das Gegenteil von “Heilung”?

Das Wort drängt sich auf, wenn man nach Input sucht, wie das Leben nach Gewalterfahrungen jeder Art aussehen könnte.

“Heilung”

Heilen von Schmerz und Verletzung, Heilen von Erschütterung und jedem Ungemach, das je die Seele berührte.
Das Runde kommt ins Eckige und das Kaputte wird geheilt.
Atmen, meditieren, die Reise ins Ich und wenn alles nix hilft, gibts ein Ausmalbuch für Erwachsene zur N3er Packung Antidepressiva.

Vor Kurzem stolperte ich in eine Erweckungs-Eso-Welt-Planeten-Errettungs-Blase und fand das Wort “Heilung” erneut sehr häufig verwendet.
Heilung durch eine tägliche Handvoll Blaubeeren in der Sommerjurte auf spanischen Bergen mitten im Schoße von Mutter Natur und andere Freud wahrscheinlich mit kreiselnden Augen zurücklassende Angebote, begegneten mir dort – und stießen mich in ihren anmaßenden Grundannahmen ab.

Nichts gegen Blaubeeren und Sommerurlaub in Spanien – sicher tut das gut und ist ein tolles persönlich bereicherndes Erlebnis – aber “Heilung”?
Was genau muss kaputt oder krank sein, wenn es durch eine Auszeit mit gesundem* Essen geheilt werden kann?

Wie unvollständig muss man sich fühlen, wenn Orts- und Gewohnheits/Verhaltenswechsel die Erfüllung (Ganzheit = Heilung) bringen kann?
Geht es dort um Schwierigkeiten, die in der inneren Ist-Struktur liegen oder nicht doch eher darum, in einem Kontext zu leben, der diese Unvollständigkeiten nicht zu füllen in der Lage ist?

Als ich anfing mich mit der Behandlung von Traumafolgen auseinanderzusetzen, war genau dies ein Punkt, der mich immer hat spüren lassen, dass meine Probleme und damit auch meine Aussicht auf “Heilung” anders liegen.
Viele Menschen, die Gewalt erfahren haben und in unserer westlichen Gesellschaft mit Rollenerwartungen aufwachsen, die teils sogar nur dann erfüllt werden konnten (und nachwievor besser erfüllt werden können), wenn man eben jene Gewalterfahrungen gemacht hat, leben ganz zwangsläufig einen Alltag, in dem sie sich unvollständig, kaputt, defizitär, minderwertig, schlecht oder krank fühlen.
Wie leicht es ist, dann die Idee der “Heilung” und der Wege dorthin zu vertreten!

Da wird dann gelernt sich abzugrenzen, Nein zu sagen, sich zu erlauben, dass man sich gut fühlt und sich selbst (für sein Können) wertschätzt.
E voila: le “Heilung” to go für nur 25 Kurzzeittherapiestunden und einer Jahreskarte fürs Yogastudio um die Ecke – und wahrscheinlich ganz rein zufällig, genau das, was am Wenigsten etwas an der ursächlich gewaltvollen Kultur des Miteinanders verändert.

“Heilung”, das ist etwas extrem Individuelles. Die Heilung des Einen ist nicht die des Anderen.
Komisch, ne – ist doch der Schaden des Einen häufig doch das Erste, das an dem Schaden des Anderen entlang definiert und bewertet wird und die Optionen zum Heilung versprechenden Weg, dann doch alles andere als so individuell verfügbar, wie sie gebraucht werden.

Wenn ich mich damit auseinandersetze, was genau mein Ziel für mein Leben nach der Gewalt ist, dann denke ich überwiegend, dass für mich die Themen “Ankommen (und das merken und aushalten)”, “Merken, was ich merke, wenn ich angekommen bin (und das merken und aushalten)” und “Okay damit sein, was ich merke, nachdem ich angekommen bin (und das merken und aushalten)”, eine große Rolle spielen.
Ich fühle mich nicht unvollständig und ergo irgendwie auch nicht heilbar.
Mich gibts und ich bin da – doch ich bin nicht dort, wo ich mich in Bezug zu Irgendwas spüren kann.

Ich habe darüber nachgedacht, ob bei mir vielleicht etwas nicht entwickelt ist oder sehr früh kaputt ging, dass mich daran hindern könnte, mich als Ich zu empfinden, wenn ich keine Resonanz auf mich erlebe.
Viele bzw. die meisten Menschen, die ich kenne, finden sich oder Teile von sich in anderen Menschen oder in Dingen, die von Menschen gemacht sind. Ich tue das nicht und habe das nie. Ich weiß, dass ich bin, weil ich bin. Ich weiß, wie ich bin, weil ich bin, wie ich bin.
Mein Gefühl der Vollständigkeit oder Unvollständigkeit braucht also nicht andere Menschen oder das Ummichherum, sondern meine Wahrnehmung davon, wie ist, was ist, was mir passiert.

Gerade in den frühen Büchern, in denen es um DIS und ihre “Heilung” geht, geht es um Vervollkommnung. Die Spaltung wird als früher nötiges Übel gesehen und ihre Aufhebung zum der Heilung im Heute notwendigen Arbeitsziel erkoren.
Das gespaltene Selbst gilt dort als erfolgreich therapiert, wenn es heil (also vereint/integriert/verschmolzen) ist – wobei sich manche Autor_innen sehr wohl auch noch über seelische Narben und die Frage des “Ende gut alles gut?” Gedanken gemacht haben. Am Ende überwog in der Literatur, die ich gelesen habe, aber doch die Idee eines grundlegenden Selbst, das unberührt von einer Spaltung des Seins (Ist) ist und mittels: Überraschung! Veränderung der äußeren Umgebung sowie Gewohnheits/Verhaltensveränderungen wie Muttererde bereit gemacht werden kann, um alles Abgespaltene (wieder) in sich aufzunehmen.

So eine schöne Idee mit so viel Entsprechung in der Natur, dem Lauf der Dinge, dem Reproduzierbaren im Kleinen, wie im Großen.
Kein einziges Sinnspruchbüchlein würde je gedruckt, ohne diese Vorstellung. Kein einziges Achtsamkeits-Meditations-Eso-Dings könnte sich ohne diese Bilder so erfolgreich vermarkten, wie es passiert.

Inzwischen wird dieses Bild in der Traumabehandlungsliteratur nicht mehr so häufig verwendet.
Man weiß inzwischen mehr über DIS, mehr über die Wege von komplex traumatisierten Menschen nach dem Ende einer Therapie. Mehr und mehr wird sich darauf verlegt einen Gedanken von Akzeptanz und ausbalancierter Integration des Geschehenen als geschehen mit individueller Benotung zu verbreiten.

Was auf mich wirkt wie: “Naja – ihr Leben liegt in Schutt und Asche – hier ein Bauplan und meine Cheerleaderpompoms – Sie kriegen das schon wieder hin.” und die Frage aufwirft, wie relevant die Idee von “Heilung” eigentlich noch ist.
Ist diese Idee eigentlich überhaupt noch haltbar oder ist “Heilung” zu einem Schlagwort geworden, das ein “das wird schon wieder” andeuten will, weil es außer motivierenden DIY-Kopfgeburten nichts zu bieten hat?

Und was ist eigentlich das Gegenteil von “Heilung”?

was ‘unsere Leute’ wissen sollten

Und manchmal geht es gar nicht darum, wie dringend ich verstanden und gesehen werden möchte, sondern darum, dass ich das Moment verpasse, in dem ich meinen Impuls übergehe, zu akzeptieren, wie dringend mein gegenüber mich und das, was ich sichtbar mache, ein_fach, simpel und leicht braucht.

