„Und was machen Sie so Hannah?“. Ich stelle den Fingerhut mit Henkel in meiner Hand bedächtig auf die für ihn vorgesehene winzig kleine Stelle auf der absurd großen Tischplatte und lasse die Ideen in meinem Kopf an meinem Blick vorbeirauschen.
„Okay okay – keine Panik – ich bin nicht faul, ich bin nicht dumm, ich bin nur ein Was aus der Unterschicht.“, denke ich mir selbst gut zu und lasse meine Gedanken zum Panzer um das Ertappt in mir werden.
„Ich abeite als freie Autorin und Künstlerin.“, ziehe ich mir unter diesem speziellen Blick aus dem Hals und hoffe, mich wieder der Scheibe Stollen auf dem zierlichen Tellerchen vor mir widmen zu dürfen.
Mit einer Gabel in der Hand natürlich. Weil Stollen hier kein Trockenobstbrot ist, sondern Tradition.
„Aha und welcher Natur ist ihre Arbeit?“. Die Frage kommt mir irgendwie rassistisch vor und kurz merke ich, dass es an dem Begriff „entartete Kunst“ liegt, der mir vor Augen schwirrt, nachdem die in mein Denken geschüttete Frage in meinem Begreifen ankommt.
„Schreiben Sie für ein Kunstmagazin? Oder im Kulturressort?“, schiebt er seiner ersten Frage hinterher.
Ich sitze am Tisch einer Familie, die man früher wohl „Industrieellenfamilie“ genannt hätte.
Es ist ungemütlich und auf diese komplizierte Art locker, die man nur hinkriegt, wenn man völlig selbstvergessen ist. Der Nahmensch, der uns eingeladen hat, spricht vor mir: „Gibt es heute überhaupt noch Kunstmagazine?“.
„Ja, gibt es schon noch. Aber ich arbeite frei und in erster Linie um zu arbeiten und um ehrenamtliche oder gemeinnützige Gruppen zu unterstützen.“, antworte ich. Meine Haut fängt an zu brennen und ich würde das Gespräch gern zurück auf die Notwendigkeit ökologisch nachhaltiger Gartenpflege lenken.
Doch es kommt, wie es kommen muss:“Ach, das ist ja interessant. Und können Sie davon leben?“.
Ich frage mich, ob ich vielleicht weniger ein Problem mit Small Talk habe, als damit wie dieser sich in jeder Gesellschaftsschicht verändert und nach oben hin, zumindest für mich, verschlimmert.
Small Talk ist für mich kein „kleines Gespräch“. Ehrlich gesagt, ist es für mich eher so etwas wie eine konzentrierte Einheit von Dominanzgebaren verbunden mit allen dazu gehörigen Mikroaggressionen, die dazu nötig sind.
Die Höflichkeit (die sicher mal irgendwas mit einem könglichen Hof zu tun hatte) gebietet Antworten auf gestellte Fragen. Dabei ist klar, dass die jeweils sowieso dominierende Person die Fragen stellt und unhöfliches oder gar kein Antworten zur Folge hat, dass ein unangenehmes Loch in die Konvention, welche die Dominanz des Fragenden letztlich legitimiert, gerissen wird.
So wird es zum Beispiel unhöflich, wenn man private Fragen nicht oder auch ehrlich, doch nicht den Erwartungen der Person entsprechend beantwortet. Ja – „unhöflich“ und nicht „selbstfürsorglich“ oder „seine eigenen Grenzen wahrend“ oder – nun ja – „offen und ehrlich“.
Ich lenke den Blick in die Nähe seines Gesichtes und antwortete „Wie sie sehen, lebe ich.“ und zerre in meinem Gesicht herum, um ein sympathisches Lächeln hineinzugraben.
„Chapeau!“, lächelt er zurück und widmet sich wieder seinen Familienmitgliedern.
Später sitzen wir mit dem Nahmenschen im Auto auf dem Weg zurück ins Bullergeddo.
„Das hat ja wunderbar geklappt, findest du nicht?“, fragt er.
„Hattest du Sorge, ich könnte mich nicht benehmen, oder was meinst du?“.
Er druckst und schwafelt.
Ich wusste, dass die Hoffnung war, ich würde das als Unhöflichkeit wahrnehmen und nicht als Bestätigung einer Idee von mir, die so viel mehr mit meiner sozialen Herkunft zu tun hat, als mit mir selbst.
Erst daran habe ich bemerkt, dass ich gerade von einem Nahmenschen benutzt worden war.
„Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, S.“, sagte ich und schloß die Beifahrertür, ohne auf eine Reaktion zu warten.
Er öffnete das Fenster auf seiner Seite. „Ich dir -„, setzte er an, meinem Rücken zu antworten.
„Wag es ja nicht.“, sagte ich, während mein Blick dem Schlüssel auf seinem Weg ins Schloß folgte, „Sieh zu, dass du hier verschwindest.“. Ich stieß die Tür mit dem Schwung auf, den meine Ohrfeige für ihn hätte haben können und ließ sie in ihren Rahmen donnern.
Harry Potter quält sich mit der Frage, ob er vielleicht so wird wie Voldemort.
Er spürt Ähnlichkeiten, Verbindungen, bemerkt an sich fremdartig globale Aggressionen nachdem er Zeuge der Tötung eines seiner Mitschüler durch Voldemort wurde.
Well, das ist die Stelle, in der ich meine Brille gerade rücke und mich frage, warum es in der Zaubererwelt eigentlich eine Kenntnis von Wahnsinn und verwirrtem Verstand gibt, doch nicht von PTBS und Täter_innenintrojekten. Die Filme selbst verraten es mir.
Das Rezept ist Freundschaft, Liebe, ein Ziel für das sich zu kämpfen lohnt und die Erkenntnis, dass der frei umhermordende Täter sich durch Magie in den Kopf des Opfers genistet hat, um etwas davon zu haben.
