Norm – Schön

bildzIch habe meine Momente, in denen ich aus der Dusche klettere und innehalte, um den feinen Härchen auf meiner Haut dabei zuzuschauen, wie sie sich aufrichten.
Meine Sicht wandert über meine Arme, meine Beine; gerät ins Stolpern und Straucheln über jene Narbe, die meine natürliche Bleiche in verschiedenen Rot-, Lila- und Weißtönen unterbricht.
In diesen Momenten seilen sich Wassertropfen von mir ab und ich spiele Wörterpsychologie.
Bin ich schön bin ich bin ich schön schön bin ich ich schön bin ich ich bin schön, sage ich mir dann. Ich lasse diesen Wörterkringel immer schneller und schneller kreiseln und wie ein Glücksrad bleibt er immer wieder auf “Ich bin” stehen.

Ich glaube, dass meine Zellenverteilung so ist, wie ist, weil sie eben ist.
Schönheit ist ein soziales Konstrukt und damit ein Machtinstrument. Wäre dem nicht so, bräuchte niemand einen Betrachter um sich seiner Schönheit gewahr zu werden oder – eigentlich das Schlimmste: bestätigt zu bekommen, schön zu sein.

Der Begriff “Normschön” ist noch neu in meinem Kosmos und ich versuche mir diese markierte Norm greifbar zu machen.
“Norm” als eine Art Synonym für “Massenübereinstimmung” zu betrachten, kommt mir schwierig vor, gerade auch, je mehr ich über die Mechanismen der Definitionsmacht lerne und verstehe. Wenn jemand etwas von “normal” und “unnormal” faselt, dann in der Regel, weil er machtsatt ist und es kann – nicht, weil er das Spektrum von “normal” kennt und/oder lebt.
In unserer Kultur sind es weiße, (reiche), heterosexuelle, Cis- Männer, die über die Norm bestimmen und Schönheit als Machtinstrument selbstverständlich nur zur Untermauerung ihres eigenen Status einsetzen. Was dem weißen Mann gefällt ist schön- was nicht, das nicht.

Ich dachte lange, dass ich doch irgendwie schon eher in diese Normkiste passen könnte.
Immerhin gehe ich in Läden und finde (rein theoretisch) immer etwas. Ich habe das Privileg? Glück? unter 1,80m groß zu sein und im Umfang unter bestimmten Zentimeterzahlen zu sein. Hurra- ich bin Teil der Formnorm des weißen Mannes.
Und was ist mit dem Rest?
Kleider machen Leute- aber schön?

Um als Frau* als schön zu gelten- irgendwie Krümel vom Schönkuchen abzukriegen, sei es von sich selbst, weil der Blick in den Spiegel einfach mehr gefällt oder von Anderen, weil es Komplimente gibt oder Beachtung allgemein, bietet auch hier der weiße Mann unfassbar viel Kosmetik, Körperschmuck und “unterstützende Pflege” an.
Ich kenne nicht viele Frauen*, die sich gerne schminken, weil sie sich selbst, dann schöner finden.
Die meisten Frauen*, die ich kenne, schminken sich um schön zu werden.

Ich selbst verwende Kosmetik immer genau dann, wenn ich unsicher bin und mich verstecken möchte- und zwar in genau dieser scheinbar so allseits anerkannten Norm, dessen was “okay” ist.
Für mich ist Kosmetik in dem Sinne etwas, das in die Natur eingreift und die Wahrnehmung meines Seins verschiebt. Ich fühle mich unehrlich, undankbar und von innen heraus hässlich, wenn ich mich schminke, weil ich nicht mit den Menschen interagiere wie ich bin, sondern, wie es die (von mir unbeeinflussbare) Macht von Schönheit bewirkt.

Nun habe ich ja aber noch Glück? das Privileg? eine formnormkonforme Bedeckung zu finden und zu wissen, dass es Menschen gibt, die Kosmetik in Menschengesichtern nicht sehr schön finden- mit denen ich also aufgrund ihrer Norm von Schönheit, durchaus ein Stück Schönheitskuchen knuspern könnte.
Aber was ist mit meiner Nacktheit?
Welche Norm greift, wenn alle äußeren, marktwirtschaftlich konkret beeinflussbaren Marker wie Kleidung, Schmuck, Kosmetik, fehlen?

Greift die Norm von “nach dem Trauma”, die ich mir selbst bis heute abringe?
Die Norm von “nach der Magersucht/der Adipositas/der Bulimie und mitten im latenten Essensgemurkse” mit der ich lebe und bei allem was ich zu mir nehme, neu abstecke?
Sind meine Normen noch da, wenn meine Sie mich anschaut?

Ich habe am Anfang unseres Miteinander gemerkt, dass es mir nicht reicht zu hören: “Ach, ich habe gerne mit dir Sex- egal, wie du aussiehst. Ich mag dich und deinen Körper.”. Mir wurde klar, dass es mir auch um das Machtgefüge zwischen uns ging, das sich mit dem Anblick unser beider Nacktheit schlicht verändert hatte und wir sprachen darüber.
Was mir klar wurde war, dass ich mich verletzbar gefühlt habe, weil ich heute nur noch meinen Körpernormen entsprechen möchte und meine Macht über mich nicht teilen oder abgeben will- aber kein sozial anerkanntes Machtinstrument dazu verwenden will- wie zum Beispiel das Instrument “Schönheit”.
Mein Körper trägt die Spuren von Gewalt, (Selbst) Hass, Entwicklung und Tod – das Konstrukt “Schönheit” hingegen nicht. Selbst wenn ich wollte, kann ich, wenn ich nackt vor jemand anderem stehe, nicht mit “Schönheit” kommen, um mich meiner (Eigen)Macht zu versichern.

Es ging um Sicherheit bzw. Absicherung in dem Moment. Nicht, weil ich Angst hatte wieder Gewalt zu erfahren, sondern, weil ich mich in meinem Sein berührt gefühlt habe und mich außerhalb der Norm ™ sah, die ich bei meiner Sie internalisiert vermutete. “Ich möchte ihr gefallen, weil es mir gefällt, wenn ihr etwas gefällt”, war am Ende ein Satz, der mir die Dynamik zwischen uns dann klarer machte und auch, welche Rolle unsere Normen dabei spielten.
Am Ende blieb es dann tatsächlich bei “das Äußere ist nicht entscheidend”, weil unser gemeinsames Agieren übergeordnete Normen hat, die einzig für uns beide bestehen und die durch unseren Austausch viel klarer wurden.

Spannend in der Hinsicht finde ich, dass wir uns dessen erst in dem Moment bewusst wurden, als wir einander nackt gegenüber saßen.
Man sollte meinen, das sei nicht der Zeitpunkt um über Normen und Werte, Macht und Ohnmacht zu sprechen.
Im Nachhinein denke ich, dass es keinen besseren Moment geben kann.

