Todesangst

„Wovor hast du denn Angst, es passiert doch nichts.“ Das, diese Frage ohne Fragezeichen, diese Aussage mit Lüge drin, ist mir im Leben bereits sehr oft begegnet. So oft, dass ich sie nicht mehr hasse. So oft, dass ich sie behandle wie viele andere Versatzstücke von Gesprächen, die ich weder wirklich durchdringe noch wahrhaft als Marker für die Natur des Gesprächs nutze. Denn es tut mir nicht gut, mit Menschen über Angst zu sprechen, die Angst nur als periodisches Erleben besonderer Situationen kennen und den Lauf der Dinge, in dem immer irgendetwas irgendwie passiert, ebenfalls nicht stets und ständig, sondern nur dann und wann überhaupt wahrnehmen.
So bleibt es, was ist: eine Mikroaggression, eine Alltagsignoranz.

Und ein Marker für eine soziale Falle. Denn die meisten Menschen sagen das, um zu vermitteln, dass man (mit ihnen) sicher ist. Dass alles okay ist. Es ist aber nicht alles okay, wenn eine Person Angst kommuniziert und die andere nicht einmal eine Idee davon hat, worum es bei der Angst geht. Diese Person irrt sich. Sie bemerkt etwas nicht, sie ist nicht im Bilde über die Lage und möchte ihr Sicherheitsgefühl natürlich auch nicht verlieren. Deshalb sagt sie diese Phrase. Diese Floskel. Diesen kleinen sozialen Abwatscher, der der anderen Person vermittelt, sie würde etwas sehen, fühlen, bemerken, das nicht da ist.
Und die andere Person? Vielleicht versucht sie nochmal, zu schildern, was ihr Angst macht. Vielleicht erklärt sie. Doch je weiter ihre Ängste, ihr Erleben von Angst, die Rolle von Angst in ihrem Leben, von der der anderen Menschen abweicht, desto häufiger wird genau diese Erfahrung der Abwehr, der Mikroaggression und des Infragestellens der eigenen Wahrnehmung.
Und dadurch werden andere Menschen oder auch nur der Kontakt mit ihnen einfach grundsätzlich immer unsicher. Auch die Netten. Die Lieben. Die Vertrauenswürdigen. Die ganz wirklich überhaupt nichts Böses wollen. Die nur helfen möchten. Die nicht einen Hauch von Negativität in sich haben.

*

Ich habe geträumt, ich hätte Sookie erschossen.
Meine Assistenzhündin, mein erster echter emotionaler Spiegel, das Wesen, die Entität, mit der ich mich rückhaltlos verbunden gefühlt habe. Sookie, die letztes Jahr gestorben ist.
Es war die Art Traum, gegen die ich mich entscheiden konnte. Ich hob meine rechte Hand und drückte damit meine linke Schulter, um mich aufzuwecken. Das ist meine Traumunterbrechungsgeste. Wenn ich mich an die erinnern kann, während ich träume, weiß ich, dass ich sie ausführen kann und alles Schlimme oder Unangenehme unterbrechen.
Doch als ich aufwachte, war da keine lebende Sookie. Kein warmer, weicher Brustkorb, der sich an meine Seite schmiegt. Da war nur die Tatsache, dass sie tatsächlich tot ist und nie wieder lebendig sein wird.

Nach Sookies Tod hatte ich nicht viel Raum für die Verarbeitung ihres Todes. Ich hatte viel zu viel Angst, meine neue Arbeitsstelle nicht behalten zu dürfen. Ich hatte die Fahrschule, die mit viel Angst einherging. Neben dem Podcast, der Verlagsarbeit, den Projekten, an denen ich mich privat beteilige.
Damals habe ich ein Mal geweint. Direkt noch mit Sookie im Arm auf der Wiese. Reflexhaft, als würden sich meine Tränendrüsen übergeben müssen. Und ein Mal brach F., ein Kinderinnen, weinend aus mir heraus, als ich meine Therapeutin in einem Notfalltelefonat hatte.
Die Trauer um meine so nahe Begleiterin zeigte sich im Alltag eigentlich nur in einem Fähigkeitsverlust. Ich war nicht traurig und auch nicht sicher, ob ich trauern würde. Wenn ich in der Zeit danach mal nicht von Angst über für andere unsichtbaren, irrelevanten Kleinscheiß des Alltags umgetrieben wurde, dann hatte ich Sehnsucht nach Sookie. Nach den langen Wanderungen im Wald. Sie in ihrem unermüdlichen Weg vor und wieder zu mir und vor und wieder zu mir, Anspielen, Dinge beriechen, Schauen, Teilen, vor und zurück. Nach dem Gefühl, dass wirklich alles okay ist, weil wir so viel miteinander teilen, was der Moment in sich hat. Eine Sehnsucht, die ich sonst nur habe, wenn ich mir eine Freundin wünsche, obwohl ich schon welche habe. Oder eine Familie, obwohl ich schon eine habe. Nur eben nicht so.

In der Nacht des Traums, dem Moment der Orientierung in die Realität, kam die Traurigkeit, wie etwas, das mich töten könnte.
Ich konnte kaum noch atmen, meine Brust war so zusammengepresst, dass weder Töne heraus noch Luft hinein kam. Mein Weinen hatte meine Augen so anschwellen lassen, dass es sich anfühlte, als hätte ich Steine darauf liegen. Ich konnte kaum sehen, kaum atmen und das, während der emotionale Schmerz mich in einer Radikalität erfüllte, die ich nicht anders als grenzenlos beschreiben kann. Etwas, das ich nur von Kinderinnens kenne. Ganz entfernt. Eher theoretisch als je selbst erlebt. Ich dachte, ich bekäme einen Herzinfarkt. Mehr fremd als selbst ging ich zu meinem Mann runter. Er verstand sofort, dass es sich schlimm anfühlen würde, so einen Traum gehabt zu haben und dann in eine so gleich schlimme Realität aufzuwachen. Er tröstete mich. Und ich? Ich bin nicht in einer warmen Wolke der Liebe gelandet und fühlte mich besser. Ich bin emotional, seelisch, ichlich gestorben. Meltdown, Krampfanfall. Der erste große, den mein Mann direkt miterlebt hat. Das reine Wahrnehmen der Traurigkeit hat mich getötet.

Am Ende der Shutdown. Das dissoziative Nachwehen als diffuse Masse aus Reiz und Reaktion, ein Ich im Wiederaufbau. Das Ausgeliefertsein an die Umwelt, während das Fühlen der Angst darüber noch gar nicht wieder möglich ist. Wie auch Gefühle von Sicherheit und Liebe. Geborgenheit und Nähe.
Wir lagen zu dritt auf dem Bett, wie ein ganz intimes Familiensandwich. Bubi an meinem Bauch, mein Mann an meinem Rücken.
Ich konnte nichts empfinden. Nicht einen Gedanken halten. Nur meinen Körper entlang ihrer Atmung rekonstruieren und warten, bis ich mich als lebend wiedererkenne.

*

Vor solchen Momenten habe ich Angst.
Solche Momente habe ich fast jeden Tag in abgeschwächter Form. Nicht immer mit einem Krampfanfall. Immer wieder jedoch mit einem innerlichen Meltdown. Der absoluten Ohnmacht und der im Grunde fast immer bestehenden, sehr umfassenden, Einsamkeit wegen der für andere Menschen offenbar unmöglichen Nachvollziehbarkeit dessen, was in mir vorgeht, wenn ich mein Leben, aber auch meine eigene Lebendigkeit erlebe.
Da geht es nicht um Vertrauen oder Nichtvertrauen, wen ich lieb finde und wen nicht. Ob ich mir genug oder zu viel zutraue, ob ich zu wenig soziale Codes verstehe oder hinnehme. Ob ich mich meinen Ängsten stellen, sie mir abtrainieren oder als in der Regel unbegründet akzeptieren muss oder nicht.

Es geht darum, dass ich mich daran sterbend erlebe und weiß: Wer noch nie an seinen eigenen Gefühlen gestorben ist – wer sich noch nie an Verzweiflung, an Not, an innerer Spannung so umfassend selbst verloren hat – wird immer denken: „Ach komm. So schlimm ist das nicht.“

Fundstücke #92

„Weder Haut noch Haar ist drübergewachsen“ denke ich und bleibe einen Moment bei einem Bild von mir mit von Gras und Moos überdeckter Haut. Ja, Gras drüberwachsen lassen. Das ist eine interessante Metapher. Jetzt, wo ich mehr über Gras weiß, weiß ich, warum man von einer Grasnarbe spricht und wie fragil so ein drübergewachsenes Gras ist. So abschließend verbergend, beruhigend oder beendend ist das gar nicht.

