vom Glück keinen Darktwitteraccount zu haben

Schnecki1 Heute gibt es auf Kleinerdrei einen Artikel zum sogenannten Darktwitter.
Neben allen Spaltungprozessen sozialer Interaktion, die anhand des Internet bzw. der Kommunikation darüber, an diesem Nutzungsverhalten wunderbar illustriert werden können, tauchte mir gerade die Frage auf, was es eigentlich sagt, wenn so eine Nutzung als “besonders sicher” gelabelt ist.

So sicher, dass besonders nahe, schmerzliche, persönliche, private Erlebnisse und Erfahrungen ausschließlich in diesem Setting geteilt und getauscht werden.
Dass das passiert, ist in meinen Überlegungen als völlig selbstverständliche Grundlage menschlicher Kommunikation abgelegt. Natürlich teile ich nicht mit jedem alles. Natürlich twittere ich nicht mit Menschen, die mich verachten.

Spannend wird es für mich an dem Punkt, an dem klar ist: “Ich will etwas teilen, dass mich anders auf dich wirken lässt- schnell mal ins Darktwitter reingeben, denn woanders ist das nicht sicher.”
Und ich frage mich: “Wieso habe ich denn keinen Darktwitteraccount?”

Und bing- plötzlich ist mir klar: Ich habe überhaupt keinen Grund dazu.
Ich habe keine Reichweite und damit einhergehend einen Ruf/ ein Image, wie zum Beispiel die AutorInnen von Kleinerdrei oder auch UserInnen, die so kontroverse Nachrichten verschicken bzw. teilen, dass sich früher oder später ein Account, in dem man nicht permanent angegangen wird, einfach als nötig erweist.
Ich habe weder analog noch digital ein Netzwerk, das sich so spalten lässt.

Darktwitter ist ein Privilgiensicherungswerkzeug.
Du bewahrst dir deinen Ruf, deine Reichweite, deine FollowerInnen, wenn du bestimmte Dinge einfach nicht in denen AktivistInnenaccount reinschreibst. Dein Profil bleibt unangetastet. Du bestimmst, wer ein rundes Bild von dir bekommt und wer nicht.
Schwierig, oder naja, ich sage mal besser: einen faden Beigeschmack macht es mir schon, zu wissen: “Jo, du kriegst hier ne Show geboten, weil das hier alles nur die öffentlichen Accounts sind, denen du folgst.”.

Ich weiß nicht, ob solche Performances ein kommunikationsimmanenter Teil sozialer Interaktion sind. Vielleicht ist das so und muss akzeptiert werden, um anderen Menschen Raum zu lassen, sich innerhalb ihrer Grenzen (der Komfortzone) frei bewegen zu können. Das ist ja etwas, dass ich auch möchte.
Der Punkt ist, dass ich keinen Showaccount habe und es als Fragmentierung meiner Selbst erleben würde, hätte ich nebenbei einen.

Ich habe einen Account der geschützt ist. Am Anfang dachte ich, dass es einer werden könnte, in dem ich meinen Hund zeige, mich zeige, mehr von dem teile, worüber ich weder hier schreibe noch mit den FollowerInnen, die ich nicht analog kenne, teilen will.
Tja. Bis auf Hundefotos läuft auf dem Ding nichts. Es ist unnötig für mich und eigentlich mehr schmerzhaft, als entlastend oder schön.
Einfach, weil es mir (neben meinem kleinen Radius der näheren Interaktionen) auch zeigt, dass meine Nutzung der Kommunikationsmittel Twitter, Facebook etc. ziemlich genau nur um das kreisen, was ich ins Internet hineinschreibe. Nicht, was ich lebe.
Natürlich bedingt das Eine das Andere und eine absolute Aussage ist hier nicht zu treffen, es zeigt aber deutlich welche Privilegien eben doch auch an das ach so offene, freie Internet gebunden sind bzw. sein können und auch sein müssen, bis Darktwitter, Darkfacebook, Darknet allgemein einen Sinn für die jeweiligen NutzerInnen ergibt.

Irgendwie,
jetzt, wo ich diesen Gedanken so ausformuliert habe, verstehe ich diesen Schlag an mich heran besser.

Vielleicht ist es auch etwas, was ganz normal und zwangläufig passiert, wenn man sich über die jeweiligen Intensionen hinter der Art, wie und womit Menschen miteinander kommunizieren, austauscht.
Ich glotze in Kleinerdrei hinein und sehe eine Welt, die auf so vielen Ebenen fern von mir ist und, trotz aller “Phhs!” und “Achs!” immer doch irgendwie vielleicht eventuell das Leben als junge Erwachsene abbilden könnte, dass ich auch leben würde, wäre ich nicht in diesem Leben drin, in dem ich jetzt nun einmal bin.
Wie ich darüber vergessen kann, dass solche Leben auch andere Nutzungsverhalten mit sich bringen, ist dann wieder einer meiner blinden Flecke, doch das Autsch bleibt natürlich nicht aus.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Twitter nutzen und eine Performance abliefern. Für mich sind das halt alles keine sinnentleerten Klicks, Zeichen und “eigentlich total egal, weil das “echte”/ “richtige”/ “wichtige” eh woanders bleibt.
Ich nehme mein Handy in die Hand und habe die ganze Zeit bewusst, dass ich über Twitter zu anderen Menschen spreche. Menschen anspreche. Was ich nicht anspreche und teile, das ist eben mein (sogar vor mir oft) unsichtbares Sein ohne Form und Farbe, das sich erst von “wabernd” zu “Sprache” zu “Wort” und “mit-teilbar” evolutionieren muss.

Vielleicht ist das mein Fehler zu denken, dass “man nun mal so mit Menschen übers Internet redet, wie man es auch analog/direkt tut bzw. tun muss”.
Vielleicht ist es aber auch mein kleines Privileg und Glück, dass ich es mir leisten kann, in meinem öffentlichen Twitteraccount genauso zu agieren, wie ich auch analog/direkt agiere (wenn ich denn besagte innere Evolutionskette durchlebt habe)
Zumindest so lange mir niemand mit eindeutiger Gewaltintension begegnet.

Twitter hat zwar die Block- und auch die Mutefunktion eingeführt bzw. verbessert, letztlich drohen, hetzen, verletzen und stalken noch immer die gleichen GewalttäterInnen* wie vor einem Jahr über Twitter hinter vielen UserInnen* meiner Timeline her.
Weil diese Menschen eben nicht, wie in allen anderen Kontexten der sozialen Interaktion bzw. Kommunikation behandelt werden, agieren die von Gewalt bedrohten UserInnen auch nicht, wie in allen anderen Kontexten und allein das bringt Darktwitter in seine Sonderposition:
Es ist die gleiche Unfähigkeit Gewalt aus dem Miteinander herauszuhalten, wie überall sonst.

So bleibt mir der Punkt der Dankbarkeit davon soweit verschont zu sein, dass mir bisher die Block- und Mutefunktion gereicht hat, um weder in die dunklen Ecken des Netzes kriechen, noch meine Kommunikation übers Internet so weit zerpflücken, wie ich es in mir selbst bin, zu müssen.

Lückenmädchen

Lückengras Ich habe gedacht, dass mein Schritt in eine Welt, die mehr als Nichts von mir erwartet, nur schief gehen konnte
Ich habe gedacht, dass mein Schritt aus einer Welt, die alles bis auf das Nichts aus mir herausholt, nur falsch sein konnte

Da ist dieses Gefühl gar nicht zu sein und sich zu wundern, dass es doch möglich ist zu berühren und berührt zu werden
Tot zu sein und trotzdem gefressen werden zu können

Und dann ist da die Bestätigung nur zu sein, weil beide Welten sind
Unverbindbar, blind für einander und doch einander nährend

ich bin verrückt
weil ich mich ver-rückt habe

ich verstehe diese Existenz nicht
diesen Zwang des “und wo geht es jetzt hin?”

Ich bin doch schon da
bin doch schon gemacht
habe nichts mehr zu geben

ich würde gerne so ein _da_sein werden

da gibt es diese Auffassung nicht mehr, als all seine Erfahrungen zu sein
in dieser Welt der Forderungen, gibt es kaum etwas, was mehr abgelehnt wird, als das, was meine Erfahrungen sind
wie soll es mir hier gelingen, ein Dasein zu entwickeln?

mit meinem Schritt aus der Welt, die mich so aushöhlte, habe ich mich im Weltbild ver-rückt
mit meinem Schritt in diese Welt die Entsprechung von mir fordert, mache ich mich selbst verrückt

mein Lückenleben ist nicht
ich Lückenmädchen bin Nichts
Lückenmädchen lebt Lückenleben
ist nicht und Nichts zu gleich

wenigstens habe ich jetzt ein Wort zum Namen für mich
Am Anfang war das Wort.

zum internationalen Hurentag

P1010148 Heute ist der internationale Hurentag und dies einer dieser Artikel, die mir schwer fallen.
Nicht, weil mich Scham und Schande beuteln, weil ich mein Schweigen breche oder meine Sicht auf Huren, Sexarbeiterinnen, Prostitution; (Auslieferung) zu fortgesetzter sexualisierter Misshandlung und Menschenhandel niederschreibe, sondern, weil ich die Probleme rund um Prostitution und Gewalt an Frauen* irgendwie nicht ganz deckungsgleich mit meinen Mitmenschen verorte.

Huren sind für mich nicht nur Frauen*, die Sex verkaufen.
Ganz ehrlich, so wie ich Sex- weibliche Sexualität- in unserer Zeit behandelt sehe, wäre sonst jede Frau* eine Hure.
Sex und Sexualität werden weder absolut kontextlos zelebriert, noch mit Schlips und Kragen genossen- “besonders” oder “würdevoll” ist daran also nie bzw. nicht in allen breit anerkannten Kontexten etwas. Überwiegend geht es um ein mehr oder weniger sicherndes, aufbauendes, ich- stärkendes (Tausch-) Geschäft. Sex aus bedingungsloser Lust, den gibt es selbst im eigenen Bett, ganz mit sich allein kaum. Wie kann man denn heute eigentlich auch noch Lust auf sich haben, wenn eigentlich jede Bedürfnisbefriedigung auf äußere Instanzen verlagert wird; werden kann oder auch: werden muss.