Lebenstag leben, 2014

Dass ich den Tag irgendwie schaffen muss, war der erste feste Gedanke in meinem Kopf.

Meine Beine, die sich in meinen Hüftgelenken verkeilt hatten und dort Knochen auf Knochen auf Nerv auf Mitteninmirdrin schmirgelten und jeden Schritt zur Qual machten.
Diese Haut, so dünn wie Seidenpapier, um mich herum und aufgeweicht von den Tränen, die an den Innenseiten entlang laufen. Ohne benennbaren, eingrenzbaren Grund, denn hey- Lebenstag! Happy Selbstbestimmung, Befreiungspower- yeay I’m alive…

Der Tag begann mit Alpträumen und panischer Hetzjagd. Immer der Realität, voll mit Sicherheit, Gemögten und Verbündeten; Hoffnungen und Träumen nach, über bodenloses Erinnern, Erschrecken, und dieser Bitterkeit, die sich in jeder Falte des Innen auszubreiten beginnt, hinweg.

Nein, keine Schonhaltung einnehmen. Aktiv bleiben.
Orientierung ist ein aktiver Prozess. Links Rechts- im Gleichschritt Marsch gen Aktivität und Kreativität!
Aktivität und Wünsche leben, das wird helfen.
Antidissoziation ist ein aktiver Prozess.

Ich malte mir die Beine ab.
Ließ sie ihn hinter sich herschleifen. Aus dem Haus heraus.
Aktivität und Kreativität.
Frau Rosenblatt macht Kunst, erinnert, gedenkt, würdigt und spürt: die Vorstellung, dass ein Junge, der sich mehr tot als lebendig fühlt, ihre endlich abgerissenen Beine hinter sich her aus einer Zeit herausschleift…

hilft
Sie legt ihre abgetrennten Gliedmaßen und all den Schmerz dazwischen hinein und kann so endlich vorwärts laufen.

Das Bild war fertig, die Luft noch immer warm und dicht.
Doch der Regen wich diesigem Sonnendunst.

Aktivität und Kreativität!
NakNak* und Fotos.
Das erste Mal gelang ein Foto von einer Ameise.

Ameise

Wind von vorn, der mir die Wangen
ein bisschen wie ein Trost
streichelt und belastende “Und was ist wenn…?”- Kreiselgedanken mit sich fortträgt.

Besuch, der mich so anstrahlt, dass es in mir immer heller wird.
Mich aufwärmt.
Anrührt, vermehrsamt in meiner eisigen Festung der Einsamkeit.

Mich in der Wärme schaukeln lässt, selbst als die Tür schon längst mit einem “Tschüss” verschlossen ist.

Wir hatten einen schönen Lebenstag.
Mit “Yeay” und “Ney”.

Und: mit Eulen <3

mit TherapeutInnen reden

ent-wicklung “Nein, das sind keine “sie” oder “er”, keine Menschen kein gar nichts! Sie wohnen in ihrer Praxis, fahren sich morgens um 8 hoch und schalten sich pünktlich um 18 Uhr wieder ab!”- jattata jattata jattata
In meinem Kopf redet es so über PsychotherapeutInnen. Nicht immer und nicht über alle, aber mit beachtenswerter Regelmäßigkeit immer wieder dann, wenn die Beziehung zu unserer Therapeutin bedacht wird oder wir eine Darstellung der Beziehung anderer Menschen zu ihren PsychotherapeutInnen erfahren. Ich habe Menschen kennengelernt, die ihre TherapeutInnen glorifizieren und für jedes Wort, jede Geste mindestens einbeinig rohe Eier jonglierend über die Drahtseile ihrer eigenen Nerven balancieren und schwer leiden, wenn das Bild, wiederum wegen allzu viel individueller Menschlichkeit, einen Riss bekommt.
Inzwischen denke ich, dass wir diese Idee für uns brauchen, um unsere Therapeutin aus der Welt, in der sie verankert ist und wir nur fremd, herauszuholen und neben uns im Niemandsland haben zu dürfen.

Ist es ein Akt der Gewalt, wenn wir ihr so viel von sich und dem worüber sie, in ihrer Position zu uns, definiert ist, abtrennen?
Was hat es damit zu tun, mit ihr oder TherapeutInnen allgemein, zu reden?

“Dir kann nur ein/e PsychotherapeutIn helfen”. Wir haben uns viele Jahre hin- und herschubsen lassen und stolperten Praxis zu Praxis.
Ich wusste eigentlich nie, was ich dort sollte, aber alle- wirklich alle- um mich herum, beteten angesichts meines “So-seins” und “dieses und jenes (nicht) machens” diesen Satz herunter und erhoben die Psychologie in einen Olymp, den sie auch hätten selbst besetzen können.
Rein theoretisch.
Eventuell.

In der Teenagerzeit gab es mehrere bittere bis traumatisierende Erfahrungen mit PsychotherapeutInnen und bis heute ziehen sich die Gewalterfahrungen unterm Helfersmantel, wie eine Brigade aus Straßenlaternen am Rande des Weges, den ich mit Menschen gehe, die mir als HelferIn begegnen.
Je mehr ich über das “Therapie machen” oder “psychologische/ psychotherapeutische Hilfe annehmen” nachdenke, desto greller scheinen sie mir in die Augen und vernebeln mir die Sicht sowohl auf mich, als auch auf meine Therapeutin.

Ich habe dieses Ideal eines “so ist es okay” oder “ja, so kann es gehen” vor Augen, in denen ich im Geschehen, Werken und Wirken bin und einfach nur gehe. Vielleicht ein oder zwei Brocken Geredetes im Mund befühle, ausspucke und dann drüberrede. Und weiter gehe. In meinem Niemandsland, mit meiner Therapeutin als Ich- lose Besucherin, die nur dort, wo ich nicht bin, _ist_ .

Wir halten es für uns im Innen so, dass wir in der inneren Kommunikation seit Jahren nur noch “Seelenfrauen” oder “Frau XY” sagen, aber eine “Therapeutin” meinen.
Sprache schafft Wirklichkeiten und in unserem Fall eben überhaupt erst mal eine innere Wirklichkeit, in der es grundsätzlich möglich ist, sich zum Reden- dem besonderem Reden- dem Reden mit Heilungsetikett- einzufinden.

Mit jedem Versuch sich der äußeren Wahrheit anzupassen und sie ins Innen zu übertragen passiert es, dass ich nur noch beobachte und die Worte, wie Steine, die sich übereinander stapeln und verkeilen, in mir fühle. Ich starre die Worte der Therapeutin- des Menschen, der als PsychotherapeutIn arbeitet; all die Verantwortung, die ihm aufgeladen wird- von mir, wie der Gesellschaft- all die Macht und all die SCHWEIGEPFLICHT– an und sehe, wie sie sich vor mir auftürmen und irgendwie in meinen Kopf sollen, aber doch nicht können. Ist ja alles besetzt in mir. Dann versuche ich wegzugehen und nicht selten mache ich mich gleich ganz weg.

