das Warten auf Post und das Ende des Fotokurses

Inzwischen schaue ich drei Mal am Tag in den Briefkasten.
Weil ich einen Brief erwarte, in dem steht, wann wir in der Klinik anfangen können. Und weil ich einen großen braunen Umschlag mit drei Obelix-Briefmarken erwarte, in dem steht, ob wir den Ausbildungsplatz bekommen. Oder nicht.

Zwischendurch bemerke ich, dass ich nicht darauf warte, weil es so gute Möglichkeiten sind. Oder, weil wir uns schon so lange bemühen einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder, weil wir schon viel zu lange versuchen unser Selbst_Hilfenmanagment ambulant bis allein zu stemmen.
Sondern, weil es dem Fotokurs und dem damit einhergehenden wöchentlichen Tief ein Ende absehbar machen würde.

Würde morgen der Klinikbrief kommen, wäre klar, dass wir schauen müssen, die Dunkelkammer zu nutzen, wann es für uns am besten passt und schaffbar ist – sehr wahrscheinlich wäre dies dann nicht der Donnerstagabend, sondern ein Dienstagvormittag. Oder so. Höchstwahrscheinlich würden wir auf jeden Fall mittelelegant und halbseiden ehrlich begründen können, weshalb wir Donnerstags nachmittags bis abends nicht mehr in der Gruppe dabei sein können.

Würde morgen der Ausbildungsplatzbrief kommen wüssten wir: “Diese eine letzte Ausstellung noch und dann Tschüss.”. Weil wir danach in unseren MenschenReizexilmonat gingen um Kraft zu tanken, uns zu sortieren und nur für das Sein zu sein versuchen. Bevor sich alles verändert und wir vielleicht vergessen, wie das ist.
Auf jeden Fall wüssten wir: es gibt eine neue Quelle für Wissen und wir können noch einmal neu mit Menschen anfangen – diesmal anders. Anders offen, anders darauf bestehend, dass zugehört und begriffen wird, anders begleitet, anders wissend, welches System von uns dort auftaucht und ganz eigene Probleme wahrnimmt.

In Bezug auf die Kunstschule haben wir das nicht gemacht. Und jetzt – ein Jahr nach dem Anfang dort – fällt uns das alles vor die Füße und wandelt sich in eine Belastung, die wir tragen müssen.
Und natürlich denke ich heute: “Das war absehbar.”
Es war vor allem von uns schon ganz ganz ganz zu Anfang beim Informationsgespräch und anschauen der Räumlichkeiten von uns abgesehen und befürchtet. Aber niemand in der Schule hat uns angehört und wenn dann auf die Art wie man sie kennt: „Schlagwort –> ah ja weiß ich – brauchst gar nicht weiter reden.“

Wir wollten aber weiter reden. Wir haben weiterreden müssen, denn was wir zu sagen hatten und begreifbar machen wollten, hatte nichts damit zu tun, dass diese Personen etwas tun sollten – hätten sie begriffen, hätten sie von ganz allein etwas getan – egal, ob und was wir wollten.
Niemand mit Aufsichtspflicht und Verantwortung für Schüler_innen sagt einer solchen mit Krampfanfällen, sie soll sich einfach in die Abstellkammer begeben, wenn sie einen ruhigen, geschützten Raum braucht. Niemand – außer der Leiter des Fachbereichs “Kunst” an dieser Schule, der von dem was ich ihm sagte offensichtlich nur “Raum” (“kein Unterrichtsraum”) gehört hatte, als ich ihm mitzuteilen versuchte, wie man gemeinsam mit dem Risikofaktor “Krampfanfall” umgehen kann.

Im Fotokurs lief es ähnlich – nur auf einer inhaltlichen Ebene.
Es gibt Dinge in dieser Fotografieecke, die verstehen wir nicht – und zwar nicht, weil wir nicht verstehen, welche Unterschiede es jeweils in den Arbeitsergebnissen gibt, sondern weil die unterschiedlichen Aufladungen dessen nicht verständlich für uns sind.
In unserem Kurs gibt es viele Schüler_innen, die sich unheimlich angezogen fühlen von Fotos mit Menschen drin oder Dingen, die Menschen darstellen sollen und dann entsteht für sie ganz offensichtlich für eine Geschichte und Gefühle und Gedanken und Symbole und was weiß ich – mega starke Aussagen jedenfalls, die ich nicht sehe. Entsprechend der Mengenlogik geht es im Kurs entsprechend oft genau darum. Menschen. Menschensachen. Gesellschaft. Gesellschaftskritik und was darf Kunst an welcher Stelle.

Wir reden viel und schauen unserem Lehrer zu, wie er nebenbei irgendwas irgendwie in Lightroom macht, ohne, dass der Kontext oder seine Intension uns das zu zeigen klar wird. Er sagt “Ich will euch das mal zeigen” und dann macht er irgendwas. Und wir schauen und sehen, was er zeigt. Punkt.
Wir werden dabei unruhig. Das System der anderen zerbröckelt, weil sie keinen Anhaltspunkt finden. Nicht wissen, was ihr Auftrag ist – sehr wohl aber wissen, dass es den Lehrer traurig, wütend, frustriert macht, wenn man als Schüler_in irgendwelchen Quatsch macht, der nicht weiterbringt (auch wenn man meistens nicht einmal weiß, wohin oder zu was genau irgendwas von den Schülersachen führen soll).
Für uns ist das zu dem Moment geworden, in dem wir merken, dass wir Rosenblätter ja in der Schule sind. Innersystemische Alltagsfeuerwehr seit inzwischen vielen Jahren und bewusst um einige Kommunikationsquirks, die es immer wieder zu lösen gilt – meist in Abwesenheit allen Wissens darum, wie das gehen kann.

Unsere Kommunikationsquirks machen uns zu einem anstrengenden Gegenüber und wir wissen das. Man kann uns nicht einfach sagen, dass wir ne blöde Kuh sind, wenn man uns beleidigen will, weil wir uns viel mehr an der Unterstellung eine Kuh zu sein und dem Ding, dass Menschen Tiere irgendwie immer für Negativbezeichnungen benutzen, aufhalten, als an einer Verletzung daran so bezeichnet zu werden.
Schlimmer noch – wenn man sich mit uns streitet oder allgemein: auseinandersetzt, dann wollen wir das auch noch immer verstehen und teilen unsere Analysen der Situation und ihrer Faktoren mit.

Man kann sich mit uns nur konstruktiv streiten oder für konsequente Ablehnung entscheiden – muss diese dann aber auch als von uns zur Begründung zeranalsysiert ertragen.
Schlimm, ne? Ja – vor allem für uns. Weil die meisten Menschen nicht so streiten, kennen sie das nicht. Die meisten Menschen wollen einander im Konflikt verletzen, damit ihre komischen Schuld und Entschuldzeremonien danach noch einen Sinn und Berechtigung haben – auch dann, wenn sie nicht verstanden werden.
Ja – großes Outing – wir haben den Sinn von Entschuldigungen mit all ihren Facetten bis heute irgendwie nicht verstanden. Entsprechend inflationär gehen wir mit Entschuldigungsfloskeln um und schütten sie einfach in jede eventuelle Fehlerlücke hinein. Wie Beton, der die sozial konstruierte Situation stabil machen hilft.

Doch zurück zum Fotokurs.
Unser Lehrer bedenkt für uns ganz offensichtlich permanent Dinge und Gegebenheiten, die uns schleierhaft sind und verlangt von uns Schüler_innen, dass wir ihm folgen. Aber natürlich immer eigene Dinge denken und machen. Da wir in aller Regel nicht wissen, was er denkt oder meint, wenn er irgendetwas verlangt, wissen wir natürlich erst recht nicht, wann genau wir eigentlich etwas anderes (eigenes) denken und meinen als er.
Und um das Ganze noch ein bisschen schwieriger zu machen, macht er sich auch nicht transparent, sondern definiert sich selbst entlang dessen, was wir einbringen – durch Kritik, Missachtung oder Ergänzungen, die meistens keine sofort erkennbare Verbindung haben.

Daneben will man in der Schule ja alles offen halten – bloß keinen Druck – keinen Stress – keine Vorgaben – alles soll fließen und alles soll möglich sein. Das Problem dabei: wenn alles möglich sein soll, dann muss es auch die Bereitschaft geben für alles offen zu sein – auch für die Möglichkeit, dass es Menschen überfordert so arbeiten zu sollen und für die Möglichkeit, dass man einander nicht erfassen kann, weil man nicht weiß, was verlässlich ist, weil es eben nicht “fließt”, sondern “steht”.

Wir fotografieren Natur. Muster. Details. Die Perfektion des Ist.
Unser Schluss nach einem Jahr Kunstschule ist: das ist keine ver_wert_bare Sache, weil es niemand versteht.
Wir reden nicht über natürliche Perfektion und die Frage in welcher Beziehung diese zu Ästhetik und Kunst steht – wir reden darüber, wie man “Gesellschaftskritik” in einem Foto rüber bringen kann, damit das auch jeder (sigh!) versteht.
Die Frage, warum man Bilder wie versteht oder eben auch nicht versteht, bleibt völlig außen vor und macht es für uns unmöglich in irgendeiner Form in Kontakt mit unserem Lehrer oder unseren Mitschüler_innen zu kommen.