So geht Kapitalismus: du willst/ brauchst es- du kriegst es und zwar von anderen, als dir selbst (denn du bist mangelhaft, sogar vor dir selbst)
Immer gibt es irgendwo einen billigen kleinen Fetzen Körper, der genau davon lebt, leben muss oder dazu gezwungen wird, zu brauchen, dass du etwas willst oder brauchst.
In unserer Gesellschaft  gelten die Huren als genau dieser Fetzen Körper, der nichts weiter ist, als “zur Benutzung freigegeben” und so werden sie auch behandelt.

Um genau diesen Missstand zu beenden bzw. darauf aufmerksam zu machen, wurde 1975 der internationale Hurentag ausgerufen.
Es ging und geht darum, in Huren Menschen zu sehen. Menschen, die einer Arbeit nachkommen, die die gleichen Dynamiken von Angebot und Nachfrage in sich trägt, wie andere Berufe auch.
Es geht für mich auch darum anzuerkennen, dass Huren einer Arbeit nachgehen, die einen besonderen Status hat, weil sie Menschen im Zentrum hat.
MedizinerInnen, PflegerInnen, GeburtshelferInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen, BestatterInnen haben in ihrem Beruf eine hohe gesellschaftliche Position- dürfen aber keinen Sex mit ihren PatientInnen/ KlientInnen haben.
SexarbeiterInnen hingegen haben diesen Sex bzw. üben sexuelle Dienstleistungen aus (füllen also diese Lücke der sozialen Interaktion aus Geben und Nehmen) und werden genau deshalb von der Gesellschaft ™ verachtet bzw., mindestens nicht gleich bewertet, was zu Recht als Missstand von ihnen betrachtet wird.

Es fängt bei “ist ja kein Beruf, der viel erfordert” an und endet beim Implizit der Befriedigung bei allen Beteiligten, wenn wir von Prostitution sprechen und beginnt mit “und dann lockt sie das Geld im Westen” und findet ein Ende in “Deutschland ist das Bordell Europas”, wenn wir dann gänzlich im sprachlichen Eintopf der Gewaltverharmlosung angekommen sind.
Das ist unsere aktuelle Debatte um Sexarbeit: “Der Osten überschwemmt den Westen mit fickbarem Menschenfleisch in groß angelegten Handelsketten und unsere Politik macht nur Gesetze, damit das legal ist (was nicht stimmt- Menschenhandel ist nachwievor illegal!). Buhu- alle Freier* in den Knast, die Prostitutionsopfer (die eigentlich Gewaltopfer sind!) zurück nach Hause und fertig ist der Lack- wir Deutschen wollen Robe und Talar zum Sex ausschließlich in der Liebe, die die Ehe produziert” vs. einzelne fundierte SexworkerlobbyistInnen, die in der Debatte noch so gut sein können, die allgemeinen Framings allerdings überhaupt nicht aufzubrechen in der Lage sind.

Stichwort (Definitions-) Macht: Wer so weit unten steht, wie Huren und Gewaltopfer, alleinerziehende Mütter, erkrankte und/ oder funktionsbeeinträchtigte
________________________ Frauen ___________________________
kann noch so gute Worte, Studien und Beweise für die Irre der Hoheit vorlegen- die Unveränderbarkeit des Blickes auf sie, ist ihrer Position in der Gesellschaft immanent.

Für die Einen ist die Hure, die ihren eigenen Club betreibt und sexuelle Dienstleistungen anbietet, die gleiche Hure, wie die, die am Straßenrand steht und hofft, dass die Einnahmen der Nacht, den Wohnraum und die Ernährung der Kinder am Tag sichert.
Für die Anderen ist die Sexarbeiterin, die ihren Lohn einklagt, weil ein Freier* nicht bezahlt hat, eine ja fast dreiste Bittstellerin – und nicht etwa genau das Vorbild, das andere Frauen* in dieser Arbeitsumgebung brauchen, um ein Empowerment zu erfahren.
Für die Nächsten besteht der eigene Arbeitsalltag aus der Rettung von Menschen, die durch die Bank weg misshandelt und ausgebeutet wurden- selbstverständlich haben sie keinen Blick dafür, was für andere Entscheidungen und Lebenswege hinter dem Beruf der Sexarbeiterin stehen können.

Die kapitalistische Gesellschaft lebt von Ausbeutung, von Armut, von Not. Und immer wenn sich selbstständig aus diesen Umständen befreit wird, darf das nur den Mächtigen zu verdanken sein, weil diese sonst als nicht mehr besonders mächtig gelten würden und das gesamte Machtkonstrukt ins Schwanken gerät.
Macht und ihre Sicherung funktioniert ausschließlich missachtend und ganz besonders gerne wird dabei die eigene soziale/ gesellschaftliche Position ausgeblendet und mit ihr die eigene Position auf den Diskriminierungsachsen: Rasse, Klasse, Geschlecht, Alter, Funktionsstatus

Genau deshalb fällt es zum Beispiel auch den VertreterInnen des Schwarzer”feminismus”* so leicht “PorNo!” zu quaken und Prostitution abzulehnen. Als weiße, reiche*, ablierte, Frau sind sowohl die Wahlmöglichkeiten, als auch die Hürden zur Ablehnung selbiger einfach so verdammt leicht zu nehmen.
Auch die Wahl dessen, was ignoriert wird und was nicht.

Gerade in der RetterInnenfraktion ist immer wieder sehr gut zu beobachten, wie weiße Frauen* in der (staatlich, rechtlich, gesamtgesellschaftlich gut gesicherten, geachteten und geförderten!) Arbeit mit Prostituierten argumentieren, als sprächen sie zu Frauen*, die die gleiche Ausgangslage wie sie selbst, mindestens einmal gehabt haben, oder einfach mal so haben könnten. Sie blenden gnadenlos sämtliche Stigmatisierungen aus, denen sich die Huren nach ihrer (vermeintlichen) Rettung ausgesetzt sehen. Sie blenden die ekelhafte Asyl- und Flüchtlingspolitik von Deutschland aus. Sie blenden genau die Diskriminierungen aus, die sie a) selbst nicht leben (oder je wieder leben werden) und b) vor denen sich die Huren mit ihrer Arbeit als Prostituierte eventuell ganz bewusst und eben doch selbstbestimmt geschützt haben und die sie c) erfahren, wenn sie anfangen, ihre Rechte als Gewaltopfer einzufordern.

Es ist das altbekannte Opferding: Opfer sind passiv- alles was von ihnen kommt, kann (und darf) nur passiv (gewesen) sein.
Auch das ein Frame, das zu durchbrechen den Opfern niemals gelingen wird, wenn sie keine als aktiv betrachteten FürsprecherInnen haben, die ihr Agieren in äußerlichen Kontexten als passiv zu bezeichnender Position, als “so aktiv wie unter diesen Umständen möglich” betrachten und dem die gleiche Wertung zukommen lassen, wie unter anderen Umständen.

Und aaaaaalles das finde ich in der typischerweise Gewalt verharmlosenden Sprache wieder, was mir diese Debatte noch unerträglicher macht.
Ich sage das gerne noch einmal: “Zwangsprostitution” gibt es nicht!

 

„Hier haben wir die Prostitution, die wir synonym mit “Sexarbeit” bezeichnen,
und meinen den Bereich, in dem es zwischen KäuferIn und AnbieterIn,
sowohl den Austausch von Geld als auch die Steuerpflicht und die Selbstbestimmung im Rahmen der Möglichkeiten des einzelnen Menschen gibt

 

und hier die Gewalt an Frauen*, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen,
Entführung(sähnlicher Umstände) und sogar systematischer Zurechtfolterungen zur allgemeinen sexuellen Benutzung passiert und absolute Abhängigkeit von Menschen in mächtiger(er) Position zur Folge hat.

 

Vor ein paar Tagen habe ich mir den Reportage “verkauft, verschleppt, missbraucht” angeguckt und hatte schwer an meiner Enttäuschung zu kauen, dass keine Differenzierung dieser beiden unterschiedlichen Seiten vorgenommen wurde, obwohl der Begriff der Gewalt sogar mehrfach gefallen ist.

Heute habe ich ein paar Artikel von SexarbeiterInnen gelesen und kaue an meiner Enttäuschung darüber, dass sogar einige privilegierte Huren, auf die Opfer von MenschenhändlerInnen und ZuhälterInnen herabsehen.

Ich kann inzwischen kaum mehr als traurigverachtende Bitterkeit empfinden, wenn in der Debatte um Sexarbeit, der Themenkomplex der Gewalt an Frauen, als Ausläufer der ganz alltäglichen, ganz normalen und von allen Seiten missachteten Machtdynamiken in unserer Gesellschaft, schlicht nicht reflektiert, hinterfragt und gleichsam als moralisch verwerflich bezeichnet werden.

Und ich frage mich, wie lange es dauert, wie viele Menschenleben für den Machterhalt einer übersättigten, Selbst- entfernten und zeitgleich doch Ich-zentrierten Gesellschaft herhalten müssen, bis ihr Wert bedingungslos anerkannt wird.
Ich meine- warum fragen sich die armen Länder Rumänen, Bulgarien, die Ukraine nicht, warum ihnen die reichen Länder ihre jungen Frauen (und Kinder!) einfach so einverleibt, bilden doch genau diese Frauen und Kinder das Fundament der Gesellschaft, die in Zukunft entstehen soll.
Warum schreien wir hier in unseren Kartoffelland, was die ganzen armen Menschen hier wollen- statt damit auszuhören, die armen Länder auszubeuten?

Wieso kommt das Ausmaß von Menschenhandel so abschreckend vor, wenn wir zeitgleich das große  Freihandelsabkommen, andere Instanzen als uns selbst diskutieren lassen?!
Warum verdammt noch mal, ist es so viel leichter sich dem allgemeinen Frauenhass und all seinen Ausläufern hinzugeben und genau das- diese großen Kontexte und all ihre Parallelen- auszublenden?

Warum schämen wir uns nicht, dass es einen Hurentag geben muss, um Menschen, die soweit ausgegrenzt und verachtet sind, einen Tag im Jahr Aufmerksamkeit zu schenken und sich ihren Forderungen zu widmen?

Und warum schämt sich niemand, wenn er oder sie nicht einmal das tut?

das Opferetikett

wildeRose2 Wie eine Sandburg in der Brandung, lösten sich meine Beine auf.
Bis ich fiel und alle Scherben in mir über den Boden des Wartezimmers klirren hörte.

Wir hatten eine Therapiestunde, die mir aus den Händen geglitten ist, nach einem Tag, der mir am Denken vorbeigerutscht war, nach Wochen, die mich nur als Zaungast neben sich hatten.
Während es in mir schreit, kämpft, sich hartkrampft und ziellos durch den Schmerz hindurch vorwärts beißt, taumle ich durch die Gedankenschlösser, die auf dem brennenden Fundament eines fremden Maßstabes stehen.

