wenn man lebt, kann man lernen

Es ist Mittwoch und gestern haben wir uns aus der hiesigen Psychiatrie entlassen lassen.
Noch fließen Medikamente durch den Körper, die machen, das sich die Finger-, Zehen- und Zungenspitze taub anfühlen und wir uns tatsächlich einen Timer stellen müssen, damit wir uns selbst Schritt für Schritt durch den Prozess des “aufs-Klo-gehens” und “Nahrung* bereitens” zu hieven erinnern, wie einen nassen Mehlsack durch Treibsand.

Wir sind nachwievor so betrübt wie das Meerwasser vor Fukushima. Aber die Zeit zum nächsten Workshop, die Zeit zum nächsten Fotokurs, die Zeit zum nächsten Podcast ist nicht mehr so lang, dass der Gedanke, man könne sich ja bis dahin umbringen, damit es weniger lang dauert, keinen Raum mehr finden kann. Zu voll gestapelt ist der Kopf bereits wieder mit Folien, die zu füllen sind, mit Fachliteratur, die aufzufrischen ist, mit dem dicken Panzer, den wir brauchen, um zurecht zu kommen.

Heute morgen wachten wir mit Fieber und Husten auf und freuten uns darüber.
Offensichtlich hat uns etwas in der letzten Woche gut getan und psychophysisch soweit entlastet, dass sich der Körper neben allem auch ein Fieber zu leisten in der Lage sieht. Vielleicht war es der Schritt NakNak* vorrübergehend in Obhut von jemandem zu geben. Vielleicht war es der viele Schlaf. Vielleicht das psychische Einknicken und stückweise Runterbrechen auf das, was hinter uns funktionierenden Rosenblättern als rudimentäre(re) Schleife immer mitläuft. Vielleicht aber auch die Erfahrung, dass die Therapeutin solidarisch bleiben konnte, der Mensch (rätselhafterweise) irgendwie jeden Tag? für uns da war und wie noch immer verlässlich ist, womit man seine (Klein-) (Kinder-) Jugendzeit überstanden hat.

Wir haben aus den Tagen im Krankenhaus die Einsicht mitgenommen, dass wir wahrscheinlich nie eines der ungehörten kindlichen Gewaltopfer waren, sehr wohl aber eines der unverstandenen und mit (trotz der) besten Intensionen miss_be_handelten.
Menschen brauchen mehr als stereotype Schablonen um Schlüsse egal welcher Art aus dem Verhalten und Beworten anderer Menschen zu ziehen. Sie brauchen Zeit. Sie brauchen direkten Kontakt. Sie brauchen eine Routine miteinander, um individuelle Normen/Muster_Schablonen zu kreieren.
Und genau das ist es, was von Geburt an misshandelte Menschen zum Verhängnis wird. Denn: es gibt kein Vorher und kein Nachher.

Wir haben verstanden, dass wir diesen Teil unserer Traumatisierungen hier über das Blog wenn nicht reinszenieren, so doch Raum dazu übriglassen und zwar über die Kommentarfunktion und die vielleicht nicht häufig genug geforderte Reflektion derer, die sich an uns richten.
Entsprechend schließen wir die Kommentare hier bis auf weiteres und erleben das als gleichzeitig schade, wie wichtig.

Einerseits gab es hier nie eine Flut von Kommentaren – andererseits gibt es hier jede Woche mindestens einen übergriffig wie unangebrachten Rat_Schlag, verbale Verletzungen und immer wieder auch Kommentare von Menschen, die geflissentlich übersehen, dass das Blog von Vielen in über 900 Artikeln bereits vieles von dem was als fehlend angemerkt wird, besprochen hat.
Es wird gern vergessen, dass wir gerade 29 Jahre alt sind und unsere konkreten zwischenmenschlichen Gewalterfahrungen im Rahmen organisierter Gewalt gerade einmal 8 Jahre her sind.
Wir sind keine Person, die durch ihre Traumafolgestörungen aus scheinbar geordneten Bahnen gefallen ist.
Wir leben, wachsen, entwickeln uns. Über das Blog tun wir das quasi in aller Öffentlichkeit– und sind gleichzeitig noch so weit davon entfernt, uns selbst erfassen und halten bzw. tragen zu können.

Heute morgen habe ich gespürt, wie viel von unserem Alltag in Krisenzeiten wie jetzt von einem völlig fremden inneren System getragen wird und ganz ehrlich: nach inzwischen 13 Jahren unter der Diagnose der dissoziativen Identitätsstruktur war und ist das das Letzte mit dem ich gerechnet hätte.
Dabei ist es so logisch: Man kann nicht bewusst für Dinge sein, die unbewusst sind bzw. die unbewusst im Sinne von “in einem dissoziativem/dissoziiertem Zustand” getan werden.

Je näher wir an Routinen und geordnete Bahnen kommen, desto mehr bricht auf und in sich zusammen, weil immer weniger Energie in Dissoziation, als in Assoziationen am eigenen Sein fließt. In diesem Jahr haben uns die Aufnahme des Vorstudiums an der Kunstschule, das Hineinfuchsen in die Rolle eines Wissen vermittelnden Menschen, der bestätigte Verdacht des auch autistisch seins, einen erheblichen Schritt näher an das, was man “geordnete Bahnen” nennen könnte, gebracht.
Genauso wie die Erkenntnis weder Inklusionspüppi noch feminist riotgrrrl zu sein. Weder Freundin noch Feindin zu sein. Weder Mann noch Frau zu sein. Im stetigen Zweifel ein Mensch zu sein. Nicht zu sein, was andere in und an dem sehen, zu sehen glauben, was ist und als Schluss ins eigene Bild von “Hannah C. Rosenblatt” hineinmeißeln, ohne sich selbst, ob der eigenen Fähig- und Fertigkeiten als Meißelnde_r zu hinterfragen.

