInnen, GeburtshelferInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen, BestatterInnen haben in ihrem Beruf eine hohe gesellschaftliche Position- dürfen aber keinen Sex mit ihren PatientInnen/ KlientInnen haben.
SexarbeiterInnen hingegen haben diesen Sex bzw. üben sexuelle Dienstleistungen aus (füllen also diese Lücke der sozialen Interaktion aus Geben und Nehmen) und werden genau deshalb von der Gesellschaft ™ verachtet bzw., mindestens nicht gleich bewertet, was zu Recht als Missstand von ihnen betrachtet wird.

Es fängt bei “ist ja kein Beruf, der viel erfordert” an und endet beim Implizit der Befriedigung bei allen Beteiligten, wenn wir von Prostitution sprechen und beginnt mit “und dann lockt sie das Geld im Westen” und findet ein Ende in “Deutschland ist das Bordell Europas”, wenn wir dann gänzlich im sprachlichen Eintopf der Gewaltverharmlosung angekommen sind.
Das ist unsere aktuelle Debatte um Sexarbeit: “Der Osten überschwemmt den Westen mit fickbarem Menschenfleisch in groß angelegten Handelsketten und unsere Politik macht nur Gesetze, damit das legal ist (was nicht stimmt- Menschenhandel ist nachwievor illegal!). Buhu- alle Freier* in den Knast, die Prostitutionsopfer (die eigentlich Gewaltopfer sind!) zurück nach Hause und fertig ist der Lack- wir Deutschen wollen Robe und Talar zum Sex ausschließlich in der Liebe, die die Ehe produziert” vs. einzelne fundierte SexworkerlobbyistInnen, die in der Debatte noch so gut sein können, die allgemeinen Framings allerdings überhaupt nicht aufzubrechen in der Lage sind.

Stichwort (Definitions-) Macht: Wer so weit unten steht, wie Huren und Gewaltopfer, alleinerziehende Mütter, erkrankte und/ oder funktionsbeeinträchtigte
________________________ Frauen ___________________________
kann noch so gute Worte, Studien und Beweise für die Irre der Hoheit vorlegen- die Unveränderbarkeit des Blickes auf sie, ist ihrer Position in der Gesellschaft immanent.

Für die Einen ist die Hure, die ihren eigenen Club betreibt und sexuelle Dienstleistungen anbietet, die gleiche Hure, wie die, die am Straßenrand steht und hofft, dass die Einnahmen der Nacht, den Wohnraum und die Ernährung der Kinder am Tag sichert.
Für die Anderen ist die Sexarbeiterin, die ihren Lohn einklagt, weil ein Freier* nicht bezahlt hat, eine ja fast dreiste Bittstellerin – und nicht etwa genau das Vorbild, das andere Frauen* in dieser Arbeitsumgebung brauchen, um ein Empowerment zu erfahren.
Für die Nächsten besteht der eigene Arbeitsalltag aus der Rettung von Menschen, die durch die Bank weg misshandelt und ausgebeutet wurden- selbstverständlich haben sie keinen Blick dafür, was für andere Entscheidungen und Lebenswege hinter dem Beruf der Sexarbeiterin stehen können.

Die kapitalistische Gesellschaft lebt von Ausbeutung, von Armut, von Not. Und immer wenn sich selbstständig aus diesen Umständen befreit wird, darf das nur den Mächtigen zu verdanken sein, weil diese sonst als nicht mehr besonders mächtig gelten würden und das gesamte Machtkonstrukt ins Schwanken gerät.
Macht und ihre Sicherung funktioniert ausschließlich missachtend und ganz besonders gerne wird dabei die eigene soziale/ gesellschaftliche Position ausgeblendet und mit ihr die eigene Position auf den Diskriminierungsachsen: Rasse, Klasse, Geschlecht, Alter, Funktionsstatus

Genau deshalb fällt es zum Beispiel auch den VertreterInnen des Schwarzer”feminismus”* so leicht “PorNo!” zu quaken und Prostitution abzulehnen. Als weiße, reiche*, ablierte, Frau sind sowohl die Wahlmöglichkeiten, als auch die Hürden zur Ablehnung selbiger einfach so verdammt leicht zu nehmen.
Auch die Wahl dessen, was ignoriert wird und was nicht.