Gleichzeitigkeiten

Manchmal sind es Gleichzeitigkeiten, die es mir schwer machen, Auslöser für Traumareaktionen und meine eigenen Fehlschlüsse zu erkennen, obwohl sie mit nur ein wenig veränderter Perspektive unübersehbar sind.
Gleichzeitigkeiten in der Bedeutung von Dingen, um genau zu sein.

Erklärender Ausschwiff, was ich damit meine:
Dass man auch „Verbrenner“ zu bestimmten Autos sagt. Da hatte ich mal eine einigermaßen fürchterliche Zeit, weil ich Verbrennungsvorgänge im Zusammenhang mit Autos nicht vereinbar mit der üblichen Funktionsweise eines Autos empfand. Wenn ein Auto verbrennt, fährt man nicht damit, denn das wäre potenziell tödlich.
Dann habe ich gelernt: Die Fahrzeuge nennt man „Verbrenner“, weil sie im Motor etwas verbrennen, um zu fahren.
Was ich aber brauchte, um eine unfassbare Angst während des Autofahrens nicht mehr zu haben, war eine Einordnung darüber, dass man in einem „Verbrenner“ – ja – in einem Auto sitzt, in dem es brennt (genauer: es einen Verbrennungsvorgang gibt), aber nein – das Auto deshalb nicht automatisch eine Feuerfalle wird, wenn man zu lange damit fährt.
Ja, nein, man macht nicht deshalb eine Rast an Raststätten. Ja, nein, wenn „der Motor überhitzt“, ist das kein erstes Zeichen für eine unkontrollierte Verbrennung, sondern eins für fehlerhafte Kühlung. Ja, wenn die Sonne stark auf die Metallkarosserie scheint, wird sie sehr heiß, aber, nein, der Kraftstoff im Auto kann deshalb weder ausdünsten und wie Gas im Auto entflammt werden – vom Zündschlüssel, den man in das Auto steckt – noch von der Hitze entzündet werden.

Die Gleichzeitigkeit ist in dem Beispiel sowohl die Bedeutung des Wortes, als auch der Schlüsse, die ich damals gezogen hatte. Ich war kein irrational bockiges Kind, das rumspinnt und sich aus Lust am Horror in ein absolutes Katastrophenszenario reinsteigert. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen etwas geschlossen und eine absolut logisch nachvollziehbare Todesangst gehabt, die ich – anders als die Erwachsenen in meinem Leben – weder mit Erfahrungswissen konfrontieren noch mit Vertrauen in meine Bezugspersonen beruhigen konnte.
Bei dem Auto-Feuer-Thema war informierende Differenzierung wichtig, gerade weil es stimmt, dass mit dem Autofahren Feuergefahren bestehen, nur eben nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Ähnliche Differenzierungsbedarfe habe ich bis heute, wenn es um Trigger für traumareaktives Verhalten geht. Nur dass das noch insofern einen weiteren Komplikationsgrad hat, als dass mir meine eigenen Schlüsse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht immer gleich bewusst sind.

Ich habe jetzt den Auslöser für meinen Rückfall in die Essstörung gefunden.
It’s a classic. Drohender Kontrollverlust aufgrund meines aktuellen BMI während meiner Schwangerschaft und unter der Geburt
Für mich mit meinem medizinisch vorbelasteten Autibrain eine absolut klare Kiste: Mediziner *innen haben ihre Werttabellen und daran orientieren sie sich. Punkt. Keine Diskussion. Meine Selbstbestimmung der hill, auf dem ich alleine sterben gelassen werde, weil natürlich niemand jemals wirksam gegen das widerspricht, wozu Ärzt *innen raten. Würde mir ein *e Behandler *in sagen, dass mein BMI irgendetwas nicht zulässt, würde mir niemand beistehen. Ich wäre alleine. Mit einem ausgesprochenen Risiko, das mich vielleicht noch nicht einmal wirklich betrifft, weil der BMI einfach viel mehr zur Messung sozio-ökonomischer und anderer sozialer Diskriminierungsfaktoren taugt als sonst irgendwas. Und es wäre komplett egal, ob ich damit recht habe oder nicht.
Ich wäre allein. Niemand würde mir mehr helfen. Ich wäre in Lebensgefahr.

Schon beim Aufschreiben dieses Absatzes habe ich, ohne es bewusst zu merken, mehrfach geschrieben: „Ich wäre alleine“. Und das, was ich nicht aufgeschrieben habe, hat einfach alle Traumaflaggen auf jedem Erker: „Andere würden mit mir machen, was sie wollen können für richtig/wichtig/angemessen/(mich zwingend) nötig halten, ganz egal, wie das für mich ist.“ „Ich müsste alles mit mir machen lassen, damit mich niemand alleine lässt.“

Da ist sie, diese tückische Gleichzeitigkeit von Gewalt-Trauma und Gewalt-Realität.
Ich habe wirklich und echt so gar keinen Grund, dem medizinischen Apparat grundsätzlich vertrauensvoll zu begegnen. Null. Und gerade im Themenkreis „Schwangerschaft und Geburt“ haben Menschen, die Kinder bekommen können, noch x-mal weniger Grund zur Annahme, im Fall des Falls wäre ihre Selbstbestimmung für irgendwen von Wert. Fast jeder Geburtsbericht einer traumatischen Geburt schreit zwischen den Zeilen in die Welt: „Ich hab zugestimmt, damit ich nicht allein sterbe.“
Da ist immer der Wunsch (und Auftrag und Pflicht und Eid) von Behandler*innen nicht zu schaden und von Angehörigen nur das Beste zu wollen. Und gleichzeitig eine Person, die genau deshalb zu Schaden kommt und die eigene Lebendigkeit (und/oder die des Kindes) als das Beste begreifen soll und in vielen Fällen auch muss.

In genau diesem Dreieck fand das statt, was ich heute als Helfertrauma aufarbeite.
Also jetzt gerade ganz akut. In jeder der letzten Therapiestunden. Ich, Hannah, bin immer wieder extrem aufgemacht an dem Komplex, an dem mein Ich entstanden ist. Als Schutzsystem für eine_n Jugendliche_n, die_r am Helfen anderer Schaden nimmt.
Logisch kommt es zu spontanen Querschlägern, unbewussten Schnellschlüssen, erst einmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen, die auch aufgrund des Autismus nicht mal eben einfach mit ein bisschen mehr Reorientierung als sonst containt kriege. Ich bin gleichzeitig in der autistischen Kompensation (die ehrlicherweise auch weitgehend Retraumatisierungsvermeidung ist), der Traumaverarbeitung und in der Traumareaktion.

Ich bin gerade in einem Momentum des Traumaverarbeitungschaos. Das entsteht aus mehr Alltagsamnesien als sonst. Dadurch mehr Anspannung. Dadurch mehr Herausforderung an meine Autismuskompensation im Alltag. Die mich so schon oft über meine Grenzen bringt und mich dünnhäutig macht. Meine Dünnhäutigkeit bietet jüngeren Inneren unerwartet große Fenster in die Gegenwart. Meine Ängstlichkeit über das Gefühl ihrer Blicke durch mich hindurch wird zu einem paradoxen Helfer für mich. Ich habe Angst, sie zu spüren, aber durch meine Angst fühle ich mich sicher. – Wieder so eine Gleichzeitigkeit – Angst haben und so daran gewöhnt sein, dass es mehr Angst machen würde, wäre sie weg, weil ich mich dann nicht mehr sicher im Sinne von zuverlässig fühlen kann.
Und gleichzeitig zu all dem, was allein schon wirklich richtig schwer und zuweilen auch schmerzhaft ist, gehört ein Trigger, der mir – obwohl er mir jetzt unübersehbar erscheint – noch nicht wirklich bewusst war: „Jetzt geht DAS wieder los. Die Klapse und alles. Weil ich mitgemacht hab, aber nicht gut genug. Jetzt knall ich komplett unrettbar durch. Jetzt kann mir niemand mehr helfen.

