Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

k.eine Sache der Seriosität

Erneut wurde ein Artikel veröffentlicht, der Rituelle Gewalt als Verschwörungserzählung über satanistische Gruppierungen und inkompetente Psychotherapeut_innen als ihre Quellen darstellt.
In dem Artikel „Erinnerst du dich? Gefangen in Scheinerinnerungen“ von Alexander Rupflin und Eva Sudholt, erschienen im ZEIT Verbrechen-Magazin Nr. 35, werden zudem der Film „Blinder Fleck“ und die Arbeitsweise seiner Produzentin Liz Wieskerstrauch problematisiert. Zu Recht, wie ich finde.
Bedauerlich hingegen ist die neuerliche Rahmung der dissoziativen Identitätsstörung als Teil einer Ideologie sowie die Unterstellung, die Arbeits- und Wirkungsweise moderner Traumatherapie entbehre wissenschaftlicher Grundlagen. Anlass zur Kritik geben auch die offenbar unkritische Übernahme des opferfeindlichen Diskursframings sowie die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Text von Sachständen ausgegangen wird, die faktisch nicht dargelegt werden.

Auch bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Text, der emotionalisieren soll. Sein Ziel ist zweifelsohne, Misstrauen gegenüber Menschen zu schüren, die von Gewalt und dem folgend divergenten Selbsterfahrungen oder einer DIS-Diagnose berichten. Doch auch Psychotherapie, Opferhilfen und dem Konzept „Opferschutz“ kritisch gegenüber eingestellt zu sein, ist den Autor_innen anscheinend ein Anliegen.
Diese Verschärfung in der populistischen Berichterstattung ist Anlass meines Textes. Denn in letzter Instanz wird hier erneut eine Geschichte erzählt, die in ihrer Wirkung dazu beitragen soll, dass Hilfe und Schutz an arbiträre und meinungsbasierte Bedingungen geknüpft werden. Genauer: Die arbiträren und meinungsbasierten Bedingungen von Menschen, die ableistische, opfer- und frauen menschenfeindliche Grundhaltungen vertreten und in ihrem Machtbereich durchsetzen können und wollen.

Eine Problematik, die von jeher Gegenstand verschiedener Kulturkämpfe war und bis heute ist.
Das Konstrukt rund um den Begriff „false memories“ ist ein solcher Gegenstand.
Er wurde bereits in den 80er und 90er Jahren als Instrument interessengeleiteter Erzählungen von Menschen, die als Täter_innen angezeigt wurden oder sich von einer Anzeige bedroht empfanden, aufgedeckt.
Damals ging es um Opfer- und Täter_innenschaft im Rahmen der Emanzipationskämpfe, die Frauen geführt haben. Aus diesem Kampf entstanden Dinge, die heute in ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit den meisten Menschen absolut klar sind: unter anderem Kinderschutz sowie die Anerkennung des Umstandes, dass Opfer auch über eine Straftat hinaus gefährdet sein können und unbedingten Schutz erfahren müssen.
Wer heute noch „false memories“ anbringt, um die Folgen von Opferschaftserfahrungen oder Aussagen über Gewalterfahrungen von Personen anzuzweifeln, handelt entsprechend in der Tradition von Menschen, die ganz eigene Interessen daran haben, nicht als Täter_in an.erkannt zu werden. Oder als Stellvertretung für diese Personengruppe Gewalt und ihre möglichen Folgen auf eine Art zu definieren, die sich gesellschaftlich zum Vorteil von Täter_innen auswirkt.
Aber natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass man sich als Person, die mit diesem Begriff hantiert, nie damit befasst hat und ihn anbringt, weil andere Redaktionen ihn klickstark in ihren Publikationen unterbringen konnten. Was wiederum mit Ignoranz, aber auch mit Macht und entsprechenden Interessen zu tun hat.

An diesem Artikel ist außerdem auffällig, wie überholt die generelle Ausdrucksweise bezüglich Trauma und Traumafolgen ist. Darin wird tatsächlich noch von „Verdrängung“ und nicht von „Dissoziation“ gesprochen, was in Konzept und Grundlage ganz andere Schlüsse über etwa die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung, aber auch der Borderline-Persönlichkeitsstörung und andere Traumafolgestörungen zulässt. Es wirkt, als habe man sich überwiegend in überalterten Texten informiert oder auf beratende Fachpersonen verlassen, die ihrerseits auf die korrekte Vermittlung von aktuellem, fakten- und evidenzbasiertem Wissen verzichtet haben.
Dies zeigt sich meiner Meinung nach auch an der Wahl von Frank Urbaniok als Interviewpartner. Dieser wird mit einer Aussage zitierbar gemacht, welche die Annahme nahelegt, Diagnosen im ICD-10 könnten generell unseriös sein. Zudem spricht er im gleichen Atemzug von „Fällen“, die sich nie bestätigt hätten – ohne zu konkretisieren, um was für Fälle es geht und in welcher Funktion er darin involviert gewesen ist. Außerdem sagt er, dass die Diagnose den Patient_innen nie geholfen habe, im Gegenteil.
Es ist ein sehr kurzer Abschnitt, und doch ist er nutzbar für das, was in einem Artikel mit dem Ziel der thematisch desorientierenden Emotionalisierung wichtig ist: flooding the zone with shit
Der ICD-10 ist veraltet. In Anwendung ist der ICD-11. Diagnosen werden darin gelistet, weil es sie gibt und nicht, um ihnen Seriosität zu verleihen. Die Behandlung von Krankheiten darf in keinem Fall – bei keiner Krankheit jemals – darauf basieren, ob ein_e Behandler_in die Diagnose, mit der sie benannt wird, für seriös hält oder nicht. Arbeitet man als Behandler_in mit einer solchen Prämisse, ist man in erster Linie autoritär und erst in zweiter Reihe vertrauens- und glaubwürdig.
Ein solches Selbstverständnis unter Behandler_innen jeder Profession macht Patient_innen zu Menschen, die per Krankheit unfähig zur korrekten Selbstauskunft sind. In der Psychiatrie zeigt sich diese Unterwerfung bis heute in Diagnosen, die von Behandler_innen mit patriarchalischer autoritärer konservativer Grundhaltung anstelle einer Diagnose aus dem Bereich der Traumafolgestörungen vergeben werden: Persönlichkeitsstörungen (also Störungen, die ihre Ursachen primär in der Persönlichkeitsstruktur der Person selbst haben)

Auf diese Weise mit Menschen in Kontakt zu treten, zeigt mir sowohl eine Ablehnung der Tatsache, dass Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit auf alle Entwicklungsachsen tiefgreifende Auswirkungen haben, als auch ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diese Haltung verstärkt das Machtungleichgewicht der Situation erheblich und unnötig, da psychische Krankheit bereits ein Diskriminierungsmarker ist.
ICD und DSM wurden unter anderem erstellt, um Patient_innen vor der Willkür von Behandler_innen zu schützen. Sie sind ein Instrument, um professionellen Konsens abzubilden und wissenschaftlichen Disput zu ermöglichen, aber auch internationale Standards in der Diagnostik zu etablieren. Sie zu nutzen, macht Behandler_innen zu seriösen Behandler_innen. Sich darüber aufgrund von Berufserfahrung, Bühnenzeit in Stimmungsblättern und Persona erhaben zu fühlen, spricht meiner Ansicht nach nicht für die beruflichen Kompetenzen des_r Behandlers_in.

Die Bemerkung Urbanioks, die Diagnose habe noch niemandem geholfen, ist in dem Zusammenhang sogar ironisch. Denn Konsequenz jeder falschen Behandlung bzw. Vorenthaltung der richtigen Behandlung ist, dass niemandem geholfen ist. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der DIS oder psychiatrischer Diagnosen allgemein. Wenn ich mit einem Wasserschaden zum Friseur gehe, erlebe ich das Gleiche.
Die Zitation Urbanioks wurde, wie in anderen Texten mit gleichem Thema, so platziert, dass der Eindruck entsteht, die DIS-Diagnose würde ausschließlich vergeben, wenn ein satanistischer oder organisierter sogenannter „Missbrauch“ in der Kindheit angenommen wird. Die Informationen in den Jahresberichten des „Fonds sexueller Missbrauch im familiären Bereich“ zeigen, dass nur wenige Menschen, die Hilfen nach sexualisierter Gewalt in der Familie dort beantragten, angeben, dass organisierte Rituelle Gewalt die Ursache für ihren Hilfebedarf ist. [1]
Die Veröffentlichungen der Aufarbeitungskommission zu den gesundheitlichen Folgen, die diese sehr kleine Gruppe angibt, kommen zu unterschiedlichen Zahlen bezüglich der Häufigkeit der DIS nach organisierter Ritueller Gewalt, deren Ideologie als satanistisch einzuordnen ist. Doch keine dieser Zahlen liegt bei 100 %. [2]
Menschen mit DIS machen also auch andere Angaben über Gewalterfahrungen.
Und der Annahme folgend, dass in dieser Personengruppe eine Normalverteilung von non-, low- und high-Respondern auf psychotherapeutische Behandlung vorliegt, profitiert sie von der korrekten Diagnose sowie der korrekten Behandlung, wie es alle Menschen mit korrekter Diagnose und korrekter Behandlung tun.
Doch genau das – die Chance auf individuelle Response auf eine angemessene Behandlung nach korrekter Diagnose – wird Menschen mit DIS, zusammen mit vielen anderen Menschen, die an einer Traumafolgestörung leiden, verweigert. Und zwar nicht aufgrund ihrer Diagnose oder der Ursache ihrer Erkrankung, sondern aufgrund struktureller Mängel und genereller (und zunehmender) Unterfinanzierung von Hilfen aller Art und Profession.

Während in diesem Artikel und auch im Film „Blinder Fleck“ die fürchterliche Lebens- und Leidensgeschichte einer Minderjährigen ausgeschlachtet wird, um ein Publikum in eine performative Strittigkeit zu emotionalisieren, streiten (chronisch) erkrankte und davon behinderte Menschen mit Traumafolgestörungen seit Jahren mit Kranken-, Renten- oder Unfallkassen, um Hilfen und Hilfsmittel, die ihnen per Gesetz zustehen.
Seit Jahren wird zunehmend öffentlich thematisiert, dass es nicht genug Psychotherapieplätze gibt. Dass Klinikaufenthalte zu kurz für angemessene und langfristig wirksame Behandlungen sind. Dass praktisch jede stationäre Struktur auf dem letzten Loch der Verantwortbarkeit pfeift, was die pflegerische Versorgung betrifft. Dass Betreuungseinrichtungen zu wenig Fachleistungsstunden für tatsächliche Eingliederung bekommen oder zu knapp besetzt und zu wenig fortgebildet sind, um die Betreuungen abzudecken, für die genug Fachleistungsstunden bewilligt werden. Dass das Opferentschädigungsgesetz auch nach jüngster Ergänzung praktisch nicht anwendbar ist auf Menschen, die als Kinder Gewalt erfahren haben (und deshalb keine anderen Beweise als ihre Körper und psychische Konstitution anbringen können).
Der real stattfindende Streit darum, was Opfer von Gewalt und aufgrund von Gewalt (chronisch) erkrankte Menschen benötigen und zu Recht einfordern, hat enorm viele Facetten. In diesem Text wird keine davon sichtbar, weil man sich auf etwas bezieht, das eingerahmt von berührenden Leidensgeschichten, lediglich vorgetragen wird. Die Autor_innen wiederholen offenbar einzig, was sie in Beiträgen aufgenommen haben, die der Stimmung gegen Traumatherapie und das Konzept einer umweltbedingten Traumafolgestörung dienen: Die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung sei umstritten.