Unsere täglichen Über.Belastungen sind für mich so üblich, dass ich die Menschen vergesse, deren größte Nähe zu großen, komplexen Problemen, der Kontakt mit mir ist. Manchmal und mit zunehmendem Kontakt zu anderen Menschen mehr, vergesse ich, dass es für sie ein großer Schritt aus einem Kosmos, in dem grundlegend alles als okay, einigermaßen heil, ausreichend gesund und genügend sicher wahr.genommen wird, ist, mit uns in Kontakt zu kommen.

Früher hatte ich das noch bewusster als in der letzten Zeit und habe Menschen in der Folge gemieden oder mich ihrer Sphären entsprechend angepasst.
Heute merke ich an vielen Stellen, welche Folgen so eine “aber eigentlich ist ja grundlegend alles heil und okay” – Haltung hat und bin konfrontativer. Will nicht hinnehmen, wie sich der Großteil der Menschen vor der Auseinandersetzung mit durchaus und bereits in der eigenen privaten Praxis veränderbaren Problemen, scheut oder verschließt. Will nicht akzeptieren, wie viele Menschen sich für etablierte Floskeln entscheiden, auch und teilweise sogar obwohl sie wissen, welche Aussagen sie damit auch treffen, obwohl sie sie eigentlich ablehnen.
Ich will nicht akzeptieren, wie viele Missstände by the way im täglichen Lauf hingenommen werden, weil jede noch kleine Veränderung zur Zumutung mutiert. Zu diesem einen großen Schritt in einen Kosmos hinein, in dem die persönliche , als heil und okay wahrgenommene Grundlage, schlicht nicht mehr da ist bzw. durch die etablierten kulturellen Praxen als inexistent erscheinen.

Andererseits ist es für diese Menschen eben doch manchmal eine Zumutung. Eine Überforderung. Eine Belastung, die man nicht halten kann, auch, wenn man sich grundsätzlich dazu bereit erklärt hat, sie auf sich zu nehmen.
Ich verpasse das Moment schnell, weil ich schneller bin in der Erfassung und Verarbeitung all dessen, was ist. Bis Menschen verstanden haben, was ich alles mitbedenke und worauf meine Formulierung einer Problem- oder Konfliktlage basiert, bin ich schon längst in dem Prozess der Verarbeitung des Gefühls unverstanden, ungesehen zu sein. Und manchmal eben auch des Eindrucks, umgeben von Menschen zu sein, die einfach keinerlei Resonanzboden für eine gemeinsame  oder einander verstehende Kommunikation bieten, oder dem, von Menschen umgeben zu sein, die plump drauflos raten und von sich auf mich und uns schließen und das für Gegenseitigkeit halten.

Ich nehme mir oft vor langsamer zu machen. Atmen, denken, warten, Gedankenstopp.
Leider bedeutet “Gedankenstopp” bei mir noch immer “dissoziieren”, weil es denkt, wie es denken kann – egal, ob ich das bewusst halten will oder nicht.
Dabei ist der günstige Verlauf noch der, dass, wann immer ich mir sage: “Stopp ”, mein Denken die 100 Shades of “Stopp” mit all ihren Auswirkungen, eventuellen Bedeutungen in diversen (allen) Kontexten und Fragen, die sich an diesem Umstand generell entlang befinden (like: Müssen sich Tiere –> Reptilien –> [neurologischer Aufbau und erforschte Befähigungen von Reptilien] eigentlich auch in ihrer Verarbeitungsgeschwindigkeit stoppen oder verhindert ihre neurologische Befähigung dies?) bearbeitet.
Die ungünstige Variante ist, dass ich irgendwo an eine Gedankenstelle komme, die etwas Unverarbeitetes (also Traumainhalte) negativ angetriggert und mich komplett aus dem Kontakt reißt und das ist leider genau die Variante, die ich und wir am Tag mehrfach erleben.

Und ja, das bedeutet auch, dass ganz übliche Missverständnisse oder Momente, in denen man einander erst einmal auf eine Ebene bringen muss, bei uns Wechsel auslösen und damit sogar unmöglich machen, dass manche Innens (so wie ich) überhaupt je erleben, wie sich ein Konflikt oder eine schwierige Situation in eine Gegenseitigkeit oder ein thematisches Verbundensein auflösen.

Wenn man ein bisschen was übers Vielesein weiß, dann weiß man auch, dass wir Innens jeweils andere Fertig- und Fähigkeiten haben und oft auch von sich sagen: “Mein Leben ist ein ganz anderes als das der anderen.”. Vielleicht hilft meine Beschreibung solcher Kommunikationsprobleme und ihrer Folgen ein bisschen besser zu verstehen, wie es zu dieser Aussage kommt.
In meinem Kosmos gibt es Zillionen ungeklärter Konflikte, in denen ich nicht gesehen werde und mit dem Gefühl zurückbleibe, eine Lösung sei immer irre wichtig – aber nie von mir machbar, denn ich habe nie erlebt, wie sich etwas, das ich aufzeige, in gegenseitigem Verstehen löst.

Mein Kosmos ist damit auch grundlegend nicht heil und okay und auch: nicht veränderbar.
Denn auch diese Erfahrung fehlt mir. Ich bin immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen sich dazu entscheiden diesen meinen Kosmos aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus zu betreten und wieder daraus zu verschwinden, aber mit mir zusammen einen gemeinsamen zu bilden funktioniert nicht.
Ich kann nicht einmal bewerten, wie das für mich ist, denn erfahren habe ich das noch nicht. Aber meine Vorstellung davon, wie es wäre gemeinsam zu sein, ist schön. Immerhin schön genug, dass ich diese Erfahrung gerne mal machen möchte.

Manchmal spüre ich die Anstrengung des Gegenübers und nehme mir vor, es in Ruhe zu lassen. Ich mache mich selbst weg und verschließe mich vor der Person. Dann gehe ich aus dem Kontakt und nehme den Konflikt mit. Ich ordne ihn mein Bild davon, wie die Welt und das Miteinander für mich funktioniert und vielleicht, durch die mir durchgehend bewussten Wiederholungen bestärkt, auch immer nur laufen kann.

Und will all diejenigen beißen, die mir erzählen, wie grundlegend okay und heil doch alles eigentlich ist.
Wenn sie beim nächsten Mal über mich stolpern.

Was sollen denn die Leute denken?

Wann immer ich auf Menschen treffe, passiert es, dass ich merke: da gibt es ein Paralleluniversum. Da gibt es ein Wertesystem, eine Einordnung dessen, was ich transportiere, eine Falle, in die ich hineintappe, egal wie zart, überlegt, vorsichtig, respektvoll, anerkennend, lieb und artig ich meine social awkward Elefantenfüße in den Kontakt halte.

Wann immer ich gegen eine falsche Einordnung angehe, gelte ich als “wehrhaft”, “aggressiv”, “störrisch”, “zickig”, “launisch”, “motzig”, “aufmüpfig”, “mutig”, “unbeugsam” oder ein anderes Innen als “monologisierend”, “intellektuell zu anspruchsvoll”, “haarspalterisch”, “kleinlich”, “anstrengend”, “viel” oder ein anderes Innen als “komisch”, “awkward”, “offensichtlich behindert”, “bedrückt”, “dissoziativ (bzw. als “sich in die Dissoziation flüchtend”), “unsozial”, “einzelgängerisch”.

Es hilft nicht und tröstet auch nicht zu wissen, dass andere Menschen meine Inhalte nicht “falsch” einordnen, sondern “anders (als ich)”. Im Gegenteil. Tatsächlich gibt es mir das Gefühl ohnmächtig und handlungsunfähig zu sein, denn was genau ich tun muss, damit Menschen mit mir gleichermaßen einordnen, was wir einander mitteilen, weiß ich nicht und wusste ich noch nie.
Was ich tue ist, dass ich immer wieder sage, dass nicht stimmt, wie mich andere Menschen einordnen. Und dann merke ich, dass die Menschen nicht verstehen, warum für mich wichtig ist, dass sie mich richtig einordnen.