Gerade in der RetterInnenfraktion ist immer wieder sehr gut zu beobachten, wie weiße Frauen* in der (staatlich, rechtlich, gesamtgesellschaftlich gut gesicherten, geachteten und geförderten!) Arbeit mit Prostituierten argumentieren, als sprächen sie zu Frauen*, die die gleiche Ausgangslage wie sie selbst, mindestens einmal gehabt haben, oder einfach mal so haben könnten. Sie blenden gnadenlos sämtliche Stigmatisierungen aus, denen sich die Huren nach ihrer (vermeintlichen) Rettung ausgesetzt sehen. Sie blenden die ekelhafte Asyl- und Flüchtlingspolitik von Deutschland aus. Sie blenden genau die Diskriminierungen aus, die sie a) selbst nicht leben (oder je wieder leben werden) und b) vor denen sich die Huren mit ihrer Arbeit als Prostituierte eventuell ganz bewusst und eben doch selbstbestimmt geschützt haben und die sie c) erfahren, wenn sie anfangen, ihre Rechte als Gewaltopfer einzufordern.

Es ist das altbekannte Opferding: Opfer sind passiv- alles was von ihnen kommt, kann (und darf) nur passiv (gewesen) sein.
Auch das ein Frame, das zu durchbrechen den Opfern niemals gelingen wird, wenn sie keine als aktiv betrachteten FürsprecherInnen haben, die ihr Agieren in äußerlichen Kontexten als passiv zu bezeichnender Position, als “so aktiv wie unter diesen Umständen möglich” betrachten und dem die gleiche Wertung zukommen lassen, wie unter anderen Umständen.

Und aaaaaalles das finde ich in der typischerweise Gewalt verharmlosenden Sprache wieder, was mir diese Debatte noch unerträglicher macht.
Ich sage das gerne noch einmal: “Zwangsprostitution” gibt es nicht!

 

„Hier haben wir die Prostitution, die wir synonym mit “Sexarbeit” bezeichnen,
und meinen den Bereich, in dem es zwischen KäuferIn und AnbieterIn,
sowohl den Austausch von Geld als auch die Steuerpflicht und die Selbstbestimmung im Rahmen der Möglichkeiten des einzelnen Menschen gibt

 

und hier die Gewalt an Frauen*, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen,
Entführung(sähnlicher Umstände) und sogar systematischer Zurechtfolterungen zur allgemeinen sexuellen Benutzung passiert und absolute Abhängigkeit von Menschen in mächtiger(er) Position zur Folge hat.

 

Vor ein paar Tagen habe ich mir den Reportage “verkauft, verschleppt, missbraucht” angeguckt und hatte schwer an meiner Enttäuschung zu kauen, dass keine Differenzierung dieser beiden unterschiedlichen Seiten vorgenommen wurde, obwohl der Begriff der Gewalt sogar mehrfach gefallen ist.

Heute habe ich ein paar Artikel von SexarbeiterInnen gelesen und kaue an meiner Enttäuschung darüber, dass sogar einige privilegierte Huren, auf die Opfer von MenschenhändlerInnen und ZuhälterInnen herabsehen.

Ich kann inzwischen kaum mehr als traurigverachtende Bitterkeit empfinden, wenn in der Debatte um Sexarbeit, der Themenkomplex der Gewalt an Frauen, als Ausläufer der ganz alltäglichen, ganz normalen und von allen Seiten missachteten Machtdynamiken in unserer Gesellschaft, schlicht nicht reflektiert, hinterfragt und gleichsam als moralisch verwerflich bezeichnet werden.