Was mir begegnet, was mir ablehnend konnotiert begegnet, ist der Komplex einer Opferidentität. Wenn jemand sagt: “Ich bin ein Opfer”, passiert ein Schritt zurück. Ein Blick, der Wunden, Male, Zerstörungen sucht, um sich zu vergewissern.
Abzusichern und nicht einmal, kein einziges Mal zu fragen, ob dieser Blick überhaupt in Ordnung ist.
Dieser Blick kommt nicht aus einem Kopf heraus, der sich fragt, was er dort eigentlich sieht und warum. Mit welchem Recht.
Dieser Blick fragt nicht, ob er als Verletzung, als erneute Demütigung wahrgenommen wird.

Mir wird bewusst, was für mich das Problem in OEG und Strafanzeige nach Gewalt, nach sexualisierter Gewalt, in der Kindheit ist.
Es ist der fremd wertende Blick, der mich nicht nur streift, sondern durchbohrt. Mein Sein, mein Mich, mein Da, mein Früher und Heute auf einen Objektträger klatschen lässt und in feinsten Scheiben seziert, be-verurteilt, in Paragraphensoße ertränkt und mit einem guten Wein aus rape culture darreicht.
Ohne eine Wimper zum Zucken zu haben.

Ich werde nicht gefragt.
Und wenn doch, dann hängt an den Äußerungen anderer Menschen, auch denen der TäterInnen, ob wahr –scheinlich- ist, was ich sage.

Selbst die Verjährungsfrist durchbreche nicht ich, sondern die Vorladung der TäterInnen.
Nicht einmal das wird mir zugestanden.
Und ja, ich habe es als mein Vorrecht betrachtet, dass ich selbst in der Hand habe, ob das, was die Justiz als strafbare Handlung betrachtet, verjährt oder nicht (innerhalb des festgesetzten Zeitraumes). Schließlich wird ja auch die ganze Zeit an mich herangetragen, Gewalt anzuzeigen und sichtbar zu machen. Nicht an die TäterInnen.
Wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass es irgendeinen echten Raum für Selbstbestimmung unter dem Schirm der opferbezüglichen Komplexe gibt?

Vielleicht hat es etwas mit dem sympathischen “Ich bin kein Opfer”- Gebaren zu tun, das immer wieder aus mir heraus kommt, sobald mir andere Menschen meine Kompetenzen und Rechte aufgrund der Gewaltfolgen absprechen wollen.
Die Etiketten “wehrhafter/resilienter/stolzer Grundcharakter”; “KämpferIn*”; “starke Persönlichkeit” machen gegen das schmerzhafte Bohren dieses einen speziellen Blickes immun.
Wenn ich das auf meine Stirn klebe und tue, was ich sonst auch tue, werde ich auf Ebenen unterstützt und gestärkt, die zwar in der Regel unfassbar weit an meiner Erwartung und Hoffnung vorbei gehen, aber mich einer Mehrsamkeit und damit Sicherheit versichern, die ich anders gar nicht oder tendenziell eher erneut in ungleichen Machtdynamiken eingebunden erhalte.

Das heißt, dass alles, was ein zum Opfer gewordener Mensch tatsächlich selbst bestimmen kann, ist, sich als ein solches zu erkennen zu geben oder nicht.
Alle Konsequenzen, alle Gewalten, die aufgrund dessen mit und an ihm passieren, hat er zu ertragen.
In Bezug auf das OEG nehme ich diesen Umstand als besonders infam wahr.

Denn ja: ich fühle mich dazu gezwungen einen Antrag zu stellen und mich damit als Opfer von Gewalt auf eine Weise sichtbar zu machen, die ich weder selbst bestimmen, noch beeinflussen kann- mit den Konsequenzen, die sich unter Anderem aus inexistentem Opferschutz, und anderen Leistungen zu meiner Unterstützung ergeben, hingegen wiederum unsichtbar zu bleiben.
Ich fühle mich gezwungen, weil es das einzige Mittel ist, meine Lebensrealität innerhalb des Systems, das für diese mitverantwortlich ist, sichtbar zu machen.
Natürlich könnte ich auch anfangen meine Krankenkasse zu verklagen, aber die Krankenkasse hat nicht im Schutz vor Gewalt versagt, wie der Staat.

Ich habe mich nie als Opfer betrachtet.
Jetzt fange ich damit an und spüre bereits, wie mir Boden und Beine unter all meinen kleinen und großen, zitternden und kämpfenden, frierenden und schmerzerfüllt weinenden Herzen wegrutschen- während mich der Lauf der Dinge unbeirrt an einer Schlinge um den Hals weiter hinter sich her zieht.

Es ist tröstlich, dass die Welt nicht stehen bleibt, weil ich das Etikett des Opfers neben all die eigenen hänge.
Es ist aber auch eine weitere Erfahrung, die mich in ein Gefühl der Machtlosigkeit bringt, weil sie keinen Effekt über mein klitzekleines Dasein hinaus hat. Wieder verortet sich alles in und an mir allein- nicht an den TäterInnen, nicht an dem System, nicht an unserer Kultur, nicht an G’tt.
Wieder bin ich mit etwas, auf diese eine ganz spezifische Art, die nur Gewalt produziert, allein.

In einem Moment des weißen Rauschens, da auf dem Boden des Wartezimmers gestern, schwamm dieser Satz des “Es ist vorbei” durch mich hindurch und ich fragte mich, ob es überhaupt noch irgendeinen Sinn hat, an irgendeinen Menschen ein “Ja, aber…” zu richten.
Diesen  Punkt des Wiedererlebens, den Gewalt, die an die Schwelle zum physischen, psychischen und geistigen Tod treibt, den erlebt man so allein, dass die Lüge des “es ist vorbei” von sonst niemandem gesehen wird.
Jedes “Ja, aber…” provoziert den Blick, die Abwehr, die Einsamkeit auf allen Ebenen.

 

Ich muss anerkennen, dass ich versuchte das Falsche zu wollen.
Anerkennen, dass “nichts bis wenig”, noch das Beste ist, was ich an “gut” zu erwarten habe.

Dass es für mich eben doch nie vorbei sein wird, nur weil es mir jemand sagt, der mit mir ist.

post- Trauma

kaputt Ich hatte diesen einen klaren Moment, in dem ich nicht nur wusste: “Trigger – Flashback – gesamte Bandbreite von Überregung – Depression – mentale Isolation – Dissoziation – > hol dir Hilfe, sorg dafür, dass es einen doppelten Boden unter dir gibt”,
sondern auch wusste: “
Was hier jetzt gelaufen ist, ist eine Re- Traumatisierung für mich. Ich darf mich verletzt und kaputt, irgendwie zerstört und wund fühlen. Ich muss niemandem einen Grund zur Freude oder Bestätigung meiner Authentizität liefern. Ich muss niemandem sagen, was er oder sie gerne hören möchte, damit es ihm oder ihr mit meiner Not besser geht.
Ich muss niemanden bestätigen und meine Ablehnung von Äußerem rechtfertigen.”

Traurig ist es für mich, diese Gedanken und Impulse erst eine Woche später zu haben, nachdem ich zum zahnärztlichen Notdienst gehen musste, weil mir eine große Füllung aus einem eh schon mühsam geretteten Zahn gebrochen war.
Wieder eine Notsituation. Wieder ein Moment, in dem ich von innen Angst vor einer Art Sterben spürte, Hilfe suchte und dann so übergriffig mit mir umgegangen wurde.
Ich für mich, kam mir wie eine verdammte Heldin vor, wie ich da- kaum in der Lage Wörter zu produzieren, das Zittern zu unterdrücken, Tränen aus scheinbar 5 zusätzlichen Tränendrüsen rauslaufend zu haben und hyperventilierend – seinen Arm wegdrückte, aufstand und vom Stuhl kletterte.

Ich sah ein Mich da stehen vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, verletzt und bedürftig und mein Ich so heldinnenhaft, weil ich es schaffte, genau in dem Moment, in dem das wichtig war, dieses Kind an mich zu nehmen- obwohl dieser (unfassbar furchtbare) Arzt und seine Helferin, die uns – natürlich ungefragt- ständig den Arm streichelte, genau diesem kleinen Mir und diesem großen Ich weiter zusetzten mit ihren sexistischen, unempathischen- einfach unangemessen groben Phrasen.

Und- es kam jemand, der mit uns ist.
Ich spürte, wie das Kleine in mir aufatmete und sich ein Gefühl ausbreitete, in dem es um Sicherheit durch ZeugInnenschaft, Gemeinschaft, durch Chance zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmung geht.
Mein Atemrhythmus regulierte sich, meine Haut, die Hände und Füße wurden wieder durchblutet, die Angst wich Unverständnis und Wut, die näher an die eigene Lebendigkeit führte.
Ich musste nicht alleine in der Nacht noch mit der Bahn nach Hause, in meine Wohnung, die sich noch immer nicht wirklich wieder okay anfühlt. Ich musste nicht alleine sein. Ich musste nicht sachlich bleiben, weil “Na na na- der wollte dir doch nur helfen- was hast du denn erwartet- Ärzte sind Ärzte”. Ich musste nichts können- ich durfte mich schlecht fühlen und ich durfte mich auch heldinnenhaft fühlen. Das war so eine gute Insel, die mich nicht nur daran erinnerte, dass mein Anspruch von HelferInnen gut und grenzwahrend behandelt zu werden absolut in Ordnung ist, sondern auch noch durch mein bloßes in Not sein- nicht durch die Art, wie ich als Person bin- gerechtfertigt ist, und auch darin bestätigte, dass mein ablehnendes Verhalten in Ordnung war, obwohl ich ihn um Hilfe gebeten hatte.

Wenn einem etwas passiert, was im Kopf und im Gefühl alles auf einmal durcheinander wirbelt, dann hilft es manchen Menschen sich auf eine Ebene zu stürzen. Am liebsten die Sachebene, weil diese nicht mit persönlichen Befindlichkeiten vermischt sein darf. Das ist gesellschaftlich anerkannte Spaltung und “gesellschaftlich anerkannt” ist immer gut- gerade dann, wenn man das Gefühl hat, dass einem gerade etwas (wieder) passiert ist, das so sonst gar niemandem jemals auf dem ganzen Planeten passiert ist.
Auch dabei geht es um Gemeinschaftsgefühle und ein Agieren, das absichern soll.