99% aller Gespräche, die ich mit Menschen führe, haben etwas mit Hilfen und Unterstützung zu tun. Mit Zusammen.Arbeit und entsprechenden gegenseitigen Abhängigkeiten. Ich bin das Innen, das unsere Therapeutin als “starkes Innen, das den schwachen Innens helfen kann, weil es ja so stark (wehrhaft, aufmüpfig, mutig…) ist” eingeordnet hat.
Ich bin das Innen, vor dem andere Menschen sich fürchten oder Angst haben, weil ich es selten bis nie akzeptiere, wenn meine Probleme und Konflikte auf mich allein individualisiert werden und ich die Menschen in ihrem Anteil daran zur Mit.Verantwortung ziehe. Niemand mag mich, weil si_er sieht und versteht, wie Dinge und Momente auf mich wirken – die meisten nehmen mich hin, weil sie am Ende etwas davon haben und ich nicht das einzige Innen in diesem Einsmensch bin.

Die Konsequenz ist, dass ich überfordert und überladen werde. Immer wieder. Und damit auch immer wieder in Erinnern und Auftauchen im Alltag getriggert werde. Ich weiß nicht, was genau ich tun muss oder kann, um das zu unterbrechen. Denn, das was ich denke, was ich tun kann, tue ich. Mit inexistentem Erfolg.

Noch immer fragt die Therapeutin nach mir, wenn es einem Innen nicht sehr gut geht, ein Alltagsproblem zu klären ist oder die Idee da ist, dass es funktionales Re_Agieren braucht.
Noch immer sagen mir Menschen, ich würde Dinge falsch einordnen oder, wenn sie sich bemühen aus dem Wertungsbias rauszugehen, “anders” einordnen und “aber, eigentlich …”.

Am Ende merke ich immer öfter, wie ich in einem Kontakt stehe und Risse in mir selbst fühle, weil von all dem, was ich sage, genau nicht eingeordnet wird: “Hier gibt es ein Missverständnis. Hier gibt es ein gegenseitig falsches Einordnen. Stopp. Bitte Stopp.”.
Manchmal denke ich, dass das nicht gehört wird und manchmal merke ich, wie es als Dominanzgeste von mir eingeordnet wird, wenn ich es ganz platt durchziehe und nämlich ein Thema, eine Auseinandersetzung, einen Konflikt beende. “Aha, jetzt hab ich sie am Arsch – jetzt hat sie keinen Bock mehr zu reden. So Kindergarten, ey!”

Das sollen die Leute natürlich nicht von mir denken. Ich habe kein Interesse daran Recht zu haben, die Bestimmerin von allem zu sein oder, dass mir nur nach dem Sinn gesprochen wird. Solche Ebenen sind mir egal, weil sie für die Dinge, die mich und uns so allgemein beschäftigen keine Rolle spielen.
Sehr wohl aber spielen sie für andere Menschen eine Rolle, denn diese Ebenen bestimmen offensichtlich sehr maßgebend mit, wie was von wem eingeordnet wird.

Sitzt ein Huschi in der Therapie und sagt: “Stopp” oder verbröckelt unter einer Dissoziation, gilt es nicht als Akt des Versuchs die Situation (oder die Therapeutin dominierend) zu bestimmen (jedenfalls nicht bei unserer Therapeutin und auch nicht bei anderen Menschen in unserem Umfeld). Aber wenn ich das sage, als anscheinend normal funktionierendes Alltagsinnen, dann aber auf jeden Fall.
Mein Stopp gilt als ein anderes, als eines von einem anderen Innen und das hat nichts damit zu tun, dass ich selbst ein anderes Innen bin, als das andere. Wir werden nur jeweils anders eingeordnet. Und zwar von Außenstehenden.

Manchmal merke ich, wie ich in die getriggerte Schleife hineinkomme, in der ich nur denke: “Nein Stopp Ich will das nicht” und merke, wie ich überhaupt gar nichts weiter aufnehmen – gleichzeitig aber auch nicht herausbringen könnte.
Ich merke selbst, wie ich in so einem Moment nur darauf warte, dass es aufhört und meine Gefühle kompensiere, indem ich aktiv gegen die Einordnung des Gegenübers angehe. Ich weiß, dass ich in solchen Momenten will, dass die Leute hauptsächlich aufhören irgendwas von mir zu denken. Ich will weg sein – ich will raus aus ihrem be.denken sein – will verschwunden und unsichtbar sein – aber statt mich aufzulösen, werde ich immer fester ins Bewusstsein gekettet. Ich kriege meinen Durst, sehe diese eine Wand und merke, wie die Haut allein das Fleisch um mich herum zusammenhält. Und kann genau nichts dagegen tun oder sagen oder machen, dass ein anderer Mensch entsprechend seiner falschen Schlüsse einordnet, was mit mir ist und was bedeutet, was ich sage.

Ich merke, wie die Menschen in unserem Leben diese meine – ja Qual, ich will es nicht anders nennen, denn für mich ist es quälend und schrecklich – für einen Teil von uns halten und so einordnen. Für viele Menschen “bin ich halt so” oder “habe eben manchmal solche Momente, in denen es nervig und anstrengend ist mit uns zu tun zu haben”.
Für sie ist es nicht das Miterleben eines Flashbacks und schon gar keine Zeugenschaft meines Wiedererlebens einer Traumatisierung, die mich zur Folge hatte.

Und ja. Das ist bitter. Traurig. Schlimm. Ich empfinde mich unsichtbar in meinem Schmerz. Vielleicht auch ungehört in meinem Schmerz. Obwohl ich ihn äußere. Obwohl ich ihn nicht verberge. Obwohl ich transparent damit umgehe und immer wieder sage, was ich wie wahrnehme.
Aber ich tue es mit den falschen Botschaften. Auf meine Worte achtet man nicht. Worauf stattdessen geachtet wird, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was genau ich wie anders kommunizieren muss. Muss ich mehr lächeln? Muss ich bestimmte Handgesten machen? Muss ich meine Körperhaltung irgendwie anders machen? Muss ich die Tonlage meiner Stimme anders machen? Oder muss ich einfach nur nicht ich sein? Ist das das ganze Geheimnis? Dass man sich einfach nur verstellen muss und ein so-tu-als-ob-Spiel veranstaltet, damit die Leute denken, was man selbst denkt?

Ist das Geheimnis des Verstanden werdens dann am Ende nicht einfach nur Manipulation? Wie echt ist ein gegenseitiges Verstehen, wenn ich gemacht habe, dass jemand denkt, was ich denke?

Was würden die Leute denken, wenn ich ihnen sage, dass ich sie mittels bestimmter Veränderungen meiner Kommunikationskanäle dazu gebracht habe, mich zu verstehen? Wie berechtigt wäre dann meine Sicht auf mich als jemand, die kein Interesse daran hat, die Einordnungen anderer Menschen zu dominieren bzw. zu bestimmen?

K.

“Hör doch auf mir helfen zu wollen!”, beendete sie das Gespräch mit unserer Gemögten und besiegelte es mit dem Ausschalten des Handys. Ihr Puls flatterte unter der Haut und ein Jemand schleuderte den rechten Arm mit aller Wucht gegen die Backsteinwand neben ihr.

Es ist halb 2 Uhr nachts und sie noch immer damit beschäftigt sich von der Therapie und den ausgelösten Gefühlen runterzuregulieren.
Während sie sich mit dem Rücken gegen die Kellerwand stemmt und ein Paket tiefgefrorenes Fleisch an den geprellten Handrücken hält, schaut sie auf die alten Fahrräder, den verdreckten Fahrradanhänger, den Sperrmüll, den selbstgebauten Hörnchenkäfig, die letzten nie geöffneten Umzugskartons.