Letzten Donnerstag wurde mir klar, dass wir – sollten wir noch länger so in dem Kurs bleiben oder an dieser Schule allgemein – komplett im Labor verschwinden würden und damit zu genau der Einzelgängerin mit ausgefallenem Arbeiten werden, die wir nie werden wollten. Gerade auch nach der Autismusdiagnose und all den Klischees, die wir selbst verinnerlicht haben und nicht entsprechen wollen.

Und während wir damit kämpfen, die Menschen in unserem Fotokurs nicht zu verstehen und damit nicht verstanden zu werden und darüber ausgeschlossen zu sein von allem, was der Kurs zu Stande bringen will, ist das vom Lehrer gewählte Thema zur Ausstellung: “Inklusion”.
Eine Serie mit Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren im Stockfotografie-Style.
Während wir im letzten halben Jahr lernten unsere analoge Kamera zu bedienen, Bilder nicht mehr unbeabsichtigt über- oder unterzubelichten, die Filme selbst zu entwickeln und abzuziehen. Wir haben gelernt wie wir Motive konstruieren und mittels Blendeneinstellung beeinflussen können.
Neben einem Fotokurs her, der uns mehr und mehr verwirrt, traurig und isoliert zurückließ und sich nicht mit analoger (Natur)Fotografie befasste.

Die Ausstellung ist Ende April.
Unserer Lehrer bekommt Druck vom Leiter endlich Ansagen zu machen, wie viele Bilder vom Kurs stammen werden.
Und jetzt trägt er den Druck weiter und tut so, als hätten wir nie irgendwas gemacht. Er missachtet, dass er uns im letzten halben Jahr missachtet hat. Und wundert sich darüber, dass wir auf seine Inklusionsideen und die Idee ausgerechnet Katastrophenselfies “auf die Spitze zu treiben und Gesellschaftskritik zu machen” reagieren, wie wir reagieren: mit Verweigerung

Der Kurs ist von ca. 20-25 Schüler_innen auf 3-5 geschrumpft.
Wir waren immer da. Haben zugehört, uns verletzen lassen, uns in die Dunkelkammer zurückgezogen und gearbeitet. Wir waren da, als die neue Diagnose uns zerschossen hat und wir waren da, nachdem wir uns wegen einer suizidalen Krise in die Psychiatrie haben einweisen lassen.

Von dem lichten Moment in der Woche, in der wir uns der Welt widmen ist der Kurs zu etwas geworden, wofür wir bezahlen. Mit Geld, mit Zeit, mit Kraft, mit Haut.
Wir gehen nach Hause und weinen uns die Verwirrung, die Anstrengung und den Frust raus. Analysieren, zweifeln, suchen DEN EINEN Fehler in der Kommunikation und werden nicht fündig. Und erst als wir durch ein Gespräch mit dem Begleitermenschen merken, wie nachvollziehbar das alles ist, kommen wir für uns an die Frage, ob es sich überhaupt lohnt noch einmal zu versuchen in ein klärendes Gespräch mit dem Lehrer zu gehen.

Würde die Post kommen, wäre die Frage für uns beantwortet.
Für einen Monat könnten wir das halten die komische Hannah zu sein, die komische Fotos macht, die keiner versteht und irgendwie zu gar nichts passen, was alle anderen machen. Für einen Monat könnten wir das halten die anstrengende Hannah zu sein, die den Kurs mit ihren Nachfragen nervig anstrengend tiefgründig und politisch macht. Für einen Monat könnten wir uns auf ein Ziel fokussieren und allen Schmerz drum rum ausblenden.

Ein anderes Fotokurs-Kunstkursangebot in der Stadt können wir uns nicht leisten. Werden wir an der Berufsschule nicht genommen, werden wir uns verbessern müssen. Dann müssten wir mehr Zeit in der Kunstschule verbringen. Und dann müssten wir darauf bestehen angehört und verstanden zu werden. Dann kämen wir um ein mehr oder weniger konfrontatives Gespräch, das auch Forderungen enthält, nicht herum.

Außer, wir lassen es einfach ganz und machen alleine weiter.
Was eine traurige Bilanz nach einem Jahr regelmäßigen Offlinekontakts mit Menschen und ihrer Welt wäre.

in geheimen Schweigemantelschutzpanzertaschen

“Sie sind ein schwerer Fall”, hat uns in bald 15 Jahren Hilfekontext nie jemand gesagt.
Häufig hing die Frage im Raum “Wer soll die Verantwortung für diese hoch- bis chronisch suizidale Person übernehmen?” und schwang in einem Mobile mit den Faktoren “Hochbegabung”, “psychisch krank”, “DIS-Diagnose”, “Opferschutz”, “Bedürftigkeit”, “organisierte Gewalt”, “behindert” umher.

Wir wissen, dass wir durch unsere Geschichte mit Hilfen verkorkst sind und, dass es nicht leicht ist uns zu helfen.
Doch immer wenn das Thema “Hilfe für uns” neu aufkommt bemerke ich ein weiteres Stückchen, dessen, was wir Helfer_innen und auch Behandler_innen in den letzten Jahren abgenommen haben, damit sie sich als handlungsfähig empfinden können.
Man spricht zu selten über Übertragungen im Hilfekontext. Über das Phänomen, dass man selbst als Helfer_in vor den Problemen einer Person steht und sich ohnmächtig fühlt, weil keine der bekannten Handlungsoptionen zu greifen scheint.

Wir haben in den letzten Jahren ein Stückchen nach dem Anderen aus dem bedeutungschweren Mobile herausgetrennt und in geheime Schweigemantelschutzpanzertaschen gesteckt.
Als es um unsere schulische Aus_Bildung ging, verschwiegen wir unsere Probleme, die mit der Hochbegabung zu assoziieren sind.
Als es um unseren Ausstieg ging, verschwiegen wir Morddrohungen, genauso wie das, was wir mit “es kam zu einem Überfall in unserer Wohnung” umschreiben, damit niemand in die Situation kommt zu spüren, wie ohnmächtig wir uns selbst vor den Schutzlücken, die wir wahrnahmen, erlebten.
Wann immer es geht, versuchen wir in den Köpfen der Menschen Antistigmaarbeit zu leisten, indem wir so oft es vertretbar und okay ist sagen: “Ich bin nicht psychisch krank – ich bin psychisch belastet und leide darunter.”, damit uns die paar Menschen in unserem Leben nicht von sich weg und zu “professionellen Behandler_innen” weisen, wenn es uns schlecht geht. Denn unter etwas seelisch/psychisch zu leiden kennen viele – wenn nicht alle – Menschen gleich.

Wir belästigen niemanden mit unseren täglichen Furchtmomenten. Wir behalten unseren Ausdruck für Reiz_Schmerz für uns. Weil wir den ganzen Tag reden und kommunizieren müssten, um das nach außen zu bringen und nicht davon ausgehen können, dass man uns verstehen kann.

Dieses Herabpflücken von belastendem Material ist, als würden wir das Damoklesschwert über unserem Kopf kleiner machen wollen, anstatt zu fordern, man möge es doch bitte abhängen oder mit Stahlseilen aufhängen.
Als wir letztes Jahr beschlossen uns erneut um Hilfe für uns zu kümmern, dachten wir, dass wir jetzt bereit sein könnten um um Hilfe bei der Hilfe zu bitten.

Hilfe und Unterstützung dabei auszuhalten, dass Dinge geschehen werden, die uns traurig machen oder schmerzlich erinnern. Dinge, die uns bitter und zynisch erscheinen, uns ohnmächtig machen und uns in Erinnern an schwere Zeiten bringen. Vor allem aber geht es um Hilfe dabei die Dinge aus unseren Schweigemantelschutzpanzertaschen hervor zu holen und uns nicht mehr damit zu belasten, unsere Helfer- und Unterstützer_innen möglichst wenig mit uns und unseren Schwierigkeiten zu belasten, damit sie bei uns bleiben und uns nie sagen müssen: “Sie sind ein schwerer Fall.”.

Ich würde gerne nach innen geben: “Hey – wir waren nie ein schwerer Fall – wir wirken nur schwer, weil es sich andere leicht machen.”.
Aber, wie das so ist, ist die Erklärung für ein Empfinden noch lange kein Trost, sondern (und das gerade für uns) ein weiteres Bitternis.
Wir wollten nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen: “Wir haben uns so lange für euch klein gemacht – ihr schuldet uns was!”, weil unsere Versuche uns klein und unanstrengend zu machen nichts sind, was in einem Kontext mit Schuld steht zum Einen und zum Anderen, weil die, an die wir uns heute richten schon längst nicht mehr die sind, vor denen wir uns kleingestückelt haben.

Unsere jetzigen Unterstützer_innen kennen uns nur mit vollgestopften Schweigemantelschutzpanzertaschen und seltsamen Hilfekontextverkorksungen.
Und ja – leider hätten sie jedes Recht sich von unserem Fall bzw. auch uns in Gänze zurückzuziehen, weil die Probleme scheinbar immer mehr und immer komplexer und schwerer werden, und das nicht ist, worauf sie sich zu Beginn eingelassen haben.