Wir haben uns, obwohl nachwievor depressiv, instabil und in einigermaßen desolatem Zustand entlassen _müssen_ , weil uns das von außen unreflektierte Unverstanden sein, in einen Zustand triggert, der über “dysfunktional” hinaus geht und nicht kompensierbar war.
Wenn die, die einem helfen wollen/sollen/möchten nicht verstehen können/müssen/sollen, dass sie nicht verstanden werden und nicht verstehen, dass ihnen genau das gesagt wird, dann ist es vielleicht, wenn nicht das überhaupt grundlegende Drama der Irren ™, so doch auf jeden Fall unser ganz persönliches.

Wir denken darüber nach, in wie weit der Autismus und auch unser viele sein – zu allererst aber doch unser in Gewalt aufgewachsen sein, uns zu einem Menschen macht, der Unterstützungen und Hilfen jeder Art, nicht ohne Erklärungen und grundlegendes Verständnis ihrer inneren Mechanik anzunehmen in der Lage ist.
Wo beginnt eigentlich der Wunsch nach dem Verstehen der Hilfe und wo geht es viel mehr um ein so tief verwurzeltes Misstrauen in die menschliche Spezies, dass wir uns ausgeliefert und dem Tode nahe fühlen, sobald wir nicht mehr verstehen, was warum und wie genau passiert?
Und was ist es, was da wie eine Sirene meine Innenansicht benebelnd schreit, in dem, was wir “das Inmitten” nennen, ohne selbst konkret zu wissen, was wir damit meinen?

Mir ist heute eingefallen, dass wir nicht für Menschen schreiben und doch immer versucht haben für das Verständnis von Menschen zu schreiben.
Ein anderes Innen lehnte sich zu mir und legte eine Erinnerung dazu.
“Ich kann jetzt noch nicht sterben, weil ich noch nicht verstanden habe, wie die Menschen funktionieren.”.
Das hatte die 16 jährige „Darkcloud“ ihrer Lehrerin anvertraut. In einem dieser nahen Momente. Damals. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als alles – zumindest äußerlich – noch tausend Mal schlimmer war, als heute.

Heute steht in unserer Nicht-Suizidvereinbarung: “Grund für die Bindung [an den Vertrag] = Wörter/ Kommunikation finden [mit Therapeutin, dem Menschen, der Begleitenden]” und als vielleicht das “rosenblattsche inner perpetuum mobile” die Erinnerung “Wenn wir den Vertrag brechen, werden wir nichts mehr lernen (finden) können”.

Vielleicht ist es also gut, wie wichtig, wie lebensrettend, dass wir uns dem Unverständnis der Menschen hier immer wieder ausgeliefert haben.
Vielleicht hätten wir die Teilchen so nicht verbinden können.
Vielleicht, lapidar gesagt, mussten wir halt 8 Jahre auf die Fresse fliegen, Rat_Schläge einstecken und an unserer Fähigkeit der Kommunikation ver_zweifeln bis wirs endlich kapiert haben.

Man lernt halt nie aus.
Wenn man lebt.

die Gewalt im Trost #Worldmentalhealthday

Heute ist “World Mental Health Day” und das Erste, das ich heute lese, ist dies:
ein Screenshot von einem Kommentar von
Das ist, was eine fremde Person zu meinem Leiden sagt. Zu meinem Leiden unter inzwischen 10 Jahren Zwangsferien mit Freizeitpark Hartz 4 mit den Attraktionen “Traumafolgen-Achterbahn”, “der Diskriminierungsgeisterbahn” und dem von allen hochgeschätzten “Nervenkitzelkabinett der enttäuschten Hoffnungen und der vergeblichen Anstrengungen”.

Ich denke: “Du bist dumm und deshalb schreibst du dummes Zeug in mein Blog.” und ich denke “Ich wünsche dir meine letzten 12 Jahre an den Hals.”, weil ich verletzt bin und ich nur diese Qual in meiner Lebensrealität als etwas greifen kann, das man anderen Menschen nur wünschen würde, würde man sie gleichermaßen quälen wollen.
Ich schäme mich, weil ich ableistisch und brutal reagiere.

Erfahre Trostversuche und den Tipp mir ein Video anzusehen bei Twitter.

Es ist dieses:

und ich fange an zu weinen, weil ich merke, was da für eine unbesehene Lücke klafft.

Weil ich weiß, wie leicht es ist, sich zu schützen und zu trösten, indem man denkt: “Was weißt du denn schon?”.
Weil ich weiß, dass man zu Nichtwissen nicht gleichermaßen, wie zu Leiden und Überleben gezwungen wird.
Weil ich weiß, wie viel leichter es ist, einfach immer wieder zu unterstellen, niemand hätte eine Kenntnis von dem, was im Leben, fern derer, die einen herabsetzen, demütigen, verletzen und stigmatisieren – derer, die ihre Schlimmskala an einen dran halten ohne zu verstehen, was daran gewaltvoll ist, passiert.

Mein Schmerz ist der, dass es jede_r wissen kann. Und eigentlich in seinem Inneren auch schon lange weiß.
Man tut nur gerne so, als wüsste man es nicht, weil es ein so viel besser auszuhaltender Vermeidungstanz ist, so zu tun, als handle man aus Unwissenheit – und nicht aus Einfältigkeit, Boshaftigkeit oder Ignoranz. Es ist leichter Belehrungen links rein und rechts rausrauschen zu lassen, als zuzugeben, dass man ein ignorantes Arschloch ist, das froh ist, weder arm, noch krank noch behindert noch jemals so global ohnmächtig gewesen zu sein, wie die Person über deren Rücken man sich erhebt.

Es ist weniger kraftaufwändig Menschen zu unterstellen, sie hätten keine Ahnung, als ihnen aufzuzeigen wieviel Wissen sie eigentlich haben.