Jetzt werde ich alleine gelassen.
Eingesperrt.
Mir selbst überlassen.

Ohne jede Möglichkeit, über mich zu bestimmen.

Weil ich zeitweise nicht mal mehr weiß, was ich will.
Was wollen ist.
Wie bestimmen geht.

Es wird eben doch nie enden.

Andere müssen vor mir geschützt werden.
Egal, wie das für mich ist.

Es ist das Beste, wenn ich nicht mehr hier bin.
Ich sollte weg.
Ich muss weg.“

Das hat dann alles gar nichts mehr mit der Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen zu tun, sondern mit der Verarbeitung eines Selbstzustandes, in dem die schwierige Erfahrung nicht mehr nur in mir drin ist, sondern auch im Raum, im Kopf, im Herz meiner Therapeutin und dadurch mit einer anderen Perspektive angeschaut.
Ein Selbstzustand mit neuen bisher ungelebten inneren Zusammenhängen, Selbsterfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.
Ich, wir alle als Einsmensch, könnten alles Mögliche machen. Da ist ja was zusammengekommen. Mehr verfügbar als vorher. So ganz objektiv draufgeschaut. Heute ist ja, auch wenn ich mich in diesem inneren Chaos befinde, alles sicher. Alles okay soweit. Und gleichzeitig können wir das noch nicht. Wir können gerade nur, was wir als System jeweils können.

Ich kann richtig kompetent Angst haben und meine Therapeutin anrufen und auf alle ihre Fragen „Ich weiß nicht antworten“, darüber komplett verzweifeln und genau deshalb aber auch präsenter und alltagshandlungsfähiger werden.
Die Anderen können die Kämpfe wieder aufnehmen, die sie damals gegeneinander geführt haben, weil sie gegen nichts und niemanden außen kämpfen konnten. In Form von der Essstörung. Das ist ihr Ding. Ihr Lösungsweg.

Ein Lösungsweg, der schon damals überkomplex war und über zwei andere Systeme hinweg überhaupt gar nichts verbessert hat. Aber etwas sichern konnte. Selbstbestimmung als aktiver Akt. Also etwas, das jeden Tag in bestimmten Handlungen gemacht werden kann.
Selbstbestimmtes nicht alleine Verhungern. Selbstbestimmtes hoffentlich vielleicht an Erbrochenem ersticken. Selbstbestimmter Magendurchbruch. Selbstbestimmter Dauerbauchschmerz. Selbstbestimmte Heimlichkeiten. Selbstbestimmte Schamgrenzen. Selbstbestimmt weggegebene Würde. Selbstbestimmte Zahlenziele. Selbstbestimmte Ideale. Selbstbestimmter Zeitlupensuizid.
0 % Angst. 100 % Kontrolle über die Inneren anderer Systeme, die immer wieder aus ihnen rausbrechen, weil sie um ihr Überleben kämpfen.

Vielesein ist genau diese Art der Gleichzeitigkeiten immer und auf so vielen Ebenen.
Alles ist immer irgendwie verbunden und gleichzeitig komplett voneinander abgetrennt.
Ich kann das alles wissen und trotzdem von genau den Dingen, die ich weiß und über die ich schon tausend Mal gesprochen habe, radikal geschnetzelt werden, einfach nur, weil irgendein bisher nicht so präsentes Innen durch meine Haut sieht und versteht, dass Gewicht immer noch Relevanz in Bezug auf die Selbstbestimmung hat.

„Ja, so wie damals, aber nein, nicht so.“, in einem anderen Szenario könnte ich mich hinsetzen, mich konzentrieren und die Sicherheit vermitteln, das zu erklären. „Schau hier sind die Unterschiede, das läuft so und so … deshalb ist es zwar gleich, aber nicht gleich.
In diesem heutigen Jetzt müssen wir alle, die anderen Inneren und ich alle zusammen, das von anderen Menschen erklärt kriegen. Ich brauche Sicherheiten, die anderen das konkrete Erleben von Selbstbestimmung durch für sie so radikale Akte wie selber etwas (anderes als den Essens/Selbstverletzungs/Suizidschissel) wollen und es dann tun. Wie das geht, müssen wir lernen. Mit Anleitung, denn so etwas hat noch kein Mensch von alleine gelernt.

was es gekostet hat

Ich steige mit der Tür ein. Der gelben Tür, die hinter mir zuschlägt und alles verändert. So beginnt mein Manuskript, weil ich so beginne. Nie kam ich davor. Mir fehlte ein Bindeglied. Eine Idee von mir bevor der Deckel der Station schwer in seinen Rahmen schlug.

Zuletzt haben wir in der Therapie viel Raum dafür gelassen, was mich dahin gebracht hat. Was mich gemacht hat. Zuletzt ging es viel um die Klapsleichen. Davor darum, was es uns gekostet hat, Objekt des Hilfesystems zu sein. Am Ende der Stunde war ich zerschossen von den Querschlägern meiner Gefühle.

„Sie waren absolut am Boden“, hat meine Therapeutin gesagt.
Sie hat in 13 Jahren nur zwei Mal etwas gesagt, das mich in einer Situation ähnlich eindeutig verortet, beschreibt, einordnet.
Jetzt fühlt es sich an, als hätte sie damit einen Keil unter die gelbe Tür geschoben. So, als hätte sie eine Kraft aufgebracht, eine Klarheit hergestellt, um die ich seit vielen Jahren gerungen, doch nie erreicht habe.

Ich kann es auf meiner Haut spüren. Dieses „Vorher“, das wie eine Hitzewand vor der Tür steht und die Eigenschaft hat, mich in eine 14-Jährige zu verwandeln, die nicht weiß, wie ihr geschieht, eigentlich noch 13 ist und diese Tür als entbeinende Schleuse erlebt. Als entkernendes, ent-selbstigendes Moment.
Mein Gefühl ist drückend uneindeutig. Die Erkenntnis aber klar.
Das hat es sie gekostet. Nicht nur die Familie. Die erweiterte Familie. Vermögen. Schulfreund *innen. Die Band. Die Chöre. Die Gemeinde. Die Freund *innen da. Die Nachbarin mit dem Klavier. Die Anarchofriends. Jede Aussicht auf Zukunft. Jeder Raum für eigene Wahrheit. Persönliche Freiheit. Selbstbestimmung.

Es hat sie auch sich selbst gekostet.

Fundstücke #91

Ich legte auf und hielt mein Gesicht nah an den Ventilator.
Die kalte Luft bewegte meine Wimpern, das Summen des Motors rüttelte meine Gedanken in eine Richtung.
So ist das also, wenn ich darüber rede. Meine Essstörung. Und das. Also alles. Irgendwie. Draußen fahren immer noch Autos lang, das Korn wiegt sich, die Maschine vor mir pustet Geräusch und Wind auf mich.

Ich habe nicht erwartet, dass die Welt untergeht. Aber ich habe erwartet, dass es mir schlecht geht. Dass ich mich mit einer Antwort befassen müsste, die mich überfordert oder verletzt. Obwohl ich mir ein Gegenüber gesucht hatte, das sich auskennt. Und mehr Sicherheitsvorkehrung praktisch nicht möglich ist. Am Ende sind Gespräche unkontrollierbar, Menschen unvorhersehbar, empfindliche Themen empfindlicher Menschen einfach sehr empfindlich.
Da kommt der Mut ins Spiel.
Oder die Verzweiflung.
Druck auf jeden Fall. Energie. Kraft.
Und davor eine Entscheidung für den Kontakt. Nicht: der Wunsch nach Kontakt oder die Hoffnung darauf. Sondern: Ja, das mache ich jetzt.

Die Person fragte mich, warum ich bisher noch nicht mit meiner Therapeutin darüber gesprochen habe. Das war eine gute Frage für mich. In der Antwort war für mich ein Faden zu meinem Grundproblem rund um die Essstörung und warum ich sie jetzt nach über 20 Jahren in meinem Leben erneut belastend erlebe. Rosenblattscher Classic: Angst und Vermeidung. Keine Angst vor dem Beziehungsabbruch oder Verletzung, sondern vor Überforderung und Enttäuschung. Scham und Ohnmacht. Wir haben ein Arbeitsverhältnis – ich habe hier etwas am Laufen, vor dem ich mich handlungs- also arbeitsunfähig erlebe.
Und die klapstrainierten Patient_innen in mir werfen sich mir jedes Mal schreiend vor die Brust, wenn ich auch nur plane, Anlauf zu nehmen, um ihr zu sagen: Ähm, ja hm, wir machen grad hier Traumadings, das wir schon ewig angebahnt und vorbereitet haben in 14-tägig stattfindenden Terminen – wie wärs mit einem Problem, das ich schon länger habe und zu dem ich nicht mal eine Lösungsidee habe, die nicht davon beeinflusst ist?