Es macht mir Angst, dass sie diese Option haben.
Und wir nicht.

gute Sätze

Vielleicht war es die beste Idee, die uns bisher je gekommen ist, wenn wir darüber nachdenken mussten, was uns hilft, wenn wir mit unseren Aktivitäten zur Selbsthilfe nicht weiterkommen.

Die Frage: Was genau soll sich warum verändern? Worum genau geht es?

Wir haben irgendwann gemerkt, dass die ersten Kognitionen in schwierigen Zuständen die gleichen Kognitionen sind, die es in einer traumatischen Situation gab: Es soll aufhören. Bitte mach, das es aufhört. Jemand soll machen, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgeliefert.
In der Reihenfolge.

Wir haben aufgehört “Es soll aufhören” als Erstes festzuhalten, nur weil es ein klarer und fester Gedanke und Wille  inmitten von Ohrensausen, Flirren vor den Augen, einem Puls der mit seinem Wummern den Hals verengt und diesen Wahrheiten, die die Sprache verschlagen, ist.
“Es soll aufhören” ist ein Reflex. Sinnlos, wie die Arme schützend vor den Kopf zu heben und die inneren Stahlwände zuknallen zu lassen, wenn nur ein Erinnern an eine Bedrohung passiert.

“Es soll nicht mehr weh tun.” ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, was denn weh tut. Und ob es das wirklich tut. Und wenn ja, was die konkrete Lage ist. Was genau ist da, jetzt und hier, wo es weh tut?

”Es soll mich nicht mehr ängstigen.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, wovor man Angst hat. Oder Furcht. Und dann kann man ein Rechenspiel machen. Eine riesengroße Wahrscheinlichkeitenmatrix kann man sich dann bauen. Und ist erstmal beschäftigt. Weil Rechnen hinter der Stirn passiert und Furcht in der unteren Mitte des Kopfinneren.

“Es soll nicht mehr verwirrend/verunsichernd sein.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich erinnern kann, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Und hatte.
Dass die Welt ein Oben und ein Unten kennt, ein Gestern und ein Heute.

Irgendwann kam die Idee auf, von der Therapeutin versichert zu werden, ohne, dass wir länger mit ihr telefonieren oder um einen Krisentermin bitten müssen. Es entstand das Vorgehen, ihr einen Stein zu geben und ihn in der darauf folgenden Stunde wieder abzuholen.
Wir rufen an, sagen, dass wir das gern tun würden, sie sagt, wann das geht und wir fahren entsprechend los. Durch die bekannte Stadt, vorbei an bekannten Geschäften, umgeben von vielen kleinen Alltagswundern. Gehen zur Praxis, klingeln und sagen “Hallo”. Geben ihr den Eulenstein, sagen “Tschüss” und gehen durch den bekannten Wald zurück nach Hause. Wir atmen, wir teilen unsere Blicke und wuchern mit jeder vergehenden Minute mehr zurück in die Sicherheit des Augenblicks.
Weil sie uns sagen würde, wäre das Heute kaputt. Sie wäre nicht da, gäbe es das Jetzt nicht. Die Stadt würde anders aussehen, wäre es nicht diese Stadt.
Den Wald gibt es nur hier.

Es war die perfekte Idee um dem schlimmsten guten Satz zu begegnen.
“Ich will nicht allein sein mit dem Horror (nicht sicher zu wissen, ob er je aufgehört hat).”

Fundstücke #15

Wenn ich alt bin, werde ich eine schrullige Waldfrau mit WLAN in einer abgelegenen Hütte.
Ich mache meine Lebens- und Überlebensmittel selbst und wenn mich nach Killefit dürstet, bestelle ich bei Amazon.

Ich werde soviel Zeit-Raum-Kontinuum einnehmen bis meine Ränder bedeckt sind.
Was ich sagen möchte, das habe ich bis dahin gesagt und vielleicht werde ich verrückt, weil die Wörtersammlung in meinem Kopf nach und nach mit Stille zugewachsen ist.

Ich werde dem schrecklichschönen Krächzschreien der Schleiereulen auf meinem Dachboden zuhören und manchmal zu Cellomusik tanzen.

Wenn es regnet bleibe ich im Bett und wenn die Sonne scheint vielleicht auch.
Ich werde immer schlafen so viel ich muss. Und manchmal auch so viel ich will.

Was braucht der Mensch und was brauche ich?
Vielleicht brauche ich nur mich und meine Hassliebe mit der Stille und dem allumfassenden Ist dessen, was ist, was war und was immer sein wird.

Manchmal denke ich, dass ich mich vielleicht nicht finden kann, weil ich kein Spiegelbild habe und manchmal bemerke ich, dass ich eigentlich gar nie nach mir gesucht habe, weil ich mich nicht brauche und eigentlich auch nie auf mich verlassen konnte.
Ich war nie, wenn ich mich am meisten gebraucht hätte.

Ich bin die Stille und das Nichts. Das Ist und War und Wird.
Ich bin „die Andere“

schwusch

Ich hatte gestern einen Schwuschtag. Schwusch – in die Stadt – Schwusch – Nähmaschine und beglaubigtes Zeugnis  abholen – Schwusch Bewerbungsunterlagen fertig machen – Schwusch – jemand Fremdem helfen, indem ich den Mund aufmache und spreche – Schwusch in einem Stoffladen stehen.

Stoff ist teuer – das Projekt hat eine klare Kostengrenze insgesamt. Deshalb haben wir uns zu zehnt in den Körper gequetscht und versucht eine Entscheidung zu treffen. Da war die die gut rechnen kann, aber das nicht glaubt und deshalb immer wieder prüft, ob sie den Stoffbedarf richtig errechnet hat. Da war der, der letztlich am Besten weiß, mit welchem Soff wir alle gut zurecht kommen, dessen Finger über die Ballenkanten glitt. Das Jemand, dessen Modell des Projektes sich vor meinen Augen um die eigene Achse drehte. Die, deren Blicke über die Muster sprangen und die, die zwischen Hinteruns und mir hin und her abglichen, was okay sein könnte und was nicht – während zwei andere die Umgebung im Blick behielten.

Und dann landeten wir in etwas, das frappierende Ähnlichkeiten mit der Teeparty des verrückten Hutmachers hatte: die cis weibliche Handarbeitsbubble, in die man herzlich hineingezerrt wird, auch dann, wenn weder cis Frau ist, noch Tee mag noch sonst irgendwelche Kapazitäten hat.
“Wie finden Sie diese Kombination?”, fragte die Person am Kassentresen mich und hielt zwei wild bedruckte Baumwollstoffe aufeinander, die eine Person, deren linke Hand auf dem Kinderwagen neben ihr ruhte, während die rechte sich gerade von den Stoffen löste, anscheinend zu kaufen überlegte. “Für eine Jungs-Babyhose – ist das doch süß, oder?”.

Selbst, wenn ich allein* im Körper bin, wären das Fragen gewesen, die so ein Krack-Schwusch in mir auslösen, weil:
– wie soll ich etwas finden, was die Frau mir doch direkt vorführt? – wenn ich nichts suchen muss, kann ich auch nichts finden
– was geht es mich an, was wer wie kombinieren möchte? – Ich mache doch meine Sachen selber, gerade, weil ich selbst alles bestimmen kann
– was zum Henker zeichnet welchen Stoff denn bitte aus um als “gut für eine Jungs-Babyhose” zu sein?
und wieso sollen Babysachen immer süß sein? Und wie geht “süß” in Kombination mit aufgedruckten Baggern und Feuerwehrautos?

Ich stand da und sagte: “Hä?”.
Weil ich super kompatibel bin mit solchen Situationen und auch sonst ein glänzendes Beispiel für intelligente Konversation.

Die Person, die mich ansprach, redete nun schwallartig auf die Person am Kinderwagen ein und es begann ein ganz eigenartiges Ballett, das sich selbst in Konventionen versicherte, noch während es sich hart darum bemühte extrem unkonventionell zu sein. Das Baby begann zu weinen, erntete einen sexistischen Spruch nach einer Ungemachsvermutung der versorgenden Person, “Jungs kriegen ja auch schneller mal kalte Füße” und plötzlich ging es um mich, die “wohl auch mal Kinder haben wird, ODER?”

Ich, die erst zum zweiten Mal überhaupt ever in so einem Laden war und eine ganze Menge Energie überhaupt schon dafür aufgebracht hatte und jetzt völlig zerfasert im Innen war, stand da und wusste wieder nicht, was zu antworten ist.
Später sagte mir meine Gemögte, dass solche Phrasen als inkludierende Gesten zu verstehen sind: “Sie wollte dich am Gespräch beteiligen.”.
Aha.

Ich wuchtete einen Ballen von dem Stoff, der zuletzt für geeignet befunden wurde, auf den Tisch und sagte: “Erstmal hätte ich gerne 1,50 mal 90 hiervon.” und klopfte mir selbst auf die Schulter.

