weites Feld

„Stressmagen“ Das Wort poltert in meinem Kopfmund herum, als ich die Praxis meiner Hausärztin verlasse. Ich habe schon wieder eine Magenschleimhautentzündung, der Stress ist schuld. Und das Ibuprofen, obwohl ich es gar nicht mehr täglich und auch schon lange nicht mehr chronisch überdosiert nehme.
Mein Schmerzproblem bleibt. „Das ist ein weites Feld“, sagt meine Hausärztin, „Das ist zu unkonkret“ mein Partner. Das stresst mich, denn es fühlt sich an, als läge dieses weite, unkonkrete Feld zwischen uns. Als müsse ich akzeptieren, dass es ist, wie es ist und nie anders sein wird.

Seit einem halben Jahr habe ich die Webseite einer Schmerzambulanz in den Lesezeichen meines Browsers und genauso lange demotiviere ich mich selbst, mich dort vorzustellen.
Sehr viele Gewaltopfer leben mit chronischen Schmerzen; sehr viele Menschen mit Uterus durchleben die zyklischen hormonellen Veränderungen in ihrem Körper mit Schmerzphänomen; Stress ist ein Gift, dem viel zu viele Menschen jeden Tag über lange Zeit ihres Lebens ausgesetzt werden – m.eine (Er.)Lösung zu finden, wird sich in einem Aufwendigkeitsbereich bewegen, der nicht zu rechtfertigen ist. Ich bin in Traumatherapie, möchte meine Möglichkeiten Kinder zu gebären nicht verlieren und lebe nicht in einer Welt, in der ich irgendetwas ohne Stress machen kann.

Am nächsten Tag ziehe ich meine Bahnen im neuen Schwimmbad. Mein Magen tut weh, meine Oberschenkelknochen, meine Hüften, der untere Rücken tun weh, meine Muskulatur fühlt sich an, als versuche sie, sich von meiner Wirbelsäule abzulösen. Ich kämpfe mich ins High, werde warm und könnte heulen vor Selbstmitleid. Was ist das für eine beschissene Gesamtscheiße. Warum bin ich immer noch so trapped in Schmerz. Warum hört es nicht endlich auf.
Nach einer Stunde ist mir egal, dass mir alles weh tut. Alles ist wattiert, summt, ist lebendig und beweglich. Ich trinke einen Kaffee im Auto und höre dem frühen Vogelzwitschern zu. Mein Tag ist wieder ziemlich voll. Mit schönem, gewollten, mit sehr frei gewählten Projekten und Arbeiten. Lieben Kontakten, spannenden Themen, schaffbaren Aufgaben. Und keine 2 Millimeter dahinter eine grenzenlose Qual, die so diffus ist, so unkonkret, so viel NICHTS.

Jetzt versuchen wir ein anderes Schmerzmittel. Eine am Tag, immer um 10.
Es kommt mir vor, als würde ich eine Lüge schlucken, weil mir klar ist, dass mein Schmerz auch etwas mit Erinnerung zu tun hat. Aber wie genau, weiß ich nicht.
Auch das ist ein weites Feld.

’stuck in time‘

Zuletzt hatten wir es mit Innens zu tun, die an Dinge glauben, die nicht real sind. Das schreibe ich so, weil ich nicht „Blödsinn“, „Lügen“ oder „Traumawahrheiten“ sagen will, denn weder weiß ich näheres über ihre Ansichten noch bin ich mir schlüssig darüber, worum es dabei ~wirklich~ /eigentlich/ in WAHRheit geht.
Ich bin mir nur in einem sehr sicher, nämlich, dass sie deshalb irgendwie falsch sind. Besonders gefährlich vielleicht. Besonders böse. Besonders schlecht. Und peinlich. Doch gerade habe ich mir das neuste Video der CAT Clinic auf YouTube angesehen. „When alters (in OSDD and DID) are ’stuck in time‘“
Vielleicht bin ich selber stuck in time, wenn es um Innens wie diese geht, dachte ich. Und ehrlich gesagt halte ich es sogar für sehr wahrscheinlich, je länger ich jetzt darüber nachdenke.

Erzählungen wie die in dem Video oder auch in manchen Fachbüchern produzieren den Eindruck, dass Innens sich für oder gegen die Realität entscheiden, weil sie sich nicht sicher fühlen. Sie misstrauen dem Neuen und halten deshalb lieber am Alten fest. Sie brauchen das Gefühl des Willkommenseins, der Akzeptanz und man sollte sie liebevoll in der Gegenwart aufnehmen.
Schon bei der Aufzählung habe ich den Wunsch, ein Kotzgeräusch zu machen. Nicht, weil ich die Vorstellung irgendwie kitschig oder romantisch verklärt finde (das auch, aber das würde mich nicht so in die Abwehr bringen) – sondern irgendwie auch voll colonizer style. Invasiv. Übergriffig. Als müsste ich in einem Panzer voller Liebesbomben sitzen und nur gut genug zielen, dann würde schon alles klar gehen.

Ich habe generell ein Problem damit, wie häufig über Kinderinnens oder auch jugendliche Innens gesprochen und gedacht wird, weil sie oft als niedlichere Personifikation des traumatisierten Opfers verhandelt werden oder als unberührte Unschuld, reinweiß und shiny in jemandem, die_r das ganze Leben durch den Dreck geschliffen wurde und nach Blutschweiß stinkt. Obendrauf kommt dann oft noch ebenjener Anspruch, sie in ihrer Perspektive doch bitte anzufassen zu verändern, weil wegen Realität und Gegenwart und isso, musso, iswichtigweildeshalbso.

Ich bin an diesem Anspruch gescheitert. Immer wieder. Das war meine, damals unsere, Existenz. Ich sitze vor einer Therapeutin, die vermittelt mir: „Da ist jemand, der_m wurde etwas eingeredet/die_r weiß nicht, dass es heute vorbei ist/die_r denkt, wir hätten 19 hundertxundneunzig – jetzt mach mal. Mach anders.“ Und alles, was ich machen konnte – like actual Können –, war wegmachen. Unsichtbar. Klappe zu, Auslöser für den Wechsel zu diesen Innens vermeiden. Von einem Innen, das gut sprechen kann, zu einem System von Innens werden, das die Gegenwart kennt, vom eigenen Vielesein weiß, aber die Bedeutung dessen überhaupt nicht in sich bewegen kann, weil es immer wieder scheitert und scheitert und diese Wiederholung gut 9 Jahre durchlebt, bis es sich traut zu sagen, dass es immer wieder scheitert, weil es anders nicht funktionieren kann als vermeidend.
Daran habe ich in den letzten Jahren gearbeitet. Innerhalb meines Funktionssystems erfolgreich – vielleicht vermutlich sehr wahrscheinlich, weil ich darin niemanden groß in die Gegenwart lieben musste – außerhalb dessen, mit Basiserfolgen. Es macht mir keine Todesangst mehr Kinderinnens oder Jugendliche überhaupt irgendwie wahrzunehmen und es ist auch seit Jahren nicht mehr das schlimmste, was mir in der Therapie passieren kann, wenn jemand von ihnen dort auftaucht. Es ist weiterhin schlimm und ich darf nicht zu viel darüber nachdenken, aber ich klappe nicht mehr komplett in mir selbst zusammen und kann begreifen, was meine Therapeutin mir sagt, wenn sie sagt, dass es okay ist, wenn andere als ich mit ihr sprechen. Ich weiß, dass das in Anbetracht der Therapiedauer eigentlich erbärmlich ist, aber wenn ich mich selbst als Innen denke, das „in der Zeit stecken geblieben ist“, dann kann ich anerkennen, dass es schneller einfach gar nie hat gehen können.