Es ist eine pragmatische Entscheidung dagegen. Ich weiß, dass mir die Traumaarbeit mit anderen Innens in der Regel neue Einordnungskompetenzen und manchmal auch Handlungsfähig- und fertigkeiten gibt. Die Therapie wie ich sie jetzt nutze, ist für dieses Problem eher komplementär hilfreich. Also zusätzlich zu anderen Dingen.
Und es ist eine vermeidende Entscheidung, einfach aus dem Umstand heraus, dass ich mich gerade wegen meiner Kinderwunschbehandlung damit befasse. Ich weiß, dass meine Therapeutin nicht ewig am Symptom rummachen würde, sondern direkt an die Störungsquelle geht. Ist ja schlau. Effizient. Wegen dieser Eigenschaft bzw. dieser Kompetenz schätze ich sie als Arbeitspartnerin sehr.
Die Störungsquelle liegt jedoch im medizinischen Kontext. Ein Kontext, den ich von verschiedenen Seiten her als gewaltvoll und traumatisierend erfahren habe. Und ich will nicht von ihr hören, dass das dazugehört. Dass man da nichts machen kann, weil es ist, wie es ist und tja, mit unsensiblem oder grenzberührendem Umgang, Inkompetenz oder mit der „nicht jederzeit alles auf Zettel haben können“-heit anderer Menschen und der generellen Alternativlosigkeit muss man halt klarkommen. Das können mir alle Hanzeln und Franzeln auf der Welt sagen, die nicht wissen, was ich in Krankenhäusern erlebt habe. Die nichts von den Patient_innen in mir wissen. Und die mit solchen Aussagen ja auch markieren, dass sie gar nicht mit mir in Kontakt kommen wollen.
Aber meine Therapeutin soll mir das nicht sagen. Sie soll auch nicht in Gefahr geraten, mir das potenziell aus Versehen aus einem Moment von „kurz mal irgendwie nicht ganz so konzentriert sein“ zu sagen. Und da ich es ihr nicht verbieten kann und Gespräche insgesamt unkontrollierbar sind, kontrolliere ich mich. Und vermeide.

Da geht es überhaupt nicht um mein Vertrauen in sie, sondern um mein Vertrauen in den Lauf der Dinge. Meine Erfahrungen mit dem Unkontrollierbaren. Ich bin mir so bewusst darüber, dass ich mich im Gespräch mit ihr nicht schützen kann, ohne mich gegen den Kontakt mit ihr zu entscheiden (und im Zuge dessen möglicherweise sogar so stark zu dissoziieren, dass ich zu einem anderen Innen wechsle), dass es letztlich sogar mehr Entscheidung für den Kontakt mit ihr als dagegen ist.

Ich weiß, dass diese traumalogische Kette für die Begleiter_innen und manchmal auch Behandler_innen von komplex traumatisierten Menschen ein wiederkehrendes Problem darstellt. Manchmal wird es für beide Seiten ein dauerhaft anstrengendes Ringen um Wollen und Sollen, Einladungen wahrnehmen, glauben und annehmen bzw. Einladungen machen und absichern – nur um dann doch vielleicht wieder bei Dissoziation oder Vermeidungsverhalten zu landen.
Weder meine Therapeutin noch ich sind alleine damit.

Umso wichtiger erlebe ich gerade meinen Ausbruch aus dem Risiko dieser Dynamik. Ich habe mir selbst erarbeitet, was mich belastet. Habe selbst beobachtet, welche Symptomatik wieder verstärkt ist und mich damit befasst, wie ich meine Vermeidung einerseits erhalten, andererseits vermeiden kann. Nur weil ich mit meiner Therapeutin nicht darüber sprechen möchte, muss ich nicht dazu schweigen oder generell erstarren und mich wieder von allem entfernen. Deshalb der Kontakt mit der Person am Telefon.

Es zeigte sich, dass mein Problem, meine Essstörung gerade durch keine meiner üblichen Maßnahmen containen zu können, von mehreren Faktoren beeinflusst wird.
Wir müssen sortieren. Was geht pragmatisch? Wie kann ich meine Angst vor bestimmten Lösungsversuchen konkretisieren und in der Folge aktiv beruhigen? Wie viel Vermeidung ist mir bewusst und wichtig und wie viel reflexhaft aus traumalogischen Vorannahmen heraus und dadurch doppelt zu prüfen?
Mir hilft gerade auch etwas aus dem Buch „Trauma verstehen, bearbeiten und überwinden“ von Prof. Dr. L. Reddemann und Dr. C. Dehner-Rau im Kapitel „Was hilft bei Angst und Panik?“. Darin gibt es einen Absatz dazu, dass es absurd klingen mag, aber dass Angst manchmal auch ein Schutz vor Dissoziation ist, wenn es (unbewusst) erträglicher ist, Angst zu haben, als Derealisation oder Depersonalisation zu erleben. Das trifft auf mich in manchen Situationen definitiv zu, weil Angst mich aktiviert und Dissoziation deaktiviert. Jetzt weiß ich zwar noch nicht genau, wie ich das in meinem Unterfangen konkret für mich nutzen könnte, aber es gibt mir einen weiteren Hinweis auf eine Energiequelle in mir. Und es setzt meine Angst in ein Verhältnis zu mir, in dem sie nicht mein Feind ist, obwohl sie es mir gerade schwer macht, ein echt ungünstiges Problem anzugehen.

Tag der nicht binären Menschen

Nach der Nachricht zum Register „gefährlicher psychisch Kranker“, kam die Nachricht zur Liste über alle Menschen, die vom Selbstbestimmungsrecht Gebrauch gemacht haben. Das war, nachdem die Regenbogenflagge nicht mehr auch am Bundestag wehen sollte und der Grund, weshalb ich niemals davon Gebrauch machen werde. Denn mit Listen hat auch die Verfolgung aller Gruppen angefangen, die den Nazis nicht deutsch, nicht gesund, nicht Mensch genug waren. Und jede dieser Listen entstand, weil Menschen das Vertrauen ihrer Mitmenschen in ihre Verwaltungsorgane ausgenutzt haben.

„Far stretch“ haben viele sinngemäß gesagt, wenn ich meine Bedenken geäußert habe. „Das wird nicht passieren. Heute sind wir so viel weiter.“
Und dann passiert es doch. Denn die, auf die es ankommt – jene Leute, die über uns entscheiden, zum Beispiel im Bundestag – die sind nicht weiter. Die sind so weit, dass sie eine Geste zur Solidarität mit einer diskriminierten Minderheit, mit einer Degradierung des Hauses und damit auch der Entwürdigung seiner Vertreter_innen gleichsetzen.
So zu denken ist nicht dezidiert faschistisch, aber so zu denken führt zur Legitimation von faschistischem Bewerten und Handeln. Und mit dieser Sorge bin ich aktuell ein nicht binärer Mensch in Deutschland. Mit einer psychischen Erkrankung. Mit einer Behinderung.

Wir schreiben das Jahr 2025.
Ich traue mich auf die Straße, wie sonst auch. Ich habe eine Arbeit, kann am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. Ich darf Eigentum besitzen, Handel treiben und Kredite aufnehmen. Ich darf mich frei bewegen und mein Pass garantiert mir die Einreise in 170 Staaten. Ich werde medizinisch versorgt, wenn ich krank bin. Ich wurde von klein auf gebildet und kann auch im Alter noch Bildung erhalten. Ich darf lieben, wen ich will, darf anziehen, was ich möchte. Alle Rechte der Bundesrepublik Deutschland gelten für mich.
Allerdings ausnahmslos mit einer Zuschreibung, die nicht stimmt.
Einer Zuschreibung, die allein so harmlos ist, doch in ihren Folgen so profund, dass gestandene Staatsmänner um das gute Leben für alle bangen.
Allein deshalb ist es eine Zuschreibung, deren Richtigstellung für mich nicht sicher ist.

