Grenzen

Die Sonne geht gerade auf, Wolken schleichen um sie herum, am Horizont steht eine Gruppe Wild.
Ich fahre zur Schwimmhalle, blinzle mir Fetzen aus den Augen. Der Impuls ist, sich zu verkriechen. Einrollen, verstecken, dunkel, still, nichts und niemand. Ich spüre ihn genauso deutlich wie den monolithen Leuchtturm in mir, der mich in die Selbstfürsorge leitet.

Das Wasser ist kühl, im Becken schwimmen außer mir nur drei andere Menschen. Das Morgenlicht wird zu hellen Rhomben, Drei- und Vielmehrecken auf der Oberfläche. Ich schalte meine Augen aus, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Zwei Wochen war die Schwimmhalle geschlossen, weil so viele Mitarbeiter_innen krank gewesen sind. Ich liebe, wie anstrengend es nun wieder ist, mich vorwärtszubewegen. Meine Glieder schreien mich an, ich fühle mich ihnen näher als vorher. Die dumpfen Erinnerungen auf meiner Haut werden zu Schatten und verlieren ihre Macht über mich. Und endlich kann ich es loslassen. Das drängende Gefühl, mich um etwas kümmern zu müssen, was seit mehr als 25 Jahren nicht mehr bekümmerbar ist. Das Gefühl des Versagens, das damit verbunden ist. Das Gefühl der Überforderung vor einem Anspruch, der vielleicht nur von mir ausgeht, aber irgendwie doch nicht so richtig vom Außen zu lösen. Die Furcht vor Gesprächen, die dem Geständnis der Nichtversorgung von Kinderinnens folgen könnten.

Meine körperliche Anstrengung gleicht meiner psychischen. Ich fühle mich rund in mir und kann leichter mit der Eckigkeit der Welt umgehen. Ihre scharfen Kanten müssen im richtigen Winkel auf mich treffen, um nicht an mir abzurutschen, ich muss nur meinen Sicherheitsabstand zu ihr bewahren. Grenzen setzen, vielleicht.

In Gedanken suche ich meine Körpergrenzen ab und stolpere in die Geschichte meiner Narben. Ja, auch das war Kongruenz, Metapher, reale Invasion. Selbstverletzung, Angriff, Zugriff. Aus- und Nutzung. Leute, die Kinder schneiden, Kinder, die sich schneiden. Wenn man das übereinander legt, gibt es nicht nur Gegensatz und Ausschluss, sondern auch Gemeinsamkeit. Kongruenz. Rundsein. Identität.

Auf dem Rückweg scheint die Sonne. Nicht mehr lange, dann können wir wieder mit dem Fahrrad zur Schwimmhalle fahren. Ein Kinderinnen schickt mir seine Freude über den Gedanken durch ein Fuchteln. Manche Grenzöffnung ist okay.

Rache wäre leichter

Ich hatte keinen Anlass zu glauben, dass R. jemals etwas anderes wollen könnte als Rache. Vielleicht sogar blutige Rache. Zerstörerische, giftige Rache ohne Bewusstsein für ihre Folgen, ohne Willen zur Anerkennung von Ursachen oder der eigenen Verortung in Zeit und Raum.
In den letzten 18 Jahren hatte ich vor allem Hartes, Unnachgiebiges gespürt. Die generalisierte Ablehnung von Erwachsenen, die Abwehr von Nähe, die Vermeidung von allen, die nach ihr zu greifen versuchten, um ein eigenes Ziel zu erreichen. In ihrer Härte war sie nie Godzilla, der durch die Einrichtungen stampft, die sie zerstampft haben – aber schon ein Mädchen mit Todesblick und undurchdringlichem Geist. Ein Dorn, dessen Stich so wehtun sollte, dass er nicht ignoriert werden würde.

Und dann antwortet sie der Therapeutin, dass sie eine Entschuldigung will. Und das Versprechen, dass etwas dafür getan wird, dass sich ihre Geschichte nicht im Leben anderer Jugendlicher wiederholt.
Am Abend zuvor hatte ich schon die Idee in mir bewegt, den Brief zu schreiben, den R. nie schreiben konnte. Dann aber erinnerte ich mich daran, wie es mir nach dem Klinik-GAU ging. Wie unfassbar bitter mich die Erkenntnis traf, dass es den Menschen leider so unendlich egal ist, wie es mir ging, was ich dachte und wie ich gelitten habe, weil sie mich zur alleinverantwortlichen Quelle dieser Gefühle erklären können – und vielleicht auch müssen.