Was bei größeren Belastungen eine gute Möglichkeit zur Verarbeitung des Erlebten und Aufrechterhaltung der Fähigkeit einen eigenen Alltag zu leben führt bzw. dabei hilft, kann bei einer Belastung, die das absolute “Zuviel” in sich hat (also ein Trauma ist) genau das sein, das zu innerer Spaltung führt, weil es ein weiteres “Viel” bedeutet.
Ich bin in der Therapiestunde nach der sogenannten Suiziddrohung tatsächlich vor der Therapeutin geplatzt und hab sie angeschrien und, anstatt mich zu erinnern, dass auch meine viel zu kurze Lunte zum Impulsdurchbruch in dem Moment, ein Symptom für nachwievor bestehende Überregung war, habe ich mich (und mein Leben und alles) fertig gemacht, weil ich nicht entsprechen konnte.
Ich konnte – und kann noch immer nicht zur Tagesordnung übergehen. Kann nicht in meinen Alltag zurück, weil mein Alltag und meine Alltagsumgebung kaputt ist.
Ich kann kaum schlafen, esse um mich zu fühlen- nicht um satt und genährt zu sein. Wenn ich mich zwinge mein Grübeln zu beenden, geht die Grübelenergie in meine Muskeln und Nerven, die unkontrollierbar unter meiner Haut zucken. Seit über einer Woche schwanke ich zwischen “Ich schreie gleich meinen Schmerz, meine Angst, meinen ganzen inneren Kosmos heraus” und “Bin ich überhaupt da?”

Ich will die Emotionen anderer Menschen nicht- sie sind mir mal scheiß egal gerade, weil meine eigenen mich beißen und aufessen wollen und ich mich kümmern muss, ihnen andere Quellen als meine Ich-Struktur anzubieten.

Wenn ich darüber rede/ schreibe, dann geht es mir nicht um Schuld, dann geht es mir nicht um Verantwortung, dann ist mir jedes “hätte”, “würde”, “wenn” fern. Dann geht es darum dieses VIELZUVIEL in seinen feinsten Fäden zu entwirren und nebeneinander darzulegen, zu betrachten, zu analysieren und erst dann zu einem verarbeitbaren Knäul zu machen. – Und eben nicht von mir zu erwarten dieses eine Erlebnis mal eben zu erklären- G’tt wie viel Zeit ich jetzt damit verbracht habe, diese Situation immer wieder erklären zu müssen – mich immer wieder damit konfrontieren zu müssen, immer wieder nochmal neu nachzufühlen – und dann die Sachebene zu bearbeiten.

Ich weiß, dass die da ist. Ich weiß, dass ich mich kümmern muss.
Ich weiß aber auch, dass die Tatsache, dass ich das gerade tue, genau das ist, was uns im Innen total auseinanderreißt und nicht auch noch haltbar ist.

Der Notfallzahnarzt hat es mir sehr leicht gemacht, nicht entsprechen zu wollen. Manche Menschen in meinem sozialen Umfeld machen es mir nicht so leicht.
Bei manchen steht viel Zukunft auf dem Spiel und viel mühsam abgerungenes Zutrauen – zum Beispiel bei der Therapeutin.
Bei manchen steht viel Zuspruch und stärkende Unterstützung in Gefahr- zum Beispiel bei der Frauenberatungsstelle.
Bei manchen steht viel Leichtigkeit und nährende Alltagsinsel in Frage- bei unseren Gemögten zum Beispiel.

Es geht darum, mir zugestehen zu können, dass ich gerade nicht die “C. Rosenblatt” bin, die sonst aus ihren Texten, ihrem Wirken, ihrem Auftreten herausrezeptioniert wird.

Für äußere Beobachter war das alles “unangenehm”, “ätzend”, “totale Scheiße”, “nicht schön”.
Aber uns drin war das eine Situation, die uns traumatische Situationen in unserem Leben hat fast 1 : 1 noch mal- schon wieder- erleben lassen und zwar nicht nur eine- die ganz ganz fern zurück liegt und verarbeitet, gerächt und begraben ist- für die wir irgendwelche Maßstäbe in irgendeiner Form haben- sondern mehrere, die nachwievor in uns drin ablaufen – immer und immer und immer wieder.
Das ist nicht nur “ätzend”.
Tut mir leid – ich wünschte, ich könnte mich mit diesen Menschen hinsetzen und mit dem Abwurf eines plumpen “is ja blöd gelaufen” alles das einfach abhaken.

Kann ich aber nicht.
Und ehrlich gesagt will ich das auch nicht, weil es mir vorkommt, als würde ich das tun, um mir Gemeinschaft von Menschen zu sichern, die mich nur annehmen, wie ich das kleine Mich beim Zahnarzt, wenn ich mit ihnen auf der Sachebene treffe: Sortiert, sachlich, mäßig emotional, _ein_fach, unempfindlich, stark, stabil, freundlich, empathisch und nicht zuletzt: dankbar

Uns ist etwas wirklich richtig Schreckliches passiert und ich nehme mein Umfeld verschoben wahr.
Mir drängen sich permanent unausgesprochene Ansprüche auf und immer wieder flackert dieses tausend Male bestätigte, x- fach eingebrannte Kindwissen auf: “Wenn du dem nicht entsprichst, wird es weh tun bis du nicht mehr bist.”. Alle- wirklich alle jemals verwendeten Antennen fahren auf Hochtouren und lösen den Vollalarm aus, sobald irgendeine Form von Nicht-Kontrolle wahrgenommen wird.

Das geht nicht weg mit: “Macht es euch mal gemütlich”, “Habt es schön”. Auch das ist ein Imperativ auf den mein Innenleben mit diesem uralten Reflex des: “Ja, ich bemühe mich so sehr wie ich kann! Ehrlich- ganz wirklich- ich mache was ich kann- ich tue was du willst” reagiert.

Ich weiß nicht, was mir jetzt hilft.
Ich hab keine Ahnung, was wir jetzt brauchen.

Was ich will ist: _sein_ dürfen; mich in der Welt fühlen dürfen, von deren Rand ich mich heruntergefallen wahrnehme
Auch ohne Aktivismus auf allen Ebenen. Auch mit Heldinnencape und Heulrotztropfen auf der Brust. Auch mit Brüllen vor Ohnmachtsgefühlen. Auch ohne akut geäußerte Dankbarkeit. Mit Verletzlichkeit, die man mir nie zugetraut hätte. Mit allen Gedanken und aller ungefilterten Intellektualität, die mich vielleicht schwer verständlich macht. Mit aller Nicht-Gegenseitigkeit, die mein Fordern mit sich bringt. Mit allem, was andere Menschen nie tun würden/ könnten/ wollten/ dürften/ müssten/ sollten.

Ich bin mit all dem gerade da. Wird mir begegnet, als sei dem nicht so, taucht jemand anders auf und das ist das Problem, das ich als Viele – Mensch habe.
Innere Spaltungsprozesse bzw. Innens, passieren nicht wegen Gewalt, sondern wegen vieler Überdosen “ZUVIEL”.
Wenn wir bzw. meine Psyche als Einsmensch eines in unserem Leben gelernt haben, dann ist es Anpassung durch Spaltung. Es wird immer wieder passieren, dass wir spalten (weg gehen) wenn wir nicht mit allem _sein_ können und das Außen wird genau das nicht spüren, wenn es sich nur um sich dreht.

Und sich darüber beschwert, was mir denn einfällt, sie mit meiner Not zu belästigen oder, wie dieser Zahnarzt, auf meine Panik mit einem genölten: “Was soll das denn jetzt- nu stell dich mal nicht so an- leg dich hin und lass XY machen” reagiert.

Ja verdammt- ich kann die Gründe für sowas sehen und verstehen. Ich weiß, der Arzt hatte einen scheiß langen Tag und in seiner Welt haben “kleine Mädchen” voll viel Interesse daran, einem tollen großen alten Arzt zu gefallen – was für ein Unkomfort, dann so zu agieren, wie ich.
Ich weiß, was das für ein Gefühl ist von: “Woa fuck- was mach ich denn jetzt?!”- wenn jemand kommt und einem sagt: “Ich kann nicht mehr- mir geht es schlecht und alles ist zu viel- ich weiß nicht, was ich machen soll”. Ich weiß genau, dass man sich dann erst mal hilflos und ohnmächtig fühlt, als erstes Gedanken an Verantwortung und Schuld hat und mehr oder weniger bewusst hat, dass man auf sich selbst achten muss.
Ich weiß aber auch, dass es verdammt noch mal so so so so viel öfter dran ist, jemandem einfach nur die Hand hinzuhalten und mal so einen Moment so gar nichts zu machen oder zu verlangen oder zu wollen oder zu verändern oder wegzumachen oder oder oder
und diesem Menschen einfach mal kurz – und sind es 2-3 Minuten das Gefühl zu geben da_sein_ zu dürfen.

Auf mehr warte ich gar nicht. Mehr suche ich nicht. Mehr will ich nicht.

 

Wir bekommen gerade von allen Seiten so viel “mehr” angeboten.
Und

können

nichts

damit

anfangen.

Außer mit diesem fremden Lächeln immer besser und immer reflexhafter rauszulügen: “Danke”

 

Vielleicht können wir das in zwei drei vier fünf Wochen, wenn wir keine Angst mehr vor dem Zusammenbruch unserer bürokratisch regulierten Lebenslegitimation haben müssen. Wenn wir diesen Strafanzeige-OEG –Mist irgendwie in einer Art abgesicherten Handlungsablauf haben. Wenn ich vielleicht endlich einmal richtig ausgeschlafen habe.
Wenn es nicht mehr so weh tut, Gemögte verloren zu haben. Sicherheiten verloren zu haben.
Wenn die Erinnerung wieder etwas weiter im Hintergrund ist.

Vielleicht dann.
Dann sind wir wieder voll der Bereitwilligkeit uns auch für die Gefühle und Lebenswelten anderer Menschen zu öffnen und uns zurückzustellen.
Aber jetzt nicht.

der Folterbericht 2014 von Ai und die Notwendigkeit über Menschenrechte Bescheid zu wissen

”Folter ist verboten” meint ein Großteil unserer Gesellschaft ™ und trotzdem ist die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter noch immer absolut unterfinanziert.
Was heißt das für uns?
Folterbericht lesen, auf sich achten [Video und Texte = graphic!] und überlegen, was die eigene Haltung in Bezug auf Gewalt und Menschenrechte ist.
zur Seite von Amnesty international


Es gibt Menschen, die meinen, weil bei uns hier in Deutschlands Straßen nicht jeden Tag literweise Blut verteilt wird, wären wir ein Land in dem Menschenrechte kaum ein Thema sind.
Überraschung- allein der Fakt, dass das Thema Menschenrechte etwas ist, das als eine Art Intellektuellenaccessoire fern vom täglichen Leben gilt, zeigt uns, wie viel Informationsbedarf nachwievor besteht, um öffentliche Diskurse zu Gewalt und das Ziel eines friedlichen Miteinanders zu erreichen.