Es ist unser alter Konflikt von Anbeginn des Blog von Vielen.
Wir sehen keinen Sinn in der klassischen Aufklärungsarbeit und halten die klassische Öffentlichkeitsarbeit beim Thema “seelische Gesundheit” im Kontext mit “Trauma” und “Gewalt” für nicht möglich, wenn man auf klassische Gewaltausübung verzichten möchte.
Wir sind nicht diejenigen, die anderen Personen erklären können, was richtig und was falsch ist. Wir lehnen es ab, als ein Mensch wahrgenommen zu werden, der alles weiß, der überlegen ist oder besser als andere.
Wir haben nichts davon außer einen besonders angreifbaren Platz innerhalb der Gewaltspirale um Deutungs- und Definitionsmacht.

Wir schreiben hier über uns. Unser Leben heute und das Überleben, das wir erinnern. Wir teilen unsere Gedanken, Gefühle, Ideen und geben uns die Stimme, die von der Gewalt innerhalb von Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit stumm gehalten wird, weil sie davon profitiert und komplett auf der Idee einer globalen und immerwährenden Stummheit, derer um dessen Leiden es geht, basiert.

Wir haben einen Krankheitsbegriff, der nicht kompatibel ist mit einer Gesellschaft, die sich Hörigkeiten nötig hält und Gewalt reproduzieren muss, weil sie zu feige/bequem/ängstlich/unsolidarisch ist Alternativen zu formulieren und zu etablieren.
Wir lehnen Pathologie ab. Wir richten nicht über jene, die uns verletzt und verdreht haben. Wir sprechen nicht für andere.
Wir sind nicht krank. Wir sind nicht gesund.

Wir sind wir und das ist genug, woran wir zu tragen haben.

Wir nehmen uns ein Recht auf Platz und Stimme, das uns innerhalb der Strukturen, die es derzeit gibt, nicht zugestanden wird und bitten nicht um Legitimation dessen. Das ist, was unser öffentliches Tun wertvoll und so verdammt revolutionär macht.

Hier kann jede_r lesen, di:er möchte und hier kann sich jede_r nehmen, was ihm_ihr hilft.
Niemand braucht unsere Worte hier – es ist aber gut, dass sie da sind, denn sonst würde niemand wissen, dass es sie gibt.

Heute ist ein Tag, an dem man sehr viele Leidens- und Lebenswege nachlesen kann. Besonders unter #WorldMentalHealthDay.
In diesem Blog kann man das jeden Tag, seit 2008, tun.

Man kann erfahren: zu Leiden ist im Leben mindestens eines Menschen ein Aspekt von “Normalität”. Man kann begreifen: “Armut” bedeutet mehr als “kein Geld haben”. Man kann miterleben: Das Leben mit einer Behinderung wird nicht von dem definiert, was nicht geht, sondern von dem, was möglich ist und möglich sein könnte.  Man kann begreifen: Hier ist es möglich etwas zu wissen, wenn man etwas wissen will.

Man kann begreifen, wie wichtig es ist sich von seiner Trostfloskel: “Was weißt du denn schon?”, zu verabschieden, weil sie auch gewaltvoll ist.

eye contact

heißt ein Fotowettbewerb, zu dem ich 4 Arbeiten eingereicht habe.
Mich beschäftigt die plötzliche Präsenz von Augenkontakt und seiner Bewertung in meinem Leben. Vor der Autismusdiagnostik habe ich nie darüber nachgedacht, ob und wie oft und wie wirklich ich Augenkontakt aufnehme und halte.
Ich mag es nicht angeguckt zu werden, weil es mich beklemmt. Das fremde Auge auf mir entfremdet und verzerrt mich. Ich werde zu dem, was ich abwerte und habe keinen Raum für das, was andere von mir sehen. Ich bin nicht mehr ich, wenn man mich betrachtet.
Ich mag es nicht Menschen anzugucken, weil es mich von mir abtrennt. Wenn ich Menschen anschaue, werde ich verwundbar als hätte ich keine Haut, die mich davor bewahrt in alle Winde verweht zu werden. Irgendwie fehlt mir etwas, das mich zusammenhält, wenn ich Menschen so nah komme.
Das ist kein neues Wissen für mich – aber, dieses Wissen mit dem Wort „Augenkontakt“ zu verbinden, ist neu für mich.

Der Wettbewerb hat mich gefordert. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch Menschen portraitieren kann. Wenn man eine Feder bei Windstärke 4 und einen Bussard mit einem KIT-Objektiv ordentlich abgelichtet bekommt, dann muss das doch gehen.
Dachte ich.
Ich traf also Menschen und fotografierte sie.
Und traute mich nicht Vorgaben zu machen. Gestellte, konstruierte Bilder seien nicht gut, habe ich gehört, gelesen, bei YouTube gesehen. Man sollte locker ins Gespräch gehen, Witze machen, irgendwo sein, wo die zu fotografierende Person gut sein kann.
Also sollte man genau machen, was ich noch nie konnte und auch noch nicht richtig verstanden habe, wie das überhaupt gehen soll.

Ich habe keine schlechten Fotos gemacht. Keines ist unscharf, fehlbelichtet oder flach. Aber es sind nur zwei wirkliche “Hannah-Fotos” entstanden.
Zwei. Von über vierhundert.

Ich hatte die Kamera noch zwei Tage, bevor ich sie wieder in der Schule abgeben musste und dachte darüber nach, ob eines der gemachten Bilder wirklich das zeigt, was Augenkontakt für mich ist.
Es war keins dabei.