Denn das Schlimme an sogenanntem „institutional betrayal“ ist nie nur, dass Institutionen (Kliniken, (Wohn-)Einrichtungen, Firmen…) manchmal ihre Versprechen brechen, sondern auch, dass sie keine Verantwortung dafür übernehmen. Und dass es niemand von ihnen erwartet. Dass sie nichts und niemand dazu zwingt, wenn ihr eigenes Gewissen, ihre eigenen Werte, ihre Mitarbeiter_innen und Verantwortlichen es schon nicht tun.
Und dass das nur in bestimmten Aspekten problematisiert wird. Gibt es Blutvergießen oder systematische Vernachlässigung, Abrechnungs- oder Steuerbetrug, Etikettenschwindel oder Zwangsüberarbeitung, kann geklagt werden. Gibt es psychische Gewalt, autoritär begründeten Zwang oder Handlungen aufgrund von etwa Sexismus oder anderen *ismen, gibt es diese Möglichkeit einfach nicht. Denn das Wort der Opfer ist weder den Täter_innen noch dem Staat etwas wert, um Unrecht an_zu_erkennen und (Wieder-)Gutmachung zu bieten.
Das verkleinert das Leiden der Opfer nicht. Im Gegenteil kommt dadurch eine Ebene hinzu, die nichts mehr nur mit den konkret Beteiligten zu tun hat, sondern mit dem gesamten sozialen Kosmos. So hätte ich natürlich nach dem Klinik-GAU die Ärztin anzeigen können und mich in ein entwürdigendes – und mich voraussichtlich weiter demütigendes – Justizgemetzel stürzen können, aber die Falschbehandlung passierte durch ein Team unterstützt und von einer Struktur geschützt. Und die wären nicht auch zur Verantwortung gezogen worden, weil Verantwortung in solchen Häusern bis zur Nichtigkeit diffundiert ist. Am Ende kann in diesen Institutionen niemand Verantwortung übernehmen, weil sie niemand alleinig hat oder übernimmt und die kollektive Anerkennung einen Gesichtsverlust bedeuten könnte. Welcher in der Regel deshalb als ehrverletzend empfunden wird, weil man Patient_innen/Kund_innen/Nutzer_innen nicht als gleichwertig anerkennt.

Wir, R., ich und alle, die vor mir von und in Institutionen verletzt wurden, haben Entschuldigungen verdient, da bin ich mir sicher. Aber gewollt habe ich nie eine.
Wirklich aufrichtige Entschuldigungen haben etwas mit Frieden in allen Facetten zu tun. Mit Befriedung von Konfliktgräben, mit Befriedigung von sozialen Grundbedürfnissen und der Wiederherstellung eines friedlichen Miteinanders. Ihre Funktion ist also vorrangig die Veränderung der Qualität des Miteinanders.
Ich aber will nie wieder irgendetwas mit diesen Einrichtungen und ihren Vollstrecker_innen Mitarbeiter_innen zu tun haben. Ich brauche sie nicht, um meine Punkte zu validieren, ich will nicht hören, was sie über meine Punkte zu sagen haben. Ich sehe sie als gesellschaftlich gewollte Werkzeuge der Gewalt und Ausgrenzung, als Zubringer des Kapitalismus und gescheiterten Versuch einer Utopie, die sich ihrer eigenen Ableismen nie bewusst werden wollte. Sie sind Abgrenzungsgegenstand meiner heutigen Lebensrealität geworden und als nichts anderes will ich sie je wieder sehen.

Aber R.s Unnachgiebigkeit betrifft keine Psychiatrie oder Klinik für Psychosomatik. Sie betrifft keine Individuen und zieht keine Grenzen an sich selbst.
R. geht es ums Prinzip. Um eine Ungerechtigkeit, die weder sie noch andere verdient haben und von der sie weiß, dass sie niemandem gewünscht wird.
Das ist so viel schwieriger als Rache, weil es zwei Dinge bedeutet:
Erstens: Kontakt und den Wunsch zum Miteinander
Zweitens: Eine Arbeit, deren Ergebnis nur schwer messbar ist und also in der Regel kaum als Wert geschätzt wird. Was letztlich dazu führen kann, dass schon der erste Punkt nicht zustande kommt.