Was sie nicht ist.
Sie ist unverstanden, und das weitgehend mit Absicht.
Sie ist angezweifelt, und das aus Gründen, die nichts mit dem Wohlbefinden der erkrankten Personen zu tun haben. Sie ist spektakularisiert, exotisiert und ausgenutzt, und das schlichtweg deshalb, weil Menschen mit DIS weitgehend ungeschützt sind in unserer Gesellschaft.
Weder Fernsehsender noch Zeitungsredaktionen interessiert es, wie sich die Beiträge, die bei ihnen laufen, auf das Leben der Betroffenen auswirken. Oft genug muss man sich fragen, ob Autor_innen oder Redaktionen, die die Erzählung von „false memories“ und fanatischen Therapeut_innen weitertragen, überhaupt klar ist, dass Patient_innen, denen tatsächlich etwas von Therapeut_innen eingeredet wurde, auch Opfer sind. Die Versorgung brauchen. Die ein Recht auf Entschädigung haben. Die von Aufarbeitungsstudien, Traumaforschung, Opferhilfen und Opferschutz sowie einer internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (kurz ICD) profitieren und möglicherweise existenziell darauf angewiesen sind. Die, genau wie Opfer von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, in Gerichtsverfahren landen könnten, die auf eine Aussage-gegen-Aussage-Situation hinauslaufen. Wo ihnen dann per aussagepsychologischem Gutachten vermittelt werden kann, ihre Aussage entspränge einer Autosuggestion oder sie hätten gelogen, um der anderen Person zu schaden.

Die Ignoranz der Lebensrealitäten von Opfern in unserer Gesellschaft ist dermaßen umfassend, dass es ein Leichtes ist, selbst beim bewusst faktenorientierten, ganz unaufgeregt sachlichen und neutralen Arbeiten in diesem Komplex, einem opferfeindlichen Bias anheimzufallen. Und in der Folge zu schaden. Und zwar Opfern, also bereits geschädigten Menschen.
Und im Fall von Menschen mit DIS geschädigten Menschen, die krank sind – unabhängig davon, ob man ihre Krankheit als „Traumafolgestörung DIS“ einordnet oder als „wirre Querköpfigkeit, entstanden durch selber schuld“. Es ist eine schwere Erkrankung mit komplexem Symptombild, die lang anhaltend auf allen Ebenen gleichermaßen die Qualität des Lebens im erheblichen Maß absenkt und individuelle Hilfe- und Schutzbedarfe zur Folge hat.
Diese Schutzbedarfe werden durch die Instrumentalisierung in einem Kampf um Deutungshoheit über die Wahrhaftigkeit von Gewalt und Leid nicht erfüllt.

Schutz entsteht durch Sicherheit.
Kein Mensch, der nach einer Gewalterfahrung psychisch erkrankt ist, kann sich bei so einer Medienberichterstattung wie hier im ZEIT Verbrechen Magazin, aber auch im Film „Blinder Fleck“, sicher fühlen.
Die Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, hingegen schon.

[1] https://www.fonds-missbrauch.de/fsm-familiaer/jahresberichte
[2] https://www.aufarbeitungskommission.de/mediathek/sexueller-kindesmissbrauch-in-organisierten-und-rituellen-gewaltstrukturen/

der „Ich bin erwachsen“-Kniff

Ich bin kein Fan von Komplexitätsreduktion.
Es gibt Dinge, die sind komplex, und sie zu verhandeln, als wären sie eigentlich ganz einfach, ist für mich falsch, weil es die Dinge falsch macht, wenn sie nicht vollständig sind. Kleiner, großer, vielleicht der für meine Mitmenschen nervigste Autiquirk an mir.
Gleichzeitig habe ich kürzlich an mir selbst etwas bemerkt, das mit einer unbemerkt übernommenen Abkürzung zu tun hat.
– mein Konzept von Erwachsensein.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Erfahrungen gemacht, die mich an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig gefordert haben. Weil es so viele waren, konnte ich mich immer erst hinterher wirklich damit befassen, was und wie ich da eigentlich erlebte. Soweit so üblich für mich.
Dann passierte etwas sehr Belastendes und das, was ich in den Wochen zuvor tat, funktionierte nicht. Was hatte ich getan? – Mich daran erinnert, dass ich erwachsen bin. Und damit die Abkürzung genommen, die ich nehme, seit ich volljährig bin:
Ich bin erwachsen – ich kann bestimmen. Ich bin erwachsen – ich bin unabhängig. Ich bin erwachsen – ich bin kein Kind. Ich bin erwachsen – ich brauche nichts, was ein Kind braucht, so dringend, wie es ein Kind braucht.

Diese Bewusstmachung ist wichtig in meinem Leben. Ganz klar. Meistens ist meine Erinnerung an mein Erwachsensein wichtig für mich, um bestimmte Regeln, die ich in meiner gewaltvollen Herkunftsfamilie als Kind aufgestellt habe, hinterfragen zu können. Etwa Regeln darüber, wann ich warum widersprechen darf oder wie ich bestimmte Alltagshandlungen gestalte.
Manchmal hingegen ist es eine Abkürzung. Eine alltagsverschleierte Dissoziationshilfe. Denn mein Erwachsensein richtet sich immer gegen meine kindlichen oder jugendlichen Anteile. Wo ich bin, ist Erwachsensein – und nichts anderes. Eine unglückselige Verbindung, die ich in einigen Jahren Traumatherapie eingeübt habe, um Flashbacks oder intrusives (Wieder-)Erleben oder Erinnern zu beenden oder die (von traumareaktiver Dynamik bestimmter) Beziehung zu meinen Behandler-, Unterstützer- oder Helfer_innen zu sichern.

Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, haben fast immer auch viele andere Innere von mir angesprochen. Und immer habe ich das Bewusstsein um mein Erwachsensein benutzt, um mich sowohl mit dem Geschehen assoziiert, als auch von meinen inneren Vorgängen dissoziiert zu halten. Obwohl es nicht immer nötig war. Es war einfach nur leichter für mich.
So leicht und selbst.bewusst durch die Erfahrungen zu gehen, ermöglichte mir, so gut zu funktionieren, dass sich niemand noch mehr Sorgen gemacht hat. Denn wirklich niemand war unbesorgt um mich, das habe ich gespürt. Alle haben Anteil genommen, alle haben mir Hilfe angeboten. Zuhören, da sein, mitfühlen, ablenken, trösten … Ich hätte mit der gesamten Palette meines inneren Geschehens aufschlagen können und mein Netz hätte gegriffen.
Allein ich wäre darunter vielleicht nicht mehr zurechtgekommen. Denn ich bin ja nicht diese Palette. Ich bin ja nicht die Anderen. Ich bin ja erwachsen. Ich bin reguliert. Ich kann über die Dinge nachdenken. Ich kann sie reflektieren, analysieren und häufig auch kontrollieren. Ich bin die Hilfe, die Unterstützung für andere, und daher selten in der Situation des Hilfebedarfs im Sinne einer Abhängigkeit oder Angewiesenheit. In der Situation leide ich also auch überhaupt nicht darunter, selbstständig oder allein damit zu sein. Auf meine dissoziative Strategie zurückzugreifen, ist daher tatsächlich eher eine Effizienzentscheidung als ein aus Leiden provozierter Reflex, wie es die traumabedingte Dissoziation ist.
Und das ist die Stelle, an der sich die Komplexität des Er.Lebens mit DIS zeigt.

Für mich ist es eine Entscheidung zum Erwachsensein, meine traumatisierten kindlichen und jugendlichen Anteile zu dissoziieren. Es ist ein Verhalten von mir, das ich steuern kann. Ich kann mir sagen: „Jetzt bin ich nicht ich (verwirrt und immer ängstlich), jetzt bin ich erwachsen (klar geordnet und orientiert in der Realität)“ und feine DBT-Skills anwenden, um mich schneller oder langsamer in die Dissoziation rein- oder wieder rauszubringen. Ich habe jahrelang unter therapeutischer Aufsicht trainiert, Flashbacks hinter erwachsener Selbstbeherrschung zu maskieren. Und sehr schnell verstanden, dass kindliche oder jugendliche Impulse zwar nicht so grundsätzlich schlecht und gefährlich sind, wie ich sie damals empfand – aber schon lieber gerne irgendwie nicht so wirklich präsent sein sollten. Aber irgendwie auch doch. Manchmal. Unter Bedingungen, die mir bis heute nicht so klar sind, wie ich es brauche. In Umständen, die bestenfalls sicher sind durch Aspekte, die mir ebenfalls noch nicht so klar sind.

Gleichzeitig habe ich gar nicht so viel Kontrolle über meine reflexhafte Dissoziation. Wenn der Traumatrigger greift, greift er richtig. Und dann sind es kindliche Interpretationen aufgrund von traumatischen Erfahrungen, die meine Einschätzung und mein Handeln in einer Situation bestimmen. Und die gesamte innere Palette an Gefühlen und Gedanken, Traumawahrheiten und Logiken, die Gewalt und Leid legitim erscheinen lassen, entwickelt ganz eigene, zuweilen undurchschaubare oder auch nicht so leicht nachvollziehbare Dynamiken. Sowohl in sich selbst als auch mit dem Außen, also anderen Menschen.
In solchen Momenten ist meine Performance von Erwachsensein lächerlich ineffizient. Sie ist eine Lüge, die ich gerne wahr hätte, weil ich annehme, dass ich dann auch damit fertig werden würde, was mit mir passiert. Denn mit mehr als solcherart Annahmen ist Erwachsensein für mich gar nicht gefüllt. Wäre der Begriff für mich mit mehr als allgemeiner Handlungskompetenz, Klarheit und Bestimmungsrechten gefüllt, wäre er zu komplex, um mir eine Abkürzung, eine Dissoziationsbrücke, bieten zu können.

Umso heftiger traf mich die Erkenntnis, trotz aller Neigung zur Vervollständigung und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber komplexen Sachverhalten, eine so unreflektierte und teilweise auch unkritische Akzeptanz dieser Unvollständigkeit zu haben.
Nach etwas mehr Auseinandersetzung damit, konnte ich jedoch auch eine Idee davon entwickeln, woraus sich diese Akzeptanz ergibt, und das war erneut das Konfliktfeld zu meinem Inneren.

