Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.

Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

Intensiv

Ich erlebe gerade eine intensive Phase.
Es ist viel los, vieles davon neu. Manches erlebe ich auch nur neu, weil es nicht exakt gleich ist wie frühere Erlebnisse.
Etwas, was ich in der Reflexion dessen gerade über mich verstehe, ist etwas, das ich schon mal in der Hand hatte, als die Autismusdiagnostik lief: Rigidität, Starre, Zwanghaftigkeit, etwas, das als „übermäßige Kontrollbedürfnisse“ wahrgenommen werden kann.

Auf meinem allerallerersten Psychozettel, der mit meinem Hochbegabungszettel kam, stand etwas von „anankastischen Persönlichkeitszügen“. Also Zwanghaftigkeit qua Persönlichkeit.
Doch im Verlauf meiner Klapskarriere konnte ich tatsächlich zwanghafte Menschen neben mir sehen. Geplagte Seelen, die von ganz bestimmten Gedanken und Ängsten aufgefressen wurden und im Grunde nicht einmal von ihren eigenen Beruhigungshandlungen wirklich beruhigt werden konnten.
Mir hingegen haben die KJP-üblichen Tages- und Wochenpläne, allgemeine Vorhersehbarkeit der Geschehnisse in meinem Umfeld und konsequent eingehaltene Regeln mit definiertem Abweichungsspielraum gereicht, um mich prinzipiell orientieren zu können und bedingt sicher zu fühlen. Wusste ich, wann welche Abweichung nötig ist, dann konnte ich sie hinnehmen. Sie hat mir nicht gefallen und ich habe mir gemerkt, dass sie stattgefunden hat – aber ich bin deshalb nicht komplett panisch gewesen oder sah mich zu Ausgleichshandlungen gezwungen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aber mein Verständnis dafür, was andere Menschen als Abweichung verstehen und dass das in der Regel etwas anderes ist als das, was ich darunter verstehe, schärft sich zunehmend. Und wieder bewege ich mich in der Autismus vs. Komplextrauma-Schwammigkeit.

Ich ordne es als autismusbedingt ein, dass ich zu „für immer“-Einordnungen und – Bestimmungen neige. Also relativ strikt und sehr kategorisch ordne, was ich wie wann wo mit wem warum wie lange wozu mit welchem Ergebnis (auf allen sinnlichen Achsen) erlebe und in der Folge annehme, dass dieses Erlebnis immer so sein würde, würden alle Marker übereinstimmen. Kommt es zu einer Abweichung, ist das Erlebnis für mich gleich ein komplett anderes (bzw. das geplante Ereignis und alles, was dazu gehört, geht für mich „kaputt“) und ich ordne es „für immer“ als ein anderes ein.

Diese kategorische Einordnung nehme ich manchmal bewusst nach eingehender Analyse, meistens aber einfach aus mir heraus vor. Da ich immer etwas hinterherhinke, was das Erfassen des Gesamtbildes angeht, ist das auch nötig. Denn aus dem ergibt sich meistens der Konflikt mit anderen (meistens nicht autistischen) Menschen. Entweder haben sie einfach ein ganz anderes Gesamtbild (also eins, in dem die Dinge, die ich wahrgenommen habe, überhaupt nicht vorkommen) oder eins, das ich nicht nachvollziehen kann (etwa, weil sie die Dinge, die ich wahrgenommen habe und als dazugehörig einordne, viel stärker oder auch schwächer in der Relevanz einordnen).

Ein Beispiel dafür ergab sich erst neulich, als ich meinem Mann sagte, ich würde in den nächsten Tagen gern jeweils einen Apfel essen. Ob er mir beim Einkaufen 4 mitbringen kann. Es waren noch 4 Tage, bis ich das nächste Mal einkaufen gehen würde, und ich habe 3 Sorten, die ich esse. Er bot mir an, von seinen Äpfeln zu nehmen, dann müsste er heute nicht einkaufen. Er hatte 6 Gala-Äpfel und isst selbst jeden Tag eine für mich unklare Anzahl.
Mein Mann hatte das Gesamtbild: Hannah möchte 4 Äpfel. Ich gebe ihm_r gern welche von mir ab.
Mein Gesamtbild war: Ich möchte eine Abweichung von meinem Einkaufsplan (und also meinem Wochenplan) verhindern. Deshalb frage ich meinen Mann, ob er für mich die Äpfel mitbringen kann, die ich beim letzten Einkauf nicht bekommen habe. Er macht mir freundlich ein abweichendes Angebot zur Verhinderung. Abweichung – er geht nicht wie gedacht heute einkaufen (Quelle für Beunruhigung), Abweichung – die Sorte ist falsch, Abweichung in der Zukunft – nähme ich die 4 Äpfel jetzt, würde er seinen Einkaufsplan für die Woche nicht einhalten können (Quelle für Beunruhigung), Abweichung in der Zukunft – würde ich diese Äpfel verwenden, würden alle Gerichte und Snacks, die ich damit mache, andere sein als die, die ich eingeplant hatte (Quelle für Beunruhigung). Offene Optionen: selbst nochmal fahren (macht Tages- und Wochenplan kaputt (Quelle für Beunruhigung), morgen früh fahren (same), Essplan ändern (same), die Äpfel annehmen und ungeplant eine neue Geschmackserfahrung machen (same))

Mein Mann kam später mit „meinen Äpfeln“ von der Hunderunde zurück.
Für mich war das total überraschend. Ich hatte nicht angenommen, dass er das tun würde. Er hatte mir doch dieses alternative Angebot gemacht [das Erlebnis ist eindeutig kategorisiert] und meine Aufgabe war, mich mindestens einer Beunruhigung zu stellen (mich auf eine Anstrengung/einen Kampf vorzubereiten, um mir ein Okaysein damit abzuzwingen, dass es Abweichung gibt, die weitere nach sich ziehen könnte) [in Folge der eindeutigen Kategorisierung arbeite ich mit den ebenfalls eindeutig kategorisierten Erlebniserfahrungen].
Dass ich innerlich so operiere – und von solchen Abweichungen überraschbar bis komplett überflutet (überfordert) werden kann, ist erklärbar mit Unbeweglichkeit. Starre. Persönlichkeitsbedingter Zwanghaftigkeit. Traumabedingtem Freeze. Autistischer Trägheit.

Einen traumabedingten Freeze würde ich bei einer vergleichbaren Situation daran erkennen, dass ich die Situation mit Gewalterfahrungen abgleiche oder gleichsetze. Bei der Apfel-Situation würde ich zum Beispiel davon ausgehen, dass mein Mann mir eine reinhaut, wenn ich die Äpfel nicht annehme oder ausdrücke, dass ich lieber doch gern hätte, dass er macht, worum ich ihn gebeten hatte. Oder, wenn ich in meinem Gesamtbild vor allem Katastrophenszenarien habe, die mich nicht nur beunruhigen, sondern tatsächlich ängstlich oder panisch machen.
Zur Prüfung einer persönlichkeitsbedingten Zwanghaftigkeit würde ich nach persönlichem Bezug bzw. persönlicher Mechanik suchen. Will ich das, damit ich weiß (kontrolliere) was mein Mann jetzt macht? Will ich das, damit ich diesen Bereich klar habe (kontrolliert weiß)? Würde mich an der ganzen Sache nur beruhigen, dass es Kontrolle gibt, dann würde ich einen Zwang in Betracht ziehen.

Ich wollte aber nur die Äpfel haben, die ich auf meinem Einkaufszettel hatte, die es jedoch an dem Tag, in dem Laden, in dem ich immer einkaufe, nicht gab. Und ich wusste, dass mein Mann üblicherweise jeden Tag auch noch woanders hinfährt. Ich hatte eine Erhaltungsrechnung angestellt: „Welche ‚für immer‘-Faktoren können die Abweichung kompensieren, ohne selbst dabei beschädigt zu werden?“
Diese Erhaltungsrechnung hat viel von traumabedingten Vermeidungstänzen, in denen die Leitfrage ist: „Was kann ich tun, um XY nicht tun zu müssen oder XY nicht ausgeliefert zu sein?“ Sie unterscheidet sich jedoch im Ergebnis bzw. Stressniveau. Für meine traumabedingten Vermeidungstänze waren (und sind manchmal noch) meine Grenzen und „für immer“-Kategorien scheißegal. Will ich etwas nicht machen, weil es Erinnerungsprozesse bei mir auslöst oder mich mit Traumainhalten konfrontiert, die ich als unkontrollierbar einordne, dann ist „Nein, weg hier“ der einzige „für immer“-Faktor, den ich erhalte. Egal, wie viel dabei kaputtgeht.

Die Lebensphase, in der ich gerade bin, erfordert von mir sehr viel Flexibilität und geistige Anpassungsleistung.
Ich arbeite in zwei Jobs, habe den Blog, den Podcast, Spontan„beratungen“ per Mail, Freund*innenschaften, die über viele Kilometer zu pflegen sind, eine Traumatherapie und eine medizinische Kinderwunschbehandlung.
Seit Monaten verlangt jede Woche sehr viele geistige Arbeitstransitionen. Ich muss oft sehr schnell, sehr stark umschalten, meinen „Train of thought“ von einem „für immer“-Gleis auf ein anderes umstellen. Ohne Planung, ohne Zeit für genau diese Umstellungsprozesse geht für mich sehr viel kaputt. Und zwar nicht nur in meinem Konzept von einem Tag oder einer Woche, sondern auch von den Dingen, die ich als „für immer“-Faktoren einordne und auf die ich mich verlasse.

