Inzwischen ist das Ereignis fast ein Jahr her.
Ich träume nicht mehr davon. Manchmal habe ich gemerkt, dass ich mich in der Vorbereitung auf nächste gynäkologische Untersuchungen und Behandlungen stark versteife. Aus Angst, damit Angst und Starre während der realen Situation einzuüben, bin ich in eine Art geistig durchsichtigen Tunnel, gefüllt mit weißem Rauschen, gegangen. Ich übe also Depersonalisation. Die gesellschaftlich akzeptierteste Form der Dissoziation.
Ich bin nicht fertig mit dem Ereignis. Es ist keine heiß pochende Eiterbeule, wie man sich Trauma manchmal so vorstellt. Eher ein Pickel mit verzweigtem Kammersystem unter der Haut. An einer Stelle, die von außen nicht oft berührt wird. Wenn, dann berühre ich sie selbst. Indem ich unachtsam werde und dran denke. Wenn ich vergesse, dass Kinderwunschbehandlungen und Gynäkologie generell undurchsichtig verschämte, heikle, gleichzeitig hochsensible und brutale Themenkreise, Bewertungsfelder und zuweilen auch einfach als Ding an sich voller blinder Flecken sind. Es gibt darin keine Traumasensibilität.
Vielleicht gibt es hier und da manchmal Ansätze von Traumainformiertheit. Oho aha, ja, es gibt PTBS nicht nur bei Soldaten, hmmm, nämlich! – Aber mehr als das eben nicht.
Manchmal merke ich das wie eine wirklich irre Gleichzeitigkeit. Wie kann es denn sein, dass es einerseits so viel Wissen gibt und gleichzeitig wirklich so wenig Aus.Wirkung? Du kannst doch nicht erfahren, dass Menschen schwer unter Erfahrungen leiden, und dann nichts mit dem Wissen anfangen?! Dich nicht in irgendeiner Form damit in Bezug setzen. Dich nicht fragen, was das für deinen Umgang mit diesen Menschen bedeutet.
Manche Menschen können das aber doch. Und vielleicht muss man damit einfach leben.
Traumasensibles Arbeiten mit anderen Menschen erfordert Kraftaufwand für jemand anderen als sich selbst, während man auch auf sich selbst achten muss. Und das möglicherweise in einem Umfeld, in dem für niemanden wirklich umfassende Fürsorge vorgesehen ist.
*
Ich fühle mich übrig davon.
Das Ereignis, der Berg, der Klotz, liegt im letzten Jahr und ich, als Krümel davon, hier. Nicht genug, um dazu oder darüber wirklich in Kontakt zu gehen. Und gleichzeitig nicht wenig genug, um damit tatsächlich unsichtbar zu sein.
Ich schreibs auf. Denke nicht mehr dran. Gehe weiter.
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