Ich merke, wie sie dagegen ankämpft zu weinen oder die unwillkürlichen Laute von sich zu geben, die Menschen so von sich geben, wenn sie etwas loslassen, das sie bedrückt. Von Schlauberg tropft der Impuls herunter das bestehende Adrenalinlevel zu nutzen. Sie atmet durch, putzt sich die Nase und trägt das Fahrrad vors Haus. Wir ziehen sie an und klemmen ihr den Helm auf den wirren Kopf.
Meine Flügel halten ihre Hände auf dem Lenker und sie rast los.

Wir hören ein Käuzchen und erschrecken einen Hasen als wir durch die Gegend fahren bis die Kälte des Fahrtwindes in der Lunge sticht.
Die untrainierten Beinmuskeln fühlen sich an wie heiße Metallteile. Es regnet.

“Merkst du dich eigentlich?”, frage ich sie und betrachte fasziniert, wie sie sich durch ihre eiserne Haut allein zusammenhält. “Ach.”, antwortet sie und scheucht mich aus ihrem Denken.
“Ich will nicht, dass ‘es mich gibt’.”… “Ich will nicht ‘da sein’.” … “Ich will ‘mich’ nicht merken.” … “Ich will nicht.” … “Ich will nicht, dass es ‘mich’ gibt.” … “Ich will nicht angeguckt werden.” … “Ich will nicht ‘da sein’.”

Wir steigen vom Rad und setzen sie auf eine Parkbank. Langsam kriecht die nasse Kälte von der Kleidung auf die Haut und lässt sie schaudern. Wir warten bis sie zittert und mehr und mehr Worte sie aus ihrem Denkkreisel heraustreten lassen.

Die ersten Vogelstimmen sind zu hören, als wir mit einer Wärmflasche unter allen Decken und Gewichten, die wir finden konnten, in unserem Bett liegen.
“Ich will DAS DA einfach nicht. Klar?”, denkt sie in das Rund zwischen sich und allem. “Klar.”, antworte ich und fühle sie in meine Federn rieseln wie feiner Strandsand.

inside Panik

Von Ende 2002 bis Anfang 2004 waren wir Patientin in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Beziehungsweise: einer Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik. Für Kinder und Jugendliche.
Manches war gut, manches nicht. Manches war hilfreich, manches nicht.

Gestern Abend habe ich mich daran erinnert, wie wir zu der Zeit Menschen verletzt haben, wenn sie uns in Panik oder Flashbacks angefasst haben. Ich spreche gerade von richtig heftigen Verletzungen – nicht nur den blauen Flecken, die man halt mal kriegt, wenn man es mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die Probleme haben ihre Affekte zu regulieren.

Ich habe mich daran erinnert, weil uns der Schulleiter gestern Nachmittag in der Dunkelkammer eingesperrt hat. vermutlich, weil er vergessen hat, dass wir noch darin gearbeitet haben. Es kam zu einer Panikattacke und einem Flashback. Einem Klinikflashback. Einem Flashback in ebenjene Zeit zwischen 2002 und 2004, in der wir umgeben von Menschen eingesperrt waren, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas bringt an die Tür zu klopfen, wie wir es gestern taten. Ohne immer wirklich klar zu haben, ob die Tür unseretwegen oder wegen einer anderen Person geschlossen war.

Eine Lehrerin auf der Etage hat unser Klopfen gehört und die Tür geöffnet.
Und unseren Arm gestreichelt um uns zu trösten und zu beruhigen.
Für mich hat es sich angefühlt als würde jedes Streichen ihrer Hand auf unserem Arm eine Hautschicht wegätzen. Es war eine überbordende Schmerzempfindung und im Innen krachte das heulende Monster gegen seine Käfiggitter bis sein Raum einstürzte und es unter den Trümmern begrub.

Mein Blick nach innen wurde weiß rauschend und giftstill.
Funktionsmodus. Alltagsdissoziation. NakNak* an der Leine, die um unsere Hüfte gelegt war und Renée am Telefon als Anker ins Heute.

Ich entschied mich für das freundliche Auflösungsmodul. Lächeln, nicken, lose bis unverbindliche Wortketten an das Gegenüber geben, sich aus der Berührung winden und zuhören. Trösten und beruhigen, damit sie aufhört mich trösten zu wollen. Aufhört mich mit Worten zu überschütten, deren Inhalte mir wie Reiskörner durchs Begreifen rutschen.

Ich ging in unseren Alltag zurück. Fotografierte eine stachelige Pflanze im Abendlicht. Wäre gern selbst die stachelige Pflanze gewesen.

Am Abend dachte ich, dass ich auch gern wieder das heulende Monster in unserem Leben hätte. Weil es unseren, meinen, seinen Schmerz an so einer Situation so viel klarer und unmissverständlicher zeigt. Weil es so viel klarer definierbar macht, was okay ist und was problematisch.
Und weil es unsere Probleme deutlicher markiert. Unser Sein in bestimmten Kontexten. Und auch eine Option dessen, wie wir re_agieren könnten. Eine Option, wie wir auch sein könnten.

Der Mensch, der uns eingeschlossen hat wird sich leicht sagen können, die Konsequenzen seines unbedachten Handelns wären ja nicht dramatisch oder schlimm oder problematisch, weil „sonst würden wir ja was sagen oder machen“. Etwas, das er merkt und ernst nimmt.
So ein freundliches Auflösungmodul ist er gewohnt. Das macht in seinem Kosmos nichts weiter. Es gilt als “Nicht weiter relevant.”, “Nicht weiter auffällig.”, “Kann man unbesehen an sich vorbei ziehen lassen.”.
Wäre das Monster durch mich hindurch geprescht wie früher, hätte es “einen ernsten Zwischenfall mit einer psychisch kranken Schülerin” gegeben. Natürlich hätten sich dann auch eine Zillion Vorurteile bestätigt und die Wahrscheinlichkeit, dass wir so ernst genommen werden, wie wir es uns wünschen würden, wäre genauso hoch wie jetzt. Aber Raum für einen Zweifel daran, dass diese Situation für uns dramatisch, schlimm, problematisch war, hätte es nicht mehr gegeben.

Wir haben solche Anwandlungen nicht oft. Es ist selten, dass wir uns wünschen andere Menschen könnten direkt wahr- und aufnehmen, wie Dinge für uns sind oder auch, wie sich Situationen für uns darstellen und was sie in uns auslösen. Für uns ist es in der Regel eher angsteinflößend und negativ triggernd, wenn Menschen uns sehen und lesen können. Auch das eine Folge von Erfahrungen sadistischer Gewalt. Für uns gilt es nachwievor als gefährlich, wenn Menschen uns sehen oder uns zwingen uns ansehen zu lassen. Für uns gilt “gesehen werden” noch immer in weiten Teilen als “durchschaut werden” (= ausgenutzt, reingelegt, in der eigenen Wahrnehmung verdreht gedeutet werden) und damit auch von jemandem geistig und/oder emotional an sich gerissen oder auch vereinnahmt zu werden.

Aber wenn man uns helfen oder unterstützen möchte und wir merken, dass das ein aufrichtiger Wunsch ist von einer Person wie dieser Lehrerin zum Beispiel, oder auch Behandler- und Begleiter_innen, dann wünschen wir uns immer öfter in den letzten Jahren, dass sie sehen können, wenn sie uns mit ihren Hilfeversuchen ganz konkret weh tun, uns überfordern und manchmal auch schlicht dabei stören uns selbst zu helfen.
Damit sie, wenn sie das wissen, anders versuchen uns zu helfen und/oder zu unterstützen.