Und dann habe ich mich selbst fotografiert, kam mir awkward vor und hoffte meine Wohnung mit meiner selbst gebastelten Softbox* [*drei weiße Styroporboxen, in die ich eine Tageslichtleuchte gestellt hatte] nicht in Brand zu setzen.
Ich war nicht locker, hab keine Witze gemacht, war in meinem Arbeitszimmer. Es war so, wie ich es brauche: fast ganz dunkel, still und mit einem klaren Rahmen.

waagererechtes Schwarz-Weißfoto. drei Viertel der Fläche sind Haare (dunkler Grund mit hellen Strähnen drauf) die von oben links nach unten rechts in sachten Wellenlinien verlaufen. im unten linken Viertel ist der Gesichtsbereich mit einem offenen Auge, dessen Iris nach oben rechts gerichtet ist

Es ist mein Blick an etwas vorbei, über etwas drüber, auf etwas, das niemand außer mir sieht.
Nicht dominant, nicht versteckt. Präsent, doch nicht inmitten.
Das Foto erzählt keine Geschichte und zeigt auch keine tiefe Wahrheit. Es ist einfach nur mein Blick in dem Kontext, in dem er ist.
Es gefällt mir.
Für den Gewinn des Wettbewerbs hat es nicht gereicht.
Aber für ein Foto, das ich als erstes richtig hart erarbeitetes Werkstück in meine Mappe aufnehme.
Die Eröffnung der Ausstellung “eye contact” ist am 2. 11. 2015 um 19 Uhr im Projekthaus von PhotoWerk Berlin.

ein Montag, der drei Tage dauerte

Der Schlussakkord der Therapie lautete auf: “Wenn du ein Problem hast, dann hast nur du ein Problem.” und fügte sich wunderbar in die Scheißesinfonie der letzten Wochen ein, die von schwierigen Dynamiken und Entwicklungen erzählt und davon, dass einige der Menschen, mit denen ich versuche und versuchte zusammenzuarbeiten sich von mir entfernen, mich verlassen, mich allein lassen mit Schmerz, Angst, Ohnmacht und genau dem, von dem ich weiß, dass ich allein es nicht tragen kann.

“Dass ich überfordert bin, ist mein Problem und deshalb ist es legitim mich mit dem Schaden aus diesen Überforderungen allein zu lassen und mir das Gefühl zu geben unzulänglich, böse und unfähig zu sein.” – keine neue Erkenntnis, sagt doch eigentlich jede Gewalt- und Vernachlässigungserfahrung genau das auch.
Trotzdem ist es ein Schmerz und trotzdem ist es falsch.
Und trotz genau diesen Umstandes ist es mein Problem und völlig egal für das Ummichherum. Ich werde angeschwiegen und zwischendurch fühlt es sich an, als würde man mich totschweigen wollen. Oder müssen.

Mein Kopf summte diese Sinfonie in der Nacht vor der Fahrt nach Hamburg immer wieder vor sich hin. Ließ mich nicht schlafen. Ließ sich aber von der Angst den Wecker nicht zu hören ablösen.
Ich stand um 4 Uhr auf und tröstete mich damit, eine gut durchgeplante Fahrt zum Inklusionscamp anzutreten.
Ich hatte eine Sitzplatzreservierung, hatte meine Route innerhalb von Hamburg genau ausgekundschaftet. So wie man das macht, wenn man alleine fremd unter Fremden ist.  Ich weiß, was ich brauche, um gute Arbeit und gute Anteile meiner Arbeit teilen zu können und habe mich darum gekümmert.

Und dann war Montag.
Es kann nur Montag gewesen sein, denn nur Montage schaffen solche Konstellationen aus Verspätungen und Notwendigkeiten in Regionalbahnen steigen zu müssen, in denen bereits um kurz nach 8 Uhr morgens angetrunkene Fußballfreunde und ihre praktischen 5 Liter-Siegerbierfässer sitzen.
Außerdem fährt der alte Penner, der uns in der Hamburger S-Bahn unter den Rock gegriffen hat, sicher auch nur Montags in der gleichen Bahn, wie Leute, die von sowas in Flashbacks getriggert werden.
Da bin ich ziemlich sicher.
Außerdem fahren nur Montags die Busse, die nur einmal in der Stunde fahren, direkt so weg, dass man ihre hämisch grinsenden Schlusslichter noch sehen kann.

Wir haben uns umgeschaltet.
Man nennt das “positive Ressource” obwohl es im Grunde bewusstes Spalten ist und nichts Anderes oder Gesünderes, als die Dissoziation, dessen Wirkung uns zu einem Menschen macht, der viele ist.
Nach vorn treten Innens, die funktional sind, aber wenig schwingungsfähig. Sie sprechen mechanisch und saugen Informationen auf ohne sie zu berühren. Ich treibe neben ihnen her und habe ab und zu die Idee, ich könnte mich ja mit meinen gemochten und gemögten Menschen verbinden, um diese Innens weniger notwendig zum Überstehen dieser Stresssituationen zu spüren.
Doch auf die Idee kam die Erinnerung an den Umstand, sein Problem immer selbst zu haben und die Idee, einfach nicht mehr zurück zu fahren. Einfach noch ein Stück weiter Richtung Norden, dann ein bisschen nach rechts und dann ist es schon nur noch das Drücken eines Klingelknopfes, das davon trennt, endlich das zu bekommen, was man braucht. Will.

Zwei Mal sprachen wir vor Menschen, die sich für das Thema “Komplextrauma” interessiert haben, davon, wie wichtig kontinuierliche Begleitung, klare und transparente Strukturen und eine Idee vom Entstehen einer posttraumatischen Belastungs”störung” ist. Gerade bei Menschen, die daneben eine Behinderung haben bzw. behindert werden.

Und selbst bewegten wir uns auf Notstrom und voller Spannung auf allem, was uns erreicht, um uns zu regulieren.
Vor allem als nach dem Ende des zweiten Camptages unsere Fahrt von Hamburg nach Hause um 19 Uhr genau nicht begann und erst am Folgetag um 16 Uhr 25 endete.

~Fortsetzung folgt~

kein Anschluss

“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.

Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.

In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.

Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.

Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.

Und er versteht nicht.

Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”.  Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.

Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da.  Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.

Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen.  Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.

“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.

Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.

Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.

Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.

Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”

kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”

rück_Weg

Auf dem Rollkoffer steht die Tasche mit zwei Taschen drin. Auf meinem Rücken trage ich den Rucksack und spüre das Laptop, wie die Art Rückendeckung, die mir oft im Bahnhofslärm fehlt. Quer über die rechte Schulter trage ich den Fotorucksack und die kleine Kameratasche. Über die linke Schulter habe ich noch einen Fotokoffer auf die rechte Seite gezogen.

