in ein Damals gehen

Ich hatte es schwieriger in Erinnerung.

Sich Innens annähern, die wie Gatschklumpen in diesem quecksilbrigen Brei aus “Irgendwas war da mal … ganz früher … oder so? … irgendwie…”, der manchmal an meine Füße schwappt, sind.
Irgendwo in der Erinnerung stehen und wie ein Zaungast sein, dem die Handlung aus dem eigentlichen Publikum zugeflüstert und die Szenerie von kleinen Schauern über den Rücken herangetragen wird.
Einen bestialischen Schmerz auffangen, ohne ihn zu berühren und in der Bewegung zu einem Echo verwandeln. Von 100 auf 80 auf 60 auf 40 auf 20 auf 10  runter zu regeln.

Sowas.

Das habe ich zuletzt vor 12 Jahren gemacht. Als ich aus Versehen erinnerte, wie schmerzhaft mein Durst war und wie viel schmerzhafter das Trinken von Wasser aus einem Glas. Damals.
Ich trat neben mich in diesem Damals und nutzte meinen komisch schmerzreaktiven Atem als Wind, der den Schmerz in ein Echo ins Heute verwandelt. Im Außen machte ich eine Bewegung mit der Hand, um dem Echo eine Richtung von mir weg zugeben.

Es war gut und wichtig für mich diese Verwandlung allein zu machen und in die Auseinandersetzung zu gehen, ohne jemandem von meinem Durst zu erzählen oder meinen Raum teilen zu müssen.
Aber es war schwer.

Ich hatte keine Idee, keinen Plan, keine Richtung außer “weg” von dem, was der Flashback übrig ließ, wenn ich ein Glas in der Hand hatte. Ich hatte nicht den Wunsch mit jemandem darüber zu reden. Erlebte meine Erinnerung so inmittend, dass ich keinen anderen Menschen in der Nähe, keine anderen Gedanken als meine, und selbst davon nicht mal alle, daran hätte ertragen können.
Ich ging alleine durch die Schleifen aus Überflutung bis ich das Moment fand, in dem ich den Schmerz kommen sehen konnte. Ich ging alleine durch die Verzweiflung, die sich auftat, als ich merkte, dass ich ihn nicht ungeschehen machen kann. Ich ging alleine durch die Not an dem Gefühl der bitterklebrigen Angst vor Wasser an meinem Mund, obwohl es DER EINE Gedanke war, der mich hat nach Feuchtigkeit suchen lassen. Damals wie heute noch manchmal.
Es hat quälend lange Wochen gedauert, bis ich in die Idee kam, eine Beobachterposition einzunehmen. Ein “so tun als ob Spiel” zu versuchen, obwohl es mir als Selbstbeschiss klar war. Den Schmerz kommen zu lassen, meinen komisch schmerzreaktiven Atem zu spüren und in das Geschehen mit dieser einen Windbewegung hineinzugreifen – und sonst gar nichts. Keine Schutzbewegung, keine Gedanken oder Worte, die mir lieber gewesen wären – damals wie damals wie heute.

Damals vor 12 Jahren, waren wir noch 17 bald 18 Jahre alt und sich an seinen Erinnerungen und dem Umgang damit, so zu quälen, war noch normal. Wir machten Vermeidungstänze über Vermeidungstänze und umfächerten diese mit einem waberigen Wörternetz nach außen, das im Innen keine Entsprechung hatte.
Das ist heute nicht grundlegend anders und doch kaum noch zu vergleichen.

NakNak*s Anblick an dem Morgen im Zelt hatte ein Erinnern ausgelöst, das ich zu dem Zeitpunkt nur über einen Impuls von einem Kinderinnen bemerkte und mit einem weiteren Punkt auf meinem Handlungsablaufplan beantwortete: “Ich kümmere mich darum, dass wir uns darum kümmern können.”
Kinderinnens sollen sich in solchen Dingen auf mich verlassen. Das habe ich mir (und manche anderen Frontgänger_innen) irgendwann als Kompromiss überlegt, weil ich es bis heute nicht schaffe, genug Kraft für sie und ihre Erinnerungen, in mir und meinem Sein aufzubringen, aber manche Menschen in unserem Leben dies schaffen.

An dem Morgen, an dem NakNak*s Krankheitsanzeichen unübersehbar waren, schrieb ich der Therapeutin eine Nachricht, telefonierte mit dem Begleitermensch, drehte mich aus den Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen des Innen heraus und legte meine gesamte Energie in die Fahrt nach Papenburg.
Als wir, viele Stunden später, zu Hause waren, legten wir NakNak* auf ihren Platz und klemmten das erinnernde Kinderinnen über die Druckwelle hinter sich. Wie ein Korken im Hals einer Sektflasche, den man zusätzlich mit einem Sicherungskorb aus Aluminium an seinem Platz hält. Dieser Sicherungskorb bestand aus den Armen von Innens, die die Berührung dieses Kinderinnens aushalten können und keine Alltagsfunktionen haben. In schlauen Büchern heißen solche Innens “innere Helfer” – in uns sind es “Innens, die gerade helfen können”

[diffiziles Wortspiel? Mag sein – ist aber wichtig. “Innere Helfer” limitiert ganze Innens auf eine Helferrolle, was eine unlogische Idee ist, wenn man alle Innens mit allem was und wer und wie sie sind, kennenlernen, annehmen und mit ihnen interagieren will.]

In den nächsten Tagen bis zum mit der Therapeutin verabredeten Termin, taten wir nichts weiter, als das Hier und Jetzt zu halten, uns gut zu versorgen und das allgemeine Anstrengungslevel niedrig zu halten. Wir taten, was uns entlastete. Gaben verschiedenen Innens einen Anteil von Zeit und Raum, um sich auszudrücken, sich zu entlasten, die Situation so aushaltbar wie möglich für sich zu machen.

[Wenn sich manche Innens entlasten, kann das bedeuten, dass sie Dinge im Außen tun, die heute eigentlich nicht mehr nötig sind oder andere Innens wiederum in unkontrollierte Erinnerungsprozesse stoßen. Wir haben inzwischen genug innere Kommunikation um grobe Impulse zu spüren (und genug Therapieerfahrung, um darüber nicht auszuklinken) und versuchen entsprechend unsere Umgebung so zu gestalten, dass die Wahlmöglichkeiten um eigenes Agieren im Heute für alle Innens kontinuierlich und sicher zugänglich sind. (Unabhängig davon, ob sie  auch alle diese Wahlmöglichkeiten sofort bewusst wahrnehmen oder als solche einordnen können. Der Unterschied passiert durch das ganz konkrete Vorhandensein der Möglichkeit!
Zu spüren, dass sich ein Innen für etwas entscheidet, das es gut kennt und deshalb als entlastend erlebt, ist etwas völlig Anderes, als nur wahrzunehmen, dass es etwas tut, wozu es eventuell früher einmal gezwungen war und es deshalb auch heute noch tut oder tun will ™ oder möchte ™ und, wenn man ganz ehrlich ist und sich ein bisschen reindenkt, auch keine so richtig wirklich greifbare andere Wahl hat, oder miterleben kann oder annehmen kann.]

Wir nennen Termine für dieses Kinderinnen “F.-Stunden” und haben uns dafür ein Schema überlegt, weil das meistens Stunden sind, in denen Zugänge zu desorientierten Innens zu finden versucht und manchmal auch gefunden wird. Manchmal geht es aber auch darum, sich bereits gefundenen Innens zuzuwenden und Möglichkeiten der Reorientierung zu finden.
Heißt: es geht um schwierige Themen, die Kraft und Widmung erfordern.
Das sind keine Stunden (mehr), in die wir reingehen und uns sagen: “Ja, mal gucken was kommt.”, weil wir heimlich doch drauf hoffen, dann doch irgendwie nichts damit zu tun haben und es vielleicht hinterher nicht mal richtig zu erinnern.
Letztlich haben wir nämlich immer etwas davon mitbekommen – und sei es ein ferner, ganz diffuser Nachhall, der uns dann im Alltag völlig verunsicherte, belastete und nach und nach ganz subtil destabilisierte, was erneute Symptomschleifen zur Folge hatte und dann am Ende genau gar keine Erleichterung und Verarbeitung oder eine stabile Verbindung für andere Innens ins Heute zur Folge hatte.

So sehen wir Frontgänger_innen im Moment unsere Aufgabe nach innen: Wir sind dafür da, damit andere Innens eine kontinuierlich sichere, offene, stabile Linie von Außen (Heute) zu uns (als Körper, der existiert) zu sich (als Sein, das (manchmal noch im Damals, im Früher, im Nichts, im Inmitten … etc.) ist) haben können.
Wir machen unseren Einsmensch-Alltag, verbinden uns mit dem Heute, Hier und Jetzt, sichern uns, versorgen uns, machen Gemögte, Bekannte, Freund_innen und arbeiten an guten Linien, Lücken und Nischen für das Innen.
Eine mit der Therapeutin verabredete “F.-Stunde” bedeutet für uns entsprechend vorher immer:

– die Prüfung der allgemeinen Fähigkeit zu so einer Stunde (“Wie ist die körperliche Verfassung?”, “Haben wir genug Nerven dafür?”, “Fühlen wir uns sicher?”)
– keine akuten Probleme mit Behörden, die wir alleine lösen müssen
– keine akuten sozialen Probleme mit Gemögten und Herzmenschen, die Kinderinnens verunsichern oder akut triggern
– es wird (mindestens am Tag vorher, dem Tag selbst und dem Tag danach) genug gegessen, getrunken, geschlafen
– keine zwingend nötigen anderen Termine an dem Tag (und evtl. den Tagen danach)
– die Wohnung ist aufgeräumt und übersichtlich
– Essen für den Tag (und die Tage danach) ist vorgekocht oder es gibt genug Zutaten für “ein Löffel-Rezepte”
– es gibt einen Zeitraum für bilaterale Stimulation an dem Tag (z.B. laufen, Rad fahren, (mit NakNak*) spazieren gehen)
– da wir auf “F.-Stunden” in der Regel mit Fieber reagieren und nach der Bewegungszeit (etwa 1 Stunde) erstmal schlafen müssen, stellen wir uns meist schon vorher alles ans Bett, was wir in greifbarer Nähe brauchen könnten: Telefon, Laptop, Bücher, Lavendelöl, Kreisel, eine Flasche Wasser, verschieden dicke und schwere Decken, verschiedene Stifte und einen Schreibblock
– wir erlauben uns inzwischen auch so lange nicht zu sprechen, bis es von Innens, die das gut einschätzen können, das Okay gibt, wieder Energie  in Lautsprache zu geben
– wir legen uns die Sätze zurecht, mit denen wir die Therapeutin um Dinge bitten, die wir eventuell von ihr brauchen
– wir packen unseren Erbsenmomentbeutel  in den Rucksack
– stecken uns Geld für ein Taxi ein, für den Fall, dass wir zu erschöpft sind, um allein nach Hause zu kommen

– wir erarbeiten uns die Basis der “F.-Stunde”:

  • Welche Verbindungen können wir für den Zeitraum der Stunde ganz stabil eingehen (und wieder auflösen), welche sind eher nicht so stabil und welche Verbindungen könnten uns destabilisieren?
  • Haben wir bereits in früheren Therapien an diesem Damals gearbeitet?
    Wenn ja: welche Verbindungen waren damals stabil und welche eher nicht?
  • Gibt es Impulse, Ideen, Gefühle, Erinnerungen(splitter), die uns Hinweise geben, welches Thema das Innen oder das Stück Damals hat (als Überbegriff, damit wir in der Stunde nicht ziellos umhermäandern, sondern um F. herum stabil bleiben, um zu unter.stützen und zu begleiten)?

