vom Funktionieren – Teil 1, „Systeme“

Kaum ein Thema wird so häufig in der DIS-(Selbst)Hilfe besprochen wie das des Funktionierens. Ob es darum geht, dass man unter der eigenen Funktionalität leidet; dass man sich dazu wie gezwungen oder automatisiert fühlt zu funktionieren, oder dass man spürt, dass man zunehmend weniger gut funktionieren kann oder auch will – es kommt immer wieder auf.
Ich habe an dem Thema etwa drei Themen und einige Punkte.
Und gleich zu Beginn eine kritische Bemerkung zum Wording.

Auch wenn ich anerkenne, dass man sich im Themenkreis offenbar endgültig darauf geeinigt hat, sich nicht primär als Mensch zu bezeichnen – z. B. als Mensch mit DIS oder als „Viele-Mensch“ –, sondern als „System“, möchte ich hier ausschreiben, warum das ein Problem ist. Vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema der Funktionalität geht.

Soweit ich das überblicken kann, gab es schon immer Menschen mit DIS, die ihre innere Verfasstheit, ihr „Vielesein“, mit Modellen von Systemen beschrieben haben. Manche nannten sich „Bande“, manche „Schwarm“, wieder andere „Truppe“ oder auch „Hausgemeinschaft“. Von einer Person, die sich als „Bienenschwarm“ beschrieb, habe ich einmal gelesen, das Bild würde ihre Rolle als „Host“ (Bienenkönigin) am besten beschreiben und ihr helfen, ihre inneren Kämpfe und Schutzmaßnahmen zu verstehen. Sie hat ganz konkret mit ihrem Wissen über Bienen und deren Organisation gearbeitet, um sich selbst in ihren Fähigkeiten und Grenzen der Funktionalität zu repräsentieren. Die Natur von Bienenvölkern und die Beschaffenheit ihrer Lebensumstände haben in dieser Schilderung eine relevante Rolle gespielt. Das Außen – Wetter, Bedrohungen von Tieren oder Menschen, der Standort der Beute – spielte eine wesentliche Rolle dabei. Es war durchgehend klar, dass die Funktionalität des Schwarms immer im Zusammenspiel mit der Um- und Mitwelt passierte.

Fast forward. 2006 wird „das verfolgte Selbst“ veröffentlicht und mit ihm ein theoretisches, hochabstraktes Modell über die Funktionsweise und -wirkung von (komplex)traumabedingter Dissoziation beschrieben.
Bis 2015 ungefähr war es in den meisten Austauschforen und -chats noch üblich, sich gegen die Einteilung in ANP oder EP auszusprechen, weil es komplexe innere Vorgänge zu stark vereinfacht und bestimmte Aspekte des Er_Lebens mit (und aufgrund einer) DIS verunsichtbart. Bis es irgendwann doch viele einfach angenommen haben. Gerade jüngere Betroffene hatten und haben ihre gesamte Psychoedukation über ihre Erkrankung ausschließlich entlang von diesem Modell. Das war früher stärker noch als heute, als hat man sich entscheiden müssen: Hier der kitschige Individualtüdelüt mit Bienenschwärmchen und Multis im „Zauberwald“ (so hieß mein Forum, I kid you not) und da die klare, wissenschaftliche (wahre, richtige)  Logik der Theorie der strukturellen Dissoziation.
Und klar – was ist denn bitte nicht verführerisch an einer Selbstbezeichnung, die scheinbar wenig emotionalisierbar ist, wenn es Menschen gibt, die Zweifel an der Diagnose über die Emotionalisierbarkeit ihrer Betroffenen (und deren Behandler_innen) schüren?
Wie groß die Anziehungskraft einer Selbstbezeichnung, die mehr Referenz als tatsächliche Identifikation ist, wenn diese nicht erlaubt erscheint? Eine bessere Rampe in die Vermeidung der Erkenntnis, Teil der Welt, der Menschheit und Gesellschaft zu sein – mit allen Konsequenzen, schmerzlich wie wunderbar – gibt es eigentlich nicht.