Unverhinderlich in all dem sind Zufall, Lauf der Dinge, das Leben selbst. Auch wenn ich das geistige Umschalten, das Arbeiten im richtigen Modus (auf dem richtigen Gleis) schaffe, heißt das nicht, dass sich die Dinge nicht doch auf eine Art entwickeln, indem das, was ich einbringen kann, noch passt. Meine allgemeine Langsamkeit in der Erfassung des Gesamtbildes bedeutet eben auch, dass meine Anpassung verzögert ist. Und ich immer wieder von für Außenstehende offensichtlichen „Banalitäten“ oder nicht wirklich unvorhersehbaren Entwicklungen massiv überrumpelt werde.
Was manchmal schön ist, wie bei dem Beispiel mit den Äpfeln und manchmal hart an der Grenze dessen, was ich als einer seelischen Verletzung nah kommend einordne. Also einem Erleben, in dem das „Kaputtgehen“ von „für immer“-Faktoren dazugehört. Wo die Dissoziation meines Selbst- und Umwelterlebens einerseits biologisch bedingt ist – andererseits aber auch davon verstärkt wird, dass ich nicht schnell genug darin bin, bestehende Abweichungen zu kategorisieren. Ich löse mich dann nicht nur deshalb auf, weil unerträglich ist, was mir passiert, sondern auch, weil ich nicht in der Lage bin, eindeutig zu wissen, was eigentlich gerade überhaupt mit mir passiert. Und es nicht mal mit den (ja meistens wirklich mir freundlich und lieb zugewandten) Mitmenschen abgleichen kann.

Ich wende Skills an. Ich orientiere mich in der Gegenwart. Ich mache mir klar, dass mir gerade niemand tatsächlich schaden will. Aber eine Gegenwart, von der nicht ganz klar ist, wie sie ist, kann einfach nicht versichern. Die meisten Skills arbeiten zudem mit sensorischer Reizung oder mit Intellektualisierung als Vermeidung Ablenkung. Ich hingegen intellektualisiere schon im Extrem, wenn ich versuche zu erfassen, was mir jemand sagen will oder warum ich was wie genau eigentlich machen soll, wenn ich weder die Mechanik des Geschehens noch die Motive meiner Mitmenschen erfassen kann. Und der Stress, den ich dabei erlebe, dreht meine bereits erhöhten Empfindlichkeiten ins Extrem. Schon im Alltag reicht mir eine aufgelegte Hand, um mir sehr deutlich meine Körpergrenze aufzuzeigen. Eis, Ammoniak, kaltes Wasser, laute Ansprache, Gummiband ans Handgelenk schnipsen – das sind Dinge, die mich sensorisch, psychisch, geistig komplett entbeinen, weil ich sie in dem Moment als extrem schmerzhaft erlebe. Und zwar nicht Beinbruch-schmerzhaft sondern Nerv-entzündet-schmerzhaft. Und zwar global.
Mein Rahmen für die klassischen Skills ist entsprechend schmal. Ich kann sie nur zwischen „irritiert“ und „leicht beunruhigt“ erfolgreich und sicher für mich anwenden. Alles darüber hinaus ist für mich zu viel. Es schadet mir. Hat mich in meiner Klapsenvergangenheit psychisch, emotional verletzt.

Nach der Erfahrung vor nun fast zwei Wochen merke ich, dass ich mir Vorwürfe mache. Dass ich hätte anders reagieren können. Dass ich entspannter hätte sein können. Dass mich beschäftigt, warum ich denn for fucks sake immer so scheiß empfindlich und irritierbar bin. Warum ich denn Abweichungen nicht ein Mal einfach ziehen lassen kann, ohne meine innere Welt oder meine Vorstellung von der Welt komplett zerstört zu empfinden. Warum muss ich immer alles wissen und bin so blöd, auch noch andere Leute danach zu fragen, wenn ich doch schon weiß, dass sie das meistens nervt oder irritiert oder ihr Bild von mir verzerrt oder sie sich davon gegängelt oder kontrolliert fühlen.
Es hilft mir gerade nicht, realistische, faktisch richtige Antworten darauf zu haben. Mein Selbsthass speist sich ja nicht aus Faktenwissen.
Es hilft mir zu wissen, dass es von Anfang an eine traumanahe Erfahrung war, die sich überwiegend aus Faktoren, die außerhalb meiner Kontrolle waren, ungünstig entwickelt hat. Und dass ich in meinem Mann einen Verbündeten habe, der mir hilft, diese Situation für ihn und mich bedarfsgerecht nachzubesprechen und aufzuarbeiten. Es stärkt mich sehr, dass er für mich so eindeutig möchte, dass sich das nicht wiederholt und wenn nötig auch große Konsequenzen mit mir zieht. Er gibt mir, im Gegensatz zu mir, überhaupt keine Schuld oder macht mir Vorwürfe. Obwohl er mich manchmal auch zu empfindlich wahrnimmt oder sich von meinen Nachfragen zu Sachständen kontrolliert fühlt. Er erlebt das nicht als Widerspruch. In seiner „für immer“-Kategorisierung gibt es meine traumalogischen „für immer“-Faktoren nicht, nach denen ich jedes Recht auf Unversehrtheit verliere, weil ich existiere und das nicht verberge oder verschleiere oder der Situation angemessen verändere.

Wir wollen mit der Klinik nochmal in Kontakt gehen und das Ereignis besprechen. Mir ist schleierhaft, wie man darüber anders reden könnte als mit einer Faktensammlung und einem gegenseitigen Abgleich, zum Zweck der jeweiligen Anpassung. Also Entwicklung eines Sets von Erwartungen, die zwingend erfüllt werden müssen, damit es genau die Anpassung ist, auf die man sich gemeinsam geeinigt hat. Für mich ist damit klar, dass diese Anpassung von mir maximale Leistung erfordert. Für ihn ist das nicht so klar.
Ich beobachte ihn sehr genau dabei, wie er das navigiert. Ich habe nicht eine einzige „Für immer“-Erfahrung damit, dass irgendetwas wirklich und echt, ganz richtig nicht von mir erfordert, mich gegen mich oder meine intuitiven Impulse zu entscheiden, und also ohne jede Gefahr so langsam zu sein, wie ich eben bin.
Das wird spannend. Interessant.

Intensiv.

Nichts über uns, ohne uns

Na? Kennst du diesen Spruch?
Wenn du mit einer Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung lebst, dann könnte er dir schon einmal begegnet sein.
Aber kennst du auch das Stück des Spruchs, das für ordentlich Sprengstoff sorgt?
Eigentlich geht der Spruch nämlich so: „Nichts über uns, ohne uns, ist für uns.“ und zeigt ganz deutlich auf eine Machtfrage. Genauer: einen Konflikt um Macht.

Natürlich habe ich einen aktuellen Anlass, mich an diesen Spruch zu erinnern. Und doch ist es nicht das erste Mal, dass ich im letzten halben Jahr in einer Sache, an genau diesen Spruch, an genau diesen Konflikt, diese offene Frage gebracht wurde. Nicht das erste Mal, dass ich mich über medizinische, psychologische, „heiltätige“ und journalistische Fachpersonen ärgere, die sich sowohl öffentlich als auch nicht öffentlich als Retter*innen oder Stimme von Be(Ge)troffenen (Ritueller) (organisierter) sexualisierter Gewalt in der Kindheit gerieren. Aber auch über Betroffene, die sagen: „Naja, aber es ist wenigstens was. Besser als wenn alles unterm Teppich bleibt. – Ist ja auch nett gemeint. Die wollen ja nur helfen.“

Ich komme mir inzwischen vor, als wäre ich eine Art Bewegungsarchivar_in, die an die absoluten Basics von Betroffenenbewegung und Emanzipation erinnern muss. Zu diesen Basics gehört das, was sich in diesem Spruch bündelt:
Egal, wie groß, wie schwer, wie umfassend deine (psychische, körperliche, chronische) Erkrankung (Behinderung) ist – du bist dadurch Teil einer überproportional und häufig intersektional diskriminierten Personengruppe. Wenn jemand über dich spricht – und das ohne jede direkte und in Wirkung gleichgestellte Einflussmöglichkeit –, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das Ziel dieses Sprechens eines ist, das den Sprechenden dient. Du wirst in diesem Gespräch benutzt, damit andere zum Beispiel mehr sozialen Einfluss bekommen. Oder fachliche Reputation generieren. Oder dir in Rang, Klasse oder noch allgemeiner: Möglichkeiten der Machtausübung über dich und Menschen, die wie du diskriminiert werden, weiterhin überlegen bleiben.
Diese Sprechakte sind also in erster Linie für die Sprechenden gut, hilfreich, nützlich und sorgen für Stabilität im Machtverhältnis zwischen dir und ihnen.

Die Folgen dessen sind zum einen eine weiterhin bestehende Trennung zwischen dir (die_r Patient_in, Klient_in, behinderte Person) und ihnen (die_r Fachperson, die_r Behandler_in, Berufsbezeichnung XY). So geraten alle kranken und behinderten Fachpersonen zum Beispiel in einen dauerhaften Konflikt um ihre eigene Reputation, ihr berufliches Ansehen, ihre soziale Sicherheit und können deshalb nicht einmal unter ihren eigenen Kolleg_innen etwas dagegen tun. Sie wissen: „Mache ich mich hier sichtbar als jemand, über den sie sprechen, ist es vorbei für mich.“ Also sind sie still. Sie fallen den gleichdiskriminierten Menschen in den Rücken bei voller Solidarität. Auch sie sprechen über dich, ohne dich und damit nicht für dich. Auch wenn ihnen das ganz ganz ganz doll leid tut.