In diesem Jahr, in diesem Pridemonth, zeigt sich, was ich in den letzten Jahren immer wieder gesagt habe: „Ja, fein love is love, danke Auto/Kosmetik/Gedönsmarke, die sonst nie irgendwas zum Thema beiträgt – aber ich weiß, ihr werdet euch zurückziehen, sobald es sich nicht mehr lohnt an unserer Seite zu stehen.“ Denn die Sichtbarkeit ist drastisch zurückgegangen, nachdem „Diversity“ zum Begriff des rechten Kulturkampfes wurde. Oder hast du dieses Jahr schon einen Labello mit Regenbogenkappe gesehen? Oder ein Markenlogo mit Regenbogendesign und „love is love“-Spruch? Selbst unsere „unpolitischen Allies“ merken es. Und sagen, machen … so viel wie bisher.

Ich mache keine Aufklärungsarbeit mehr für diese Allies. Ich erkläre nicht mehr, was Neopronomen sind oder warum das Selbstbestimmungsgesetz für alle Menschen in Deutschland wichtig ist. Ich berichtige niemanden mehr, die_r mich misgendert, nachdem ich mich vor ihr_ihm geoutet habe.
Die Zeit dafür ist vorbei.
Wer bis hier und heute nicht aufgepasst hat, nicht hingehört, mit dem Thema nicht in Kontakt gegangen ist, kann die Lage und ihre Entwicklung in ihrer Gefahr für Menschen wie mich und all die anderen trans Personen (und andere intersektional von Diskriminierung betroffene Menschen) in Deutschland nicht begreifen.
Da wo wir jetzt stehen, reicht es nicht davon überzeugt zu sein, dass Menschen Menschen sind und alle ein gutes Leben verdienen. Es ist nicht genug, sich nach transfeindlichen Kampagnen wie zuletzt in Großbritannien und einigen US-amerikanischen Staaten an die Stirn zu fassen und zu sagen: „Hä, ich kapier einfach gar nicht, was das soll!“ Diese und andere Fragen konnten wir in Ruhe besprechen. Es gab genug Zeit und Raum zu neuem Verstehen und Lernen.
Jetzt sind wir im Backlash.
Für mich geht es um Sicherheiten. Notfallpläne. Fragen wie: Wohin, wenn nicht hier? Mit wem, wenn nicht denen, die meinen Alltag begleiten? Wie, wenn es anders gehen muss als jetzt?

„Far stretch“ denke ich selber, wenn ich aus meinem Fenster schaue vor dem sich das Korn in sanftem Wind wiegt. „Close enough“ hingegen, wenn ich mich daran erinnere, dass mein Partner weder Flaggen noch Plakate aufhängen will, um Stress zu vermeiden.

Ich bin so froh um den Tag der nicht binären Menschen.
Seine Existenz bestätigt meine Existenz, ohne dass ich etwas dafür tun muss.
Es gibt ihn. Es gibt mich.
Das kann mich trösten.

Starre unterscheiden

Es gibt an meinem autistischen und komplex traumatisiertem Er.Leben etwas, das im Konfliktfall oft falsch verstanden oder eingeordnet wird:
Meine autistische Trägheit. Und meine traumabedingte (Angst)Starre.

Was beide gemeinsam haben, ist die relative Starre. Sie zeigt sich in allgemeiner Inflexibilität. Verlangsamter Anpassung an neue Umstände. Aber auch Schwierigkeiten dabei, Neubewertungen vorzunehmen und Verhalten entsprechend zu ändern. „Relativ“, weil die Umstände und Hintergründe eine große Rolle dabei spielen, in welchem Umfang und in Bezug worauf die Starre besteht. Ob sie eine Funktion hat oder nicht.

Meine Angststarre hat immer eine Funktion und mehr oder weniger definierte Auslöser. In der Podcastepisode „Viele-Sein“ 99 mit Felice über Innenkinder kann ich das gut an meinen Aussagen zeigen. Dort erkläre ich, dass meine phobische Vermeidung einen direkten Zusammenhang mit der Wahrnehmung von (früher kindlichen) Grundbedürfnissen hat. Die Logik, in der meine phobische Vermeidung passiert, ist der absolute Klassiker: Es war früher ein lebensbedrohliches Problem, Grundbedürfnisse auszudrücken und um den Bezug zum Umfeld, das man nicht kontrollieren kann, zu erhalten, kontrolliert man sich selbst und erklärt es zum Problem überhaupt Grundbedürfnisse zu haben. Da man als Mensch nicht ohne Grundbedürfnisse existieren kann, unterdrückt und verleugnet man sie und damit das auf Dauer nicht übermäßig viel Kraft kostet und immer wieder neu erforderlich wird, vermeidet man alles, was damit zu tun hat. Man „vergisst“ es einfach.
Das waren unbewusste Entscheidungen, getroffen in Momenten, in denen es um den Lebenserhalt ging. Sie sind in gewisser Weise so steif und starr in mir drin verankert, wie es mein Kinderkörper in der Situation war. Die gleiche Energie, die bei einer anderen Stressreaktion in Todesangst zu großer Kraft für Flucht oder Kampf geführt hätte, hat bei mir zu innerer Aufteilung, Abgrenzung, Dissoziation geführt. Meine Angst ist praktisch, was diese innere Struktur zusammenhält und entsprechend immer funktional erforderlich. Fange ich an, daran rumzuwackeln oder etwas aufzulösen – meine Ängste zu reflektieren, auf ihren Nutzen heute zu prüfen und wenn möglich abzulegen, verändert sich diese innere Struktur natürlich. Die Starre lässt nach. Es kommt zu Verbindungen, die vorher nicht möglich waren. Mit diesen Verbindungen kommen neue Selbst- und Umwelterfahrungen. Die führen zu neuen Bewertungen des Selbst- und Um.Weltbildes. Und diese führen zu Impulsen, die die Gestaltung des Lebens insgesamt betrifft.

Dieser Prozess – dieses Auflösen und mit den Folgen klarkommen – erfordert eine sichere Umgebung. Sichere Begleitung. Versicherung über Bezug, Hier und Jetzt, Möglichkeiten und Grenzen. Praktisch das Gegenteil von dem, was früher da war. Ist es nicht sicher, passiert da auch nichts. Punkt.

*

Meine autistische Trägheit hingegen geht mit einer relativen Starre in Bezug auf sich selbst einher. Das führt dazu, dass sie primär für den Selbster.halt im Zusammenspiel mit der direkten Umgebung funktioniert. Da geht es darum, dass ich überhaupt mit der Umwelt interagieren (kommunizieren) kann und weiß worum es geht, wer was sagt; ich mich selbst in Bezug setzen kann. Diese Starre verändert sich nicht durch psychische Vorgänge oder soziale Umstände, sondern die Ressourcen, die für die kognitive Verarbeitung bereitgestellt werden können.

Im Gespräch mit meiner ADHS-Freundin, die ihre inneren Prozesse und Gedanken mal mit vielen Zügen, die gleichzeitig nach autonomen Plänen fahren und sich gegenseitig ständig verändernde Gleise streitig machen, verglich, kam ich zu dem Bild von meinem Gedankenzug und mir.
Ich habe nämlich genau einen Zug und ein Gleis. Die anzufahrenden Ziele liegen jedoch nie in einer geraden Linie. Es wäre effizienter, flexibler, schneller, bedarfsgerechter für sämtliche Abläufe, mehrere Gleise und mehrere Züge zu kontrollieren. Ich habe aber nur einen Zug und ein Gleis zur Verfügung. Ich kann mir mehr wünschen. Kann Fähigkeiten erlernen, mehr zu bedienen. Kann so tun, als ob da mehr Züge und Gleise wären. An der Realität verändert das aber nichts.