Mein Zug in die Dissoziation ergibt sich immer und in allen Aspekten aus kindlichen Traumareaktionen und traumabedingten Überzeugungen (Traumawahrheiten bzw. Traumalogik). Und das, bevor ich die Chance habe, wie Menschen ohne DIS, auf kindliche Alltags- und Selbsterfahrungen zurückzugreifen.
Jeder erwachsene Mensch grenzt sich von sich selbst als Kind ab. Das ist normal und richtig so. Aber Abgrenzung ist nicht so umfassend wie Ablehnung und auch nicht so verlustreich wie Dissoziation. Abgrenzung zum früheren Kindsein führt dazu, dass man sich auch im hohen Alter noch jung fühlen kann. Dass man die eigene kindliche Neugier und diverse Freuden jederzeit in verschiedenen Alltagssituationen (wieder)erleben kann. Dass man konfrontiert mit neuen Erfahrungen noch weiß, was als Kind (und Jugendliche_r und junger erwachsener Mensch) geholfen hat, sie zu integrieren.
Ablehnung führt zu Scham. Zu Versteck- und Anpassungsbestrebungen. Dazu, dass man sich abwehrend gegenüber diversen Regungen, die mit Kindlich- oder Jugendlichkeit assoziiert sind, verhält. Kommt dazu noch Trauma, wird Vermeidung wichtig.
Und Dissoziation im Zusammenhang mit Trauma führt je nach Umfang zu einem Flickenteppich aus allem gleichzeitig. Hier Scham und Vermeidung, da allgemeine nicht näher bestimmbare Ablehnung, dort Ängste nicht näher definierbarer Herkunft, hier grenzenlos verwirrender Mischmasch der Meinung, Haltung und Emotionen zu unkontrollierbar auftauchenden Aspekten und Impulsfragmenten.
Für mich bedeutet das: Meine Kindlichkeit ist weitgehend überhaupt nicht korrekt erfass- und klärbar für mich. Ich kann überhaupt nicht wissen, wo meine Abgrenzung zum Erwachsensein angemessen ist und wo nicht. Ich kann mich aktuell gar nicht wahrhaft abgrenzen – ich kann mich nur (ab)dissoziiieren. Und das wiederum macht meinen kleinen Erwachsensein-Trick so … naja, in letzter Instanz einfach kindlich. Es ist der gleiche traumareaktive Kniff wie: „Ich bin die Große, ich kann das (aushalten, ertragen, so machen, wie die_r Täter_in das von mir erwartet, will, einfordert, mir abzwingt).“

Und das ist gar nicht mal so ’ne angenehme Selbsterkenntnis, ehrlich gesagt.

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

Wieder Kunst machen. Vielleicht.

„Das ist so eine Sache, da sind Trauma und ihr Autismus, so richtig SO“, meine Therapeutin verschränkt ihre Hände fest ineinander und deutet an, dass eine Trennung kaum möglich ist.
Wir sprechen über den Kunst-Konflikt. Den Klinik-Gau. Dass sich manche Innere ausdrücken wollen und ich es nicht zulasse. Obwohl ich ein ganzes Zimmer voller Gestaltungsmaterial, eine komplette analoge Foto- und Laborausrüstung, Unmengen an Papier und Werkzeugen besitze. Ich maximal geschützt loslegen könnte. Und darunter leide, dass ich es nicht zulasse.

Ich bin meine erste Woche im Urlaub, nachdem ich 4 Wochen krankgeschrieben war. Erschöpfungsdepression. Meine Essstörung entfesselt. Die Arbeit im Zusammenspiel mit Kinderwunschbehandlung, Traumatherapie und Selbsthilfe im Umkreis von 100 bis 130 Kilometern auf Dauer entkernend.
Also fahren wir die Ressourcenrunde.
Ich habe keine echten Pausen. Und dadurch zu wenig Raum für Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck und Selbstverwirklichung in dem Sinne, dass ich selbst begreifen kann, dass ich wirklich bin.
Meine Krankschreibung, sie führt zu selbstgemachten Therapieanwendungen.
Statt Mandalas bei Panflötenmusik spiele ich Sims 4, statt Gruppentherapie telefoniere ich lange mit Freund*innen. Ich schlafe auch am Tag. Zwinge mich nicht in eine Konzentration, die ich sowieso nicht aufbringen kann.
Nach 3 Wochen habe ich den ersten eigenen Gedanken mit Anfang, Inhalt und Ende. Nach 4 schaffe ich den Dreh zurück ins Essen ohne erweiterte Funktion. Die Therapie ist nicht mehr fast überanstrengend, sondern wieder eher meine Vermeidungsbequemlichkeiten herausfordernd.

So sitze ich da also und beobachte meine Therapeutin mit ihrer erklärenden Geste. Kurz vorher habe ich erst verstanden, dass dieses Thema wichtig ist, weil es mich von positiven Ressourcen trennt. Nicht, weil meine Therapeutin sich bei den Jugendlichen einschmeicheln will, wie R. argwöhnt, ich befürchte und hinter der Nebelwand zu Kindlichem alle Alarme kurz vor Auslösung bringt.
Zuvor wollte sie verstehen, wo das Problem liegt. Ist es Perfektionismus? Ist es Öffentlichkeit? Ist es Angst davor, abgezwungenes Schweigen zu brechen?
Nein, nein, nein.
Es ist viel banaler. Und gleichzeitig überhaupt nicht banal.
Es ist auch meine eigene Schuld. Und gleichzeitig, ein bisschen, auch nicht.
Und es ist mein Autismus. Und die Logik des Traumas.

An diesem Tag im Mai 2016 verließ ich das Besprechungszimmer der Ärztin mit den Worten: „Ich habs immer überlebt.“
Und dann hab ichs überlebt.
Ich bin da raus und wähnte mich in Lebensgefahr, vor der mich niemand schützt. Also bin ich, wie immer, erstarrt. Und gleichzeitig, dank der direkten Intervention meiner ambulanten Therapeutin, funktional in Bewegung geblieben.
Das – solche psychischen Scherkräfte, also parallel und gegensätzliche Kräfte – sind die Zutaten für funktionelle Dissoziation. Die Gleichzeitigkeit, die Trauma und das Leben danach so widersprüchlich und belastend macht. Auf der einen Seite die Todesangst (für die man sich vielleicht selbst verantwortlich macht) und auf der anderen Seite der Alltag. Hier die globale und unendliche Isolation und da Menschen, die mit einer_m sprechen. Oder zusammen in der Bahn sitzen. Oder im Laden stehen. Dieses Spannungsverhältnis führt zu der reaktiven Inflexibilität, die viele traumatisierte Menschen irgendwann in Bezug auf irgendetwas bei sich feststellen.
Dieses Spannungsverhältnis und der Druck, der dabei entsteht, können folgenden Gedanken logisch machen: „Was ich getan habe, um hier hineinzugeraten – das mache ich nie wieder.“
Ich überlebte den Klinik-Gau, diese Retraumatisierung im Hilfekontext, indem ich Entscheidungen traf und dabei blieb. Konsequent wie Stahlbeton. Nicht, weil ich so einen starken Willen habe, sondern weil toxisches Stressniveau und autistische Trägheit zusammen einen unfassbaren Superkleber und in der Folge eine unerschütterliche Inflexibilität produzieren.

Erst verließ ich das Klinikgebäude und beschloss, nie wieder mit irgendjemandem zu sprechen. Ein kindlicher Beschluss. Der hielt bis zum Kontakt mit meiner Therapeutin. „Nie wieder mit irgendwem“ ging also nicht.
Aber „nie wieder so“ und „nie wieder das“, das ging. War sogar gut. Meine Therapeutin kannte sich nicht mit Autismus aus. Ich hatte eine komplementäre Begleitung, die es nicht erforderlich machte, dass sie sich auskannte. Den Begleitermenschen nämlich. Auch der Kontakt zu ihm brauche nicht mehr „so“ zu sein. Und „das“ mit ihm zu besprechen, rückte durch den Ausbildungsalltag an der Berufsschule ohnehin in den Hintergrund. Und irgendwann endete unser Verhältnis auch.

Es dauerte 4 Jahre, bis ich meine an dem Tag getroffene Entscheidung, meine Therapie vom Thema Autismus („das“) und damit aus dem Großteil meiner Wahrnehmungsrealität und dem, was sich daraus für mein Erkennen und Verstehen meiner Selbst ergibt (und mich „so“ sein (interagieren und kommunizieren) lässt), rauszuhalten, revidierte. In Teilen. Unter einem absoluten Vorsichtsdiktat, das ich bis heute halte.
Auch das tat ich wieder in einer brutalen Krise, die mich in ungeheure Spannung brachte. Hier die Therapeutin, die sich bemüht und mit der ich mich überhaupt nicht mehr unsicher fühle – da die Erfahrungen mit sehr vielen Psychotherapeut_innen und ganz speziell der letzten, nach denen es sich immer logischer darstellte, einfach auf etwas von mir zu verzichten. Irgendwas einfach nicht mehr zu machen.
Hätte ich nicht den Eindruck gehabt, dass es mich das Leben kosten könnte, würde ich die Therapie nicht richtig machen, meiner Therapeutin nicht sagen, dass sie Murks macht, wenn sie meinen Autismus mit Fragezeichen versehen am Rand stehen lässt, hätte ich das nicht an sie herangetragen.

Keine meiner Entschlussrevisionen hatten jemals irgendwas mit „mal in Ruhe und ganz objektiv mal drüber nachdenken und dann halt mal anders machen“ zu tun. So wie man sich das von Therapie verspricht oder es in weniger drastischen Situationen im Alltag erlebt.
Meine Generalisierungen sitzen. Und zwar immer und überall. Mein Platz, mein Besteck, mein Geschirr, meine Kleidung, meine Tagesabläufe, meine Leute, meine Themen, meine Interessen, meine Offenheiten – hinter allem stehen bewusste Entscheidungen und „Für immer“-Entschlüsse. Entscheidungen für die Ewigkeit. Es erfordert absolut uneigennützige Bereitschaft, mit mir sachlich und zieldefiniert zu verhandeln, ob ich irgendetwas daran verändere. Kommt auf diese autistische Eigenschaft der Stress des Traumas, bin ich absolut darauf angewiesen. Denn an diesem Baustoff aus Traumastarre und autistischer Trägheit prallt jeder „Wägen Sie vielleicht mal ab, ob …“-Pinsel ab.

Manche meiner generellen Entscheidungen kann ich schnell revidieren. Besonders, wenn mir auffällt, dass ich eine traumalogische Basis dafür hatte. Wenn eine Entscheidung nur in einem einzigen Zusammenhang wirklich sinnvoll war, dann ist es ineffizient und unlogisch, sie auf alle anderen Lebensbereiche auch anzuwenden.
Die Entscheidung gegen meinen authentischen Selbstausdruck hingegen, die habe ich nicht nur im Zusammenhang mit dem Klinik-Gau getroffen. Diese Entscheidung habe ich bis dato in so vielen verschiedenen Momenten getroffen, dass es keinen Bereich mehr gibt, der frei davon ist. Das ist, was man heute so positiv hinzufügend als „Maskierung“ benennt. Und eben nicht negativ als „Verzicht auf sich selbst für andere“.

Der Klinik-Gau war für mich so belastend, weil ich vor der Autismusdiagnose nicht wusste, weshalb ich verschiedene Dinge nicht anspreche oder nur verschleiert und heimlich mit mir allein verhandle. Ich lebte wie ein Salamander mit abnorm gefärbten Körperteilen, die ihm immer erst dann auffielen, wenn andere negativ darauf reagiert haben.
Beim Klinik-Gau kannte ich diese Stellen und wusste, woher sie kamen. Meine Erwartung an diesen „geschützten Rahmen“, diesen Ort, an dem psychologische Exzellenz, psychotherapeutische und soziale Kompetenzen von den Autoritäten vorauszusetzen, logisch und auch gewollt ist, war zu keinem Zeitpunkt überzogen oder grundlegend falsch gesetzt. Sie wurde einfach nicht nur nicht erfüllt, sondern auch noch benutzt, um mich zu demütigen und mich glauben zu lassen, ich sei an meinem Empfinden von Auslieferung, Ohnmacht und Lebensbedrohung selbst schuld, denn ich hätte diese abnorm gefärbten Körperteile. Und die wiederum seien gar nicht das, was ich annahm, sondern etwas noch viel Abstoßenderes, was meine Gewalterfahrungen noch viel stärker zu etwas macht, das ich nie anders verdient und immer selbst verursacht hatte.
Als ich der Ärztin damals sagte: „Ich habs immer überlebt“, war für mich bereits absolut klar, dass ich mir so viele dieser abnorm gefärbten Körperteile wie möglich abhacken muss. Mein Leben voller Verdeckungs- und Vermeidungsperformance war ja offensichtlich nicht genug. Nicht das Richtige. Nichts, was mich als jemanden sichtbar macht, die_r es richtig wirklich und echt doll versucht okay für andere zu sein. Okay genug, um nicht von ihnen verletzt zu werden. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich selbst nichts bin, mit dem ich jemals irgendwo sicher einfach sein kann.