Das ist das Moment, in dem ich im gleissenden Licht meiner Alarmbeleuchtung des Therapiewegs herumschwebe. Und, weil ich ja so schön schwebe und alles ganz einfach oder ertaubt ist und ja sowieso auch nichts mit mir zu tun hat und mir die Therapeutin mit ihrem Menschsein, nur noch als furchterregende Fratze inmitten abstrakter Kontrollverlustigkeit eines Schweigens erscheint …

da fällt mir auf, dass ein Innen getriggert ist und es viel zu viel ist.
Zu viel Mensch in der Therapeutin. Zu viel nah. Zu viel zu schnell zu voll zu eng zu zu zu zu viel Anlass sich an sein Selbstversprechen zu erinnern, nie wieder auf einen Menschen reinzufallen.
Schon gar nicht auf Menschen, die in einem Akt von “Wie ich- so du” zum Schweigen verpflichten könnten und damit den einzigen Ort in der Fremde, in dem das Sprechen ausdrücklich das ist, worum es geht, genauso mit klebrig schwarzem Moder überzieht, wie jeden anderen.

Schweigegebote sind für MitmacherInnen- Redeverbote für RebellInnen
So umschiffen wir im Innen die Hürde mit der Therapeutin Worte zu wechseln, produzieren aber auch ein Paradoxon, das sich zwischen Reden- (Aus) Sagen- und einer gewissen geheimniskrämerischen Systematik des Schweigens einen Strick knüpft, um sachte im Wind zu schaukeln.
Ich verstehe es selbst nicht und kann die Fragezeichen, die in einer Parade durch den Raum stampfen, auch nur mit einem schiefem Lächeln und hilflosem Schulterzucken aufnehmen.

Mein Reden ist vielleicht nicht mehr so sehr an ein RetterInnentum geheftet, wie es das früher durchaus mal war, dennoch ist es natürlich in einem Heilungsversprechen begründet. Würde es mir gleichsam helfen mich ausschließlich von Kürbiskernen zu ernähren, würde ich auch das tun. Vielleicht würde ich das sogar lieber tun, denn Kürbiskerne fragen nicht:

Wer sind Sie?
Was haben Sie?
Was wollen Sie von mir?

Kürbiskernen ist mein Sein egal, meine Person, mein Ich, mein Handeln, Denken und Fühlen. So können sie mir ebenso egal sein.
Mit TherapeutInnen funktioniert das nicht, obwohl das auch nicht immer nur schlimm für mich ist.

Wichtig ist, dass ich sie vom RetterInnengipfel ins Ichlose transponieren kann und deshalb nicht gleich noch eine Stufe gestörter oder mehr krank als vorher gelte. Das funktioniert nicht bei allen Menschen und auch nicht bei allen TherapeutInnen. Manche haben so ein scharf konturiertes Sein- sind so sehr sie selbst und erfassen auch nur, was für sich selbst greifbar ist, dass sie mein Niemandsland weder anerkennen, noch Rücksicht auf diesen Umstand nehmen.
So erinnere ich die Inquisitionsvisiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit den Reihen aus breit aufgepflanzten Cheftherapeuten oder Ärzten, deren Ego sich in den Raum drängelte und nichts und niemanden neben sich selbst haben konnten.
Genauso gibt es aber auch Menschen, die in ihrem Sein so wenig Ich nach draußen lassen, dass ich den Unterschied nicht wahrnehmen könnte und nie sicher erkennen könnte, ob dieser Mensch nun neben mir her läuft oder nicht. So wie eine Therapeutin früher, die der Lotushaltung verfallen war und dadurch eigentlich in Bezug auf gar nichts (be)greifbar.

Vielleicht ist es nicht, wozu Gesprächstherapie eigentlich da ist, wenn ich in erster Linie zum IrgendwoindieserWeltsein hingehe.
Hingehen, machen, wieder weggehen.
Hingehen, ein jemand antreffen, ein etwas neben sich aushalten- wieder verabschieden.
Hingehen, Worte aus den Trümmern bergen, in Regale legen- das Archiv wieder zu machen.
Hingehen, das eigene Sein erspüren- die Fühler wieder einfahren.
Hingehen, über die Grenzen des Nichts und alles drüber weg reden, wieder weggehen.

Irgendwo sein zu dürfen ist ein unterschätztes Geschenk, das nicht bezahlbar ist.
Als wir als Teenager dann niemanden mehr hatten- und damit meine ich ganz wirklich niemanden mehr, dem es nicht nur um unsere Benutzung ging oder darum eben seinen Päddyjob zu machen, da hatten wir das Glück, einmal in der Woche für 50 min nur ein einziges Mal für uns allein zu atmen. Die Zellen im Körper vibrieren zu spüren, eine Insel des Nichtangetastet werdens zu erleben.
Die Therapie an sich war eine Farce- da hätte vieles besser laufen können- aber, dass wir überhaupt noch irgendwo sein durften, hatte uns mehr als ein Mal von Suizidversuchen abgehalten. Wir haben dort nicht mit Worten geredet, vielleicht hätten wir das damals auch gar nicht ausgehalten.

Und heute?
Heute erlebe ich mich wie im ständigen Grenzbereich zwischen Worte unwillkürlich auskotzen und ersticken, an dem was sich dort innen sammelt und gegen Dämme drückt. Ich erlebe meine Therapeutin als jemand, die mich mit ihrem Sein, in meinen Grenzen fordert und die mich nicht allein darauf achten lässt, wo uns unser Nebeneinander laufen hinbringt oder hinbringen könnte.
Ich musste ihr bis jetzt nie sagen, dass ich mich aus Normen und Werten dieser Welt ohne Gewalt herausgefallen und verloren fühle, wie ich das so vielen vorher immer und immer wieder zu verstehen geben versuchte.

Ich denke, dass ich mit ihr über die anderen wichtigen Dinge reden kann.
Und wie ich ins Reden komme.

Darüber auch.

~ Teil 2 ~ gemochten Menschen zuhören

Gemögtetext Es dauert nicht mehr lange, dann bin ich eine “Seelenfrau”, wie die Blättchen unter den Rosenblättern es so schön nennen.
Dann werde ich von Berufswegen her Menschen zuhören und hoffentlich auch hilfreich zur Seite stehen können.

Wir haben uns in einer Zeit kennengelernt, als das Zuhören für mich noch ein reines Werkzeug war und ich mein Labor verlassen hatte, um Psychologie zu studieren und dann Psychotherapeutin zu werden. Von Haus aus bin ich Naturwissenschaftlerin und einen linearen Verlauf von Ursache und Wirkung gewohnt.
Und hätte ich die Rosenblatts nicht kennengelernt, hätte mir mein Studium vermittelt, dass dies auch auf die Psyche von Menschen übertragbar ist.