Harry du alte Lusche – kontrolliere halt deinen Geist! Lass das nicht zu! Kämpf halt noch ein bisschen mehr. Retraumatisiere dich und lass uns das zum heldenhaften Kampf erklären.
Oh my.
Versteht mich nicht falsch – es ist nichts falsch daran sich um Freundschaft, Liebe und Ziele im Leben zu bemühen, wenn man schlimme Dinge erlebt hat. Es wird halt tricky, wenn die Person, die verantwortlich für diese schlimmen Dinge ist (oder war) zum immerwährendem und alles bestimmenden Zentrum im Leben der Person, die zum Opfer geworden ist, wird.
Da gibt es verschiedene Arten, wie sowas passiert.
Auf der einen Seite ist die Angst der Person, die zum Opfer wurde vor der Macht und der Person selbst, die die Integrität und Autonomie dieser Person verletzte, einschränkte und/oder zerstörte. Man kann nicht ignorieren, wovor man Angst – manchmal auch Todesangst – hat.
Viele Strategien gegen solche Ängste haben etwas mit Vermeidung oder Gewalt zu tun.
Vermeidung hat folgendes Problem: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“ – Woran hast du gedacht? ba da bamm
Gewalt zeigt sich in Aktionen wie: „Dem zeig ichs jetzt“ – wem zeigst du jetzt mal und mit welcher Berechtigung? ba da bamm
Auf der anderen Seite sind die Freunde, Angehörigen, Verbündenten und die vereinigte Helfersfront auf Basis einer angenommenen Opfernot und Gerechtigkeitsstreben.
„Du musst kämpfen!“ – „Lass dich nicht unterkriegen!“ – „Wenn du jetzt aufgibst, hat di_er gewonnen!“ – „Si_er ist es nicht wert sich zu ärgern/zu grämen/schlecht zu fühlen/mit ihm_ihr zu befassen!“ – „Vertraue nur uns – dann bist du sicher!“
Da passieren gewaltvolle Ansagen und oft ist überdeutlich, wie schrecklich gut gemeint sie alle sind. Was will man dagegen sagen? Was kann man sagen, ohne den Kontakt zu gefährden? Wie viel Gegenrede ist in Ordnung? Wieviel Autonomie ist mit Hilfen und Unterstützungen vereinbar?
Häufig verändern sich Kontakte nach Gewalterfahrungen. Viele brechen weg.
Meistens, weil es schwierig ist miteinander zu reden und zwar mit sich selbst, seinem Empfinden und seinem Erleben im Zentrum und dem Ereignis im Kontext, das die Person, die eine Täterschaft zu verantworten hat, an genau dem einem Platz beinhaltet, der noch genug Raum für die Kontexte lässt, in denen sich diese Person bewegt (hat).
Sehr viele Menschen fangen an schreckliche Ereignisse und die Beteiligten zu versachlichen oder gänzlich zu abstrahieren. Deshalb schreiben wir zum Beispiel häufig von „DAS DA“ und „ES“ in unserem Leben.
Das Grauen wird dadurch für uns zwar fassbar (hey-es sind immerhin drei Worte!) und spiegelt doch sowohl die eigene Unfähigkeit nach einem Ereigniss, das jeden Erfahrungs(und Verarbeitungs)rahmen sprengt, es konkret zu erfassen (und zu verarbeiten), wie das Empfinden von Grenzen- und Raum- und Zeitlosigkeit, sowohl in der Situation selbst, als auch häufig genug noch darüber hinaus.
Wenn wir in Workshops sind, kommt die Frage öfter, was man denn richtiger machen könnte.
Gerade, wenn wir dann gerade lang und breit darüber gesprochen haben, welche Sprachführung nicht sinnvoll und am Ende sogar opferfeindlich ist.
Wir raten oft dazu sich selbst zu prüfen und zu schauen, was genau die Erfahrung der zum Opfer gewordenen Person mit einem selbst macht. Was genau wünscht man der Person und warum?
Wieso ist es wichtig, dass es ihr so schnell wie möglich wieder gut geht – ging es der Person vor dem Ereignis denn „gut“ oder erscheint es jetzt aktuell „gut“, weil es ihr nun sehr schlecht geht? Und wieviel Reflektionsleistung kann der Kontakt miteinander eigentlich aushalten?
Was zum Beispiel passiert, wenn man wie Harry Potter gleiche und ähnliche Eigenschaften an sich entdeckt, wie die Person, die einem schwere Nöte angetan hat?
Wenn wir in den Spiegel sehen, finden wir die Mutterfrau. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir uns an einen Türrahmen lehnen, erkennen wir das Warten des Vatermannes.
Wenn NakNak* zum x-ten Mal Katzenscheiße im Garten frisst, brandet ein gleißendes Wüten bis an die Wurzel meiner Zunge hoch und ich merke, wie ich sie verletzen will. Da ist kein Gedanke, keine Überzeugung, kein Wort hinter, das mir sagt:“Oh – hei ich bin ein Täterintrojekt und hier eine Gewalt zu wiederholen – mach mal Platz“.
Das ist pure Energie, die durch eine dumpfe noch nicht greifbare Erinnerung angestoßen wird – aber das wissen wir erst seit ein paar Jahren (NakNak* kam erst danach).
Zu Beginn hatten wir wenig bis keine Kompetenz diesen Energiestoß überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu bremsen oder zu kontrollieren.
Das hat uns letztlich zu einer nicht tragbaren Jugendlichen gemacht. Wir waren ein böses Mädchen. Eine Gewalttäterin*. Klar musste man uns „ordentlich bestrafen“ – „so, dass wir es auch begreifen“ – „auf, dass wir nicht denken, wir wären wer“ und selbstverständlich musste man handeln, um sich selbst zu schützen.
Und während unser hochprofessionelles Außenrum uns behandelt hat wie der letzte Dreck, war alles in uns bestätigt, was uns erst zu Handlungen brachte, die uns zum „bösen Mädchen“ machten. Wer so böse ist, dass Erzieher_innen einem Privatsphäre, Ruhe und Unversehrtheit vorenthalten, di_er hat genau dies allem äußeren Anschein nach wohl auch nicht verdient.