Meine Kunst, die einzige Möglichkeit für jüngere Innere, sich auszudrücken, ihre Geschichte zu teilen und sich in der Gegenwart zu orientieren, war nur ein Opfer dieser Abhack-Entscheidung. Das zweite Opfer war eine Freiheit, um die ich mit meiner Entdeckungsangst ringe – die Freiheit, nicht vermeiden zu müssen. Ich habe mir damals auch abgehackt, mir zu wünschen, dass ich Kunst mache. Irgendwie okay zu finden, was ich früher mal gemacht habe. Mich mit Menschen zu verbinden, die diese Wünsche in mir wecken könnten. Ausstellungen, Werkstätten, Projekte zu besuchen, die mich an dieser Stelle reaktivieren könnten. Mein ganzer Materialkram ist da, weil mein Entschluss, nicht zu verschwenden, besteht. Die Kisten und Ordner sind heute in einem Raum, den ich nur öffne, um ihn zu durchlaufen. Die Tür ist immer zu. Ich gehe da nicht rein, weil ich mir nicht trauen kann, dass nicht doch irgendein Innen irgendetwas macht, was mir und dem Rest der Welt meine abnorm gefärbten Körperteile aufzeigt. Denn klar, als Salamander kann man sich Körperteile abhacken – die kommen aber wieder. Man muss in der Angelegenheit sehr konsistent sein. Was wiederum nicht sehr schwer ist, wenn es sich um eine Sache handelt, die in Auti-Trauma-Beton gegossen ist. Jeder nette Kommentar über meine Kreativität führt zu einem präventiven Hack an mir. Jede Rückmeldung zu einem Text als „selbstdarstellend“ – hack of the doom. Jede Erwähnung meiner Arbeiten früher – hack hack hack.

Mag sein, dass ich damals, 2016 in der Klinik, ganz viel komplett falsch verstanden habe. Und niemand jemals von mir erwartet hat, dass ich mich für mich selbst schäme. Ich bin geübt genug in Reparations-/Entschuldigungs-/Wieder-gut-mach-/Klärungsgesprächen mit nicht autistischen Menschen, um zu wissen, dass am Ende IMMER ich die Person bin, die da was nicht richtig verstanden hat. Die irgendwas zu ernst nimmt. Die sich auf eine Art fühlt, die nicht die Intention war und deshalb halt Pech hat, weil da ja nun wirklich niemand was für kann. Außer mir.
In Bezug auf diesen Klinik-Gau, werde ich zu keinem Zeitpunkt jemals einen Moment haben, in dem die Last, der Schmerz, die Angst, die Verletzung von mir genommen wird. In ihrer Natur ist diese Erfahrung damit meinen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie und jedem anderen sozialen Nahfeld gleich. Infolge dessen sehe ich keinen Grund, meine daraus folgenden Entscheidungen nicht zu generalisieren.
Ja, die Ärztin war nicht meine Herkunftsfamilie, alle meine anderen Mitmenschen zwischen 1986 und 2016, oder irgendjemand anders, die_r mich wegen meiner abnormen Färbung verletzt hat. Aber sie hatte den gleichen Bezugspunkt, um mich zu verletzen und mich in das Erleben einer Lebensgefahr zu bringen.
Es wäre unlogisch, das zu ignorieren. Traumalogisch ausgedrückt: lebensgefährlich dumm.

Meine Therapeutin beendet ihre Geste und spricht eine Weile. Sie sagt, ich könne mich fragen, ob ich das Ereignis mein Leben so umfassend bestimmen lassen will. Ob ich dem weiter so viel Macht geben will.
Diesen Ansatz finde ich unsinnig. Es ist ja nicht das Ereignis, dem ich Macht gebe, sondern die Beschämung, von der ich weiß, dass sie praktisch automatisch kommt, egal von wem und in welcher Absicht. Das Ding ist nicht, dass das passiert ist, sondern, dass es passiert ist, obwohl ich mich so unfassbar aufgerieben und angestrengt habe, dass es nicht passiert. Eine Klinik für Psychosomatik ist der einzige gesellschaftlich gewollte Rahmen und Ort, von dem man annehmen darf, dass man dort nicht wegen sich selbst verletzt wird. Darum war ich da. Ich brauchte Hilfe und war abnorm. Nirgendwo sonst, dachte ich, könnte ich mich risikoarm und sicher damit befassen und arbeiten.
Das Ereignis hat eine Generalisierung, die ich vorher bereits hatte, bestätigt und erweitert. Es hat nicht mehr Macht über mich, als jeder belustigte Kommentar über mein wörtliches Verstehen, jedes amüsierte Nachmachen meines Körperausdrucks, jede Demütigung nach einem Missverständnis, jede soziale Dynamik, die entsteht, weil nicht oder auch anders behinderte Menschen Behinderung mit aufwertender Sonderstellung verwechseln oder Autist_innen (oder auch Menschen mit DIS) als interessant mystische Sonderlinge einordnen.
Jetzt, wo ich weiß, dass sich in diesen Dingen mein Autismus zeigt und Autismus etwas ist, das ich, im Gegensatz zu anderen Dingen, nicht verlernen oder „einfach nicht machen“ kann, sondern ich selbst bin – jetzt ist es unmöglich, dass es keine Macht über mich hat. Es trifft immer mich. Es geht immer um mich. Ich bin immer das Problem der Witz  Trigger Auslöser ja, verdammt, ich kann das nicht einmal sachlich, nicht selbstabwertend benennen, wenn ich es versuche.

Ich habe zu viel Angst, einfach wieder anzufangen und es zuzulassen. Ich weiß, dass es nicht nur wieder passieren kann, ich weiß, dass es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch wieder passieren wird. Aber ich weiß, was ich tun kann, damit es mir nicht wegen etwas passiert, das ich sicher auch lassen kann.
Das ist nicht nur Traumalogik.
Das ist auch die Logik der Gewalt.
Beschämung ist Gewalt. Beschämung ist ein Machtinstrument. Sie hat Macht. Es ist irrelevant, ob ich ihr die zuschreibe oder nicht. Ich gebe sie ihr nicht. Sie hat sie. Sie hatte sie schon immer.

Meine Therapeutin redet weiter. Ich antworte und beobachte, wie unsere Worte im Raum, zu einem Bild verwachsen. „Ich könnte es ausdifferenzieren wie beim Schreiben“, denke ich. „Statt mich darzustellen, stelle ich meine Themen und Perspektiven dar. Wer sich daraus ein Bild von mir macht, ist selbst dafür verantwortlich. So hab ich das ja immerhin trotz allem Abhackdruck halten können. Aber geht das beim Fotografieren? Beim Malen? Zeichnen? Comics machen? Drucken?“
Das könnte ich versuchen.
Vielleicht.
Wenn ich mich traue.

Gleichzeitigkeiten

Manchmal sind es Gleichzeitigkeiten, die es mir schwer machen, Auslöser für Traumareaktionen und meine eigenen Fehlschlüsse zu erkennen, obwohl sie mit nur ein wenig veränderter Perspektive unübersehbar sind.
Gleichzeitigkeiten in der Bedeutung von Dingen, um genau zu sein.

Erklärender Ausschwiff, was ich damit meine:
Dass man auch „Verbrenner“ zu bestimmten Autos sagt. Da hatte ich mal eine einigermaßen fürchterliche Zeit, weil ich Verbrennungsvorgänge im Zusammenhang mit Autos nicht vereinbar mit der üblichen Funktionsweise eines Autos empfand. Wenn ein Auto verbrennt, fährt man nicht damit, denn das wäre potenziell tödlich.
Dann habe ich gelernt: Die Fahrzeuge nennt man „Verbrenner“, weil sie im Motor etwas verbrennen, um zu fahren.
Was ich aber brauchte, um eine unfassbare Angst während des Autofahrens nicht mehr zu haben, war eine Einordnung darüber, dass man in einem „Verbrenner“ – ja – in einem Auto sitzt, in dem es brennt (genauer: es einen Verbrennungsvorgang gibt), aber nein – das Auto deshalb nicht automatisch eine Feuerfalle wird, wenn man zu lange damit fährt.
Ja, nein, man macht nicht deshalb eine Rast an Raststätten. Ja, nein, wenn „der Motor überhitzt“, ist das kein erstes Zeichen für eine unkontrollierte Verbrennung, sondern eins für fehlerhafte Kühlung. Ja, wenn die Sonne stark auf die Metallkarosserie scheint, wird sie sehr heiß, aber, nein, der Kraftstoff im Auto kann deshalb weder ausdünsten und wie Gas im Auto entflammt werden – vom Zündschlüssel, den man in das Auto steckt – noch von der Hitze entzündet werden.

Die Gleichzeitigkeit ist in dem Beispiel sowohl die Bedeutung des Wortes, als auch der Schlüsse, die ich damals gezogen hatte. Ich war kein irrational bockiges Kind, das rumspinnt und sich aus Lust am Horror in ein absolutes Katastrophenszenario reinsteigert. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen etwas geschlossen und eine absolut logisch nachvollziehbare Todesangst gehabt, die ich – anders als die Erwachsenen in meinem Leben – weder mit Erfahrungswissen konfrontieren noch mit Vertrauen in meine Bezugspersonen beruhigen konnte.
Bei dem Auto-Feuer-Thema war informierende Differenzierung wichtig, gerade weil es stimmt, dass mit dem Autofahren Feuergefahren bestehen, nur eben nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Ähnliche Differenzierungsbedarfe habe ich bis heute, wenn es um Trigger für traumareaktives Verhalten geht. Nur dass das noch insofern einen weiteren Komplikationsgrad hat, als dass mir meine eigenen Schlüsse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht immer gleich bewusst sind.

Ich habe jetzt den Auslöser für meinen Rückfall in die Essstörung gefunden.
It’s a classic. Drohender Kontrollverlust aufgrund meines aktuellen BMI während meiner Schwangerschaft und unter der Geburt
Für mich mit meinem medizinisch vorbelasteten Autibrain eine absolut klare Kiste: Mediziner *innen haben ihre Werttabellen und daran orientieren sie sich. Punkt. Keine Diskussion. Meine Selbstbestimmung der hill, auf dem ich alleine sterben gelassen werde, weil natürlich niemand jemals wirksam gegen das widerspricht, wozu Ärzt *innen raten. Würde mir ein *e Behandler *in sagen, dass mein BMI irgendetwas nicht zulässt, würde mir niemand beistehen. Ich wäre alleine. Mit einem ausgesprochenen Risiko, das mich vielleicht noch nicht einmal wirklich betrifft, weil der BMI einfach viel mehr zur Messung sozio-ökonomischer und anderer sozialer Diskriminierungsfaktoren taugt als sonst irgendwas. Und es wäre komplett egal, ob ich damit recht habe oder nicht.
Ich wäre allein. Niemand würde mir mehr helfen. Ich wäre in Lebensgefahr.