Viele meiner nicht autistischen Mitmenschen übersetzen sich diese Konstitution mit „Scheuklappen aufhaben“, „Tunnelblick“, „(extremer) Fokus/(extremes) Ausblenden“, „Dissoziation“, „Konsequenz“, „Zwanghaftigkeit“, „Sturheit“, „Uneinsichtigkeit“, „Verbissenheit“, „eigensinnig“, „rechthaberisch“, „kompromisslos“, „dogmatisch“, „spitzfindig“, „aggressiv“, „unerbittlich“, „streng“, „tyrannisch“.
Die meisten Konflikte, die ich mit anderen Menschen habe, kommen am Ende auf diese Eigenschaft und ihre überwiegend negative Konnotation bzw. bedingte Einordnung zurück. Wer sich mit mir streitet und meine autistische Trägheit nicht versteht, denkt in der Regel, dass ich Recht haben will. Nicht zuhören. Keine Kompromisse finden. Meine Meinung durchsetzen. Keine Rücksicht nehmen wollen. Unangenehme Wahrheiten nicht annehmen. Oder auch, dass ich meine Ziele und Wünsche wichtiger, wertvoller, relevanter finde als die (Gefühle) von anderen Menschen.

Für mich sind Konflikte – ich bleibe mal bei dem Bild mit dem Zug – plötzlich hinzukommende Haltestellen, die nicht nur erfordern, dass ich sie anfahre, sondern, dass ich vorher noch bestimmte andere Haltestellen anfahre, dort ganz bestimmte Fahrgäste (Informationen) aufnehme, mit ihnen spreche (die Informationen richtig aufnehme und verstehe) und zum richtigen Zeitpunkt an eben jene neu hinzugekommene Haltestelle bringe – wo sie einen ebenfalls von mir gestellten Anschlusszug bekommen müssen.
Ich habe aber nur einen Zug. Ein Gleis. Und sehr viele für mich unvorhersehbare „plötzlich einfach da-Haltestellen“, die sehr viele special wichtige Fahrgäste erwarten. Meine alltägliche Trägheit (nur langsam oder sehr angestrengt aufgelöste Starre) und die entsprechende Unflexibilität erhöht meine Chancen auf unvorhersehbare Anforderungen überhaupt reagieren zu können und garantiert mir in gewissem Umfang ein grundsätzliches Verständnis und Möglichkeiten des Überblicks. Das sind die im ICD 10 beschriebenen „anhaltend eingeschränkte, sich wiederholende und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten (…)“.
Im Bild mit dem Zug ausgedrückt: Ich habe einen Fahrplan, der zwingend bestehen muss, weil der Zug sonst niemanden mehr aufnehmen oder gezielt irgendwo hinbringen kann. Verlasse ich die übliche Strecke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich den Überblick verliere. Mir Informationen zur Beurteilung einer Situation fehlen. Ich falsch oder verletzend für andere Menschen priorisiere. Meine Grundversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Mein Bezug zu mir selbst verloren geht. Ich mich als Quant erlebe, wie ich es im letzten Blogtext beschrieb.

Das heißt nicht, dass ich wirklich niemals von meinem Fahrplan abweiche. Als Kind in einer Gewaltfamilie und später Empfänger_in von Hilfe(dienst)leistungen konnte ich mir das überhaupt nicht leisten. Ich musste mein Grundbedürfnis nach Sicherheit (durch Überblick durch Verstehen der Situation) dissoziieren, um nicht (das Empfinden zu haben, in Gefahr zu sein und) zu sterben.
Ich musste lernen, fraglos, klaglos ohne jedes Belastungsgefühl hinzunehmen, dass ich den Großteil meines Lebens mit all seinen Vorgängen und Geschehnissen einfach nicht verstehe oder ihren Bezug zu mir nicht durchdringe. Und dass die Menschen in meiner Umgebung immer wieder (emotional aufgeladene, lebensbedrohliche, emotional vernichtende, demütigende) „Rückmeldung“ dazu geben.
Ich habe mein Nichtverstehen maskiert. Ich habe meine Verwirrung versteckt, habe meine Mustererkennungsfähigkeiten trainiert und die unbeworteten Skripte meiner Umgebung herausgearbeitet. Wer sagt wann was, wer macht wann was, wie muss ich X in Situation A, B, C machen … Der Rest ist copy und paste mit besserer Trefferquote, je älter ich wurde.

Ich arbeite bis heute damit. Dieses Vorgehen, das ich für mich als „letzte Rettungs-Fahrplan“ bezeichne, habe ich nie verändert. Obwohl ich weiß und immer wieder merke, dass es im Kontakt mit anderen Menschen der ungünstigte Fahrplan ist.
Darin fehlt es praktisch nie an Information und Reaktionszeit, aber praktisch immer an Emotion und Beziehungsperformance. Übersetzt in das Bild mit dem Zug: Mit diesem Fahrplan kriege ich nur bestimmte Fahrgäste rein – an der Zielhaltestelle braucht es aber alle für diese Haltestelle relevanten Fahrgäste.
Entsprechend groß ist die Unzufriedenheit anderer Menschen in so einer Situation mit mir. Sie sind nicht froh, dass ich überhaupt komme – ich meinen Fahrplan extra für sie von „meine basale Grundversorgung“ zu „letzte Rettung“ umgestellt habe. Sie sind pissed, weil sie annehmen, ich wäre emotional kalt und auf meinen eigenen Vorteil aus. Und verhalten sich mir gegenüber entsprechend.

Und da beginnt die Mischung, die es schwierig macht, mein Verhalten und seine Ursachen richtig einzuordnen.
Meine „Fahrplanänderung“ führt dazu, dass ich nicht grundversorgt bin und in meinem Bezug zu mir selbst bereits weniger stabil bin, als es ein Konflikt eigentlich erfordert. Denn sie hat enorme Energie gekostet. Physik-Grundkurs: Trägheit zu überwinden, kostet Kraft.
Diese erforderliche Kraft ziehe ich aus der Todesangst, die sich durch den Traumatrigger „zwischenmenschliche (Konflikt)Situation“ ergibt.

Auf eine Art bedingt meine Angst in dem Moment, dass ich annehme, ich müsse jetzt ganz zwingend und auf jeden Fall meinen „letzte Rettung-Fahrplan“ einstellen. Geht ja schließlich um alles. Angst bedingt einen starren Tunnelblick.
Allerdings habe ich, selbst wenn ich nicht in Todesangst bin, als Reaktionsmöglichkeit für besondere Vorkommnisse/Abweichungen im Alltag keinen anderen Fahrplan. Selbst wenn ich wollte. Ganz doll motiviert bin. Ganz eindeutig sehe: Jetzt wäre es besser, mehr Züge und Gleise zu haben.
Ich hab sie nicht. Sie sind mir einfach nicht gegeben und weder äußere Notwendigkeit noch innere Motivation, emotionale Situierheit oder psychische Konstruktion stellen sie für mich her.

Was ich kann und mache ist, mich diesbezüglich mitzuteilen.
Ich demaskiere mich. Lege dar, dass mir Informationen fehlen, indem ich vermittle, was ich wie verstehe und was nicht. Lebe damit, dass man mich nicht (mehr) für einigermaßen clever hält. Vor allem, wenn sich zeigt, dass das, was ich nicht verstehe, für andere so klar ist, dass sie es manchmal nicht sofort benennen oder erklären können.
Ich lasse mich außerdem von anderen in Konfliktfragen beraten, frage nach ihrer Sicht darauf und gleiche sie mit meiner ab. Diese Gespräche helfen mir, den Konflikt weniger als plötzlich über mich hereinbrechendes Ereignis zu erleben, das mich wie in traumatischen Situationen isoliert und wortlos (also wehrlos) machen könnte.
Und ich übe mich darin, die Angst zu beruhigen, die bei mir aufkommt, wenn ich merke, dass man von mir erwartet, schneller zu sein als ich bin, wenn ich keine Todesangst habe. Sondern versorgt. Mir meiner selbst bewusst. Im Überblick darüber, was ich tue, wo ich bin, warum ich was tue, möchte, brauche will. Weil ich meinen ganz eigenen – ja, total unflexiblen, rigiden und für andere widersinnigen – Routinenfahrplan verfolge. In meinem Zug auf meinem Gleis.