Ich kenne den “Einsmenschen” C. Rosenblatt schon seit fast 6 Jahren, während ich in ihrer inneren Zeitrechnung erst seit 4 Jahren ein Bestandteil ihres Kosmos bin.
Spannend, nicht wahr?
Während ich aus Interesse an der Quantenphysik in Vorlesungen neben meinen Veranstaltungen saß, trieb es Rosenblätterinnens dorthin, um sich satt zu machen. Und das war auch mein erster Eindruck von ihnen: getrieben, aufmerksam, erst durch die geäußerten Worte auffällig. Sie stellten Fragen, die simpel und gleichzeitig Schwachstellen enttarnend waren, um dann schwuppdiwupp- spurlos aus der Vorlesung zu verschwinden.
So vergingen fast 2 Jahre, bis wir uns mal außerhalb dieses Kontextes trafen und mir auffiel, dass sie im Kontakt herumschwamm und versuchte mich einzuordnen.
Ich hatte “die Frontfrau” getroffen und damit die Rosenblattsche Zeitrechnung mit mir begonnen, ohne es zu merken.

Es begann ein halbes Jahr, in dem vor allem sie mir, 2 Mal in der Woche zwischen zwei Veranstaltungen in der Mensa sitzend, zuhörten und selbst verschlossen blieben. Ich wusste praktisch nichts von ihr (und von Ihnen schon gleich gar nichts) und hatte es nicht ein Mal bemerkt. Ob mir das heute noch einmal passieren würde?

Ich hielt mich für aufmerksam und offen. Ich hatte das Gefühl, wir wären einander nah und legitimierte so viele Aussagen und Geschichten von mir, die ich an sie herantrug. Ohne darüber nachzudenken, setzte ich voraus, dass sie Studentin wären, vielleicht bei den Eltern oder allein in einer kleinen Wohnung wohnten; Freunde hätten und vielleicht noch arbeiteten neben dem Studium.
Als ihre Hündin dann das erste Mal stubenrein war und sie es mit fast mütterlichem Stolz erzählten, fiel es mir auf. Wie- was – ein Hund? Wo kam der denn jetzt plötzlich her?
“Jetzt wohnen wir ja nicht mehr in der Stadt, da kann sie sich endlich richtig entspannen…”- Ich fiel aus allen Wolken.

Sie war umgezogen? Wir? Mit wem wohnte sie denn zusammen? Hatte sie einen Freund?
Hatte ich nicht richtig zugehört?

Ich fragte nach. Rückblickend würde ich das genau so nie wieder tun. Von der freudigen Erregung und den blitzenden Augen blieb nach der dritten Nachfrage nichts mehr übrig. Sie bekam Kopfschmerzen und verschwand bis das Semester zu Ende war.
Mich hatte es beschäftigt. Einerseits natürlich, weil ich beleidigt war und andererseits, weil mir ihr Wegbleiben aufzeigte, dass ich nicht einmal ihre Telefonnummer hatte, wusste, wo sie wohnte, wie sie mit Nachnamen hieß. Sogar, dass sie offenbar keine Studentin war. Da hatte ich schon mal einen “Unigeist” getroffen und nicht einmal ordentlich zugehört!

Dass da also “irgendwas im Busche” war, war damit für mich offiziell.
Als das neue Semester begann, trafen wir wieder aufeinander und tauschten die Rollen. Sie klopften ab, wie viel ich über Traumafolgestörungen wusste und wie meine Haltung zu “Kranken” und “Verrückten” war und vieles mehr, das ich gar nicht mehr benennen kann. Sie prüften mich!
Wieder war ich beleidigt. Wir waren doch befreundet!
Erst so nach und nach wurde mir klar, dass das, was ich über (post)traumatischen Stress und die Anpassungsleistungen zu denen Menschen fähig sind, gelernt hatte, erbärmlich wenig war. Und auch, dass ihre eingehende Prüfung meiner Haltung sinnvoll war, denn Schrittchen für Schrittchen erklärten sie mir dort gerade eine Diagnose, die eigentlich nicht umstritten wird, aber als umstritten bezeichnet wird: die “dissoziative Identitätsstörung” oder auch die “multiple Persönlichkeitsstörung”.

Ich hatte in den 90ern “Aufschrei” von Truddi Chase gelesen, aber hängengeblieben war nur “Missbrauch ist schlimm”. Mein Laborantinnenleben war mit Zahlen voll und auch sonst hatte ich keine Berührung mit dem Thema.
Und dann saß mir so jemand gegenüber.

Bei mir klickerte es natürlich langsam und ich verstand Dinge, über die ich vorher nicht einmal wirklich bewusst nachgedacht hatte.

Doch vom Begreifen, war ich noch entfernt.
Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass ich die Rosenblätter schnell verstehen kann, aber immer nur einzelne Sichten, vielleicht auch einzelne Lebensauffassungen und Lebenswelten, wirklich begreife und deshalb noch lange nicht erfasst habe, was “das große Ganze” ist.

Es hat etwas mit meiner Übung im Erfassen von Linien zu tun. Da ist A, also erscheint B. So ähnlich “funktionieren” die Rosenblatts, doch es ist ein Mensch, der dort funktioniert. Es sind Handlungs- und Empfindungsabläufe, die dort Mensch geworden sind und autark auftreten können, völlig am Auslöser oder äußeren Umständen vorbei oder mittenhindurch, um am Ende sofort wieder zu verschwinden.

Ich habe gelernt (und: ich lerne immer noch!), dass ich vieles “sein lassen” muss, was von ihnen kommt und als Teil oder Anteil eines Seins anerkennen muss. Nur, weil ein Rosenblatt sich über Kaffee und Kuchen freut, heißt das (leider leider) nicht, dass sie das alle mögen und sich immer über eine Einladung dazu freuen oder auch überhaupt die Legitimation dazu verspüren oder dies mit ihrer Essstörung vereinen können oder auch überhaupt wissen, “wie man das macht”.
Immer wieder gibt es diese kleinen Fallen und immer wieder muss ich zuhören.
Nicht nur die Worte, sondern auch die Töne und Zwischentöne, die Körpersprache und den Kontext. Alles das redet auch mit mir, wenn sie mit mir reden.

Sie selbst reden nicht einfach so los und worüber sie reden, folgt in der Regel keinem “von A nach B”- Weg. Es ist wie ein Muster aus Mosaiksteinen, das mit etwas (zeitlichem) Abstand ein Muster ergibt und deshalb vom Wahn zu unterscheiden ist.
Wenn sie reden, nehme ich mich inzwischen als eine Zuhörerin wahr, die Steinchen in die Hände gelegt bekommt.