Schon beim Aufschreiben dieses Absatzes habe ich, ohne es bewusst zu merken, mehrfach geschrieben: „Ich wäre alleine“. Und das, was ich nicht aufgeschrieben habe, hat einfach alle Traumaflaggen auf jedem Erker: „Andere würden mit mir machen, was sie wollen können für richtig/wichtig/angemessen/(mich zwingend) nötig halten, ganz egal, wie das für mich ist.“ „Ich müsste alles mit mir machen lassen, damit mich niemand alleine lässt.“

Da ist sie, diese tückische Gleichzeitigkeit von Gewalt-Trauma und Gewalt-Realität.
Ich habe wirklich und echt so gar keinen Grund, dem medizinischen Apparat grundsätzlich vertrauensvoll zu begegnen. Null. Und gerade im Themenkreis „Schwangerschaft und Geburt“ haben Menschen, die Kinder bekommen können, noch x-mal weniger Grund zur Annahme, im Fall des Falls wäre ihre Selbstbestimmung für irgendwen von Wert. Fast jeder Geburtsbericht einer traumatischen Geburt schreit zwischen den Zeilen in die Welt: „Ich hab zugestimmt, damit ich nicht allein sterbe.“
Da ist immer der Wunsch (und Auftrag und Pflicht und Eid) von Behandler*innen nicht zu schaden und von Angehörigen nur das Beste zu wollen. Und gleichzeitig eine Person, die genau deshalb zu Schaden kommt und die eigene Lebendigkeit (und/oder die des Kindes) als das Beste begreifen soll und in vielen Fällen auch muss.

In genau diesem Dreieck fand das statt, was ich heute als Helfertrauma aufarbeite.
Also jetzt gerade ganz akut. In jeder der letzten Therapiestunden. Ich, Hannah, bin immer wieder extrem aufgemacht an dem Komplex, an dem mein Ich entstanden ist. Als Schutzsystem für eine_n Jugendliche_n, die_r am Helfen anderer Schaden nimmt.
Logisch kommt es zu spontanen Querschlägern, unbewussten Schnellschlüssen, erst einmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen, die auch aufgrund des Autismus nicht mal eben einfach mit ein bisschen mehr Reorientierung als sonst containt kriege. Ich bin gleichzeitig in der autistischen Kompensation (die ehrlicherweise auch weitgehend Retraumatisierungsvermeidung ist), der Traumaverarbeitung und in der Traumareaktion.

Ich bin gerade in einem Momentum des Traumaverarbeitungschaos. Das entsteht aus mehr Alltagsamnesien als sonst. Dadurch mehr Anspannung. Dadurch mehr Herausforderung an meine Autismuskompensation im Alltag. Die mich so schon oft über meine Grenzen bringt und mich dünnhäutig macht. Meine Dünnhäutigkeit bietet jüngeren Inneren unerwartet große Fenster in die Gegenwart. Meine Ängstlichkeit über das Gefühl ihrer Blicke durch mich hindurch wird zu einem paradoxen Helfer für mich. Ich habe Angst, sie zu spüren, aber durch meine Angst fühle ich mich sicher. – Wieder so eine Gleichzeitigkeit – Angst haben und so daran gewöhnt sein, dass es mehr Angst machen würde, wäre sie weg, weil ich mich dann nicht mehr sicher im Sinne von zuverlässig fühlen kann.
Und gleichzeitig zu all dem, was allein schon wirklich richtig schwer und zuweilen auch schmerzhaft ist, gehört ein Trigger, der mir – obwohl er mir jetzt unübersehbar erscheint – noch nicht wirklich bewusst war: „Jetzt geht DAS wieder los. Die Klapse und alles. Weil ich mitgemacht hab, aber nicht gut genug. Jetzt knall ich komplett unrettbar durch. Jetzt kann mir niemand mehr helfen.

Jetzt werde ich alleine gelassen.
Eingesperrt.
Mir selbst überlassen.

Ohne jede Möglichkeit, über mich zu bestimmen.

Weil ich zeitweise nicht mal mehr weiß, was ich will.
Was wollen ist.
Wie bestimmen geht.

Es wird eben doch nie enden.

Andere müssen vor mir geschützt werden.
Egal, wie das für mich ist.

Es ist das Beste, wenn ich nicht mehr hier bin.
Ich sollte weg.
Ich muss weg.“

Das hat dann alles gar nichts mehr mit der Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen zu tun, sondern mit der Verarbeitung eines Selbstzustandes, in dem die schwierige Erfahrung nicht mehr nur in mir drin ist, sondern auch im Raum, im Kopf, im Herz meiner Therapeutin und dadurch mit einer anderen Perspektive angeschaut.
Ein Selbstzustand mit neuen bisher ungelebten inneren Zusammenhängen, Selbsterfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.
Ich, wir alle als Einsmensch, könnten alles Mögliche machen. Da ist ja was zusammengekommen. Mehr verfügbar als vorher. So ganz objektiv draufgeschaut. Heute ist ja, auch wenn ich mich in diesem inneren Chaos befinde, alles sicher. Alles okay soweit. Und gleichzeitig können wir das noch nicht. Wir können gerade nur, was wir als System jeweils können.

Ich kann richtig kompetent Angst haben und meine Therapeutin anrufen und auf alle ihre Fragen „Ich weiß nicht antworten“, darüber komplett verzweifeln und genau deshalb aber auch präsenter und alltagshandlungsfähiger werden.
Die Anderen können die Kämpfe wieder aufnehmen, die sie damals gegeneinander geführt haben, weil sie gegen nichts und niemanden außen kämpfen konnten. In Form von der Essstörung. Das ist ihr Ding. Ihr Lösungsweg.

Ein Lösungsweg, der schon damals überkomplex war und über zwei andere Systeme hinweg überhaupt gar nichts verbessert hat. Aber etwas sichern konnte. Selbstbestimmung als aktiver Akt. Also etwas, das jeden Tag in bestimmten Handlungen gemacht werden kann.
Selbstbestimmtes nicht alleine Verhungern. Selbstbestimmtes hoffentlich vielleicht an Erbrochenem ersticken. Selbstbestimmter Magendurchbruch. Selbstbestimmter Dauerbauchschmerz. Selbstbestimmte Heimlichkeiten. Selbstbestimmte Schamgrenzen. Selbstbestimmt weggegebene Würde. Selbstbestimmte Zahlenziele. Selbstbestimmte Ideale. Selbstbestimmter Zeitlupensuizid.
0 % Angst. 100 % Kontrolle über die Inneren anderer Systeme, die immer wieder aus ihnen rausbrechen, weil sie um ihr Überleben kämpfen.

Vielesein ist genau diese Art der Gleichzeitigkeiten immer und auf so vielen Ebenen.
Alles ist immer irgendwie verbunden und gleichzeitig komplett voneinander abgetrennt.
Ich kann das alles wissen und trotzdem von genau den Dingen, die ich weiß und über die ich schon tausend Mal gesprochen habe, radikal geschnetzelt werden, einfach nur, weil irgendein bisher nicht so präsentes Innen durch meine Haut sieht und versteht, dass Gewicht immer noch Relevanz in Bezug auf die Selbstbestimmung hat.

„Ja, so wie damals, aber nein, nicht so.“, in einem anderen Szenario könnte ich mich hinsetzen, mich konzentrieren und die Sicherheit vermitteln, das zu erklären. „Schau hier sind die Unterschiede, das läuft so und so … deshalb ist es zwar gleich, aber nicht gleich.
In diesem heutigen Jetzt müssen wir alle, die anderen Inneren und ich alle zusammen, das von anderen Menschen erklärt kriegen. Ich brauche Sicherheiten, die anderen das konkrete Erleben von Selbstbestimmung durch für sie so radikale Akte wie selber etwas (anderes als den Essens/Selbstverletzungs/Suizidschissel) wollen und es dann tun. Wie das geht, müssen wir lernen. Mit Anleitung, denn so etwas hat noch kein Mensch von alleine gelernt.

was es gekostet hat

Ich steige mit der Tür ein. Der gelben Tür, die hinter mir zuschlägt und alles verändert. So beginnt mein Manuskript, weil ich so beginne. Nie kam ich davor. Mir fehlte ein Bindeglied. Eine Idee von mir bevor der Deckel der Station schwer in seinen Rahmen schlug.

Zuletzt haben wir in der Therapie viel Raum dafür gelassen, was mich dahin gebracht hat. Was mich gemacht hat. Zuletzt ging es viel um die Klapsleichen. Davor darum, was es uns gekostet hat, Objekt des Hilfesystems zu sein. Am Ende der Stunde war ich zerschossen von den Querschlägern meiner Gefühle.

„Sie waren absolut am Boden“, hat meine Therapeutin gesagt.
Sie hat in 13 Jahren nur zwei Mal etwas gesagt, das mich in einer Situation ähnlich eindeutig verortet, beschreibt, einordnet.
Jetzt fühlt es sich an, als hätte sie damit einen Keil unter die gelbe Tür geschoben. So, als hätte sie eine Kraft aufgebracht, eine Klarheit hergestellt, um die ich seit vielen Jahren gerungen, doch nie erreicht habe.

Ich kann es auf meiner Haut spüren. Dieses „Vorher“, das wie eine Hitzewand vor der Tür steht und die Eigenschaft hat, mich in eine 14-Jährige zu verwandeln, die nicht weiß, wie ihr geschieht, eigentlich noch 13 ist und diese Tür als entbeinende Schleuse erlebt. Als entkernendes, ent-selbstigendes Moment.
Mein Gefühl ist drückend uneindeutig. Die Erkenntnis aber klar.
Das hat es sie gekostet. Nicht nur die Familie. Die erweiterte Familie. Vermögen. Schulfreund *innen. Die Band. Die Chöre. Die Gemeinde. Die Freund *innen da. Die Nachbarin mit dem Klavier. Die Anarchofriends. Jede Aussicht auf Zukunft. Jeder Raum für eigene Wahrheit. Persönliche Freiheit. Selbstbestimmung.

Es hat sie auch sich selbst gekostet.

die Ausnahme, Teil 2

Ich hatte keine Ahnung, was mich so irritierte, aber immerhin altbewährte Reaktionswege. Angst. Die bekomme ich einfach immer unter.
Mir war schon am nächsten Tag klar, dass ich Hilfe brauchen würde. Noch konnte ich meine geistige Verfusselung auf Reisemüdigkeit und Erschöpfung von der vergangenen Woche zurückführen. Aber als ich am Abend merkte, dass ich überlegte, im Büro statt im Schlafzimmer zu schlafen, war klar, dass ich auf direktem Weg auf die Tanzfläche für einen Vermeidungstanz war.

Der informierte Traumamensch denkt in dem Zusammenhang an Trigger. Was ist mit der Puppe? Habe ich mal was Schlimmes mit Puppen erlebt? Gibt es in mir drin Täter_innenintrojekte, die das Objekt nutzen, um Gewalt im Inneren zu wiederholen? Habe ich mich in Traumawahrheiten verstrickt, nach denen ich nichts Schönes haben darf oder nicht es nicht wert bin?
Ich wusste, dass meine Therapeutin mit mir diese Schiene abfahren würde. Und ich wusste, dass ich ihr keine dieser Fragen ohne größere Tiefenwanderung beantworten könnte. Ich müsste mich für Kinderinnens und andere Seiten öffnen, um das Problem wenigstens eingrenzen zu können. Aber hier zu Hause, unbegleitet, unstrukturiert und spontan, machen wir sowas nicht.
Wir haben trotzdem miteinander telefoniert und versucht, eine erste grobe Idee zu bekommen. Am Ende hatte ich keine grobe Idee. Aber ich konnte die Angst teilen und wissen, dass wir beim nächsten Termin daran arbeiten würden, würde ich keine eigene Lösung finden.