Nicht, weil der wichtiger ist. Besser. Relevanter. Sondern, weil das der Plan ist, den ich ohne Komplextrauma, ohne die Gewalt an mir, schon immer hätte abfahren können. Meine autistische Trägheit, meine Ein-Zug-ein-Gleis-igkeit war und ist immer nur dann ein echtes Problem, wenn man sie für etwas hält, das ich mir antrainiert habe, wie meine posttraumatische Angstkompensation. Wenn man von mir erwartet, dass ich diese Funktionsart verändern kann, wenn ich nur wollte oder die passenden Umstände erlebe.
Wenn mein Gegenüber sich nicht die Mühe macht, die Unterschiede der Starre an.zu.erkennen und zu akzeptieren, so wie ich sie selbst anerkennen und akzeptieren muss.

einfach immer nur geradeaus

Alle habens gesehen. Und mich gefragt, obs geht.
So alleine sein. So lange.
Jetzt. Kurz vor einer für mich berufs- und also zukunftsrelevanten Prüfung.
Jetzt, in dieser Zeit der Auseinandersetzung. Erinnerung. Inneren Konfrontation.
Und ich konnte mir nichts Entlastenderes vorstellen, als wirklich ganz für mich zu sein. Keine Unterbrechung. Keine Rücksicht. Nur mein Gedankenzug und ich. Immer geradeaus.

Ich habe meine letzten Aufträge abgearbeitet. Alles, was zur Kinderwunschbehandlung gehört, auf ein geistiges Nebengleis gestellt.
Der Podcast ist bis zum Hörer_innentreffen vorproduziert, Freund_innen wissen alle, dass das Examen bevorsteht, Therapie hat auch eine Pause – Arschbombe in die ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was jetzt wirklich wichtig ist!

Und dann, jetzt, bin ich alleine.
Nicht nur Sookie und ich-alleine.
Nicht Pflegestellen-alleine.
Nicht ambulant betreut-alleine.
Nicht obdachlos-alleine.

So richtig alleine.
Kein Prompt von Außen zur gezielten Umwelt- und Selbstwahrnehmung. Kein Signal zur Prüfung irgendwelcher Parameter meiner Existenz. Verstreute Wecker, die mich zu einem Menschen mit abstraktem Funktionsvermögen zusammenpressen. Konfusion über Wahrhaftigkeit, Konsistenz und Vertrautheit der Momente, in denen wir Nachrichten bekommen. Das sind meine Freund_innen? Echt – ja, ja klar, ich fühls doch, sehs doch, weiß es doch – hä? Im Ernst? Aber, ähm – Bezug? Was haben wir miteinander zu tun, wieso wissen die alles von mir, ich bin doch hier und die da? Ach so, ja ja ich erinnere mich, ja ja ach – das hat alles mit allem zu tun aha, ja. Ja klar. Was hab ich – hä, was sind eigentlich gerade meine Gedanken? Bin ich? Ahja, ja da war was. Kann ich deshalb nicht, wie ich will? Was zum, wieso, aber – ach ja. Ja. Menschlichkeit. Grenzen. Oben, unten dies das, ja ja klar, ich erinnere mich. Ja. Das hat mit mir zu tun. Ich bin kein Quant. Ja. Nicht vergessen.

Und dann vergesse ich es doch. Bis zum Wecker. Oder dem grauenhaften Empfinden meine Existenz nicht auszuhalten. Wenn es extrem wird. Extrem hungrig. Extrem traurig. Extrem verwirrt. Extrem ängstlich. Extrem müde. Extrem belastet.

So brüchig ist das. Ich.
Und:
Mir geht es gut.
Ich bin dem nicht ausgeliefert, nur weil ich es nicht verhindern kann.
Ich habe mir mehr Wecker gestellt. Mit Prompts, die sonst von meinem Mann und Bubi, früher von Sookie, Betreuer_innen oder Pfleger_innen, anderen Menschen in meinem direkten Umfeld kommen.
Ich kann alles, was ich können muss, um nichts Extremes zu empfinden.

Ich muss nur dran denken.
Bevor ich mich in einen Fokuspunkt verwandle und in meinem Gedankenzug einfach immer nur geradeaus fahre.

Viele-Sein, Episode 99, mit Felice über Innenkinder

Außenstehende bemerken sie oft sofort – Betroffene mit DIS verlieren an sie zu Beginn jede Kontrolle: Innenkinder
In dieser Episode „Viele-Sein“ sprechen Felice und Hannah über verschiedene Aspekte ihres Lebens und Umgangs mit ihren Innenkindern und allem, was damit einhergeht.
Außerdem in dieser Episode: Unsere Einladung zum Hörer*innentreffen im September, ein Podcast-Shoutout und der Aufruf, als neue *r Podcaster *in zu unserem Projekt dazuzukommen.

Kapitel

00:00:00 Intromusik Hörer *innentreffen
00:01:17 Einleitung und Begrüßung
00:02:30 Begriffsklärung – Innenkinder vs. das innere Kind
00:10:15 Wann hattest du das erste Mal Kontakt mit einem Innenkind?
00:27:44 Innenkinder und die Folgen im Außen
00:43:15 Innenkinder in der Psychotherapie
00:52:42 Innenkinder und Kontakt/Arbeit mit Außenkindern
00:59:42 Was haben Innenkinder Schönes in unser Leben eingebracht?
01:04:56 Shoutout: Podcast Survivor Queen
01:06:11 Ende der Episode und Aufruf an neue Podcaster *innen

Hörer*innentreffen

Am 6. 9. im Freizeitheim Linden, Hannover. Anmeldung per E-Mail an vielestimmen @ vielesein.de.
Mehr Infos gibt es ab August, wenn sich genug Leute angemeldet haben.

Wir suchen neue Podcaster*innen!

Hast du Lust und Zeit, mit uns an neuen Episoden zu arbeiten? Dann melde dich per E-Mail an H.C.Rosenblatt ät online.de Wir freuen uns über frischen Wind.


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mit Ableismus gegen Ableismus

Wilde Zeiten.
Vor einiger Zeit habe ich mir den Film „blinder Fleck“ angesehen. Ich wollte eine Besprechung schreiben, an deren Ende die Frage steht: Ist mit Ableismus gegen Ableismus anzugehen das, was Opfer von Gewalt brauchen?
Dann haben Paula ihren Text „Blinder Fleck“: Wenn Fragezeichen bleiben, die aufgelöst werden könnten“ veröffentlicht und mein Draft landete im Papierkorb.
Kurz darauf sprach ich mit meiner Freundin und meiner Therapeutin über zwei für mich sehr prägende und schwierige Situationen. Die Auseinandersetzung damit bringt mich dazu, meinen internalisierten Ableismus zu reflektieren. Diesen so DIS-typischen Ableismus der Opferschaft von Kämpfer_innenanteilen, die denken (und fühlen und sich selbst auch so erfahren haben): „Ich kann gar kein Opfer sein, denn ich kann ja alles (und die Anderen nicht)“.
Und dann kommt der Disability Pride Month und mit ihm der Hashtag #IchLeideNicht ins Fediverse.

Ich verstehe den Gedanken dahinter. Aurora hat in einem Trööt beschrieben, was sie*r damit meint. Das macht es nur leider überhaupt nicht besser, sondern noch viel schlimmer.
Die Idee ist aufzuzeigen, dass das Leben mit Behinderung nicht per se Leiden verursachend ist, sondern der Ableismus, der behinderte Menschen auf jeder Ebene im Leben negativ trifft. Was sich unter dem Hashtag sammelt, sind Inhalte wie: „Jede Treppenstufe ohne Alternative verursacht mehr Leiden als der Umstand, keine Treppen steigen zu können.“, „Jeder fehlende Untertitel ist schlimmer als nicht hören zu können.“, „Hey Ableds, eure Vorstellung von unserem Leiden ist falsch.“, „Ich leide nicht unter meiner Behinderung, sondern deiner negativen Bewertung.“

Ich finde keine dieser Aussagen falsch oder schlecht. Wir könnten darüber sprechen, wie sinnvoll es ist, die ableistisch gewaltvolle Trennung von „behindert/disabled“ und „nicht behindert/abled“ weiterzuführen und darüber Identitäten zu konstruieren – aber grundsätzlich ist es meiner Meinung nach nicht problematisch, Barrieren und diskriminierende Strukturen auch als Quellen des Leids zu benennen.