Was zudem passiert, wenn so eine Gruppenspaltung, so eine Machtungleichheit (und damit Unterdrückung einer Gruppe) aufrechterhalten wird, ist, dass Dritte davon profitieren. Das sind von jeher (scheinbar) konkurrierende Fachdisziplinen, aber überwiegend Quacksalber und Unternehmen, die Kapital aus Hilfsmitteln, Medikamenten, Kliniken, (geschlossenen) (Pflege)Heimen, Aus- und Weiterbildungsinstituten, therapeutischen Einrichtungen, Betreuungen und noch vielem mehr generieren. Seit der Privatisierung des Fernsehens gehören auch Medienhäuser dazu und in der Folge ebenso Journalist_innen.
Aber auch Menschen, denen es ganz persönlich gefällt, wenn es anderen Menschen schlechtgeht, profitieren davon. Also Menschen, die andere Menschen gern oder aus Gewohnheit oder aus Fetisch oder aus Spaß oder aus anderen, vielfältigen Motivationen heraus, verletzen, ausbeuten, entmenschlichen, unterversorgen, quälen, beschämen, entwürdigen … Aber auch Menschen, die sich gern als aktive Retter_in, als Held_in, als Sprachrohr, als Heilsbringer_in für die Schwachen wahrnehmen oder dieses Bild von sich bei anderen präferieren, da sie damit von mehr sozialer Zustimmung ausgehen können.
Warum? Weil die regelhafte Unterdrückung von bestimmten Personengruppen in unserer Gesellschaft eigentlich nicht als richtig, okay, in Ordnung wahrgenommen wird. Ganz eigentlich geht es für niemanden klar, zu wissen, dass die Nachbarin für dumm, unfähig und wertlos in ihrem Beitrag zur Gemeinschaft gehalten wird, nur weil sie mit ihrer Cerebralparese nicht so deutlich sprechen kann, wie andere. Ganz ganz eigentlich findet es in unserer Gesellschaft niemand okay, wenn Menschen als Kinder Gewalt üb.erleben mussten und davon krank werden. Und dann damit leben sollen, dass ihnen im Fernsehen jede Würde genommen, vor Gericht per se die Lüge unterstellt, von der Krankenkasse der Leidensdruck abgesprochen und von Behandler_innen meistens erst einmal jede Reflexionsfähigkeit über die eigene Krankheit abgesprochen wird.
Wenn Menschen damit so offen und klar konfrontiert werden, finden sie das alle, ganz klar und sofort, absolut scheiße.
Aber wenn der Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs nicht weitergeführt wird, stellen sie sich nicht offen an die Seite derer, die auf ihn angewiesen sind.
Wenn es Einzelpersonen oder Vereine gibt, die Narrative verbreiten, nach denen alle schändlich motiviert lügen oder komplett unzurechnungsfähig seien, die angeben, sie hätten sexualisierte Gewalt erfahren, gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass das nicht mehr stattfinden darf.
Und das alles, weil die Abwehr von Krankheit und Behinderung zu tiefgreifender Abtrennung führt und auf allen Ebenen unserer Gesellschaft strukturell, kulturell und sozial aufrechterhalten wird. Die Annahme (temporär) Unbetroffener ist, dass sie mit dem, was diskriminierten Gruppen passiert, nichts zu tun haben. Und, dass sie von der Diskriminierung nicht auch profitieren. Sie also auch nicht aktiv dazu beitragen, zu unterdrücken, wenn sie sich aus möglichen Konflikten raushalten. Dass es reicht, wenn sie Mitleid äußern und sich vorstellen, dass das ganz doll doof ist, wenn für jemanden nur wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht alle Menschenrechte gelten.

Diese und andere Fehlannahmen immer wieder aufzudecken, ist ein Kern der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die viele Inklusionsaktivist_innen, behinderte/chronisch kranke Selbstvertreter_innen, Blogger_innen, Mental Health Influencer_innen und wie man Bewegungsarbeiter_innen heutzutage sonst noch nennt, jeden Tag leisten.
Doch wie kommt die an? Über reichweitenstarke Aktivist_innen wie Raul Krauthausen oder Tanja Kollodzieyski habe ich schon mehrfach gehört, sie würden „irgendwie nerven“. Im aktuellen Kulturkampf um die Validität der DIS Diagnose und den Themenkreis (Rituelle) organisierter sexualisierter Gewalt wird diese Arbeit zu leisten mit krankhafter Gefallsucht und irrationaler Massenhysterie erklärt. Und niemand, der nicht selbst behindert, chronisch krank, gewaltbetroffen und erkrankt ist, widerspricht. Die Kritik an diesen Aussagen über die Aktivist_innen (und letztlich ja auch Vermittler_innen) als Sprechakt über sie, ohne sie und also nicht für sie – also als Sprechakt, der sie herabsetzt und damit neuerlich unterdrückt – verläuft sich wirkungslos in der eigenen Gruppe.

„Kann man halt nix machen. Die haben halt ihr Bild. Mach dir nix draus.“ soll Trostpflaster sein. „Mach weiter – das ist so wichtig. Es sind ja nicht alle so. Irgendwann ergibt sich mal ’ne Möglichkeit für Beteiligung und Veränderung“ soll motivieren. Tja, und dann sieht man einen Film wie Blinder Fleck durch Deutschland tingeln und kann als Betroffene_r nichts dagegen sagen, weil er ja extra für sie gemacht wurde. Und also Dankbarkeit abzwingt, obwohl er auf allen Ebenen genau gar nicht ist, was Betroffene brauchen. Vor allem jetzt nicht. Jetzt, wo ganze Redaktionen, scheinbar unfähig zur kritischen Verantwortungsreflexion, weitgehend unverschleierten False Memory-Unsinn veröffentlichen, den in seiner Gefährlichkeit für alle Betroffenen sexualisierter Gewalt, egal welcher Form und Schwere, aufzudecken bei denen bleibt, die sich sozial leisten können, das zu tun.

Die, um die es geht, werden in der aktuellen Konfliktsituation um (Rituelle) organisierte sexualisierte Gewalt und die DIS, über sich selbst ganz selbstverständlich als einverstanden mit dem Umgang von Behandler_innen mit ihnen gedacht – was schlicht anmaßend ist – und wie gewohnt in Passivität gehalten. Das aktuelle Beispiel dafür ist die geplante Fachtagung „DISkurs“, deren Name und Kernidee von Betroffenen geklaut wurde.
Ausgerichtet wird diese Tagung von den Kitzberg-Kliniken in Bad Mergentheim. Ein Haus, das bereits Anfang der 2000er in jeder Empfehlungsliste für Menschen mit DIS aufgeführt ist. Also eines, das Menschen mit DIS tendenziell eher nicht so leicht boykottieren oder meiden können wie die Privatklinik „Waldschlösschen“, um wenigstens durch ihren Einfluss als Verbraucher/Kund_innen ein Zeichen ihrer Kritik zu setzen. Was eine aktuell übliche Protestform von Menschen ohne strukturelle Einflussmöglichkeiten ist.
Besonders zynisch ist jedoch ihr Motto: „Dissoziative Identitätsstörung, Perspektiven verbinden, Komplexität verstehen“. Das wird nur noch davon überboten, dass die Anmeldung zu dieser Tagung für Patient_innen ausdrücklich nicht gestattet ist. Außer für Ramona Geupert, „Vertreterin der Selbsthilfe, Expertin aus Betroffenenperspektive“. Von der habe ich in 21 Jahren Aktivismus, Selbsthilfe und Netzwerkarbeit unter Menschen mit DIS und in diversen Vereinen noch nie gehört (Sorry Ramona, falls du das liest, bist bestimmte ne Nette, die alles richtig macht, aber ey, wenn du alle aus der Selbsthilfe vertrittst, sollten dich auch alle kennen).
Man hat sich also eine aus welchen Gründen auch immer naheliegende Betroffene als Feigenblatt ausgesucht. Wahrscheinlich steht deshalb sogar irgendwo was von „Betroffenenpartizipation“ in der internen Konzeption dieser Tagung, was ein aktuell absolut übliches und dennoch ausbeuterisches Vorgehen wäre.
Der Rest der Referent_innenliste ist das Pi mal Daumen-Who is Who der Konfliktberührten, die man hier zusammenbringt, „damit man mal beide Seiten hört“. Als wären wissenschaftliche Evidenz und juristische, therapeutische sowie gewaltkulturelle Praxis im Kern das Gleiche, weil es das Thema und die Personalien teilt.
Das ist einfach nicht der Fall.

Eins muss Betroffenen von (Ritueller) organisierter sexualisierter Gewalt, die in der Folge eine DIS entwickelt haben, komplett klar sein: Diese Tagung gibt es, damit über euch geredet wird. – Nicht, damit euch besser geholfen werden kann. Nicht, damit die Gewalt endet. Nicht, damit eure Lebens- und Behandlungsbedingungen verbessert werden. Nicht, damit eure Erkrankung besser verstanden wird. Nicht, damit sich im Fernsehen niemand mehr über eure Gewalterfahrungen lustig macht. Nicht, damit an euch in der Zukunft nicht das soziale Exempel statuiert wird, das dann auf alle Betroffenen sexualisierter Gewalt auch angewandt wird.
Nein – hier geht es um Machterhalt. Um Deutungshoheit. Die einen wollen von den anderen, dass sie aufhören zu sagen, dass sie keine richtig echte Ahnung haben. Und um das zu begründen, bekommen sie Bühne.
Die Besucher_innen können sich dann austauschen und vernetzen. Vielleicht entsteht daraus irgendwo ein mutiges Therapeut_innengrüppchen, das den Arsch zusammenkneift und dann irgendwann auch mal was mit und für Betroffene auf die Kette kriegt. Sich mal öffentlich neben uns stellt, den Rücken breitmacht und einen ganz konkreten Beitrag leistet, der dafür sorgt, dass mindestens mal mit uns und für uns gesprochen wird.
Aber die Chancen darauf, dass diese Veranstaltung dazu führt, sind gering.

Wenn wir als soziale Gruppe etwas davon lernen sollten, dann ist es Folgendes: Das sind im Moment nicht unsere Verbündeten. Nicht, weil sie nicht das Beste für uns wollen – sondern, weil sie das nicht Beste für uns tun.
Ich verstehe, dass das viele abwehren wollen oder sogar müssen. Es ist hart, anzunehmen, dass die, die uns qua Behandlungsvertrag und Selbstbeschreibung, Lebenswerk und öffentlichem Auftreten immer das Gegenteil vermitteln, dem gar nicht konsequent entsprechen. Dass die, von denen sich die absolut allermeisten als soziales Gegenüber, als privatpersönliches Individuum auch wirklich krass darum bemühen, dem zu entsprechen, letztlich nicht wirklich, nicht konkret, nicht politisch, nicht gesellschaftlich … irgendwas so richtig ändern helfen.
Und zwar nicht, weil sie nicht können, sondern, weil es mit Verlustrisiken einhergeht, die einzugehen sie nicht bereit sind. Es ist leichter, kranke Leute zu behandeln, zu bemitleiden oder für Medien, Reputation oder Forschung zu missbrauchen, als sie als gleichwertige, gleichstimmige Menschen auf allen Ebenen und unter allen Umständen zu behandeln.