Bis heute weiß ich nicht, wie wir je von allein auf die Idee hätten kommen sollen, dass dieses plötzliche Kippen in Selbst_Verletzung, Zerstören von Beziehungen, Ver_Bindungen und anderen Dingen, die uns wichtig sind, etwas mit den Übergriffen zu tun hatten, die wir erlebten und bis heute auf anderen Ebenen erleben.
Auch wenn es oft irgendwie schräg bis lächerlich klingt – bitte liebe Menschen – unterschätzt das nicht, wenn Menschen mehrfach diskriminiert sind und jeden Tag mit diversen Formen der Unterdrückung (Gewalt) konfrontiert sind. Es ist die gleiche Mechanik. Es sind die gleichen Muster. Es ist das verdammt noch mal immer und immer und immer Gleiche.
Auch wenn kein Blut fließt oder keine Strafanzeige erstattet werden kann. Auch dann!
Es frisst sich rein und bricht als Selbst_Zerstörung wieder raus.
Die Einen kotzen, hungern, schneiden sich auf – die Nächsten verletzen andere Menschen, machen Werbung auf Kosten anderer und wählen die AfD, während die Letzten vor lauter „denken sie nicht an…“ die Kunst des Eskapismus perfektionieren und aus allen Wolken fallen, wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, denen Dinge geschahen, die unfassbar sind.
Manchmal isolieren sich Menschen, die Schlimmes erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie niemand versteht. Dass niemanden ihren Kampf um Kontrolle versteht. Dass niemand ihre Angst versteht.
Und leider haben sie oft auch noch das Pech, dass sie wirklich nicht verstanden werden, weil die Personen drum herum auf Dinge achten oder von Umständen oder Empfindungen ausgehen, die nicht in den Personen wirken.
Herrje, wie oft Menschen uns für ein zartes Seelchen halten, das aber doch unfassbar stark sein muss, weil sonst hätte es ja nie überleben können.
Tse – wir haben überlebt, weil wir überlebt haben. Wir hätten auch das stärkste Menschlein auf der Welt sein können und unser Risiko zu sterben wäre gleich groß gewesen.
Wir verbinden mit unseren Gewalterfahrungen nicht solche Wabbeldinge wie Würde oder Ehre und wir fragen uns auch nicht, wer uns denn jetzt noch nehmen wollen würde.
Wir hängen uns oft an einem „hätte würde wenn“ auf, weil unser Zentrum nicht andere Menschen, wohl aber unsere Pläne in Abhängigkeit von anderen Menschen sind.
Das ist zum Beispiel , was das Finden von Triggern für uns sehr leicht macht – aber auch Aufhänger liefert, in denen wir uns in Gedankenkreiseln wieder finden, die sich damit befassen wie oft man hätte den linken Fuß auf dem Fußabtreter hätte reiben müssen, bevor man die Wohnungstür öffnete oder damit, welche Wörter wann wie warum genau falsch waren. Über solche Dinge denken wir stundenlang nach und machen uns darüber selbst Stress.
Und natürlich kann man wenig produktiv über andere Dinge nachdenken, wenn man solche Schleifen im Kopf hat, auf der Suche nach dem ultimativ sicheren Plan für immer und ewig, auf das nie wieder irgendjemand käme und uns verletzte.
Weil der ultimative Plan ja auch dafür sorgen würde, dass wir keine Gefahr darstellen – unabhängig davon, wieviel Täter_innenintrojekte in uns wüten und wieviele Monster an ihren Käfiggittern reißen.
Manchmal denke ich, dass die Annahme des eigenen Bösen in sich einfach genau das ist, was niemand von Ex-Opfern hören will.
Es ist so bequem davon auszugehen, dass eine Person immer und grundsätzlich gut ist, weil so der Umstand der Ungerechtigkeit der an ihr begangenen (Straf-)Tat stärker hervorsticht.
Als wären die Menschen vor dem Gesetz (und für manche Menschen auch: vor G’tt) nicht gleich.
Würde, Ehre, Gewollt sein – das hat alles mit der Gesellschaft zu tun, die für uns als Einsmensch irgendwie immer eher wie wissenschaftlich interessantes bis nervenaufreibendes Beiwerk an uns vorbei geblubbert ist. Wir haben die Erwartungen dieser Gesellschaft nie erfüllt und werden das vielleicht auch nie schaffen.
Für manche Menschen macht uns das zu einem Menschen, dessen erlebtes Unrecht nicht das gleiche Unrecht ist wie für eine Person, die ihr Leben lang beliebt unter „den Richtigen“ und „erfolgreich an der richtigen Stelle“ war. Glücklicherweise nicht für viele – aber für genug, dass ich mich daran erinnerte, als wir gerade „Harry Potter und der Orden des Phönix“ schauten.
Ich habe daran gedacht, wie ich mir vielleicht 2 – 3 Jahre früher jemanden gewünscht hätte, di_er mir erklärt, was Täter_innenintrojekte sind und was die Introjekte oder auch Innens sind, die mir helfen könnten mit ihnen so umzugehen, das weder wir noch andere Menschen unter ihnen leiden.
Und ich dachte, wie schade es ist, dass Harry nur zu hören bekam: „Mach deinen Geist frei“, statt: „Mach deinen Geist mit den Dingen voll, die das Böse in dir gleich groß wie alles andere in dir macht, denn es gehört auch zu dir.“
… klingelt der Wecker nicht zur üblichen Zeit und das drei Mal hintereinander, damit sich auch wirklich alles im Kopf daran erinnert, dass heute alles anders ist als sonst.
Widerwillig lässt sie den Donnerstagsplan los und stellt sich unter die Dusche. Nimmt uns vielleicht als Spur im Rauschen des Wassers wahr, kann uns vielleicht sogar hören, wie wir ihr sagen, dass sie nicht allein ist. Dass auch dieser „alles-ist-möglich-Tag“ bedeutet, dass wir uns so eng wie es nur geht nach vorn stellen und niemand etwas allein aushalten, abfangen, tragen, stemmen, fühlen, wahr_nehmen muss.