Vor ein paar Jahren hätte ich in so einer Situation auch noch den Begleitermenschen anrufen können.
Der ist aber seit einigen Jahren nicht mehr Teil meines Hilfenetzwerks. Deshalb habe ich versucht, seine Fragenstruktur anzuwenden.
Was genau löst die Angst aus? Ist es die Präsenz des Objektes oder seine Beschaffenheit oder virtuelle (implizite oder theoretische) Elemente, die dadurch zum Tragen kommen? Wäre die Angst weg, wäre das Objekt nicht mehr da?

Die Frage hat mir dann weitergeholfen.
Ein bisschen „Erstangst“ wäre dann zwar weg, aber das auslösende und noch unbekannte Problem bestünde weiterhin und das würde zu meinem täglichen Grundrauschen der Unsicherheit (und Angst) beitragen.
Es waren also mehrere Punkte.
1. Ich weiß den Auslöser nicht. (Kontrollverlust)
2. Ich weiß nicht, was ich machen soll. (Ohnmacht)
3. Ich fühle mich nicht sicher damit, etwas auszuprobieren – einfach irgendwas zu machen, ohne zu wissen oder gesagt zu bekommen, ob und wenn ja, wie es wirken würde. (Hilflosigkeit)
4. Die Menschen in meinem Leben müssen konkret gesagt und erklärt bekommen, was mich belastet und warum (und wie sie mir helfen können), damit sie mich nicht ungewollt verletzen oder Überanstrengung auf beiden Seiten entsteht. (zwischenmenschliche Trigger- und Belastungssituation für mich, Verzweiflung)

Mit meiner Therapeutin landete ich am Telefon bei der Frage, ob ich schöne Dinge wirklich haben darf oder ob Erwachsene Geld für eigene Spielsachen ausgeben dürfen, dies das. Nach der Analyse ausgehend von der Angst als solcher, war mir sehr klar, dass es damit wenig zu tun hatte und ich jetzt akut erst einmal ins Angstmanagement gehen musste. Die Analyse gehört bereits dazu – mir hilft ein klarer Überblick eigentlich immer, um mich etwas sicherer zu fühlen.
Dann bin ich am Tag öfter als sonst durch das Schlafzimmer und an der Tüte vorbeigegangen. Wenn ich telefoniert habe, wenn ich meine Wäsche eingeräumt habe. Wenn ich mal zufällig einfach so aus dem Fenster schauen wollte. Meine Dehnübungen gemacht habe. Gezielte Desensibilisierung. Absichtliches Aussetzen, um zu begreifen, dass der Gegenstand unabhängig von mir und nur ein Gegenstand ist, der aus sich selbst heraus nichts macht. Also ich ihn mehr kontrollieren kann, als er mich.

Erst war es schwierig, weil es Zitat „umständlich behämmertes Rumgetue, wegen nichts ist“. Dann wars egal und die Angst eigentlich nur noch da, wenn ich mich darauf vorbereitet habe, sie in die Therapiestunde mitzunehmen. Wo ich mir einen Umgang erarbeiten wollte, aber noch nicht wusste, wie genau, weil ich noch weniger als sonst wissen konnte, ob meine Therapeutin mich überhaupt versteht oder wenigstens das Problem sieht, das ich noch nicht sehen kann. Weshalb ich es ihr nicht schildern und erklären kann, weshalb wir diffus herumsondieren und probebohren würden und es ein gewisses Absturzrisiko für mich dabei gibt.

Solche Stunden hatten wir vor der Autismusdiagnose und ihrer Anpassungsarbeit daran ständig und das war fürchterlich. Fürchterlich anstrengend. Frustrierend. Wenig hilfreich und in manchen Aspekten eine Weiterführung meiner früheren Therapieerfahrungen. Damals habe ich versucht, dem diffusen Rumgebohre zu entgehen, in dem ich das Gespräch vorher in alle Richtungen in meinem Kopf geführt habe, um nicht von mir selber überrascht zu werden und dann nicht zu wissen, was ich machen soll.  Was natürlich fast nie funktioniert hat. Aber Teil meines Angstmanagements war. Auf diese Weise hatte ich die Stunde jeweils schon einmal durchgearbeitet und mich auf alles (wirklich alles) Mögliche vorbereitet – sie dann wirklich zu machen, war so kein Gang ins absolut Ungewisse, keine Auslieferungssituation mehr.

Heute bereite ich mich anders auf die Stunden vor. Nach 12 Jahren gemeinsamer Arbeit wartet in mir niemand mehr darauf, dass meine Therapeutin mir ungefragt und sexuell motiviert (körperlich) nahekommt, Partei für meine Eltern ergreift oder Druck darüber aufbaut, wie schnell oder in welcher Art irgendwelche Fortschritte für sie erkennbar sein sollten. Wir kennen ihre Gesprächsführung und können in den letzten Jahren auch viel besser abschätzen, was sie meint oder worauf sie sich bezieht. Wir haben einen für mich guten Grad an Konkretheit gefunden, der mich enorm entlastet und entsprechend auch viel weniger Versagensängste und Stress produziert.
Ich kann mich heute darauf konzentrieren, worüber ich reden will und brauche nicht mehr zu verstecken, wenn ich meine Therapeutin nicht verstehe oder unter Druck gerate oder Angst bekomme oder mich generell hilflos fühle. Und trotzdem möchte ich mich natürlich nicht so fühlen. Vor allem nicht im therapeutischen Setting, das für mich so vorbelastet ist.
Und doch lässt es sich in manchen Momenten nicht verhindern. Diesen Momenten, wo Autismus und Komplextrauma so wirklich überhaupt gar nicht voneinander zu trennen sind. Weder für mich noch für sie.

Als ich die Treppen zur Praxis meiner Therapeutin hochging, hatte ich eine Woche hinter mir, in der ich bewusst nicht weiter ins Vorausdenken der Stunde gegangen bin. Ich wollte darüber reden, was ich denke und was ich von mir wahrnehme – Punkt. Bedeutung dies das – diese Ebene kann meine Therapeutin schneller sehen als ich und mich entsprechend befragen. Ich kann dann selbstbestimmt prüfen, ob da was dran ist oder nicht.

Die Stunde wurde so lang und anstrengend, wie erwartet. Aber kurz vor ihrem Ende wurde mir mein Problem klar:
Mir fehlte ein Handlungsskript für Neuheiten dieser Art in meinem Leben und ich musste es mir alleine erarbeiten. Und jetzt doppelneu – möglichst nicht komplett brutal entkoppelt von Kinderinnens oder anderen Inneren, die sonst überhaupt nichts in meinem Dunstkreis zu suchen, finden, wollen oder besitzen haben. Und trotzdem mittendrin sind. Und ihrerseits auch versuchen, mit meiner Therapeutin in Kontakt zu kommen.
Ja.
Es ist einerseits so banal (einfach nur auf etwas Neues, Ungewohntes, mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf mich klarkommen müssen) und andererseits so eine komplexe Herausforderung.

Neues ist für mich sauschwer. Neues kenne ich nicht. Ich bin noch nicht daran angepasst, nicht vertraut damit, nicht vertraut mit mir darin und entsprechend weder sicher noch kontrolliert. Und Neues ergibt sich für mich sehr schnell, weil ich Unterschiede sehr schnell erkenne und die betrachteten Dinge, Gegenstände, Situationen entsprechend als komplett unterschiedlich einordne.
So habe ich schon oft Puppen gekauft und fühle mich gut damit – sogar so gut, dass ich mich komplett in die Überheblichkeit aufschwingen kann.
Ich habe aber noch nie eine Puppe für mich gekauft, was es für mich insgesamt zu einer komplett anderen Sache macht, die ich noch nicht kenne und für die ich noch kein Handlungsskript von Anfang bis Ende, keine Selbsterfahrung und Erfahrungskompetenz habe. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll oder tun könnte. Geschweige denn, wie genau. Mein Kopf ist diesbezüglich einfach leer. Ich kann nichts umsetzen.
Das ist kein bockiger Quirk, keine Folge von Todesangst. Das ist ein angestrengtes gegen das eigene Gehirn ankämpfen. Das ist eine exekutive Dysfunktion. Die mich wiederum an Todesängste bringt, weil es mich an sämtliche Erfahrungen erinnert, in denen ich in meiner Hilflosigkeit und Ohnmacht einfach nicht gesehen, erkannt, aufgefangen oder begleitet wurde.
Erfahrungen, wegen derer ich heute selber denke, ich würde mich anstellen. Könnte doch, wenn ich nur würde oder wollte. Wegen derer ich überhaupt nur den Impuls habe, solche Schwierigkeiten und Kämpfe zu verschweigen oder unsichtbar zu halten, obwohl es mich viel Kraft kostet und auch meinen Raum für mich selbst total verkleinert und das Bild anderer Menschen über meine Fähig- und Fertigkeiten enorm verzerrt. Überwiegend zu meinem Nachteil übrigens.

An jenem Ende der Therapiestunde fragte meine Therapeutin im Hinblick auf unsere verbleibende Zeit und das bisher ergebnislose Gespräch: „Was machen wir jetzt?“
Für mich war es gut, dass sie das genau so formuliert hat. Wir – was machen wir jetzt?, da war die Erinnerung für mich drin, dass sie da war und ich nichts allein versuchen müsste. Also überlegte ich noch einmal, was ich mich auszuprobieren trauen würde, jetzt, wo eine ganz andere Sicherheit über die Gesamtlage bestand.
Ich schlug vor, eine Erwachsenensache daraus zu machen. Ich könnte den Schritt des Auspackens hier machen und dann gucken, wie es zu Hause ist, damit wir das Thema nicht in die nächste Stunde mitnehmen müssten. Dann müsste das Kinderinnen, das ihr die Puppe auch zeigen wollte, halt damit leben, dass der Kontakt so nicht geht. Mir wäre das auch ganz recht … 1, 2, 3 Vermeidungstanzschritt nach links 2, 3 …

Meine Therapeutin hatte vergessen, dass sie eine Nachricht mit dem Wunsch bekommen hatte, als wir in Italien waren. Ich nicht. Ich wusste, dass sie die Nachricht überhaupt nur bekommen hatte, weil die Ausnahme bestand und war ganz froh darum, dass sie bisher überhaupt nicht weiter darauf eingegangen war, außer nach Erhalt der Nachricht positiv zu antworten.
Grundsätzlich gilt: Ausschließlich in Situationen, die von uns aus innerlich zu lebensgefährlichen Situationen werden könnten, darf exakt ein Kinderinnen (nämlich das, was ich nicht unterdrücken kann und bereits Kontakt mit meiner Therapeutin hatte) Nachrichten an sie schreiben. Für Killefit und Scheiß (also alles andere) bedarf es einer Ausnahme.

Sie verfolgte den Faden um die Nachricht weiter und drückte aus, dass es ihr wichtig wäre, diesen Anteil nicht auszuschließen. Ich entgegnete, dass sie die Nachricht ja nur wegen der Ausnahme über die Zeit in Italien bekommen hatte. „Und jetzt ist ja keine Ausnahme, jetzt ist hier Erwachsenenalltag, um den es geht, ALSO GEHT DAS ALLES GAR NICHT“, schrie ich* (*definitiv nicht nur ich) inzwischen maximal frustriert. In meinem Kopf. Natürlich. Sicher ist sicher.

Wir haben dann noch mal eine Weile gebraucht, bis wir eine Ausnahme als nötig und den Umständen angemessen beschließen und von meiner Seite aus auch bewilligen konnten.
Und im Nachhinein betrachtet sehe ich selber, was für eine logische Fortführung das war. Obwohl wir bisher keine Ausnahmen in der Ausnahme gemacht haben. Denn Therapiestunden sind ja bereits eine kommunikative Ausnahme, weil (und je nachdem wie) der Arbeitsraum das erfordert.
Ich konnte an dem Punkt anerkennen, dass ich es anders nicht lösen können würde.