Dafür kann man Verständnis aufbringen.
Das kann man als Begründung wahrnehmen.
Die Realität für erkrankte Opfer von Gewalt verändert sich dadurch kein Stück.

harte Scheiße

„Und? Können Sie sich an alles erinnern? Hoffentlich nicht.“ Sie, meine Ärztin, die einzige, die mich öfter als ein Mal untersucht hat, lacht. Nervös? Angespannt? Unsicher? Sie lacht mich nicht aus, das weiß ich. Aber mitlachen, sich mit ihr dafür entscheiden, Schwere zu nehmen und nicht weiter darüber nachzudenken, dazu bin ich noch gar nicht fähig. Und jetzt, zwei Tage später, auch nicht bereit.

In meinem Körper sitzen Schmerz und Betäubung dicht zusammen, mir ist schwindelig und stundenlang schlecht. Ich bin verwirrt, dass diesmal alles anders ist als beim letzten Mal und niemand versichert mich darüber. Heute frage ich mich, ob ich diesen Bedarf überhaupt formuliert habe. Bin daneben aber auch sehr sicher, dass es ohnehin weder Zeit noch Raum gegeben hätte, ihm zu entsprechen.
Niemand sagt mir die Namen der Medis, mir fehlen damit Abgleichdaten aus meinen Behandlungserfahrungen. Nur zufällig verhindere ich, dass mir etwas gegeben wird, worauf ich allergisch bin.
Ich bin mir sicher, dass es auch damit zu tun hat, dass die Person nicht so gut Deutsch sprechen und verstehen kann, wie ich es für dieses Unterfangen brauche. Doch auch diesmal sprechen wir, mein Mann und ich, das nirgendwo an. Wir nehmen an, dass sie ihr Bestes gibt, zu lernen und zu üben. Sind grundsätzlich auch einverstanden damit, uns nicht ganz auf sie zu verlassen und auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Das für mich wichtige Sicherheitsgefühl entsteht so nicht.
Und ganz eigentlich sollten wir nicht damit einverstanden sein müssen. Die Verantwortung ist eigentlich gar nicht bei uns. Wir sind schließlich hier, gerade weil wir nicht darin ausgebildet sind, diese Verantwortung zu übernehmen.

Ich bin dazu noch in einer Situation mit Menschen, die mir vermitteln: „Körper sind halt keine Maschinen, da ist nicht immer alles gleich. Alles kann unterschiedlich sein. Man kann das nicht vergleichen.“ Ich verstehe deutlich, dass mir damit eine Selbsterfahrung abgesprochen wird, die offenbar nur auf meinem Planeten existiert. Und schweige.

Der ganze Eingriff ist ein Desaster.
Ich habe Schmerzen, die ich so massiv nicht haben sollte. Bis in Bereiche, die von der Quelle weit entfernt sind.
Die Ärztin, die mir später wünscht, dass ich mich an nichts davon erinnere, wollte ich dabei haben. Ich hatte darum gebeten, weil ich diesmal nicht dissoziiert sein wollte. Ich wollte bei mir bleiben und für mich da sein. Sie war da und hielt meine Hand als Anker. Bis sie losließ, aufstand und sich an der Schmerzzufügung beteiligte.
Weil es nötig war.
Denn unterbrechen kann man das alles nicht. Nicht, um mir zu sagen, was los ist. Nicht, um mir zu erklären, wofür genau das nötig ist. Nicht, um mich auf alles andere neben dem Schmerz vorzubereiten. Nicht, um mich durchatmen zu lassen. Nicht, um meinen Konsens abzufragen.

Die Abläufe brechen erst, als ich nicht mehr sprechen, meinen Körper nicht mehr als meinen empfinden und zielgerichtet ansteuern kann. Und dann greift die Angst. Das Gesamtbild, das die Beteiligten von mir haben, fragmentiert noch weiter. Aus einem Körperbereich in Ultraschall und OP-Lampe wird eine menschliche Blackbox, in der nichts mit nichts zu tun hat. Die Gewalterfahrung, von der ich berichtet habe – eine Randnotiz. Die dissoziative Störung, die ich erwähnt hatte – keine Information, die mit dem Geschehen hier verknüpft wird. An mir wird gerüttelt und geklopft, jemand drückt mir Laute ins Gehör, die ich nicht als Worte identifizieren kann. Ich verstehe, dass sie Kontakt mit mir wollen – und kann nicht zusammenbringen, wieso. Sie stehen doch schon mitten in mir drin. Sie sind mir doch schon so viel zu nah, dass ich sie gar nicht mehr als individuelle Wesen, sondern als grenzenlos vermischte Schmerz.Reizquellen wahrnehmen kann. Selbst als ich meinen gehobenen Daumen, meinen sensorischen Raumteiler zwischen mir und anderen Menschen, sehe, entsteht bei mir kein Gefühl von Raum und Zeit, Grenzen und Bezug. Es wird kalt und rauh in meinem Gesicht, ich werde weiter mit lauten Geräuschen überschüttet. Und während ich weder außerhalb noch innerhalb von mir schwebe, steigt ein Kinderinnen aus meinem Bauch und lächelt und nickt und sagt Ja zu allem, bis sie aufhören.
Es ist mein Mann, der ihm hilft, indem er uns abschirmt. Wie ein Wellenbrecher den hilflosen Anweisungen Druck und Anspruch nimmt. Ammoniak und Leute von mir fernhält. Mir durch konstanten Druck auf Hand und Oberkörper den Anker gibt, den ich brauche, um mich selbst im eigenen Tempo ordnen zu können. Soweit ich das in dem halbsedierten Zustand schaffe. Es wird noch bis zum Abend dauern, bis ich mir sicher darüber bin, dass mein Körper wirklich und auf allen Achsen mein Körper ist.

Bis wir die Station für einen Kreislauf-Spaziergang verlassen, werde ich noch dreimal gefragt: „Geht es Ihnen gut?“ und jedes Mal schlucke ich meine Verwirrung über die Unbestimmtheit der Frage und Verzweiflung über die Not des Antwortdrucks runter. Jedes Mal verliere ich meine Selbstkontrolle an eine unterwürfige Kraft, die mich gnadenlos an den Rand meines Selbst.Bewusstseins drückt.
Als wir dann zum Abschlussgespräch der Ärztin gegenüber sitzen, habe ich nichts mehr zu teilen. Ich glaube nicht mehr, dass jemand meine Fragen, meine Verwirrungen und meine Verängstigung schon mal gar nicht, überhaupt begreift. Bin mir sicher, von einer Illusion über Aufgehobenheit, Sicherheit und Miteinander aufgeweckt worden zu sein. Ich glaube nicht mehr daran, dass Kontakt- und Sprechangebote wirklich für mich da sind. Vielmehr wirken sie jetzt wie eine Falle.

Zu Hause merke ich, dass meine körpernahe Kleidung nass ist. Gesicht, Hände und Füße sind kalt. Ich kann meine Augen nicht fokussieren. Der Rest Frühstück in meinem Rucksack schmeckt immer noch nach Körperflüssigkeiten statt Brot und Apfel. Die schwere Decke löst Angst aus. Ich gehe ins Bett und halte die Luft zwischen den Atemzügen an, bis ich einschlafe.
Später kann ich mit einer neuen Begleiterin sprechen.
Als wir auflegen, ist mir warm.

Am nächsten Tag wischt sich mein Mann Tränen aus den Augen, als er sagt, dass zu sehen, wie tief dieser Traumascheiß sich reingefressen hat, einfach harte Scheiße ist.

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

die Menschenausstellungen unserer Zeit

Seit einigen Wochen wird mir von verschiedenen Leuten erzählt, dass es eine neue Doku über DIS gibt. Auf arte. „Ganz wissenschaftlich“, „total gut gemacht“, „da wirst du nichts gegen haben“, heißt es. „Werden Wechsel gezeigt?“, „Ist die betroffene Person allgemein handsome, lustig und ‚voll sympathisch‘?“, „Sagt jemand, die DIS sei ein Überlebensmechanismus?“, frage ich zurück und erfahre, dass es so ist.
Klar, denke ich, klar, klar, klar. Anders kann Liz Wieskerstrauch auch keinen Film dazu machen. Hat sie nie, konnte sie nie, wird sie nie. Konnten ja auch andere nicht. „‚Der Zuschauer‘ muss es ja sehen“, finden sie. Es, das Vielesein. Das Mysterium, das schon so lange keins mehr ist. Das Rätsel, das nur deshalb als Rätsel verhandelt wird, weil die Lösung banal erscheint und von den Falschen das Richtige abverlangt.

Ich bin es so leid. Es macht mich so wütend. Auch auf jene Unterstützer_innen, die diese Filme herumreichen, weil es so ein allgemein bekömmliches Stück Öffentlichkeitsarbeit ist. Da gibt es nur allzu oft die Annahme, dass lange, detaillierte Erklärungen verschrecken. Verschließen. Keinen Reiz setzen, sich zu verbünden und sich mitzukümmern. Während einige Viele und ich in der Realität gerade auf so „gelockte“ Unterstützer_innen wirklich verzichten können.
Es ist unglaublich hinderlich, wenn Helfer_innen jedweder Profession und Beauftragung erst begreifen, dass sie Dissoziation und ihre Auswirkungen auf das Er_Leben eines Individuums noch nicht verstanden haben, wenn sie sich fragen, warum nichts aus ihrem Angebot hilft. Warum sie ständig so erschöpft sind. Sich fragen, ob die_r Klient_in vielleicht doch lügt, etwas vorspielt oder sie selbst einfach nicht klug genug, gut genug, fachlich ausgebildet genug sind.
Da gibt es so viele völlig unnötige Schleifen des Leids auf beiden, allen, Seiten. Einfach nur, weil man inhaltliche Abkürzungen gewählt hat, um zu verstehen.

Die DIS ist das Ergebnis eines Überlebensmechanismus. Die DIS ist das angepasste Weit.Er_leben in konstant toxischem Stressniveau. Es ist keine Lösung und auch kein Endpunkt. Es ist ein Er_Leben. Nicht mehr, nicht weniger. Nichts daran ist außergewöhnlich, nichts unnormal im Sinne von „dem Menschlichen abweichend“. Man muss kein sunny Smileface vor eine Kamera klemmen, das mir nichts dir nichts böse wird, um die Alltäglichkeit dissoziativer Brüche im Er_Leben von jemandem zu erklären. Es sei denn, man will sie gar nicht erklären. Sondern zeigen. Wie man Zootiere zeigt. Attraktionen. Obskure Besonderheiten.
Für mich sind diese Filme (wie viele andere Filme anderer Leute über Krankheiten und Behinderungen) tatsächlich die Menschenausstellungen unserer Zeit. Statt Schautafeln mit Rassenlehre, gibt es heute O-Töne von Professor Doktoren, Therapeut_innen und anderen Menschen, die sich selbst nicht auch als Viele erleben, mit Theorien und Studien darüber, wie es kommt, dass es uns gibt. Wie man die Erkrankung/Behinderung hätte verhindern können. Außerdem Ideen zum Umgang mit uns. Neben dem unausgesprochenen, doch klar definierten Ziel, unserer Normalisierung.