Welche Rolle Vermeidung und Vermeidungsverhalten bei der Selbstbezeichnung als „System“ spielen, finde ich unübersehbar und gleichzeitig viel zu wenig benannt. Man vermeidet eine Angriffsfläche für False-Memory-Erzählungen. Man vermeidet den ableistischen Vorwurf, aus der eigenen Krankheit eine Identität zu machen. Man vermeidet die Realisation der Traumatisierung der ureigenen Seele und des Leibs als untrennbar von der direkten und indirekten Mitwelt. Man vermeidet die Markierung des eigenen Seins als menschlich. – Als wäre etwas davon gefährlich oder als würde die Vermeidung in irgendeiner Form konstruktiv zur Lösung beitragen. Und nicht etwa Gewalt legitimieren und in ihrer Wirkung normalisieren, was wiederum an ganz anderer Stelle sichtbar wird.
Nämlich dort, wo diese Selbstbezeichnung die Entmenschlichung psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Sind ja keine Menschen mehr, die da durch die Kliniken und Praxen tingeln – sind ja „komplexe Systeme“, unlösbare, undurchschaubare Rätsel – wer soll denn dafür Kopf und Zeit haben – in this economy. Was soll da denn menschliche Hilfe bewirken können? Kann ja alles nur ungenügend sein – geht ja gar nicht anders. Mensch und System – wo soll denn die Schnittstelle sein? Wo soll Therapie da ansetzen, wenn nicht bei einer tiefgreifenden Entkernung und Umwandlung vom System hin zum Menschen? Also einer kompletten Umkrempelung, Kernveränderung, Ent-Selbst-ung, wenn man so will. Einer absolut gewaltvollen Anpassungserzwingung. Einer Assimilation.

I know its not that deep für die meisten, die sich „System“ nennen. Aber was, wenn es eben doch so deep ist? Wenn es ausgerechnet die Selbstbezeichnung (aufgrund einer allzu theoretischen, überabstrakten Psychoedukation) ist, die es verhindert, sich selbst tatsächlich und konkret zu begreifen und infolge dessen auch nicht zu merken, wenn sich Gewalt abspielt (und legitimiert oder naturalisiert wird)? Zum Beispiel beim Sprechen (und Schweigen) über die Funktionalität von Menschen mit DIS.

das elternunabhängige Kind

Ich komme gerade vom Jobcenter und habe eine Telefonnummer vom BAföG-Amt im Rucksack. Wenn wir eine Berufsausbildung anfangen, werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Ohne die Familie*.
Wie immer in Sachen “Auseinandersetzung mit der Verwaltung unseres Lebens” erlebe ich den Umstand einer noch lebenden und wirtschaftenden Herkunftsfamilie als Fallstrick.

Wir kennen die Optionen des elternunabhängigen BAföG und wir kennen all die anderen Möglichkeiten.
Auf der formalen Ebene ist alles klar.
Wir sind sicher. Wir bleiben sicher.

Aber der Gedanke. Die Erinnerung, dass es sie noch gibt. Viele Kilometer weg von hier. Ohne mich und trotzdem noch “meine Familie*”.
Ganz ehrlich: ich möchte lieber in den Bauch geboxt werden, als diesen Gedanken zu haben. Diese Erinnerung.

Und daneben wieder die Erfahrung in strukturellen Versorgungsoptionen nie ohne die Herkunftsfamilie auftauchen zu können.
Das Jobcenter schaute was von den Eltern zu holen ist. Das BAföG-Amt würde danach schauen wollen. Wenn es um Leistungen vom Landschaftsverband wegen des betreuten Wohnens in Familien geht, wird vielleicht auch danach geschaut.
Für die deutsche Behördenlandschaft sind wir das Kind unserer Eltern.
Das behinderte Kind unserer Eltern.

Wir sind nicht und können auch nirgendwo zur Anerkennung einfordern, dass wir auch das von den Eltern traumatisierte und behindert gemachte Kind waren. Und heute erwachsen sind. Mit dem Wunsch selbstbestimmt, autark und eigenverantwortlich zu leben und zu wirtschaften.