Wir entscheiden 2 Minuten vor dem Verlassen der Wohnung, dass NakNak* uns nicht begleiten wird. Nicht zum Gespräch über das betreute Wohnen in Familien und auch nicht zur Therapie danach. Weil sie so süß eingekringelt auf ihrem Platz liegt und aus müden Knopfaugen guckt, als wir sie noch einmal anschauen.
Und, weil es vielleicht doch zu viel “alles ist möglich” ist, wenn sie mit uns im Therapiezimmer ist. Und, weil wir überwiegend wir allein sein müssen, wenn es um unsere vielleicht zukünftige Betreuung geht.
Die Sonne geht in einem kräftigen altrosa-grau auf. “Shabby chic” denke ich und erinnere mich an unsere letzte Nachbarin, die mich dafür bezahlt hatte ihre Möbel weiß und elfenbeinfarben zu lackieren und dann abzuschmirgeln.
Damals. Vor über 3 Jahren. Als wir noch betreut wurden und soweit am Rand der Stadt wohnten, dass das Internet seinen Platz als einziges Verbindungsstück zu anderen Köpfen bekam.
Es ist halb 9 und wir entscheiden uns für einen Kaffee vom Bäcker. 1,89€ für eine bittere Brühe, deren gratis beigelegter Plastikbecher und Plastikdeckel und Plastiksahnepöttchen und das Plastikumrührstäbchen wahrscheinlich bald im Bauch einer Meeresschildkröte oder Pelikans wieder auffindbar sind. Wir diskutieren auf dem Weg zur Verwaltungsstelle über Plastik aus Maisstärke und schlimme Bodenerosionen durch den massenhaften Anbau von Mais, während sie überlegt, dass Popcorn auch mal wieder lecker wäre und genüsslich das Plastikumrührstäbchen ablutscht.
Wir kennen das Büro. Vor 7 oder 8 Jahren standen wir dort schon mal und dachten Wunder was wie erwachsen wir seien, dass wir aus der Jugendhilfe in die Hilfen für junge Erwachsene wechselten. Und eine unserer Gemochten bis heute kennenlernten.
Sachte fliegen Erinnerungsfetzen an die letzten Botschaften Befehle von Täter_innen an uns vorbei. Die Erinnerungen an NakNak*s wundergut flauschiges Welpenfisselfell und die Zeit mit ihr, zwei Katzen, einer Mäuse- und einer Guppyzucht und ihrem Problem draußen in der städtischen Hölle ihr Geschäft zu machen.
Wie viel wir damals noch geraucht haben. Wie schlimm alles damals noch war und doch so viel besser als alles vorher.
Eine freundliche Person spricht mit ihr über das betreute Wohnen in Familien.
Wir wissen schon alles und dann und wann berühren wir ihre Schulter um ihr zu signalisieren, dass sie aufhören kann, die auf sie einströmenden Wörter abzufangen. Wir erwarten Fragen zu uns und unserem Hilfebedarf. Erwarten die schlimmste aller Fragen, die jemand, der uns Hilfen zukommen lassen möchte, stellen kann: “Was wünschen Sie sich?”.
Die Frage kommt und wir drehen eine Vermeidungsschleife bis die Person die Frage als beantwortet denkt, obwohl sie das nicht ist.
Wir verabschieden uns mit einem zweiten ekelhaften Kaffee und einer zweiten Zahnschmerztablette im Bauch und einem Fragebogen zur individuellen Betreuung und Begleitung im betreuten Wohnen in Familien. Ein bisschen schwankend unter dem Gewicht einiger Kinderinnens und deren Schmerz.
Wir entscheiden uns die Sonnenseiten der Straßen zu benutzen. Entscheiden uns für den köstlich langen Bergabzebastreifen, er entlang eines großen Parkplatzes verläuft und streicheln eine weiche schwarze Labradormischlingshündin an der Straßenbahnhaltestelle.
“Ich glaube, dass wir eine gute Familie für Sie finden”, hat die Person gesagt und vielleicht gibt es wenig, das uns so unvermittelt umkrempeln kann, wie so ein Satz, der all die positive Belegung des Begriffes “Familie” im Ton hat.
Wir bedauern sie, diese Menschen, die versuchen uns damit zu zeigen, dass wir auf einem guten und tatsächlich auch gangbaren Weg sind. Sein könnten.
Wir bedauern sie, diese Menschen, deren kostbares Geschenk einer Familie wir nur ratlos anschauen und mit Roman- oder Fernsehinhalten abgleichen können.
Während wir eine halbe Stunde verbummeln, spielen wir mit einer gefundenen Feder. Betrachten die perlmuttartigen Schimmer der feinen Lamellen im Sonnenlicht und balancieren auf dem Kiel dazwischen umher.
Ein Kleines wedelt mit der Feder in der Luft herum spürt den Widerstand wie ein leichtes Pochen in den Fingerspitzen. Wir sind abgeschirmt von allem und fast nicht mehr da. Einfach so. An einem “alles ist möglich-Tag” kann man mitunter auch einfach mal so verwabern und im kalten Streichelwind, der über Federkiele weht, verschwinden.
Unsere Therapeutin hat vor ein paar Wochen beschlossen, dass wir jetzt eine Weile Tee trinken und wir haben noch immer kein so wirklich passendes Regal dafür gefunden.
Entsprechend grabscht sie blindlinks in unsere Bäuche, Rücken, Schultergelenke um an ein Wort für ein Gefühl, um das sie sich nicht sicher ist zu kommen. Sagt am Ende, sie glaubt traurig zu sein.
“Verstehen Sie das?” fragt die Therapeutin. “Nein.”, antwortet sie.
“Was würden Sie gern tun?”, fragt die Therapeutin. “Ich würde gerne weinen und was essen und dann eine Schmerztablette nehmen und dann…” und dann verheddern sich ihre Außenworte mit den Trümmern der einstürzenden Worttürme links und rechts und unserem ungeordnetem Aufbranden.