Eine Darstellung der Innensicht, des Selbsterlebens; die originären Selbsterzählungen von Vielen sind bis heute extrem rar. Obwohl es inzwischen zig DIS-Influencer gibt. Die sich alle ein sunny Smileface aufsetzen, sich super sympathisch machen, alles ganz fein wiedergeben können, was sie von Professor Doktoren und Therapeut_innen und an Studien gelesen haben. Für „den Zuschauer“, den solche Dokus erreichen sollen.
Was man mit „dem Zuschauer“ dann anfangen soll, wenn die Krankenkasse eine wirksame Heilbehandlung ablehnt, weil ihr Gutachter an false memories glaubt und Traumatherapie als Instrument einer verschworenen Therapeut_innengemeinschaft einordnet – Oder wenn sich einfach keine betreute Einrichtung für jemanden nach einer Flucht aus traumatisierenden Zusammenhängen findet – Oder wenn die dritte Woche mit Dauerflashbacks, Schlafstörungen und ausufernder Psychosomatik das Arbeiten verunmöglicht – Damit müssen wir uns dann wieder off camera befassen. Das ist dann wieder diese unsexy langweilige Strukturkacke, mit der nun wirklich alle Menschen mit PTBS oder einer anderen (chronischen) Erkrankung bzw. Behinderung zu kämpfen haben. Und „die Normalen“ ja auch, nämlich. Ja, ja.

Diese ganze Show, diese Draufzeigerei und von Dritten unterkomplex zusammengekochte Erklärerei sind nichts wert, wenn man sich klar macht, dass es Konsumgüter sind. Denn Publikum konsumiert und ist für nichts anderes da. Es kommt, um sich selbst im Gezeigten zu finden, und geht wieder. Bis was Neues kommt.
Ein Publikum, „der Zuschauer“, ist niemals „die Community“, auf die die meisten Vielen (wie alle anderen Menschen auch) so massiv angewiesen sind. Niemals.

„Community“ entsteht durch gemeinsame Anstrengungen. Es ist eine Gemeinschaft des füreinander miteinander Lebens. Da kommt man nicht zusammen, weil jemand ne DIS hat und schöne Texte vortanzen kann. Oder fancy Schnitttechniken anwenden, um alle Details von sich abzubilden. Oder weil alle wissen, wie es zu einer Diagnose kommt und das nicht gut finden.

Uns Menschen mit DIS ist so viel mehr passiert als Trauma, das irgendwie mal geheilt werden muss. Uns sind Lebensumstände passiert, die unsere Existenz in allen Funktionen ganz basal, ganz, ganz grundlegend verändert haben. Eine Existenz, die, wird sie auf diese Art immer wieder exotisiert, verrätselt und mystifiziert, niemals inkludiert werden wird. Egal, in welcher Gesellschaftsform, egal, mit wie viel oder wenig oder wie gelagerter Gewalt wir leben.
Traumaheilung ist aber genau das: Inklusion, nahtlose Verbindung, Miteinander – sowohl im Inneren, als auch im Äußeren.
Ein Äußeres, das Viele „erstaunlich“, „fremd“ und „anders“ konstruiert, will Viele genau so gesehen haben. Das ist ein Äußeres, das nichts Gutes für Viele will.

Wieder Kunst machen. Vielleicht.

„Das ist so eine Sache, da sind Trauma und ihr Autismus, so richtig SO“, meine Therapeutin verschränkt ihre Hände fest ineinander und deutet an, dass eine Trennung kaum möglich ist.
Wir sprechen über den Kunst-Konflikt. Den Klinik-Gau. Dass sich manche Innere ausdrücken wollen und ich es nicht zulasse. Obwohl ich ein ganzes Zimmer voller Gestaltungsmaterial, eine komplette analoge Foto- und Laborausrüstung, Unmengen an Papier und Werkzeugen besitze. Ich maximal geschützt loslegen könnte. Und darunter leide, dass ich es nicht zulasse.

Ich bin meine erste Woche im Urlaub, nachdem ich 4 Wochen krankgeschrieben war. Erschöpfungsdepression. Meine Essstörung entfesselt. Die Arbeit im Zusammenspiel mit Kinderwunschbehandlung, Traumatherapie und Selbsthilfe im Umkreis von 100 bis 130 Kilometern auf Dauer entkernend.
Also fahren wir die Ressourcenrunde.
Ich habe keine echten Pausen. Und dadurch zu wenig Raum für Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck und Selbstverwirklichung in dem Sinne, dass ich selbst begreifen kann, dass ich wirklich bin.
Meine Krankschreibung, sie führt zu selbstgemachten Therapieanwendungen.
Statt Mandalas bei Panflötenmusik spiele ich Sims 4, statt Gruppentherapie telefoniere ich lange mit Freund*innen. Ich schlafe auch am Tag. Zwinge mich nicht in eine Konzentration, die ich sowieso nicht aufbringen kann.
Nach 3 Wochen habe ich den ersten eigenen Gedanken mit Anfang, Inhalt und Ende. Nach 4 schaffe ich den Dreh zurück ins Essen ohne erweiterte Funktion. Die Therapie ist nicht mehr fast überanstrengend, sondern wieder eher meine Vermeidungsbequemlichkeiten herausfordernd.

So sitze ich da also und beobachte meine Therapeutin mit ihrer erklärenden Geste. Kurz vorher habe ich erst verstanden, dass dieses Thema wichtig ist, weil es mich von positiven Ressourcen trennt. Nicht, weil meine Therapeutin sich bei den Jugendlichen einschmeicheln will, wie R. argwöhnt, ich befürchte und hinter der Nebelwand zu Kindlichem alle Alarme kurz vor Auslösung bringt.
Zuvor wollte sie verstehen, wo das Problem liegt. Ist es Perfektionismus? Ist es Öffentlichkeit? Ist es Angst davor, abgezwungenes Schweigen zu brechen?
Nein, nein, nein.
Es ist viel banaler. Und gleichzeitig überhaupt nicht banal.
Es ist auch meine eigene Schuld. Und gleichzeitig, ein bisschen, auch nicht.
Und es ist mein Autismus. Und die Logik des Traumas.

An diesem Tag im Mai 2016 verließ ich das Besprechungszimmer der Ärztin mit den Worten: „Ich habs immer überlebt.“
Und dann hab ichs überlebt.
Ich bin da raus und wähnte mich in Lebensgefahr, vor der mich niemand schützt. Also bin ich, wie immer, erstarrt. Und gleichzeitig, dank der direkten Intervention meiner ambulanten Therapeutin, funktional in Bewegung geblieben.
Das – solche psychischen Scherkräfte, also parallel und gegensätzliche Kräfte – sind die Zutaten für funktionelle Dissoziation. Die Gleichzeitigkeit, die Trauma und das Leben danach so widersprüchlich und belastend macht. Auf der einen Seite die Todesangst (für die man sich vielleicht selbst verantwortlich macht) und auf der anderen Seite der Alltag. Hier die globale und unendliche Isolation und da Menschen, die mit einer_m sprechen. Oder zusammen in der Bahn sitzen. Oder im Laden stehen. Dieses Spannungsverhältnis führt zu der reaktiven Inflexibilität, die viele traumatisierte Menschen irgendwann in Bezug auf irgendetwas bei sich feststellen.
Dieses Spannungsverhältnis und der Druck, der dabei entsteht, können folgenden Gedanken logisch machen: „Was ich getan habe, um hier hineinzugeraten – das mache ich nie wieder.“
Ich überlebte den Klinik-Gau, diese Retraumatisierung im Hilfekontext, indem ich Entscheidungen traf und dabei blieb. Konsequent wie Stahlbeton. Nicht, weil ich so einen starken Willen habe, sondern weil toxisches Stressniveau und autistische Trägheit zusammen einen unfassbaren Superkleber und in der Folge eine unerschütterliche Inflexibilität produzieren.

Erst verließ ich das Klinikgebäude und beschloss, nie wieder mit irgendjemandem zu sprechen. Ein kindlicher Beschluss. Der hielt bis zum Kontakt mit meiner Therapeutin. „Nie wieder mit irgendwem“ ging also nicht.
Aber „nie wieder so“ und „nie wieder das“, das ging. War sogar gut. Meine Therapeutin kannte sich nicht mit Autismus aus. Ich hatte eine komplementäre Begleitung, die es nicht erforderlich machte, dass sie sich auskannte. Den Begleitermenschen nämlich. Auch der Kontakt zu ihm brauche nicht mehr „so“ zu sein. Und „das“ mit ihm zu besprechen, rückte durch den Ausbildungsalltag an der Berufsschule ohnehin in den Hintergrund. Und irgendwann endete unser Verhältnis auch.

Es dauerte 4 Jahre, bis ich meine an dem Tag getroffene Entscheidung, meine Therapie vom Thema Autismus („das“) und damit aus dem Großteil meiner Wahrnehmungsrealität und dem, was sich daraus für mein Erkennen und Verstehen meiner Selbst ergibt (und mich „so“ sein (interagieren und kommunizieren) lässt), rauszuhalten, revidierte. In Teilen. Unter einem absoluten Vorsichtsdiktat, das ich bis heute halte.
Auch das tat ich wieder in einer brutalen Krise, die mich in ungeheure Spannung brachte. Hier die Therapeutin, die sich bemüht und mit der ich mich überhaupt nicht mehr unsicher fühle – da die Erfahrungen mit sehr vielen Psychotherapeut_innen und ganz speziell der letzten, nach denen es sich immer logischer darstellte, einfach auf etwas von mir zu verzichten. Irgendwas einfach nicht mehr zu machen.
Hätte ich nicht den Eindruck gehabt, dass es mich das Leben kosten könnte, würde ich die Therapie nicht richtig machen, meiner Therapeutin nicht sagen, dass sie Murks macht, wenn sie meinen Autismus mit Fragezeichen versehen am Rand stehen lässt, hätte ich das nicht an sie herangetragen.