Und dann bleibt nur noch, dieses Gefühl gut gewappnet und gesichert zu sein, bis in die Praxisräume getragen zu bekommen und in der Stunde selbst auch nicht zu verlieren. Je sicherer wir uns mit uns selbst, mit dem Thema und dem Vorhaben fühlen, desto leichter ist es, eine Verbindung zur Therapeutin zu halten, während F. oder ein anderes nicht im Alltag wirkendes Innen (aus anderen Systemen als unserem) mit ihr spricht.

“Verbindung halten” meint dann nicht immer unbedingt, dass wir sie hören oder sehen oder fühlen oder riechen – meistens ist das eher so, dass wir uns und sie im Therapiezimmer wähnen und dieses Wähnen einfach nicht loslassen oder vergessen oder ausplätschern lassen (dissoziieren).
Das ist so, als würde man Gähnen oder Niesen unterdrücken, aber gleichzeitig doch ein bisschen von dem machen, was Gähnen oder Niesen macht – denn letztlich dissoziieren wir ja doch, wenn wir uns dafür aufmachen, dass F. mit der Therapeutin spricht oder auch ganz übernimmt. Aber – um in dem Vergleich zu bleiben – wenn wir ganz loslassen (ganz niesen oder gähnen), sind wir nicht mehr “da” und haben keinen Gedanken (an die Therapeutin, das Heute, die Stunde, uns selbst)  sondern nur noch F. und das, was dieses Kinderinnen mitbringt, denkt, fühlt, weiß und wähnt.

Wenn sie miteinander sprechen, trägt F. die Fragen und Sätze von der Therapeutin in den Bereich ganz direkt um sich herum und bringt ihn in Bewegung. Wir merken das manchmal als Impulse, aber manchmal auch als Gedanken oder Bilder.
Weil wir (gesprochene) Wörter sehen, sehen wir meistens auch, wie sich durch das Sprechen mit der Therapeutin für F. (und uns) (Wortbedeutungs-)Räume eröffnen, die ohne die Bewegung nicht zugänglich waren (und es später, wenn die Stunde zu Ende ist, häufig auch erneut nicht sind).

Wird die Bewegung mehr, gibt es oft so etwas wie einen Schmelzpunkt oder Point of Dissoziation – und das ist eigentlich das einzige Moment, in dem wir tatsächlich gefragt sind. Nicht inhaltlich und auch nicht emotional – das liegt alles bei F. – wir sind eher gefragt, dass sie dann nicht erneut dissoziiert (“schmilzt”), weil sie die Bewegung (das Erinnern, die Resonanz von den Innens, Jemanden, Etwas.en, Seins und Ists … um sich herum) nicht aus.halten kann.
Die Verbindungen, die wir uns vor der Stunde erarbeitet haben (und der Therapeutin soweit, wie das okay war, gesagt haben) legen wir dann an die Punkte an, die wir entweder von der Therapeutin gesagt bekommen oder als am stärksten in Bewegung sehen.

Dann müssen wir selbst aufpassen, dass wir nicht an diesen “Schmelzpunkt” kommen, weil es sich bei diesen bewegten Stellen schlicht mal immer um Wahrnehmugsgranatensplitter von traumatischen Erfahrungen oder um Innens, Jemande, Etwas.e, Seins und Ists … handelt, die F. dissoziiert hat und, die nicht in unserem Heute orientiert sind. Also, deren Jetzt für uns völlig fremd, überbordend schrecklich und schnell auch so überfordernd ist, dass wir die Verbindung zur Therapeutin nicht halten können.

Während der Verabredung zur letzten “F.-Stunde” hatte die Therapeutin gesagt, F. würde manchmal an ihrem Bein sitzen und die Hand halten.
Nach einem Peinlichkeitsvermeidungstanz um den von mir gewitterten Klischeeschmalz abzuschütteln, dachte ich dann, wie eigentlich doch auch logisch das ist, wenn F. die Hand der Therapeutin hält, denn: Wenn sich um das eigene Ich alles bewegt und alles Mögliche hochspült, braucht man einen Anker und wir anderen Innens bilden den (noch) nicht für sie – wir wirken viel mehr wie Wellenbrecher, Leuchttürme, Bojen und Fähren im Innen. Die Verbindung nach Außen ist durch die Hand und den Kontakt am Bein der Therapeutin gegeben.
Das ist ähnlich wie unsere Strategie mit dem Band, das die Therapeutin an einem Ende hält und wir am anderen – nur physisch konkreter in der Rückmeldung.

Meistens erfahren wir in “F.-Stunden” von Gewalt, die für F. irgendwie zum Alltag gehörte. Die vom Sprechen über das, was F. mit der Therapeutin zu teilen bereit war, herausgelösten Innens, schieben wir in eine Mischung aus Imagination und Dissoziation, in der es nur um die Information geht, dass ES vorbei ist und DAS DA so in der Form nicht mehr passiert.
Meistens ist es das Stück im Innen, in dem wir unsere Erfahrungen mit dem Heute als erwachsene Person, die mehr selbstbestimmte Entscheidungen treffen kann, sicherer ist, besser versorgt ist, weniger einsam ist und viel mehr Anlass für Mut und Zutrauen hat, als sie es früher, als das Jetzt dieser Innens war, hatte, speichern und für uns bewahren.
So entsteht eine zarte gemeinsame Verbindung (die man sich hier in dem Schema als Linie in der Mitte vorstellen muss):
Ich hatte in Bezug auf “F.-Stunden” und “F.-Themen” oft eher das Gefühl, immer rangepfiffen zu werden, wenn es zu kippen drohte oder sich die Therapeutin wünschte, dass F.  oder ein rausgespültes Innen in Angst oder Not, meinen kraftvoll taktlosen Charme eines mittleren Eisenbahnunglücks spüren, um eine Verbindung zum Heute aufgehen zu lassen.

Das funktioniert manchmal innerhalb “meines Systems” – aber noch nicht außerhalb. Mir sehr ferne Innens aus einem anderen System (also einem inneren dissoziierten Funktionscluster) über mich ans Heute bringen zu wollen ist, als wolle man eine lückenhaft geschriebene Appleanwendung mit einer nur teilweise gut arbeitenden Windowsanwendung zusammenbringen, um ein Ergebnis auf einem Linux-Rechner zu erhalten. Also ziemlich unmöglich.

Dann spürten wir eine Weile nach der Stunde, dass von der verabredeten “F.-Stunde” ein Etwas übrig geblieben war und wir hatten uns in der folgenden Woche überlegt, wie wir dem begegnen können.
Wir hatten Grund zu Annahme, dass ich eine in einem Aspekt ähnliche Erfahrung mit diesem Etwas teile, diesen aber im Gegensatz zu dem Etwas überstanden habe, zeitlich und räumlich orientiert bin, mit der Therapeutin sprechen kann – und schon einmal direkt in ein Damals hineingegriffen habe, um etwas im Heute zu erleichtern bzw. zu verändern.

Wir haben also unser Schema angewandt. Haben die Therapeutin gebeten, sich leicht schräg rechts neben uns zu stellen, während wir fast auf unserem üblichen Platz standen. Sollte ich in den Reflex kommen, mich aus dem Damals herauszudrehen, würde ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehen und mich besser halten können, da sie als Person ein fester Heute-Marker ist.
Ich ging in Verbindung mit anderen Innens in das Damals hinein und wie gesagt: ich hatte es schwieriger in Erinnerung
Dichter. Drängender. Schwerer an die eigenen Gedanken zu kommen.

So in Verbindung und dem Gefühl, mir dieses Moment von Widmung leisten zu können, weil alles andere gerade nicht meine Aufmerksamkeit brauchte, war es nur die Belastung mit dem, was ich von dem Damals sah, den Impulsen, die von einem versprengten Kinddunkelbunt kamen und die Kommunikation mit der Therapeutin.

Im Nachhinein kommt es mir vor als hätte ich meine Belastungsfaktoren hin und her jongliert. Das Kinderdunkelbunt pulste immer wieder in mich hinein und schwappte bis in mein Fühlen, obwohl ich mich von ihm zu entfernen versuchte, um nicht von unserem Vorhaben abzukommen. Die Therapeutin und ich kamen überein, dass es wohl nicht orientiert ist und einen Rahmen braucht. Ich sah keine andere Übersetzung von “Rahmen” ein, als “Halt” und den Link zu F. und dem Händchen halten mit der Therapeutin.
Ich schob das Kinderdunkelbunt in meine linke Hand und legte sie auf die rechte Hand der Therapeutin. Dort konnte es erstmal bleiben. Bei mir (und in meiner Verantwortung irgendwie) aber irgendwie auch bei der Therapeutin und damit im Heute, in dem ich mich gut auskenne.

Wir versorgten das Etwas und ich legte im Verlauf meine rechte Hand in die linke Hand der Therapeutin, um das konkrete Haltgefühl von dort in das Damals einzubringen.

[Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: wäre es um ein Innen gegangen (also ein ganzes Ich mit Name, Sprache, mehr als schwammiges Restbewusstsein um das eigene am-Leben-sein), hätte es den Kontakt über die Hände der Therapeutin nicht gebraucht – da hätten Wörter genug Konsistenz mit sich gebracht.]

Ich regelte die Schmerzen des Etwas herunter, drehte meine rechte Hand in der Hand der Therapeutin herum und sagte etwas, worüber ich mich am Abend dann nachträglich fast irgendwie erschreckte, obwohl es mir in dem Moment einfach so richtig vorkam, wie der Lauf der Dinge: “Hm, okay – ich halt mich mal grad an Ihnen fest.”.

Ich griff in das Damals und bewegte den Schmerz in eine Richtung, die passend erschien. Wir bewegten das Etwas in den Bereich der Heutemarkersammlung und verkapselten das Kinderdunkelbunt in der gewohnten eigenen Sicht der Dinge, neben der, die die Worte der Therapeutin aufzeigte.
Wir lösten die Verbindung der Hände und setzten uns hin. Ich trank etwas und wir sprachen über das Geschehene drüber bis ins Heute.

Es gab einen Aspekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte und an den wir allgemein nicht gedacht hatten:
das “Es geht um mich”-Paradox

Was wir “viele sein” nennen, besteht physisch nicht. Kein Mensch hat jemals viele andere Menschen in sich. Einzige Ausnahme: schwangere Menschen, die ihre Embryos/Föten als Menschen betrachten.
Wir sind ein Mensch, der sich selbst so fremd und fern ist (dessen Selbstwahrnehmung so dissoziiert ist), dass eigene Persönlichkeitsanteile und Seinszustände, als so fremd und fern erscheinen, dass sie wie andere Ich’s wahrgenommen werden und in unserem Fall (bei dem eine tertiäre Dissoziation (DIS) vorliegt) auch auf autonomen Funktionsbereichen (inneren Systemen) basierend, mit der Umwelt inter_re_agieren.
Mein Grundproblem ist also nicht, dass ich mich als “wir” denke oder mich manchmal fremd empfinde, sondern, dass ich, wir, als Einsmensch in unterschiedlich dissoziativen/dissoziierten Zuständen unterschiedlich inter_re_agieren, wechselnde Fähigkeitenniveaus haben, dissoziative Störungen unterschiedlich gut kompensieren können und unterschiedlich weit von einander dissoziierte Funktionsbereiche im Leben haben, was alles jeweils mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung, Selbsterfahrung, Selbst_Bewusstsein, Selbstbild und darüber auch entstehende Konzepte von der Welt, dem Lauf der Dinge und anderen Menschen, einher geht.

