das Warten auf Post und das Ende des Fotokurses

Inzwischen schaue ich drei Mal am Tag in den Briefkasten.
Weil ich einen Brief erwarte, in dem steht, wann wir in der Klinik anfangen können. Und weil ich einen großen braunen Umschlag mit drei Obelix-Briefmarken erwarte, in dem steht, ob wir den Ausbildungsplatz bekommen. Oder nicht.

Zwischendurch bemerke ich, dass ich nicht darauf warte, weil es so gute Möglichkeiten sind. Oder, weil wir uns schon so lange bemühen einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder, weil wir schon viel zu lange versuchen unser Selbst_Hilfenmanagment ambulant bis allein zu stemmen.
Sondern, weil es dem Fotokurs und dem damit einhergehenden wöchentlichen Tief ein Ende absehbar machen würde.

Würde morgen der Klinikbrief kommen, wäre klar, dass wir schauen müssen, die Dunkelkammer zu nutzen, wann es für uns am besten passt und schaffbar ist – sehr wahrscheinlich wäre dies dann nicht der Donnerstagabend, sondern ein Dienstagvormittag. Oder so. Höchstwahrscheinlich würden wir auf jeden Fall mittelelegant und halbseiden ehrlich begründen können, weshalb wir Donnerstags nachmittags bis abends nicht mehr in der Gruppe dabei sein können.

Würde morgen der Ausbildungsplatzbrief kommen wüssten wir: “Diese eine letzte Ausstellung noch und dann Tschüss.”. Weil wir danach in unseren MenschenReizexilmonat gingen um Kraft zu tanken, uns zu sortieren und nur für das Sein zu sein versuchen. Bevor sich alles verändert und wir vielleicht vergessen, wie das ist.
Auf jeden Fall wüssten wir: es gibt eine neue Quelle für Wissen und wir können noch einmal neu mit Menschen anfangen – diesmal anders. Anders offen, anders darauf bestehend, dass zugehört und begriffen wird, anders begleitet, anders wissend, welches System von uns dort auftaucht und ganz eigene Probleme wahrnimmt.

In Bezug auf die Kunstschule haben wir das nicht gemacht. Und jetzt – ein Jahr nach dem Anfang dort – fällt uns das alles vor die Füße und wandelt sich in eine Belastung, die wir tragen müssen.
Und natürlich denke ich heute: “Das war absehbar.”
Es war vor allem von uns schon ganz ganz ganz zu Anfang beim Informationsgespräch und anschauen der Räumlichkeiten von uns abgesehen und befürchtet. Aber niemand in der Schule hat uns angehört und wenn dann auf die Art wie man sie kennt: „Schlagwort –> ah ja weiß ich – brauchst gar nicht weiter reden.“

Wir wollten aber weiter reden. Wir haben weiterreden müssen, denn was wir zu sagen hatten und begreifbar machen wollten, hatte nichts damit zu tun, dass diese Personen etwas tun sollten – hätten sie begriffen, hätten sie von ganz allein etwas getan – egal, ob und was wir wollten.
Niemand mit Aufsichtspflicht und Verantwortung für Schüler_innen sagt einer solchen mit Krampfanfällen, sie soll sich einfach in die Abstellkammer begeben, wenn sie einen ruhigen, geschützten Raum braucht. Niemand – außer der Leiter des Fachbereichs “Kunst” an dieser Schule, der von dem was ich ihm sagte offensichtlich nur “Raum” (“kein Unterrichtsraum”) gehört hatte, als ich ihm mitzuteilen versuchte, wie man gemeinsam mit dem Risikofaktor “Krampfanfall” umgehen kann.

Im Fotokurs lief es ähnlich – nur auf einer inhaltlichen Ebene.
Es gibt Dinge in dieser Fotografieecke, die verstehen wir nicht – und zwar nicht, weil wir nicht verstehen, welche Unterschiede es jeweils in den Arbeitsergebnissen gibt, sondern weil die unterschiedlichen Aufladungen dessen nicht verständlich für uns sind.
In unserem Kurs gibt es viele Schüler_innen, die sich unheimlich angezogen fühlen von Fotos mit Menschen drin oder Dingen, die Menschen darstellen sollen und dann entsteht für sie ganz offensichtlich für eine Geschichte und Gefühle und Gedanken und Symbole und was weiß ich – mega starke Aussagen jedenfalls, die ich nicht sehe. Entsprechend der Mengenlogik geht es im Kurs entsprechend oft genau darum. Menschen. Menschensachen. Gesellschaft. Gesellschaftskritik und was darf Kunst an welcher Stelle.