In all den Fallgeschichten von Vielen sind gescheiterte bis traumatisierende Therapieversuche, misslungene Behandlungen oder grob schlecht behandelte Patient_innen nie Thema. Nur selten wird aufgearbeitet, warum Therapieansatz X für Patientengruppe A bis D konkret nicht funktioniert hat und soweit ich weiß, hat es noch nie eine Studie dazu gegeben, welche Auswirkungen schlechte, falsche, traumatisierende Psychotherapie in Menschen mit DIS hat.
Restpatient_innen wie mich gibt es in der Literatur nicht. Erst wieder als Patient_innengruppe für Behandlungsform/verfahren XY, die genau so definiert ist, dass unsere Vorbehandlung und ihre Folgen weder abgefragt noch sonstwie zu relevanten Markern werden. Die Praktizierenden der Traumatherapie befassen sich einfach nicht mit ihren Opfern Fehlern und das hat Auswirkungen auf sehr vielen Ebenen.

Manche davon habe in diesem Blog schon oft angerissen und ich will das jetzt nicht alles wiederholen, vor allem, weil ich in diesem Text einen anderen Punkt ausdrücken will. Nämlich, dass mir durch die Rahmung von außen immer vermittelt wurde, ich wäre orientiert. Ich wäre der funktionale Anteil. Die_r Erwachsene. Die_r Fähige. In vielen Punkten stimmt das – in manchen jedoch überhaupt nicht und das geht immer wieder unter. Besonders dann nämlich, wenn wir an Punkte kommen, die mein Entstehungstrauma berühren: Die Konfrontation von „verwirrten“/“unfähigen“/“hilflosen“/von mir nicht gezielt ansteuerbaren Innens im Kontext der Traumatherapie.
An diesen Stellen bin ich einfach nicht fähig. Da bin ich 16 Jahre alt und verstehe nicht im Ansatz, was die Erwachsenen um mich herum von mir zu kapieren verlangen – Vielesein, Dissoziation, Du erinnerst dich nicht, aber…, Wir helfen dir mit Fixierung und Betäubung, Du bist hier sicher, eingesperrt in einer Psychiatriestation – und bin so abgrundtief verloren in dem Auftrag etwas zu „reorientieren“, ohne zu wissen, wohin diese Re_Orientierung gehen soll; zu lieben, als etwas von mir willkommen zu heißen, obwohl (und weil) es doch irgendwie dafür verantwortlich ist, dass ich keine Familie, kein Zuhause, keine Gegenwart außerhalb der Psychiatrie mehr habe und deshalb erst recht keine Zukunft.

Und wie ist es jetzt. Meine Therapeutin fordert mich seit Jahren immer wieder dazu auf, zu differenzieren. Ich soll einen Unterschied erkennen zwischen damals und heute, als würde diese Erkenntnis etwas mit mir machen. Das passiert aber nicht. Ich sehe den Unterschied. Bin informiert. Bin orientiert. Aber Kenntnis allein bedeutet nicht auch Befähigung. Bedeutet nicht auch Ermächtigung.
Mal abgesehen davon hat es oft auch einen Anteil von Bagatellisierung dessen, was mich traumatisiert hat. Es ist immer auch eine Art drüberwischen und manchmal auch der Anspruch an mich etwas zu abstrahieren, was ich ohne Unterstützung nicht zu abstrahieren schaffe. Dieser Aspekt wurde im Video auch angesprochen und das hat mir ermöglicht, mich als „feststeckend“ zu überlegen, obwohl ich kein „Kind im Trauma“ bin. Kein_e „Jugendliche_r im Körper eines Erwachsenen“. Kein „von Täter_innen produzierter Anteil, der nicht wissen darf, dass alles vorbei ist“ oder jemand aus irgendeiner anderen Kategorie, die immer wieder benannt wird, um traumareaktives oder -antizipatives Verhalten zu rahmen.
Ich bin ein von schlechter Traumatherapie gemachter Anteil, der in Traumatherapie ist. Für mich kommt niemand aus dem System und betüddelt mich mit Gegenwartszucker, da bin nur ich. Und meine Therapeutin.

Ich spüre vor allem Druck, ihr doch endlich zu vertrauen. Druck, doch endlich zu glauben, dass heute alles anders ist, obwohl sich außer die Repräsentation (nämlich die Person, die therapeutisch mit mir arbeitet) überhaupt gar nichts von dem verändert hat, was mich damals in diese Lage brachte. Nichts und niemand außer mir schützt mich seit 20 Jahren davor wieder für Jahre in einer Psychiatrie eingesperrt zu sein, weil mein Inneres für zu desorientiert, desinformiert, w.irr, krank gehalten wird, um so gelassen zu werden wie es ist.
Und niemals steht das als Frage im Raum. Ob sie tatsächlich desorientiert sind oder sich anders orientieren als erwartet. Ob ich sie vielleicht erstmal kennen.lernen darf, bevor ich irgendwas an ihnen mache oder ihnen irgendwas einrede, was ich in seiner Bedeutung und Auswirkung für sie überhaupt nicht einschätzen kann. Geschweige denn, ob die das überhaupt wollen.

Ich kann sehen, dass mein Misstrauen alt ist. Ich kann sehen, dass es im Hinblick auf das Verhalten meiner Therapeutin nur ein Mal berechtigt war. Aber wie da raus, wenn die Gegenwart des Heute, der Gegenwart von damals so ähnelt? Wir leben nicht in einer Gesellschaft, in der Ver.rückte einfach sein dürfen. Wo Zwangseinweisung und -behandlung als (traumatisierende) Gewaltverbrechen verstanden werden. Ich habe keinen Grund, keine Angst zu haben. Keine Sicherheiten, die mir nicht genommen werden können.
Ich treffe hier keine aktive Entscheidung gegen die Gegenwart oder die Realität.
Es ist die Gegenwart, die Realität, die mich an diesem einen Punkt „stuck in time“ hält.

alle sind immer genug

Es berührte mich mit Verspätung und unerwartet. Unerwartet, weil ich dachte, schon alles erfasst, verstanden und ins Außen gebracht zu haben. Aber vielleicht auch nicht? Ich kann mich nicht darauf verlassen und das ist ein Trigger. So offensichtlich wie ein 500 Kilo-Findling auf englischem Rasen. Jetzt.

*

Ich bin sehr froh darum, mit meiner Therapeutin sprechen zu können und einen Raum zu haben, in dem ich von Dingen befreit bin, wie „DIE Wahrheit“, „den Leuten“ oder „DER Normalität“. Ich vergesse manchmal, dass das nicht bedeutet, auch einen Raum zu haben, in dem ich nicht ganz genau darauf achten muss, was wie verstanden wird. In dem ich nicht einfach annehmen kann, dass ich in allen Selbstzuständen schon richtig verstanden werde. Ohne nochmal zu prüfen. Nochmal zu fragen. Und dann nochmal, weil es einfach nicht so einfach ist, sondern viel, komplex, alles.

Manchmal denke ich, dass sie mir in allem voraus ist, weil sie viel schneller als ich versteht oder einfach weiß?, welche Gefühle mit Geteiltem einhergehen. Dann aber gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das sind oft Annahmen. Annahmen, die ebenfalls oft passen und wichtig sind und eigentlich ist alles gut damit, aber … es sind Glückstreffer. Glück für mich, weil ich so über die Therapeutin in Kontakt mit mir komme, aber sollte das nicht mehr sein?
Vielleicht nicht. Ich habe für mein Buch so viele Studien zur Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gelesen, dass ich fast sagen würde: Jo, das ist typisch. Der Großteil der nicht-autistischen Kommunikation fußt auf routiniert getroffenen Annahmen über mehr oder weniger diffuse Reize. Glück ist darin nur, dass es mehr nicht-autistische als autistische Menschen gibt, die miteinander kommunizieren. So fällt es nicht auf. Und wenn doch, kann es jedem passieren. Nicht schlimm. Bis sich herausstellt, dass man (sich) als nicht-autistischer Mensch mit dem autistischen Gegenüber einfach sehr sehr oft nicht (richtig) versteht. Dann wirds anstrengend. Oft zu anstrengend.