Wenn ich mich einem Stück Damals zuwende, das ich nicht gelebt habe (also für das ich eine dissoziative Amnesie habe), habe ich zeitgleich so wenig Verbindung zu diesem Bereich, dass ich nie das Gefühl habe, wir würden über etwas sprechen, das mich betrifft.
Das ist, wenn man es sich so anschaut, zwar ganz offensichtlich – grell blinkend mit Leuchtschildern umrandet – unlogisch – aber eben doch, was ich einfach so empfinde.

Ich hatte in der Stunde, während wir uns dem verbliebenem Etwas gewidmet haben, bis zu dem Punkt, an dem mir das Kinddunkelbunt seinen Fuß ins Bewusstsein stampfte und wütend über die Versorgung durch uns brüllte: “Das bin aber nicht ich!”, nicht das Gefühl in einem Damals zu stehen, das eines von mir war.
Ganz klar ging es diesem Kinddunkelbunt um irgendeinen anderen Kontext als den, an dem wir gerade waren und auch um einen, den ich nicht nachvollziehen konnte – deshalb war es gut, es in meine linke Hand zu schieben und diese in die Hand der Therapeutin zu legen – aber der Satz war da und fand in mir einen Resonanzraum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Mir passiert Dissoziation in der Regel einfach. Es gibt zwar Momente, in denen ich sie leichter zulassen oder abbrechen kann, doch die Trennung selbst beginnt aus Reflexen heraus, die mir meist nicht spontan bewusst sind.
Es ist also kein üblicher Teil meiner Gedanken mit etwas verbunden oder von etwas getrennt zu sein, sondern eher, dass ich auf etwas reagiere, das für mich da ist . So etwa die Aufgabe, sich um ein Etwas im Innen zu kümmern, indem wir, in Begleitung der Therapeutin, in ein Damals hineingehen.

Auf den Ausruf des Kinddunkelbunt, hatte ich in dem Moment zuerst geantwortet: “Ja, ich auch nich – komma klar – stör mich nich”, (weil ich das so gut kann – dieses “geduldig und freundlich mit Kinderinnens umgehen” *hust*).
Doch die Interaktion mit der Therapeutin wirkte später wie eine Hauptstraße, die in einem Kreisverkehr endete. Sie und ich waren fest verbunden, doch ich war auch in Bewegung und so war sie auch in Verbindung mit dem Etwas, den Innens, die mit mir in das Damals hineingegangen waren und dem Kinddunkelbunt.

Der Satz “Das bin aber nicht ich” blieb in mir als Element wie ein Fremdkörper hängen.
Jetzt, wo ich diese Erfahrung hier aufschreibe, habe ich die Idee, dass es das tat, weil es mir im ersten Gedanken ganz klar und logisch erschien, im zweiten Gedanken jedoch, in dem ich eine erwachsene Person im Heute, Hier und Jetzt bin, die sich seit inzwischen 13 Jahren mit der Thematik “Trauma und Dissoziation” beschäftigt und kognitiv völlig klar und bewusst hat, dass diese innere Überzeugung/Wahrheit eine ist, die ganz typisch für eine dissoziative Kluft in der Selbst_Wahrnehmung ist, aber genauso klar und unlogisch bewusst ist.

Während der Therapiestunde sagte ich der Therapeutin, dass das bei mir hängen geblieben ist, blieb aber an der Stelle stehen, an der beide Wahrheiten nebeneinander klar und okay sind. Einmal, weil die Stunde um und wir insgesamt ziemlich erschöpft waren und einmal, weil ich mir nicht schlüssig darum bin, was ich an der Stelle tun oder fühlen oder denken soll oder was überhaupt dort passieren kann.

Wir fuhren eine schöne Strecke mit dem Rad nach Hause und wickelten uns in das Heute, in dem es eine wieder quietschfidele NakNak*, freie und sichere Zugänge zur Versorgung von Grundbedürfnissen und einige Optionen auf Erbsenmomente und andere Er_Lebenserfahrungen gibt.

Und daneben auch die Wahlmöglichkeit, wie schwer oder leicht man sich manches darin macht.

Fundstücke #29

Am Ende des Dienstags lag mir die Gesamtsituation in kleinen Scherbenhäufchen zu Füßen.

Hier der Umstand in einer allgemeinen Dauerüberforderung, da der Komplex “behindert sein – behindert werden”, dort Erinnerungsstürme, die, in bunte Gläser gefüllt, meine Idee von dem Kinderleben, das wir ich die eine große Kleine von uns, vermutlich gehabt haben könnte, ergänzen und da all das, wohinein wir uns bewegen wollen.

Am Montagabend verkeilte sich das Hinterrad von Pitti im Rahmen, als wir einen Berg hinab rollten. Die Pedale klacken in jeder Drehung.
Seit Wochen und Monaten schraube ich an diesem Fahrrad herum und tausche wilde Pfandflaschen gegen Ersatzteile. Ich war, nein, bin so frustriert, dass es kein Ende nimmt. Am Dienstag bin ich also erneut in die Werkstatt und befestigte das Hinterrad. Das Klacken in den Pedalen, käme sicher von den Gängen, sagt der Typ in der Werkstatt.
Bis Mittwoch hatte ich drei Bücher und ein Wiki über Fahrradreparaturen gelesen und war mir sicher, dass es das Tretlager ist. Bin mir sicher, dass es das ist.
Ein Teil, das hochbeansprucht und bei einem so gebrauchten Rad wie Pitti ganz normal nach einem halben – dreiviertel Jahr hin ist. So ging ich dann heute in die Werkstatt.
Und dann scheitert die Nummer daran, dass der Typ nicht glaubt, dass es das ist.

Und ich? Wurde das Mädel für das er mich zu halten scheint und sah zu, dass ich das Hinterrad (das sich auf dem Weg zur Werkstatt erneut im Rahmen verkeilt hatte) erneut und diesmal mit aller Macht festschraube, um wieder zu verschwinden.

Ich bin meine Inkonsistenz so leid. Meine nicht kontinuierlich abrufbare Kraft, die sich in Dinge verpulvert, die nichts mit den Dingen zu tun hat, die ich machen will oder soll oder muss, sondern mit den Menschen darum herum, diesem scheiß Krach, den ganzen Bedeutungen und Symboliken, die sie alle überall und immer machen, diesen Erklärungen, die immer und überall nötig sind, all dem – ich bin es so leid.
Ich will weg_laufen. Will nicht mehr da sein.
Nicht jetzt. Nicht mehr. Nicht so. Weil darum. Und nicht, weil X und Y und Z. Einfach so. Nicht, weil ich alles schlimm finde. Nicht, weil mich alle nerven. Nicht, weil ich so furchtbar leide, weil ich so eine verkrachte Existenz bin. Es ist einfach nur viel. Viel zu viel. Auf einmal, auf zweimal, auf dreimal viel zu viel von allem.

Nicht von dir. Nicht von dir und nein auch nicht von dir. Ihr seid alle toll und ich bin froh, wenn ich euch merke. Wenn ihr da seid, wo ich euch vermute, wenn ihr bleibt, weil ihr nicht gehen wollt.

Ich will nur nicht bleiben, wo ich bin.
Ich brauche eine Veränderung. Eine radikale Veränderung. Radikaler als eine Glatze oder eine umgestellte Wohnung. Krasser als ein Beziehungsende und konstruktiver als eine depressive Episode. Die Radtour soll sie machen. Ganz begrenzt im Außen und ganz offen nach innen.
Natürlich fahren wir trotz dem Pitti jetzt diesen Schaden hat. Ich habe eine professionelle Werkstatt angerufen und hoffe einfach, dass Amanda und Willi, die beiden an Killefitschäden verstorbenen Schrotträder verrechenbar sind mit der Rechnung. Wenn es wirklich das Tretlager ist, kriegen wir das hin.

Es ist nur der Plan, der kaputt geht und das Stück Welt_Raum_Zeit, das damit für mich zu einem unheimlich kräftezehrendem Loch wird, weil es unsere Pläne sind, die uns sagen, was wann wie wo mit wem und weshalb eigentlich. Es geht um Sinnerfüllung. Darum, nicht den Kopf, die Kontrolle, den Willen zum Leben zu verlieren. Etwas zu haben, was, wenn es schon nicht Kraft und Kontrolle ergibt, so doch wenigstens Sinn.

Es ergibt so wenig von dem Sinn, was mir begegnet. So viele Dinge, die ich mich frage, kann ich mir beantworten ~ lassen, doch die Antwort findet keine Richtigkeit im Lauf der Dinge. Alles ist wie es ist, aber nicht immer so, wie man sich das vorstellt, in der Praxis anders als in der Theorie und überhaupt, muss man ja auch nicht alles immer so nehmen, wie es irgendwo steht.
“Ja, was denn nun?”, denke ich und drehe und wende mich, meine Sicht, meine Ideen und merke, wie diese Drehung zum Kreisen wird bis ich den Anschluss verliere und erstarre.

Wie Dienstagnachmittag, als wir mit dem Begleitermenschen und der gesetzlichen Betreuung über Hilfen und ihre Anträge sprachen.
Ich bin erstarrt und zu etwas verdampft, das 15 ist und Tränen, Fuchteln und falsche Entscheidungen auf ihrem Weg nach Außen abfängt. Erneut. Obwohl und trotz dem, wir das kennen. Es ist nicht neu. Es ist kein neuer Schmerz. Es ist einfach der Schmerz, die Angst, die Verwirrung, die Not, die man nicht haben darf, weil man ja gerade schon mit Menschen ist, die sich um Hilfen kümmern.
Diese vielen Extras und Sonderlösungen, die special für Behinderte, Kranke, Bedürftige da sind, um “allen anderen” das Gefühl zu geben, es, dieses Elend, das sie mit dieser Lebensrealität verbinden, ohne sie je erfahren zu haben, sei kontrollierbar.

Was ich sehe ist, wie lange wir schon erwachsen spielen, weil wir in jedem solcher Gespräche das Gefühl haben, einen Luxus zu ergaunern – irgendetwas special super sondergutes zu brauchen, das nur nach sorgfältigster Abwägung gewährt wird – obwohl wir es brauchen, weil wir es brauchen.
Nicht weil X, nicht weil Y, nicht weil Z, sondern, weil wir wirklich und echt ein behinderter Mensch sind, der braucht, ohne zu wollen. Der soll ohne zu müssen, weil es nicht darum geht, was mit ihm ist oder wird, sondern darum, dass jede_r soll aber nicht alle müssen müssen.

Was ich sehe, ist für mich völlig verwirrend und doch ein festgezurrter Bestandteil unserer letzten 15 Lebensjahre.
Einerseits sieht man unsere Probleme und Behinderungen – andererseits sollen wir klar kommen. Will uns niemand reinreden. Sollen wir entscheiden, was wir überhaupt nicht tragen können. Müssen wir aushalten, was andere überhaupt anzufassen sich verweigern würden.
Niemand will uns klein machen, aber wie groß wir sind, ist nie geklärt worden.

Ich hab Angst vor der Frage danach. Angst vor der Antwort.
Ich will sie nicht hören. Ich will sie nicht denken.