5 Minuten später essen wir einen überraschend ekelhaften Jogurt und eine beruhigend nette Banane. In dem Zimmer von unserer Therapeutin. Weil ja zum Glück “alles-ist-möglich-Tag” ist. Nur Anlass – kein Grund zur Panik.
Auch nicht, als ein Kinderinnen ihr sagt, dass es lieber bei ihr oder bei einer Gemögten oder dem Menschen wohnen würde, als in einer “Familie”. Und Familie*.
Auch nicht als da jemand sitzt, den wir bisher für körperlos hielten.
Wir laufen am Ende doch er_leichter_ter als vorher nach Hause und hopsen von Bratwurstduftwolke zu gebrannte Mandelndunst. Lassen Tauben den Vortritt und trampeln mit Absicht auf die Linien zwischen den Mustersteinen, die die Fußgängerzone einrahmen.
Beobachten wie sich die Weichen der Straßenbahn verstellen und warten zwischen zwei silbernen Bodenlinien. In all dem Menschenkrach wollen wir dann doch nicht auf unseren Einzelsitzplatz am Fenster verzichten.
Sie zittert etwas und wundert sich noch ein bisschen. Betastet das eigene Herz und versucht “Traurigkeit” unter den Fingerspitzen zu emp_finden.
Zu Hause wartet NakNak* auf uns und drückt ihren Nüschel in unseren Bauch, als wir unseren Nüschel auf ihren Kopf drücken.
Wir geikeln zwischen den Sonnenstrahlen und ihrer restlichen Wärme herum, kitzeln Grashalme und krabbeln von Gänseblümchenblüte zu Gänseblümchenblüte. Veratmen Erinnerungen an Familie*, an Es und DAS DA, legen die ausgeatmeten Eiterbröckchen dieser Wunden in die geheimen Wortloskatakomben. Aus den Augen aus dem Sinn.
Die nächste Station ist unsere Neurologin. Zwei wichtige Zettel und ein Stand der Dinge.
Weil “alles ist möglich-Tag” ist schaffen wir es um eine Verordnung für Ergotherapie zu bitten, die Einweisung für die Klinik zu regeln UND auch noch alle vorgestrickten Wörterketten zu sagen ohne uns zu verheddern, obwohl NakNak* neben uns sitzt und sich vorher im Wartezimmer in einen schrecklich hungrigen Gierlappen verwandelt hat.
Als wir in den Kreativmarkt gehen und NakNak* sich zum zweiten Mal auf die falsche Seite setzt, merken wir auch deutlich, wie lange es her ist, dass wir sie auch unter Menschen und inmitten von vielen Menschen als unsere Assistenz dabei hatten. Wie oft da die Angst ist unangenehm aufzufallen, dem komischen angesprochen werden, dem Ganzen „für ein Wesen außerhalb auch noch verantwortlich sein“, wir uns nicht gewachsen fühlen. Wie oft wir uns behindert haben, um keine Behindertensperenzchen von anderen abzuverlangen.
Langsam geht die Kraft zur Neige und wir machen nur noch eine Ehrenrunde durch den Park. Dort gibt es einen Schwarm mit winzig kleinen Vögelchen, die ganz wunderbar niedlich qwitschermiepen. Und zwei Hündinnen, die gerne mit NakNak* über die Wiesen flitzen. Und Sonnenstrahlen, die uns einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn kitzeln, bevor sie sich mit Abenddämmerung zudecken.
Wir haben “Görpower-Toni”- Karten von der Post abgeholt. Auf dem Weg dorthin eine orange-weiße Katze wie einen Stein auf dem Fußabtreter eines Haus sitzen sehen.
Die Welt zittert in ihren Fugen.
Wir telefonieren mit Renée und finden unser letztes gemeinsames Podcast ein bisschen gut und freuen uns darüber, dass eine zuhörende Person schon etwas recherchiert hat.
Und dann fangen wir an unseren Tag zu erzählen.
Wer hätte denn ahnen können, dass wir den schaffen?
Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.
Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.
Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.
Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.
So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.
Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?
Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.
Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.
Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.
Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).
Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.
In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.
Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.
Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.
Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.
Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.
Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.
Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.
Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.
Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.
Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.
Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.
Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.
Gestern war ein Tag, von dem ich später sagen kann: “Ja, und dann war da „Tag der offenen Tür“ und ich bin hingefahren, hab gesagt, dass ich die hundische Assistenz brauche und, dass ein ruhiger Ort gut wäre und dann hab ich mich noch ein bisschen umgeguckt und bin zurück nach Hause gefahren.”, als wäre es einfach nur so passiert.
Einfach so. Weil man das so macht.
In meinem Kopf entsteht im Moment so ein Bild davon, wie das wohl sein könnte, wenn wir vielleicht nicht mehr so völlig allein klar kommen müssten, weil wir endlich eine passende Betreuung gefunden haben und dann in eine Ausbildung gehen und viele spannende Sachen lernen und danach dann ganz viel Zeug erschaffen können und uns vielleicht auch endlich mal ganz selbst finanzieren können und so.
Einfach so. Weil das dann ist.
So normal halt.
Es gibt Menschen, die finden normal langweilig. Weil “einfach so” ja gar nicht sein kann. An jedem “einfach so” muss es einen, einen wie auch immer genehmen Haken geben, der zusätzlich definiert.
Und ich stehe daneben und frage mich, wie man überhaupt gelangweilt sein kann von Dingen, die egal ob normal, einfach so oder unüblich, komisch passieren. Als sei das Geschehen von Dingen und Dynamiken nicht grundlegend irgendwie immer interessant, weil es doch genauso wie es geschieht, auch gar nicht geschehen kann.
Wir könnten eine Landschaft von Fleischklopsen sein und wären doch interessant. Oder etwa nicht? Schonmal ne Landschaft aus Fleischklopsen gesehen?
Eben.