Unabhängig davon, wie ich es schaffen kann zur Erfüllung ihres Wunsches beitragen, hat er mich berührt. Denn dahinter kann ja kaum mehr als die Annahme stehen, dass man einander grundsätzlich friedlich gegenüber stehen will und dies ein gemeinsamer Wert ist.
Vielleicht war sie nie unnachgiebig uneinsichtig, sondern hatte ganz schlicht – völlig banal und logisch nachvollziehbar – nie die Chance auf ein Miteinander, in dem ihre „untragbare“ Frustration als in einem realen Sachstand begründet anerkannt wurde.
Sie hat Recht und sie weiß das. Sie ist wütend darüber, dass diesem Recht keine Wirkung folgt und weiß, dass ihre Wut abgelehnt wird. Wie sollte sie je nicht für immer und ewig todesfrustriert sein?

Ich weiß noch nicht, was wir jetzt machen. Hab selber Angst vor ihrer Wut, ihrem Frust, weiß ja selbst, dass es mich gibt, weil es sie gab und passierte, was passierte. Frage mich, ob es den Versuch wert ist oder der Sache nötig.

Ein Wunsch nach Rache wär jedenfalls irgendwie leichter. 😅

ein dritter November

7 Uhr 40. Es ist hell und kalt. 5° zeigt die Wetter-App, 3° meine Körperreaktion.
Ich vermeide es, bei so niedrigen Temperaturen länger mit dem Rad zu fahren. Anstrengung plus kalte Luft gleich Asthma-Attacke, das ist eine Rechnung, die fast immer aufgeht. „Vor allem, weil du deine Luke dauernd offen lässt!- Was bist du – ein Fisch?“
Ich presse meine Lippen aufeinander, trete in die Pedale, hoffe, dass weder meine Hand- noch meine Fußschuhe sehr feucht werden. Kurze Zeit später ist mein Mund wieder offen, eine Innere teilt mir eine Erinnerung an das Brechen der Nase zu. Ich beiße die Zähne zusammen. Lasse mich in die Musik auf meinen Ohren fallen. Langsam verschwinden sie darin. Meine Inneren, die Anderen, der ganze belastende Kram.

Umgezogen und restwarm steige ich in den Bus. Darin sitzt ein Psychiatriepfleger und quatscht den jungen Fahrer voll. Trotz Kopfhörern in den Ohren höre ich alles, was aus seinem unmaskierten Mund herauskommt. Wie die sich immer in Dinge verrennen und das manchmal ganz schön gefährlich werden kann. Dass die Arbeit schon Spaß macht, wenn man die erst mal unter Kontrolle hat.
Schon sind sie alle wieder bei mir. Sitzen mit im Bus, drängeln sich in meine Aufmerksamkeit, brodeln dicht unter unserer gemeinsamen Hülle. Er verstummt über einem Magazin als wir losfahren. Ich atme auf und merke, dass ich friere. Frühstück vergessen, Blutdruck im Keller. „Dumm dumm dumm – Warum bist du so scheiße?“ Musik an, runterfahren, Füße und Hände langsam und intensiv bewegen. „Nach dem Zahnarzttermin kümmere ich mich darum.“ Den Gedanken denke ich als solide Form mit glatter Oberfläche. Ein Monolith, an dem die vorbeirutschen, die sich nicht damit verbinden wollen/können und die haften bleiben, die Halt brauchen.

Ich komme zu spät zu dem Termin. Bauarbeiten, Güterverkehr, die deutsche Bahn an sich. Ich bin ruhig und froh ein Stück rennen zu müssen. Blutdruck wieder hoch, die Lunge meldet Stechen und Drücken, das Innere diffuse Bilder vom Kampf um Luft durch Stoff und Fremdeinwirkung. Ich bin ruhig und in der Dauerschleife eines Songs, der mir gut gefällt. Ich denke an nichts, fühle meinem Herzschlag nach, rufe in der Praxis an, um Bescheid zu sagen, als die Idee an mir vorbeischwimmt. „Okay, ist kein Problem – bis gleich!“, gibt die Mitarbeiterin durch an mich, die_r es weiter nach innen trägt wie einen Brief ohne Adressaten.

In Bielefeld liegt eine tote Taube auf dem Sand am Fuß einer Stadtplatane. Ich greife den Lenker des Rads fester, fixiere meine Umgebung, sehe alles, erkenne nichts. Jemand inneres fährt uns zur Praxis, ich zittere als ich absteige. Klopfe mich ab, schüttle mich aus, ziehe mich zusammen, um meine Aufmerksamkeit zu bündeln.
Meine Zähne sind super, meine Figur auch. Seit dem frühen Sommer habe ich 32 Kilo abgenommen, das wird von der Mitarbeiterin goutiert, was mich irritiert. Meine Zähne richtig zu pflegen und gut zu behandeln war viel schwieriger, als mein Übergewicht zu reduzieren. Ich denke das laut und drehe ein jüngeres Ich weg von dem vergifteten Kompliment, um nicht gleich beim Frühstücken von ihr gestört zu werden.