Ich will Sinn. Ich will einen Sinn, für den ich bleiben kann.

vom Ringen und Singen

Ich weiß nicht, welcher Sommer das war. Aber es war ein heißer Sommer und meine Geschwister waren noch klein. Ich war noch klein.
An diesen Sommer zu denken ist seltsam, weil ich merke, wie sehr ich mich als Erwachsene einordne. Selbst in dieser Erinnerung. Selbst während ich weiß, dass wir, ich, damals keine 10 Jahre alt gewesen sein werde_n.

Wir waren weggefahren und das war ein Ding. Wir sind nicht oft in den Urlaub gefahren. Oder doch? Ich weiß nicht.
Jedenfalls – das Gekeuche. Das Husten. Das abendliche Brummen des PariBoy am Küchentisch der Ferienwohnung. Mein Geschwist, das mit einem Asthma kämpfte, dessen beängstigende Wucht wir selbst im Moment jeden Tag spüren und aus der Aufnahme des letzten Podcast herausschnitten, weil es uns an diesen Urlaub erinnerte.
An das Genörgel doch endlich mal aufzuhören mit dem Gehuste und Gekeuche.

Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, oder ob das wirklich passiert ist, aber da war eine Anspannung und immer hatte sie etwas mit Angst zu tun. Ich nahm Anspannungen auf, die sich auf die tatsächliche Atemnot bezog. Aber auch die dicke Luft, an der mein Geschwist sich abzuhusten versuchte und in die hinein ich mich dissoziierte. Ganz bewusst und gezielt. Mit dem Gedanken, dass ich verschwinde, weil ich es nicht aushalte. “IchhaltedasnichtausIchhaltedasnichtausIchhaltedasnichtaus…” um dann plötzlich an Inseln des Schönen zu stranden und mich zu fragen, was denn nicht mit mir stimmt, dass ich denke, ich könnte irgendetwas nicht aushalten. Es war doch alles gut! Der See, in dem wir baden gingen. Der Wanderweg, den wir mit unseren gut gelaunten Eltern entlang gingen. Dieses Bayern, das so klang und aussah, wie wir es aus dem Fernsehen kannten.

In einer Reportage zu Kindesmisshandlung war ein Fall erwähnt worden, in dem ein kleiner Junge von einem Elternteil getötet worden war, nachdem dieses sein Gehuste und Gekeuche nach eigener Aussage nicht mehr ausgehalten hatte. Das Kind hatte eine Lungenerkrankung gehabt. Mich berührte die Reaktion der Polizistin in dem Film, denn sie hatte einen Begriff davon, wie wenig es den Eltern um das Kind gegangen war, sondern um sich selbst.

Das macht es mir heute so viel leichter meine eigene Ungeduld, die Impulse mich zu verletzen, die Stimmen in mir, die mich anherrschen, endlich mit dem Gekeuche aufzuhören, zu regulieren, weil ich erkenne, dass es Reflexe sind. Dominante Handlungsreflexe, die sich vor die erarbeiteten, später selbst eingeübten und daher noch etwas weniger starken, Impulse um Selbstfürsorge und Selbstversorgung schieben und tatsächlich nur die Logik haben aufzutauchen, wenn es dieses Husten und Keuchen gibt. Da gibt es keinen tieferen Sinn, als die Dominanz um der Dominanz willen, auch wenn überhaupt keine Machtdynamik wirkt, sondern körperliche Prozesse, denen egal ist, wer gerade das Sagen hat.

Während vorgestern Nacht ein Gewitter am Himmel entlang robbte, hatte sich die Luft in unserer Dachgeschosswohnung zu einer Mischung aus Pollen und Sporen in feuchtwarmer Luft vermengt, die sich nicht bewegen konnte, weil kaum Wind ging. Ich hatte mir kalte Tücher auf den Oberkörper gelegt, mich in Positionen gesetzt, die den Brustkorb erweitern, dem Geschmack des Salbutamol im Mund nachgeschmeckt und angefangen zu weinen, weil ich dem Gequengel in meinem Kopf nichts weiter entgegensetzen konnte als, dass ich nichts dafür kann. Dass ich huste und keuche, so seltsam schleimig ausatme, weil ich an Schleim vorbei zu atmen versuche. Weil ich nach Luft, um Kontrolle über mich selbst und gegen Flashbacks anringe.

Mir fällt auf, wie unsinnig es ist. Und war. Dieser Anspruch aufzuhören, als würde man es tun, um jemanden zu ärgern. Als würde man nur handeln und sein, um auf andere zu wirken.
Da ist der  Gedanke darum, was das eigentlich für ein Anspruch ist zu glauben, man sei automatisch das Universum eines anderen Menschen, nur weil man mit ihm im gleichen Zimmer sitzt. Nur weil man auch da ist.

Ich weiß, dass das etwas ist, das verbreitet ist. Diese Annahme gibt es bei vielen Menschen und ich weiß, dass wir das oft vergessen. Gerade, weil wir meist bei uns und im Universum dessen, was wir wahrnehmen, kreisen. Das ist nicht absichtlich. Das ist keine Entscheidung gegen Menschen oder Miteinander, es ist einfach irgendwie so und war auch schon immer so.
Aber es kann verletzen und das kann gefährlich werden. Gerade wenn Menschen es gewohnt sind zum Zentrum oder Teil des Universums anderer Menschen zu werden, ohne je hinterfragen zu müssen, warum das eigentlich so ist. Es kann wie eine Entscheidung gedacht werden. Es ist möglich, uns als desinteressiert oder absichtlich ignorant oder abwertend damit wahrzunehmen. Dann ist der Schritt zu glauben, jemand tut, was si_er tut, nur um eine Machtgeste zu machen, nur noch ein kleiner.
“Hör mal, wie ich dich nerven kann – hust hust – Hör mal, wie ich dich in den Wahnsinn treiben kann, ohne dich je angesprochen zu haben – keuch keuch – Hör mal, wie ich dir deinen Raum ungemütlich machen kann – röchel röchel – Hör mal, wie dominant mein Einfluss auf diesen gemeinsamen Raum ist.” – obwohl man selbst nur da sitzt und Erstickungsängste zu bekämpfen hat. Obwohl man nur da ist und hustet, röchelt und keucht.

Während ich versuchte in die untere Lunge zu atmen, dachte ich an die Aufgabe im Musikunterricht eine Zeichnung davon anzufertigen, wie sich der Bauch verändert, wenn man ein- und ausatmet. Dachte an diese kleine Insel des Schönen.
An Singen mit anderen Menschen im Treppenhaus der Schule. Einfach so. Weils schön war. Damals.

Ich begann mit Summen und glitt ins Singen. Und dachte, wie gut es ist, das zu können. Immernoch und wieder.
Wie cool das ist, sich neben das Genörgel und Gemecker, ein gemeinsames Lachen und Genießen stellen zu können. Wie cool, dass auch sowas geht.
Immernoch und obwohl und trotz alle dem und alle dem.

Aufarbeitung

War ich wie ein Stein ins Bett gefallen, so rumpelten wir als Schottermasse kurze Zeit später wieder heraus.

”Aufarbeitung”, dachte ich später, als ich meine Hände unter dem kalten Wasserschwall aus der Leitung betrachtete. “Verarbeitung”, dachte ich, als mich dann doch übergeben musste und es nicht zur Toilette geschafft hatte.
“Ich weiß doch auch nicht.”, dachte ich, als ich überlegte, ob mir ein anderer Mensch jetzt gut täte.

Als ich noch geraucht habe, hätte ich mich ans Fenster gestellt und erst der Glut in meiner Hand und dann dem Rauch aus meinem Mund zugesehen. Ich hätte mich in dem Anblick verloren, hätte entspannt und wäre seltsam befriedigt wieder zurück ins Bett gegangen. Ich hätte meine Mutter vor Augen gehabt, wie sie auf dem Balkon steht und auf den Platz vor unserem Wohnkomplex hinunterschaut, als wäre sie eine desinteressierte Königin.

Jetzt stehe ich am Fenster und denke an meine Mutter und könnte kotzen, wenn ich noch etwas anderes als Gallebitter in mir hätte.

“Hasst deine Mutter dich?” hatte ich die Freundin ein paar Stunden zuvor gefragt und sie hatte geantwortet “Ja. Ich glaube, ja.”. Und ich dachte, wie schön es für sie ist, auf so eine Frage so eine klare Idee zu haben.

Ich öffne das Küchenfenster und stelle mir einen Stuhl davor. Nehme NakNak* auf den Schoß und warte darauf, dass mich die regennasse Sommerkälte frösteln lässt.
Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt an Kindern” war so ein Tagesstartthema und die Frage, warum eigentlich andere Leute als ich diese Aufarbeitung machen wollen und von was zu was die Gewalt an Kindern aufgearbeitet werden soll. Was soll das Ergebnis einer Aufarbeitung sein?  Wie kann etwas, das mir passierte, von anderen aufgearbeitet werden?

Ich denke an meine Mutter und an Dinge, die sie getan hat. Sowas wie: mir aus dem Bad zuzurufen, ich hätte irgendwas falsch gemacht und ich solle nur warten bis mein Vater nach Hause kommt. Erst Jahre später hatte ich verstanden, dass auf meinen Vater zu warten nie war, was sie von mir erwartete, um einen Fehler zu berichtigen oder zu entschuldigen. Erst heute bekomme ich eine Ahnung davon, was für eine permanente Enttäuschung ich für meine Eltern gewesen sein muss und warum mir die Verletzungen, die sie uns zugefügt haben immer so kontextlos, unbegründet und ziellos erschienen.

Ich suche einen Hass von ihr auf mich und finde nur einen eigenen Wutkummer um diese Frau, die nie kapiert hat, was für eine infernalische Verwirrung sie mit allem stiftete, was sie an mich heran trug. Die vermutlich zusammen mit meinem Vater nie darüber nachgedacht hatte, was genau wir eigentlich verstehen, wenn zwischen einem Fehler und einer Strafe viele Stunden und Welten liegen. Überhaupt nie darüber nachgedacht haben, was mit uns genau in dem Moment ist – sondern immer ausgerichtet auf das, was aus uns werden soll, gedacht, geplant, hingearbeitet haben.

Langsam krabbelt die Kälte von draußen über meine Haut und ich lasse etwas los.
Wie wir nicht mal “richtig” darunter gelitten haben, dass uns in der eigenen Familie Schmerzen zugefügt wurden, die die Entwicklung des Vieleseins begünstigt haben. Wie wir bis heute nicht darunter leiden, dass das passiert ist, sondern vielmehr Not daran haben, es nicht zu verstehen, sondern nur mehr und mehr dieser toxischen Missverständnisse finden.
Ein Panel in dem Comic “Schattenspringer” hatte unser Problem gut auf den Punkt gebracht: “Willst du mir eine Information oder eine Emotion mitteilen?”.
Noch immer wissen wir nicht, was an der Gewalt an uns von uns aufzuarbeiten sein kann, weil wir nicht wissen, ob sie das getan haben, weil sie bestimmte Gefühle hatten – emotional angefeuerte Intensionen, wie zum Beispiel Hass oder Wut darüber, dass es uns gibt oder, dass wir waren, wie, wer oder was wir waren oder ob es einfach nur der Wunsch nach einem besseren Morgen, an dem alles gut sein würde, war, den sie anders nicht zu erfüllen sahen.