Ich dachte gestern in der Berufsschule darüber nach, wie das wäre, wenn es sich nach ein zwei Wochen eingebürgert hätte, dass wir da halt sind und NakNak* auch und es so einen Lauf der Dinge für uns gäbe, in dem wir so anders sind, wie alle anderen, die dort lernen. Ich glaube, das wäre unnormal für uns und deshalb besonders.
Das ist etwas, worüber noch nicht sehr viel gesprochen wird, wenn es um das Thema Inklusion geht. Der Aspekt von neuer Normalität.
Neues kann nicht normal sein. Erst das Alte, Bekannte, Übliche kann normal sein.
Meine Ausgrenzungserfahrungen sind für mich normal und allein meine Integration in eine Schule wäre für mich so ein Zustand, der mir als Schritt schon reicht. Ich halte Schulen nicht für Orte, an denen Inklusion gelebt werden kann. Zumindest so lange nicht, wie Integration noch keine Normalität ist.
Wenn Dinge normal sind, verlieren sie irgendwann ihren Reiz als grundlegend interessantes Ding. Dann fängt man an, zusätzliche Worte dazu zu machen und bestimmte Eigenschaften herauszudefinieren.
So werden übrigens moderne Ernährung, Mode und all die Variationen von Putzmitteln gemacht. Wozu einen Apfel kaufen, wenn man auch ein Superfood apple power/Rawfood juicy apple/unverpackt bio fair trade vegan special Obst mit Namen “Grannie Smith” kaufen kann, das viel toller, spannender, interessanter sein muss, weil es ja sonst nur “Apfel” heißen würde.
Wenn man es gewöhnt ist umgeben von Menschen zu sein, die behindert sind/werden (also Integration von Behinderten lebt), dann fällt einem irgendwann schon ganz von allein auf, dass es gerechter und schöner wäre, würden diese Menschen auch die gleichen Rechte haben und alle Möglichkeiten bekommen, diese auch einfordern zu können. Das nennt man dann Inklusion. Und auch daran müsste man sich erstmal wieder gewöhnen.
Jedenfalls habe ich mich gestern ein bisschen näher an so einer Idee von “normal” gefühlt und gemerkt, wie gleichzeitig der Reflex hoch kam, mich zur Ordnung der Dinge im Moment zurückzurufen.
Meine Vorstellungen von einem Umfeld, dass uns beim Haus.halten, Arbeiten schaffen, uns selbst organisieren und tragen, beim Therapie machen unterstützt und in dem es dann auch noch eine Schule gibt, die das übliche Schulnervzeug mit sich bringt, halte ich selbst für etwas, das nicht nah an einer möglichen Realität sein kann, weil es so ein unnormales Ding wäre.
Ich denke mir, dass es mindestens 300% anders (und natürlich genauso viel schlimmer) sein muss, weil ich ja keine Ahnung hab, was ich mir da eigentlich wünsche vorstelle.
Und dann lehne ich mich zurück und erlaube mir das.
Weil ich mir doch immer mindestens vorstellen muss, was sein könnte. Einfach nur so. Fern aller Realitäten und Normen. Wie sonst soll ich denn sonst merken, wenn ist, was ich mir gewünscht vorgestellt habe?
Ich erdenke mir also einen Schulalltag und eine Heimwegroutine mit NakNak* an der Seite auf ein Zuhause zu, das mich nicht chronisch überfordert und mir Raum lässt mir zu wünschen vorzustellen, was ich mache, wenn ich fertig bin.
Einfach so.
Auch, weil es nichts Neues wäre, würde auch dieser Wunsch diese Vorstellung als nicht umsetzbar vor meiner Nase zerplatzen.
Wenn ich lese: “Mir fehlen die Worte.”, “Ich bin sprachlos.”, “Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.”, denke ich: “Ist okay – ich brauche auch keine Wörter von dir.” oder: “Schon gut, für mich musst du auch keine Wörter haben.”. Aber dann kommt ja noch der ganze Rest. Die ganze Hilflosigkeit. Der große Schreck und die Versuche mich daran teilhaben zu lassen.
Nur weil wir uns fast das Leben genommen – was ist das eigentlich für eine bescheuerte Formulierung? “Das Leben genommen”. Als könnte man durch Regale gehen und sich Leben nehmen.
Als geschähe Leben nicht einfach so. Oder eben nicht. Oder eben nicht mehr.
“Nur, weil wir uns so unkontrolliert vor der Entscheidung des Weiterlebens oder nicht mehr Lebens empfunden haben.”, so ist es richtig formuliert.
Mich überrascht die Angst um uns. Und die Bindung, die zu uns aufgebaut wurde.
Und sie erschreckt mich. Macht mir Angst. Tritt genau diesen einen unheimlichen Schritt zu nah und greift nach etwas von uns, dass es nicht gibt. Nie gab. Vielleicht nie geben wird. Und vielleicht auch nicht gewollt ist, weil es als unaushaltbar erlebt wird.
Ich würde gerne sagen: “Hey – es ist nur Suizidalität. Es ist nur eine Entscheidung. Kopf hoch – es geht nur um Tod.”, aber ich weiß, dass ich das vor einer Wand sagen würde, die weiß vor und unter dem Leben in unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unserer Kultur vor sich hin rauscht, wie die vielen Bäche durch die Alpen.
Es ist genau die Wand, die wir manchmal auch als Kluft zwischen uns und dem Rest der Welt erleben.
Weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Weil wir wahrnehmen, was und wie wir wahrnehmen. Weil wir in unseren Fähig- und Fertigkeiten mit anderen Begrenzungen als die Mehrheit der Menschen umgehen.
Zwischendurch passiert es noch, dass Menschen mit uns in Kontakt treten und in Austausch gehen möchten, weil sie denken, wir wären besonders (stark/mutig/whatever). Was dann immer wieder passiert ist Stille. Das Moment der fehlenden Worte und die Angst vor dem Schweigen. Die vielen vielen Worte, die uns nichts sagen, doch für diese Menschen zentnerschwer mit Bedeutung beladen sind.