Ein Volk, das nicht bemerkt bzw. keine Kenntnis davon hat, dass es Orte und Situationen gibt, in denen sämtliches Grundrecht beschnitten oder abgesprochen wird, ist ein Volk, das Gewalt verharmlost, ignoriert, internalisiert und nicht zuletzt permanent ausübt.

Etwa, indem es die einzige unabhängige Stelle zur Folterbekämpfung in Klinken, Heimen und anderen Haftanstalten nicht im Ansatz ausreichend finanziert.
Etwa, indem es in der Berichterstattung den Fokus auf Menschenrechtsverletzungen außerhalb der eigenen Landesgrenzen legt.
Etwa indem es Entschädigungen für Betroffene niemals „ohne wenn und aber“ ermöglicht.
Etwa indem ein Klima geschaffen und gehalten wird, in dem Hilfeeinrichtungen zum Strafinstrument werden.
[…insert so much more…]

Links zum Thema Menschenrechte bzw. Organisationen:
Das Jugendnetz hat eine schöne Übersicht auf ihrer Plattform Menschenrechte gestaltet.
Das „Forum Menschenrechte“ ist ein Netzwerk deutscher Menschenrechtsorganisationen – ein interessanter Newsletter erscheint wöchentlich.
Die „internationale Liga für Menschenrechte“ hat ebenfalls einen umfangreichen Webauftritt.
Eine „Bühne für Menschenrechte“ sensibiliert für das Thema mit dokumentarischem Theater und eröffnet so ganz neue Räume sich mit den Thema Menschenrecht im Zusammenhang mit Antirassismus und Migration zu befassen.
Das deutsche Institut für Menschenrechte hat neben einer um Barrierefreiheit bemühten Webauftritt auch einen Twitterkanal (@DIMR_Berlin), den ich nur empfehlen kann.
Die „Infomationsplattform human rights“ aus der Schweiz hat eine großartige Zusammenfassung für ThemeneinsteigerInnen erstellt.

über Suizid, Ohnmacht und Hilfe, die (für mich) keine Hilfe ist

Gibt es ein heißeres Eisen als den Suizid?
All die Verantwortung! All die Schuld!

und niemand sagt: all das Leben- all der Tod, all diese Unkontrolle, all diese Machtlosigkeit, all diese eine letzte Freiheit, die sich nimmt, wer sie sich noch zu nehmen in der Lage ist.

Meine, unsere Lebenssituation entspricht aktuell im Großen und Ganzen der, der 18 Jährigen damals noch nicht einmal C. Rosenblatt, sondern “Fremdbezeichnung die man halt angibt, weil alle ™ (die Mächtigen) sie verwenden”.
Irgendwie war das Einzige, was noch fehlte eine Person, die sich ganz genau so verhält, wie unsere damalige Betreuerin: opportunistisch, fremd, unempathisch, schuldzentriert und – das Schlimmste: der festen Überzeugung, doch nur das Beste zu wollen und zu tun- nämlich “helfen”.
Selbstverständlich über unseren Kopf hinweg. Selbstverständlich, ohne dafür in irgendeiner Form die Verantwortung mir gegenüber anzunehmen. Und – auch das versteht sich von selbst- ohne einen eigenen Anteil von mir wegzunehmen und bei sich allein zu verorten.

Es ist das Schlimmste, in solchen Situationen – in denen ich selbst von meinem Kopf überrascht bin, dass es den Wunsch nach einem “ich will weg sein” gibt und gucken muss, wie ich das regle, wo ich mir welche Hilfe hole und Ressourcen aktiviert bekomme- von “Hilfe” umgeben bin, die nur eines zum Ziel hat: “Unter gar keinen Umständen Schuld entstehen lassen!”.

Es ist jetzt 12 Jahre her, dass ich das erste Mal mit einer pulsenden Schnittwunde am Handgelenk und den Bauch voller Tabletten mitten in der Stadt stand und an einer Telefonzelle auf den Krankenwagen wartete.
Die Sanitäter waren nett und gaben mir ein Brechmittel zu trinken, während sie die leeren Blister abzählten und meine Wunde verbanden.
“Was war der Auslöser?”, hatten sie gefragt.
Und ich?
Ich saß da  mit meinem ganzen Paket auf dem Rücken, das ich spürte, aber nicht benennen konnte, und sie fragten, nach diesem einen Auslöser. Eine Polizistin kam dazu und erzählte mir nach einem Blick auf den anderen Arm, dass sie sich früher ja auch immer mal geritzt hätte, aber dass das wieder vorbeigegangen sei. Später. Dann halt.
Ihr Kollege erzählte mir davon, wie schön das Morgen sein würde. Ganz sicher.

Ich hatte ihn die ganze Nacht im Ohr, nachdem mir in der Notaufnahme zwangsweise ein Schlauch in den Magen eingeführt wurde, um ihn mit Aktivkohle zu füllen. Ich war an dieser Trage fixiert, blutete aus der Nase, heulte wie ein Schlosshund und alles, was ich wollte war:
sterben.

Überraschend, ne?
Ja, auf dieses Morgen, das auf dieser ewig piepsenden und trotzdem totbringend stillen Intensivstation irgendwie mit dem Gestern verschmolz und für mich nicht einen einzigen Unterschied erkennen ließ- auch auf dieses Morgen, hätte ich gerne all die Aktivkohle, die ich noch immer trinken sollte, gekotzt und ihm an den Ostersamstagsfrühstückstisch servieren lassen.
Mein Morgen tat weh, mir war schlecht und seltsam schwindelig und nichts hatte sich verändert.
Ich war immer noch da. Da war immer noch niemand, der mein DAS DA einfach fühlt und aus meinem Päckchen rausholt.
Das Einzige, was sich mit den Menschen an mein Krankenbett gewälzt hatte, waren die Themen “Schuld” und “Verantwortung”.
Selbstverständlich synonym verwendet und als Genesungsgeschenk an mich überreicht.
Wer differenziert denn bitte, wenn es um Leben und Tod geht?

Sie fragten nach dem Auslöser. Suchten in der Schule, zu Hause, in mir selbst drin.
Und ich war so leergekotzt, ausgeblutet und so fremd(wieder)belebt, das beim besten Willen nichts mehr zu finden war.

Ich wurde am Ostersonntag entlassen.
Erste Amtshandlung: die Großeltern besuchen. “Und du sagst nichts darüber, klar?”, raunte meine Mutter, als wir die Station verließen.
– Klar, was hätte ich auch sagen sollen?
Dass ich Hilfe brauche?

Ich war 15 Jahre alt und mein erster ernsthaft gefährlicher Suizidversuch endete mit meiner Entscheidung “Hilfe” zu holen. Und diese Hilfe lieferte mir mehr Gründe mich dem Leben und dem Dasein nicht gewachsen zu fühlen, als alles, was ich mir vorher hätte vorstellen können in meinem klitzekleinen Alltagsbewusstseinskosmos.

Dass ich keinerlei Erinnerung daran hatte, wo oder wann oder womit oder was genau ich da eigentlich geschluckt hatte… niemand hatte daran gedacht, dass es so hätte sein können.
Es dauerte noch x – suizidale Gesten bzw. Versuche bis diese Frage Raum bekam. Bis ich sagen konnte: Ich war das nicht, das war XY- ich bin nur die, die immer für “Hilfe” sorgt.

In den letzten Jahren, war XY nicht mehr oft “da”.
Hier und da schwebt sie ganz dicht an der Oberfläche und alarmiert uns mit ihrem Sirenengeheul über jedes “zu viel”, jede Angst, jeden Bedarf nach Nähe. Wir hören und spüren sie inzwischen sehr genau und agieren entsprechend nach Außen.
Es gibt keine bessere Suizidprävention, als zu äußern, dass man suizidal ist.

Genau dann hat man nämlich noch den Raum zu sagen: “Ich bin überfordert. Ich spüre keine Kraft allen Anforderungen gerecht zu werden. Ich habe Angst vor mir, meinem Sein, meinem Leben, meinem Wünschen, meinem Fühlen, meinem Denken, meinem Erinnern. Ich habe das Gefühl nicht atmen zu können. Ich bin überreizt und heiß gelaufen. Ich kann nicht mehr.” , dann kann man in einen Austausch kommen, wie dies zu verändern sein kann.
Uns hat das immer geholfen und entsprechend rabiat sind wir in der Hinsicht.

Wir wissen, dass es uns hilft, feste Punkte zu haben. Termine von Tag zu Tag, Vorhaben und niederschwellige Tagesziele, Problemlösungsetappen, die nicht in allzu ferner Zukunft liegen. Dazwischen essen wir Schrott mit so vielen Kohlehydraten wie es geht, liegen im Bett, lesen Trullaromane und machen Kunst in Wort, Ton, Farbe oder Bewegung. Das Denken wird auf kleine Schritte reduziert und der Fokus verengt sich auf Themenaspekte.
Wer schon mal in einer Psychiatrie oder Tagesklinik war, wird Parallelen sehen, eine Komponente aber als fehlend markieren: andere Menschen.

Wenn wir in einer suizidalen Krise sind, dann sind Menschen das größte Risiko ever.
Es ist und bleibt unsere Freiheit- unsere ureigene Entscheidung, ob wir uns suizidieren oder nicht. Wir allein sind unsere Richter_innen über unser Dasein und niemand sonst.
WIE wir leben, das bestimmen wir nicht. Wir können unsere Belastungen nicht regulieren, wie wir das wollen, treffen zig Entscheidungen am Tag, die weder uns im Zentrum noch im Ziel haben. Wir können versuchen uns jede Hilfe zu holen, die uns zu so etwas, wie einem “(lebens- _werten_) Leben” kommen lässt bzw. uns unterstützt uns dieses zu erkämpfen.
Aber, das OB, lassen wir uns nicht mehr in Frage stellen.
Genau das tun aber Menschen, die arrogant genug sind zu denken, Menschen müssten für mehr als sich selbst leben oder sein. Müssten irgendwie mehr als nur sie selbst sein, vor allem, wenn sie nicht sind, wie alle anderen ™.