Wir hätten doch dabei geholfen, das zu erreichen. Da wäre doch nie nötig gewesen uns weh zu tun oder uns zu zwingen. Dazu hätte man uns das doch nur erklären müssen. Wir haben doch damals den Golfkrieg im Fernsehen gesehen, haben doch die Hungernden von Somalia gesehen. Wir haben doch gewusst, dass in dieser Welt viele Dinge passieren, die nicht mit einem Morgen, das besser sein soll, zu vereinen sind.

Üblicherweise sind uns die emotionalen Intensionen anderer Menschen nicht so präsent, was dazu führt, dass unsere Bewertung von Handlungen an der Handlung selbst bzw. dem, was sie auslöst, orientiert. Es würde uns nicht sonderlich fertig machen zu erkennen, dass sie uns gehasst haben oder geliebt, oder ob sie ungeduldig waren oder was auch immer. Es tut ja einfach immer weh von einem Elter (oder anderen Menschen allgemein) verletzt zu werden und sich nicht davor schützen zu können – egal, mit welcher Absicht sie es getan haben.
Aber wenn wir ihre Gefühle bzw. ihre emotionalen Intensionen gekannt hätten, wäre da heute mehr Material als “Es ist passiert und ich weiß nicht warum.”.

NakNak* leckt an meiner Hand und draußen beginnen die ersten Vögel zu zwitschern.
Mir ist kalt und ich bin leerentspannt geweint.

Ich schließe das Fenster und schaue auf das angekippte Wohnzimmerfenster der Nachbarin mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung.

Flashbacks

“Guck mich an.”, sagt sie. “Guck mich an – es ist vorbei.”.
Während sie das sagt, torkelt mein Blick durch Raum und Zeit. Streift die optischen Inseln im Raum. Das Whiteboard mit unserem Wochenplan drauf. Die goldene Folie auf der Tobleroneschachtel vom Züricher Flughafen. Die Plastiknupse an den Enden der Schnürsenkel in den Schuhen der Gemögten, die vor mir hockt und versucht uns aus einem Flashback zu reorientieren.

“Flashback” ist ein Wort mit Ecken drin. Es liegt im Raum “Erinnern”, unter “PTBS-Symptome” neben “was hilft”.
Was akut hilft, ist ein anderer Mensch. Leider.
Leider, weil Menschen für uns anstrengend sind, wie der Flashback selbst und leider, weil wir oft Flashbacks erleben, die mit zwischenmenschlichem Miteinander zu tun haben.

Alle Flashbacks enden irgendwann. Ein anderer Mensch kann schneller irgendwann machen und verhindern, dass wir dissoziieren, wechseln, weglaufen und uns gefährden. NakNak* kann das auch. Aber NakNak* kann uns keine Wörter geben. Sie kann nur Marker geben und manchmal reichen Marker nicht.
Leider.

“Guck mich an – ich bin hier. Du erlebst gerade etwas wieder, das vorbei ist.”, sagt die Gemögte und richtet alles auf uns aus, wie Sonnenstrahlen durch eine Lupe.

Für sie ist es wichtig sich ganz auf mich zu konzentrieren. Sie hat Gefühle und Gedanken um meinen Zustand, will etwas von mir und ich bin in einem Moment zwischen Schmerz und Starre, in dem kein Haar breit Platz ist für Augenkontakt, Lautsprache und bewusst_da_Sein.
Ein Kinderinnen schiebt sich an mir vorbei wie eine Qualle. Ganz leicht, ganz zart, gar nicht schwer oder mächtig. Einfach nur so. Als wäre es das einzige bewegliche Scharnier in einer Apparatur, die sich völlig verkeilt und verkantet hat.

“Guck mich an.”, sagt die Gemögte. “Ich hör dir zu.”, antwortet es.
“Es ist vorbei.”, sagt die Gemögte und das Innen hört zu.

Manche Flashbacks bringen Schmerzen mit sich, die man schlecht versorgen kann. Man kann kein Pflaster auf die Schmerzen, die eine Vergewaltigung verursachte, kleben. Man kann keine Binde um den Schmerz, der mit überstreckten Gliedmaßen einhergeht, wickeln. Man kann keine Creme auf die Verletzungen, die von demütigender Sprache verursacht werden, reiben.
Die Versorgung dieser Schmerzen und Verletzungen jedoch, ist für uns häufig ein gut reorientierendes Element. Wenn sich jemand darum kümmert bzw. wir uns selbst darum kümmern können, Schmerzen und Verletzungen zu lindern, dann ist unzweifelhaft klar, dass es nur “Heute” sein kann.

“Möchtet ihr in euren Beutel gucken, was jetzt gut tut?”, fragt die Gemögte. Das Innen nickt und schaut nach dem Beutel. Ich merke, wie es sich in seiner Konsistenz verändert. Auf eine Art durchlässiger wird. Schrödinger-dissoziiert ist.

Wir haben einen Beutel zu Hause und eine Tasche für unterwegs mit unseren Erbsenmoment-Gut-tu-Sachen drin.
Da sind mehrere Kreisel, Seifenblasen, eine Magnetschreibtafel, ein langes Band, ein Eulenanhänger, ein Eulenstempel, die paradoxe Sanduhr und eine flauschige Eulenhandpuppe drin. Nichts davon macht einen Flashback weg oder kann ihn verhindern – aber alle diese Dinge sind Heute-ist-Heute-Marker.

Es sind mehrere Kreisel darin, damit sich der andere Mensch etwas lösen kann und uns nicht mit seiner Aufmerksamkeit bedrängt.

Sie kreiseln eine Weile.
Die Muskeln werden weich, die Luft schafft es tiefer in die Lunge, das Geräusch der Kreiselspitzen auf dem Laminatboden wickelt sich um die Hörnerven.
Das Innen seufzt. Die Gemögte seufzt.

“Ich mach mir n Tee.”, sagt die Gemögte und steht auf.
“Für mich bitte auch.”, sage ich.

Später frage ich sie, warum eigentlich immer alle fordern, dass man sie anschaut, wenn man sich so unkontrolliert erinnert. “Gute Frage.”, sagt sie und denkt nach. “Ich glaube, es liegt daran, dass die meisten Menschen sich über andere Menschen im Hier und Jetzt verankern. Für viele ist die Anwesenheit bestimmter Menschen das Erbsenmoment.”. Sie lächelt und streichelt NakNak*, die sich mit dem Charme eines Bulldozers an sie drückt.
“Ihr schaut oft so durch die Gegend. Da ist es dann schwer zu ahnen, ob ihr Dinge seht, die nicht mehr da sind, oder ob ihr euch am echten Raum orientiert.”.
“Hm.”, mache ich und denke darüber nach, was ich dazu sagen könnte.

“Manchmal gehts aber auch ums Ego.”, sie zwinkert mir zu und legt ihre Wange auf NakNak*s Kopf. “Wenn ich sehe, dass es euch nicht gut geht, will ich Kontakt zu euch, weil ich denke, dass ich bestimmt irgendetwas tun kann, damit es besser wird. Weil ich euch doch ganz bestimmt ganz toll da rausholen kann. Ich alleine natürlich. Weil ich ja ich bin.”.  Sie lacht und wedelt mit der Handinnenseite vor ihrem Gesicht nach links und rechts. “Völlig Banane, aber naja.”.

“Ist es schlimm für dich, wenn du uns so siehst?”, frage ich sie und beobachte die Bewegungen in ihrem Gesicht. “Also – leidest du dann, weil wir dich nicht flauschen können, dass du okay bist und wir nur grad…” – “Mit anderen Dingen beschäftigt seid?”, fragt sie in mein Satzende.
Als ich nicke, macht sie ein Geräusch zwischen schmunzeln und lachen und einer Unterart von “Ach du je”. Ich halte es fest und lege es mir an die Seite. Man kann ja nie wissen.

“Nee, flauschen müsst ihr mich dann nicht. Aber schlimm finde ich es schon manchmal. Ich bin nicht gern dabei, wenn es jemandem so schlecht geht, wie zu einem früheren Zeitpunkt, der sehr schlimm gewesen sein muss.”.
Wir schweigen ein bisschen.
Streicheln NakNak*, die sich nicht entschließen kann, von wem sie wo wie gestreichelt werden möchte.

“Aber es ist nicht schlimm, weil es passiert, oder?”, frage ich.
“Nein. Es schlimm, weil es schlimm ist.”, antwortet sie.

jemand, di_er da ist

Mit der Auseinandersetzung um Autismus und unsere Psychkarriere kommt das Erinnern, wie ein Sterntalerregen auf ein Ich ohne Hemdchen.

Da bin ich und habe nur meine zwei Hände, die ich aufhalten kann. Da bin ich und weiß, dass, was auch immer in ihnen landet, mir weh tun und etwas für mich verändern wird. Weiß, dass es regnet, egal ob ich mich bei lebendigem Leib auflösen lasse oder nicht.
Weiß, dass es vorbei ist. Weiß, dass meine Reaktionen dennoch eintreten werden. Meine Seele funktioniert nicht nach Raum und Zeit, sondern nach Ist oder Nicht-Ist.

Nach wie vor beginnt mein Erinnern mit dem ersten scheppernden Knall einer gelben Metalltür in ihren Rahmen. Eine kinder-und jugendpsychiatrische Station einer Uniklinik. Alles davor ist weg. 14 Jahre und ein paar Monate. Nicht von mir gelebt, nicht von mir gepflegt.
Ich dachte immer, ich hätte ein festes gutes Erinnern ab dem Moment, aber während ich mir frühere Arztbriefe und Klinikberichte anschaue, merke ich die Löcher. Bekomme ich eine Idee davon, wie wir so auf Psycholog_innen und Mediziner_innen gewirkt haben müssen, obwohl doch ich da war und genau gar nicht so bin.

Wir haben geschaut, welche Persönlichkeitsstörungen uns bereits andiagnostiziert wurden. Ja, wegen diesem Narzissmusdings und ja, weil in einem anderen schlauen Buch steht, dass autistisches Sein gerne mal falsch verstanden und fehldiagnostiziert wird. Und, weil ich meine Fehlersuche noch nicht abschließen kann. Meine Fehler in der Klinik zuletzt, meine unsere Fehler in den Kliniken früher. Meine unsere Fehler, die dazu geführt haben, dass wir heute hier leben und wirken und sind – und nicht in einer Pflegefamilie an der Ost-oder Nordsee, in deren Schoß wir heute kriechen könnten, um uns über Zukunftsängste beruhigen und Sorgen entlasten zu lassen.
Ja, nein, irgendwie kann ich es nicht lassen. Kann nicht aufhören die Verantwortung bei mir zu suchen, denn jedes weitere Erinnern gibt mir ein Fundstück in die Hand, das auf Fehler, Missverständnisse, ungünstige Kompromisse und naive Annahmen von mir und uns deutet – während die anderen Beteiligten, ihre Ansichten, Meinungen, Kompromisse und Annahmen jeweils in Diagnosen und mehr oder weniger transparente Berichte destilliert sind und einzig sind in ihren Möglichkeiten etwas mitzuteilen.