Deshalb habe ich gestern bei Twitter noch ein kurzes “Alternativ-How-To” für Außenstehende bei Panikattacken geschrieben:

– Panikattacke/Angst = Sicherheitsgefühl nötig, Sprache schwer
(Panik und viele Angstattacken auch, passieren in einem Teil des Gehirns das fern von (Laut)Sprache ist. Viele Menschen in Panikattacken können nicht sprechen und kommen in zusätzlichen Stress, wenn Worte von ihnen verlangt werden. Neurologisch ist es (nach derzeitigem Wissenstand) unmöglich dem nachzukommen! Kommunikation mit Gesten, Gebärden, Zeichen, Symbolen ist oft viel einfacher und zielführender)

– ruhig bleiben
(Diskussionen darüber, was die Person denn hat (was in ihrer Anwesenheit schon mal nicht so eine respektvolle und achtsame Nummer ist)  und, dass man das kennt, weil XY in der Familie hatte das auch mal und all das Blablabla, weil man unsicher ist und Angst hat irgendwas kaputt zu machen – stop it! – nutz die Energie für andere Dinge, wie …)

– sagen, dass die Lage beobachtet wird —> „Ich sehe dich – ich sehe, dass du Angst hast – ich sehe deine Zeichen mir zu sagen, was dir hilft.“
(Konzentriere dich darauf und nur auf diese Situation. Du kannst nichts kaputt machen, denn der Person geht es schon schlecht.)

– In Panikmomenten gilt das konkrete Hier und Jetzt – reagiere auf das konkrete Hier und Jetzt – schick Gaffer und Stresser weg, sorge für ruhige Umgebung
(Für uns sind in solchen Momenten alle Reizkanäle auf – jedes Geräusch, jede Berührung, jede sichtbare Bewegung und Unruhe tut uns dann weh – je weniger passiert, desto besser. Wenn jemand uns abnimmt auf konkrete äußere Gefahren für uns zu achten, schließen wir die Augen und halten uns selbst die Ohren zu, um uns diese ruhige Umgebung zu schaffen und hören damit wieder auf, wenn es geht.)

– frag, ob Körperkontakt ok ist oder gebraucht wird. Halte dich seitlich von der Person – überfrachte sie nicht mit Worten, Forderungen u.ä.
(seitlich zu stehen ist für uns gut, weil ein Fluchtweg sichtbar offen bleibt und weil es für uns angenehmer ist Menschen peripher wahrzunehmen – wir trauen uns dann auch eher ihre Worte und Forderungen auszublenden – gerade, weil wir sie in Panik noch ein Level mehr als üblich nicht verstehen und adäquat reagieren können und uns das verwirrt und beunruhigt und stresst und genau das überhaupt nicht hilfreich ist)

– Panikattacken haben einen Anfang und ein Ende – betrachte dich als Begleiter_in der Person bis zum Ende der Panikattacke
(bitte bitte bitte denk nicht du könntest mit irgendwas eine Panikattacke beenden und die betroffene Person aus “ihrer Not retten” – das wär toll, wenn das ginge, dient aber nur dir selbst. Es ist gut für euch beide, wenn du einfach nur da bist. Durch so eine Erfahrung bzw. Empfindung allein zu gehen wäre schlimmer. Du bist nicht allein, weil die betroffene Person da ist und die betroffene Person ist nicht allein, weil du da bist. Auch wenn ihr nicht das Gleiche empfindet, geht ihr beide durch die gleiche Erfahrung. Miteinander. Das macht viel aus.)

– Ist die Attacke vorbei, ist sie vorbei. Zeit sich dem Alltag wieder langsam zu nähern. Die Person entscheidet, wie dieser aussehen soll!
(Ich habe eine Pflanze fotografiert, bin durch die Stadt nach Hause gegangen und habe Entscheidungen getroffen, die mir gut getan haben. Andere Menschen hätten mich vielleicht in ein Taxi gesetzt und ins sichere Zuhause verfrachtet, wo ich dann mit der aufgestauten Körperenergie (Panik setzt manchmal eine Menge Zeug frei, damit der Körper schnell fit für Flucht oder Kampf ist) gewesen wäre und irgendwann zu dissen angefangen hätte, weil es für den Körper noch nicht als “vorbei” abreagiert und sortiert war. )

– sprecht darüber, was geholfen hat und was nicht. Aber erst nachdem genug Zeit war darüber nachzudenken
(Ich finde es schlimm, wenn ich direkt nach so einem Erlebnis nochmal daran denken soll. Manchmal müssen wir auch erst Schamgefühle vor anderen Menschen überwinden oder auch beruhigt über die soziale Verbindung sein, bevor wir darüber reden können. Und sehr oft müssen die Menschen, die bei uns waren, wenn wir eine Panikattacken oder auch einen Flashback hatten, sortieren was da war und wie sie sich währenddessen gefühlt haben, weil sie sonst ihre Gefühle mit uns verstricken und das fürs Miteinander ungünstig ist.)

nur eine weitere Facette früheren Horrors

Ich stelle es mir genau so vor.
Da ist eine Idee. Eine Fantasie. Und irgendwie kommt man in ihren Bann. Verknüpft Gefühle mit ihr. Baut sie sich aus und malt sie sich schön an. Wie ein Haus, das eines der schönsten Zuhauses werden soll, das man sich vorstellen kann. Und dann vergisst man, dass es eine Idee ist. Eine Fantasie, die gut in dem Knochengehäuse zwischen den Ohren aufgehoben ist und dort ihr schönstes Zuhause haben kann, solange sie nicht weh tut.

Ich stelle mir vor, wie Menschen, die zu Opfern wurden irgendwann erleben, was wir gerade erleben und dann vergessen, dass es nur einen sicheren Ort dafür gibt. Das Kopfinnere. Am besten die Stelle, an der sich nichts lange hält, weil alles immer gleich neu verarbeitet wird.
Ich stelle mir, wie Menschen erleben, was wir gerade erleben und zu Täter_innen werden, weil ihr Kopfinneres keine solche Stelle hat. Weil sie nicht gebraucht wird. Weil es keine Impulse gibt, sie zu etablieren. Etwa durch eine Psychotherapie. Oder einen anderen Prozess der Reflektion und Transformation.

Wir erleben Gewaltideen. Beziehungsweise: Wir Rosenblätter erleben, wie etwas neben uns tritt, das Gewaltideen hat. Und sich unsere Alltagsgegenstände, Alltagsgedanken, Alltagsschmerzen, Alltagserbsenmomente zum Baumaterial dafür nimmt.
Aber unsere Alltagsangst verschmäht. Unser Erschrecken über diese Ideen. Unsere Furcht plötzlich an den Punkt gelangt zu sein, an dem wir von der netten Multiplen aus der Nachbarschaft zu einer psychopathologisch monströsen Horrorfilmfigur gerieten.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich über Täter_innenintrojekte gelesen. Wissen natürlich, dass kein Mensch solche Gewaltexzesse wir wir sie erlebten übersteht und dann nie wieder mit Fragmenten, Ideen, Bildern, Szenarien ähnlicher bis gleicher Art konfrontiert ist.
Nur dachten wir bisher unsere Konfrontation damit würde nie die Form verändern, sondern immer hübsch begrenzt auf die Räume innerhalb “unkontrolliertes Erinnern” (also Flashbacks, Intrusionen, Bildererleben, Gedankenschleifen, Pseudohalluzinationen) bleiben und damit auch begrenzt auf genau einen Ort und genau einen Zeitraum: “unser Kopfinneres” und “Früher im Jetzt”.

Durch das Einbeziehen unseres Alltagskosmos erscheinen uns diese Ideen nicht im Raum “Früher im Jetzt”, sondern in “Früher und Jetzt”. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und wenn doch, dann ohne den Kern dessen zu berühren, was dort passiert.