Und dann die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass wir einfach nur sind. Dass es uns einfach nur gibt und das schon die ganze Besonderheit ist.
Ich blätterte heute durch “Sensation des Alltäglichen”, einem großartigen Fotoband von Anja Conrad und dachte: “Genau das ist es. Nichts weniger. Dieses Leben.”.
Manchmal frage ich mich, ob es Menschen gibt, die uns kennen und denken: “Wär mir genauso gegangen an deren Stelle.”. Heimlich unterstellen wir das auch Menschen. Wissen es aber nicht. Weil sie uns lieber sagen, wie sprachlos sie sich vor dem schockartigen Bewusstsein um unsere Not, unsere Verzweiflung, die Nähe zum radikalen Ende empfinden.
Ich würde gerne sagen: “Sagt uns einfach, dass ihr unsere Not auch nicht ertragen wolltet/würdet/könntet. Weil sie ist und war und bleibt, bis sie zu Ende ist.” und kann es doch nur schreiben.
Ich wünsche mir mehr von dieser einen Ehrlichkeit, die genauso wenig Rücksicht auf uns nimmt, wie die Entscheidung zum Suizid keine Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb eines sich Suizidierten nimmt.
Woran sollen wir denn glauben, wenn wir nur von Füllwatteworten umgeben werden, aus Angst man könnte – ja was? Uns beeinflussen? Uns indirekt in den Suizid treiben? Uns verletzen? Aus Angst man könnte selbst bemerken, welchen einen Schritt genau man zu nah an und in uns hinein getreten ist?
Geht es am Ende nicht vielleicht genau darum die Erkenntnis zu vermeiden, wie sehr man sich mit uns verbunden fühlt und dennoch scheut in etwas gemeinsam zu sein, was einem selbst fremd ist, weil man auf der anderen Seite der Kluftwand steht?
Ist es Angst unser Schweigen, unsere Sprachlosigkeit, unsere Suche nach Worten am eigenen Selbst zu fühlen?
Ist es Angst vor dem Leben, wie es für uns ist?
Jenes Leben, das wir uns jetzt, wo die Entscheidung gegen einen Suizid zum jetzigen Zeitpunkt getroffen wurde, neu anzusehen versuchen.
Jenes Leben, in dem wir ein Medikament nehmen, das uns beruhigt und hilft aus dem ständigen Hyperarousel zu kommen. In dem wir auf eine Antwort auf unseren Antrag auf Wiederaufnahme in einer Klinik für Psychotherapie warten und streng mit uns sind, wenn von hinten nach vorn die Argumente kommen, wir würden so etwas doch gar nicht brauchen/müssen/dürfen/sollen/hätte würde wenn/ jatta jatta jatta. In dem wir uns erlauben, die deutsche Gebärdensprache zu lernen. In dem wir (Sensation des Alltäglichen!) zwei Mal am Tag essen. In dem wir uns eine Jahreskarte für die Stadtbücherei erlauben.
Und ab und zu, kurz, schmerzhaft, unheimlich und nah, an den Rand der Kluft zwischen uns und der Welt treten.
Adrianne und ihr Mann wurden bei dem Bombenanschlag während des Bostoner Marathon verletzt. Sie sagt etwas Wichtiges:
Wenn man Menschen nach einem schweren Ereignis, in einer schweren Zeit, in großer Not, in tiefem Leiden beistehen will, geht es um diese Menschen.
Und um niemanden sonst.
Wenn du nichts zu sagen weißt – sag nichts.
Vielleicht ist die Erkenntnis, dass es etwas gibt – eine Zeit, einen Umstand, ein Gefühl – wo keine Worte sind, das Einzige, was von dir zu begreifen nötig ist.
Der Schlussakkord der Therapie lautete auf: “Wenn du ein Problem hast, dann hast nur du ein Problem.” und fügte sich wunderbar in die Scheißesinfonie der letzten Wochen ein, die von schwierigen Dynamiken und Entwicklungen erzählt und davon, dass einige der Menschen, mit denen ich versuche und versuchte zusammenzuarbeiten sich von mir entfernen, mich verlassen, mich allein lassen mit Schmerz, Angst, Ohnmacht und genau dem, von dem ich weiß, dass ich allein es nicht tragen kann.
“Dass ich überfordert bin, ist mein Problem und deshalb ist es legitim mich mit dem Schaden aus diesen Überforderungen allein zu lassen und mir das Gefühl zu geben unzulänglich, böse und unfähig zu sein.” – keine neue Erkenntnis, sagt doch eigentlich jede Gewalt- und Vernachlässigungserfahrung genau das auch.
Trotzdem ist es ein Schmerz und trotzdem ist es falsch.
Und trotz genau diesen Umstandes ist es mein Problem und völlig egal für das Ummichherum. Ich werde angeschwiegen und zwischendurch fühlt es sich an, als würde man mich totschweigen wollen. Oder müssen.
Mein Kopf summte diese Sinfonie in der Nacht vor der Fahrt nach Hamburg immer wieder vor sich hin. Ließ mich nicht schlafen. Ließ sich aber von der Angst den Wecker nicht zu hören ablösen.
Ich stand um 4 Uhr auf und tröstete mich damit, eine gut durchgeplante Fahrt zum Inklusionscamp anzutreten.
Ich hatte eine Sitzplatzreservierung, hatte meine Route innerhalb von Hamburg genau ausgekundschaftet. So wie man das macht, wenn man alleine fremd unter Fremden ist. Ich weiß, was ich brauche, um gute Arbeit und gute Anteile meiner Arbeit teilen zu können und habe mich darum gekümmert.
Und dann war Montag.
Es kann nur Montag gewesen sein, denn nur Montage schaffen solche Konstellationen aus Verspätungen und Notwendigkeiten in Regionalbahnen steigen zu müssen, in denen bereits um kurz nach 8 Uhr morgens angetrunkene Fußballfreunde und ihre praktischen 5 Liter-Siegerbierfässer sitzen.