Da ist die Gefahr von routinemäßigem Erfolg. Die Gewohnheit, immer richtigzuliegen. Das Sicherheitsgefühl. Die Überzeugung: „Ich weiß schon Bescheid, hier Checkbox 1 bis 5 passt, es kann nur Tor 3 sein, ein Zonk ist nicht dahinter zu erwarten.“ Aber dann ist da einer. Und es ist nicht einfach nur ein Irrtum oder ein Missverständnis, das man einfach ausräumen kann, indem man etwas auf andere Art formuliert oder strukturiert, sondern etwas, das aufzeigt, dass Checkbox 1, 3 und 4 doch nicht passen. Dass es nicht nur um ein Missverständnis geht, sondern um vier.
Ich weiß nicht, wie das für meine Therapeutin ist. Ich hoffe, dass sie Umgänge damit gefunden hat, die sie nicht entmutigen, frustrieren oder an sich selbst anzweifeln lassen. Hoffe einfach ins Tiefblaue hinein, dass sie nicht glaubt, ich könne ihr (ableistisch-) eigentlich besser helfen zu verstehen oder „in Wahrheit“ ja doch alles einfach aufklären.
Das ist nämlich meine Angst. Dass sie meine Fähigkeiten zur Auflösung ihrer Frustration oder Anstrengung in solchen Missverständnissen braucht, um dranzubleiben, aber ich kann sie nicht geben, weil ich wirklich und echt und tatsächlich – like profoundly, bottomline of all – nicht kann. Weder als Hannah, erwachsen, alltagsfähig und voller Bemühen um funktionierende Kommunikation mit dem Außen – noch in kindlichen oder jugendlichen Selbstzuständen, die weder erwachsen, noch in meinem Alltag problemlos fähig sind und in der Regel mehr oder weniger verzweifelt, frustriert, gekränkt, hoffnungslos, ohnmächtig, hilflos, überanstrengt vor den Herausforderungen der Kommunikation mit dem Außen stehen.

In den letzten Monaten waren wir so gut in der Arbeit zusammen. Und jetzt ist da wieder so eine Schleife. Eine etwa 30 Jahre alte in mir und eine, die ich mir als nachhaltig für immer aufgelöste und nie wieder auftauchend gewünscht hatte, in unserem Gespräch. Und vor beidem stehe ich mit so wenig. Kann ich so ganz offenkundig wenig tun, dass es möglicherweise nichts ist.
Ich könnte alles verlieren, denke ich. Alles könnte kaputtgehen. Es hängt alles von mir ab und ich versage. Ich bin schuld. Ich habe es ausgelöst, ohne es auflösen zu können. Wie unbedacht, unvorsichtig, dumm kann man sein. Ich habe nicht anders verdient, als dass alles kaputtgeht. Ich habe nicht genug getan. War nicht eindeutig, nicht eindeutlich genug. Bin einfach nicht genug. Das ist die nächste Schleife. Meine schöne Coping-Strategie aus autopoietischem Selbsthass, um bloß nicht zu viel Raum für die Möglichkeit entstehen zu lassen, dass es vielleicht natürlich, logisch, einfach so ist, dass man dann nicht viel tun kann. Oder auch nichts.

Neulich habe ich meinen ersten Wildunfall mit dem Auto gehabt. Ich habe einen Sperling angefahren. Sah ihn im Rückspiegel noch auf der Fahrbahn wild flattern, doch als ich umgekehrt war, hatte ein anderes Auto ihn schon totgefahren. Tagelang hatte ich das Bedürfnis, nochmal in die Situation zu können. Vor ihm abgebremst zu haben, sofort angehalten zu haben. Ich hätte ihn hochnehmen können – mich hätte das andere Auto nicht überfahren. Ich hätte ihn retten können, konnte aber nicht. Ich konnte in dem Moment noch nicht und ich kann jetzt nicht mehr. Es ist passiert und für immer so wie es war. Schlimm, traurig, tödlich, unbeabsichtigt.

Miss- und Unverständnisse erlebe ich nicht so selten wie Wildunfälle, aber ihre Wirkung in Bezug auf meine Ohnmachtsgefühle sind sich sehr ähnlich, nämlich traumanah. Ich denke mich darin automatisch ganz allein. Allein verantwortlich, allein betroffen, allein gelassen. Obwohl das nur in Bezug auf die traumatisierende Situation stimmt.
Ich kann durchaus sehen, dass ich nicht alleinverantwortlich für die Kommunikation in der Therapie bin. Dass ich schon getan hab, was ich konnte, weil ich mehr nicht kann. Ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe als Patientin ist, passend für die Therapeutin oder das Therapiekonzept zu sein. Aber die Konsequenz dieses Wissens ist, dass ich etwas von meiner Therapeutin erwarten könnte. Und das macht mir Angst. Wieder irgendwas Traumanahes. Die nächste Kaskade, die mich erniedrigt, allein, weil da die Gefahr besteht eine Möglichkeit ist, dass unser Kontakt nicht nur für mich mit Anstrengung, Arbeit, dem Stoßen an Grenzen des Könnens verbunden ist, sondern auch für sie. Ich sie also nicht geschützt, nicht bewahrt, nicht verschont habe zu empfinden, was mich so oft im Leben schon gequält hat. Als wäre das etwas, das ich könnte. Das irgendwer könnte.
Kurz bin ich in dem Gedanken, dass der Kontakt mit mir einfach immer schwer ist. Immer anstrengend und viel. Wie unfassbar leid mir tut, dass es mich überhaupt noch gibt, obwohl das doch niemand wollen kann. Niemand kann doch wollen, dass so eine Belastung weiter besteht. Ich merke, wie es an mir zieht, das zu beenden. Aus dem Kontakt zu gehen, die Therapie zu beenden, meine Campingausstattung zusammenzupacken und wegzugehen. Fernwandern. Raus, weg, vielleicht plumpse ich unterwegs in eine Gletscherspalte oder werde von einem Problembären gegessen. Mutter Erde knows best how to manage Ballastexistenzen, darum brauche ich mich dann nicht mehr kümmern.

Da ist sie also. Die Gewalt, die ich mir selbst antue, um meine Gefühle der Trennung kongruent zur Situation zu machen. Gewalt kann das einfach so gut. Trennen, spalten, dissoziieren. Das funktioniert so zuverlässig.
Aber das ist nicht, was ich will. Für kurz war es jetzt aber vielleicht wichtig das zu glauben. Um es zu wissen.

*

Vielleicht muss man den Trigger manchmal ganz durchfühlen. Bis zum Schluss durchmachen – so weit, bis man wirklich kurz davor ist, die Koffer zu packen oder sich das Leben zu nehmen, um leichter an den Punkt zu kommen, an dem man sich fragt, was man eigentlich wollte. Ob man das wollte – getrennt sein von allen und allem – oder doch etwas anderes. Was man sich (noch) nicht zu wünschen traut, erlaubt oder zu wünschen aushalten kann. Oder, was (möglicherweise nur jetzt gerade in diesem Moment) einfach noch nicht funktioniert. Oder insgesamt unmöglich ist, aber nicht unersetzbar.