Ich ging, ohne die Frage beantwortet zu haben und fragte mich, wie es kommt, dass ein Kinderwunsch von als Frauen kategorisierten Menschen als so selbstverständlich gilt, dass man ihn sogar an völlig fremde Personen heranträgt.
Natürlich ist mir klar, dass dies kein Moment für eine ehrliche Antwort gewesen ist. Schon gar nicht in meinem Fall – aber ich fragte mich am Ende schon, wie man sogar Stoff und seine Auswahl mit mehr als den Dingen aufladen kann, wie den Fragen und Konflikten, denen wir uns gegenüber sahen.

Ich meine: da sind die Fragen um die Produktionsbedingungen des Stoffes, der Maschine und ihrer Anteile, da sind die Marker zur Nutzung des Stoffes selbst, da sind die Aspekte der Verarbeitung und die Praktikabilität des fertigen Stückes und dann die Kosten-Nutzen-Abwägung in Zusammenhang mit dem eigenen Budget … so viele Dinge über ich viel lieber mit einem_einer Fachverkäufer_in gesprochen hätte, um eine ordentliche Entscheidung zu treffen.  Doch dann entpuppt sich diese_r als Eintrittsbegleiter_in in ein Normenland, das mich nicht einmal kennt bzw. sich fragt, ob ich eigentlich überhaupt wirklich bin, wofür es mich hält.

Nächstes Mal gehen wir jedenfalls in einen anderen Laden.
Das war mir zu schwuschig.

einer dieser Tage

Und dann sind da diese Tage, in denen man nicht dazu kommt zu merken, wie schlimm sie sind, gerade weil sie so schlimm sind. Erst als man im Bett liegt und unter dem Gewicht seiner Decken zu sich kommt, entsteht der Raum zu der Erkenntnis, dass sich vielleicht einfach noch nicht genug verändert hat, um wirklich anders werden zu können.
Und mit dem Gedanken, dass man sich selbst vielleicht noch nicht genug geändert hat, um Dinge neu und anders anzugehen, fallen die Augen zu und es beginnt ein Zustand, in dem dieser Gedanke die Herrschaft hat. “Du bist nicht okay, wie du bist.”; “Du bist nicht genug”; “Du bist falsch”; “Du musst anders sein, um die Welt ™ zu verändern”. Da greift etwas in mich hinein, reißt an etwas herum, das nicht zu mir gehört, krempelt mich auf links und klemmt meinen Kopf in eine Zange, die sich im schweißnassen Aufwachen, als die Kante zwischen Bettkante und Kommode entpuppt.

Wir verließen die Praxis unserer Therapeutin und versuchten die losen Fetzen der Stunde noch aufzufangen. Neben mir stieß ein Innen die Füße auf den Boden und sagte: “Ich hab versucht ihr zu sagen, dass ich mir nicht mehr ranholen kann, wie wir denken konnten sich Hilfe ranzuholen wär’s wert weiterzuleben.”. Ich nahm ihm die Füße ab und verlagerte die Energie des Innens in Gehgeschwindigkeit. “Sie hats nicht kapiert. Nichts von dem, was du gesagt hast, hat sie kapiert, noch von dem, was ich gesagt hab.”. Neben uns lief eine Gruppe Schulkinder durch die Straße und die kalte Wind britzelte in den Augen.

Manche Therapiestunden tragen unerwartet dazu bei Brücken in Ecken des Innens zu fühlen, zu dem wir sonst keinen Kontakt haben. Das ist unvorbereitet und spontan. Und meistens hat es Folgen, die im Nachhinein schwer nachzuvollziehen sind. Da ist plötzlich ein Innen, das sonst eher als wabernde Eminenz die Therapie oder das, was wir äußern, beeinflusst, mit mir in einem Gefühl vereint, das ich in früheren Zeiten als unbewortbar erlebt habe. Und dann ist das Ergebnis wieder so eine von diesen Wahrheiten, die sind und an deren Ende wir uns als allein am Rand der Welt empfinden.

Obwohl wir doch alle Regeln befolgt haben. Obwohl wir doch getan haben, was wir tun sollten. Obwohl wir doch mitmachen.
Nur eben leider nicht verstanden werden.
Wir versuchen uns in kürzeren Sätzen. Weniger Monolog. Wir haben uns in der Krisenstation dazu entschieden dieses kurze Denken zu kopieren. Weil: “Neue Wege – neue Methoden”. Wir wollen nicht mehr die sein, die ewig lange redet, weil sie denkt, sie wäre dann besser verständlich. Wir hören immer öfter einfach mittendrin auf. Lassen es und ziehen uns raus, wenn wir merken: “Wir greifen hier schon wieder mehr als das Gegenüber in den Besteckkasten.”.

Und genau das haben wir uns für diesen Hilfezirkus auch vorgenommen.
Immer wenn wir merken: “Ah – du hast dir 2 Löffel eingeplant, weil du heute noch einkaufen musst, weil du noch duschen aushalten können willst und, weil du noch Kraft für positive Ressourcen haben willst – und greifst jetzt schon nach dem dritten Löffel, weil die Person dir gegenüber nicht versteht.”, hören wir auf.
Erinnern uns daran, dass das Gegenüber ja auch einen Besteckkasten hat und warten. Und wissen: wir können nur warten, weil uns Menschen immer wieder so glaubhaft wie nur möglich machen wollen, dass sie uns unterstützen wollen, wann immer wir sagen: “Ich kann das nicht” oder “Ich brauche dabei/dafür Unterstützung”.
Am Ende müssen wir die Menschen beim eigenen Wort nehmen und sie damit überraschen, dass ihre Beteuerungen bei uns nicht links rein und rechts wieder raus gerauscht sind. Oder mit unserer Bereitschaft, ihnen zu glauben und krasser noch: ihnen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie uns die Wahrheit gesagt haben.

Vielleicht gehören wir zu den Menschen, die sich nur zu anderen hinwenden können, wenn sie hinter sich deutlich spüren, dass die Alternative das Sterben oder auch das “nicht mehr sein” ist. Was – obwohl es sehr ähnlich gelesen wird – etwas anderes ist und damit zu tun hat, dass wir schwer traumatisiert wurden.
Wir haben keine Angst vorm tot sein – wir haben Angst vorm “nicht mehr sein”, denn das ist, was die Gewalt früher so oft mit uns gemacht hat und so viel unaushaltbarer ist, als tot zu sein. Die Toten sind tot. Sie sind eben nicht “nicht mehr”.

Gestern war ein Tag, an dem wir zwei Dinge gemerkt haben:
Erstens: ein kurzer Satz wie “Ich kann das nicht” reicht nicht. Auch dann, wenn das Gegenüber – in dem Fall die Therapeutin – weiß, worum es geht, was es mit uns macht, wie groß die Belastung ist, wie massiv der Trigger ist. Es reicht auch nicht diesen Satz logischer machen zu wollen, indem man seine Umgangsoption mitteilt, die impliziert, dass man selbst nicht involviert ist – weil man es nicht kann.

Zweitens: Menschen mitzuteilen, dass man sich aus Diskussionen herauszieht, weil sie einen ganz grundlegenden Punkt der Argumentation seit einem Jahr einfach nicht kapieren, bedeutet nicht, dass man daraus auch entlassen wird (weil man genau diesen Punkt halt nicht kapiert und ergo keinen Grund sieht, die sich herausziehende Person dann auch in Ruhe zu lassen)
So der Fall im Fotokurs nach der Therapie.

Es gab wieder eine dieser Diskussionen darum, was darf Kunst, was darf Satire, was darf der Fotograf (sic!) und wo sind die Grenzen.
Da sitze ich mit 4 weißen als Männer kategorisierten Menschen in einem Raum und erlebe live mit wie die Jungen von dem Alten lernen, dass man nicht auf Kritik achten muss. “Wer nicht lacht hats nicht kapiert” und “*istisch sind immer nur die anderen aus ganz persönlichen Gründen”.
Es ist abstoßend und schlimm. Für uns. Weil Grenzen aufgeweicht und Verletzungen legitimiert werden. Es wird in Kauf genommen Gefühle zu verletzen, um sich selbst als “nicht langweilig” und “edgy” definieren zu können. Als jemand “der ja nur einen Witz machen will”. Und eben nicht auch als jemand, der missachtet, ignoriert und verletzt, weil er es kann und darf und ihm keine verbindlichen Grenzen sichtbar und einzuhalten wichtig sind – selbst dann, wenn sie aufgezeigt werden.

Für uns ist der Fotokurs nicht nur ein Sprungbrett in eine mögliche Zukunft im kreativen Bereich und eine Ergänzung zu sowieso bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten – es geht auch um unseren Willen zur Desensibilisierung von Menschen. Wir wissen, dass wir uns an sie gewöhnen müssen, viel soziales Zeug lernen müssen und auch auszuhalten lernen müssen. Neben allem was das Handwerk “analoge Fotografie” bedeutet und von uns zu lernen wichtig ist, sind dort eben auch Menschengeräusche, Menschenwörter, Menschengerüche, Menschen, die plötzlich und unvorhersehbare Dinge tun, sagen, wollen, verlangen. Menschen, die triggern. Menschen, die überfordern. Menschen, die einfach sind und zwar ganz direkt in unserem Umfeld.
Wir wissen, dass wir da was aushalten müssen.
Die Frage ist nur: Wie viel wovon und wozu?