Keine meiner Entschlussrevisionen hatten jemals irgendwas mit „mal in Ruhe und ganz objektiv mal drüber nachdenken und dann halt mal anders machen“ zu tun. So wie man sich das von Therapie verspricht oder es in weniger drastischen Situationen im Alltag erlebt.
Meine Generalisierungen sitzen. Und zwar immer und überall. Mein Platz, mein Besteck, mein Geschirr, meine Kleidung, meine Tagesabläufe, meine Leute, meine Themen, meine Interessen, meine Offenheiten – hinter allem stehen bewusste Entscheidungen und „Für immer“-Entschlüsse. Entscheidungen für die Ewigkeit. Es erfordert absolut uneigennützige Bereitschaft, mit mir sachlich und zieldefiniert zu verhandeln, ob ich irgendetwas daran verändere. Kommt auf diese autistische Eigenschaft der Stress des Traumas, bin ich absolut darauf angewiesen. Denn an diesem Baustoff aus Traumastarre und autistischer Trägheit prallt jeder „Wägen Sie vielleicht mal ab, ob …“-Pinsel ab.

Manche meiner generellen Entscheidungen kann ich schnell revidieren. Besonders, wenn mir auffällt, dass ich eine traumalogische Basis dafür hatte. Wenn eine Entscheidung nur in einem einzigen Zusammenhang wirklich sinnvoll war, dann ist es ineffizient und unlogisch, sie auf alle anderen Lebensbereiche auch anzuwenden.
Die Entscheidung gegen meinen authentischen Selbstausdruck hingegen, die habe ich nicht nur im Zusammenhang mit dem Klinik-Gau getroffen. Diese Entscheidung habe ich bis dato in so vielen verschiedenen Momenten getroffen, dass es keinen Bereich mehr gibt, der frei davon ist. Das ist, was man heute so positiv hinzufügend als „Maskierung“ benennt. Und eben nicht negativ als „Verzicht auf sich selbst für andere“.

Der Klinik-Gau war für mich so belastend, weil ich vor der Autismusdiagnose nicht wusste, weshalb ich verschiedene Dinge nicht anspreche oder nur verschleiert und heimlich mit mir allein verhandle. Ich lebte wie ein Salamander mit abnorm gefärbten Körperteilen, die ihm immer erst dann auffielen, wenn andere negativ darauf reagiert haben.
Beim Klinik-Gau kannte ich diese Stellen und wusste, woher sie kamen. Meine Erwartung an diesen „geschützten Rahmen“, diesen Ort, an dem psychologische Exzellenz, psychotherapeutische und soziale Kompetenzen von den Autoritäten vorauszusetzen, logisch und auch gewollt ist, war zu keinem Zeitpunkt überzogen oder grundlegend falsch gesetzt. Sie wurde einfach nicht nur nicht erfüllt, sondern auch noch benutzt, um mich zu demütigen und mich glauben zu lassen, ich sei an meinem Empfinden von Auslieferung, Ohnmacht und Lebensbedrohung selbst schuld, denn ich hätte diese abnorm gefärbten Körperteile. Und die wiederum seien gar nicht das, was ich annahm, sondern etwas noch viel Abstoßenderes, was meine Gewalterfahrungen noch viel stärker zu etwas macht, das ich nie anders verdient und immer selbst verursacht hatte.
Als ich der Ärztin damals sagte: „Ich habs immer überlebt“, war für mich bereits absolut klar, dass ich mir so viele dieser abnorm gefärbten Körperteile wie möglich abhacken muss. Mein Leben voller Verdeckungs- und Vermeidungsperformance war ja offensichtlich nicht genug. Nicht das Richtige. Nichts, was mich als jemanden sichtbar macht, die_r es richtig wirklich und echt doll versucht okay für andere zu sein. Okay genug, um nicht von ihnen verletzt zu werden. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich selbst nichts bin, mit dem ich jemals irgendwo sicher einfach sein kann.

Meine Kunst, die einzige Möglichkeit für jüngere Innere, sich auszudrücken, ihre Geschichte zu teilen und sich in der Gegenwart zu orientieren, war nur ein Opfer dieser Abhack-Entscheidung. Das zweite Opfer war eine Freiheit, um die ich mit meiner Entdeckungsangst ringe – die Freiheit, nicht vermeiden zu müssen. Ich habe mir damals auch abgehackt, mir zu wünschen, dass ich Kunst mache. Irgendwie okay zu finden, was ich früher mal gemacht habe. Mich mit Menschen zu verbinden, die diese Wünsche in mir wecken könnten. Ausstellungen, Werkstätten, Projekte zu besuchen, die mich an dieser Stelle reaktivieren könnten. Mein ganzer Materialkram ist da, weil mein Entschluss, nicht zu verschwenden, besteht. Die Kisten und Ordner sind heute in einem Raum, den ich nur öffne, um ihn zu durchlaufen. Die Tür ist immer zu. Ich gehe da nicht rein, weil ich mir nicht trauen kann, dass nicht doch irgendein Innen irgendetwas macht, was mir und dem Rest der Welt meine abnorm gefärbten Körperteile aufzeigt. Denn klar, als Salamander kann man sich Körperteile abhacken – die kommen aber wieder. Man muss in der Angelegenheit sehr konsistent sein. Was wiederum nicht sehr schwer ist, wenn es sich um eine Sache handelt, die in Auti-Trauma-Beton gegossen ist. Jeder nette Kommentar über meine Kreativität führt zu einem präventiven Hack an mir. Jede Rückmeldung zu einem Text als „selbstdarstellend“ – hack of the doom. Jede Erwähnung meiner Arbeiten früher – hack hack hack.

Mag sein, dass ich damals, 2016 in der Klinik, ganz viel komplett falsch verstanden habe. Und niemand jemals von mir erwartet hat, dass ich mich für mich selbst schäme. Ich bin geübt genug in Reparations-/Entschuldigungs-/Wieder-gut-mach-/Klärungsgesprächen mit nicht autistischen Menschen, um zu wissen, dass am Ende IMMER ich die Person bin, die da was nicht richtig verstanden hat. Die irgendwas zu ernst nimmt. Die sich auf eine Art fühlt, die nicht die Intention war und deshalb halt Pech hat, weil da ja nun wirklich niemand was für kann. Außer mir.
In Bezug auf diesen Klinik-Gau, werde ich zu keinem Zeitpunkt jemals einen Moment haben, in dem die Last, der Schmerz, die Angst, die Verletzung von mir genommen wird. In ihrer Natur ist diese Erfahrung damit meinen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie und jedem anderen sozialen Nahfeld gleich. Infolge dessen sehe ich keinen Grund, meine daraus folgenden Entscheidungen nicht zu generalisieren.
Ja, die Ärztin war nicht meine Herkunftsfamilie, alle meine anderen Mitmenschen zwischen 1986 und 2016, oder irgendjemand anders, die_r mich wegen meiner abnormen Färbung verletzt hat. Aber sie hatte den gleichen Bezugspunkt, um mich zu verletzen und mich in das Erleben einer Lebensgefahr zu bringen.
Es wäre unlogisch, das zu ignorieren. Traumalogisch ausgedrückt: lebensgefährlich dumm.

Meine Therapeutin beendet ihre Geste und spricht eine Weile. Sie sagt, ich könne mich fragen, ob ich das Ereignis mein Leben so umfassend bestimmen lassen will. Ob ich dem weiter so viel Macht geben will.
Diesen Ansatz finde ich unsinnig. Es ist ja nicht das Ereignis, dem ich Macht gebe, sondern die Beschämung, von der ich weiß, dass sie praktisch automatisch kommt, egal von wem und in welcher Absicht. Das Ding ist nicht, dass das passiert ist, sondern, dass es passiert ist, obwohl ich mich so unfassbar aufgerieben und angestrengt habe, dass es nicht passiert. Eine Klinik für Psychosomatik ist der einzige gesellschaftlich gewollte Rahmen und Ort, von dem man annehmen darf, dass man dort nicht wegen sich selbst verletzt wird. Darum war ich da. Ich brauchte Hilfe und war abnorm. Nirgendwo sonst, dachte ich, könnte ich mich risikoarm und sicher damit befassen und arbeiten.
Das Ereignis hat eine Generalisierung, die ich vorher bereits hatte, bestätigt und erweitert. Es hat nicht mehr Macht über mich, als jeder belustigte Kommentar über mein wörtliches Verstehen, jedes amüsierte Nachmachen meines Körperausdrucks, jede Demütigung nach einem Missverständnis, jede soziale Dynamik, die entsteht, weil nicht oder auch anders behinderte Menschen Behinderung mit aufwertender Sonderstellung verwechseln oder Autist_innen (oder auch Menschen mit DIS) als interessant mystische Sonderlinge einordnen.
Jetzt, wo ich weiß, dass sich in diesen Dingen mein Autismus zeigt und Autismus etwas ist, das ich, im Gegensatz zu anderen Dingen, nicht verlernen oder „einfach nicht machen“ kann, sondern ich selbst bin – jetzt ist es unmöglich, dass es keine Macht über mich hat. Es trifft immer mich. Es geht immer um mich. Ich bin immer das Problem der Witz  Trigger Auslöser ja, verdammt, ich kann das nicht einmal sachlich, nicht selbstabwertend benennen, wenn ich es versuche.

Ich habe zu viel Angst, einfach wieder anzufangen und es zuzulassen. Ich weiß, dass es nicht nur wieder passieren kann, ich weiß, dass es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch wieder passieren wird. Aber ich weiß, was ich tun kann, damit es mir nicht wegen etwas passiert, das ich sicher auch lassen kann.
Das ist nicht nur Traumalogik.
Das ist auch die Logik der Gewalt.
Beschämung ist Gewalt. Beschämung ist ein Machtinstrument. Sie hat Macht. Es ist irrelevant, ob ich ihr die zuschreibe oder nicht. Ich gebe sie ihr nicht. Sie hat sie. Sie hatte sie schon immer.