Will ich einem Musterweg von mir aus folgen, muss ich damit rechnen, genau diesem Muster lange nichts hinzugefügt zu bekommen- aber, ohne es zu merken, zig Steinchen um diesen Weg herum. So ist es für mich auch manchmal, als würde ich mich in einem Fotonegativ bewegen und etwas durch Abwesenheit des Subjekts eines Themas verstehen können.

In der Regel bewegen wir uns in der Gegenwart.
Die Rosenblätter haben diesen “Drang nach Leben und Dasein”, wie es eines von ihnen mal ausdrückte. Sie vermeiden ihre Geschichte und reden von sich aus maximal “drüber hinweg”. Manchmal bin ich ihnen dafür dankbar und manchmal frage ich mich, ob das vielleicht anders sein sollte.
Wenn es ihnen sehr schlecht geht, darf ich bei ihnen schlafen oder ihnen nahe sein. Ja, Sie haben richtig gelesen: Ich darf.
Das ist etwas von mir Erkämpftes und nachwievor hart Umstrittenes unter den Blättern.

Wenn sie Albträume haben, Flashbacks sie überrollen, Innens auftauchen, “deren Lebenszeit sich über die Gegenwart schiebt” (das Innen ist nicht orientiert und handelt ganz genau so, als wäre noch “früher”) oder auch sehr junge Innens mit rein vorsprachlichem  Interaktionsmuster, dann nehme ich natürlich ihre Todesangst oder auch die feste Überzeugung in dem Moment sterben zu müssen oder Ähnliches, wahr.
Ich weiß dann nie, ob sie mich als mich (ihre positiv zugewandte Gemögte) wahrnehmen oder als (potenzielle) Täterin. Auch diesen Innens muss ich sehr genau zuhören und versuchen mich in sie hineinzuversetzen, um nicht dafür zu sorgen, dass sie auf einer emotionalen Ebene tatsächlich ein Gefühl des Sterbens (wieder)erleben.

Der Kern des Kampfes um das “dann da sein dürfen” ist nicht nur, dass sie dann etwas von mir fordern (und damit rechnen müssen, dass ich nicht kann oder auch nicht möchte) und sich damit eine Schwäche oder den Wunsch danach eingestehen müssen, sondern auch, dass meine Anwesenheit und auch mein Handeln manchmal sehr hilfreich und auch heilsam ist; manchmal hingegen aber auch nur falsch oder nicht gut wahrgenommen wird.

Mein Leben hielt ganz andere Lebenserfahrungen bereit als die ihren. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt von Menschen auf allen Ebenen gleichzeitig bedroht zu werden und dem ausgeliefert zu sein. Ich kann es nur Bruchstücken verstehen und nur aus ihren Reaktionen in diesen Momenten ableiten, ob mein Handeln oder da sein okay ist oder, ob ich etwas verändern muss.
Manche Dinge tue ich unwillkürlich richtig, zum Beispiel das Stehen schräg neben ihnen oder auch das Vermeiden von direktem Augenkontakt und an manches werde ich durch ihre Reaktionen erinnert. Zum Beispiel zu viele Füllwörter zu benutzen oder “inhaltliche Schleifen zu fahren” (zu viele Beispiele um ein und denselben Vorgang zu illustrieren) oder auch die Optionalität von Körperkontakt zu unterstreichen (als optional- weder zwingend noch “von der Norm legitimiert” etwa beim Hände schütteln oder Umarmen bei Begrüßungen). Es gibt so viele kleine, für mich überhaupt nicht bewusste, Dinge und Aktionsmuster, die sie in einen Stresszustand bringen, in dem sie dissoziieren (müssen), um sich anzupassen.

Anfangs dachte ich noch, dass manche Innens oft da sind, weil sie mich mögen oder das, worüber wir sprachen, das ist, wofür sie “zuständig sind”. Bis wir beide/ alle bemerkten, dass es viel öfter eine reaktive Anpassung ist.

Mein Zuhören basiert auf positivem Gefühlen den Rosenblättern gegenüber und bereits ihrer Reaktion darauf, muss ich immer wieder genau zuhören.
Ist es ein Moment in dem das in Ordnung ist oder dreht jemand in ihnen gerade wieder an der Tonspule derer, die an ihnen zum Täter wurden und verunsichert sie? Ist es eine Zeit in der “normal spielen” dran ist (weil ich gerade durch die Brille von Misstrauen und grundfester Angst, vielleicht aber auch Scham betrachtet werde) oder eine Zeit, in der ich einfach da bin und die Mensch gewordene Schweiz darstelle (weil in ihnen gerade der “Krieg der inneren unvereinigten Staaten” tobt)? Ist es ein Innen, das sich vorsichtig vortastet und für das ich, in dem Moment der Gradmesser für den Rest der ganzen Welt bin?

Der Großteil unserer Gespräche dient der gegenseitigen Ver- Ab- und Zusicherung unserer Positionen und Intensionen in Bezug aufeinander. Nur ein kleiner Teil ist das, was die Rosenblätter so passend “Leben essen” nennen. So sind unsere Treffen und Unternehmungen immer wieder die Eroberung von sicherem Grund und dessen Erkundung.
Ich sehe, wie sie das Leben ohne Gewalt und Überlebensnotwendigkeit in einer scheinbar nie endenden Expedition mit allen Sinnen und immer wieder neu erkunden und mich (und sie fleißigen LeserInnen!) daran teilhaben, ja, mich sogar zu einem Teil dieser Expedition werden lassen.
Sie brauchen mich als aufmerksame Zuhörerin, weil jeder Weg, den man zusammen geht, eine gute Kommunikation erfordert.

Sie haben mich noch nie dazu aufgefordert für sie da zu sein oder genau diese Anstrengungen, die es mich mitunter doch auch kostet, auf mich zu nehmen. Einmal fragte mich mein Mitbewohner, ob mein Mitleid für sie als Opfer von, mir so unfassbar grauenhaft erscheinender, Gewalt, eine Rolle spielen würde. Einige Male unterstellten mir die “FrontgängerInnen” ein “Mamiding” ihnen gegenüber. Ja, sogar ich gehe oft mit mir ins Gericht, ob mein “neben Ihnen her laufen” nur von Mitgefühl und anderen Emotionen getragen ist, die in ihrem früheren Ausgeliefert sein begründet sind.
Natürlich hat es etwas damit zu tun.
Es tut mir leid, dass ihnen so lange niemand zugehört hat.
Es tut mir leid, dass sie heute so leben müssen, wie sie es tun.
Es tut mir leid, dass die TäterInnen bis heute ungeschoren da draußen herumlaufen und weiterhin wehr- und schutzlose Menschen quälen können.
Es tut mir leid, dass ihnen das passiert ist.