Für uns ist es keine Option zu sagen: “So sind sie halt – die Männer, die Jungs, die Menschen, die Lehrer, die Schüler … die Anderen”, weil das einfach zu wenig ist. Dafür kostet uns der Unterricht zu viel Geld und zu viel Kraft für Kompensationsleistungen und Aufrechterhaltung der Funktionalität. Dafür geht es uns auch einfach zu sehr viel schlechter nach solchen Diskussionen als den anderen Teilnehmenden.
Und am Ende: Wie eklig wäre es, würden wir uns selbst dazu triezen zu lernen uns zu desensibilisieren, wenn anderen Menschen ganz direkt in unserem Umfeld Gewalt angetan wird bzw. solche Gewalt als legitim bezeichnet wird?
Das ist doch nicht, wie Menschenmiteinander aussehen soll. Das ist doch nicht, womit uns beworben wird, dass sich das Weiterleben lohnt.

Wir haben den Kurs eineinhalb Stunden vor Ende verlassen.
Ich habe mich geärgert, meinem Lehrer den Brief nie zu lesen gegeben zu haben, weil ich Angst davor hatte, er würde sich bloßgestellt fühlen und sowieso gar keine Auseinandersetzung mit seinen internalisierten *ismen wollen. Vielleicht: auch gar nicht leisten können, weil er nämlich auf viele Jahre schauen müsste, in denen er Menschen verletzt hat und dachte, das wäre okay, weil er ja ein okayer Mensch ist, der niemanden verletzten wollte.

Ich will nicht immer die sein, die Menschen Dinge zeigt, die sie übersehen und aus dem Bewusstsein streichen, weil sie das können und ich genau eben nicht. In dieser Rolle ist man nämlich immer wieder die, die im besonderen Maße davon abhängig ist, wertschätzend und anerkennend behandelt zu werden. Passiert das nicht, erlebe ich Verletzung, Verlust von Privilegien und zwar ganz konkret, ganz direkt.
Und genau auch nicht, weil ich das nicht anders verdient habe – sondern, weil solche Gegenüber keine anderen Optionen nutzen sich selbst zu versichern, als eben über solche “Strafen”.

Ich merke, dass wir keine Umgangsoptionen kennen, die solche Situationen und sozialen Konstellationen befriedigend für alle auflösen. Denn befriedigend wäre für diese Gruppe nur sich keine Gedanken machen zu müssen und einfach nur zu hören: “Du bist okay – ich habe etwas Falsches gedacht/gesagt/verlangt. Hier ein Keks.”
Ich habe aber nichts Falsches gesagt/gedacht/verlangt.  Ich habe einfach nur etwas gesagt/gedacht/verlangt, das sie nicht verstehen wollen, weil sie nicht müssen und das für den Rest der Welt völlig okay so ist.

Wir haben noch 6 Termine dort. Und erwachsen und konfliktlösungsorientiert wie ich bin, plane ich uns zu jedem dieser Termine in die Dunkelkammer einzusperren und mir maximal ein “Hallo – schließt du bitte auf?” und ein “Bis nächste Woche” rauszuwürgen.
Ja.
Ich bin echt toll konstruktiv und konsequent in unserem  Plan sich irgendwie mal so richtig mit Menschen auseinanderzusetzen.

[slow clap]

immer wenn die Helfenden nachfragen …

Da sind wir nun also. Montagmittag, nach Duschen, Anziehen, Zähneputzen, Frühstück und Wohnungspräparation für das erste Arbeitsgruppentreffen des neuen Jahres und mit aller Macht versuchend, nicht an unsere eigenen Hilfekampfkrämpfe zu denken.

Am Donnerstagnachmittag hatte das Telefon geklingelt und eine Person vom Team des betreuten Wohnens in Familien sagte uns, man hätte sich im Team noch einmal besprochen, und ginge davon aus, dass der Landschaftsverband die Hilfe nicht finanzieren würde, weil wir die letzte Betreuung selbst beendet hatten.
“Siehste – das haste nu davon.” dachte ich und spürte, wie der seit der Therapiestunde gerade eine Stunde vorher eh schon unter der Hut zappelnde Puls sich zu etwas entwickelte, dass ein pfeifendes Rauschgeräusch und Hitze im Gesicht war. Die Person fragte, warum wir die Betreuung beendet hatten. Und zum mindestens vierten Mal sagten wir genau dieser Person: “Weil wir nicht entsprechend der finanzierten und benötigten Fachleistungsstunden betreut wurden und die Personen keinerlei fachliche Kompetenzen für unsere Problematiken aufgrund der komplexen Traumafolgestörung hatten.”.

Wir haben keine Haut für solche Nachfragen. Niemand muss unsere ersten Antworten gleich verarbeiten und im Kopf behalten – aber wir sagen meistens schon bei der ersten Wiederholung: “Das hier ist ein schwieriges Thema und darüber zu reden ist hart an der Belastungsgrenze.” und erwarten dann auch, dass der Gedankenschritt getan wird, sich das zu merken, um uns nicht außerordentlich oder mehr als zwangsläufig passiert, zu belasten.

Was wir oft nicht verstehen ist, wie dann doch immer wieder darüber hinweggegangen wird und das so begründet mit “Ja, aber ich muss doch nachfragen.” und schlimmer noch – gerade in diesem Fall: “Ja, aber das muss sein, damit wir ihnen gut helfen können.”.
Es ist ein verdammter Trigger für uns. Und wir sagen das. Und wir machen und tun, um uns zu halten, funktional zu bleiben. Das Atmen nicht zu vergessen, in dem ganzen Gewirr aus Räumen und Strichen vor unserem inneren Blick den Überblick zu behalten. Und dann ist dieser Kampf darum wieder nötig und unvermeidbar, weil es nicht sein kann, was wir gesagt haben. Oder weil es ja eventuell vielleicht falsch sein könnte und man da ja auch nur in unserem Sinne handeln will. Und man doch nur ganz lieb und engagiert und, weil man nur das Beste für uns will, nachfragen will.

Sie tun mir so leid diese ganzen Menschen, die ja nur helfen wollen und dann sind wir so megaempfindlich und nicht in der Lage das irgendwie besser zu verpacken, als so wie wir es tun: mit Selbstverletzungen, die uns zusammenhalten. Mit überbordenden Fachrecherchen in alle Richtungen. Mit im Kopf eingeübten Gesprächen, inklusive aller möglichen und fast unmöglichen Optionen, die eventuell vielleicht eintreten könnten. Dem Unterdrücken des Impulses bei der kleinsten Rückfrage zu schreien bis es vorbei ist.  Also alles. Bis dieser ganze quälende Prozess des “sich Hilfe ranholens” vorbei ist.

Am Donnerstag hatten wir uns entschieden, den Anruf erst einmal von uns wegzuorganisieren, damit wir nicht allein daran denken müssen, dass dort etwas ist, worum wir uns kümmern müssen. Wenn wir das nicht allein müssen, dann hat es eine Chance in seinen Spitzen soweit von uns weg dissoziiert zu werden, dass wir Frontgänger_innen den Alltag gehalten bekommen,  während die Welt wackelt.
Blöd ist nur: es bleibt nicht bei anderen Menschen. Weder bei dem Begleitermenschen noch bei unserer Therapeutin. Noch bei unserer gesetzlichen Betreuerin. Immer wieder kommen da Nachfragen und immer wieder kommen sie alle zu uns und fragen: “Wie können wir ihnen denn helfen?” oder “Was ist ihr Auftrag an mich?”. Und das ist toll. Und im Moment so viel zu viel, dass es uns zerfetzt.

Und irgendwie wird das auch bemerkt. Also: irgendwie.
Nur frage ich mich manchmal, ob bzw. wie viel nach Außen spürbar ist, wenn sie dann doch nicht damit aufhören. Wenn da dann doch immer wieder “Ja, aber…” kommt. Oder “Ja, und was genau …?”.

Wir versuchen es irgendwie so einzufädeln, dass unsere Helfer_innen bitte miteinander reden, statt uns immer wieder zu fragen, was wir genau wollen, als würde sich unsere Bedürfnislage von einem Termin zum nächsten grundlegend verändern, oder als würden sich die historischen Zusammenhänge wie durch Zauberhand verändern.

Mir ist klar, dass wir vor 5 bis 10 Jahren noch die Kraft gehabt hätten das so durchzuexerzieren. Da hätten wir erklärt und erklärt und immer wieder neu versucht klar zu machen, worum es geht und was wir für wichtig halten. Da wären wir so geschockt davon gewesen, dass jemand immer wieder fragt, was wir möchten (weil wir noch nicht gelernt haben, dass etwas zu wollen oder zu wünschen legitim ist (obwohl es um unsere Wünsche und Willen geht) und deren Job dem, so weit es geht, zu entsprechen), dass wir irgendwie irgendwas rauswürgen und das Beste hoffen. Und dann natürlich den Fehler bei uns suchen, wenn dann eine Nachfrage kommt, weil wir reden ja auch immer wie ne Sphinx mit Kartoffeln im Mund. Es ist ja immer unsere Unfähigkeit nicht ordentlich und verständlich zu sagen, was wir möchten.