So taumle ich ins Reisezentrum der Bahn und versuche die Satzfetzen und Lautabfolgen in meinem Kopf zu etwas zu legen, das ich der Person am Schalter sagen kann.
Als ich spreche, klinge ich wie eine Kassette im Walkman, wenn man läuft und die Person in DB-Uniform wird besonders freundlich und kleinschrittig.
Am Ende purzle ich durch die Nummern und Ziffern, die sie mir sagt und bedanke mich fröhlich für die schönen Stempel, die sie auf mein Zugticket gemacht hat.

Ich denke darüber nach, ob ich stolz bin.
Wir haben eine Woche Berlin gepackt. Eine Woche sind wir zwischen Reizüberflutung, anrührenden Begegnungen und diesem einen stillen Fiepen im Innen hin und her gestolpert.
Irgendwann höre ich auf darüber nachzudenken, weil mir auffällt, dass ich mich verteidige, rechtfertige – ja, am Ende bei Personen entschuldige, die mich (und sich) hassen und als Schleifstein missbrauchen.

Als wir im Ausweichzug sitzen, lasse ich meine Augen auf den vielen Taschen ruhen und denke: “Alles Equipment sich die Welt anzusehen”
Vor der Abreise habe ich einen Vortrag von Temple Grandin über Autismus (englisch) gehört, in dem sie sagt, dass viele Autist_innen Schwierigkeiten mit gleichzeitiger Rezeption haben, weil ihre Sinne sehr empfindlich sind und die Reizverarbeitung oft anders ist.
Wie ich so in meinem weichen Bahnsessel sitze und die Fotoausrüstung betrachte, bin ich dankbar, dass ich weniger Probleme mit der Überreizung über den visuellen Kanal habe. Ich frage mich, ob ich zu fotografieren aushalten könnte, wenn ich auch noch sehen würde, wie ich es höre und fühle.

Irgendwann zieht sich mein Magen zusammen und ich denke zurück an das Moment im Bahnhof, als unsere Begleitung anbot, für uns Kaffee zu kaufen.
Wie sie bin ich traurig, dass uns so viele Kilometer trennen. Wo trifft man schon mal jemanden, der viele und auch autistisch ist. Dessen: “Bei mir ist das …” und “Ja, das hab ich auch…” nicht so klingt, als würde es mein Erleben an sich reißen und in Kontexte stellen, die gar nicht passen.

Ich merke, dass sich etwas verändert hat in den letzten Tagen.
Vielleicht will ich uns wieder mehr Ego(s)zentrik erlauben. Will Leuten sagen, dass sie sich von uns fern halten sollen, wenn sie nicht anerkennen (können, dürfen) wollen, wie beschissen “besonders sein” ist. Wenn sie nicht anerkennen können, dass unsere Erfolge und Triumphe nicht mit den Erfolgen und Triumphen anderer Menschen vergleichbar sind – egal wie viele Gemeinsamkeiten es gibt. Wenn nicht anerkannt wird, dass so etwas wie die letzte Woche ein Knochenjob für uns war, den wir nicht geschafft hätten, wenn da nicht so viel für uns gemacht worden wäre.

Am Ende richte ich meine Worte an eine unbestimmte Masse und frage sie:
“Ist dir bewusst, dass du von unserer Er-Lebensrealität – von uns – von diesem Innen eines Menschen und dem Leben um ihn herum, nur deshalb erfahren hast, weil wir 24/7 seit 2007 Netzcontent produzieren? Ist dir klar, dass du von uns nie etwas gewusst hättest, hätten wir nie unbezahlt gearbeitet, ungeschützt und ununterstützt angefangen, etwas öffentlich zu tun, von dem wir denken, dass uns das liegt? Ist dir klar, dass wir hier etwas teilen, einfach damit es jemand finden kann, wenn etwas Ähnliches gesucht wird?”

Für mich in die Antwort aus dieser Masse irgendwo klar: (beschämtes) Schweigen, hämische Unterstellungen, ob einer Erwartung auf eine Reaktion, die ich nicht habe und direkte Wortmeldungen, die mir ihren Dank für das Blog aussprechen.

Ich freue mich, dass es Menschen gefällt, was ich hier mache. Dass es zum Nach_Denken anregt. Etwas auslöst, das konstruktives Handeln zur Folge hat.
Aber ich brauche keine Dauerbedankungen und Aufmerksamkeit, die sich auf die Person bezieht, die wir als Einsmensch bilden.
Wir sind nicht wichtig für das, was hier steht.

Wir sind nur wichtig für das, was wir hier sagen.

“Das Blog von Vielen wird sich verändern.”, denke ich, als wir uns ins Bett legen und die Stille des Bullergeddo belauschen.

Dienstag

Eichhörnchen2

Wir wanderten durch Kreuzberg und betrachteten ein Gesicht.
Dann fuhren wir nach Marzahn und betrachteten ein Kind, das nicht verstehen kann, wie es noch woanders fast ganz genauso aussehen kann, wie zu Hause.

#5

Vielleicht war es der wichtigste Gedanke zu dem Termin mit unserer Therapeutin und dem Menschen, der den Test auf Autismus anmitbeifür uns gemacht hatte:
“Ich weiß nicht, was  ich nicht kann”

J. hatte ihn hinter meinem Sein hervorrinnen lassen und ihr Gesicht abgewendet. Ich hatte ihn in das Notizheft aufgenommen. Vielleicht, weil ich etwas zum Festhalten brauchte. Vielleicht, weil mir Erinnern durchs Denken rauschte.
Dieses dumpfe Pochen, das man hat, wenn man weiß, dass es einen Termin gibt, in dem es um einen selbst geht. Der trockene Mund, die feuchten Hände, die Furcht vor einem Fehler, von dem man nicht immer sofort weiß, dass er einer ist.