Nur …
Hier sitze ich und leide. Unter meiner Behinderung. Per se.
Denn dank meiner gesetzlichen Betreuerin, meiner Assistenzperson, meinem Arbeitsplatz in einem Inklusionsbetrieb, der therapeutischen Unterstützung und der Wertmarke zu meinem Schwerbehindertenausweis kann ich strukturelle und logistische Barrieren sowie einen gewissen Anteil der sozialen Barrieren in meinem Leben kompensieren.
Die größte Barriere – in meinem Fall der Großkomplex „Kommunikation und Interaktion im Zusammenhang mit Reizaufnahme und -verarbeitung“ im Gesamtkontext „Menschen“ – ist nicht primär aus ableistischer Grundhaltung oder Legitimation heraus entstanden, wie etwa Dauerbeschallung im Supermarkt oder der Umstand, dass Behinderung offiziell anerkannt werden muss, um offizielle Leistungen zur Bewältigung des Lebensalltages überhaupt beantragen zu können.
Diese meine größte Barriere führt nicht zur gleichen Kategorie Ausschluss, wie es fehlende Hörfassungen für blinde Menschen im Kino oder verweigerte Gebärdenübersetzung in der Schule für muttersprachlich gebärdende Menschen tun.
Meine Behinderung besteht auch dann noch, wenn alle Gebäude, alle Bildung, alle Versorgung für alle zugänglich ist.
Ich bewerte das nicht. Mache hier keine „dies ist schlimmer als das“-Geschichte auf. Wirklich nicht. Ausschluss ist Ausschluss und das ist immer ein Problem, das in unserer Gesellschaft lebensbedrohliche Konsequenzen hat.

Was ich hier ausdrücken möchte ist, dass meine Behinderung eine Ebene betrifft, die gerade deshalb zu Leiden führt, weil sie nicht performativ zu lösen ist. Gerade, weil ich mich für meine komplette Enthinderung nicht irgendwo dranketten und neue Gesetze fordern kann. Weil es nicht damit getan ist, dass mehr Leute mit Leuten wie mir in Kontakt kommen, um Vorurteile abzubauen. Weil das, was mich behindert, nicht (nur) ist, wie wir Menschen in aller Unterschiedlichkeit miteinander leben, sondern (auch) dass wir miteinander in aller Unterschiedlichkeit leben (müssen).

Ich erlebe mich sehr oft gefangen in meinem behinderten Körper (genauer: Gehirn/Denken) und entsprechend auch gefangen in meinem behinderten Er.Leben. Merke sehr oft sehr deutlich, entlang welcher Grenzen diese Barriere für mich verläuft und wie schwierig es ist, anderen Menschen eine zutreffende Idee davon zu vermitteln.
Und wie unfassbar schmerzlich es ist zu merken, dass es mir bisher noch nicht gelungen ist, gerade weil es nicht Ableismus oder Ignoranz oder böser Wille oder bloße Empathielosigkeit ist, was das verhindert, sondern schlicht der ganz individuelle menschliche Selbst- und Umwelt(wahrnehmungs)erfahrungshorizont anderer Menschen. Etwas, das natürlich davon geformt wird, wie wir leben und was wir (glauben) gelernt haben, aber in weiten Teilen auch einfach ist, wie es ist.

Mein Leiden ergibt sich aus der Einsamkeit, die für mich schon immer war und immer sein wird. Obwohl ich in weitaus weniger Bereichen als andere behinderte Menschen ausgeschlossen werde. Mich in vielen Bereichen weitaus umfassender kompensierend anpassen kann. Meine Menschlichkeit weitaus häufiger für mich selbst infrage steht als für andere Menschen – was auch etwas ist, das bei sehr vielen anderen behinderten Menschen genau andersherum der Fall ist.
Ich brauche in ganzen vielen Bereichen nicht unter Beweis stellen, dass ich es wert bin, versorgt, gebildet, eingebunden zu werden. Aber diese Versorgung, Bildung, Eingebundenheit führt nicht zu der angestrebten Gleich- und Miteinanderheit. Zu einem Sein an gleicher Stelle. Einem gemeinsamen, miteinander verbundenen Er.Leben der Situation. Es führt viel mehr dazu, dass die Bereitschaft anzuerkennen, dass ich diese eine Barriere weiterhin erlebe, immer weiter abnimmt. Man mir immer weniger glaubt, dass es sie überhaupt gibt. Und dadurch das Risiko für Aggression und Gewalt an mir (aufgrund meiner Behinderung) steigt.

Deshalb bin ich Selbstvertreter_in geworden.
Ich bin jeden Tag in eigener Sache präsent. Hier im Blog. Bei Mastodon. Im Podcast. In meiner Tätigkeit als Speaker_in. Als Autor_in. Als behinderte Person. Als Viele.
Ich will weder, dass andere autistische Menschen noch Menschen mit DIS, noch dass Journalist_innen, Unterstützer_innen, Psychotherapeut_innen oder Behandler_innen anderer Professionen sich als Vermittler_innen meines Leidens gerieren.
Denn was dadurch passiert ist, dass aus meinen Gewalterfahrungen und meiner Traumafolgestörung lediglich das für „nicht gleichermaßen betroffene“ Menschen allgemein nachvollziehbare Leiden anerkannt (und verwertet) wird. Und in der Folge auch nur die Anerkennung, die Unterstützung, die (Wieder)Einbindung in die Gemeinschaft passiert, soweit wie sie allgemein nachvollziehbar nötig, richtig und wichtig erscheint.
Mit allen sozialen Fallstricken, für die unsere westliche Gesellschaft bekannt ist.

Zum Beispiel dem, dass von mir als Person mit DIS nach organisierter Gewalt eine gewisse Dankbarkeit, grundsätzliche Zustimmung oder freundliche Anerkennung des Films von Liz Wieskerstrauch erwartet wird. Sie hat ja hart darum gekämpft, ihn machen zu können. Die ableistische Annahmenkette, die dem folgt: „Sie hat das für die Öffentlichkeit erarbeitet, aber auch ganz besonders für Leute wie mich, die ihre Gewalterfahrungen gar nicht konkret äußern können (bzw. aus Angst nicht wollen). Die (aufgrund der Krankheit) wehrlos waren (und/oder es jederzeit wieder sein könnten) und des Unwissens der Gesellschaft wegen gar nicht genug Schutz und Wiedergutmachung erhält.“ – diese Annahmen aufzuzeigen und zu kritisieren ist sozial unerwünscht. Das wird als Undankbarkeit wahrgenommen. Selbst dann, wenn Dankbarkeit gar nicht bewusst oder gefordert ist als gewünschte Reaktion.
Was mir auch schon passiert ist: Menschen sagen mir, dass ich gar nicht zu diesen Opfern/Betroffenen gehöre, für die „blinder Fleck“ wichtig oder hilfreich sein soll. „Die, um die es geht, denen gehts ja noch total schlecht. Die sind ja ganz am Anfang. Die brauchen ja noch sehr viel Hilfe, Beistand und Zuspruch.“ – auch das ist Ableismus. Es ist die gleiche ableistische Legitimationsgrundlage dafür, dass andere als die Betroffenen selbst über ihr(e) Leiden und Bedarfe sprechen.
Und ein Argument, das mich aufwerten soll. Ich soll mich als „weiter“, „gesünder“, „weniger gefährdet“ einordnen und von anderen Betroffenen abgrenzen. Ganz so als wäre es richtig, wenn Betroffene nicht aufgrund ihrer Erfahrungen und Kämpfe zusammenkommen und sich organisiert in ihren Anliegen vertreten, sondern aufgrund ableistischer Grundannahmen und Vorurteile voneinander fernbleiben und anderen die Vertretung überlassen.

Ich bin Selbstvertreter_in geworden, weil ich zwischen politischen Anliegen und persönlicher Vermittlung meiner Er.Lebensrealität trennen muss.
Für mich ist absolut klar, dass mein politisches Engagement für Opfer von Gewalt meine persönliche Lage als behindertes Opfer von Gewalt nur bedingt verändern kann. Das heißt nicht, dass ich das, was gerade gemacht wird, immer schlecht finde oder unvollständig, nur weil meine spezielle Schneeflocken-Konstellation nicht mitbedacht wird. Überhaupt nicht.
Ich bin geübt darin, die Perspektive der „nicht direkt selbst Betroffenen“ Filmemacher_innen, Journalist_innen, Unterstützer_innen und Behandler_innen einzunehmen und als Arbeit und Teil der Bewegung wertzuschätzen. Dazu gehört für mich aber zwangsläufig auch immer und immer wieder zu sehen und zu kritisieren, was diese Menschen offensichtlich überhaupt nicht sehen. Nämlich, dass sie mit Ableismus gegen Ableismus kämpfen.
Und damit zwar Bewegung generieren – aber keinen Fortschritt.