Jetzt ist Montag, der 25. Januar und wären wir nicht so bekloppt uns erneut auf diesen ganzen Hilfe-Rettungs-Unterstützungswahn_Sinnszirkus einzulassen, wären wir seit drei Monaten tot.
Wir würden nicht mit jedem Tag mehr Angst vor der eigenen Courage haben und uns darüber ärgern, wie klein unsere Selbstvertretung vor solchen Übermächten wie der Klinik oder einem Landschaftsverband wirkt. Obwohl es ist, was sie doch am Ende alle wollen. Bevor jemand anderes in unserem Namen spricht und irgendwas Falsches veranlasst. Wir würden nicht in diesem Gefühlskrampf stecken zu merken: “Wir tun hier nichts Falsches – aber es fühlt sich weder leichter noch besser noch sonstwie irgendwie okay aushaltbar an – ist es vielleicht etwas Falsches?”.

Und ich würde mich nicht über mich selbst ärgern, dass ich es nicht schaffe zum Telefonhörer zu greifen und der gesetzlichen Betreuerin zu sagen: “Machen Sie bitte …”. Einfach, weil ich Angst davor habe, dass sie irgendwas nachfragt. Und wir vielleicht die nächsten drei Monate einfach nur noch schreien.

war ja klar [Abwinkgeräusch]

Heute morgen kurz nach 3 wachte ich auf und dachte: war [genervte Lücke] ja [genervte Lücke] klar [das Geräusch von durch die Luft fliegenden Armen]
War ja klar, dass es keinen Mehrwert hatte früher ins Bett zu gehen, um länger drin liegen zu können. Bevor man sich aufrafft, um den ersten Werktag 2016 genau damit zu füllen, sich um sich zu kümmern.

War ja klar, dass der Schmerz im unteren Rücken wieder kommt und bleibt und keine wie auch immer gelegte Decke unter die Kuhle in unserer Matratze irgendwie sowas wie die harte Unterlage macht, die wir Bauchschläferschweinchen brauchen. War ja klar.

Und irgendwie blieb der schale Beigeschmack von Desillusionierung und strukturierter Verwirrung hängen.
Es schneite die zweiten ordentlichen Flocken – und die erste Person, der wir das zu zwei halben Dritteln mit Kinderinnens befüllt im Schlafanzug und zerknautscht wie ein Yeti mitteilten, war einer der beiden Postboten, die immer verwirrend viel Zeit und Nettigkeit im Hausflur für uns haben. Super. War ja klar. Repräsentation matters und wir sind die letzten, die das halbwegs schaffen.

Naja und ist der Ruf erst ruiniert… torkelt es sich auch halbwegs entspannt durch die Stadt zur Neurologin, um die Einweisung zur Klinik abzuholen. An dieser Stelle hätte ich gedacht ebenfalls ein “war ja klar” in Bezug auf irgendwelche aufkommenden “Nope”- Impulse zu denken, doch sie blieben aus.

Wir fuhren in Richtung Klinik und wirrten ein bisschen umher ob der Tatsache, dass es weniger aktiven Widerstand als beklemmend ruhiges Abwinken gab. “Ach kommt – ihr werdet das schon sehen. Was soll ich noch reden. Wir haben schon alles gesagt.” – mit einem Punkt am Ende, der sie so alt und fahl macht wie den Schatten eines Jenseitigen.
Mir fällt es schwer mich an die Krise im Oktober zu erinnern. Obwohl ich die Nachricht mit der Bitte um Aufnahme in der Klinik von der Krisenstation aus geschrieben habe und noch weiß, wie verboten mir das vorkam.  Wie ich mich beeilt habe, weil ich Angst hatte, jemand käme und schlüge mir das Laptop um die Ohren. Weil ich zu dem Zeitpunkt nichts sicherer wusste, als das ich gar nichts wusste.
Ich weiß auch bis heute nicht, ob die Erinnerung an die paar Tage so fädrig sind, weil wir Medikamente bekamen, oder, weil sehr ferne andere da waren.

Jedenfalls sind etwas über 2 Monate seitdem vergangen und trotzdem mir die Angst und Not dieser Zeit manchmal noch beklemmend nahe rückt, ist sie gleichzeitig unfassbar fern. Begraben unter Vorhaben, Aufgaben, Arbeiten, den zwanzigtausend Hochzeiten, die wir mit_planen und mit_feiern wollen. Unter dem Medikament, dem Hier und Jetzt fern der Welt des Äußeren.

Der Soundtrack ist Peponi und über unserem Kopf flockt es kühle Stückchen auf die Membran zwischen uns und dem Himmel.
Als wir vor dem Gebäude stehen und den letzten Kaffee trinken, fällt mir ein, wie wir mit einem unfassbar klitzekleinen Hundewelpen unter der Jacke diese Treppen genommen haben.
Damals, bevor.
Damals, nach dem.
Damals, als.

“Na? Hab ichs dir nicht gesagt?”, fragt es mich süffisant von hinten links und schlägt die Beine übereinander, “Ihr könnt hier erarbeiten wollen, was auch immer ihr wollt. Ihr werdet wir sein und euch verlieren.”. Ich atme durch. Stürze den Kaffeerest hinunter und schaue noch einmal die Straße auf und ab, ob unsere Therapeutin kommt.
“Willkommen im Herrschaftsgebiet des fremden Blickes!”, trötet die Stimme als ich die Tür zum Foyer aufstoße, “Sie können nun aufhören zu sein.”.

“Könntest du bitte auch kurz aufhören zu sein? Ich muss mich konzentrieren”, denke ich und schließe mit dem Aufstampfen meiner Füße auf der Schmutzfangmatte, die Tür zwischen mir und ihr.
Das ist alles ein bisschen viel. Ein Christbaum mit Licht und Duft. Ein Schild neben einer Sesselgruppe auf dem steht, sie sei kein Aufenthaltsbereich. Es entspinnt sich eine tiefsinnige Grübelei, ob ein Wartebereich nicht auch eine Art Aufenthaltsbereich sei und wie subtil die Bildung urbaner Exile beginnt und überhaupt, wieso ist es hier so warm und ach… wieso können wir nicht einfach Schlitten fahren gehen.
Ich frage mich, wieso ich eigentlich ordentlich angezogen bin, wenn mein Kopfinneres am Ende doch realistischer im Knautschyetiaufzug abgebildet ist.

Mir fällt ein, wie wir noch nie wussten, was nach “zu einem Vorgesprächstermin in der Klinik ankommen” eigentlich zu tun ist. Jedes Mal hat uns einer der Verwaltungsmenschen von den Höhen unserer Gedankenberge abgepflückt und neben sich an den Schreibtisch gelegt. Zahlen, Daten, Zettel und Versicherungskarte. Kling Klang Klonk
Diesmal mit unserer Therapeutin dabei, die uns auch noch einen Jahreswunsch zuwirft und mich damit verwirrt, weil ich dachte, wir hätten unseren Neujahrswünschekram schon erledigt.

Während wir die Treppen zu dem Zimmer in dem wir unseren Termin haben hochgehen, lasse ich die Klinke der Tür hinter mir los.
Jetzt ist unsere Therapeutin da und ich habe das Gefühl weniger auf einer Glasfaser, als auf einer fußbreiten Planke zu balancieren. Es bleibt still.

Wir warten nebeneinander vor einem Leinwandbildruck, der schon vor 3 Jahren dort hing. Und immer noch besser aussähe, würde man ihn ein bisschen abschmirgeln. Es riecht nach Kaffee, ein Geburtstagslied wird gesungen. Ein Hund bellt. Draußen fällt Schnee.
Unsere Wortressourcen sind auf “Wir wollen, dass es uns besser geht” und “Es war alles zu viel” und “Aber eigentlich ist alles okay.” zusammengepresst.

Plötzlich fliegt eine ausgestreckte Hand in mein Blickfeld, die ich auch gleich mal schüttle um zu gucken, ob sie abfällt. Warum auch nicht.
Fiele sie ab könnte ich sagen “war ja klar” und hätte mehr Raum um meine Worte zu dekomprimieren.
Stattdessen werde ich zu meiner Mutter und merke den spontanen Brechreiz einer anderen. Erinnere das als Teil des Problems in der Krisenstation.
Als Teil von so vielen anderen Problemen.

Das Gespräch funktioniert dann aber gut. An einem Punkt gehe ich ein Stück zurück und verstehe die Stimme hinter mir ein bisschen mehr.
Ja, hier gibt es den Blick, den wir nicht gut ertragen können und ein Machtgefälle, das neben vielem anderen in ungute Ecken triggert. Und ja – einen Umgang, der nicht die Selbstauflösung beinhaltet, haben wir damit nicht.
“Das wird ein Sprung ins Blaue.”, sagt sie mir mitten ins Denken hinein.
”Das war das Nichtspringen von der Brücke auch.”, antworte ich.