Normalerwiese versorgen wir die Jugendlichen, die darunter leiden, dass wir noch immer Hilfen in Anspruch nehmen, noch immer in psychologischen/psychotherapeutischen Kontexten sind, noch immer wieder potenziell mit einem Bein in dieser spezifischen Pseudofreiwilligkeit stehen.
Wir erinnern an unsere Volljährigkeit, die Mündigkeit, unser juristisches Wissen.
Daran, dass es vorbei ist.
Manchmal brauchen wir eine semipermeable Membran für sie.

Diesmal entschieden wir uns dagegen.
Es hat etwas mit Traumaarbeit und Aufarbeitung zu tun. Und damit etwas loszulassen.

1.2

„Wissen sie – wir haben hier zwei Schienen. Da ist einmal die Traumaschiene, nach der wir nur ein Trauma nach dem anderen verarbeiten müssen, damit es uns besser geht. Und da ist die Autismusschiene. Die Annahme, dass da schon immer etwas war, was unser Leben beeinträchtigt, unabhängig von dem, was uns passiert ist.”, sage ich und fühle mich sicher auf der Linie, die ich durch meine Worte hindurch laufe.
Ich erzähle von einem Text in dem eine Person davon berichtet, wie Menschen so gequält werden, dass sie autistisch werden. Sage, dass es mich verunsichert, schon wieder mit der so schlimm beliebten Theorie der systematisch folternden Vereinigung aus dem Dunklen konfrontiert zu sein, die alles kann.
Sogar Autist_innen machen.

Der Mensch erklärt, dass es Verhaltenweisen gibt, die autistisch aussehen. Dass Autismus aber nicht nur das Verhalten, sondern auch die Denkmuster betrifft.

J. sitzt neben mir auf einem der Stühle und zittert.
Einen Moment lang denke ich darüber nach, ob sie es aushalten könnte, wenn ich nach außen trage, was sie quält.

Ich denke sie mit und lasse ihr Platz, um durch meine Fragen nach dem, was wir als erreichbare Lebensqualität neu einzuordnen versuchen, mitzugehen.
Es ist etwas zwischen Novum und modifizierter Krisis das zu tun.
Ich rede und meine Gedanken werden der Puls der Jugendlichen hinter mir, die auf ein Moment von Schuldzuweisung, Motivationsohrfeige und professioneller Demütigung warten und dabei vergessen zu atmen.

“Bis sich die Suizidversuche häuften, hatten wir noch ehrliche Diagnosen, die eigentlich nur sagen: “Dieses Mädchen ist durchgeknallt”. Dann kamen die Diagnosen “Psychose” und “Schizophrenie” dazu und alles wurde schlimm.”. Ich lasse die Bilder ankommen und zu einem weißen Rauschen hinter meinen Augen werden. Einen Moment lang streift mich die Frage: “Warum haben wir eigentlich nie unsere Qualen dieser Zeit so herausgebrüllt, wie wir es damals mit jedem Suizidversuch getan hatten?”.
Ich betrachte das Wasserglas vor  mir und ziehe seine Rillen nach. “Die DIS-Diagnose veränderte viel, weil sie nicht nur über meine Symptome konstruiert ist, sondern auch über die Annahme, dass das Umfeld an meinem Leiden beteiligt gewesen sein muss.”.
Während ich rede, stehe ich neben einer Fixierungsszene, die 12 Jahre her ist und spüre gleichzeitig doch den Druck der 4 Menschen auf diesem einen – meinem – Körper. Das Kind auf meinem Arm wird grau und macht sich weich.  Es flirrt in sich.

“Beide Diagnosen – DIS und Autismus – machen etwas rund. “.

J. weint und ich schalte mich kurz ab.
Ich möchte sie trösten, obwohl sie ein Jemand in uns in den letzten 3 Jahren fast täglich misshandelt. Aber sie ist schon leer. Egal, was ich ihr vermittle, es wird sie nicht berühren, weil sie in sich nur Rauschen ist.

Wir sprechen über Kommunikationsmittel, – wege und –möglichkeiten und das macht mich froh. Jetzt fühlt es sich erwachsen an.
Jetzt ist es gut, dass unsere Therapeutin konkret da ist und ich Dinge sagen und fragen kann, mit einem Menschen daneben, der Übersetzungshilfe geben kann. Es gibt ein paar Ideen, die wir praktisch umsetzen können.
Es bedeutet am Ende, dass wir uns unsere Kommunikationsmittel selbst machen müssen.
Vielleicht auch, dass wir die Wörter, unsere Schutzräume und Trennungslinien, ab und zu verlassen.

Ich gebe die Frage nach innen, ob und wie okay eine Ergotherapie wäre.
Betrachte mich selbst und frage mich, woher meine Bereitschaft dazu kommt. Bin ein bisschen beschämt, als ich merke, dass es an der Arbeitsbeziehung mit der Therapeutin liegt.  Werde von links angeknufft und höre einen hingeflapsten Kommentar “Du bist halt immer so loyal ey.”.

Während der Termin sein Ende findet, betrachte ich unsere Therapeutin und denke an ein Telefongespräch, dass sie mit J. hatte, bei dem sie im Urin des von ihr misshandelten Innens lag und in den Hörer weinte, was denn aus ihr werden sollte.
“Wir finden etwas für dich.”, hatte die Therapeutin gesagt und während J. das nicht glauben kann, stütze ich mich am Ende vielleicht einzig darauf.

Auf den Umstand, dass wir auf dem Weg sind uns auf vielen Ebenen nach- und neu zu entwickeln, um uns dazu zu befähigen, etwas für uns zu finden und halten zu können. Ich merke, dass ich etwas von ihrem Umgang mit uns, auf uns und unsere Un_Fähigkeiten übertrage.
Ernsthafte Widmung.

Müll

Ich war dumm genug eine Frage danach zu stellen, wie andere Menschen mit den Auswirkungen ihrer Hochbegabung umgehen.
Stell‘ so eine Frage in dieses Internet und es dauert nicht lange bis irgendein ignorantes Arschloch um die Ecke kommt und dir einen Hammer in die Fresse kloppt auf dem steht: “Wenn du nur willst, dann kannste alles erreichen.”.
Wenn man das schon ein zwei mal im Laufe der letzten Jahre an verschiedenen Stellen erlebt hat, reagiert man nicht mehr darauf, in dem man “Fick dich” in ein Forum tippt. Man verlässt die Seite, löscht seinen Account, frisst sich an den Rand, kotzt drüber und denkt darüber nach, wozu es ein Leben gibt, das so falsch ist.