An dieser Stelle beginnt die Gewalt der Hilfe. Die Folter der Psychiatrie.
Jemandem gegen seinen Willen etwas auszusetzen, was diesem (und seien es subjektiv wahrgenommene) Schäden bereitet, ist Gewalt.
Jemanden irgendwo gegen seinen Willen festzuhalten, damit dieser sich nicht tötet und ihn erst wieder frei zu lassen, wenn er überzeugend (Täter_innenloyal bzw. angepasst an Täter_innenwillen) äußert, er würde nicht tun, was er vorher aber eigentlich tun wollte, ist Folter und damit eine Form der Gewalt, die weder mit fundamentalen Menschenrechten noch Respekt vor der Lebensrealität anderer Menschen vereinbar ist.

Heute war ein Tag für mich, an dem ich so viel Gewalt ausgesetzt war, wie zuletzt als Jugendliche.
Allein das triggert in mir so ein übles Grundgefühl von Schwäche und Ohnmacht hoch, dass mir die Anforderungen vor denen ich bereits vorher mit großen Bambiaugen stand, noch größer, noch schwieriger zu bewältigen erscheinen.

Da klingelt es und zwei bewaffnete Männer in blau kommen in meine Wohnung.
In der ich alleine bin.
Unbewaffnet und getriggert bis zum Anschlag.
Ich hätte eine Suiziddrohung gegen jemanden ausgesprochen.
Pling- ein weiteres Bingo auf der IchbinsoeinMonster-Bullshitbingokarte

Sie wären ja nur da um jemanden herzuschicken, der das besser beurteilen kann als sie (und ich muahaha), ob ich nicht doch besser woanders Hilfe bekommen sollte.

Ich rufe an, wer diesen Aufriss verursachte. Doch dieser Mensch will damit nichts mehr zu tun haben.
MenschensindgefährlicheTiere-WerbrauchtMenschen-GucktsosindMenschen- Bingo- Pling

und das Tempo nimmt nicht ab. Genau das, was mich fertig macht- all diese ganze von _Ein_fachheit getragene Ignoranz meiner Lebensrealität, all diese Missachtung vor unserem Rasen auf Hochtouren durch ein Labyrinth auf der Suche nach Aus_Wegen_ , die mich nach Möglichkeit in Richtung “lebenswerte Zukunft” bringen- alles das kommt dann sachlich vorgetragen an einer Kette aufgereiht aus den Polizisten heraus, die sich eigentlich so vielen anderen – größeren, wichtigeren, werteren Dingen, Menschen, Umständen widmen sollten.
“Ja, aber sie müssen doch… ” … “Man muss sich ja auch mal ein bisschen bemühen in diesem Leben” … “Haben sie denn nicht nochmal vor irgendwas aus ihrem Leben zu machen?”

und noch immer ist niemand bei mir

Ich bin wieder 15 Jahre alt und sehe meinen Rechten auf Selbstbestimmung hinterher.
Da ist niemand der mich oder wenigstens meine Hand hält.
Da ist niemand, außer diese stolze Löwin aus Feuer, die aus meiner Asche rausschießt, um uns vor all der Gewalt, die wir schon in Kliniken erlebt haben zu bewahren und verpufft, als alles vorbei ist.

Das Zittern hielt die ganze Nacht. Geschlafen haben wir zwei Stunden.
Unsere Wohnung fühlt sich nicht mehr okay an.
Ich habe Schmerzen.
Ich glaube, ich habe meine Therapeutin angebrüllt.
Ich glaube, ich habe in den letzten 24 Stunden so viele Teenagertränen geweint, wie noch nie.

So ist das halt, wenn Hilfe zur Gewalt wird.
Wenn Helfer_innen zu Täter_innen werden.
So ist es, wenn man Menschen zu nah kommt.

Einfach lassen.
Kommen und gehen lassen.
Nicht halten.

Dann tuts auch nicht so weh, wenn man nach 9 Jahren so etwas wie Abschied macht.

Und nach ganz viel Ausstieg, die Geschichte mit dem Einstieg in ein Leben “danach”
noch einmal ganz neu anfängt.

 

 

P.S. für Angehörige suizidaler Menschen
1) Alle Menschen gehören nur sich selbst!
Mach dir klar, wieso genau du den Suizid deines Angehörigen verhindern möchtest. Geht es um dich, oder um diesen Menschen?
2) Der Auslöser für die Gedanken/ den Wunsch wird nichts sein, was mit einem Fingerschnipsen lösbar ist- es geht um Kraft und Mut, an eine Lösung zu glauben bzw. eine zu entwickeln und umzusetzen. Vermittle die Möglichkeit dazu mit ganz platten Handlungsschritten- ohne jedoch deinem Angehörigen zu sagen er/sie wäre “eine starke Person”- er/sie fühlt sich nicht so und zu hohe Ansprüche Außenstehender sind evtl. nicht hilfreich.
3) Du bist verantwortlich für die Hilfen, die du deinem Angehörigen zukommen lässt, wenn dieser sich nicht darum kümmern kann. Lass ihn nicht alleine mit Polizei/ Krisendienst/ Mediziner_innen – das sind Menschen, die ihren Job machen- kein Grund das Leben als lebbar wahrzunehmen.
4) Es gibt kein “wenn alles vorbei ist”. Auch nach der Krise/ einer Klinikentlassung/ Besuch von Krisendienst und Polizei zu Hause, ist nicht gleich alles gut.
5) Es ist nicht deine Schuld und es ist nicht deine Verantwortung, wenn ein anderer Mensch sich gegen sein Leben entscheidet.
6) Es ist nicht die Schuld der Familie/ der Gesellschaft ™ / des Systems, wenn ein Mensch sich selbst tötet.
7) Gedanken an den Tod bedeuten auch: Gedanken an das Leben Vielleicht findet ihr im Gespräch einen Gedanken, der richtig viel verborgene Kraft in sich trägt
8) Sei ehrlich und bleibe ehrlich. Wenn du dich überfordert fühlst, such dir Hilfe und/ oder Beistand, um diese Situation zu bewältigen.
9) Frage deinen Angehörigen, was ihm helfen könnte.
10) Sprachführung: von Suizid ist wenn überhaupt einzig diese/r Angehörige “bedroht” – Selbstmord gibt es nicht, Mord ist Mord
11) ? Vielleicht will irgendjemand der den Artikel gelesen hat, schreiben, was für ihn/sie einmal von helfenden Menschen gut und hilfreich war.

OEG 2.0 – Vorspiel –

Wasser2 Nächste Woche habe ich einen Termin bei einem Rechtsanwalt.
Es wird um einen Antrag auf Opferentschädigung und all den ganzen Rattenschwanz aus organisierter Gewalt und Opferschutz, DIS und Anonymität gehen.

Ich weiß nicht, ob er schon einmal Menschen vertreten hat, die mit so schweren Beeinträchtigungen in der Selbst- und Umweltwahrnehmung leben und/oder, die aus organisierten TäterInnenkreisen ausgebrochen sind. Eigentlich ist mir das auch nicht wichtig.
Der Antrag soll passieren, durchgehen, Therapiefinanzierung vorerst sichern und fertig aus.
Ich will keine OEG- Rente oder sonst irgendwas.

Aber werde ich überhaupt als Gewaltüberlebende wahrgenommen?
In der letzten Zeit nehme ich öfter auf, dass mir mehr zugetraut wird, als ich tatsächlich kann und, dass auch mehr Erwartungen an mich gerichtet werden, als ich entsprechen kann.
Natürlich stärkt mich das auch manchmal, aber in den letzten Wochen tut es das eher nicht.
Alles, was sich anschaltet, ist ein Modus in dem es mir prima geht, solange Menschen um mich sind.
Bin ich allein, geht es mir schlecht. Und damit meine ich nicht die “ein bisschen Schokolade auf der Couch und ein schönes Buch- dann wird das schon”- Variante, sondern die “ich bin so scheiße ich hasse mich ich sterbe jetzt mit einem Platzen als schleimig stinkender Ball, der es nicht verdient hat auf diesem Planeten zu sein bitte bitte bitte dieser Schmerz ist nicht aushaltbar”- Postkarte aus der Opferwelt.

Ich habe inzwischen genug Kontakt zu AnwältInnen, BeraterInnen, PsychologInnen und PsychiaterInnen gehabt, um zu wissen, dass es sehr wohl passiert, dass die Hilfesuchenden gescannt werden. Wie glaubwürdig sie sind. Wie sie wirken, ob sie lügen oder übertreiben- ob sie Ansprüche erfüllen bzw. Vorstellungen entsprechen.
Natürlich sind Menschen eben einfach so, ja. Von mir aus.

Aber wie soll ich dem nachkommen? Muss ich das überhaupt?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kommt mir hoch und desto einsamer fühle ich mich. Zumindest emotional als eine, die etwas überlebt hat.
In all diesen Ansprüchen und Vorstellungen, gibt es eine Art Drehkreuz um Stärke, Belastbarkeit und diesen Klumpen aus subjektiver Vorstellung um die Schilderungen von Gewalterfahrungen.
Ich sage nie und habe nie vor jemandem gestanden und gesagt, was ich dazu sagen wollte.
Immer klebe ich irgendein Etikett darauf, von dem ich weiß, dass es pseudosynonym verwendet wird. Dann sage ich “Ich wurde als Kind misshandelt” oder “Ich habe massive Gewalterfahrungen gemacht”, meine aber ein geschrieenes: “IchbinvorAngstgestorbenEshatsowehgetanGenaumitteninmirdrin” und ein verzweifelt rausgeweintes “Dashateinfachnieaufgehört”.
Im Anspruch geht es um Sachlichkeit, wo höchste Emotionen in mir sind. Da geht es um aktives Handeln, wo ich ohnmächtig und voller Angst bin.

Immer wieder werde ich für so stark und belastbar gehalten, weil ich Aktivität und Sachlichkeit mit Worten vorgeben kann.
Was dahinter steht, rückt in den Hintergrund, in meine kleine private Hölle, in der Worte wie Sterne am Himmel glitzern, während ich mit dem Gesicht nach oben, wieder und wieder unter Schmerzen erinnerungssterbe. Lautlos. Spurlos. In meinem Kopf. In meinem Körper.