Wir fahren nach Hause und wissen, dass eine Bedingung ist das Blog ruhen zu lassen so lange wir da sind.
Erst will ich das verstehen. Zu hause merke ich, wie wahrscheinlich total gut gemeint und dennoch übergriffig das ist. Dann merke ich, dass wir nichts dagegen tun können, außer dann eben auf eine Hilfs- und Unterstützungsoption zu verzichten. Dann merke ich wie das Inmitten brennt, weil es ist, als dürften wir nichts sagen während wir dort sind. Und wie das Dunkelbunt triumphiert über die Offensichtlichkeit mit der die Falschheit der Helfer zutage kommt.

Und ich merke, wie wenig mehr als “war ja klar” da noch in mir drin ist.
Am Ende des ersten Werktages diesen Jahres merke ich wie viel keine Kraft mehr ist um uns zu rechtfertigen, uns aus uns heraus zu beruhigen, einander miteinander zu halten, und uns irgendwie mehr als nur Raum für Worte überhaupt noch geben zu können.

Wie sehr wir am Ende diejenige sind, die alle Angebote ablehnt oder schlecht nutzt und in Wahrheit ja gar nicht will, dass es besser wird.
Was ja aber klar war.
Sind ja schließlich wir.

Wir waren ja schon immer undankbar.

nur ein Was

„Und was machen Sie so Hannah?“. Ich stelle den Fingerhut mit Henkel in meiner Hand bedächtig auf die für ihn vorgesehene winzig kleine Stelle auf der absurd großen Tischplatte und lasse die Ideen in meinem Kopf an meinem Blick vorbeirauschen.

„Okay okay – keine Panik – ich bin nicht faul, ich bin nicht dumm, ich bin nur ein Was aus der Unterschicht.“, denke ich mir selbst gut zu und lasse meine Gedanken zum Panzer um das Ertappt in mir werden.
„Ich abeite als freie Autorin und Künstlerin.“, ziehe ich mir unter diesem speziellen Blick aus dem Hals und hoffe, mich wieder der Scheibe Stollen auf dem zierlichen Tellerchen vor mir widmen zu dürfen.
Mit einer Gabel in der Hand natürlich. Weil Stollen hier kein Trockenobstbrot ist, sondern Tradition.

„Aha und welcher Natur ist ihre Arbeit?“. Die Frage kommt mir irgendwie rassistisch vor und kurz merke ich, dass es an dem Begriff „entartete Kunst“ liegt, der mir vor Augen schwirrt, nachdem die in mein Denken geschüttete Frage in meinem Begreifen ankommt.
„Schreiben Sie für ein Kunstmagazin? Oder im Kulturressort?“, schiebt er seiner ersten Frage hinterher.

Ich sitze am Tisch einer Familie, die man früher wohl „Industrieellenfamilie“ genannt hätte.
Es ist ungemütlich und auf diese komplizierte Art locker, die man nur hinkriegt, wenn man völlig selbstvergessen ist. Der Nahmensch, der uns eingeladen hat, spricht vor mir: „Gibt es heute überhaupt noch Kunstmagazine?“.
„Ja, gibt es schon noch. Aber ich arbeite frei und in erster Linie um zu arbeiten und um ehrenamtliche oder gemeinnützige Gruppen zu unterstützen.“, antworte ich. Meine Haut fängt an zu brennen und ich würde das Gespräch gern zurück auf die Notwendigkeit ökologisch nachhaltiger Gartenpflege lenken.

Doch es kommt, wie es kommen muss:“Ach, das ist ja interessant. Und können Sie davon leben?“.
Ich frage mich, ob ich vielleicht weniger ein Problem mit Small Talk habe, als damit wie dieser sich in jeder Gesellschaftsschicht verändert und nach oben hin, zumindest für mich, verschlimmert.

Small Talk ist für mich kein „kleines Gespräch“. Ehrlich gesagt, ist es für mich eher so etwas wie eine konzentrierte Einheit von Dominanzgebaren verbunden mit allen dazu gehörigen Mikroaggressionen, die dazu nötig sind.
Die Höflichkeit (die sicher mal irgendwas mit einem könglichen Hof zu tun hatte) gebietet Antworten auf gestellte Fragen. Dabei ist klar, dass die jeweils sowieso dominierende Person die Fragen stellt und unhöfliches oder gar kein Antworten zur Folge hat, dass ein unangenehmes Loch in die Konvention, welche die Dominanz des Fragenden letztlich legitimiert, gerissen wird.

So wird es zum Beispiel unhöflich, wenn man private Fragen nicht oder auch ehrlich, doch nicht den Erwartungen der Person entsprechend beantwortet. Ja – „unhöflich“ und nicht „selbstfürsorglich“ oder „seine eigenen Grenzen wahrend“ oder – nun ja – „offen und ehrlich“.

Ich lenke den Blick in die Nähe seines Gesichtes und antwortete „Wie sie sehen, lebe ich.“ und zerre in meinem Gesicht herum, um ein sympathisches Lächeln hineinzugraben.
„Chapeau!“, lächelt er zurück und widmet sich wieder seinen Familienmitgliedern.

Später sitzen wir mit dem Nahmenschen im Auto auf dem Weg zurück ins Bullergeddo.
„Das hat ja wunderbar geklappt, findest du nicht?“, fragt er.
„Hattest du Sorge, ich könnte mich nicht benehmen, oder was meinst du?“.

Er druckst und schwafelt.
Ich wusste, dass die Hoffnung war, ich würde das als Unhöflichkeit wahrnehmen und nicht als Bestätigung einer Idee von mir, die so viel mehr mit meiner sozialen Herkunft zu tun hat, als mit mir selbst.
Erst daran habe ich bemerkt, dass ich gerade von einem Nahmenschen benutzt worden war.

„Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, S.“, sagte ich und schloß die Beifahrertür, ohne auf eine Reaktion zu warten.
Er öffnete das Fenster auf seiner Seite. „Ich dir -„, setzte er an, meinem Rücken zu antworten.

„Wag es ja nicht.“, sagte ich, während mein Blick dem Schlüssel auf seinem Weg ins Schloß folgte, „Sieh zu, dass du hier verschwindest.“. Ich stieß die Tür mit dem Schwung auf, den meine Ohrfeige für ihn hätte haben können und ließ sie in ihren Rahmen donnern.

Harry Potter und sein Täterintrojekt

Harry Potter quält sich mit der Frage, ob er vielleicht so wird wie Voldemort.
Er spürt Ähnlichkeiten, Verbindungen, bemerkt an sich fremdartig globale Aggressionen nachdem er Zeuge der Tötung eines seiner Mitschüler durch Voldemort wurde.

Well, das ist die Stelle, in der ich meine Brille gerade rücke und mich frage, warum es in der Zaubererwelt eigentlich eine Kenntnis von Wahnsinn und verwirrtem Verstand gibt, doch nicht von PTBS und Täter_innenintrojekten. Die Filme selbst verraten es mir.
Das Rezept ist Freundschaft, Liebe, ein Ziel für das sich zu kämpfen lohnt und die Erkenntnis, dass der frei umhermordende Täter sich durch Magie in den Kopf des Opfers genistet hat, um etwas davon zu haben.
Harry du alte Lusche – kontrolliere halt deinen Geist! Lass das nicht zu! Kämpf halt noch ein bisschen mehr. Retraumatisiere dich und lass uns das zum heldenhaften Kampf erklären.

Oh my.
Versteht mich nicht falsch – es ist nichts falsch daran sich um Freundschaft, Liebe und Ziele im Leben zu bemühen, wenn man schlimme Dinge erlebt hat. Es wird halt tricky, wenn die Person, die verantwortlich für diese schlimmen Dinge ist (oder war) zum immerwährendem und alles bestimmenden Zentrum im Leben der Person, die zum Opfer geworden ist, wird.
Da gibt es verschiedene Arten, wie sowas passiert.

Auf der einen Seite ist die Angst der Person, die zum Opfer wurde vor der Macht und der Person selbst, die die Integrität und Autonomie dieser Person verletzte, einschränkte und/oder zerstörte. Man kann nicht ignorieren, wovor man Angst – manchmal auch Todesangst – hat.
Viele Strategien gegen solche Ängste haben etwas mit Vermeidung oder Gewalt zu tun.
Vermeidung hat folgendes Problem: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“ – Woran hast du gedacht? ba da bamm
Gewalt zeigt sich in Aktionen wie: „Dem zeig ichs jetzt“ – wem zeigst du jetzt mal und mit welcher Berechtigung? ba da bamm

Auf der anderen Seite sind die Freunde, Angehörigen, Verbündenten und die vereinigte Helfersfront auf Basis einer angenommenen Opfernot und Gerechtigkeitsstreben.
„Du musst kämpfen!“ – „Lass dich nicht unterkriegen!“ – „Wenn du jetzt aufgibst, hat di_er gewonnen!“ – „Si_er ist es nicht wert sich zu ärgern/zu grämen/schlecht zu fühlen/mit ihm_ihr zu befassen!“ – „Vertraue nur uns – dann bist du sicher!“
Da passieren gewaltvolle Ansagen und oft ist überdeutlich, wie schrecklich gut gemeint sie alle sind. Was will man dagegen sagen? Was kann man sagen, ohne den Kontakt zu gefährden? Wie viel Gegenrede ist in Ordnung? Wieviel Autonomie ist mit Hilfen und Unterstützungen vereinbar?