Ich wünsche mir, dass meine Therapeutin mit mir im Kontakt ist. Nicht mit Ideen von mir, die sie sich macht, weil sie Annahmen folgt, die sich aus Begriffen entwickeln, die wir unterschiedlich mit Bedeutung füllen. Wenn wir das hinkriegen (und wir haben das schon hingekriegt), dann fühle ich mich verbunden mit ihr. Nicht allein. Nicht getrennt. Sehr eindeutlich anders als traumanah. Das will ich. Das will ich nicht kaputtmachen, nicht verlieren. Das würde niemand verlieren wollen. Niemand hätte es verdient, das zu verlieren. Egal, wie viel oder wenig sie_r dafür tun kann. Alle sind immer genug für Kontakt, Beziehung, Verbindung.
Alle sind immer genug.

Fundstücke #83

Gespürt habe ich es schon am Mittwoch bei der Blutspende. Aber der übliche Huch-der-Arm-ist-voller-Narben-Sozialtanz hatte mich abgelenkt. Nun steige ich durch die Wildpflanzen vor unserem Haus und spüre den Schwindel wie Fahrtwind. Ich konzentriere mich auf mein Ziel. Freie Fläche für das vom Partner geschenkte Gewächshaus schaffen. Nächste Woche kommen Gemögte zu Besuch und dann bauen wir es auf. Bei dem Gedanken daran steigen kleine weiche Bläschen in mir auf. Das wird schön.

Also weiter. Ich greife nach den verblühten Pflanzen, ziehe sie aus dem trockenen Sandboden und schüttle sie vorsichtig aus. Entdecke Insekten, spüre F. wie einen Klumpen durch meine Adern wandern als sie_r Fotos macht und weiß nicht, ob ich mich übergeben muss oder gleich ohnmächtig werde, als ich aufstehe, um die Pflanze in die Schubkarre zu legen. Dann kommt der Menstruationsschmerz im Unterkörper und der Flashback im Oberkörper als real in meinem Bewusstsein an.

Ich bin verschwitzt, meine Füße stecken unbeweglich im letzten klassischen Schuhpaar, das ich habe. Es ist schwül, immer wieder kommen Nachbar_innen, die wir nicht kennen, mit ihren Hunden an uns vorbei. Schauen mich an, schauen weg. Gehen weiter. Ich denke mich flackernd zwischen Hier und Woanders, beobachte mich weiter nach Pflanzen greifend. Wieder stehe ich auf, wieder erfasst mich der Schwindel, diesmal wanke ich nicht. „Rein. Hoch. Ausziehen. Waschen. Abtrocknen. Anziehen. Wassertrinken. Hinsetzen. Pause. 10 Minuten“. Ich schlage die Worte zu Etappen des Handelns in den Treibsand meines Fühlens. Arbeite sie ab und merke wie sich an der inneren Gegenbewegung andere formen. R. auf jeden Fall, aber auch K. und W. „Klar“, denke ich, „alle, die Angst davor haben zu fallen, aus Angst, sie würden nicht wieder aufstehen (und abwehren) können.“

Das Wasserglas in der Hand betrachte ich die geschaffte Arbeit von oben. Es ist nicht mehr viel. Ich kann es noch vor dem Besuch schaffen. Und wenn nicht, dann muss der Aufbau etwas warten. In meinem Kopf entwickeln sich alternative Pläne, etwas Entspannung, in meiner Hand finde ich eine Schmerztablette.

Als die Hunde den Partner aus dem Bett genervt haben, stehe ich im Tomatenurwald. Es schmerzt weniger, der Schwindel macht mir keine Angst mehr. Später kann ich mich sogar hinlegen, ohne eine Erinnerungsmine auszulösen. Noch später anerkennen, dass ich mich gerade richtig gut schlage. Und noch später begreifen, woran ich mich erinnere.

Worte

Am Morgen lag ein Amselweibchen neben meinem Schreibtisch. Die Augen geschlossen, die Schnabelspitze in einer kleinen Blutlache. Tot.
Sie musste in den frühen Morgenstunden durch das offene Flurfenster und gegen das nur gekippte Bürofenster geflogen sein.
Ich legte sie mir auf den Schoß und öffnete mir einen Raum zu verstehen, was passiert war. Ein Unfall. Eine Tragödie. Etwas, was noch nie passiert ist, ist passiert und endete unglücklich. Tödlich. Endgültig. Für immer.

Ich wartete auf F.. Wusste, dass sie ein Foto machen wollen würde. Dass sie sie anfassen wollen würde. Wusste, dass „tot sein“ in ihrer Kinderinnenwelt etwas anderes ist. Dass sie einen unbewortbaren Unterschied zwischen all den toten Meisenküken, Spatzenkindern, Rehkitzen, den gestorbenen Hunden und Katzen, Igeln und Füchsen, die sie schon fotografiert hat und ihrem Sterben in Gewaltsituationen macht, aber beides „tot sein“ nennt.

Wir haben in den letzten Wochen viel mit F. gearbeitet, weil der Krieg viele Traumawahrheiten hochgespült hat. Viele Pflichtgefühle, Verantwortungsübernahmen, Verwirrung und Unsicherheit. Tod und Sterben tauchten dabei immer wieder auf und immer wieder die Idee, der Gedanke, das Konzept eines unendlichen Sterbens. Eines, das kommt und geht, passiert und in scheinbar anlassloser Geburt endet. Eben, das Sterben, das ein chronisch dissoziierendes Kind erlebt, das ohnmächtig wird, weil der Schmerz zu groß ist. Das den eigenen Tod entsprechend vielleicht gar nicht schlimm findet, weil es ein Ende von etwas ist, das es nicht selbst beenden kann.
Es verändert das eigene Leiden; es entsteht eine ganz andere Todesangst, wenn man weiß, dass es ein Ende gibt, das nicht wirklich das Ende ist. Eine ganz andere Bereitschaft zum Leben in Gewalt und unter Menschen, die sie ausüben.

Ich wollte ihr das nicht nehmen. Und hatte doch keine andere Wahl, denn wir leben nicht mehr unter Menschen, die uns in die Ohnmacht quälen oder wie selbstverständlich oder zwingend nötig verletzen. In unserem Leben heute, braucht sie die Sicherheit um diesen Ausweg nicht mehr. Es gibt andere Sicherheiten. Etwa die, dass sie überlebt hat. Dass es vorbei ist. Dass sie nie wieder so sterben muss wie früher, weil sie nie wirklich gestorben ist.

Unsere Therapeutin hatte immer wieder versucht, ihr das klarzumachen. In der letzten Stunde entstand ein kleiner Raum um die Worte Tod, Sterben und tot sein. Ein „Frau N. sagt …“ -Raum, der mit seinen Inhalten besteht, aber noch keine Verbindung mit den inneren Räumen hat.
Die tote Amsel hat die Verbindung hergestellt. Eine gleichzeitige Präsenz der Worträume ermöglicht und mit meinem Verstehen verknüpft.

Die Amsel ist tot. Für immer. Das ist deckungsgleich mit dem, was Frau N. über das Sterben, den Tod und das tot sein gesagt hat. Es ist nicht, was sich für F. wie Sterben und tot sein angefühlt hat.
Was F. über ihr Gefühl gesagt hat, ist ein Vergleich. Keine Benennung. Ihre Worte eine Art geistiges Pflaster, damit etwas ist, wo sie nichts hat, spürt, konkret beworten kann. Vielleicht, weil sie damals dissoziiert war, vielleicht weil der Schmerz keine andere Reizinformation mehr aufzunehmen möglich gemacht hat.
In jedem Fall ist es eine Kompensationsstrategie zur Vermeidung (gewesen). Sowohl in Bezug auf die Gewalterfahrung als auch die Dissoziation. Genau wie ich hat sie eine Lücke mit Worten geschlossen, weil es keine gab und vielleicht auch nie gibt.
Ich weiß, dass ich damit eigentlich einen Gegensatz beschreibe, aber es ist keiner. Nicht wirklich. Ich kann es nur nicht anders beworten.