Die Sache – Italienreise, Puppenkauf für mich – ist an sich extrem außergewöhnlich gewesen für mich.
Ich war nicht zu Hause. Alles war anders. Ich habe (für mich) komplett andere Sachen gemacht als sonst. Und das alles ist in dieser Ausnahmenblase geblieben. Bis auf die Puppe und die Nachricht an meine Therapeutin. Ich musste für die Erarbeitung des inklusiven Umgangs damit einen Ausnahmeraum erlauben.

Und als wir an dem Punkt waren, ging es ganz leicht. Extrem merkwürdig, ungewohnt und teilweise ich-fremd, aber absolut nicht so schwer wie alles in den anderthalb Stunden davor, um überhaupt dahin zu kommen.
Es hat geholfen, dass meine Therapeutin das nicht extra kommentiert hat. Für mich war wichtig und gut, dass sie akut mit mir in dem Moment war, für mich ansprechbar war, für mich die Situation absichernd, mich in dem, was ich da tat, versichernd war. Wie es Lisa in dem Laden übrigens auch war. Wie es Daniela und Matthias, das Team in der Hilfeeinrichtung in der ganzen Ausnahmesituation in Italien auch waren. Sie wussten das nicht so in dem Zusammenhang, aber vielleicht war das auch genau gut für mich.

Die Ausnahme hat mir diese Art der Verbundenheit, des Kontaktes ermöglicht. Gleichzeitig hätte ich niemals irgendeine Ausnahme zugelassen, hätte es weder Kontakt noch Verbundenheit gegeben.
Weil alles anders war als sonst, konnte ich etwas anderes als sonst tun – das ist, weshalb die Therapie mein einziger konstanter Ausnahmeraum ist und bis zum Ende der Behandlung auch bleiben wird.
Vielleicht – wahrscheinlich – egal, wie viele Ausnahmen ich in dieser Ausnahme noch brauchen werde, um mich neuen Dingen, Umständen, Selbsterfahrungen anzunähern und darin er.kennen, verstehen und meine Handlungsoptionen zu lernen.

Bis zu dieser Stunde war mir das nicht bewusst.
Und was das für mich bedeutet, wie es sich anfühlt, wie wer in mir darüber denkt – darüber kann ich nachdenken, wenn ich mich daran gewöhnt habe, dass es jetzt einen ersten Gegenstand in meinem Haushalt gibt, der eine außerordentlich weitreichende Ausnahme bezeugt.

die Ausnahme, Teil 1

„Beweglich wie die Hindenburg“, denke ich unzufrieden mit mir selbst, als ich die Praxis meiner Therapeutin verlasse. Ineffizient komme ich mir vor. Komplett behämmert, hätte ich jetzt Zeit und Raum für eine altbewährte Selbsthass-Schleife. Ich habe aber nicht mehr viel Zeit. Die Therapiestunde war sehr lang, ich habe nur noch 50 Minuten für meine anderen Erledigungen, bevor mein Zug nach Hause abfährt. Der Stress macht es mir leicht, den Fokus nach außen zu drehen. Ich ziehe durch. Erledige alles, arbeite im Zug, fahre vom Bahnhof direkt zum Training und von da nach Hause.
Erst geduscht, mit dem Abendessen im Bauch, kann ich mich wieder etwas aufmachen.
Erst dann hole ich die Puppe aus dem Rucksack und lege das schöne Packpapier, in das sie eingeschlagen war, flach ins Bastelregal.

Die Puppe habe ich in Italien gekauft. Im Spielzeugladen in Arezzo.
In meinem üblichen Alltag gehe ich nur in Spielzeuggeschäfte, um jemandem ein Geschenk zu besorgen. Für mich selbst kaufe ich bei diesen Gelegenheiten entweder einen Kreisel, denn die sammeln wir, oder sensorisch interessante Tüddel, die in die Hosentasche passen.

Ich ziehe ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Vielen aus dem Umstand, dass ich in solche Geschäfte gehen kann, ohne in einen kindlichen Zustand zu kippen. Überhaupt bin ich ziemlich stolz darauf, mich in der Hinsicht inzwischen überwiegend im Griff zu haben. Also in 99,9 % der Fälle. 0,01 % der Fälle sind Traumareaktionen. Wechsel, die ich nicht beeinflussen kann, weil ich die Situation nicht (genug) beeinflussen kann. Etwa in der Therapie oder in Situationen, die traumatischen Situationen sehr ähnlich sind. Wie der Zustand nach einer Narkose.

Ich mag, dass Kindliches praktisch kaum eine Rolle in meinem Leben spielt. Ich habe keine designierte „Innenkinderzeit“, ich mache keine außerordentlichen Besonderheiten speziell für meine Kinderinnens und die haben auch keine Freund_innen oder Aufgaben im außen. Es gibt sehr eng gesteckte Rahmenbedingungen dafür, wann Innenkinder etwas neben mir her miterleben oder mitmachen dürfen bzw. können. Und noch viel engere dafür, dass sie sich mit mir vermischen.
M., eine frühere Freundin von mir, fand mich immer fies deswegen. Hat oft zum Ausdruck gebracht, ich wäre viel zu hart, viel zu krass, viel zu brutal in der Hinsicht. Mich hat es verletzt, dass sie nie die Fiesheit, die Brutalität gesehen hat, die dazu führte, dass ich diese Haltung entwickelt habe.

Meine „Fiesheit“ an der Front ist ganz klar das Ergebnis von therapeutischen Eingriffen in stationären Kliniksettings. Von der Brutalität, die sich daraus ergab, dass ich auf eine psychiatrische Unterkunft und Hilfe angewiesen war, um zu überleben, aber Wechsel, dissoziatives Erleben, bestimmte „auffällige Symptomatik“ (wie es Wechsel zu traumareaktiven (kindlichen) Anteilen nun einmal sind) teils massiv sanktioniert wurden. Unterstützung von der Pflege – nur als Erwachsene_r. Anerkennung von Leiden, Beistand in unerträglichem Wiedererleben oder emotionalen Flashbacksituationen – nur wenn man sprechen und verstanden werden kann. Nur, wenn sich Pflege, Betreuung, Therapeut_innen sicher und wohlfühlen, sonst Keule. Also Medikamente. Betäubung. Kopp zu.
Zudem bin ich unter diesen Bedingungen erwachsen geworden. Ich war 16 als das anfing und Anfang 20 als es aufhörte. Den Umgang anderer Menschen mit meinen dissoziativ von mir getrennten kindlichen Anteilen habe ich häufig als etwas erlebt, das benutzt wurde, um mich in meiner Selbstbestimmung einzuschränken und in meiner jugendlichen Alltäglichkeit bzw. jungen Erwachsenheit infrage zu stellen.
Und als Einfallstor der Überforderung für Therapeut_innen, die entweder keine oder wenig oder keine fundierte (bindungs)traumatherapeutische Vor-, Weiter-, Fortbildung hatten und entsprechend inkompetent mit Übertragungen, Traumaexploration- oder -exposition umgegangen sind.

In der Zeit konnte ich nicht verhindern, dass es zu Wechseln (für mich: Amnesie) kommt – diese Gefahrensituationen sind immer wieder aufgetreten und ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, irgendwelche Konsequenzen abzuschätzen. Sollte sie aber antizipieren, um von Therapieerfolg oder Entlassung ausgehen zu können. Ich dachte also, ich würde nur dann je normal oder gesund sein, würde ich mich zu jedem Zeitpunkt kontrollieren können. Und Kontrolle, das hatte ich mir übersetzt mit dem Umgang, der mir in diesen Kliniken geschah: Unterdrückung. Kopp zu. Unsichtbarkeit. Es besteht Kontrolle, wenn niemand was von den inneren Vorgängen mitbekommt. Dann ist alles gut. Alle sind zufrieden. Niemand dringt in mich ein. Niemand überfordert mich.

Dieses Verständnis von Kontrolle über mich selbst nach innen hatte ich vorher nicht. Ich komme nicht aus einem Täter_innenkreis, der mich zur Unauffälligkeit erzogen hat. Mir wurde das nicht in irgendeinem dunklen Keller reingequält, sondern vor aller Augen und mit vollster Unterstützung der Gesellschaft psychiatrisch antrainiert. Ich sollte immer mitmachen – sonst. Ich sollte immer verstehen – sonst. Ich sollte immer reden, denken, einsehen – sonst. Und ich dachte und spürte sehr genau, dass ich nur überlebe, wenn ich diesem Anspruch auch Folge leiste.
Meine Gefühle, meine Einschätzungen von bestimmten Dingen, die wurden stets als bekannt vorausgesetzt und nur von einer Therapeutin, in der Tagesklinik, die ich dann als junge Erwachsene öfter aufsuchte, auch mal abgefragt.
Meine Behandlung war in sehr vielen Bereichen ein von mir unkontrollierbarer Selbstläufer, den ich sehr lange weder verstehen noch wirklich selbstbestimmt mitgestalten konnte. Es war die beste Entscheidung, die ich für mein Weiter- und Rauskommen aus diesem stationäre Psychiatrie-teilstationäre Tagesklinik-Drehtür-Elend treffen konnte, einfach ganz extrem böse fies gemein brutal hart gegenüber meinen Kinderinnens (und Jugendlichen und Bösen und Dunkelbunten …) zu sein. Und sie so weit wie nur irgend möglich zu versiegeln – noch bevor ich sie überhaupt selbst mal frei und im sicheren Rahmen wahrgenommen oder auf ihre Funktionen für mein Innenleben geprüft habe.

Soweit meine Erzählung.
Die übliche Traumaerzählung über so fiese Kinderhasser-Innens wie mich ist: ANPs, die alltagskompetenten (angeblich) untraumatisierten Anteile, suchen Kontrolle über sich, weil sie so die Konfrontation mit dem Trauma vermeiden. Kinderinnens = Traumaträger, also Kinderinnens – Nein, danke. Will ich nicht, kann ich nicht, Adios, Tschö, bitte gerne ohne mich
Ist viel dran. Keine Frage. Trifft komplett auch auf mich zu.
Enthält aber auch das Problem, dass man Verhalten zum Zustand erklärt und in der Folge aus dem Blick verliert, zu prüfen, ob es durchgehende Eigenschaften, Merkmale, Prädispositionen gibt, die dieses Verhalten auch bedingen.

Ich bin nämlich nicht nur extrem fies zu Kinderinnens. Ich bin auch richtig gemein zu Anteilen, deren Auftauchen oder Bedarfslage unsere Handlungskripte herausfordern oder bestehende Situationen unübersichtlich machen. Und dabei geht es 0 um Traumakonfrontationsvermeidung, sondern um die Vermeidung einer Traumatisierung.
Ich bekomme Probleme durch „abweichlerische Innere“, weil mir diverse alternative Handlungsskripte fehlen, die ich heute als erwachsene Person einfach nicht mehr beigebracht bekomme und für die mir auch kaum mehr Lern- und Übungsraum zugestanden wird.
Die Erwartung ist, dass ich jederzeit einfach weiß, welche Konventionen wann greifen, einfach merke, was wer wie wann warum meint oder denkt oder fühlt. Verhalte ich mich unkonventionell oder sozial unangemessen, wird einfach angenommen, dass ich ne schräge (gefährliche) Else oder „voll gegen den Mainstream“ bin. Und entsprechend ist der Umgang mit mir. Man fürchtet mich vielleicht einfach oder meidet mich oder tritt mir gegenüber konfrontativ auf – und ich weiß nicht, warum.
Oder man öffnet sich mir gegenüber komplett in der Annahme, ich wäre bereit für emotionale oder auch sexuelle Intimität und ich muss gucken, wie ich das balancieren kann und will. Grenzen dies das – Sicherheit! dies das. Und das immer unerwartet, nicht beeinflussbar und unabhängig davon, welches Innen aktiv ist oder wo wir gerade sind oder was wir warum, wie mit wem machen.
In diesem Zusammenhang ergibt sich die traumareaktive Dynamik erst nach einer ganz anderen Problematik, nämlich der, ein autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen zu sein und als solcher den Alltag, aber auch die Therapie, die Beziehungen und Lebensthemen zu navigieren.