Was uns in unseren Ego-Ich-kann-meine-Welt-nur-allein-retten-Verpisst-euch-alle-Trips früher oft zum Verhängnis wurde, könnte uns nun vielleicht auch an dieser Stelle passieren. Ein Innen oder mehrere? oder, wenn wir bei unserem Wort “Täter_innenenergie” bleiben wollen, könnte nach außen agieren, als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und hätte ergo keinerlei Bindung an das, womit wir uns hingegen inzwischen relativ fest und stabil verbunden fühlen.

So könnte es entstehen, das Multimördermärchen, das in der Mehrheit der Krimis, Thriller und Horrorfilme, in denen Menschen mit DIS oder DDNOS als Täter_innen auftauchen, erzählt wird. Genau so.

Wir haben unserer Therapeutin eine Nachricht geschrieben. Wir schreiben jetzt darüber. Öffentlich.
Und brechen damit aus unserer Angst hervor in Todesangst zu geraten. Stumm und starr vor dem Innen zu werden, nur weil es auf eine Art nach unserem Heute greift, ohne es als solches zu identifizieren oder als solches anzuerkennen.
Vielleicht auch: ohne es als solches identifizieren oder anerkennen zu können.

Wir kennen Innens, die nach unserem Heute greifen und nicht damit umgehen können. Wir kennen das schon und wir haben das schon oft regulieren können.
Es ist eigentlich nichts Neues.
Eigentlich.

Es ist nur eine weitere Facette früheren Horrors.
Eine, die anders weh tut, als die anderen.

das Bewerbungsgespräch

2:02, 5:18, 8:20
Wenn ich mich auf eines verlassen kann, dann ist es gewissenhaftes viel-zu-früh-aufwachen vor wichtigen Terminen. Es sei denn, ich verlasse mich auf ebenjene Gewissenhaftigkeit. Dann überhöre ich den Wecker oder vergesse gleich ihn überhaupt zu aktivieren.

Heute war ein wichtiger Termin. Der Termin mit dem Bewerbungsgespräch und dem Eignungstest zur Ausbildung zur staatlich geprüften gestaltungstechnischen Assistenz mit dem Schwerpunkt  Medien/Kommunikation.
Der erste Bewerbungsgesprächstermin mit Eignungstest überhaupt jemals.
Der Termin zu dem ich NakNak* mitnahm und einen Menschen hinzugebeten habe, um mich selbst_sicherer zu fühlen.

Gestern Abend kroch noch Furcht umher, ob wir unsere Assistenzhündin überhaupt wirklich mitnehmen, oder nicht doch wie üblich unsere Einzelkämpfer-Xena-Feuerlöwen-Power-Panzerung überziehen und einfach allein losgehen.
Doch das Aufwachen in der Nacht, die Therapiestunde gestern und die feinen Dissoziationsnebel, die mit der unerwarteten Menstruationsblutung kamen, erleichterten die Entscheidung.
Ja, – haltet es ruhig für auch cissexistischen Quatsch, wenn es um “kraftvolles weibliches Bluten” geht, aber ich hab mich sehr stark gefühlt in dem Moment, weil ich mich erinnerte, wie viel schweren anstrengenden Kram wir jeden Tag, jede Woche, jeden Monat nebenbei stemmen und einzelne Ereignisse, wie dieser Termin, nicht deshalb schwer für uns sind, weil es so viel bedeutet, oder so viel für uns davon abhängt, sondern, weil sie auch unüblich, schwer vorhersehbar und von uns selbst schwer zu beeinflussen sind.

Dinge geschehen, wie sie geschehen und wir kommen damit zurecht.
Ein besseres Signal uns daran zu erinnern, hätten wir an dem Tag nicht bekommen können.

Vor lauter Gewissenhaftigkeit waren wir auch zu früh an der Schule und bummelten durch ein Waldstück dahinter. Es war unheimlich friedlich und beruhigend. Ein Erbsenmoment in Ortsformat sozusagen. Wir beobachteten zwei Buntspechte, hörten Meisen und Rotkehlchen, sahen Amseln und Holzscheitstapel.

Zurück vor dem Gebäude hieß es „warten“. Während eine Person möglichst laut und allgemein raumeinnehmend Quatsch redete, tropfte Wasser vom Dach über uns.
NakNak* schnüffelte, guckte, schnüffelte, guckte und tat auch sonst nichts Aufregendes.

Dann gingen wir rein, suchten uns einen guten Platz und begannenen den Eignungstest.
Und dann meldete NakNak* den Krampfanfall, vor dem wir seit Jahren Angst hatten, dann aber doch noch nie passiert ist.
Wir verlieren nicht immer das Bewusstsein und auch nicht immer fallen wir um. Es sind schlicht plötzlich krampfende Muskel(gruppe)n und unkoordinierte Bewegungen. Ich atmete, wartete, atmete und deutete NakNak* auf meinen Schoß zu kommen. Der Krampf löste sich, ich atmete und widmete mich der Aufgabe, anhand zweier geometrischer Figuren einen Kontrast darzustellen. Ich schaute nicht hoch, guckte nicht, ob jemand guckt.

In der letzten Aufgabe ging es um einen passenden Bildausschnitt einer Szenerie am Meer.
NakNak*s Fell unter der leicht zitternden Hand, das Rauschen in den Ohren, das Meer vor Augen.

Atmen. Warten. Als eine der Ersten fertig sein. Atmen.
Zeit fühlen. Heute wissen. Jetzt schmecken.

Der Begleitermensch kam an. Das Ende der Testzeit wurde eingeläutet.
Wir redeten und überbrückten die Wartezeit zum Bewerbungsgespräch von einer Stunde.
Ich las die lieben Twitternachrichten. Freute mich. Fühlte mich nah. Irgendwie – so gar nicht, als würde hier etwas passieren, dem wir uns zu einer Zilliardennervenzellenkapazität widmen wollsollmüssdürfen.

Es ist einfach so passiert, wie es eben passiert.

Da ging die Tür auf, ich fasste drei Hände an und schüttelte daran herum. Lächelte, nickte, redete über mich, über die Abendrealschule, über viele Bewerbungen und erklärte, was “einfache Sprache” ist. Zeigte unsere Arbeiten und wurde mit Lob überhäuft.
“Ich hab ja fast Angst, dass wir Sie unterfordern”, sagte eine Person und ich antwortete, wie gut das für uns wäre. Einfach so. Hab ich das gesagt und wurde verstanden. Denke ich jedenfalls.

Wieder sagte jemand, es wäre “erbaulich” und “außerordentlich interessant” sich unsere Arbeiten anzusehen.
Und ich lächelte und ließ das Lächeln stehen.

Für den Prozess ist es egal, ob man darüber lächelt, weil es ein lustiges Bild ist, wie unsere Arbeiten Dinge “erbauen”, einfach, indem sie angeschaut werden und “außer_ordentlich (also: unordentlich) interessant” sind, oder als eine dieser rätselhaften Gesten, die Menschen eben machen, wenn ihnen andere Menschen so etwas sagen.

Es war schön rauszugehen und erwartet zu werden. Vom Begleitermenschen und all den ganzen vielen Menschenherzen, die uns heute die Daumen drückten und gestern auch ermutigt haben NakNak* mitzunehmen.

Es ist irgendwie neu, dass Dinge geschehen, wie sie geschehen, noch während andere Menschen mit uns sind, obwohl sie gar nicht da sind.