Das ist aber nicht alles. “Ich mach das, weil ich das kann!” ist so ein Spruch eines Rosenblättchens und inzwischen ist dies auch mein Antwortspruch. Ich höre zu, weil ich das möchte und, weil ich das Zuhören können lernen möchte. Ich höre Ihnen nicht auch zuletzt zu, weil ich vom Verstehen ins Begreifen kommen möchte.
Deshalb verließ ich meinen früheren Beruf: Ich konnte alle Vorgänge, alle Messwerte verstehen- doch begriffen habe ich nie, was ich dort tue. So will ich nicht durchs Leben gehen. Das Leben ist zu kostbar, um nur zu verstehen und sich etwas anzueignen, das einem vielleicht nicht einmal gehört.

Es ist zum Leben da und die “Gemögschaft” mit den Rosenblättern ist es, die mich darin bestärkt, genau das näher zu erforschen.
Als Gemögte und Begleiterin, die vorsichtshalber noch immer keine Freundin ist.

 

Ende

mit gemochten Menschen reden ~ Teil 1

Blütenknäul2 Irgendwann war der da, der Moment, in dem mir klar wurde, dass auch meine Fähigkeit in Kontakt mit Menschen zu gehen, durch meine Gewalterfahrungen beschädigt wurde.
War es früher Gefallen wollen mit allen Mitteln (und über alle Grenzen hinaus), so war es später ein tiefes Gefühl getrennt zu sein, was verhinderte, dass ich so etwas wie FreundInnenschaften aufbaute.

In der früheren Vergangenheit versuchte ich noch hier und da den Begriff der FreundInnenschaft für mich zu definieren und mit Gemeinsamkeit zu füllen. Doch gelungen ist es nie. Vielleicht habe ich es immer bei den falschen Menschen versucht. Vielleicht ist meine Definition falsch. Vielleicht bin ich auch einfach niemand, mit dem eine FreundInnenschaft möglich ist.

Etwas, das wir uns angeeignet haben sind Gemögschaften.
Um jemanden zu mögen, bedarf es viel weniger, als mit jemandem befreundet zu sein. Gemögschaft eröffnet ein Spektrum an positiver Widmung, das in Taten, Intensionen, Positionen, Neigungen, oder auch dem Sein als Ganzes begründet sein kann. Alles einzeln, gepaart, gedrittelt oder eben auch in einem kleinen sozialen Eintopf, von dem zu Essen weder gefährlich noch bitter ist.
Gemögschaft erfordert kein Geben und Nehmen in Balance, keine ständige Nähe oder auch Verbindung. Entweder es wird gemocht oder eben nicht. Es verlangt nichts und ist dadurch das schmale Stück zwischen Nichts und Etwas, in dem wir uns zu bewegen getrauen.

Als Einsmensch begeben wir uns kaum unter Menschen und nähern uns lieber aus der Ferne an. Gibt es keine Resonanz, verschwinden die Menschen wieder aus dem Bewusstsein, als wären sie nie da gewesen. Es ist ein Überbleibsel, diese mangelnde Objektkonstanz. Es hat sich eben doch immer eher bewährt, sich auf sich selbst zu beziehen, anstatt auf Menschen im Außen.

Inzwischen haben wir Gemögte als feste Inkonsistenz in unser Leben integriert. Wir haben herzliche Verhältnisse, freuen uns aufeinander, wenn wir uns treffen, haben gemeinsame Themen, Freuden und wünschen uns einander nichts Schlechtes.

Ich habe bei fast allen meinen Gemögten das Internet als roten Faden.
Ich brauche nicht mit ihnen über mich und uns reden, denn es ist nicht besonders relevant. Ich muss mich ihnen gegenüber nicht so durchsichtig machen, rechtfertigen oder erklären im normalen Kontakt.

Bei einer Gemögten allerdings war es nicht das Internet, das uns zueinander führte.
Mit ihr haben wir das durchgemacht und machen das bis heute. Das Reden.

Fortsetzung folgt

an einem Morgen

wachsenundwerdenMorgenfrisch, wie es nur im Fernsehen üblich ist, hopst sie die Treppen zu unserer Wohnung hoch. Strahlt wie Tschernobyl mitten in mein verquollenes Samstagsmorgen”gesicht” und hebt die Brötchentüte hoch.

Wenn ich erst früh morgens eingeschlafen bin, verspüre ich an mir eine gewisse geistige Nähe zu Affen, wenn es dann nur 3 Stunden später unverhofft an meiner Tür klingelt. Also lächle ich auch und starre sie an.
“Tss- ihr habt unser Frühstücksdate vergessen! Nicht schlimm- ich decke, ihr macht euer Morgending und dann gehts los. Husch Husch Husch!”.

So zum Huhn erklärt, evolutionieren wir uns in Richtung Mensch.

In der Küche klappert und rumpelt es.
“Ihr habt ja gar nichts da.” sagt sie, als ich, inzwischen im Stadium “Zombie”, in Richtung Kaffeemaschine wanke.
“Meinst du “Ihr habt ja ganz viel Nichts da” oder “nichts nichts”? Was willst du denn?”, frage ich zurück und schaue in den Kühlschrank. “Na das Übliche”, setzt sie an. “Butter, Aufschnitt, Marmelade…”. 

Langsam fällt mir ein, wieso ich das Date “vergessen” habe. Ich drücke ihr den Rest Butter vom Kekse backen in die Hand und stelle die Honigreste von Rosh Hashana auf den Tisch. Lege schweren Herzens noch die Käsescheiben für NakNak* dazu. Mein Affenlächeln wiegt jetzt doch schwer auf dem, was Gesicht zu sein versucht.
”Na? Das ist doch was. Schlachtplatte ist heute leider aus.”.

Sie setzt sich auf die Küchenbank und legt los.
Ich streichle NakNak* in den Schlaf und versuche mich daran zu erinnern, ob ich die Kaffeemaschine schon mal entkalkt habe oder nicht. Eigentlich finde ich dieses Röcheln ja gemütlich.
“Willst du NICHTS?!” sie nickt mit dem Kinn in Richtung Königinnenmahl.
“Ich bin noch nicht mal Mensch!”, grunze ich und verdünne meine Kaffeemilch.

Zum Glück ist seit unserem letzten Treffen viel passiert. Wir sprechen über die letzte Phönix-AG und unsere Reise nach Göttingen dazu. Sind uns einig, dass es viel über Privilegien und Frauenverständnis sagt, wenn es ein Kussverbot für Mädchenstatuen gibt.
Voller Stolz wird die Jugendherbergsbuchung für
die Tagung “Wir sind Viele” in Mainz gezeigt. Das haben wir wirklich noch nie gemacht. Irgendwo zwei Nächte fremdschlafen und schon gar nicht selbst bezahlt zu so einer Tagung gehen.