In den letzten Tagen bewegen wir auch unseren Antrag an den FSM in unseren Gedanken und der Wohnung hin und her. Lassen hier was liegen und verstecken dort etwas. Kratzen den ganzen getrockneten Frustschleim von unseren Herzen und registrieren am Ende doch erschreckt das Ausmaß der Verletzung, die all die bürokratischen, allgemein formalen Bezüge unserer Gewalterfahrungen im familiären Bereich hinterlassen (haben).
Geld aus so einem Fond ist nicht, was wir wirklich brauchen. Ist auch nicht, was wir wollen. Obwohl es so viel erleichtern würde, was sonst wiederum nur über mühsam langwierige Ritte auf Amtsschimmeln möglich wäre.

Es ist eine Abkürzung und zwar eine, die uns flauscht und die den Staat flauscht. Wir kommen an wichtiges Zeug – der Staat kommt aus der peinlichen Lage heraus ehemalige Opfer von Gewalt in der Familie strukturell und darüber insgesamt zu benachteiligen, denn da kann ja nun auch immer darauf verwiesen werden: “Wir haben ja Hilfe angeboten, aber irgendwie haben sich nur ein paar gemeldet und das ist ja dann auch nicht unsere Schuld, sondern liegt sicher am Bedarf…”.

Seit Jahren stemmen wir uns mit viel Kraftaufwand dagegen in sogenanntes “parent shaming” zu verfallen, um unserer Herkunftsfamilie nicht so viel Einfluss auf unser Leiden und Kämpfen zuzugestehen. Das ist zu einfach so zu reden. Jedenfalls in unserem Fall. Und dem unserer Geschwister.
Wir hatten noch jede Menge andere Menschen in unserem Kinder- und Jugendleben, die wir verantwortlich machen für das, was uns passiert ist. Und jede Menge beschissene Strukturen mit Auswirkungen, die uns nicht früh genug in gute und bedarfsgerechte Hilfekontexte brachte.

Und ich merke, wie es das System selbst ist, das gerne hätte, dass ich am Ende meine Familie bzw. mein familiäres Umfeld dafür verantwortlich mache, dass es mir heute so geht, wie es mir geht. Damit wir uns nicht umdrehen und das System fragen, warum es denn nicht einfach mehr für Menschen in Abhängigkeitssituationen ermöglicht.
Vielleicht.

Keine Ahnung.
“Das System” ist ja auch ein schwammiges Ding. Es ist ja nicht eine Behörde, oder ein Gesetz.
Es ist ja verboten Menschen zu verletzen. Es ist ja verboten Menschen auszubeuten. Es ist ja verboten geschehen zu lassen, was uns geschehen ist.

Aber Unrecht ist es erst, wenn das System davon weiß. Beziehungsweise: es anerkennt.
Und das geht erst, wenn man hingeht und etwas sagt. Und zwar so, wie es das System einordnen kann.

Auch, wenn man nicht in diese Ordnung passt. Auch, wenn man lieber Schmerzen haben will, als sich den Gedanken und dem Erinnern zu widmen, weil es mit jedem vergehenden Moment darin weniger normal wird und die Welt umstülpt.

#isjairre wie normal das ist!

farbeGestern trendete bei Twitter der Hashtag #isjairre unter welchem zur Diskriminierung von Menschen mit dem Label „psychisch krank“ getweetet wurde

Nun ja.

Außer einigen meiner eigenen Tweets konnte ich keine finden, die sich mit struktureller Diskriminierung befassten. Aber gut, wie will denn auch dieser systemimmanente Klops in 140 Zeichen gequetscht werden. Beginnt die Diskriminierung doch bereits im Labeling von „gesund“ und „krank“ / „irre“ und „nicht irre“.
Diese Schnapsidee von legitimiertem Othering durch Benennung und Kategorisierung der Defizite in dem, was „die Psychologie“ als Psyche bezeichnet.