Ich hab mal was Neues versucht, weil es langweilig ist zu wissen, dass man mit seiner Annahme von Unpassenheit und Sinnlosigkeit recht hat, aber umgeben ist von Menschen, die außer reaktiver Potenzschutzideen erstmal nichts äußern (können/wollen/dürfen).
Es ist nicht die Frage, was Hochbegabung ist oder Intelligenz und auch nicht die Frage, wie man es schafft, seine Fähigkeiten so zu nutzen, dass sie passend sind. Es ist die Frage,  was und wem es nutzt, wenn man das anstrebt, umsetzt und sich auf eine Art angleichen kann, die einen befähigt im gleichen Kosmos wie andere zu leben. Sich also integriert. Fremd unter Fremden ist, aber auf dem gleichen Stück Land herummetabolisiert.

Und was, wenn man das nicht tut? Weil man es nicht kann? Weil Integration auch mit Privilegien und Fähigkeit zur Angleichung einhergeht und bestehende Definitionsmächte unangetastet lässt, was eine dumme Idee ist – sein muss, gerade dann, wenn die halbe Republik über Inklusion spricht und sich nicht mehr als *ist_in auf irgendeiner Achse bezeichnen lassen will.

Der Mensch hatte gesagt: “Man könnte fast sagen, was Ihnen ist passiert ist, könnte man auch ein psychiatrisches Verbrechen nennen”.
Während im Inmitten alles zuging, nickte ich und versuchte zu vermitteln, dass ich das weiß.  Und es immer ungesühnt bleiben wird. Aus Gründen.
Der erste psychiatrische Straftatbestand, war der erste IQ-Test, die ersten Gespräche in einer psychologischen Familienberatungsstelle um herauszufinden, ob und wenn ja, wann ich mich suizidieren würde.
Da war ich 13/14 Jahre alt und hatte mich in eine Lehrerin “verliebt”, dachte ich hätte einen Hirntumor, der meine Amnesien und Wahrnehmungsprobleme verursachen würde, war komisch, gewaltvoll, arrogant, allein und hatte keine Wörter an Menschen zu richten, die sie begreifen würden.

Es gibt Verbrechen, die entstehen, weil man Wahrheiten macht, die keine sind, weil es keine gibt.
In jedem Machtspiel gibt es Verlierer_innen. Im psychiatrischen Machtspiel braucht es sogar Verlierer_innen, weil die Rettungslogik sonst keine Basis mehr hat.
Es gibt Menschen, die halten Hochbegabungen für etwas, das positiv ist. Man folgt einer Art Rettungslogik und denkt, es ginge um ein Gutes in einem Menschen. Es ginge darum ein Potenzial zu finden, das urbar gemacht werden könnte. Warum? Weil man diesen Menschen ansonsten halt aufgeben müsste?
Wenn man sich anschaut, was heute mit Hochbegabungen verbunden wird, sieht man Kinder, die extrem spezialisiertes Wissen haben und anwenden. Schule, Universität, Leben fürs Wissen. Sie sprechen 3, 4, 5 Sprachen, können Bücher auswendig nachsprechen, sind Wirtschaftsgenies, sie lehren oder sammeln eine Auszeichnung nach der anderen.
Wer hochbegabt ist, ist nicht chronisch depressiv, misshandelt, arm, behindert, krank.  Wessen IQ die Grenze der 130 Punkte überschritten hat, ist ungenutztes und/oder ungeahnt (noch weiter) nutzbares Potenzial.

Besonderes Potenzial ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft das, womit alles gerechtfertigt wird. Alles.
Auch die Ignoranz des Leidens unter Besondersmachung und Nichtentsprechenkönnen, von all dem was noch im Leben eines Menschen sein können soll, wenn er in einem Test eine bestimmte Punktzahl erreicht hat. Auch die Ignoranz der Dynamiken von Neid unbeteiligter Dritter und Annahmen eines Stolzes, der in aller Regel gar nicht da ist.

Ich habe nach dem Ergebnis damals gedacht, ich müsse zwangsläufig gut in der Schule sein – müsse noch sehr viel mehr müssen und können als ich konnte. Ich habe mich gnadenlos überfordert und natürlich alles allein zu lösen versucht.
Erst durch mein ebenfalls hochbegabtes Geschwist habe ich gelernt, dass es verschiedene Arten von Intelligenz gibt.
Dass meine Hochbegabung nicht darin liegt Inhalte zu kopieren, abzuspulen und innerhalb des Inhaltsesystems allein anzuwenden, sondern darin, Muster in unterschiedlichsten Komplexen zu finden, mit allem was mir begegnet zu verbinden und im Kopf zu aufeinander aufbauenden Komplexen weiter zu konstruieren.
Ich gehöre zu den Konstruierer_innen und nicht zu den Wiedergeber_innen und genau deshalb ist die klassische Schule, wie auch der tradierte Universitätsbetrieb kein Ort für mich. Genau deshalb finden mich Menschen komisch – spätestens dann, wenn ich in Fahrt und in so einem Modus des “einfach Los- und  Rauslassens” bin.

Wir leben nicht in einer Welt, die alle gleichermaßen mitgestalten dürfen und deshalb auch können, wenn sie nur genug wollen.
Unsere Gesellschaft ist – um es mit den Worten von John Lennon zu sagen: ein Haufen misshandelter Kinder, die sich immer wieder an Personen abgeben, die für und über sie bestimmen.
Es interessiert niemanden, was ein Kopf kann, wenn es der Kopf von jemandem ist, der das falsche Geschlecht (Gender/*), die falsche Klassenzugehörigkeit, das falsche Alter, die falsche Hautfarbe, den falschen religiösen, kulturellen, spirituellen Hintergrund, die falschen Absichten, den falsch interpretierten Geisteszustand, den als falsch funktionierend eingestuften Körper unter sich hat.