Was gut funktioniert.
Bei Tee und einem Brötchen sitze ich in der Bäckerei und suche eine Zugverbindung zurück aus. Eine Stunde habe ich noch. In der kaufe ich mir einen Bademantel für die Schwimmhalle und werde zwei Mal fast von Autofahrer_innen überfahren.
Dann steige ich in den RE6 nach Minden, der nie pünktlich in Minden ankommt und heute sogar so viel zu spät ist, dass ich alle möglichen Anschlüsse nach Hause verpasse. Eine Stunde stehen wir am Gleis, essen ein zweites Brötchen zum Mittag, trinken das eiskalte Wasser aus der Trinkflasche, fangen wieder an zu frieren.
Auftauend im Zug denke ich darüber nach, statt ins Sportbecken in die Sauna zu gehen. Einmal ganz tief aufwärmen tut bestimmt genauso gut, wie eine Stunde Bahnen ziehen. In Wunstorf, meinem Hassbahnhof, warte ich auf den Umstieg und fühle die ersten Regentropfen. Die Wärme ist dahin, wenn wir durch den Regen nach Hause gefahren sind. Grmpf. „Bald haben wir den Führerschein.“ muntere ich mich selber wieder auf und fahre am Feierabendverkehr vorbei in die Schwimmhalle.

Der Bademantel ist mir viel zu groß. Da ist sie also immer noch, die verschobene Körperwahrnehmung – oder die Problematik, dass L bei Marke A die XXS von Marke B ist und andersherum. Eine Person kommt mit zwei kleinen Kindern in die Umkleidekabine. Mir wird schlecht, ich esse, einer spontanen Eingebung folgend, die Banane in meinem Rucksack und wickle mich fest in den Bademantel. Die Kinder hüpfen nackt durch den Raum, ich bin erfüllt von einer fremden Panik, dass sie mich berühren könnten. Ich sage irgendwas Nettes zum Abschied und stiebe wie dampfgetrieben zu den Nassräumen. Hier ist es nicht voll, ich bin allein da. Atme mich ruhig, denke das Wort „Nichts“ in Schreibschrift, spiele ein bisschen mit dem warmen Wasser aus der Dusche.
Im Bademantel laufe ich an den bodentiefen Bistrofenstern vorbei. „Hah, so ist es besser“ stecke ich mir meinen ersten Triumph des Tages an die Brust und ersticke das schlimme Gekeife der Dunkelbunten im Sportbecken, wo ich schon nach einer Bahn nichts mehr denke, erinnere, von den anderen spüre. Ich schwimme meine Routine durch, beobachte wie Anna heute ihr Seepferdchen schafft und wackle zur Düse im Entspannungsbecken, um meinen Mausarm massieren zu lassen. Es ist zehn vor halb 6 als ich das Wasser verlasse, den Bademantel ein weiteres Mal feiere und mir unter der Dusche den langen Zopf aufmache.

Es regnet immer noch. An die Gebäudewand gelehnt, esse ich noch die beiden Äpfel aus dem Rucksack und suche nach Schlupflöchern in meiner Angst vor dem Radfahren in der Dunkelheit. Es gibt nur eins und das verschluckt mich. Irgendwie komme ich zu Hause an, wo der Partner schon zu Abend isst und die Hunde mich sachte anstupsen.
Wir kochen schnell, essen noch schneller, gucken unsere Serien, versuchen zu erfassen, wie es dem Partner geht, liegen früh mit zwei Wärmflaschen im Bett unter der schweren Decke.

„Für einen dritten November nicht schlecht“, denke ich kurz vorm Einschlafen.

weglaufen

Die quadratischen Wegplatten, die Seite an Seite den Weg in ein Besser, Schöner, Richtiger pflastern könnten, liegen schief. Schwimmen in Zeitlupe auf der Erde, verschieben sich wie tektonische Platten. Formen Pfade, zu eckig für schöne Schlängel, in deren Kurven man schneller werden könnte.
Ihre Füße stecken in Schuhen, die genau auf die Steine passen. Wie eine Maschine, ein Panzer vielleicht, könnte sie Halt finden und gehen. Weggehen. Nicht: Rennen wie ein waidwundes Reh. Panisch. Von Schmerz gesteuert, von Todesangst getrieben. Nicht, wie sie über 4 Spuren Bundesstraße rennt, für eine Stunde Ruhe inmitten von Autolärm, sondern einfach nur gehen. Geradeaus. Woanders hin. Um laufen zu lernen.