Das ist ein Muster, das mir so alt und so normal erscheint.
So viele Menschen in meinem Leben sind nach außen anders, als für sich allein oder privat und kaum jemand bezeichnet das als gesellschaftlich anerkanntes Spalten/ Dissoziieren von Lebensrealitäten.
Kaum jemand versteht mich, wenn ich sage, dass ich wirklich verrückt werden könnte, weil sich mir die Absurdität der äußeren Umstände durch den Verstand bohrt, wie ein Korkenzieher: Ich-  die Dissoziierte wie Dissoziierende- begibt sich in eine äußere Spaltung, um ganz erlaubt eine Therapie bezahlt zu bekommen, die mir helfen soll, meine Wahrnehmung zu verbinden.
Ich, die zur Gewalt sagen will, was niemand hören will, weil es zu viele Emotionen macht, soll sachlich machen, was ausgerechnet meine Psyche- etwas per Definition definitiv nichts Sachliches ist, betrifft. Ich soll aktiv tätig sein, weil ich passiv geopfert wurde.

Und das soll ich glaubhaft tun. So, dass man merkt, dass ich belastet bin, aber noch genauso kräftig, dass ich das auch vertreten kann und aber nicht zu sehr, da der Schaden sonst nicht anerkannt werden kann.

Und in all dem fehlt ein Part, den ich selbst sogar noch schütze, weil ich mich selbst schütze: die TäterInnen, die ich weder anzeigen, noch in Regress nehmen lassen will
Die ich benennen möchte mit der schlichten Etikette: “TäterIn” nicht mit  “hmhmhm”.
Deren Taten ich mit meinen Gefühlen benennen will, nicht mit dem, was man nach außen hätte sehen können.

An diesem ganzen Opferentschädigungsding stellen sich nicht verschiedene Gebote und soziale Ächtung schwierig für mich dar.
Es ist die Selbstdarstellung als Opfer nach außen, die so absolut keine positiven Folgen nach innen haben.
Egal, wie verbunden das sein wird, wenn mir ein Schaden anerkannt wird und ich offiziell “Opfer” bin- das wird Nächte, wie die letzte nicht wegmachen. Das wird mein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Gemögten nicht schrumpfen lassen. Das wird mir Erinnerungsschmerzen, Alpträume, schlaflose Nächte, Selbsthass, Angstattacken und dieses durchdringende Schreien in meinem Kopf nicht wegmachen.

Es ist die Selbstdarstellung als passives Opfer, obwohl ich doch jetzt aktive Taten ausübende bin.

Und es ist das Agieren, obwohl ich mich im Moment eher tot und unfähig vor allem und jedem fühle und mich schäme, weil ich weiß, dass ich für viele ganz anders erscheine.

böse

Rosenblätterknospe “Und wie viel TäterIn steckt in mir?”
Die Frage arbeitete sich wie ein stinkender Gasball durch meinen Kopf und platzte irgendwann mitten in der Artikelreihe “
Wir sind Viele”.

2 Tage lang war ich umgeben von den Begriffen “Opfer” und “TäterIn”, von diesem Himmel und Hölle- Spiel, in dem es nur “aktiv” und “passiv”/ “aggressiv” und “defensiv” gibt.

Wir passen nicht in rein duales Denken und vermutlich war es genau dieses Gefühl von “wie du bist, gehörst du hier nicht rein”, das mir diese Frage – diesen Komplex rund um Opfer – TäterIn – Spaltung aufmachte.
Seit Monaten wälze ich Verhaltensweisen eines Menschen mir gegenüber, von einer Hirnhälfte in die andere. Mache mich fertig, weil ich mich weigere, mir Etiketten wie “erhebliches aggressives Potenzial” und damit einhergehend “
das absolut schrecklich böse Monster”, wirklich auf die Stirn zu kleben, und trotzdem am Ende nicht weiß, wohin mit mir.

Mein Sternzeichen ist Löwe und wenn es eine Charakterbeschreibung für mich braucht, dann findet man sie in jeder 08/15 Beschreibung davon.
Ich bin stolz, intelligent, lasse mich von Lob durch die Decke pushen, bin loyal, großzügig, hilfsbereit und aufrecht.
Und ich brülle, wenn ich mit mühsam erkämpften (Ver)Handeln auf der Sachebene nicht vorankomme.
Wo andere Menschen denken “das muss aufhören” denke ich: “ich will es aufhören lassen”.

Irgendwie… so wirklich TäterInnenhaft finde ich solche Eigenschaften nicht.
Wieso fühle ich mich dann ständig- vor allem in dem Kontakt und damit assoziierten Kontakten, so?
Jedes Mal mache ich da einen Schritt zurück und sperre mich wieder ein, um mir mit meiner erneuten autarken Befreiung im Kopf ein Wohlbefinden zu generieren. Mich zu trösten vielleicht.

Vor ein paar Tagen habe ich eine neue App auf meinem Smartphone entdeckt. Ein Diktiergerät.
Neben einer weiteren Eulengeschichte, Vogelgezwitscher und Aufnahmen von Wasserplätschern, ist dort auch das mühsame Wortwürgen eines Innens zu hören, das sich in einem Monolog damit auseinandersetzt, wie viel abgrundtief Böses in ihm steckt.
Wir haben bei der Tagung gehört, dass es TäterInnen gibt, die ihren kindlichen Opfern erzählen, dass sie etwas in sich tragen, dass nur sie bändigen können und niemand sonst. Das Innen kaut nun in einer Endlosschleife darauf herum.

Ich selbst, hab keine Ahnung, was wir als Kind so zu hören bekommen haben-
aber was uns in der Psychiatrie so erzählt wurde, habe ich noch so genau im Ohr, als wäre es mir erst gestern ins Denken gedroschen worden: „Du bist eine Gefahr (für dich und deine Umgebung)!“.
Es fällt mir nicht schwer psychiatrische Anstalten als Gewaltorgane zu bezeichnen. Für mich sind die Jahre die aus Heim – Klapse – Heim – Klapse bestanden, nichts weiter als ein Gewaltenreigen. Gewalt hat uns reingebracht, Gewalt hat uns dort gehalten und Gewalt war es, die dort auf uns einwirkte- ganz egal, wie oft andere Innens die BehandlerInnen dort hochloben und dieses oder jenes als hilfreich bezeichnen. Ganz ehrlich- ich denke, der Mechanismus dahinter ist der Gleiche, wie wir den bei dunkelbunten Innens haben, die sich täterInnenloyal verhalten bzw. denken, werten, wahrnehmen. Aber klar- wo “Hilfe” draufsteht, darf man sowas nicht sagen- ups- zu spät – deal with it.

Das Innen, das die Aufnahme gemacht hat, stellte aber auch eine Frage, die ich gut finde: die nach dem Definitionsrahmen der Böses als böse/ “weg damit” und Gutes als gut/ “unterstützen/ festigen/ soll bleiben” festlegt und die Machtfrage, die damit einher geht.
Wer sagt warum, dass mein Verhalten “erhebliches aggressives Potenzial” hat; was sind die Parameter dazu; welche Wertung hat das zur Folge und welchen Einfluss hat diese Wertung auf mich und mein Leben?

In dem Kontakt, der mir Probleme bereitet, ist es egal, wie ich auftrete, ob ich verhandle oder nicht. Ob ich aus jedem meiner Sätze Emotionen und Persönliches herausstreiche oder nicht , ob ich eine Hand hinhalte oder nicht. Es ist egal. Immer wird sich mir so derartig tief unterworfen, dass ich selbst dann auf einem Podest stehe, wenn ich am Verhandlungstisch sitze.
Da bin ich die aggressive Kraft, weil alles andere so quasitot defensiv ist, dass jeder Ausschlag in irgendeine Richtung als übermäßig krass wirken MUSS.

Ich komme nicht mehr umhin mich zu fragen, ob das nicht einfach eine Art Kalkül hat.
Doch defensiven Menschen unterstellt man kein Kalkül- das ist, als würde man Bambi schlachten.

Ich tus = das Außen sagt: BÖSE weil BambimörderIn – > macht nach innen “Ich bin scheiße jatta jatta jatta” – > Selbstbild als das Leben in dieser Welt nicht wert, weil (Opfer)TäterIn

Und wo wir grad bei Bambi in Sachen TäterIn – Opfer – Spaltung sind.
Bambi möchte jede/r herzen. So unschuldig, so lieb, so unbedingt und in allem zu unterstützen.
Klar, so ein Bambi hat seine Bambieigenschaften nicht als Tarnung oder, weil kein Anlass dazu da ist.

Im Falle einer, das eigene Leben, bedrohenden Situation kann die Reaktion in Form von Flucht, Kampf oder Erstarrung auftreten.
Ich (als Einzelinnen hier in diesem Haufen) bin im Kämpfen entstanden und das ist irgendwie noch heute so. Gibt es eine Situation mit viel Puls, aber hohem intellektuellen Anspruch, tauche ich auf und löse das Problem. Fertig.
Es gibt aber auch Innens, die in Situationen entstanden, in denen die Defensive bzw. die Erstarrung drin ist. Die haben gelernt, sich im richtigen Moment hart/schlaff/mechanisch zu machen und einfach nicht mehr da zu sein. Die sind bis heute unempfindlich für Schmerz jeder Art und nicht in der Lage, die Verantwortung für ihr Nicht- Handeln/ nicht- Sein/ nicht- greifbar sein – zu begreifen. Denn sie haben doch nichts gemacht. Große Selbstschutzbambiaugen.

Was will man dann sagen?
Ich kriege über sowas Krätze und komme da auch nicht drüber.

Ich kämpfe mich daran ab, mir zu sagen, dass das alles seinen Sinn hat. Dass ich nicht diejenige bin, die darüber werten darf. Dass ich Menschen so lassen muss, wie sie sind. Dass jeder Mensch so ist, wie er ist usw. usw. usw.
Trotzdem bleibt bei mir halt die Sachebene bestehen.