Ich merke, wie gut es tut, diese ganzen Erwachsenensachen auch Erwachsenensachen zu nennen und als Akt gewürdigt zu sehen. Als genau der Entwicklungsschritt, der es ist- parallel zu allem, was sowohl in der Therapiezeit selbst, als auch danach alles kreuz und quer schießt und genauso zehrend ist. Sie gratuliert dem Innen zu seiner Heldinnentat und versichert, dass ihr auch schon solche Fehler dabei unterlaufen sind.

“Das ist viel Emanzipatorisches” murmelt sie mit einer Hamsterbacke voll Käsebrötchen.
“Ja haaa, auf der Ebene irgendwie schon. Es macht mich wahnsinnig, dass ich das nicht auch auf andere Bereiche übertragen kann. Ich meine, hallo! fremde Stadt, alleine, schwere Themen und ich bin ganz sicher, dass wir das packen werden. Aber dann in der Therapie sitzen, einmal kurz in eine andere Richtung denken und puff bin ich weghoudinisiert und
BÄM BÄM BÄM für den Rest der Woche als Dauerschleife aus der Drecksecke und Mimimibabyblablaschmauchätzscheiß in der anderen. Geilo. Nicht.”.

Sie nickt und füttert NakNak* mit runtergefallenen Nusskernen.
“Ihr seid Viele.”, sie atmet ein, streckt sich, verteilt ihre ganze Pracht auf unserer Küchenbank und seufzt.

“Das ist eine Erklärung, ja. Aber nichts, was mir da jetzt grad hilft. Ich muss das aushalten, dran lang wachsen und ach keine Ahnung.”. Ich versenke meine Ungeduldslaute im dritten Kaffee. Merke, wie ich es leid bin, nicht darüber auszurasten. Denke zum x-ten Mal den Gedanken, die ganze Therapie zu lassen und einfach nur meine Sachen zu Ende zu bringen und dann erst wieder irgendwas zu fühlen oder anders zu denken als sonst.

Wir schwenken auf das Thema “NakNak* ist läufig”. Lästern auf Hundewiesenniveau. Auch sehr erwachsen.

Als wir uns von Mensch zu Mensch verabschieden, denke ich, dass ich froh bin, dass meine Gemögte mich auch ungeduldig und Hufe scharrend diesem Therapiezeug gegenüber annimmt. Dass sie nicht noch großartig aufs Essen drängelte, die ganzen Ausläufer der inneren Zeitverschiebungen in unserer Wohnung unkommentiert ließ und von ihrem Erwachsenwerden erzählte.  Damals ™ .
So sehr ich das auch hasse, wenn sie von sich sagt, dass sie sich uns gegenüber manchmal wie eine soziale Mutter fühlt- manchmal, so wie heute morgen, ist es so. Und dann ist es auch okay.
Nicht nur für mich, sondern auch für andere Innens, die das so noch nie erfahren haben und von der biologischen Mutterfrau auch nie erfahren werden.

Vielleicht gehört das irgendwie auch mit dazu.
Zu diesem beschissenen “aus Kackscheiß rauswachsen” und Werden.

monströs

Es gibt so viele Möglichkeiten, Menschen für den Rest des Lebens die Botschaft mitzugeben, dass sie es nicht verdient haben, Grundbedürfnisse erfüllt zubekommen, sobald sie etwas tun, was einen anderen Menschen verärgert/ ängstigt/ schmerzt/ bloßstellt/ nicht bestätigt.
Ein Grundbedürfnis ist der Kontakt zu anderen Menschen, zu Nähe, zu Wärme- dieses eine kleine Fünkchen, das um Mehrsamkeit versichert.

Egal, wie stark, wie mutig, wie autark und unabhängig das Handeln sein kann- das erste Geräusch von einem anderen Menschen, das sich an einen richtet und über das Dasein auf Erden in Zeiten und Sphären bewusst und versichert sein lässt,
– es ist ein verdammt großes Himmelreich in dem Zeppeline mit der Aufschrift: “Ja, du bist am Leben” herumfliegen, das Licht, das einem in die Augen schießt, irgendwas zwischen Glitzer und ätzender Säure ist und die Luft nach Freiheit schmeckt- egal, woraus sie besteht.

Es ist der Moment, in dem es die Chance auf einen Anfang gibt. Ein besseres; ein lieberes; ein artigeres; ein gleicheres Sein möglich ist. So eine Chance, sein Überleben durch Vollständigkeit der Optionen seine Grundbedürfnisse zu erfüllen noch sicherer zu machen.
Das Alte, Böse, das Monster, das man wegsperrte, von sich schob, mit dem Gesicht in die Zimmerecke stellte; auf die stille Treppe setzte; aus dem Klassenzimmer verwies; ins Gefängnis, in die Psychiatrie, ins Heim schickte, dem man jedes Gespräch, jede Klarheit, jedes (An-) Recht verweigerte- das ist ja weg.
Das bleibt da in seinem Käfig, als Kokonrest aus dem ein Schmetterling geschlüpft ist.

Als wir gestern im Gang des Ausweichzugs standen, in ein Abteil hinein starrten und den freien Platz darin nicht in Anspruch zu nehmen wagten, wurde mir klar, dass Isolation ein Sterben mit seinen 5 Phasen ist: Verleugnung, Wut, Verhandlung, Depression, Akzeptanz, und das auch noch viele Jahre später.

Am Ende ist so viel akzeptiert, dass alles okay ist, was nicht auch noch die Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung auf physischer Ebene eingrenzt.
So wird der Umstand ein Monster zu sein- auf immer und ewig- ohne Chance auf ein Sein als Schmetterling, zum Preis für ein physisches Überleben, das in einer unendlichen Schleife in Frage gestellt wird, durch die Befreiung noch vor Ende des Prozesses.

Genau deshalb meide ich Abhängigkeiten.
Genau deshalb ist meine mutigste Tat, mich an andere Menschen zu wenden und darauf zu verlassen, dass diese mir sagen, was ich tun kann/ darf/ soll/ muss, wenn ich es nicht weiß. Entweder, weil ich manche Dinge noch nie gemacht habe, oder weil mir (uns als Einsmensch) Lebenserfahrungsqualitäten fehlen.
Ich weiß, was ich machen muss, damit mir die Füße nicht weh tun- wie man sich stellen kann, wenn man tagelang irgendwo stehen muss. Ich weiß, wie man warm wird, wenns eisig ist; weiß, dass verhungern lange dauert; weiß, wie Durst in ganze, halbe und viertel Tropfen eingeteilt werden kann. Ich kann Dinge überleben, von denen andere Menschen hoffen, sie nicht einmal in Filmen sehen zu müssen.

Ich bin mit meiner Wut in die Freiheit gekommen.
Und jetzt fühlt es sich an, als hätte der Mensch, der mich fand ein Monster raus gelassen.
Ich kann nur Wut und Verhandeln.
Sowas will niemand und stößt es deshalb von sich.