Die erste Persönlichkeitsstörungsdiagnose lautete auf “anankastische Persönlichkeitsstörung”.
Ich habs gegoogelt und mich daran erinnert, wie tatsächlich auch nach außen aktiv und transparent wir bestimmte Dinge taten und verlangten.
Und werde auch traurig, denn einige der Ängste hinter so manchem sogenannten “Zwang” zeigten bereits damals mit grell blinkender Leuchtschrift auf Erfahrungen bestimmter Gewalt und mind control (im Sinne von “von Täter_innen durch Gewalt gesetzte Gedanken/Ideen/Denkweisen”).
Ich erinnere mich an eine Debatte mit einer Stationsschwester darüber, ob auch wirklich keine Spinnen oder Schlangen unter der Tür oder durch die Fensterritzen des Zimmers kommen könnten, nachdem sie uns verboten hatte, uns darüber ständig zu versichern, statt zu schlafen.
Und ich weiß noch, dass ich selbst nur wusste, dass es lebenswichtig war mich darüber zu versichern und es mir schlecht ging, sobald ich mehr darüber nachdachte. Da waren intrusives Erleben, Flashbacks, erste Psychosomatiken – die jedoch alle unter “Schlafstörung” bzw. “pavor nocturnus” (“Nachtschreck”) zusammengematscht und nicht weiter beachtet wurden.

Ich erinnere mich, wie ich damals versuchte zu kompensieren was mir fehlte: Zeit_Bewusstsein und Kontrolle über mich selbst.
Damals las ich noch viel darüber, wie man sich wo richtig benimmt, welches Verhalten wann und wo in Ordnung ist. Was man wie genau sagt. Ich kopierte Gesichtsausdrücke und die Stimmlagen von Menschen, die meiner Ansicht nach alles richtig (sicher/okay) machten. Ich weiß, dass wir damals tanzten, sangen, in einer Zirkusgruppe aktiv waren. Alles Dinge, bei denen man okay ist, wenn man perfekt kopiert (und später in der Lage ist, eigenständig zu variieren – worin wir jedoch nie “gut” waren).
Heute würde ich sagen, wir versuchten uns soziale Erbsenmomente zu machen. Versuchten uns mit anderen Menschen okay zu fühlen, weil wir als okay wahrgenommen werden. Aber wir versuchten es auf eine Art, die eine pathologisch Einordnung ermöglichte.
Obwohl, das einzig Pathologische an diesem Versuch der war, dass wir etwas absichtlich konstruiert getan haben, was andere Menschen nicht in der Form konstruieren müssen, weil sie es aufgrund einer geheimnisvollen Fähigkeit einfach können.

Auch so etwas, das ich heute nicht nachvollziehbar finde bzw. nur mit psychologischer Denkdummheit erklären kann: da ist ein 14/15 Jahre alter Mensch – also ein_e Jugendliche_r, was ein Ausschlusskriterium für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sein und viel mehr Anlass geben sollte, sich die Umwelt der Person anzusehen und wie sie mit dieser interagiert. Welche Strategien werden da versucht und warum?

Damals wie heute kann man sehen, das viele unserer täglichen “Zwänge/Wiederholungen/Rituale/Abläufe” sehr wohl triftige Gründe haben bzw. auf nachvollziehbare Impulse und/oder Defizite, sowie bestimmte Erlebensqualitäten für uns zurückgehen. Man muss diese Gründe jedoch erfragen, annehmen und als für uns gegeben akzeptieren (wollen) und das ist damals (und auch lange Zeit danach) nicht passiert.

Noch heute kopieren wir die Stimmlagen, Wortcluster und bestimmte Handlungsarten von anderen Menschen, von denen wir wissen, dass sie die jeweiligen Situationen “richtig machen”, weil wir wissen, dass wir es “falsch (like: awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.) machen” würden, würden wir es machen, wie wir es spontan machen würden.
Nicht nur, weil manche von uns glauben, dass sie es ja nur falsch machen können, weil wir ja so ein falscher Mensch sind, sondern, weil Menschen, die sich verhalten, wie wir es tun würden, über kurz oder lang die wie auch immer gegebene Rückmeldung erhalten, dass ihr Verhalten falsch sei – oder eben awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.

Noch heute “streben wir nach Perfektion”. Wir tun es aber nicht, weil wir uns so unvollkommen erleben. Wir tun es, weil wir sehen, wie Menschen auf “perfekt” reagieren und uns denken: Wenn wir dies und das perfekt machen, dann ist alles okay. Dann ist “Erbsenmoment”. Dann ist “loslassen und okay für das Umunsherum und ganz viel Raum frei für Inmittendrin”.

Wenn man so will, könnte man sagen, dass wir durchgehend versuchen uns das Umunsherum vom Leib zu halten, um für bei mit uns sein zu können, ohne gestört zu werden.
(Und ja – ich lese selbst, wie man das lesen kann.)

Die nächste Persönlichkeitsstörungsdiagnose war “Borderlinepersönlichkeitsstörung”.
Interessanterweise eine Diagnose, die von einem sicherlich sehr kompetenten Chirurgen gestellt wurde, der uns selbst zugefügte Schnitte genäht hat. Erst Jahre später tauchte diese Diagnose wieder auf.

Dazwischen lag noch die “schizoide Persönlichkeitsstörung”.
Doch auch dort fehlte der Blick auf den sozialen Kontext. Diese Diagnose gab es nach einem Suizidversuch und einem Zeitraum ohne Sprechen, nachdem wir von Heim zu Heim geschubst wurden, weil wir immer wieder irgendwas falsch gemacht haben, was heute nicht mehr richtig nachzuvollziehen ist.
Was ist bitte die logischere Erklärung für Rückzugstendenzen, abgeflachte Affekte und allgemein eher abweisend/kühle Interaktion, nachdem man auf alles, was man tat oder sagte oder machte, mit seinen 7 Sachen wieder weggeschickt, verlassen, mit schwierigen Dingen (wie etwa Verstrickungen in organisierte Gewalt, schwierige Symptome und Überforderungen im täglichen Leben) alleine gelassen wurde?
A) eine Persönlichkeitsstörung als fast 16 Jährige oder
B) die Frage (und selbst gegebene Antwort) danach, welchen Sinn die Interaktion mit einem unbegreiflichen Außen haben soll, das man einerseits braucht und dessen Schutz man sich wünscht – das andererseits aber genau nichts versteht?

[Gameshow-Musik-Geräusch]

Und dann war da noch die Hysterie.
Die gute alte Hysterie heißt heute “histrionische Persönlichkeitsstörung” und ist ein Psychologen*(sigh!)*wort für “die *(sigh!)* spinnt”.
In unser Diagnosenbonuspunktesammelheft geklebt bekommen haben wir dieses Goldstück in einer Klinik, in der dissoziative Symptomatiken als “unüblich” und Diagnosen wie die DIS eine Glaubensfrage darstellen. (Kein Scheiß – hat der Chefarzt genau so in einem Gespräch gesagt).
Menschen, die als “histrionisch” diagnostiziert werden, werden nach und in Bezug auf das Außen gerichtete Intensionen unterstellt. Da kommen dann so Sätze wie “Sie macht XY nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen” her oder die Annahme, diese Menschen würden mehr oder weniger aufwendige Szenarien konstruieren bzw. inszenieren, um sich selbst in einer bestimmten Art wahrgenommen zu wissen.

Ich habe schon geschrieben, dass wir durchaus Verhalten kopieren, um bestimmte Zwecke im Außen zu erfüllen bzw. um als okay wahrgenommen zu werden.
Im Mittelpunkt zu stehen ist für uns dann aber in der Regel doch zu anstrengend und etwas, das wir heute nur noch ertragen, wenn wir davon überzeugt sind, etwas zu tun, wofür es sich lohnt zeitlich und inhaltlich klar begrenzt von anderen Menschen angeguckt, beobachtet, angehört und analysiert zu werden.
Zum Beispiel in der Therapie oder auch während Projekten wie dem Nachwachshaus, in Workshops oder bei Vorträgen.

In der Klinik damals wiederum sind wir aus für uns bis heute nur mehrdimensional erklärbar sozialen Dynamiken heraus immer wieder in negativen bzw. für uns unangenehm oder uns ängstigenden Fokus geraten. Die Kommunikation war durchgehend dysfunktional und unsere soziale Situation eine über alle Maßen überfordernde. Denn wir waren nicht dort, weil wir behandelt werden wollten oder Hilfe suchten, sondern weil wir keinen Wohnort hatten und noch nicht volljährig waren.
And again: etwas mehr Fokus auf die soziale Situation einer Person im Kontext ihrer tatsächlichen Fähig- und Fertigkeiten und die Idee einer in der inneren Struktur einer Person liegenden Problematik wäre als obsolet klar gewesen.
Doch dazu hätte man in Betracht ziehen müssen, dass eine Person eventuell ganz basic Interaktions- und Kommunikationsprobleme hat und permanent Ängste kompensiert, weil sie sich auf niemandem verlassen kann. Nicht einmal sich selbst.

Selbst heute, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, wie wir uns in dieser Klinik verhalten haben, erinnere ich mich nur an Missverständnisse und Momente von Verzweiflung darüber, dass es nichts Beruhigenderes als körperlichen Schmerz gab. Obwohl wir uns damals schon 9 Jahre lang immer wieder selbst geschnitten, verbrannt, geschlagen oder verätzt haben, haben wir nie so darunter gelitten, wie damals in dieser Klinik. Es war das tragischste Erbsenmoment, das wir uns selbst machen konnten und diese Belegung von Schmerz durch körperliche Versehrung als Beruhigung ist etwas, das wir heute mühsam wieder zu entkoppeln versuchen.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen kam jemand an den Punkt in der Auseinandersetzung um die Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, dass der uns erschreckende Anteil daran immer wieder der ist, an dem uns Intensionen hinter Verhalten unterstellt werden, für die wir selbst meist weder Kraft noch Fokus hatten.
Was wiederum in der Narzissmuskrise der Teil ist, der uns die letzte Klinik am Ende vollends als guten Ort zur Unterstützung in der Begegnung und dem Auseinandersetzen mit uns und unserem Er_Leben verbrannt hat.

Gerade in der letzten Klinik hatten wir sehr bewusst massive Probleme überhaupt teilhaben zu können, schwerwiegende Kommunikationsprobleme und ein wie wir finden gutes Gefühl für unsere Überforderung vor bestimmten Anforderungen. Und wir sind einer Täuschung erlegen, die uns – zumindest nach jetzigem Stand der Auseinandersetzung und Fehlersuche – dazu verleitet hat, anzunehmen, es wäre okay, wenn wir selbst bestimmen, wofür wir Kraft aufbringen und wofür nicht. Wir haben uns um uns gekümmert und nicht darum, ob wir nach außen okay sind. Wir haben uns auf das Inmittendrin konzentriert und nicht darauf, die flache phrasenbasierende PITT-Sprache zu kopieren und spiegeln, während wir klinikfunktional dissoziieren.

Wir haben etwas gemacht, das ein High Five auf der Heilungsskala bedeuten könnte– aber nur, wenn der Heilungsbegriff auf den Leiden basiert, die wir empfinden.

In keiner der Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, die wir in unserer Behandlungsgeschichte erhalten haben, wurde auf unsere Leiden geachtet, sondern überwiegend auf unser sichtbares Verhalten als Einsmensch und die Erklärung, die die jeweiligen Psycholog_innen sich dafür vorstellen konnten.
Wir haben immer genau dort eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen, wo man uns in unseren Fähig- und Fertigkeiten über- bzw. falsch eingeschätzt und überfordert hat. Wo das nicht passiert ist, verlegte man sich auf die Benennung sichtbarer Probleme und die deuteten schon früh auch in Richtung PTBS und ASS (Autismus-Spektrum-“Störung”), neben ganz schlicht (nicht pathologisierend bewortet) “belastete/überforderte/dekompensierte Jugendliche”.

Wenn ich mich den aufkommenden Erinnerungen widme, merke ich neben der üblichen Bitterkeit auch zunehmend den Wunsch mich und die Innens, die anders als ich nicht gealtert sind, auch mit etwas anderem als den Erklärungen für diese Sachverhalte trösten zu können.