F. hat das Foto gemacht. Einige Stunden später haben wir mit der Therapeutin gesprochen. Ich merke Verschiebungen und Auflösungen in mir, die ich nicht beworten kann. Muss mich immer wieder aus jugendlichen Furcht- bis Angstkreiseln lösen, die Therapeutin könnte von mir verlangen Worte zu finden, die ihr Verständnis ermöglichen. Immer wieder merke ich, wie sehr es mich be.trifft, belastet, verzweifelt mich nur über Worte verbinden zu können. Nie mein Empfinden, mein Verstehen konkret teilen zu können.

Trauma wird oft mit Sprachlosigkeit verknüpft. Irgendwie scheinen sich alle damit abgefunden haben, dass Überlebende immer auf einem Stück Sprachlosigkeit für ihre Wunde sitzen bleiben. Als müsse man einfach akzeptieren, dass man nicht alles benennen kann oder manches einfach mit Worten nicht zu fassen ist.
Ich hingegen finde eigentlich für alles Worte und denke mir welche aus, wenn es keine gibt. Aber das ist nicht das gleiche wie Verstehen, Verbindung – etwas sagen.

Worte sind wie Brotkrumen, dachte ich später an dem Morgen, nachdem mir aufgefallen war, dass die ersten Worte des Partners über die tote Amsel die gleichen waren wie meine: „Oh nein“.
Sie sind ein Hinweis. Eine Fährte.
Nicht mehr, nicht weniger.

Leider.

Interviewreihe „Viele Leben“ – Wir suchen Viele

für ein Interview im Audiopodcast „Viele-Sein“, dem Podcast zu Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur.

Die Stimmen von Menschen, die sich als Viele erleben, werden noch immer viel zu wenig gehört. Stigmatisierende Fernsehsendungen und Serien sowie Stillstand in der Auseinandersetzung mit Trauma und Gewalt als gesellschaftliche Themen sind die Folge.
„Viele Leben“ heißt die mehrteilige Interviewreihe und stellt die ganz eigenen Lebensthemen von Menschen mit (p)DIS in den Mittelpunkt.
Als ein Projekt der Initiative Phoenix e. V. soll es eine selbstbestimmte Raumnahme ermöglichen, die Perspektiven auf die Leben von Vielen erweitern und gesellschaftlichen Wandel mitgestalten.

Was möchtet Ihr mit.teilen?
Welche Gedanken multiplizieren?

Die einen machen Öffentlichkeitsarbeit, die nächsten merken, dass es leichter ist, offen mit ihrer Homosexualität zu sein als mit ihrem Vielesein; wieder andere teilen, wie es ist, als Überlebende_r im Sterben zu liegen.

Egal, was Euch bewegt – es kann auch andere bewegen!

„Viele-Sein“ begann als Own-Voice-Projekt von Hannah C. Rosenblatt und Renée W., die beide mit DIS leben und ihre Er_Lebensrealitäten mit.teilen. Inzwischen umfasst der Podcast mehrere Formate von Selbsthilfe bis zur Wissenschaft der Diagnose und inkludiert auch Viele mit anderen Diagnosen als der „dissoziativen Identitätsstörung“.

Interesse?

Meldet Euch per Mail an vieleleben@gmail.com und schreibt uns von Eurem Thema. Auch Fragen zum Projekt werden dort beantwortet.

Die Interviews werden via Zoom (ohne Kamera) oder draußen aufgenommen.
Alle Teilnehmer*innen können anonym bleiben.
Dieser Text kann gerne an andere Interessierte weitergeleitet werden. Hier als PDF runterladen.

Wir freuen uns auf Euch!

Hannah C. Rosenblatt

Vermeidungsroutinen, Zwang und Teilhabe

Wir haben eine neue Podcast-Episode mit Vielfalt aufgenommen. Über Routinen. Und die Kluft zwischen dem „von Routinen gemacht werden“ und dem „selber machen von Routinen“.
Dabei haben wir etwas vergessen. Oder wir sind es übergangen, weil es vielleicht auch selbstverletzendes Verhalten ist. Oder nur meine Weirdness. Die Übergänge sind da vielleicht fließend.
Es geht um den Komplex, sich selber in Routinen zu zwingen.
Ganz vergessen hatte ich es nicht – man hört mich sagen, dass ich Routinen habe, um Lücken zu haben. Freiräume vielleicht. Nicht gesagt, aber gedacht habe ich: Um teilhaben zu können. Um mitmachen zu können.
Gesagt habe ich auch etwas von Kraft durch Routinen. Auch schon in der „Was helfen könnte“-Episode über Routinen.

Die meisten Dinge, um die ich Routinen aufgebaut habe, schaffe ich heute, weil ich mich in sie hinein gezwungen habe. Ich habe mich in die Aktivitäten gewissermaßen „hineingelitten“ und ja, mir ist klar, wie das klingt. Obwohl ich hier Reizwörter wie „Zwang“ und „Leiden“ verwende, geht es dabei nicht auch um Strafen und Verletzung, sondern darum, dass ich nicht schmerzlos in mein Alltagsfunktionieren gekommen bin. Und mich auch nicht leidfrei darin bewegen kann, wenn ich keine Strukturen, Ordnungen, Routinen darin habe.

Routinen sind hilfreich bei der Verkörperung von Abläufen. Sind Handlungsabläufe im Körpergedächtnis angekommen, braucht es weniger bewusste Konzentration auf ihre Ausführung. Das ist ein Segen, wenn man ein Oberstübchen hat, in dem alles immer gleichzeitig prozessiert wird. Ohne Filter, ohne Priorität. Horizontal.
Der Unterschied zwischen einer absolut offenen Situation, in der alles Mögliche auf alle möglichen Arten passieren kann und einer, in der durch Verkörperung oder eindeutige Vorgaben eine Art roter Faden erkennbar ist, entsteht nicht nur durch die Limitierung dessen, was prozessiert werden muss. Es geht auch um Kraftaufwände, um Angstquellen, um Reproduzier- und Übertragbarkeit auf andere Lebenssituationen. Mit jedem roten Faden mehr, den ich mir antrainiere und als Routine ins Leben sticke, erweitert sich der Raum, in dem ich teilhaben kann. Für mich war das schon immer eindeutig gut. Hilfreich. Nützlich. Meine einzige Chance.