Häufig verändern sich Kontakte nach Gewalterfahrungen. Viele brechen weg.
Meistens, weil es schwierig ist miteinander zu reden und zwar mit sich selbst, seinem Empfinden und seinem Erleben im Zentrum und dem Ereignis im Kontext, das die Person, die eine Täterschaft zu verantworten hat, an genau dem einem Platz beinhaltet, der noch genug Raum für die Kontexte lässt, in denen sich diese Person bewegt (hat).

Sehr viele Menschen fangen an schreckliche Ereignisse und die Beteiligten zu versachlichen oder gänzlich zu abstrahieren. Deshalb schreiben wir zum Beispiel häufig von „DAS DA“ und „ES“ in unserem Leben.
Das Grauen wird dadurch für uns zwar fassbar (hey-es sind immerhin drei Worte!) und spiegelt doch sowohl die eigene Unfähigkeit nach einem Ereigniss, das jeden Erfahrungs(und Verarbeitungs)rahmen sprengt, es konkret zu erfassen (und zu verarbeiten), wie das Empfinden von Grenzen- und Raum- und Zeitlosigkeit, sowohl in der Situation selbst, als auch häufig genug noch darüber hinaus.

Wenn wir in Workshops sind, kommt die Frage öfter, was man denn richtiger machen könnte.
Gerade, wenn wir dann gerade lang und breit darüber gesprochen haben, welche Sprachführung nicht sinnvoll und am Ende sogar opferfeindlich ist.
Wir raten oft dazu sich selbst zu prüfen und zu schauen, was genau die Erfahrung der zum Opfer gewordenen Person mit einem selbst macht. Was genau wünscht man der Person und warum?
Wieso ist es wichtig, dass es ihr so schnell wie möglich wieder gut geht – ging es der Person vor dem Ereignis denn „gut“ oder erscheint es jetzt aktuell „gut“, weil es ihr nun sehr schlecht geht? Und wieviel Reflektionsleistung kann der Kontakt miteinander eigentlich aushalten?

Was zum Beispiel passiert, wenn man wie Harry Potter gleiche und ähnliche Eigenschaften an sich entdeckt, wie die Person, die einem schwere Nöte angetan hat?
Wenn wir in den Spiegel sehen, finden wir die Mutterfrau. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir uns an einen Türrahmen lehnen, erkennen wir das Warten des Vatermannes.
Wenn NakNak* zum x-ten Mal Katzenscheiße im Garten frisst, brandet ein gleißendes Wüten bis an die Wurzel meiner Zunge hoch und ich merke, wie ich sie verletzen will. Da ist kein Gedanke, keine Überzeugung, kein Wort hinter, das mir sagt:“Oh – hei ich bin ein Täterintrojekt und hier eine Gewalt zu wiederholen – mach mal Platz“.
Das ist pure Energie, die durch eine dumpfe noch nicht greifbare Erinnerung angestoßen wird – aber das wissen wir erst seit ein paar Jahren (NakNak* kam erst danach).
Zu Beginn hatten wir wenig bis keine Kompetenz diesen Energiestoß überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu bremsen oder zu kontrollieren.

Das hat uns letztlich zu einer nicht tragbaren Jugendlichen gemacht. Wir waren ein böses Mädchen. Eine Gewalttäterin*. Klar musste man uns „ordentlich bestrafen“ – „so, dass wir es auch begreifen“ – „auf, dass wir nicht denken, wir wären wer“  und selbstverständlich musste man handeln, um sich selbst zu schützen.
Und während unser hochprofessionelles Außenrum uns behandelt hat wie der letzte Dreck, war alles in uns bestätigt, was uns erst zu Handlungen brachte, die uns zum „bösen Mädchen“ machten. Wer so böse ist, dass Erzieher_innen einem Privatsphäre, Ruhe und Unversehrtheit vorenthalten, di_er hat genau dies allem äußeren Anschein nach wohl auch nicht verdient.

Bis heute weiß ich nicht, wie wir je von allein auf die Idee hätten kommen sollen, dass dieses plötzliche Kippen in Selbst_Verletzung, Zerstören von Beziehungen, Ver_Bindungen und anderen Dingen, die uns wichtig sind, etwas mit den Übergriffen zu tun hatten, die wir erlebten und bis heute auf anderen Ebenen erleben.
Auch wenn es oft irgendwie schräg bis lächerlich klingt – bitte liebe Menschen – unterschätzt das nicht, wenn Menschen mehrfach diskriminiert sind und jeden Tag mit diversen Formen der Unterdrückung (Gewalt) konfrontiert sind. Es ist die gleiche Mechanik. Es sind die gleichen Muster. Es ist das verdammt noch mal immer und immer und immer Gleiche.
Auch wenn kein Blut fließt oder keine Strafanzeige erstattet werden kann. Auch dann!

Es frisst sich rein und bricht als Selbst_Zerstörung wieder raus.
Die Einen kotzen, hungern, schneiden sich auf – die Nächsten verletzen andere Menschen, machen Werbung auf Kosten anderer und wählen die AfD, während die Letzten vor lauter „denken sie nicht an…“ die Kunst des Eskapismus perfektionieren und aus allen Wolken fallen, wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, denen Dinge geschahen, die unfassbar sind.

Manchmal isolieren sich Menschen, die Schlimmes erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie niemand versteht. Dass niemanden ihren Kampf um Kontrolle versteht. Dass niemand ihre Angst versteht.
Und leider haben sie oft auch noch das Pech, dass sie wirklich nicht verstanden werden, weil die Personen drum herum auf Dinge achten oder von Umständen oder Empfindungen ausgehen, die nicht in den Personen wirken.

Herrje, wie oft Menschen uns für ein zartes Seelchen halten, das aber doch unfassbar stark sein muss, weil sonst hätte es ja nie überleben können.
Tse – wir haben überlebt, weil wir überlebt haben. Wir hätten auch das stärkste Menschlein auf der Welt sein können und unser Risiko zu sterben wäre gleich groß gewesen.
Wir verbinden mit unseren Gewalterfahrungen nicht solche Wabbeldinge wie Würde oder Ehre und wir fragen uns auch nicht, wer uns denn jetzt noch nehmen wollen würde.
Wir hängen uns oft an einem „hätte würde wenn“ auf, weil unser Zentrum nicht andere Menschen, wohl aber unsere Pläne in Abhängigkeit von anderen Menschen sind.

Das ist zum Beispiel , was das Finden von Triggern für uns sehr leicht macht – aber auch Aufhänger liefert, in denen wir uns in Gedankenkreiseln wieder finden, die sich damit befassen wie oft man hätte den linken Fuß auf dem Fußabtreter hätte reiben müssen, bevor man die Wohnungstür öffnete oder damit, welche Wörter wann wie warum genau falsch waren. Über solche Dinge denken wir stundenlang nach und machen uns darüber selbst Stress.
Und natürlich kann man wenig produktiv über andere Dinge nachdenken, wenn man solche Schleifen im Kopf hat, auf der Suche nach dem ultimativ sicheren Plan für immer und ewig, auf das nie wieder irgendjemand käme und uns verletzte.
Weil der ultimative Plan ja auch dafür sorgen würde, dass wir keine Gefahr darstellen – unabhängig davon, wieviel Täter_innenintrojekte in uns wüten und wieviele Monster an ihren Käfiggittern reißen.

Manchmal denke ich, dass die Annahme des eigenen Bösen in sich einfach genau das ist, was niemand von Ex-Opfern hören will.
Es ist so bequem davon auszugehen, dass eine Person immer und grundsätzlich gut ist, weil so der Umstand der Ungerechtigkeit der an ihr begangenen (Straf-)Tat stärker hervorsticht.
Als wären die Menschen vor dem Gesetz (und für manche Menschen auch: vor G’tt) nicht gleich.

Würde, Ehre, Gewollt sein – das hat alles mit der Gesellschaft zu tun, die für uns als Einsmensch irgendwie immer eher wie wissenschaftlich interessantes bis nervenaufreibendes Beiwerk an uns vorbei geblubbert ist. Wir haben die Erwartungen dieser Gesellschaft nie erfüllt und werden das vielleicht auch nie schaffen.
Für manche Menschen macht uns das zu einem Menschen, dessen erlebtes Unrecht nicht das gleiche Unrecht ist wie für eine Person, die ihr Leben lang beliebt unter „den Richtigen“ und „erfolgreich an der richtigen Stelle“ war. Glücklicherweise nicht für viele – aber für genug, dass ich mich daran erinnerte, als wir gerade „Harry Potter und der Orden des Phönix“ schauten.

Ich habe daran gedacht, wie ich mir vielleicht 2 – 3 Jahre früher jemanden gewünscht hätte, di_er mir erklärt, was Täter_innenintrojekte sind und was die Introjekte oder auch Innens sind, die mir helfen könnten mit ihnen so umzugehen, das weder wir noch andere Menschen unter ihnen leiden.
Und ich dachte, wie schade es ist, dass Harry nur zu hören bekam: „Mach deinen Geist frei“, statt: „Mach deinen Geist mit den Dingen voll, die das Böse in dir gleich groß wie alles andere in dir macht, denn es gehört auch zu dir.“