Und jetzt? Jetzt warten wir zwei bis drei Wochen und wissen mehr.
Egal, wie es ausgeht: für die Erfahrung war es gut.

das elternunabhängige Kind

Ich komme gerade vom Jobcenter und habe eine Telefonnummer vom BAföG-Amt im Rucksack. Wenn wir eine Berufsausbildung anfangen, werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Ohne die Familie*.
Wie immer in Sachen “Auseinandersetzung mit der Verwaltung unseres Lebens” erlebe ich den Umstand einer noch lebenden und wirtschaftenden Herkunftsfamilie als Fallstrick.

Wir kennen die Optionen des elternunabhängigen BAföG und wir kennen all die anderen Möglichkeiten.
Auf der formalen Ebene ist alles klar.
Wir sind sicher. Wir bleiben sicher.

Aber der Gedanke. Die Erinnerung, dass es sie noch gibt. Viele Kilometer weg von hier. Ohne mich und trotzdem noch “meine Familie*”.
Ganz ehrlich: ich möchte lieber in den Bauch geboxt werden, als diesen Gedanken zu haben. Diese Erinnerung.

Und daneben wieder die Erfahrung in strukturellen Versorgungsoptionen nie ohne die Herkunftsfamilie auftauchen zu können.
Das Jobcenter schaute was von den Eltern zu holen ist. Das BAföG-Amt würde danach schauen wollen. Wenn es um Leistungen vom Landschaftsverband wegen des betreuten Wohnens in Familien geht, wird vielleicht auch danach geschaut.
Für die deutsche Behördenlandschaft sind wir das Kind unserer Eltern.
Das behinderte Kind unserer Eltern.

Wir sind nicht und können auch nirgendwo zur Anerkennung einfordern, dass wir auch das von den Eltern traumatisierte und behindert gemachte Kind waren. Und heute erwachsen sind. Mit dem Wunsch selbstbestimmt, autark und eigenverantwortlich zu leben und zu wirtschaften.

In den letzten Tagen bewegen wir auch unseren Antrag an den FSM in unseren Gedanken und der Wohnung hin und her. Lassen hier was liegen und verstecken dort etwas. Kratzen den ganzen getrockneten Frustschleim von unseren Herzen und registrieren am Ende doch erschreckt das Ausmaß der Verletzung, die all die bürokratischen, allgemein formalen Bezüge unserer Gewalterfahrungen im familiären Bereich hinterlassen (haben).
Geld aus so einem Fond ist nicht, was wir wirklich brauchen. Ist auch nicht, was wir wollen. Obwohl es so viel erleichtern würde, was sonst wiederum nur über mühsam langwierige Ritte auf Amtsschimmeln möglich wäre.

Es ist eine Abkürzung und zwar eine, die uns flauscht und die den Staat flauscht. Wir kommen an wichtiges Zeug – der Staat kommt aus der peinlichen Lage heraus ehemalige Opfer von Gewalt in der Familie strukturell und darüber insgesamt zu benachteiligen, denn da kann ja nun auch immer darauf verwiesen werden: “Wir haben ja Hilfe angeboten, aber irgendwie haben sich nur ein paar gemeldet und das ist ja dann auch nicht unsere Schuld, sondern liegt sicher am Bedarf…”.

Seit Jahren stemmen wir uns mit viel Kraftaufwand dagegen in sogenanntes “parent shaming” zu verfallen, um unserer Herkunftsfamilie nicht so viel Einfluss auf unser Leiden und Kämpfen zuzugestehen. Das ist zu einfach so zu reden. Jedenfalls in unserem Fall. Und dem unserer Geschwister.
Wir hatten noch jede Menge andere Menschen in unserem Kinder- und Jugendleben, die wir verantwortlich machen für das, was uns passiert ist. Und jede Menge beschissene Strukturen mit Auswirkungen, die uns nicht früh genug in gute und bedarfsgerechte Hilfekontexte brachte.

Und ich merke, wie es das System selbst ist, das gerne hätte, dass ich am Ende meine Familie bzw. mein familiäres Umfeld dafür verantwortlich mache, dass es mir heute so geht, wie es mir geht. Damit wir uns nicht umdrehen und das System fragen, warum es denn nicht einfach mehr für Menschen in Abhängigkeitssituationen ermöglicht.
Vielleicht.

Keine Ahnung.
“Das System” ist ja auch ein schwammiges Ding. Es ist ja nicht eine Behörde, oder ein Gesetz.
Es ist ja verboten Menschen zu verletzen. Es ist ja verboten Menschen auszubeuten. Es ist ja verboten geschehen zu lassen, was uns geschehen ist.

Aber Unrecht ist es erst, wenn das System davon weiß. Beziehungsweise: es anerkennt.
Und das geht erst, wenn man hingeht und etwas sagt. Und zwar so, wie es das System einordnen kann.

Auch, wenn man nicht in diese Ordnung passt. Auch, wenn man lieber Schmerzen haben will, als sich den Gedanken und dem Erinnern zu widmen, weil es mit jedem vergehenden Moment darin weniger normal wird und die Welt umstülpt.

innere Kommunikation

Manchmal ist es, als würde ich in ein Gespräch hineinplatzen, das schon lange mit mir geführt wird, ohne, dass ich davon weiß. Es gibt meine Linien auf dem Boden – das gesicherte, regulierbare Wörterlabyrinth, das sich in Farben und Formen vor mir zeigt und meistens umspült ist von einem weißen Rauschen, das mich in der Regel nicht berührt.

Doch wenn wir einander begegnen, wird es fremd um mich und in meinem Denken.
Plötzlich steht dort: “Ich tue hier nichts Falsches.” und hinter ihm schimmert etwas sehr Konsistentes. Ein anderes Innen, ein festes Wissen, ein anderer Gedanke – es könnte alles mögliche sein. Oder auch nicht.

Seit ein paar Tagen betrachte ich diesen Satz und taste ihn mit meinem Herz ab. Er kommt nicht von mir, aber auch nicht nicht. Er ist fremd, aber doch vertraut.

Vom Schlauberg herunter trötet es etwas von „Bewusstwerdung und dem Wunder der Assoziation“. Irgendwo kichert jemand “Herzlich willkommen in dieser inneren Kommunikation” und ich muss vor allem allein sein, eine Serie gucken und Candy Crush Soda Saga spielen. Dinge sortieren und mich zwischen Schrank und Wand quetschen, um das eigene Atemgeräusch ertragen zu können.

Manchmal tauchen Sätze auf, machen mir Angst und lassen mich selbst zu einem weißen Rauschen werden. Und manchmal tauchen sie auf und fühlen sich gut an. Einfach so. Nicht weil sie einen schönen Ton haben oder weil sie gut schmecken, sondern, weil sie sich so gut in meine kleinen Seligkeitsinseln einfügen.

10 Becher meines Joghurts, die es ohne umzukippen zu uns nach Hause schaffen, damit ich sie ordentlich in den Kühlschrank sortieren kann.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein Sprung über Fußgängerzonen einrahmende Bodenplatten.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein köstliches Wort, das mich so warm macht, dass ich alles über es wissen will.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Das Geklacker der Tasten während ich tippe und aus_sage, wie für mich ist, was ist.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Und das ist, was mir Angst macht und mich in so einen Kampf darum bringt, mich nicht aufzulösen.

Ich höre von innerer Kommunikation bei Menschen, die viele sind, immer wieder im Zusammenhang von durchzusetzenden Imperativen.
Immer sollen “die anderen da drinnen” irgendwas machen oder nicht machen oder einsehen oder verstehen. Selten höre ich davon, wie es für “diese anderen da drinnen” ist, wenn sie etwas erreicht, was sie so sehr erschreckt, dass sie es nicht aushalten können oder aber auch so sehr verlockt und in ungesicherte Gefilde zu verleiten droht, dass es einen Konflikt gibt.