Sie fällt daran auseinander. An der Arbeit, die es macht, sich die Platten geradezurücken. Die Pfade zu finden und abzulaufen, die Anstrengung nicht zu zeigen, nicht zu fühlen, zu akzeptieren als diesem Leben zugehörig wie Atmen. An der Überzeugung herein.fallen zu können, würde sie es versuchen. Sie könnte fallen, auf dem Rücken landen und er wüsste es. Dann wäre es aus.

Sie belächeln, wie sie von der obersten Treppenstufe aufs Rad klettert. Sie kennt sie nicht, spürt nichts. Fährt los. Weg. Jeden Tag fährt sie weg. Und kommt immer wieder zurück. Denn es heißt ja „von zu Hause weglaufen„.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

Die erste Etappe – Radtour 2021

Ich trage keine Kopfhörer, der Fahrtwind ist mein Auftaktgeber. Wir haben gebummelt, sind eine Stunde später als geplant los, es ist okay so. Kein Zielstress. Möglichst gar kein Stress. Dann erschreckt mich das Navi mit seiner Ansage.

Unsere erste Etappe besteht hauptsächlich darin, die eigentliche Tourstrecke zu erreichen. Es sind 20 Kilometer bis dahin, danach sind es noch mehr als doppelt so viele bis zum ersten offiziellen Ziel. Ich merke meinen Kopf leer werden, spüre jemand anderen, freue mich über dessen Neugier auf die Fährfahrt, die mir eher Sorge bereitet.

Blick von einer Fähre über die Weser.

Unser Weg führt durch eine Nadelbaumplantage. Ein Reh steht auf dem Weg und beobachtet mich eine Weile bevor es weghüpft. Später sehen wir ein Eichhörnchen, das durchs hohe Gras hüpft wie eine Antilope. Und noch später eins, das im Baum sitzt und etwas zerknuspert.

Der Weg ist gut, das Wetter perfekt. Wir sind überwiegend allein, treffen nur auf andere Menschen, wenn sie uns überholen. Was nicht schwer ist, denn wir channeln die Schnecke als unsere mentale Tempovorgabe.

Wir machen eine Pause an einer alten Mühle, neben einem Pfeiler, in die Erde gerammt 16hundertirgendwann. NakNak* ist müde, will nicht einschlafen, ich bin müde, will es nicht zugeben. Google Maps wollte uns schon wieder mit einem Streckenvorschlag umbringen, der Umweg führte 16 extra Kilometer durch Wäldchen mit Sandwegen und Feldwege ohne Schatten, von dem uns Komoot unbedingt wegleiten wollte. Doch ab jetzt wird alles einfacher. Dieser Weg ist betreut und gut ausgeschildert. Es sollte keine Umwegeabenteuer mehr geben.

Irgendwann tun mir die Hände weh, ich fange an mir die 20, 18, 16 Kilometer zum Ziel schön zu rechnen. Zeit einen Zeltplatz zu suchen, alte Wanderregel.

Wir finden einen netten kleinen Platz direkt am Fluss, werden eingehüllt von Kinderlärm und der Aussicht auf eine Dusche.

So wund an der Stelle um die eigene Familie werde ich schwer bei dem Geplapper und Geschnatter der Familien an der Badestelle. Aber auch weich, weil es diese Familien eben gibt. Meine gibt’s, diese gibts, es gibt so viele Familien und dann auch noch die, in der wir heute leben. Die vermisse ich auf einmal.

Kann mich aber trösten, denn morgen muss uns der Partner unseren Impfausweis nachtragen. 😅

Eltern, die ihre Kinder hassen

Diesmal ist es kein Schnelldurchlauf, sondern eine Zeitlupe und das Quietschen meiner Nackenmuskeln. Gedämpfter Straßenlärm, das Atmen der Therapeutin mir gegenüber.
„Meine Eltern hassen mich.“ „Ich glaub, er wollte mich umbringen.“ So schieben sie sich zusammen. Sie von links aus der Sitzung mit der Autismustherapeutin, er von weiter weg aus der Traumatherapie. Keine Kinder mit großen feuchten Augen, die einem das Mitleid aus dem Herzen zapfen wie den Sirup aus dem Baum, sondern bodenlos hoffnungslose, verdreckte, abstoßende … Ichs in einem Zeit-Raumempfinden von vor über 20 Jahren.
Ich bin so weit weg, dass ich sie wahrnehme aber nicht spüre. Sie bleiben Fremde für mich. Sind Einheimische in einer Welt, die ich nur begleitet aufsuche, um zu vermitteln, dass ES vorbei ist und DAS DA nicht wieder passiert. Jedenfalls nicht so. Nie wieder so.