Außerdem fährt der alte Penner, der uns in der Hamburger S-Bahn unter den Rock gegriffen hat, sicher auch nur Montags in der gleichen Bahn, wie Leute, die von sowas in Flashbacks getriggert werden.
Da bin ich ziemlich sicher.
Außerdem fahren nur Montags die Busse, die nur einmal in der Stunde fahren, direkt so weg, dass man ihre hämisch grinsenden Schlusslichter noch sehen kann.
Wir haben uns umgeschaltet.
Man nennt das “positive Ressource” obwohl es im Grunde bewusstes Spalten ist und nichts Anderes oder Gesünderes, als die Dissoziation, dessen Wirkung uns zu einem Menschen macht, der viele ist.
Nach vorn treten Innens, die funktional sind, aber wenig schwingungsfähig. Sie sprechen mechanisch und saugen Informationen auf ohne sie zu berühren. Ich treibe neben ihnen her und habe ab und zu die Idee, ich könnte mich ja mit meinen gemochten und gemögten Menschen verbinden, um diese Innens weniger notwendig zum Überstehen dieser Stresssituationen zu spüren.
Doch auf die Idee kam die Erinnerung an den Umstand, sein Problem immer selbst zu haben und die Idee, einfach nicht mehr zurück zu fahren. Einfach noch ein Stück weiter Richtung Norden, dann ein bisschen nach rechts und dann ist es schon nur noch das Drücken eines Klingelknopfes, das davon trennt, endlich das zu bekommen, was man braucht. Will.
Zwei Mal sprachen wir vor Menschen, die sich für das Thema “Komplextrauma” interessiert haben, davon, wie wichtig kontinuierliche Begleitung, klare und transparente Strukturen und eine Idee vom Entstehen einer posttraumatischen Belastungs”störung” ist. Gerade bei Menschen, die daneben eine Behinderung haben bzw. behindert werden.
Und selbst bewegten wir uns auf Notstrom und voller Spannung auf allem, was uns erreicht, um uns zu regulieren.
Vor allem als nach dem Ende des zweiten Camptages unsere Fahrt von Hamburg nach Hause um 19 Uhr genau nicht begann und erst am Folgetag um 16 Uhr 25 endete.
“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.
Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.
In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.
Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.
Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.
Und er versteht nicht.
Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”. Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.
Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da. Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.
Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen. Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.
“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.
Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.
Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.
Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.
Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”
kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”
Ich glaube, ich bin noch nie so wütend, traurig und beschämt ins neue Jahr gegangen.
Tausende Menschen sind auf der Flucht und das Land, in dem ich lebe, schließt die Grenzen. Ständig begegnet mir Alltagsrassismus und, weil ich ein blütenweißes Toastbrot bin, komme ich mir falsch vor, den immer wieder anzusprechen. Awkward white tears – ich weiß. Sie sind aber trotzdem da.
Ich merke, wie genervt Menschen von mir sind – und kann nicht reagieren.
Ich merke, dass ich meinen eigenen Selbsthass zunehmend unkontrollierbarer erlebe – und kann nicht reagieren.
Im Grunde hasple ich seit Wochen von Handlung zu Handlung, scheitere, rapple mich auf, zerre an mir, mich zusammenzureißen und weiter zu machen.
Hier ein Autsch – da ein Erstarren durch den Schmerz hindurch. Einfach immer weiter machen. Komm schon, das ist alles nicht neu. Hatten wir alles schon mal – ist gleich vorbei – dann gehts weiter weiter weiter.
Ich hab den Drang einen Laut rauszuschreien und kann damit nichts anfangen. Möchte mich Menschen mitteilen und spreche gefühlt nur Mist aus.
Meine Wochen sind so unruhig und chaotisch – machen mich unruhig und chaotisch.
Eine gute Sache passiert und zieht gnadenloses Chaos mit sich.
Aktuell: meine Zähne.
Wir haben mindestens 2 Jahre durchgehend Zahnschmerzen gehabt und uns durch viele Behandlungen gequält, die allesamt nichts brachten, weil sich die leichte Angst bei der Zahnärztin zu waschechten Panikattacken und Vermeidungsverhalten entwickelt hatte. Endlich fanden wir erst Erleichterung durch eine Wurzelspitzenresektion in einer Operation und erhielten gestern eine Komplettsanierung des Gebisses wiederum unter Vollnarkose.
Und wer sitzt Stunden später vor seiner Suppe und kann sie nicht essen, weil sich die Zähne anfühlen, als wären sie nicht mehr da, aber gleichzeitig doch anwesend? Richtig.
Da ist etwas Fremdes in meinem Mund und das nennt sich “keine Schmerzen” und das geht einfach nicht wieder weg.
Ich merke so einen Impuls mich zu verprügeln, mir so richtig tief weh zu tun, weil es so dumm ist zu fühlen, was ich gerade fühle. Und daneben drängt der Impuls sich einzurollen und zu warten. Sich zu absorbieren und einfach in ein Detail hineinzukriechen bis nichts und niemand mehr an mich herankommt.
Stattdessen begebe ich mich unter Menschen. Jetzt bloß nicht isoliert werden. Wenn ich jetzt noch wirklich den Faden verliere, dann wird es wirklich gefährlich. Ich weiß nicht, welche Gefahr das ist, aber ich merke sie wie sie in meinen Nacken atmet.
Und was passiert Frau Rosenblatt, wenn sie unter Menschen geht? Richtig: sie verhält sich nervig bis awkward, verärgert diese Menschen und spürt mit jedem Wort, das sie äußert, wie die Ablehnung ihrer Person näher rückt.
Und dann geht es wieder los. Dieses bescheuerte Spiel um die Gunst von Wesen die unverständlich, überreizend und unangenehm wahrgenommen werden, zur Rettung des eigenen Lebens, vor etwas, das man gar nicht benennen kann.
Und wenn ich müde davon bin und nur noch heulen will, weil ich selbst nicht weiß was los ist und was besser hätte würde wenn könnte sollte müsste, weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.