Und ich frage mich, wie lange es dauert, wie viele Menschenleben für den Machterhalt einer übersättigten, Selbst- entfernten und zeitgleich doch Ich-zentrierten Gesellschaft herhalten müssen, bis ihr Wert bedingungslos anerkannt wird.
Ich meine- warum fragen sich die armen Länder Rumänen, Bulgarien, die Ukraine nicht, warum ihnen die reichen Länder ihre jungen Frauen (und Kinder!) einfach so einverleibt, bilden doch genau diese Frauen und Kinder das Fundament der Gesellschaft, die in Zukunft entstehen soll.
Warum schreien wir hier in unseren Kartoffelland, was die ganzen armen Menschen hier wollen- statt damit auszuhören, die armen Länder auszubeuten?

Wieso kommt das Ausmaß von Menschenhandel so abschreckend vor, wenn wir zeitgleich das große  Freihandelsabkommen, andere Instanzen als uns selbst diskutieren lassen?!
Warum verdammt noch mal, ist es so viel leichter sich dem allgemeinen Frauenhass und all seinen Ausläufern hinzugeben und genau das- diese großen Kontexte und all ihre Parallelen- auszublenden?

Warum schämen wir uns nicht, dass es einen Hurentag geben muss, um Menschen, die soweit ausgegrenzt und verachtet sind, einen Tag im Jahr Aufmerksamkeit zu schenken und sich ihren Forderungen zu widmen?

Und warum schämt sich niemand, wenn er oder sie nicht einmal das tut?

das Opferetikett

wildeRose2 Wie eine Sandburg in der Brandung, lösten sich meine Beine auf.
Bis ich fiel und alle Scherben in mir über den Boden des Wartezimmers klirren hörte.

Wir hatten eine Therapiestunde, die mir aus den Händen geglitten ist, nach einem Tag, der mir am Denken vorbeigerutscht war, nach Wochen, die mich nur als Zaungast neben sich hatten.
Während es in mir schreit, kämpft, sich hartkrampft und ziellos durch den Schmerz hindurch vorwärts beißt, taumle ich durch die Gedankenschlösser, die auf dem brennenden Fundament eines fremden Maßstabes stehen.

Was mir begegnet, was mir ablehnend konnotiert begegnet, ist der Komplex einer Opferidentität. Wenn jemand sagt: “Ich bin ein Opfer”, passiert ein Schritt zurück. Ein Blick, der Wunden, Male, Zerstörungen sucht, um sich zu vergewissern.
Abzusichern und nicht einmal, kein einziges Mal zu fragen, ob dieser Blick überhaupt in Ordnung ist.
Dieser Blick kommt nicht aus einem Kopf heraus, der sich fragt, was er dort eigentlich sieht und warum. Mit welchem Recht.
Dieser Blick fragt nicht, ob er als Verletzung, als erneute Demütigung wahrgenommen wird.

Mir wird bewusst, was für mich das Problem in OEG und Strafanzeige nach Gewalt, nach sexualisierter Gewalt, in der Kindheit ist.
Es ist der fremd wertende Blick, der mich nicht nur streift, sondern durchbohrt. Mein Sein, mein Mich, mein Da, mein Früher und Heute auf einen Objektträger klatschen lässt und in feinsten Scheiben seziert, be-verurteilt, in Paragraphensoße ertränkt und mit einem guten Wein aus rape culture darreicht.
Ohne eine Wimper zum Zucken zu haben.

Ich werde nicht gefragt.
Und wenn doch, dann hängt an den Äußerungen anderer Menschen, auch denen der TäterInnen, ob wahr –scheinlich- ist, was ich sage.

Selbst die Verjährungsfrist durchbreche nicht ich, sondern die Vorladung der TäterInnen.
Nicht einmal das wird mir zugestanden.
Und ja, ich habe es als mein Vorrecht betrachtet, dass ich selbst in der Hand habe, ob das, was die Justiz als strafbare Handlung betrachtet, verjährt oder nicht (innerhalb des festgesetzten Zeitraumes). Schließlich wird ja auch die ganze Zeit an mich herangetragen, Gewalt anzuzeigen und sichtbar zu machen. Nicht an die TäterInnen.
Wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass es irgendeinen echten Raum für Selbstbestimmung unter dem Schirm der opferbezüglichen Komplexe gibt?