Ich brauche etwas worauf ich mich stützen kann, um diesen Satz anzunehmen und zu verinnerlichen.
Das Außen eignet sich für mich nicht als Überprüfungsinstanz – es hat immer Recht. Immer ist es mir überlegen. Das Außen ist gefährlich für mich, denn es akzeptiert mich nicht. Und das Innen hat seine ganz eigene Dynamik. Ich berühre den Satz und der Boden wackelt. Die Wände bersten auf und fluten mich mit Reizen.
Man sagt immer einfach “erinnern” dazu. Für mich ist das ein Miterleben, wie etwas stirbt, von dem ich nicht wusste, dass es einmal gelebt hat.

Am Ende bleibt mir der Umgang damit.
Atmen, sortieren und wie einen Zauberspruch über meine Überflutungserfahrung sagen “Ich habe mich an etwas erinnert”, ohne je einen Inhalt tatsächlich aufgenommen zu haben.

Vielleicht muss man “innere Kommunikation” weniger als Büchsentelefon nach innen begreifen, sondern mehr wie das Warten auf eine autokatalytische Reaktion unter stetiger Beigabe entsprechender Einbringungen, während die Reaktion als Antwort dient.

“Warum ist denn niemand gekommen?”

Schlimm sind Momente, in denen mir einfällt, wie durchlässig ist, wovon man denkt: “Das hätte doch etwas verändern können.”, obwohl man weiß, dass es das nicht tat.
Da war das Moment, in dem ein Kinderinnen die Hand der Therapeutin hielt und fragte: “Wieso ist denn niemand gekommen?” und da das Moment, in dem es keine Antwort gibt, weil einfach niemand gekommen ist. Obwohl man gerufen hat. Obwohl man nicht in Stasis und doch so weich, wie ein Schluck Wasser war. Obwohl man doch tat, was man vom Polizisten, der zu Besuch im Hort war, gelernt hat: “Ruf nach Hilfe. Ruf nach jemandem.”.

Über 20 Jahre später haben wir gelernt, dass man nicht “Hilfe Hilfe” rufen sollte, wenn man Hilfe braucht, sondern “Feuer Feuer”, “Ich bring mich jetzt um” oder “Ich jag diese Kita gleich in die Luft”.
Und warum? Weil sonst niemand kommt. Weil sonst nichts passiert. Obwohl alle immer sagen: “Wenn was ist – ruf um Hilfe.”.

Man hat sich daran gewöhnt davon auszugehen, dass niemand kommt und als Stück zwischen Erklärung und Entschuldigung zu akzeptieren: “Ich wusste nicht, was ich machen sollte.”, “Ich wusste nicht, wie ich helfen kann.”, “Ich wusste nicht, dass ich gemeint war.”, “Ich wusste nicht, was da passiert.”
Das machen sich manche dann zur Lebensaufgabe. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was da passiert ist. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was hilft. Dafür zu sorgen, dass mehr Menschen wissen, was sie tun können und sich trauen, das auch wirklich zu tun.

Es ist so ein verführerischer Vermeidungstanz um die Antwort auf die Fragen, die sich in denen, die zu Opfern wurden, aufhängen und in quälenden Schleifen umherirren. Warum ist niemand gekommen? Warum hat das niemand von außen unterbrochen? Wie hat die Person, die mich zum Opfer machte, in mein Inneres greifen können, ohne gleichermaßen als ein Außen von mir wahrgenommen zu werden?

Während ich aus heiterem Himmel darüber weinen muss, dass niemand gekommen ist, fällt mir ein, dass ja jemand da war. Dass eine Antwort auf die Frage dieses Kinderinnens sein kann, dass die ganze Welt dachte, dass ja schon jemand da war. Dass dort schon jemand war, der verantwortlich für sein Wohlergehen war.
Und, dass das einfach das grundlegende Drama ist.
Dass zum Einen viel zu selten hinterfragt wird, was man selbst wahrnimmt und deutet und zum Anderen, einer der vielen Gesichter von Ableism ist, dass “Hilfe” genau ein äußeres Schema haben muss.
Die Person, die Hilfe braucht + die Person, die Hilfe anbietet = Hilfe = Ruhe im Karton
– passiert dies nicht, ist nicht etwa die Hilfe die falsche (oder eben gar keine) so liegt es an der Person, die Hilfe braucht. Dann heißt es, die Person hätte sie nicht angenommen oder würde sie nicht schätzen oder wäre nicht in der Lage sie anzuerkennen und zu nutzen.

Das Problem ist nicht nur, dass wer Hilfe braucht immer mindestens ein Wissen, um die eigene Hilfebedürftigkeit von außen und die Kraft, sowie die Befähigung und Berechtigung haben muss darum zu bitten und zu rufen. Das Problem ist auch die Abhängigkeit vom Außen und dessen Befähigung anerkennen zu können, wann ein Außen auch ein Innen sein kann. Wann welche Personen gleichermaßen Teil einer Not und Gewaltdynamik sein können, wie sie Teil einer Hilfe und Verantwortungsdynamik sind.

Es ist einer dieser ewig dissonanten Aspekte in mir. Meine Sicht von Täter_innen als gleichsam von der Gewalt betroffene Personen, wie die Personen, die sie zu Opfern gemacht haben. Das wird nur allzu gerne als täterloyale Irrung in meinem kaputt traumatisierten Kopf gelesen und als “Aha – die Täter_innen sind auch Opfer” zum allgemeinem Ableism an mir hinzu kompostiert.
Was wir für uns jedoch klar haben ist, dass die Betroffenheit von Gewalt einseitig betrachtet wird. Am Ende sogar einseitig auf den mit Gewalt unterworfenen Personen abgeladen wird. Und damit natürlich sowohl die Verantwortung sich Hilfe im Falle von (Verarbeitungs-)Problemen zu holen – erneut! und erneut in Abhängigkeit von einem Außen, das sich nur allzu gern hinstellt und erlernt hilflos die Arme in die Luft wirft, was man denn jetzt machen soll – genauso wie die Verantwortung oder Bürde oder so genau habe ich kein Wort dafür, zu beworten, was passiert ist.

Zwischendurch erinnert sich mein Körper, erinnert sich mein inneres Auge und mein sympathisches Nervensystem an das Ereignis über das, das Kinderinnen mit der Therapeutin hinweg geredet hat. Und ich werde wütend.
Aber weil ich irgendwie falsch verkabelt zu sein scheine, bin ich nicht wütend darüber, dass dort etwas passiert ist, das nicht okay und immer schlimm war, sondern, dass es ein so reinweißer Raum ist, in dem es passierte. Dort ist kein Wort drin. Kein einziges. Wenn ich meinen Blick hinwende, liegt dort die zarte Kette des Kinderinnens an seinem Rand. “Warum ist denn niemand gekommen?”.
Ich bin wütend, weil dort keine Worte von der anderen beteiligten Person drin sind.

Und weil ich davon ausgehen muss, dass dort auch nie eines drin auftauchen wird.
Außer natürlich wir liefern uns aus. Gehen zur Polizei, erstatten Anzeige trotz Verjährung und stellen uns wie das Sterntalermädchen unter den Mund der angezeigten Person und fangen so viele Worte wie möglich.

Diese Wortlosigkeit macht das Ereignis unprüfbar, weil es nichts gibt, woran wir uns festhalten können.
Und auch nichts woran wir uns abgrenzen können. Diese Person wird für uns vielleicht für immer ein Innen – ein mit im Er_Leben eines Ereignisses – sein, während alles und alle um uns herum zwei Außen – zwei einander passierende Ereignisse – sah.

Das ist das Drama.
Die Tragödie hingegen entsteht dort, wo meine Ideen beginnen, was die nach denen das Kinderinnen gerufen hatte, sagen könnten.
Um sich zu entschuldigen. Sich zu rechtfertigen. Um sich so fern von uns zu machen, dass nichts und niemand von uns sie je erreicht.