In meinem ersten Klinikbericht aus der KJP stand, ich hätte eine anankastische, also zwanghafte, Persönlichkeitsstörung. Wenn man das googelt, wird ein Bild angezeigt, auf dem eine Person mit einer kleinen Schere eine Hecke beschneidet. Denn so wird Zwang gedacht. Entweder wird jemand von jemandem oder etwas um den eigenen Willen gebracht und ist ein maximal ausgeliefertes Häschen oder jemand ist völlig gaga und hantiert ohne Handschuhe aber in tadellos hellem Hemd mit ungeeignetem Gerät an Büschen herum, weil darum.
Zwang wird als Mittel der Mächtigen wahrgenommen. Als Werkzeug der Kontrolle, als Trittbrett zur Limitierung von Potenzialen und damit Verlust. Wertminderung vielleicht sogar. Die meisten Menschen, die sich mit Zwang konfrontiert sehen, lehnen ihn ab, weil er sie in ihrem Gespür für sich selbst und die eigenen Möglichkeiten bedroht. Eine nachvollziehbare Haltung, wenn man jederzeit und immer einfach alles machen kann, was man will. Jeder Eingriff, jede Ordnung und Struktur von außen kann dann nur als potenzieller Angriff wahrgenommen werden.
Ich fühle diesen Angriff nicht.
Mir helfen äußere Strukturen, um überhaupt erst einmal in die Lage versetzt zu werden, Kontrolle über mich zu empfinden. Sie helfen mir, meine Wahrnehmung und Verarbeitung eindeutiger einordnen zu können. Also überhaupt erst einmal zu wissen, was bei mir gerade passiert. Was ich da eigentlich fühle, denke, bearbeite. Was ich will, was zu entscheiden ist, worum es sich handelt, womit ich konfrontiert bin. Welches Wissen ich worauf anwenden könnte.

An der Stelle halte ich es für wichtig, autistisches Funktionieren und Traumafolgen als getrennt zu begreifen. Denn ich scanne mich nicht darauf, ob ich Gefährliches wahrnehme. Ob ich Gefährliches will. Ob ich empfinden darf, was ich empfinde oder nicht. Ob mein Leben (wieder) in Gefahr ist oder nicht. Ich versuche mir ein Bild zu machen, um auf Gefährliches scannen zu können. Zu verstehen, was gerade passiert. In aller Regel bin ich also einen Schritt hinter den meisten Menschen. Sie stehen in einer Situation, brauchen zwei, drei Hinweise und haben eine Idee. Ich bin in einer Situation und fühle mich mit 10, 15, 20 Hinweisen bombardiert, von denen die meisten mehrere Dinge bedeuten könnten, sich aber häufig als etwas entpuppen, das von der (sozialen) Umwelt als irrelevant vernachlässigt wird, ohne es deutlich zu machen.
Das führt dazu, dass ich mich – speziell in neuen Situationen – häufig noch ohne jeden freien Willen orientiere, weil ich noch keinen Bezug zu mir herstellen konnte. Weder den Bezug der Dinge in der Situation, noch den Bezug der Situation zu mir, noch den Bezug meiner Reaktion in dieser Situation oder auf die Dinge in dieser Situation. Komplizierter Satz. Meint: Alles ist fragmentiert. Nichts hängt zusammen. Kein roter Faden. Keine Orientierung möglich. Und deshalb auch: keine Kontrolle

Erst an der Stelle kommt die Traumafolge hinzu. Keine Kontrolle zu haben, ist ein Kernelement jeden Traumas. Es ist ein Trigger für Selbstschutzverhalten, sich ohne Kontrolle zu fühlen. Selbstschutzverhalten hat viele Gesichter. Bei manchen Menschen ist der Selbstschutz ein Zwangskorsett. Die Idee, bestimmtes Verhalten führe zu bestimmten Situationen und ohne dieses Verhalten gäbe es keine Kontrolle und dementsprechend keine Sicherheit. Sie fühlen sich gut, weil sie sich ihrer Kontrolle bewusst sein können. Sie sind irgendwann gezwungen, sich so zu verhalten, dass sie kontrollierbare Situationen produzieren. Ein Kreislauf beginnt.
Mein Selbstschutz ist in den meisten Fällen Masking. Unauffällige soziale Skripte. Und chronische Dissoziation, die ich zunehmend gezielt nicht auflöse. Mein Kontrollbereich nur der, ob und wenn ja, wie vorbereitet ich mich auf neue Situationen einlasse.

Ich habe ausgeklügelte Vermeidungsroutinen entwickelt, um meine fehlende Selbstkontrolle zu kompensieren. Selbstkontrolle meint hier nicht mein Verhalten, sondern mein Selbst. Meine Wahrnehmung. Mein Oberstübchen, meinen Körper. Ich weiß, wann ich überreize, also meide ich Situationen, in denen es passiert. Ich weiß inzwischen, dass ich nicht zu oft vermeiden darf, weil meine Empfindlichkeit größer wird, je mehr Reize ich vermeide. Ich weiß, was mich wann wie triggert, also meide ich es – oder nehme den Trigger hin, wenn ich weiß, dass mir genug Frei_Raum bleibt, um mich zu regulieren. Und ich weiß inzwischen, was mir hilft mich zu regulieren – und dass dies aber auch bedeuten kann, dass ich mich stimulieren (reizen) muss.

Ich habe mich viele Jahre damit gequält, mein Verhalten zu verändern, damit man mich nicht als zwanghaft liest. Perfektionistisch, das Umfeld manipulierend, gaga weil darum. Mit Schere an der Buchsbaumkugel.
Oder irritierend. Krank. Behindert. Falsch. Schlecht. Minderwertig. Weil nicht unter Kontrolle.
Vermeidungsroutinen waren und sind bis heute mein sweet spot in diesem unmöglichen Dilemma. Ich brauche nicht viel Kraft auf meinen Selbstschutz und allgemein nötige Handlungen verbrauchen, weil ich Routine darin habe – und solange ich niemandem verrate, wie umfassend unfähig ich zur Teilnahme, aber auch zur Teilgabe bin, wenn ich sie nicht aufrechterhalte, weiß auch niemand, wie behindert ich im Alltag tatsächlich bin.

Ein Nachteil daran ist natürlich, dass so auch niemand weiß, wie anstrengend neue Tätigkeiten für mich sind. Lange nicht einmal ich selbst.
Mir ist es zuletzt wieder beim Aufbau der Schwimm-Routine aufgefallen. In die ich mich reingezwungen habe, um ganz normal mit dem Partner schwimmen gehen zu können, weil das sein Sport ist – und für mich Triggerhölle und Überreizungsmoment deluxe.
Heute ist es Triggerhölle, Überreizungsmoment deluxe und eine Kraftquelle, weil Endorphin einfach ein geiler Stoff ist und beim Sport ausgeschüttet wird.
Ich könnte auch sagen, dass ich mich in diese Routine hineinargumentiert habe. Oder hineinmotiviert. Schließlich gibt es viele Vorteile für mich. Und wo soll das Zwangsmoment liegen? Es liegt im sozialen Imperativ an ein normales Verhalten und seine Aus_Wirkung auf mich.
Ich gehe nicht als ganze, unbeschädigte, freie Person schwimmen. Ich gehe dissoziiert, von Triggern in verletzte Selbstzustände gestoßene Person dahin, ohne das ändern zu können, wie ich lustig bin. So bin ich, das ist mein Er_Leben und wenn ich mich nicht dazu zwinge trotz alledem und alledem die Handlung auszuführen, dann kann ich sie auch nicht ausführen. Dann ist nichts mit Sport im Winter, Option auf gemeinsame Aktivität, bei der ich genug Energie habe, um die Freude am Zusammensein mit dem Partner wenigstens kognitiv zu erfassen … irgendetwas anderes zu erleben als Arbeit zu Hause und Hunderunde im Wald.

Dieses Leben nach der Gewalt wie auch dieses mein autistisches Leben würde nicht so funktional laufen – ja hätte vielleicht auch nie anfangen können, wenn ich mich nie zu irgendwelchen Dingen gezwungen hätte oder von den sozialen Konsequenzen der Ausgrenzung hätte zwingen lassen.
Das ist keine sexy Aussage, weil man heute lieber mit Konsens und ohne Gewalt in die Selbstfürsorge leiten möchte, aber so funktioniert es bei mir in der Regel nicht. Ich kann nicht jahrelang auf inneren Konsens warten; habe nicht genug Therapie und sonstig bewusstes Umfeld, um die Alltagsgewalt, mit der ich als behinderte Person umgehen muss, so zu transformieren, dass meine Teilhabe nicht ständig von meiner Bereitschaft mich selbst zu beschneiden abhängt.