Wir reden viel und schauen unserem Lehrer zu, wie er nebenbei irgendwas irgendwie in Lightroom macht, ohne, dass der Kontext oder seine Intension uns das zu zeigen klar wird. Er sagt “Ich will euch das mal zeigen” und dann macht er irgendwas. Und wir schauen und sehen, was er zeigt. Punkt.
Wir werden dabei unruhig. Das System der anderen zerbröckelt, weil sie keinen Anhaltspunkt finden. Nicht wissen, was ihr Auftrag ist – sehr wohl aber wissen, dass es den Lehrer traurig, wütend, frustriert macht, wenn man als Schüler_in irgendwelchen Quatsch macht, der nicht weiterbringt (auch wenn man meistens nicht einmal weiß, wohin oder zu was genau irgendwas von den Schülersachen führen soll).
Für uns ist das zu dem Moment geworden, in dem wir merken, dass wir Rosenblätter ja in der Schule sind. Innersystemische Alltagsfeuerwehr seit inzwischen vielen Jahren und bewusst um einige Kommunikationsquirks, die es immer wieder zu lösen gilt – meist in Abwesenheit allen Wissens darum, wie das gehen kann.

Unsere Kommunikationsquirks machen uns zu einem anstrengenden Gegenüber und wir wissen das. Man kann uns nicht einfach sagen, dass wir ne blöde Kuh sind, wenn man uns beleidigen will, weil wir uns viel mehr an der Unterstellung eine Kuh zu sein und dem Ding, dass Menschen Tiere irgendwie immer für Negativbezeichnungen benutzen, aufhalten, als an einer Verletzung daran so bezeichnet zu werden.
Schlimmer noch – wenn man sich mit uns streitet oder allgemein: auseinandersetzt, dann wollen wir das auch noch immer verstehen und teilen unsere Analysen der Situation und ihrer Faktoren mit.

Man kann sich mit uns nur konstruktiv streiten oder für konsequente Ablehnung entscheiden – muss diese dann aber auch als von uns zur Begründung zeranalsysiert ertragen.
Schlimm, ne? Ja – vor allem für uns. Weil die meisten Menschen nicht so streiten, kennen sie das nicht. Die meisten Menschen wollen einander im Konflikt verletzen, damit ihre komischen Schuld und Entschuldzeremonien danach noch einen Sinn und Berechtigung haben – auch dann, wenn sie nicht verstanden werden.
Ja – großes Outing – wir haben den Sinn von Entschuldigungen mit all ihren Facetten bis heute irgendwie nicht verstanden. Entsprechend inflationär gehen wir mit Entschuldigungsfloskeln um und schütten sie einfach in jede eventuelle Fehlerlücke hinein. Wie Beton, der die sozial konstruierte Situation stabil machen hilft.

Doch zurück zum Fotokurs.
Unser Lehrer bedenkt für uns ganz offensichtlich permanent Dinge und Gegebenheiten, die uns schleierhaft sind und verlangt von uns Schüler_innen, dass wir ihm folgen. Aber natürlich immer eigene Dinge denken und machen. Da wir in aller Regel nicht wissen, was er denkt oder meint, wenn er irgendetwas verlangt, wissen wir natürlich erst recht nicht, wann genau wir eigentlich etwas anderes (eigenes) denken und meinen als er.
Und um das Ganze noch ein bisschen schwieriger zu machen, macht er sich auch nicht transparent, sondern definiert sich selbst entlang dessen, was wir einbringen – durch Kritik, Missachtung oder Ergänzungen, die meistens keine sofort erkennbare Verbindung haben.

Daneben will man in der Schule ja alles offen halten – bloß keinen Druck – keinen Stress – keine Vorgaben – alles soll fließen und alles soll möglich sein. Das Problem dabei: wenn alles möglich sein soll, dann muss es auch die Bereitschaft geben für alles offen zu sein – auch für die Möglichkeit, dass es Menschen überfordert so arbeiten zu sollen und für die Möglichkeit, dass man einander nicht erfassen kann, weil man nicht weiß, was verlässlich ist, weil es eben nicht “fließt”, sondern “steht”.