Doch ich spüre die Spaltung zwischen uns sehr deutlich. Manche debattieren bis heute im Innen mit irgendwelchen Krankenpflegern und Schwestern darüber was für widersprüchliche Aussagen sie gemacht haben, die dazu geführt haben, dass man sich “falsch” verhalten hat. Manche sitzen noch immer weinend in der Heilerinquisition (eine wöchentliche Visite mit allen Behandler_innen einer Klinik) und stottern an Worten herum, die nicht ihrem jagenden Puls im Hals vorbei kommen. Manche liegen immernoch fixiert auf irgendeiner Krankenliege und schwanken zwischen Wohlgefühl durch Gefühle von Gehaltenwerden und Verwirrung über aufkommende Flashbacks von Gewalterfahrungen anderer Innens.

Ich merke, dass es ihnen nicht um Trost geht. Jedenfalls nicht vielen. Ich merke, dass es für viele um die Verwirrung und die schier unüberbrückbare Differenz zwischen Außen und Inmittendrin geht, die macht, dass ich sie überhaupt mehr wahrnehme als noch vor ein paar Monaten. Und ich beginne zu begreifen, dass es vielleicht genau diese Spaltung ist, die mir die Autismusdiagnose so schwer macht.

Sie macht mir nämlich den eigenen Anteil der jahrelangen Klapsenqualen bewusst, während der Inklusionsaktivismus, den wir heute unterstützen, eine Haltung in uns hat entstehen lassen, nach der wir unsere Behinderungen (auch im Sinne von “Unfähig-und –Fertigkeiten”) als etwas angenommen haben, das wir als von anderen Menschen ernst zunehmen und mitzudenken einfordern dürfen und sowohl zum Anstoß gesamtgesellschaftlicher Veränderungen im Sinne der Inklusion aller Menschen gleichermaßen, als auch zur Ermöglichung von Teilhabe und Steigerung der eigenen Lebensqualität auch müssen.

Ich komme nicht mehr um eine anerkennende Haltung gegenüber diesen jugendlichen Innens herum. Ich muss sehen, wie super stark, hartnäckig und aus wie vielen guten, wichtigen Gründen sie jeweils getan haben, was sie getan haben und spaltungsbedingt bis heute tun.
Die pedantischen Regelpapageien. Die nervigen Anstandsroboter. Die Kämpfer_innen für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte auch auf einer geschlossen Station. Die taktierenden Gruppentherapiebestreiter_innen. Die schweigend auf Wände und glitzernde Folien starrenden. Die mutigen “Ich werde misshandelt”-sager_innen. Die intellektuell in Grund und Boden quatschenden. Die “diesmal mache ich alles (die Behandlung/die Therapie/der Versuch in einem Heim zu wohnen) richtig”- Denkenden.

Ich reflektiere an mir die Übernahme des psychologischen Blicks, der mich daran gehindert hat sie so zu sehen. Für mich waren sie bisher immer eher grundlegend dysfunktional und leidend. Weil – DIS –Entstehungslogik: sie ja weiter gewachsen wären, wären sie funktional gewesen bzw. kompatibel mit sich verändernden äußeren Anforderungen. Ich wäre ja nie nötig gewesen, wären sie besser, richtiger, heiler, fähiger, kompatibler gewesen. Sie sind nicht alltagstauglich, geschweige denn orientiert – wie wertvoll können sie dann schon für meinen Er_Lebens.Alltag sein?

Well, ich sehe, dass dieser neuere Blick etwas an ihnen wertschätzt, das nichts mit ihren Fähigkeiten im Heute zu tun hat, sondern mit dem, was sie getan haben, als ich nicht da war. Vielleicht, weil ich damals nicht da war. Vielleicht, weil sie kleben geblieben sind, wo es mich von ihnen im Lauf der Dinge weggerissen hat.

Während meiner Fehler- und Erinnerungssuche merke ich, dass ich ihre Erfahrungen auch gemacht habe und bis heute mache. Aber ich bin keine 14, 15, 16, 17, 18 Jahre alt und bin so global wie sie damals davon abhängig, was wer in welche Berichte über uns schreibt.
Klar sind wir in Teilen abhängig davon, dass unsere Behandler_innen keine Quatschberichte schreiben, weil unsere Hilfen und Unterstützungen entsprechend unserer Bedarfe gebraucht werden und nicht entsprechend dessen, was irgendwer irgendwann aus was auch immer für Gründen von uns und unserem Verhalten hält – auf der anderen Seite aber, steht hinter jedem Antrag auf Unterstützungen auch der implizite Apell an die Logik. Niemand bittet um Unterstützung, wenn si_er nicht die Idee hat, welche zu brauchen oder gut nutzen zu können.

Und: Ich bin eine von den wenigen wirklich Erwachsenen von uns und merke im Moment immer wieder mal, wie sehr auch unsere Einsamkeiten in diverse Fortbestände von Ängsten und Unsicherheiten hineingespielt haben.

Das könnte ich für sie werden, denke ich.
Jemand, di_er da ist.

die ganz normale Ausbildung

Seit der Nachricht um den Ausbildungsplatz, formuliert jemand an einem Brief an die Familie*.

Kein Wort davon ist bisher niedergeschrieben. Da ist die Angst: “Wenn ich anfange, dann kann ich nicht mehr aufhören.”
Da ist der Umstand, dass Briefe abgeschickt werden müssen, wenn sie geschrieben sind. Weil Briefe keine Briefe sind, wenn sie nicht abgeschickt werden, sondern bloße Texte.

Da sind all die möglichen Alternativen.
Es ist einfach nur eine dysfunktionale Familie. Es ist einfach nur eine dysfunktionale Tochter. Es sind einfach überfordert gewesene Eltern. Es sind einfach nur Leute, die es nicht besser wussten.
”Heute ist doch heute”, sagt das Innen. “Heute ist vielleicht alles anders, als vor ein paar Jahren.”.

Das ideale Szenario, in dem alles nur ein Traum war, eine Episode der Verw.irrung war, ist, dass man, wie so viele andere Menschen, bei der Familie anruft, sich zusammen über den Ausbildungsplatz freut, feiert und die Eltern von sich aus fragen, was man für Unterstützung brauchen könnte.
Dieses ideale Szenario würde bedeuten, dass wir viele Jahre an eine geistige Umnachtung verloren haben, aber das ist diesem Innen vielleicht nicht so wichtig. Was heißt schon “viele Jahre”, wenn Zeit und Raum schon immer durcheinander fallen und am Bewusstsein vorbei krümeln.

So viele der jugendlichen Innens kleben in diesem Brei aus Verwirrung um Fremdunterbringung, Klapsenschock und “Ich bin das Problem in dieser Familie”. Die wenigsten haben unsere Entscheidung den Kontakt abzubrechen, um uns selbst zu schützen, überhaupt mitgetroffen. Aber viele haben gemerkt, dass es uns besser ging, nachdem wir es getan haben und, dass “es geht uns besser” für sie bedeutet, eine okaye Umgebung für die Dinge zu haben, die sie mögen.

Ob sie merken, dass diese okaye Umgebung von uns als bedroht empfunden wird, ist nicht zu sagen.
Wir machen uns Sorgen darum, was die Ausbildung neben der Ausbildung und dem Schulalltag bedeutet. Es ist absehbar, dass uns die letzten 15 Jahre in staatlichen Sozialleistungssystemen nun auf die Füße fallen, weil wir keine Rücklagen haben. In der Ausbildung werden wir nichts verdienen. Wir können Geld dazu verdienen, aber wann genau sollen wir erarbeiten, was wir verkaufen könnten? Wenn wir nach der Schule nach Hause kommen? Von der Therapie nach Hause kommen? Die nächsten drei Jahre werden viel Kraft fressen und wenn wir aktiv gegen die Spaltung anarbeiten wollen, wird “Dazuverdienen” schwierig. Vielleicht zu schwierig. In jedem Fall eher nicht so wahrscheinlich, als dass wir uns darauf verlassen können.

Wir haben ein bisschen Zeit in Recherchen investiert um eine Stiftung zu finden, die Menschen in unserer Lage unterstützt. Und dann stoßen wir auf Formulierungen wie “Wir helfen Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind” und rutschen in aufkreischende Gedankenschleifen darum, ob wir überhaupt in Not sind und wie sehr wohl doch selbst verschuldet unsere Lage ist.
Wir hätten ja schließlich auch zu Hause bleiben können. Wir hätten ja arbeiten gehen können. Wir hätten ja diesen einen Autorenvertrag bei diesem Verlag unterzeichnen können. Wir hätten ja nichts von dem machen müssen, von dem wir dachten, wir müssten es machen, um uns zu retten, zu schützen, am Leben zu halten.

“Und wir müssen diese Ausbildung ja auch nicht machen.
Wir können das auch sein lassen und einfach irgendwie so in Auflösung übergehen. Wir könnten das alles auch einfach sein lassen.”, wabert es in einer weißen Nebelschleierwand aus der Ferne. So tröstlich. So beruhigend. So dissoziativ.

Ja, einfach nicht zu kämpfen, einfach loszulassen und gar nicht erst anzufangen, das wäre leicht.er.
Nicht schon wieder einen Kampf um Geld für ein bisschen Sorglosigkeit und Luft zum Atmen. Nicht schon wieder ein Kampf um Alltagskraft, Lebensperspektiven und sichere Hoffnungen führen. Das hatten wir doch jetzt die letzten Hartz 4 –Jahre dauernd. Jetzt haben wir doch aber einen Ausbildungsplatz – dann müsste das doch jetzt mal langsam aufhören. Jetzt muss doch mal gut sein mit der Bedürftigkeit, den Nöten, die heimlich irgendwie immer doch selbst gemacht sind.

Wir können auch einfach so tun, als würde sich alles von allein erledigen.
Einfach nicht drüber nachdenken und gucken, was geht, wenn die Luft dann wirklich brennt. Etwa, wenn das Laptop dann endgültig seinen Geist aufgibt oder sich herausstellt, dass man das Schulgeld in echt und wirklich auch bezahlen muss. Wenn der Kühlschrank irgendwann nicht mehr nur Wasser verliert, sondern selbst ins Wasser geht und die Waschmaschine mitnimmt. Wenn uns die Realität dieses über die Jahre zusammengehamsterten Stückelhaushalts um die Ohren fliegt und wir uns wieder entscheiden müssen, ob wir das selbst verursachten und wieviel Not wir wirklich haben.

Glücklicherweise wissen sie nicht, wie sie den Brief beginnen lassen könnten.
Selbst ihnen kommt es wohl falsch vor “Liebe Mutti, lieber Vati” zu schreiben und von dort die Kurve zu “bitte kauft mir einen Computer, ein paar NakNak*sachen, ein paar Haushaltsdinge und bezahlt das Schulgeld für mich. Ich kann das nicht selbst aufbringen, weil ich ja von euch weggelaufen bin” zu kriegen.

Daneben steht, dass wir sie bemerken. Nicht nur diesen Wunsch, sondern auch einen Teil ihrer Gefühle. Wie nah die Trauer plötzlich ist und wie greifbar ein Leiden wird, das sie selbst vielleicht gar nicht so als Leiden einschätzen.
Letztlich versuchen wir die Ausbildung vielleicht auch dafür, sie weiter wahr.zu.nehmen. Mehr und mehr zu begreifen, wie ihr unser Leben früher gewesen sein muss, weil sie mehr und mehr begreifen, dass sie eine Parallele statt einer Wiederholung im Jetzt haben, die sie hervorholt, des.orientiert und mit uns zusammenstoßen lässt.