Es ist bereits der Gang zum Psychiater oder Psychologen, der Gefahr schlechthin bedeutet. Nicht nur für Arbeitsplatz, Freundes- und Familienkreis, sondern auch für das eigene Selbstbild und daran gebunden der Selbstwert, sowie nicht zuletzt auch der eigenen Gesundheit in Gänze.

Die Diskriminierung des „Anderen“ hat die gleichen Traditionen wie Rassismus, Antisemitismus und sämtliche *-phobien. Deshalb schreibe ich jetzt keinen Artikel mehr dazu, wo das alles herkommt.
Wenn du, liebe/r LeserIn, etwas darüber erfahren möchtest, kannst du einfach mal „Irrenturm“ oder „Geschichte der Psychiatrie“ googlen.

Der Hashtag kann, meiner Meinung nach, nur eines zeigen: Es ist normal unnormal zu sein, denn die Norm ist nichts weiter als ein Rahmen dem gänzlich zu entsprechen niemandem gelingen kann, sobald ein rein defizitorientierter Blick auf ihn fällt.

Das ist es, was es mir persönlich auch schwer macht, mich von abfälligen Sprüchen oder dämlicher Wortwahl (in den Medien™ ) tatsächlich auch diskriminiert zu fühlen: Ich kann ihre Wortwahl und ihr Verhalten mir gegenüber genauso pathologisieren und entsprechend abwerten, wie sie es mit meiner tun.

Der wichtige Punkt für mich ist, dass ich bzw. die Wahrnehmung der Umwelt und mir, selbst pathologisiert wird, diese Pathologisierung (meint Verortung meiner selbst im medizinisch/psychologisch/ psychiatrischen Kontext) aber nicht dazu führt, dass ich tatsächlich auch im entsprechenden Kontext Hilfe bekomme, wie ich sie eigentlich bekommen müsste, wenn ich schon dieses Etikett aufs Shirt gepappt kriege.

Ich finde es zum Kotzen, dass heute sehr viele Menschen wissen, was eine Depression ist und auch was ein Herzinfarkt ist, doch, dass man eine Depression auch behandeln sollte, um das Risiko an, zum Beispiel, einem Herzinfarkt zu sterben reduzieren, nicht. (Literaturtipp: J. Bauer- Das Gedächtnis des Körpers)
Ich finde es zum Kotzen, dass es X- Kampagnen „gegen“ diverse Krankheiten gibt- aber nicht „für“ die Akzeptanz und Hilfe, wenn diese gewünscht ist.

Wieso dürfen PsychiaterInnen und PsychologInnen, von mir aus auch MedizinerInnen allgemein nicht streiken?! Sie hätten, entgegen verbreiteter Annahmen, allen Grund dazu!
Wieso dürfen Krankenkassen darüber in Wettstreit gehen, wer am Wirtschaftlichsten mit der Gesundheit ihrer Mitglieder spielt?
Wieso darf die Gesellschaft* wissen, wie breit das Spektrum menschlichen Empfindens- vielleicht auch Leidens ist, ohne wirklich zu erfahren, wie es hinter den Kulissen der Begriffe „Psychotherapie“ und „psychologische Hilfe/ Begleitung“ abgeht?
Wieso dürfen Pharmaunternehmen meinen Körper vergiften und mir dies als Hilfen verkaufen?!
Wieso darf die
Psychiatrie als Zwischenstation oder gar Endstation für ein Menschenleben als DIE Institution für Hilfen gelten, wenn dort bzw. in dem Zusammenhang damit, das Risiko für mich Gewalt zu erfahren so exorbitant viel höher ist, als sonst wo?!

Ich finde es zum Kotzen, dass ich vor diesem Hashtag stehe und gefühlte Milliarden Worte im Kopf habe und doch nur diesen popligen Artikel zusammengekratzt bekomme.

Es ist einfach zu normal irre zu sein.
Genauso normal, wie die Diskriminierung, die ich aufgrund meiner Irre erfahre.