Diesmal habe ich keine Feldnotizen. Kriege meine Gedanken nicht um die Dimension ihrer Not, weil es nicht um Mangel geht, sondern um etwas, das über das Tabu der Gewalt an sich hinaus geht.
Gegen Hass kann man nichts machen. Der ist nicht in Liebe zu verwandeln. Nicht einmal in achtsame Zuwendung oder Fürsorge. Hass ist absolut, deshalb kann man aus ihm heraus so einfach gewaltvoll sein. Braucht fast so wenig Anstrengung wie aus Ignoranz oder Todesangst.
Und ja, was anderes sollte ein Kind über die Motive von jemandem denken, der es praktisch zu zerreißen versuchte, als dass es um einen Tötungsversuch ging?

Elternschaft ist ein Status, kein Zustand.
Liebe, Achtsamkeit, die Fähig- und Fertigkeiten sich selber zu regulieren, um die eigenen Kinder zu begleiten, Fürsorge, Mitgefühl, Geduld – ja nicht einmal das Interesse am Mensch „Kind“ sind nicht einfach so da, nur weil man ein Kind geboren und es am Leben erhalten hat. Am Ende sind alle Eltern einfach nur Leute, die sich an jemanden gewöhnen, den sie selbst gemacht bzw. für immer in ihr Leben eingeladen haben. Sie bedeuten für ihre Kinder nichts, weil sie Eltern sind, sondern weil sie überlegen sind und mit jeder ihrer Entscheidung für oder gegen den liebevollen, achtsamen, interessierten, fürsorglichen Umgang eine Entscheidung über das Über_Leben treffen. Wenn Eltern hassen sind ihre Kinder nicht nur machtlos, wie es Kinder nun einmal sind. Dann sind sie ausschließlich über die Gewalt an sie gebunden, denn das ist alles, was Hass will und braucht. Dann ist das eigene Kindsein kein Zustand, sondern ein Status, der keinerlei Bedeutung für das Leben mit den Eltern hat. Es macht dann also weder einen Unterschied noch ein Kind zu sein, noch das Kind dieser Eltern zu sein. Man könnte auch ihre Haustür, ein Stück Klopapier, der Biomüll von letzter Woche sein.

Ich kann mich nicht erinnern schon mal davon gelesen zu haben. Hassende Eltern.
Natürlich wird das oft unterstellt, wenn jemand das eigene Kind getötet hat. Oder anderen zum Töten überlassen hat. Oder sich einfach nicht gekümmert hat. Es ist so leicht zu glauben, dass man nur tötet, was man hasst. So viel leichter als sich Mörder_innen zu widmen. Gewalttäter_innen. Leuten, die getötet haben, ohne so richtig klar zu haben, warum eigentlich.
Wir leben in einer Zeit in der Mütter nicht bereuen dürfen Kinder bekommen zu haben. Wo soll da der Raum für das Thema „Hass auf die eigenen Kinder“ herkommen? Wie soll das kein Tabu bleiben?

Und dann bin da auch ich selbst. Die_r mit dieser kindlichen Wahrheit in Kontakt geht und weiß, dass es für immer eine innere, eine vielleicht ausschließlich traumalogische Wahrheit bleibt, weil wir nie den Tag erleben werden, an dem sie uns sagen: „Ja, wir hassen dich.“ oder „Nein, wir hassen dich nicht.“

Noch so eine Opfersache mit der man Ende völlig allein zurückbleibt.

ein verbindendes Element

In der Autismustherapie sprachen wir darüber, dass Menschen manchmal Dinge sagen und keine Aussage damit machen wollen. Dass sie einander manchmal einfach nur Phasen vortragen, als wären sie Teil des traditionellen Miteinander-Tanzes, über deren Schritte man nicht nachdenkt, die vielleicht unnötig sind aber irgendwie doch dazugehören. Und, dass es weder eine Konzentrationsfrage noch eine Motivationsfrage ist, diese Kommunikationsform zu bemerken. Es ist vielleicht nicht einmal nur eine Frage des Erkennens oder Entschlüsselns, sondern der Ver_Bindung. Das denke ich zumindest jetzt, eine Woche später.

Denn ja, manchmal bemerken wir es nicht, wenn man uns aus einem Gespräch herausphraseln möchte oder auf einer unverbindlichen Ebene des Gesprächs bleiben möchte oder unausgesprochene Ziele verfolgt. Was darunter allerdings leidet, ist in unserem Fall nicht unbedingt das Gespräch, sondern die Bindungsbereitschaft der anderen Person und damit eine Grundlage für das Miteinander als Ganzes.