Vielleicht hat es etwas mit dem sympathischen “Ich bin kein Opfer”- Gebaren zu tun, das immer wieder aus mir heraus kommt, sobald mir andere Menschen meine Kompetenzen und Rechte aufgrund der Gewaltfolgen absprechen wollen.
Die Etiketten “wehrhafter/resilienter/stolzer Grundcharakter”; “KämpferIn*”; “starke Persönlichkeit” machen gegen das schmerzhafte Bohren dieses einen speziellen Blickes immun.
Wenn ich das auf meine Stirn klebe und tue, was ich sonst auch tue, werde ich auf Ebenen unterstützt und gestärkt, die zwar in der Regel unfassbar weit an meiner Erwartung und Hoffnung vorbei gehen, aber mich einer Mehrsamkeit und damit Sicherheit versichern, die ich anders gar nicht oder tendenziell eher erneut in ungleichen Machtdynamiken eingebunden erhalte.

Das heißt, dass alles, was ein zum Opfer gewordener Mensch tatsächlich selbst bestimmen kann, ist, sich als ein solches zu erkennen zu geben oder nicht.
Alle Konsequenzen, alle Gewalten, die aufgrund dessen mit und an ihm passieren, hat er zu ertragen.
In Bezug auf das OEG nehme ich diesen Umstand als besonders infam wahr.

Denn ja: ich fühle mich dazu gezwungen einen Antrag zu stellen und mich damit als Opfer von Gewalt auf eine Weise sichtbar zu machen, die ich weder selbst bestimmen, noch beeinflussen kann- mit den Konsequenzen, die sich unter Anderem aus inexistentem Opferschutz, und anderen Leistungen zu meiner Unterstützung ergeben, hingegen wiederum unsichtbar zu bleiben.
Ich fühle mich gezwungen, weil es das einzige Mittel ist, meine Lebensrealität innerhalb des Systems, das für diese mitverantwortlich ist, sichtbar zu machen.
Natürlich könnte ich auch anfangen meine Krankenkasse zu verklagen, aber die Krankenkasse hat nicht im Schutz vor Gewalt versagt, wie der Staat.

Ich habe mich nie als Opfer betrachtet.
Jetzt fange ich damit an und spüre bereits, wie mir Boden und Beine unter all meinen kleinen und großen, zitternden und kämpfenden, frierenden und schmerzerfüllt weinenden Herzen wegrutschen- während mich der Lauf der Dinge unbeirrt an einer Schlinge um den Hals weiter hinter sich her zieht.

Es ist tröstlich, dass die Welt nicht stehen bleibt, weil ich das Etikett des Opfers neben all die eigenen hänge.
Es ist aber auch eine weitere Erfahrung, die mich in ein Gefühl der Machtlosigkeit bringt, weil sie keinen Effekt über mein klitzekleines Dasein hinaus hat. Wieder verortet sich alles in und an mir allein- nicht an den TäterInnen, nicht an dem System, nicht an unserer Kultur, nicht an G’tt.
Wieder bin ich mit etwas, auf diese eine ganz spezifische Art, die nur Gewalt produziert, allein.

In einem Moment des weißen Rauschens, da auf dem Boden des Wartezimmers gestern, schwamm dieser Satz des “Es ist vorbei” durch mich hindurch und ich fragte mich, ob es überhaupt noch irgendeinen Sinn hat, an irgendeinen Menschen ein “Ja, aber…” zu richten.
Diesen  Punkt des Wiedererlebens, den Gewalt, die an die Schwelle zum physischen, psychischen und geistigen Tod treibt, den erlebt man so allein, dass die Lüge des “es ist vorbei” von sonst niemandem gesehen wird.
Jedes “Ja, aber…” provoziert den Blick, die Abwehr, die Einsamkeit auf allen Ebenen.

 

Ich muss anerkennen, dass ich versuchte das Falsche zu wollen.
Anerkennen, dass “nichts bis wenig”, noch das Beste ist, was ich an “gut” zu erwarten habe.

Dass es für mich eben doch nie vorbei sein wird, nur weil es mir jemand sagt, der mit mir ist.