Und es ist eine belastende Aussage für mein direktes Umfeld. Denn ich weiß jetzt schon beim Schreiben, dass einige davon überrascht sind. Was so schlimm? Echt? (Das sieht man dir gar nicht an) Lass das doch!
Ja, es ist so wie es ist. Manchmal ist es auch schlimm. Meistens dissoziiere ich selber den Schlimmfaktor, um handlungsfähig zu bleiben. Ja, ich könnts lassen. Wär aber scheiße vong Lebensqualität her. Ich bin nicht ausgestiegen und seit tausend Jahren in Therapie, um ich zu sein oder zu werden, sondern um in diesem Leben zu bestehen. Und zwar so, dass ich oft genug ich selbst sein kann, um mich zu fühlen – und meine Lebensentscheidungen in Kongruenz damit zu fällen. Das ist Selbstbestimmung. Freiheitspraxis. Und die Freiheit komplex traumatisierter autistischer Menschen sieht nun einmal genau so aus: „Entweder du verstümmelst dich, um dazuzugehören oder nicht. Und wenn nicht, dann bleibst du draußen.“

Für die meisten komplex traumatisierten Menschen ergibt es Sinn, einen Appell an die Umwelt zu richten, damit sie sich in ihrem Leiden nicht ständig verbergen und verbiegen müssen.
Für mich noch nicht.
Warum beschreibe ich irgendwann mal in einem anderen Text.

das Helfertrauma – die Wiederholung

„Wer ein Trauma nicht realisiert, ist gezwungen, es zu wiederholen oder zu reinszenieren.“ Das soll Pierre Janet vor 120 Jahren gesagt haben. Er gilt als einer der ersten Traumaforscher, deshalb kenne ich dieses Zitat. Es wird oft dort eingeschoben, wo es um die Notwendigkeit von Traumatherapie oder das generelle Interesse für die Thematik geht. Oft funktioniert es deshalb als Warnung. „Achtung, Achtung, wenn dir diese Story von Kontrollverlust und einer Lebensqualität wie trocken Brot nicht reicht, um dich damit zu befassen, dann hier die Drohung, dass du es dir immer wieder selbst antust.“

Als ich diese Woche die Praxis für Autismustherapie verließ, dachte ich an das Zitat und darüber nach, ob ich mit der Autismustherapie aufhören muss. Denn wieder hat sich mein Helferding wiederholt. Nicht in der schlimmsten Ausprägung und auch nicht mit großem Schaden, aber doch einem Schaden. Für mich. In mir. Weil es inzwischen nicht erst weh tut, wenn es im schlimmsten passiert, sondern bereits wenn klar ist: Wir sind mittendrin und ich muss genau jetzt entweder abbrechen oder immer wieder verweigern. Grenzen ziehen. Verantwortlichkeiten einhalten, ablehnen, beworten. Hoffen, dass sich diesmal ein Weg auftut. Wissen, dass sich bisher erst ein Mal ein Weg aufgetan hat. Das eine Mal von vielleicht hundert Malen.

Während ich darüber nachdachte, wie ich das konkret tun könnte, bemerkte ich, dass auch das zu meiner Schleife gehört.
Jetzt sitze ich da, bin irgendwie verletzt davon, was im Miteinander passiert – sage, was da passiert und dass ich das so nicht möchte – und fange an, mir zu überlegen, wie ich es nicht wiederhole. Obwohl von Anfang an nicht ich dafür gesorgt habe, dass sich etwas wiederholt. Ich war einfach so da wie ich bin. Habe gedacht, wie ich denke, mich ausgedrückt, wie ich es tue und wieder wurde mir gesagt, dass meine Art zu Denken sehr viel sehr komplex sei. Dass man das nicht lange durchhalten kann, wenn man versucht mitzukommen. Und irgendwo darin erwähnt, ob ich wohl den Anspruch habe, dass man mir, wenn schon nicht gleich, so doch wenigstens ähnlich komplex begegnet.

Es ist also wieder das Thema Komplexität, zu viel (~intelligent~) sein, Vermeidung von Überforderung, Vermeidung der tatsächlichen Themen aus Sorge zu überfordern, zu wenig Hilfreiches zurückzubekommen und dem Problem nicht immer genug Kraft dafür zu haben, auf das Gegenüber warten zu können.
Und im Anschluss das innere Verbot, an der helfenden Person zu zweifeln, denn die kann ja auch nichts dafür. Niemand kann etwas dafür. Nie. Ich bin die Komponente, die sich in den Kontakt begeben hat, um etwas zu verändern. Also muss ich mich verdammt nochmal endlich auch verändern, warum mache ich mich dann nicht einfach anders.

Ich weiß nicht, ob mein Fehler ist, wiederholt nach Gegenübern zu suchen, die mich in meiner Auseinandersetzung begleiten und mir helfen, Lösungen für die Probleme zu finden, die ich alleine nicht erschaffen kann. In meiner Traumalogik ist es jedenfalls so.
Ich brauche niemanden, die_r mir nicht entgegen_wachsen will und die halbe Zeit damit kämpft, sich in meiner Anwesenheit weder dumm noch unterkomplex urteilend oder möglicherweise zu wenig Hilfreiches wissend zu fühlen, weil sie_r einfach nicht glaubt, dass diese Ebene im Kontakt für mich nicht relevant ist.
Ich brauche jemand, die_r sich erst einmal auf meine Probleme konzentriert. Nicht auf mich, nicht auf sich – auf das Problem. Und erst dann von mir aus auch auf mich in dem Problem und auf sich bei all dem.

Ich fürchte, dass ich mein Helfertrauma nie mehr realisieren kann, als ich es bisher geschafft habe.
Die Realität ist, dass ich zu komplex denke, zu viel aufnehme und deshalb immer viel ist, was mich beschäftigt oder vor Probleme stellt.
Die Realität ist, dass sich die meisten Menschen, gegen Komplexität entscheiden oder gar nicht erst begreifen können.
Die Realität ist, dass ich deshalb keine Hilfe bekomme, auch wenn ich es mit Leuten zu tun habe, die mir wirklich aufrichtig bemüht und angestrengt helfen wollen.
Die Realität ist, dass dies wiederum allein mein Problem ist und bleibt und bleibt und bleibt – weil die Lösungsfindung eine zu komplexe Angelegenheit ist.

Es ist die Hölle.
Ernsthaft.

15 Jahre nach dem Ausstieg

Der Krieg hat etwas in mir verschoben.
Erst kam die Starre, dann die Bilder, die Albträume, die Schmerzen. Seit Monaten gehören Schmerztabletten zu meinen Mahlzeiten wie eine unverzichtbare Zutat.
Es ist das 15. Jahr nach meinem Ausstieg und ich bin auf eine Art mit Überzeugungen und Ängsten geflutet, wie noch nie zuvor.
Was auch immer sich verschoben hat, es hat rohes Fleisch offengelegt.

Situationen wie diese gehören dazu. Zum Leben und besonders zum Leben nach dem Ausstieg. Zumindest habe ich es so oft bei anderen Vielen mit_erlebt, dass ich es kaum getrennt voneinander denken kann.
Bei mir ist es einfach nicht so gewesen. Vor 5 Jahren nicht und auch nicht in den Jahren davor.