Mit uns, die wir eine über 300 Kilometer lange Radtour planen, um uns eine Weglauferfahrung zu ermöglichen, die anders als die Dissoziation des Selbst ist. Die wir weglaufen und aus alle dem rausgezogen sein wollen, was noch zu tun und auszuhalten ist, bis die Ausbildung los geht und eine Zeit beginnt, die uns ganz klar und ganz bewusst, Schmerzen bereiten, uns heraus- bis überfordern und mit unumgehbaren Notwendigkeiten des Kämpfens und Verlierens, Vermittelns und der Einigungsfindungen konfrontieren wird.
Ganz selbstverschuldet, weil wir uns das so sehr gewünscht haben.

Dieses “ganz normal eine ganz normale Ausbildung machen können”, obwohl und weil der Rest in unserem Leben nach wie vor nicht normal ist.

Fundstücke #26

Eine bis zum Abwinken eingedudelte Antwort auf alle unerklärlichen, schier kontextlos auf mich einwirkende und manchmal auch mich durchdringende ES ~e, ist der Verweis auf abgespaltene Anteile, andere Innens, eine weit von mir dissoziierte Quelle, die macht, was ich fühle und für manche “DIS-Expert_innen” auch meine Gefühle darstellt.

Das hat Sinn ergeben und ergibt nach wie vor Sinn, wenn es mir plötzlich nicht gut geht und aber doch Bilder sichtbar sind, fremde Gedanken auftauchen und ich merke, dass sie überhaupt nicht in das Moment passen. Wann immer ich etwas empfinde, dass so tut als wäre heute nicht echt oder nie gewesen, dann weiß ich, das ein Innen meinen Kosmos streift oder unser Gehirn eine spontane Brücke zwischen uns versucht. Das ist Erinnern. Disso-Style.

Aber die kontextlose Wucht des üblichen Laufs der Dinge – wo gehört die denn hin? Wenn ich wahrnehme und empfinde, fühle und spüre, dass das Unaushaltbare ganz klar von etwas kommt, das auf mich auf eine Art einwirkt, die für niemanden in meiner direkten Umgebung genauso empfunden wird. Wenn ich ganz sicher weiß: “Nein, das ist kein desorientiertes Innen – das ist mein Kopf, der einen Prozess nicht hinbekommt und gleich in ausgleichende Sperenzchen übergeht und wenn ich nicht aufpasse, spült es mir dabei gleich noch die eiterbefüllte Hölle aus dem Inmitten hervor.”

Es tut mir, im Gegensatz zu anderen Innens, nicht sehr gut mich über die psychologischen Einschätzungen unseres Seins auseinanderzusetzen. Obwohl mir die Beobachtung anderer Menschen als reaktive Objekte sehr nahekommt, verliere ich den Bezug zu mir, wenn ich versuche mich selbst in so gearteten Beobachtungen zu finden. “Traumatisierte erleben häufig …”, “Autisten können nicht …” – seit Monaten rieseln solche Formulierungen aus von den Rosenblättern verschlungenen Fachliteraturen zu uns und machen in mir so eine geistige Durchlässigkeit an, die mich auflöst und absolut in Frage stellt.

Nach manchen Formulierungen zur inneren Mechanik der DIS, gibt es mich gar nicht. Bin ich ein Stück annähernd toter Seelenmuskel, der hier und da reflexhaft von fehlgeleiteten Pauschalbeurteilungen eines wirren Geistes re_aktiviert wird, um irgendein dysfunktionales Handlungsmuster auszuführen.  In manchen Beschreibungen von autistischem Sein wird so etwas wie Persönlichkeit gar nicht erst aufgegriffen und die Identität der Betroffenen mit den sozialen und kommunikativen Un_Fähig- und Fertigkeiten beschrieben.

Am Ende bleibe ich wie ein verlorengegangener Lebensschnipsel irgendwo in dem Diskurs stehen und komme nicht umhin, mich darüber zu wundern, warum sich so wenige darüber wundern, dass alles ist wie es ist. Und nicht  anders.
Inmitten meiner Wunder stehen wir im Kämpfen um Erfassen und Halten wollen – dem Ergreifen jeder Möglichkeit und dem ununterdrückbarem Fuchteln der Hände vor Schmerz, Verwirrung, Überforderung, vielviel, gutviel, vielvielviel und all dem ich-weiß-nicht-bitte-mach-dass-ich-weiß.
Klettern Tag für Tag aus den Ruinen der Selbstbilder, die man sich aus Worten und Wundern geflochten hat, um eins zu haben, falls jemand danach fragt.

Wir sind Wir, wie die Welt ein Lauf so vieler Dinge ist, die man wahrnehmen und spüren, empfinden und fühlen kann.
Auf eine Art passen wir so gut in diese Welt hinein, dass jede Inkompatibilität, jede empfundene Unaushaltbarkeit so tief verwirrt, dass Wahrnehmen, Spüren, Empfinden und Fühlen zu etwas wird, das alles übersteigt, was wir sind. Oder wer wir sind.

“Multipel wird man nicht, weil es Sonntags mal keine Brötchen gab” hatte die laute H. immer gephraselt und nie habe ich mich getraut mal jemanden zu fragen, ob man aber vielleicht multipel wird, weil man sich nicht erklären kann, ob nun eigentlich wirklich Sonntag ist, wenn es doch aber keine Brötchen gibt, wie es sonst immer jeden Sonntag Brötchen gegeben hat und einfach niemand versteht, wie man sich darüber unsicher sein kann, welcher Wochentag denn nun ist. Und wenn im schlimmsten Fall auf solcherart Fragen und peinlich tiefe Ängste über die wahrhafte Existenz einer Woche in ihrem Sein und Passieren, eine noch verwirrendere Antwort, nämlich eine nichts erkärende Faust im Gesicht oder ein Tritt in den Rücken, eine Diagnose oder ein Rezept für ein Betäubungsmittel kommt.
Wenn auf das Fordern und hartnäckige Suchen einer Sicherheit und Wahrhaftigkeit im Sein des Ist, ein Missverständnis dem nächsten folgt und das Außen zu einer Ebene macht, die disharmonisch, uneins, unfassbar weit entfernt wirkt – ja wirken muss … ist die Spaltung des Selbst dann nicht eher ein Abbild einer ganz realen Unvereinbarkeit?
Werden wir, die wir viele sind, so nicht eher zu einem Beweis einer ganz logisch und natürlich vorkommen Spaltung des Laufs der Dinge, der Welt und des Ist?

Was, wenn unser Sein die einzig mögliche Antwort auf das ist, was wir wahrnehmen, empfinden und spüren?

Fundstücke #24

Ich fuhr mit dem Rad auf einen Berg zu, den ich mag, weil sein Radweg nicht kaputt ist. Da flog mir ein Insekt ins Gesicht, ins Auge.
Ich hielt an, nahm die Brille ab und hob die Hand, während es begann weh zu tun. Und dann faserten sich die Ereignisse von einander ab.

Die eine Hand griff nach der Tasche im Fahrradkorb, um die Wasserflasche hervorzuholen, die andere Hand rieb von außen nach innen den toten Fremdkörper hinaus. Der Mund öffnete sich und ich würgte an einer Masse, die sich zwischen Schreiwerdung und Ersticken nicht entscheiden konnte. Es roch nach irgendeinem Desinfektionsmittel und eine Oberfläche schmeckte nach Torf.

Ich beobachtete mich dabei, wie ich mir Wasser in die hohle Hand goss und mein Auge in die Lache hielt. Wie ich wieder aufs Rad stieg und mich mit einer ganz im Takt der Musik getretenen Fahrt auf den Berg zu trösten versuchte.
Ich schwebte neben mir her und bemerkte das erst, als ich Abends erneut mein Auge ausrieb und ein letztes Stück des Insektes auf dem Finger entdeckte.

Ich hab den halben Tag verdisst, weil mir irgendein Insekt ins Auge geflogen ist.

Ich weiß, dass ich mich auch an irgendetwas hätte erinnern können. Irgendwas mit Anfang, Ende, Kontext, weiterführender Selbst_Erkenntnis.
Hab ich aber nicht.

Ich hab einfach nur einen halben Tag verloren.
Wegen nichts.

 

Lebensrettende Selbstschutzressource am Arsch!

innere Tode

Sie führt den Bleistift rasch übers Papier auf dem Schoß und schaut mich an.
“Und wenn es wieder passiert?”
Ihre Stimme klingt ruhig, aber ich bemerke das Rot in der Frage und sehe, dass sie sich an etwas erinnert, das lange vor mir passiert ist.

“Was ist denn passiert?”, frage ich, obwohl ich es gar nicht wissen will.
Sie antwortet, dass sie schon einmal so eine innere Landkarte mit Namen angefangen hat. Atmet ein, macht einen weiteren schnellen Strich und sagt: “Und dann bin ich gestorben.”.

Der Satz schlägt auf und kullert in das leere Rund zwischen uns.

“Aber du bist nicht wirklich gestorben, richtig?”, frage ich. “Du bist ja jetzt da.”. Sie nickt. “Aber trotzdem. Vielleicht passiert es wieder.”.

Ich weiß nicht, was ich ihr sagen könnte.
Ärgere mich schon wieder diesen Prozess nicht in der Klinik durchmachen zu können. Werde wütend, weil wir allein in eine Innenarbeit gehen und zwar durch äußere Vereinbarungen gesichert sind, aber keinen gleichermaßen gesicherten Beistand für die inneren Chaosherde haben. Dass wir einfach genau keine Helfer_innen haben, die schon vor 10, 12, 14, 15 Jahren innere Tode von Innens miterlebt haben und uns heute sagen könnten, worauf wir achten könnten. Was vermeiden. Wen unterstützen. Wann nachfragen lohnt und wann es eine Krise provoziert.

Unsere Therapeutin hatte sich gefragt, ob es uns überfordert dann doch jetzt einfach in die Erstellung einer aktuellen inneren Landkarte zu gehen. Und vermutlich hatte sie genau oder einen ähnlichen, wie unseren Gedanken: “Ja – nein – keine Ahnung – aber, ohne irgendeinen Anfang, gehts nicht weiter.”

Ich schaue dem Innen weiter zu und merke, wie sich mein Zwerchfell unter den erahnbaren Ausmaßen zusammen zieht.
„Ich will das alles nicht. Nicht so. Nicht so wie es ist, weil es anders nicht geht.“.
Ich denke das so oft, dass ich den Faden verliere und erst verzögert merke, dass ich es laut ins Telefon sage. “Ich will keine Herz-OP ohne Abitur, Studium, chirurgische Megaausbildung und 20.000 Simulationen bei milliardenschwerer  Fehlerhaftpflichtversicherung  hinlegen müssen, nur weil sich die studierte Task Force of Psychotrauma verweigert und lieber Blinddärme aus Leichen popelt.”, schiebe ich nach, weil ich den Vergleich gut finde und mir das auszusprechen plötzlich wichtiger ist, als irgendeine Prüfung des Raumes, in den ich das hineinsage.

Unsere Gemögte lacht.
“Hast du Angst?”, fragt sie. “Ja.”, sage ich und weine das Weinen von jemandem vor mir einfach weiter. “Wovor?”, fragt sie.

“Ich hab keine Ahnung”, sage ich. Und ertrinke in der Panik eines anderen Innens.