Wir können es nicht verhindern, wenn Menschen zum Beispiel unangenehm finden, dass wir ihnen auf (für sie) kurz zu beantwortende Fragen, alles antworten, was wir dazu wissen, weil ihre Frage zu unspezifisch für eine kurze Antwort war. Oder wenn sie sich ertappt (oder bedroht) fühlen, weil wir ihnen im Versuch einer Problemlösung statt prosozialer Phrasen eine Analyse mitteilen, in der sie vielleicht nicht so harmlos, lieb und gut gemeint wirken, wie sie sich selber sehen.
Wir können es nicht verhindern – merken aber deutlich, dass wir Erwartungen enttäuschen und deshalb oft unverbunden mit anderen Menschen bleiben oder eine Ver_Bindung haben, die von Furcht vor Exposition, eigennütziger Intention oder Projektion auf uns motiviert und getragen ist.

Es gibt nur wenige Menschen, mit denen wir zu tun haben, die unsere Bemühungen die Erwartungen anderer Menschen zu erkennen (für) wahr_nehmen und noch weniger, die dies nicht als nur traumabedingt einordnen. Denn die Erzählung über komplex traumatisierte Menschen mit DIS enthält nach wie vor auch, dass Kinder zum Überleben davon abhängig sind, immer zu wissen, was von ihnen erwartet wird und immer auch herstellen/präsentieren/machen können, was von ihnen erwartet wird. Und weil sie es als Kinder so perfektionieren mussten, haben sie auch als Erwachsene noch dieses Muster, um sich selbst zu schützen, beziehungsweise darin Sicherheit zu finden.

Auf meiner „Traumaachse“ kann ich das durchaus auch sehen. Ich sehe aber vor allem die Traumalogik darin. Wenn ich aus traumalogischen Gründen, die Erwartungen anderer Menschen erfahren will, dann tue ich das aus Todesangst heraus. Ich habe Angst zu sterben, wenn ich nicht verstehe oder erfülle, was Menschen erwarten, denen ich eine momentane oder generelle Autorität zuschreibe.
Auf meiner „Autismusachse“ bin ich manchmal beeinflusst von meiner Traumalogik, in der Regel jedoch funktioniere ich nach allgemeiner Überforderungslogik und dem folgend nach den Prinzipien der Effizienz. Autorität zum Beispiel ist extrem ineffizient in einem 1 zu 1-Kontakt, also beachte ich sie nicht weiter, sondern konzentriere mich auf den Gegenstand des Kontaktes, um genug Energie dafür bereitzuhalten. Dabei treffe ich keine Entscheidung gegen die Autorität der Person oder gegen das Zeremoniell oder die Person selbst, sondern nur die Entscheidung mich auf das zu konzentrieren, weshalb wir in Kontakt sind. Beziehungsweise das, wovon ich glaube, dass es der Grund für den Kontakt ist.

Das ist etwas, worüber ich mich anderen Innens – auch die, die noch gar nicht orientiert sind, also sich noch im Trauma erleben – nähern kann. Wir teilen die Zerrissenheit etwas auslassen zu müssen, um Kontakte machen, halten, gestalten zu können – die Unverbundenheit mit Menschen, die wir ganz sehen und verstehen, aber nicht gleichermaßen ganz fühlen können – die Fragmentierung, die nicht (nur) (trauma)reaktiv dissoziativ, sondern auf eine Art irgendwie bio_logisch ist – und die Verwirrung darüber, welche Funktion und welche Bedeutung die Erwartung anderer Menschen an uns hat. Besonders dann, wenn diese Menschen gewaltvoll mit uns umgehen.

Willen wollen

Die Regenjacke klebt auf der feuchten Haut, dem feuchten Shirt. „Hat wohl aufgehört zu atmen“, denke ich. „Letzte Dinge für die Radtour“, denkt es mir und schwimmt zwischen Früher und Heute, wie ein Korken mit eigenem Sein.

Ich bin zu dick für Sportsachen, zu dick für Outdoorsachen, ärgere mich darüber, dass ich mich nicht mehr ok fühle und die Mitarbeiterin im Laden mir auf die kurz einärmelten Arme guckt, als hätten die irgendwas damit zu tun.
Es soll schön werden. Ein letztes Mal wollen wir mit NakNak* länger unterwegs sein. Sie spüren, uns spüren, ein gemeinsames Heute haben, das wir nicht mit Arbeit, dem Partner, Bubi, dem tagein Dies tagaus Das teilen müssenkönnensollten. Und so werfe ich mir die tote Jacke wieder auf die Schultern und gehe in einen anderen Laden.
Die Pandemie ist hier vorbei, ich lerne Seitenstraßen kennen, die ich noch nie entlang gelaufen bin.