Meine Therapeutin redet weiter. Ich antworte und beobachte, wie unsere Worte im Raum, zu einem Bild verwachsen. „Ich könnte es ausdifferenzieren wie beim Schreiben“, denke ich. „Statt mich darzustellen, stelle ich meine Themen und Perspektiven dar. Wer sich daraus ein Bild von mir macht, ist selbst dafür verantwortlich. So hab ich das ja immerhin trotz allem Abhackdruck halten können. Aber geht das beim Fotografieren? Beim Malen? Zeichnen? Comics machen? Drucken?“
Das könnte ich versuchen.
Vielleicht.
Wenn ich mich traue.

Starre unterscheiden

Es gibt an meinem autistischen und komplex traumatisiertem Er.Leben etwas, das im Konfliktfall oft falsch verstanden oder eingeordnet wird:
Meine autistische Trägheit. Und meine traumabedingte (Angst)Starre.

Was beide gemeinsam haben, ist die relative Starre. Sie zeigt sich in allgemeiner Inflexibilität. Verlangsamter Anpassung an neue Umstände. Aber auch Schwierigkeiten dabei, Neubewertungen vorzunehmen und Verhalten entsprechend zu ändern. „Relativ“, weil die Umstände und Hintergründe eine große Rolle dabei spielen, in welchem Umfang und in Bezug worauf die Starre besteht. Ob sie eine Funktion hat oder nicht.

Meine Angststarre hat immer eine Funktion und mehr oder weniger definierte Auslöser. In der Podcastepisode „Viele-Sein“ 99 mit Felice über Innenkinder kann ich das gut an meinen Aussagen zeigen. Dort erkläre ich, dass meine phobische Vermeidung einen direkten Zusammenhang mit der Wahrnehmung von (früher kindlichen) Grundbedürfnissen hat. Die Logik, in der meine phobische Vermeidung passiert, ist der absolute Klassiker: Es war früher ein lebensbedrohliches Problem, Grundbedürfnisse auszudrücken und um den Bezug zum Umfeld, das man nicht kontrollieren kann, zu erhalten, kontrolliert man sich selbst und erklärt es zum Problem überhaupt Grundbedürfnisse zu haben. Da man als Mensch nicht ohne Grundbedürfnisse existieren kann, unterdrückt und verleugnet man sie und damit das auf Dauer nicht übermäßig viel Kraft kostet und immer wieder neu erforderlich wird, vermeidet man alles, was damit zu tun hat. Man „vergisst“ es einfach.
Das waren unbewusste Entscheidungen, getroffen in Momenten, in denen es um den Lebenserhalt ging. Sie sind in gewisser Weise so steif und starr in mir drin verankert, wie es mein Kinderkörper in der Situation war. Die gleiche Energie, die bei einer anderen Stressreaktion in Todesangst zu großer Kraft für Flucht oder Kampf geführt hätte, hat bei mir zu innerer Aufteilung, Abgrenzung, Dissoziation geführt. Meine Angst ist praktisch, was diese innere Struktur zusammenhält und entsprechend immer funktional erforderlich. Fange ich an, daran rumzuwackeln oder etwas aufzulösen – meine Ängste zu reflektieren, auf ihren Nutzen heute zu prüfen und wenn möglich abzulegen, verändert sich diese innere Struktur natürlich. Die Starre lässt nach. Es kommt zu Verbindungen, die vorher nicht möglich waren. Mit diesen Verbindungen kommen neue Selbst- und Umwelterfahrungen. Die führen zu neuen Bewertungen des Selbst- und Um.Weltbildes. Und diese führen zu Impulsen, die die Gestaltung des Lebens insgesamt betrifft.

Dieser Prozess – dieses Auflösen und mit den Folgen klarkommen – erfordert eine sichere Umgebung. Sichere Begleitung. Versicherung über Bezug, Hier und Jetzt, Möglichkeiten und Grenzen. Praktisch das Gegenteil von dem, was früher da war. Ist es nicht sicher, passiert da auch nichts. Punkt.

*

Meine autistische Trägheit hingegen geht mit einer relativen Starre in Bezug auf sich selbst einher. Das führt dazu, dass sie primär für den Selbster.halt im Zusammenspiel mit der direkten Umgebung funktioniert. Da geht es darum, dass ich überhaupt mit der Umwelt interagieren (kommunizieren) kann und weiß worum es geht, wer was sagt; ich mich selbst in Bezug setzen kann. Diese Starre verändert sich nicht durch psychische Vorgänge oder soziale Umstände, sondern die Ressourcen, die für die kognitive Verarbeitung bereitgestellt werden können.

Im Gespräch mit meiner ADHS-Freundin, die ihre inneren Prozesse und Gedanken mal mit vielen Zügen, die gleichzeitig nach autonomen Plänen fahren und sich gegenseitig ständig verändernde Gleise streitig machen, verglich, kam ich zu dem Bild von meinem Gedankenzug und mir.
Ich habe nämlich genau einen Zug und ein Gleis. Die anzufahrenden Ziele liegen jedoch nie in einer geraden Linie. Es wäre effizienter, flexibler, schneller, bedarfsgerechter für sämtliche Abläufe, mehrere Gleise und mehrere Züge zu kontrollieren. Ich habe aber nur einen Zug und ein Gleis zur Verfügung. Ich kann mir mehr wünschen. Kann Fähigkeiten erlernen, mehr zu bedienen. Kann so tun, als ob da mehr Züge und Gleise wären. An der Realität verändert das aber nichts.

Viele meiner nicht autistischen Mitmenschen übersetzen sich diese Konstitution mit „Scheuklappen aufhaben“, „Tunnelblick“, „(extremer) Fokus/(extremes) Ausblenden“, „Dissoziation“, „Konsequenz“, „Zwanghaftigkeit“, „Sturheit“, „Uneinsichtigkeit“, „Verbissenheit“, „eigensinnig“, „rechthaberisch“, „kompromisslos“, „dogmatisch“, „spitzfindig“, „aggressiv“, „unerbittlich“, „streng“, „tyrannisch“.
Die meisten Konflikte, die ich mit anderen Menschen habe, kommen am Ende auf diese Eigenschaft und ihre überwiegend negative Konnotation bzw. bedingte Einordnung zurück. Wer sich mit mir streitet und meine autistische Trägheit nicht versteht, denkt in der Regel, dass ich Recht haben will. Nicht zuhören. Keine Kompromisse finden. Meine Meinung durchsetzen. Keine Rücksicht nehmen wollen. Unangenehme Wahrheiten nicht annehmen. Oder auch, dass ich meine Ziele und Wünsche wichtiger, wertvoller, relevanter finde als die (Gefühle) von anderen Menschen.

Für mich sind Konflikte – ich bleibe mal bei dem Bild mit dem Zug – plötzlich hinzukommende Haltestellen, die nicht nur erfordern, dass ich sie anfahre, sondern, dass ich vorher noch bestimmte andere Haltestellen anfahre, dort ganz bestimmte Fahrgäste (Informationen) aufnehme, mit ihnen spreche (die Informationen richtig aufnehme und verstehe) und zum richtigen Zeitpunkt an eben jene neu hinzugekommene Haltestelle bringe – wo sie einen ebenfalls von mir gestellten Anschlusszug bekommen müssen.
Ich habe aber nur einen Zug. Ein Gleis. Und sehr viele für mich unvorhersehbare „plötzlich einfach da-Haltestellen“, die sehr viele special wichtige Fahrgäste erwarten. Meine alltägliche Trägheit (nur langsam oder sehr angestrengt aufgelöste Starre) und die entsprechende Unflexibilität erhöht meine Chancen auf unvorhersehbare Anforderungen überhaupt reagieren zu können und garantiert mir in gewissem Umfang ein grundsätzliches Verständnis und Möglichkeiten des Überblicks. Das sind die im ICD 10 beschriebenen „anhaltend eingeschränkte, sich wiederholende und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten (…)“.
Im Bild mit dem Zug ausgedrückt: Ich habe einen Fahrplan, der zwingend bestehen muss, weil der Zug sonst niemanden mehr aufnehmen oder gezielt irgendwo hinbringen kann. Verlasse ich die übliche Strecke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich den Überblick verliere. Mir Informationen zur Beurteilung einer Situation fehlen. Ich falsch oder verletzend für andere Menschen priorisiere. Meine Grundversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Mein Bezug zu mir selbst verloren geht. Ich mich als Quant erlebe, wie ich es im letzten Blogtext beschrieb.

Das heißt nicht, dass ich wirklich niemals von meinem Fahrplan abweiche. Als Kind in einer Gewaltfamilie und später Empfänger_in von Hilfe(dienst)leistungen konnte ich mir das überhaupt nicht leisten. Ich musste mein Grundbedürfnis nach Sicherheit (durch Überblick durch Verstehen der Situation) dissoziieren, um nicht (das Empfinden zu haben, in Gefahr zu sein und) zu sterben.
Ich musste lernen, fraglos, klaglos ohne jedes Belastungsgefühl hinzunehmen, dass ich den Großteil meines Lebens mit all seinen Vorgängen und Geschehnissen einfach nicht verstehe oder ihren Bezug zu mir nicht durchdringe. Und dass die Menschen in meiner Umgebung immer wieder (emotional aufgeladene, lebensbedrohliche, emotional vernichtende, demütigende) „Rückmeldung“ dazu geben.
Ich habe mein Nichtverstehen maskiert. Ich habe meine Verwirrung versteckt, habe meine Mustererkennungsfähigkeiten trainiert und die unbeworteten Skripte meiner Umgebung herausgearbeitet. Wer sagt wann was, wer macht wann was, wie muss ich X in Situation A, B, C machen … Der Rest ist copy und paste mit besserer Trefferquote, je älter ich wurde.