Was ja gerne gemacht wird, ist als böse betrachteten Menschen abzusprechen, dass sie lieb sein können oder liebe Anteile haben. Oder- so wie ich- ewig lange an der Sachebene rumlaboriert haben, bevor ihnen der Kragen endgültig platzt. Gesehen wird bei TäterInnen jeder Art- die böse Tat, nicht die Umstände.
Die könnten es ja schwierig machen in der Abwertung des Bösen.
Plötzlich müsste man Anteile des alltäglichen Gewaltpotenzials um uns herum als üblich betrachten und ergo auch dem Opfer in der Dynamik TäterInnenanteile zugestehen.
Das wäre, als würde man in seinem Denken Platz für die Erkenntnis lassen, dass Bambi anderen Tieren das Gras wegfrisst und über ihrem Verhungern sagt: “Ich hab doch nix gemacht”.
Schwupp wäre sie dahin, die hübsche Einteilung in gut und schlecht- Opfer und TäterIn.
Bambi muss schließlich etwas essen- es kann nichts dafür- es muss fressen und es wäre grausam ihm das zu verbieten.
Doch spätestens dann, wenn jemand kommt und sagt: „Äh Tschuldigung- ich muss von diesem Gras auch leben” dann hat “Ich hab doch nix gemacht” nichts mehr im folgenden Dialog zu suchen- egal, ob das nun Bambi selbst sagen will, oder Bambis FürsprecherInnen.
Da ist dann einfach nicht mehr das jeweilige Sein der Beteiligten von Relevanz, sondern der Umstand, das es zu wenig Gras gibt oder die Verteilung schief ist.

Mich ärgert es, dass ich mich jetzt in so einer dualen Dynamik befinde und da scheinbar so gar kein Platz ist, um ein Miteinander zu finden.
Ich hasse solche Ohnmachtsgefühle und merke, dass ich daran kaputt gehe, weil der Backlash von innen so krass ist.

Und genau davor jemand die ganze Zeit mit eigener Qual und Not steht und mit allem, was ich sage, nur noch “ich hab doch nichts gemacht” äußern kann. (Übler gehts ja eigentlich nicht- ich die Böse, sieht das Leiden des Guten – es gibt sicherlich ForensikerInnen, die mir unter diesen Umständen ein hohes Gefahrenpotenzial unterstellen würden)

Das sind Gewaltspiralen, die einfach subtil tödlich sind auf lange Sicht. Eine/r von uns beiden wird an dieser Nummer in irgendeiner Weise Schaden nehmen und das, obwohl zusammen so viel möglich wäre.

Das ist doch scheiße.
Ich hab schließlich auch nichts mehr getan, als zu sagen, dass da was schief ist.

wenn ich Zeit als “verloren” empfinde

BlattimBach Da ist diese Formulierung “Zeit verlieren”.
Ich stelle mir vor, wie jemand an einer Quelle steht. Die Zeit, wie Quecksilber, in seine Hände sprudeln und durch die Finger rinnen lässt.
Sie verliert. Irgendwie ungenutzt und gelebt.

Ich habe noch nie Zeit verloren.
Worüber ich aber immer wieder stolpere, ist das Fehlen ihres Seins in meinem Bewusstsein.

Ich weiß, dass ich einen Therapietermin hatte und da war.
In dem Büro, das jedes Mal irgendwie anders aussieht und doch gleich. Das Aufzählen aller Verrückungen und auch das Rumkartoffeln über die eine, unordentlich über den Vasenrand baumelnde, Tulpe- ich weiß, ich habe das gelebt. Die Blumen waren rot und gelb- nächstes Mal wird die Farbe anders sein. Aber Blumen werden wieder dort stehen.
Ich habe die Zeit in diesem Raum nicht wirklich verloren. Sie war da und schwappte in meinen Händen.
Aber sie berührte mich nicht.

“Wie ist es Ihnen mit der letzten Stunde ergangen?”
Knurren, Fauchen, brodelnde Hitze, kurze Schattenbilder an Dinge, die im Dunkelbunten wabern.
Ein Kind, das Händchen hält.
“Schicken Sie mir mal dies und das.”.

Das Gefühl, dass alles okay ist.
Lächeln, atmen, schlucken, witzeln, gehen.

Im Wanken durch die Stadt merken: “Wart mal – was?!”.

Und dann das Schwimmen.
Das in den Zeitfluss hineinspringen und so schnell es geht, den gerade noch obenauf treibenden Fetzen, nachhechten. Atmen, Luft anhalten, hineingehen. Missachten, was dort unsichtbar über die Füße glibbert, was links und rechts streift, sich organisch anfühlt und doch nie genug greifbare Konsistenz hat, es herauszuheben und mit dem Kopf in den Wolken zu betrachten.

Und dann irgendwann, beruhige ich mich.
Erinnere mich daran, jetzt nicht “ach egal” zu denken. Das ist, als würde ich die Fetzen gleich wieder in den Fluss werfen.
Ich schreibe es auf und warte.

Ich achte darauf, wie sich die Zeit in meinen Händen anfühlt, während ich mit NakNak* und Sieglinde im Wald herumtorkle, mich über große Schnecken freuekle und irgendwie doch alles okay ist. Nur ab und an wischt etwas durch mich hindurch und ich betrachte meine Hände beim Schreiben.

Das ist als würden die längst vergangenen Tröpfchen Zeit auf mich herunter nieseln und sich zwischen die von mir geborgenen Fetzen legen. Manchmal entstehen so Ahnungen und Bilder, immer aber ist da das Gefühl, dass es Arbeit ist, sich das Gestern, Vorhin, Heute und Jetzt anzueignen.
Nicht zu finden, nicht zurück zu erobern. Nur, zur eigenen… selbst gelebten Zeit zu machen. Manchmal auch: überhaupt erst echt, begreifbar und sortierbar zu machen.

Was ich verliere, ist nicht die Zeit. Es ist die Möglichkeit zum Eingreifen, zur Gestaltung, zum in mich einbringen, die verloren geht.
Es ist die Kontrolle, die fehlt.
Nicht nur über mich und den Lauf der Dinge, das Sprudeln dieser Zeitquelle, sondern auch über meine Außenwirkung.

Ich könnte sagen: “Tschuldigung- ich war letztens nicht ganz ich selbst”; könnte Vermeidungstänze mit vielen glitzernden Schleifen aufführen; könnte mich zusammenziehen und zu einem Bündel aus Antennen für die Signale des Gegenübers werden lassen. Aber die Möglichkeit den ersten, zweiten… irgendwannsten Eindruck von mir als Einsmensch irgendwie so hinzudrehen, dass ich als “in Ordnung” wahrgenommen werde – die ist vielleicht – vielleicht aber auch nicht –  weg.
Ich erfahre darüber immer erst später etwas. Bis dahin muss ich schwimmen, vertropfschmelzen lassen, ahnen, Bilder betrachten, das Hallen der Worte von meinem Ohr in meinen Mund wandern lassen und spüren, ob sie vertraut schmecken.

Amnesie, das ist so ein umfassender Begriff.
Lange suchte ich nach schwarzen Löchern in meinem Wahrnehmungsuniversum. Ich dachte, dass ich einen löchrigen Verlauf sehen müsste. Oder, wie im Film, sagen können müsste: “Ich erinnere mich nicht.” Tatsächlich sage ich immer: “Ach, keine Ahnung” oder “ich weiß nicht” und drücke damit eigentlich mehr meine Unsicherheit darüber, ob das, was ich wahrnehme, überhaupt stimmt, aus.
Es wäre gelogen zu sagen, dass ich mich nicht erinnere. Aber es wäre auch eine Lüge zu sagen, ich wäre total bewusst um alles.

Ich denke darüber nach, warum mir die Formulierung des Zeit verlierens trotzdem so nah kommt.
Ich spüre Verlust und muss mich bemühen, darüber nicht auch noch meinen Kopf rollen zu lassen, wie eine unordentliche Kugel in einem Bowlingcenter.

Ich finde Menschen unheimlich und gefährlich.
Menschen lügen und wenn ich nicht weiß, wie die Umstände wirklich sind- wenn ich mir nicht wenigstens sicher darüber bin, wie sie ganz subjektiv für mich sind – dann bin ich abhängig von ihnen.
Das ist ein Gefühl von gleichsam umfassender Ohnmacht, wie vor dem Fließen der Zeit durch mich hindurch, das mich mal mitnimmt und mal nur umspült und manchmal auch nur anhaucht oder in feine Netze wickelt.
Niemand merkt mir das an und so soll es auch sein. Ich bin keine zarte eher ätherisch waberige ungreifbare Multiple. You know: Modell “Huschi muss erst mal vorgelockt werden, um Vertrauen zu fassen”. Ich bin eine von denen, bei der man Angst und Misstrauen nicht merkt, gerade weil sie die Klappe aufmacht und so tut als gäbe es nichts zu fürchten. Ich bin so laut, dass man das, was ich eben nie sage, auch nicht vermisst, wenn man nicht danach sucht.
Was ich kann ist, immer wieder so zu tun, als würde ich nie um Verluste an Sicherheitsgefühlen und Kontrolle trauern, wenn ich merke, dass ich andere Menschen brauche, um mir ein Bild aus der Zeit zu machen.

Manchmal noch kommt es, dass wir uns in unsere Nussschale setzen und auf dem Zeitstrom einfach nur so herumtreiben.
Dann, so mittendrin und ganz alleine, spüre ich keine Verluste, keine Abhängigkeiten. Dann geht es mir gut.
Auch dann erlebe ich es, dass ich nach einer Aktivität kurz innehalte und mich frage: “Warte mal…- was?!” aber es ist dann egal. Ich muss mich dann nicht anstrengen, weil ich nicht entsprechen muss. Weil dann, wenn wir so treiben, auch keine Menschen da sind, die irgendwie… nun ja, das ist jetzt einfach ausgedrückt : “machen”, dass ich an mir vorbei gezogene Zeit als verlustig empfinde.

Am Ende meiner Gedanken bemerke ich, dass viele Formulierungen ein Wurzelende in dem ewigen Kampf um Anpassung an das Außen haben und frage mich, wie wichtig das für uns wirklich ist.
Und plötzlich finde ich mich im Reigen der Selbstzerpflückung und frage mich, wie viel von mir eigentlich da ist, weil es eben da ist und nicht, weil es irgendwann mal wichtig wurde zu haben, damit das Außen mich nicht umbringt.

Und das alles nur, weil… naja, weil ich nicht glauben kann, dass in der Therapiestunde wirklich alles so okay lief, wie es die Therapeutin ausgestrahlt hat.
Wäre dem so, würde ich mich nicht abhängig fühlen. Wäre dem so, dann wäre es nicht wichtig allen letzten Fetzen nachzuspringen. Wäre dem so, dann wäre das ja auch total okay in meiner kleinen Nussschale herum zu treiben und es gäbe wirklich keinen Grund vor irgendetwas Angst zu haben, was diesen kleinen Rahmen betrifft.

Ich tus aber nicht.
Menschen sind die gefährlichsten Tiere auf diesem Planeten.
Und manchmal ist die eigene Wahrheit die letzte Waffe, die man hat, um sich selbst zu verteidigen.