In Italien zu sein, war eine der krassesten positiven Ausnahmesituationen der letzten Jahre für mich.
Ich mache Ausnahmen. Ich kann Ausnahmen. Wenn ich weiß, wie lange, wofür und warum.
Und manchmal werde ich in so einer Situation über.mutig. Dann denke ich, dass, weil in der Situation, in diesem Moment im Grunde alles möglich ist, weil es eine Ausnahme ist, mir selbst auch alles möglich ist.
Neue Dinge auszuprobieren, fällt mir dann auch tatsächlich leichter. Essen, das ich nicht kenne. Mit Menschen reden, die ich nicht kenne. Irgendwo schlafen, wo ich noch nie geschlafen habe, zum Beispiel.
In einer Ausnahmesituation sind für mich alle Parameter sämtlicher Eigenschaften und möglicher Verläufe in die Zukunft auf einem Level. Alles kann genauso gut, wie schlecht laufen.
Das Gantt-Flussdiagramm in meinem Kopf, über die Abläufe, Funktionen und Mechaniken in meiner direkten Umgebung, wird dann eher zu einer Momentsammlung. In einer Ausnahmesituation kann ich gar nicht viel mehr aufnehmen und prozessieren als den akuten Moment. Ich weiß, dass ich mich an Ausnahmen nur selten so umfänglich und detailliert erinnern kann wie an meinen Alltag. Vor allem nicht, wenn ich mir keine Notizen mache oder Ankerpunkte zum Prozessieren setze. Wie und was genau ich da erlebe – die Kapazität, das einzuordnen und zu bewerten, die halte ich dann gar nicht erst bereit.

Ausnahmen, die ich gezielt zulasse, müssen sich für mich lohnen. Ich muss mich sicher fühlen. Ich muss (wenigstens für mich allein) wissen, dass ich sie jederzeit sofort beenden kann und niemanden dafür brauche.
Dort im Spielzeugladen von Arezzo war die Ausnahme bereits bestehend. Und ich in alle Richtungen offen wie ein Scheunentor. Hätte mich etwas ungünstig getriggert, hätte es mich umklatschen können und tja Ciao Kakao, mal gucken, wie es weitergeht. Es hat mich aber nichts getriggert. Ich stand da, Lisa, die Praktikantin, mit der ich da war, zeigte mir ein besonders weiches Objekt und ich folgte einem Wunsch, die anderen Gegenstände in dem Regal auch anzufassen. Uns, einigen Kinderinnens, Jugendlichen und mir, hat ein Objekt gut gefallen, weil es viele verschiedene Strukturen hat. Wir wollten es haben und wir haben es gekauft. Nicht sofort, aber auf dem Rückweg, als mir klar wurde, dass ich es nicht umsetzen würde, wäre die Ausnahme vorbei. Ohne Ausnahme kaufe ich im Spielzeugladen einen Kreisel oder einen Tüddel oder ein Geschenk. Das ist das Skript. Zu Hause habe ich keinen Anlass für eine Ausnahme.
Wir bezahlten das Objekt, das ich, einmal ausgesucht und länger in der Hand, überhaupt erst als Puppe erkannte, und sagten ja, als wir gefragt wurden, ob sie eingepackt werden soll. Und so brachten wir sie nach Hause. In einer großen bunten Papiertüte, in braunem bedrucktem Packpapier.

Die Tüte stellte ich ins Schlafzimmer, meinen Rucksack in den Flur. Ankommen, auspacken, Wäsche waschen, den Text schreiben, Maillawine auffangen …
Alles war gut.
Bis ich am nächsten Morgen an der Tüte vorbeiging und von echter Panik ins Gesicht geboxt wurde.

vom Erarbeiten von Erinnerungen

Es ist 10 Jahre her, dass es 13 Jahre her war.
Ich erinnere mich an den Tag, an die Situation und daran, wie es mir damals ging. Hier habe ich sogar darüber geschrieben. Ich erinnere mich daran, wie belastend es für mich war, überhaupt zu diesem Termin zu kommen. Die innere Vorarbeit, die äußere Vorarbeit. Ich musste für die Zugfahrt sparen und sparen hieß damals noch, dass ich auf Notwendiges verzichte. Ohne Sookie bin ich dahin gefahren. Dumm aber klug. Ich war ohne jeden Anker, aber die Rückfahrt wäre ein Albtraum für sie geworden.

Ich war allein. Mit dieser Person, die so maßgeblich an dem beteiligt war, was damals passierte. Mit mir, in mir, meinetwegen. Und wie damals blieb ich ungesehen von ihr.
Oder ich konnte die Art, wie sie mir gezeigt hat, dass sie mich sieht, nicht übersetzen. Dann reden wir von einem Gefühl von mir. Einem Eindruck. Einer Erlebensrealität von mir, die zwar passiert und wirkt, aber kein Faktum über die Sache darstellt. Finde ich wichtig.
Obwohl mir ehrlich gesagt lieber wäre, wäre es so einfach, wie es mir mein Gefühl vermittelt. Hier eine unsensible Person, die rücksichtslos ihren Interessen folgt und ignoriert, welches Leid dabei entsteht und da ich, leidend. Klare Grenze, eindeutige Rollen.

Ich leide aber nicht, oder?
Ich kaue daran. Komme immer wieder darauf zurück. Verbringe keinen Monat, vielleicht nicht mal keine Woche, ohne dass ich über drei, vier Ecken dann doch wieder daran denke. Sei es, weil ich helfe oder weil mir geholfen wird. Sei es, weil ich mit der Innenarbeit weiterkomme oder eben genau nicht.
Im Moment schreibe ich mein nächstes Buch. Das wird eine narrative Biografie. Faktisch richtig muss darin nicht alles sein. Es ist meine Erzählung davon, wie bestimmte Dinge waren. Und natürlich stoße ich an dieses Ding. Das inzwischen 23 Jahre her ist und verdächtig stark überhaupt kein Gefühl bei mir weckt, sondern schlicht beunruhigenden Druck durch eine viel zu nah drängende Nebelwand der Dissoziation. Und Loyalitätskonflikte. Verantwortungsfragen.

Wann immer man sich traumatisierenden Erfahrungen widmet, muss man sich fragen, wozu man das eigentlich macht. Dadurch bekommt man Kraft. Eine kleine Lücke zwischen Wahrnehmen und Reagieren, in der man sich einen Plan machen kann. In der man Dämme gegen Erinnerungsfluten und Drainagesysteme gegen Gefühlsstau errichten kann. Es ist einfacher, wenn man ausgestattet und vorbereitet den Hahn aufdreht.
Mein Hahn tropft. Und obwohl ich gewappnet und vorbereitet bin, weiß ich: Der Boden darunter ist bereits komplett und weiträumig aufgeweicht. Der wird mich nicht tragen, sondern einsinken lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in Fluten ertrinke oder mit der Masse nicht klarkomme. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass ich nicht mehr da wegkomme und der Hahn wirklich komplett abgebaut werden muss, weil sich ein neuer Standpunkt von mir ergeben hat.
Übersetzt also: Diese Sache sickert schon so lange in mich ein, dass eine Beschäftigung damit etwas mit mir machen wird, von dem ich bereits diffus, unsortiert, uneindeutig, vage weiß. Wahrscheinlich brauche ich den „Hahn“ noch nicht einmal weit zu öffnen, also meine Erinnerungen angestrengt kommen lassen. Sehr wahrscheinlich fluten mich weniger die Erinnerungen als ihre Bedeutung für mich. Ihre Implikationen für viele Aspekte meines Lebens. Die Verantwortung, die ich habe.

Vielleicht schätze ich das jedoch nur so ein, weil ich ein kleines Intellektualisierungsmupfi bin.
Lange über das Ereignis nachdenken und grübeln, das habe ich vor etwa 20 Jahren als Merkmal der posttraumatischen Belastung kennengelernt. Nicht aufhören können, daran zu denken, im Kopf immer wieder die gleichen Brandreden halten, sich immer wieder überlegen, was wäre wenn; was würde gewesen sein, wenn; hätte nicht, würde, wäre wenn … Das ist genau meine Sparte.
Dinge, die ich nicht verstehe, Dinge, die ich nachvollziehen kann, Dinge, die ich nicht vorhersehen kann, Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, Dinge, die ich nicht ändern kann, Dinge, die ich gerne ändern, verstehen, vorhersehen, nachvollziehen, kontrollieren können, würde – alles immer in meinem Kopf. Das ist meine Stärke, meine Ressource, mein Umgang mit allem. Allerdings kann ich das in Bezug auf die meisten anderen Dinge in meinem Leben beeinflussen. Wenn ich eine Idee habe oder einen Plan, dann höre ich auf. Dann hat das Nachdenken keinen Sinn mehr.
In Bezug auf Traumainhalte habe ich diese Kontrolle nicht. Ich komme einfach nie zu einer Idee. Einem Plan. Das ist, weshalb es klug ist, mit anderen darüber zu sprechen. Alle gemachten Gedanken auszubreiten und mit jemand anderem darauf zu schauen. Dafür ist es sinnvoll, alle gemachten Gedanken zu kennen.
Ich kenne nur meine Gedanken. Die der Anderen in mir noch nicht.
Und deren Gefühle? Die auch nicht. Nicht wirklich.

Am Ende dieser Arbeit werde ich haben, was man „kohärente Erinnerungen“ nennt. Ich werde sagen können, dass ich mich nach 23 Jahren endlich klar erinnere. Und es wird klingen, als hätte ich mich dafür entschieden, weil es mir jetzt in den Kram passt. Oder als ob da vorher nichts gewesen wäre, kein Problem, kein Grauen, kein Trauma – aber dann plötzlich doch.
Und in Wahrheit habe ich die ganze Zeit immer wieder und wieder und wieder Erinnerungen daran gehabt. Immer und immer und immer wieder darüber nachgedacht und versucht sie zu be.greifen, zu ordnen, mich selbst zu verorten in Bezug dazu, ohne den persönlichen Standpunkt zu verlassen, auf dem ich mich sicher fühle.

Seit 10 Jahren geht das so. Mindestens. Denn die Reise vor 10 Jahren war bereits ein Versuch, aus dieser ständigen Kreiselei herauszutreten. Und ja, das ist mein Leiden darunter im Kern. Nicht, dass es passiert ist, nicht, dass ich einer gewissen Verantwortung nachkommen muss, wenn ich diese Erfahrung öffentlich teile, sondern, dass ich bis dato nicht aus mir selbst heraus klären, be.greifen, ordnen und abspeichern konnte. Ich war so allein, als es passierte, wie ich allein war, als ich versuchte, es zu begreifen. Und auch hier wieder: kein Faktum, sondern Erleben.

Vor 10 Jahren bin ich allein losgezogen, um das zu klären.
Heute habe ich andere Möglichkeiten.