Angekommen merke ich ihre Aufmerksamkeit auf mir. Warten vielleicht, ob ich mich gleich wieder zu dick und also falsch finde, Er_Warten, ob ich an dem inneren Weinen ertrinke oder mich im Heute halten kann. Ob ich weiter will oder schneller aufgebe. Ob ich weiß, dass etwas zu wollen grundsätzlich falsch ist.

„Das kann ich dir zeigen“, denke ich und stürze mich in die Flut von Zeug und Reiz. Finde ein Oberteil in meiner Größe, gehe in die Umkleidekabine. Spüre meinem Willen nach, merke, wie banane es ist, so etwas wie Willen an etwas so serviertem wie Konsum als in Ordnung markieren zu wollen. Frage mich, ob es wichtig ist so niedrig anzusetzen und ob das überhaupt wirklich niedrig ist oder nur leichter als so etwas Krasses wie sich selber zu wollen – in dieser Gesellschaft, dieser Welt, diesem Heute – durchzusetzen.
Sie ist mir so nah, dass ich sie im Spiegel sehe, ihre Aufmerksamkeit in meine tropft. Ich merke, dass sie mich beobachtet, weil sie sich nicht ertragen kann. Ihre Verletzung, ihren Schmerz, ihren Willen. Das Inferno hinter sich, von dem ich nur Konturen erahne.

„Ist ok“, denke ich. „Ich bin hier und wo ich bin ist es vorbei.“

Sackgasse

„I’m blue da ba dee da ba daa…“ Im Intro von Iron Man 3 läuft dieser Song. Sommer 1999. Die Hitze strahlt von den Häuserwänden, Summertime Sadness. Mein Geschwist ist mir nah, mag diesen Song auch. Die Erinnerung ist wie ein schlafwarmes Bett an einem Morgen dem ein anstrengender Tag folgt. Ich möchte drin bleiben, möchte zurück in diese Nähe, möchte dieses Stück Erinnerung ohne Gewalt ausbreiten und über alles Schlimme der Zeit legen – und mache mir die Realität damit umso schmerzhafter.

Ich google mein Geschwist. Finde es bei Instagram, Facebook, Soundcloud. Merke, wie ich in die Profilbilder krabbeln und jeden Millimeter befühlen will. Wer bist du? Wie bist du? Hast du mich noch lieb? Hab ich dich verlassen oder war ich einfach nur nicht da?
Du erwachsener Mensch, dem ich so fremd sein muss wie er mir.

Wir leben schon lange ohne Kontakt zueinander und das, was fehlt, weil wir keinen Kontakt haben, ist nichts, was unser Leben zer_stört. Es geht schon. Ist nicht schön, ist nicht, was wir je wollten, ist, was wir tun mussten, um nicht noch mehr zu schaden.
Punkt.

Daneben orientieren wir ein Innen aus den Jahren vor dem Sommer 1999. Das heißt, wir versuchen es und verdrehen uns dabei in Zeitgefühlen und Ohnmacht vor dessen Rigidität.
Wieder träume ich von Kindern, die sich das Selbst aus der Hülle schreien. Von Luftnot, von Schmerzen im Körper und Druck auf den Kopf, Davon, dass ich losmuss, schnell, dringend, jetzt sofort, um etwas zu tun, das ich nicht richtig kann. Weiß, dass das Erinnerungen an mein Leben – das Ist dieses Innens – sind. Und kriege es doch nicht zueinander. Es ist vorbei, aber nicht zu Ende. Nicht gut und vielleicht nie wieder gut.

Das ist relevant. Das bedeutet etwas, das kann nicht losgelassen werden. Hier haben wir etwas gemeinsam. Wir können nicht einfach hinnehmen, wenn schwierige Dinge einfach ungelöst bleiben sollen. Und wir haben beide das Problem, dass wir nicht wissen, wie man das schafft. Wie kann man so ein ignorantes Arschloch sein, so ein abgestumpftes Herz, so ein klitzekleiner Geist … ~ so~ sein, dass man Unfertiges einfach liegen lässt. Einfach nicht mehr versucht es zu lösen, zu ordnen, zu verstehen. Einfach … puff … halt nicht.
Es ist ein Mysterium.

Und damit eine Sackgasse.

„And everything is blue for him
And himself and everybody around
‚Cause he ain’t got nobody to listen (to listen, to listen, to listen)…“