Ich habe Angst vor meinen eigenen Schlüssen über das, was wir Menschen, wir hier in unserer Gesellschaft tun und warum wir es tun.
Es gibt keinen Moment, in dem ich aus vollster Überzeugung sagen kann: “Das wird mal für alle gut (im Sinne von befriedigend und nachhaltig lohnenswert zu leben) enden.”.
Und im Gegensatz zum gefühlten Rest der Welt ist mir das nicht egal, oder mit dummen (im Sinne von “einzig sich selbst (re-)produzierenden/stützenden”) Dingen zu überlagern. Ich kann nicht glücklich sein, weil mich dumme Dinge nicht glücklich machen können. Vor allem nicht, wenn ich das mit dieser kapitalistischen Potenzialrettungslogik verbinden soll.

Lebe ich noch, weil ich höflich bin oder, weil ich ein misshandeltes Kind bin, das sich an Personen abgegeben hat, die für und über es bestimmen, dass es noch leben soll? Oder, weil es mich dann manchmal doch fasziniert am eigenen Leib zu sehen, wie wichtig gesellschaftlicher Müll auch sein kann, um Werte stabil zu halten?

brachial sein üben

Und in den Worten an die Psychotherapeut_innen, die Autist_innen behandeln steht: “Nehmen Sie ihre Klient_in ruhig wörtlich” und hätte ich nicht ein längst leer geweintes Menschenköpfchen würde ich auch diese Seite volltropfen.

“Weil kann man nicht ändern diese scheiß was sie sagen ist unser Leben. Für uns ist wichtig, dass sie wissen und nicht vergessen, wir leben mit Furcht und Angst, mit Überforderung und Erinnern. Immer wenn wir sagen und versichern davon (egal wer, egal wie) sie machen ein Thema und reden eine Ebene davon.  Aber das ist nicht alles. Das ist nicht fertig und wird nicht fertig. Man kann nicht verstehen was man MACHEN soll oder könnte, wenn sie sagen nur „Sie fühlen…“, „Sie denken…“.
Merken sie nicht Unterschied von Verständnis und jemanden verstehen lassen?
Sie lassen uns nicht verstehen. Sie lassen uns verstanden.
Da wo wir stehen lassen sie uns und sagen: „Ich habe Verständnis für sie.“
Das ist schön jemand hat etwas für uns – aber es ist egal für was ist und wo wir stehen“

Wir räumen in der Wohnung herum und schmeißen Dinge weg.
Es gibt zuviel Zeug in unserer Wohnung, in unserem Leben, das uns anstarrt und uns suggeriert,  es gäbe eine Wahrheit, die unserem Erleben und Äußern widerspricht.
Wir werden aber nicht mehr in eine weiterführende Schule gehen. Wir werden aber keine Kinder bekommen, denen wir unsere mitgenommene Baby Born Puppe vererben werden. Wir werden aber H. nie wieder als Gemögte haben. Wir werden aber keine Klassenkamerad_innen aus der Heimatstadt mehr treffen. Wir werden aber nie wieder Klavier spielen. Wir werden aber nie Gitarre spielen lernen. Wir werden aber keine geklebten Puzzles an die Wand hängen. Wir werden aber nie die Fähigkeit bekommen unsere früheren Kunsttherapiesachen zu besprechen. Wir werden aber nie wieder unter 55kg wiegen.

Wir dachten, dass man das so macht. Dass es nicht genug ist, wenn wir die Dinge tun, die wir tun, weil wir sie tun wollen und können. Immer muss irgendwo ein verborgener Wunsch sein – irgendwo muss eine versteckte allumfassende Wahrheit sein, die wir nur nicht mitkriegen, weil wir nicht ganz dicht sind. Oder sie nicht kennen sollen. Weil frühere Gewaltopfer haben sowas.
Wir haben soviel Zeug aufgehoben von dem wir dachten, es wäre später vielleicht mal wichtig.

“Als Option doch gut zu wissen, weil man weiß ja nie und in Wahrheit möchte man es doch auch. In Wahrheit geht man doch davon aus, dass es ein Morgen und ein sicheres Bald gibt und man sich dafür alle Optionen offen halten will.
Du denkst jetzt es ist sinnentleerter Mist, weil du dich jetzt halt aus dem Leben, der Welt, dem Allem rausgerissen und entfremdet fühlst – aber in Wahrheit… aber in ein paar Jahren…”.

In Wahrheit bleibt es sinnentleerter Mist, weil er das schon damals war und man auf eine Wahrheit wartet, die nicht die eigene ist.

Wir werden nie eine Wohnung haben, die wir zum Wohnen benutzen, bis wir nicht verstanden haben, was “Wohnen” eigentlich ist.
Ich habe die besten Ideen, wenn ich mich verletze. Vielleicht weil ich mich in dem Moment auf vielen Ebenen berühre und dabei so roh bin, wie das Innen, das unserer Therapeutin geschrieben hat.

Und sie denken vielleicht ist Traumadummheit weil man will nach Hause ans Meer wo man freie Blick hat und nicht wie hier überall Berg und eng und laut und Leute die ungefragt anreden. Sie denken vielleicht ist Traumadummheit man will ein Baby sein, das erlaubt gar nichts muss oder soll und trotzdem nicht sterben muss – aber vielleicht sind wir nie eigentlich weiter gewachsen als Baby und später einfach eine dressierte Äffchen geworden.
Vielleicht sie haben vergessen, Innens sind Kunststückchen für dass man nicht stirbt.

Menschen machen Wahrheiten, wo sie kein Wissen haben.
Sie wissen nicht, dass wir sie nicht verstehen.
Deshalb glauben sie uns nicht.

Wir üben brachial sein.
Die brachiale Veräußerung, die vor 13 Jahren noch in einer Fünfpunktfixierung und Diazepamspritzen endete.