Ich hatte immer nur die BÄÄMS. Die Schreihälse, die mir ihren Hass entgegenbrüllen oder subtil ins Denken injizieren. Die immer wissen, was ich falsch mache, was ich nicht darf und was einfach nicht mein Ernst sein kann. Wegen der Lächerlichkeit.
Die Dunkelbunten sind nur Theorie. Irgendwie bis heute. Obwohl ich merke, was sie da machen. Was sie in mir bewirken und an wem. Jetzt, wo so viel frei liegt, dass es weh tut. Obwohl ich weiß, dass täter_innenloyale und täter_innenidentifizierte Innens nicht das gleiche wie „destruktive Innens“ sind. Jedenfalls nicht in unserem Systemkomplex.

15 Jahre nach dem Ausstieg wollte ich einen super inspirierenden Beitrag schreiben, der Kraft gibt, Hoffnung schöpfen lässt, der andere Betroffene in ihrem Ausgestiegensein bestärkt.
Und jetzt sitze ich hier, muss anerkennen, dass wir weiterhin nicht den inneren Ausstieg geschafft haben und mit Schwierigkeiten kämpfen, die in unserer heutigen Situation doch eigentlich leicht zu bewältigen sein müssten. Wir haben alles, was man dazu braucht -Therapie, sichere Bindung, stabiles Leben, Arbeit, Selbst_Bewusstsein, viele Skills und noch mehr Prozesserfahrung – und trotzdem. Nein, es ist nicht leicht. Es ist kein Zustand aktiven Tuns, sondern einer von Aus_Halten und hoffen, dass die Therapeutin weiß (und mir sagt), was ich jetzt wie tun oder überlegen könnte, um zu verstehen. Oder so.
Vielleicht gibt es nichts zu verstehen. Ich habe keine Ahnung.

Ich bin frustriert darüber, dass ich nur meine Therapeutin habe – und also nur diese anderthalb Stunden alle zwei Wochen – um die Möglichkeit des Versuchs etwas von all dem mitzu.teilen überhaupt anbahnen zu können. So wütend, ungeduldig, manchmal grenzenlos hasserfüllt darüber, dass ich nicht einfach damit rauskomme. Obwohl ich mir doch alles genau dafür vorbereitet habe. Doch alles frei ist. Da ist kein Hindernis, gar nichts. ES bleibt wortlos. DAS DA Emotion ohne Kanal. Meistens das weiße Nichts, das ich als „das Inmitten“ (in mir) kenne. Ein zentrierter Punkt, in dem alles so krass ist, dass es nichts, alles, einfach nur ist.

Neu ist das Gefühl der Enttäuschung.
Vor 20 Jahren hat sich nur meine Ärztin getraut überhaupt anzunehmen, dass ich organisierte Gewalt erfuhr, vor 15 Jahren musste ich den Ausstieg alleine machen, weil niemand verstanden (oder geglaubt) hat und heute gibt es immer noch weder (bedarfsgerechte) Ausstiegshilfen, noch geschützte Räume zur aktiven Auseinandersetzung für Menschen in meiner Situation.
Da haben sich Behandler_innen jahrelang den Mund fusselig geredet, wurden Konferenzen und Fachtagungen gemacht, haben sich Betroffene bei YouTube präsentiert und in Blogs offenbart – da wurden „wir“ vom Staat gehört, der eine fancy Broschüre hat drucken lassen und, was ist davon jetzt hier und heute wirklich nutzbar? Es gibt weiter keine Kliniken, weiter keine Hilfsangebote, die über oberflächliche Beratung und allgemeines Eiei hinausgehen. Ausstieg ist ein individueller Prozess, der direkt und persönlich begleitet werden muss. Lange. Oft. Bedingungslos. Bedarfsgerecht.
Was es jetzt gibt, ist nicht genug und das ist eine bittere Erkenntnis, wenn man wie ich einen großen Zeitraum zu Vergleich hat, in dem bereits so viel mehr als vorher passiert ist.

Dass es mich enttäuscht, ist neu. Vielleicht, weil ich heute überhaupt erwarte. Vielleicht, weil ich nicht durchschauen kann, warum sich da einfach nicht mehr, nichts Konkreteres tut. Warum ist diese Gesellschaft einfach so grundsätzlich ok damit, dass Menschen leiden?
Sind wir selber schuld? Ist es die Idee von Sichtbarkeit, die sich als irrig entpuppt? Sagen was ist und drauf verlassen, dass es niemand so belassen will – scheinbar wollen es genug Leute doch so belassen. Was bedeutet das in Bezug auf den Stellenwert meines Leidens? Vielleicht leide ich gar nicht.

15 Jahre danach wollte ich weiter sein. Klarer.
Aber nein. Nichts ist klar. Ich bin nur weiter.
Wo, das muss ich noch mehr verstehen.

Rezension: „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo

Buchcover von Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden von May-Lonah dran

Einen Erfahrungsbericht einer Person mit DIS, während einer pädagogischen Ausbildung – das hat es so noch nicht gegeben.
May-Lo nimmt die Lesenden mit in ihre Auseinandersetzung, die von einer Fortbildung zur Traumapädagogin ausgelöst wurde. Vom Erkennen des Wieder_Erinnerns zur Re_orientierung in einer Gegenwart als Mutter, Begleitende, Funktionierende nach organisierter Ritueller Gewalt, stellt die Autorin viel Nähe her.

diffuse Prozesse – klare Worte

Eine klare Sprache inmitten uneindeutiger Kontexte, unverbundener Bindungen und zuweilen scheinbar ziellosem Vorwärts, trägt hier über 168 Seiten. Es gibt keine nachgezeichnete Struktur dessen, was die Autorin prozessiert. Was sie zu halten scheint und als einzige Richtschnur der Leser_innen dient, ist die Gegenwart. Das Jetzt und der nächstmögliche Schritt.
Ein intensives Er_Leben nach Erfahrungen, die markiert durch eine kleine Grafik, immer wieder gleichsam und umfassend intensiv wirken.

Sein und Werden

Das Ende ist ein Anfang. Ein neuer, ein alter, man erfährt es nicht.
Geht es um eine Befreiung? Haben wir hier die Story mit dem Weg ins Licht, die Freiheit, der Opferschaft weit hinter sich und Ruhe in Frieden zum Greifen nah? – Das bleibt offen und ist meiner Meinung nach das Beste am ganzen Buch.
Denn definitiv gibt es keine Selbstabwertung aufgrund der eigenen Erfahrungen, der Ängste, der Kämpfe, der Belastungen. Es gibt einen berechtigten Stolz auf geschafftes und angeeignetes und eine wie freiwillig auch immer hergestellte Anerkennung dessen was ist. Sowohl des eigenen Seins jetzt als auch des Werdens in Zukunft.

Alles das macht „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ zu einem Buch, das den Blick auf Menschen mit DIS erweitern, die eigenen Vor_Urteile und Ideen von Traumaarbeit jedoch auch konfrontieren kann.
Hier sehe ich die Rahmung des Manuskripts vom Verlag einigermaßen misslungen. Da konkrete methodische Struktur und Einordnung fehlt, ist dieses Buch kaum Menschen zu empfehlen, die noch keine Vorkenntnisse über dissoziatives Erleben und/oder organisierte Rituelle Gewalt haben. Auch ist fraglich, ob es der Intention der Autorin gerecht wird, wenn man ihre Erzählung als etwas hernimmt, um „die traurige Realität“ von sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen.

Für Betroffene, die erfahren wollen, wie eine andere Person mit DIS mit sich arbeitet, um an sich arbeiten zu können, ist es hingegen von besonderem Wert.

„Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo ist am 1. April im Asanger Verlag erschienen und kostet 19,80 €.
Die Autorin twittert unter dem Handle @kurzvorlila