Daran haben wir haben uns angepasst. Wir sind viele und können entsprechen.
Da sind Innens, die leugnen Bedürfnisse, akzeptieren alles und fragen ins Innen, ob sie so gefährlich sind, dass sie sterben sollten. Denken darüber nach, wie ein Sterben möglichst unauffällig und am Außen vorbei passieren kann- genauso, wie da Innens sind, die in Menschen immer “die Guten” sehen, die nett sind, sich kümmern, Klarheit um Umstände möglich machen.

Wir sind viele und genau deshalb bleibe ich wohl immer dieses Monster, das besser niemals raus gelassen worden wäre.

MonströsIch hab mich zu verpissen. Bin Affekt, bin bescheuert und nicht in der Lage Probleme zu erfassen- das einzige Problem ist ja, dass ich wütend bin. Schön mal beruhigen, dann kommt schon ein anderes Innen raus und man kann einsehen lassen, dass es ja gar kein Problem gibt- verhandeln hieße, etwas einzugestehen und ach- von wem ist das denn bitte abzuverlangen?

In meinem Innen gibt es mein Gefängnis noch.
Ich finds tröstlich, dass ich mich, wenigstens für mich allein, immer wieder einsperren und befreien kann.

Allein. Autark.
Monströs stark.

im Kreise gehn

Kugelblüte2.2 Die Bilder klebten wie Patina auf der Realität und obwohl sie sich zusammenzog und verkrampfte, war der Zug auf ihren Gelenken zu spüren.
Sie legte ihre Hände auf die Fäustchen, die sich unter dem Menschenkostüm verbargen und fuhr mit den Schilderungen des Heute über den Schlamm des Früher.

Sie erzählte vom Atmen und der Freiheit, vom Vorbei und Werden. Wachsen und stark sein.

Sie schauten einander an und während die Eine, obwohl verstoßen und zurückgezerrt, die eigene Position bewahrt, starrte die Andere im Zweifel über die Echtheit ihrer Anwesenheit über das angeleuchtete Gesicht und die schlagartig von ihr durchbohrten Hände.

“Leg dich ruhig wieder hin”, lächelte sie, während sie sich durchstach, im Versuch den Menschen auf die Matratze des Bettes zu nageln.
“Ich krieg das schon hin.”

Und sie kriegt es hin. Immer wieder, Tag für Tag.

Lächeln, sterben, auferstehen.
Vermeiden, erinnern, im Kreise gehn.

surreal

IMG_20140107_090507 Langsam kroch das Licht ins Zimmer. Schnitzte Umrisse schärfer, nuancierte Farben, verkündete den neuen Tag.
Ich hätte mir gewünscht, dass jemand bei mir ist.

War das echt? Dieses Gestern?
Wann spürte ich, dass es ein Kampf auf existenzieller Ebene wurde und diesen Kampf, mit den üblichen Empfindungen von Endlosigkeit inmitten der Krise, abgelöst hatte?

Ich hatte ein Zugticket gekauft.
Fühlte mich selbstsicher und stark, weil ich es geschafft hatte, eine Fahrkarte zu kaufen, die mich nicht “nach Hause” brächte. Weil ich mit einem Bahnmitarbeiter sprechen konnte. Weil ich sagen konnte, bezahlen konnte, machen konnte, was ich wollte.
Ich überlegte im Rausgehen, wo die kleine gelbe Eule hängen könnte. Wann ich die Ohrringeulen wohl tragen könnte.

Und dann trat ich wie Hans- guck- in- die- Luft in ein schwarzes Wurmloch und strudelte in der Art Angst, die mit Schweißflecken und Zittern einhergeht, zurück in die Innenstadt. Konnte nicht abrufen, wo ich war. Schickte meine SOS Signale durchs Handy. Ließ das Batsignal über den Himmel streifen und heulte in vielstimmigen Sirenen in den Äther.

Waren das Minuten oder Stunden? In welchem Intervall zerfaserfloss ich dort zwischen Spiegelwand und Juwelier? Wie lange kann ein Mensch in der Fußgängerzone still herumstehen, bis er auffällt?

“Sie hat gesagt, sie hat artig da im Wartezimmer gewartet und niemanden gestört. Hat sie sich da reingeschlichen oder wie war das?”. Es war die laute Gemögte. Die starke mutige, missachtende, die eigentlich irgendwie doch gar nicht mehr so richtig gemögt ist. Aber irgendwie doch. Oder nicht? Oder? Und wieso fragt sie mich, was ein anderes Innen wie gemacht hat, wenn doch sie die Quelle ist, die mir etwas sagen muss?
Es ist surreal.
Der arme Mensch im Wort „Therapeutin“.

Alles, was wir an dem Abend taten, war surreal.
Schmerzen, Muskelkrämpfe, beißender Dursthunger, Putz- und Spülmittel, Katzen, die ihre Köpfe schnurrend in meine Hand hineindrückten, NakNak* die ängstlich und verwirrt an meiner Seite war, eine wabbelige Körpergrenze und der dringdrängend notnötigende Zug zum Fenster. Später zu den Messern im Abwaschwasser.

Sie versteht die Bezeichnung “Gemögte” nicht.
Dabei war sie doch der Grund, weshalb wir nicht mehr von “FreundInnenschaften” sprechen.
Sie findet die Bezeichnung blöd.
Meine echten Gemögten mögen es.

Sie drängte zu trinken und zu essen.
Und ich war dankbar um diesen Druck von außen. Ich hatte schon lange weder gegessen noch getrunken.
”2 Tage sind schon gefährlich!”, hatte sie geeindringlicht und verständnislos den Kopf geschüttelt.

Was hätte ich ihr mehr sagen können als, dass ich das weiß? Es ging eben nicht. So einfach.
Mitternacht war es dann, als sie mich dann zu Hause absetzte.
Nicht einmal fragte, wie es mir inzwischen ginge.
Ob der Zug zum Fenster noch da sei.
Früher hätte sie gefragt und keine Antwort gelten lassen. So oder so, hätte ich bei ihr schlafen müssen.
Früher.
Wann ist das Früher zu Ende gewesen?

Mir tut jedes Wort, jeder Gedanke weh.
Trotzdem muss ich schreiben.
Muss ich sortieren.

“Ob das eine Art selbstverletzendes Verhalten ist?”, klirrte ein Gedanke auf den Boden und scheppert metallisch lachend von links nach rechts.

hier

lilaHimmelSie umkreisen einander, wie Monde einen Planeten.

3 Wochen waren lang.
Die Entfernung unendlich.
Die Annäherung brennt und reißt. Wärmt und erweitert.

Sie tasten vorsichtig. Nehmen auch das zarteste Fühlen in sich auf, wie tief ausgetrocknete Erden.
Fluten sich zu Ertrinkenden in ihrem Durst nacheinander.

Es ist noch immer wieder neu, wenn jene, die gehen auch wiederkommen.
Dass ein Abschied nicht für immer sein könnte.