Ich arbeite bis heute damit. Dieses Vorgehen, das ich für mich als „letzte Rettungs-Fahrplan“ bezeichne, habe ich nie verändert. Obwohl ich weiß und immer wieder merke, dass es im Kontakt mit anderen Menschen der ungünstigte Fahrplan ist.
Darin fehlt es praktisch nie an Information und Reaktionszeit, aber praktisch immer an Emotion und Beziehungsperformance. Übersetzt in das Bild mit dem Zug: Mit diesem Fahrplan kriege ich nur bestimmte Fahrgäste rein – an der Zielhaltestelle braucht es aber alle für diese Haltestelle relevanten Fahrgäste.
Entsprechend groß ist die Unzufriedenheit anderer Menschen in so einer Situation mit mir. Sie sind nicht froh, dass ich überhaupt komme – ich meinen Fahrplan extra für sie von „meine basale Grundversorgung“ zu „letzte Rettung“ umgestellt habe. Sie sind pissed, weil sie annehmen, ich wäre emotional kalt und auf meinen eigenen Vorteil aus. Und verhalten sich mir gegenüber entsprechend.

Und da beginnt die Mischung, die es schwierig macht, mein Verhalten und seine Ursachen richtig einzuordnen.
Meine „Fahrplanänderung“ führt dazu, dass ich nicht grundversorgt bin und in meinem Bezug zu mir selbst bereits weniger stabil bin, als es ein Konflikt eigentlich erfordert. Denn sie hat enorme Energie gekostet. Physik-Grundkurs: Trägheit zu überwinden, kostet Kraft.
Diese erforderliche Kraft ziehe ich aus der Todesangst, die sich durch den Traumatrigger „zwischenmenschliche (Konflikt)Situation“ ergibt.

Auf eine Art bedingt meine Angst in dem Moment, dass ich annehme, ich müsse jetzt ganz zwingend und auf jeden Fall meinen „letzte Rettung-Fahrplan“ einstellen. Geht ja schließlich um alles. Angst bedingt einen starren Tunnelblick.
Allerdings habe ich, selbst wenn ich nicht in Todesangst bin, als Reaktionsmöglichkeit für besondere Vorkommnisse/Abweichungen im Alltag keinen anderen Fahrplan. Selbst wenn ich wollte. Ganz doll motiviert bin. Ganz eindeutig sehe: Jetzt wäre es besser, mehr Züge und Gleise zu haben.
Ich hab sie nicht. Sie sind mir einfach nicht gegeben und weder äußere Notwendigkeit noch innere Motivation, emotionale Situierheit oder psychische Konstruktion stellen sie für mich her.

Was ich kann und mache ist, mich diesbezüglich mitzuteilen.
Ich demaskiere mich. Lege dar, dass mir Informationen fehlen, indem ich vermittle, was ich wie verstehe und was nicht. Lebe damit, dass man mich nicht (mehr) für einigermaßen clever hält. Vor allem, wenn sich zeigt, dass das, was ich nicht verstehe, für andere so klar ist, dass sie es manchmal nicht sofort benennen oder erklären können.
Ich lasse mich außerdem von anderen in Konfliktfragen beraten, frage nach ihrer Sicht darauf und gleiche sie mit meiner ab. Diese Gespräche helfen mir, den Konflikt weniger als plötzlich über mich hereinbrechendes Ereignis zu erleben, das mich wie in traumatischen Situationen isoliert und wortlos (also wehrlos) machen könnte.
Und ich übe mich darin, die Angst zu beruhigen, die bei mir aufkommt, wenn ich merke, dass man von mir erwartet, schneller zu sein als ich bin, wenn ich keine Todesangst habe. Sondern versorgt. Mir meiner selbst bewusst. Im Überblick darüber, was ich tue, wo ich bin, warum ich was tue, möchte, brauche will. Weil ich meinen ganz eigenen – ja, total unflexiblen, rigiden und für andere widersinnigen – Routinenfahrplan verfolge. In meinem Zug auf meinem Gleis.

Nicht, weil der wichtiger ist. Besser. Relevanter. Sondern, weil das der Plan ist, den ich ohne Komplextrauma, ohne die Gewalt an mir, schon immer hätte abfahren können. Meine autistische Trägheit, meine Ein-Zug-ein-Gleis-igkeit war und ist immer nur dann ein echtes Problem, wenn man sie für etwas hält, das ich mir antrainiert habe, wie meine posttraumatische Angstkompensation. Wenn man von mir erwartet, dass ich diese Funktionsart verändern kann, wenn ich nur wollte oder die passenden Umstände erlebe.
Wenn mein Gegenüber sich nicht die Mühe macht, die Unterschiede der Starre an.zu.erkennen und zu akzeptieren, so wie ich sie selbst anerkennen und akzeptieren muss.

alles können

Am nächsten Morgen ging es mir anders. Weder besser noch schlechter, anders. Manchmal überrascht mich das. Obwohl ich weiß, dass die Dissoziation mir das Empfinden in „gut“ oder „schlecht“ selten wirklich eindeutig ermöglicht. Ich hantiere also ständig mit Adjektiven, die richtiger sind. An dem Morgen fühlte ich mich weniger ausgeliefert. Weniger hilflos und unfähig. Und gleichzeitig dumpf. Leer. Wattig. Wie ich selbst, Hannah, doch auch nur wie ich selbst.
Ich wachte auf, ging meinen Tagesplan durch und arbeitete ihn ab. Keine persönlichen Gedanken, keine definierbaren Gefühle. Am Abend Training. Deutliches Asthma, aber keine Erstickungsangst. Einen Sturz kaum gespürt. Die Verbindung zum Körper, weiter gekappt. Das wohlige Gefühl nach dem Duschen, nicht vorhanden.
Der Kontakt zu meinem Mann diffus, aber eindeutig liebevoll.

Tags zuvor hatten wir uns gestritten. Schlimm.
Er war zu Recht wütend über etwas, das ich gemacht habe. Und zu Recht verwirrt darüber, dass ich es überhaupt gemacht hatte. Ich bestätigte ihn darin. Hatte kein Interesse daran, mich zu entschuldigen. Mir war wichtiger, dass er etwas sieht, was ich von ferngehalten habe. Was – ja, nein, wirklich überhaupt nicht logisch ist.
Manchmal habe ich diese merkwürdigen Verquerungen einfach und komme damit nicht raus. Was ich gesehen haben will, zeige ich dann manchmal in meinen Entscheidungen. Ich lasse es wirklich drauf ankommen, übergehe dabei auch Grenzen. So weit bis es keinen Weg mehr am Streit.Gespräch vorbei gibt.
Meistens liegt es daran, dass ich das Gespräch nicht anders anstoßen kann. Manchmal aber auch daran, dass ich selbst lange nicht merke, dass ich mich ungesehen fühle oder dass ich über etwas reden sollte oder könnte oder dürfte. Es gibt Phasen, in denen ich mir tatsächlich nicht sehr bewusst darüber bin, dass alles sagbar ist. Dass ich das kann. Und darf. Und manchmal auch muss.

In den Tagen vor unserem Streit hatte ich viel Wut kompensiert. Eiskalte Feuerwut. Extrem zerstörerisch. Viele meiner unkommunizierten Grenzen wurden übertreten. Menschen haben Erwartungen an mich formuliert, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Ein langjähriger Kontakt steht als Freundschaft da, fühlt sich aber wie eine Verpflichtung ohne Gewinn an. Ich war in Berlin, der Stadt, in der ich immer mit Gestank und Lärm empfangen werde und immer arbeite. Nie einfach nur Spaß oder Selbsterfahrung habe. Ich habe nie eine Lücke nur für mich. Außer im Zug zurück. Wo ich merke, wie tief sich Schlaf- und Raummangel auf mich auswirken. Wie allein ich bin. Wie oberflächlich, unkonkret, verwirrend und überanstrengend die Kontakte waren.
Zu Hause angekommen, war ich wütend auf mich, weil ich die Reise trotzdem gemacht habe. Ich weiß, dass Veranstaltungen zu viel für mich sind. Ich weiß, dass Berlin stinkt und immer laut ist. Allein mein Wunsch für andere da zu sein, verbindlich zu sein, zu meinem Handeln zu stehen und bestimmte Dinge auch konkret zu vertreten – direkt im eins zu eins Kontakt, ist der Antrieb. Da bin ich nicht wichtig. Die anderen Leute und die (gemeinsame) Sache sind wichtig.

Dann war ich wütend, weil mich natürlich keine aufgeräumte, saubere eigene Wohnung empfing, sondern mein übliches Abreisechaos. Meine halbvolle Sporttasche neben dem lose hingelegten Schwimmbeutel, neben dem leeren Wasserkasten, neben der toten Wurmkiste und dem Verpackungsmüll von einem Jahr Verlagsarbeit. Ein Schreibtisch, dem man die drei Jobs und 2 Ehrenämter deutlich ansieht. Eine Leseecke mit einem inzwischen unschaffbaren Stapel. Ein Kühlschrank, der kaum deutlicher nach Essstörung aussehen kann. Ein Badezimmer, das in jeder Ecke „Kinderwunsch“ wispert.
Ich stand mittendrin und spürte wieder diese Wut auf mich, weil ich nicht alles gleichzeitig schaffe. Weil ich so viel zu wenig für alles das bin. Weil keiner kommt. Niemand hilft. Ich das alles alleine hinkriegen muss. Und es nicht kann.

Dann schaltete ich mich um. Ich selbst in der Eisenhaut von K.. Pragmatismus pur. Aufräumen, saubermachen, Listen schreiben. Die Listen abarbeiten. Nicht denken, nicht fühlen, nichts hinterfragen oder prüfen. Einfach tun, was nötig ist. Und wenn jemand was dagegen hat, kann er oder sie sich die Klatsche ja abholen. Mich würde es nicht treffen, würde mir jemand sagen, wie enttäuscht sie_r von mir wäre.

Mein Mann sagte nicht, dass er von mir enttäuscht sei. Er sagte, dass er scheiße fand, was ich gemacht habe. Und dann habe ich ihm endlich gesagt, was ich von ihm scheiße fand.
Unsere Streits sind immer gut. Wir reden dann viel und lernen einander immer besser kennen. Am Ende fühle ich mich immer sicherer mit ihm. Diesmal sogar genug, um vor ihm, an ihm dran, zu weinen, ohne darauf zu achten, wie lange oder wie berechtigt.

Einerseits ist das Wachstum und gut.
Andererseits ist das Wachstum und ein Problem.
Denn Wachstum geht mit veränderten Grenzen einher. Wieder etwas, was ich prozessieren muss. Wieder etwas, das ich kommunizieren muss.

Und eigentlich nicht will.
Ich will einfach keine Grenzen haben.
Ich will alles können.