Wir fotografieren Natur. Muster. Details. Die Perfektion des Ist.
Unser Schluss nach einem Jahr Kunstschule ist: das ist keine ver_wert_bare Sache, weil es niemand versteht.
Wir reden nicht über natürliche Perfektion und die Frage in welcher Beziehung diese zu Ästhetik und Kunst steht – wir reden darüber, wie man “Gesellschaftskritik” in einem Foto rüber bringen kann, damit das auch jeder (sigh!) versteht.
Die Frage, warum man Bilder wie versteht oder eben auch nicht versteht, bleibt völlig außen vor und macht es für uns unmöglich in irgendeiner Form in Kontakt mit unserem Lehrer oder unseren Mitschüler_innen zu kommen.

Letzten Donnerstag wurde mir klar, dass wir – sollten wir noch länger so in dem Kurs bleiben oder an dieser Schule allgemein – komplett im Labor verschwinden würden und damit zu genau der Einzelgängerin mit ausgefallenem Arbeiten werden, die wir nie werden wollten. Gerade auch nach der Autismusdiagnose und all den Klischees, die wir selbst verinnerlicht haben und nicht entsprechen wollen.

Und während wir damit kämpfen, die Menschen in unserem Fotokurs nicht zu verstehen und damit nicht verstanden zu werden und darüber ausgeschlossen zu sein von allem, was der Kurs zu Stande bringen will, ist das vom Lehrer gewählte Thema zur Ausstellung: “Inklusion”.
Eine Serie mit Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren im Stockfotografie-Style.
Während wir im letzten halben Jahr lernten unsere analoge Kamera zu bedienen, Bilder nicht mehr unbeabsichtigt über- oder unterzubelichten, die Filme selbst zu entwickeln und abzuziehen. Wir haben gelernt wie wir Motive konstruieren und mittels Blendeneinstellung beeinflussen können.
Neben einem Fotokurs her, der uns mehr und mehr verwirrt, traurig und isoliert zurückließ und sich nicht mit analoger (Natur)Fotografie befasste.

Die Ausstellung ist Ende April.
Unserer Lehrer bekommt Druck vom Leiter endlich Ansagen zu machen, wie viele Bilder vom Kurs stammen werden.
Und jetzt trägt er den Druck weiter und tut so, als hätten wir nie irgendwas gemacht. Er missachtet, dass er uns im letzten halben Jahr missachtet hat. Und wundert sich darüber, dass wir auf seine Inklusionsideen und die Idee ausgerechnet Katastrophenselfies “auf die Spitze zu treiben und Gesellschaftskritik zu machen” reagieren, wie wir reagieren: mit Verweigerung

Der Kurs ist von ca. 20-25 Schüler_innen auf 3-5 geschrumpft.
Wir waren immer da. Haben zugehört, uns verletzen lassen, uns in die Dunkelkammer zurückgezogen und gearbeitet. Wir waren da, als die neue Diagnose uns zerschossen hat und wir waren da, nachdem wir uns wegen einer suizidalen Krise in die Psychiatrie haben einweisen lassen.

Von dem lichten Moment in der Woche, in der wir uns der Welt widmen ist der Kurs zu etwas geworden, wofür wir bezahlen. Mit Geld, mit Zeit, mit Kraft, mit Haut.
Wir gehen nach Hause und weinen uns die Verwirrung, die Anstrengung und den Frust raus. Analysieren, zweifeln, suchen DEN EINEN Fehler in der Kommunikation und werden nicht fündig. Und erst als wir durch ein Gespräch mit dem Begleitermenschen merken, wie nachvollziehbar das alles ist, kommen wir für uns an die Frage, ob es sich überhaupt lohnt noch einmal zu versuchen in ein klärendes Gespräch mit dem Lehrer zu gehen.

Würde die Post kommen, wäre die Frage für uns beantwortet.
Für einen Monat könnten wir das halten die komische Hannah zu sein, die komische Fotos macht, die keiner versteht und irgendwie zu gar nichts passen, was alle anderen machen. Für einen Monat könnten wir das halten die anstrengende Hannah zu sein, die den Kurs mit ihren Nachfragen nervig anstrengend tiefgründig und politisch macht. Für einen Monat könnten wir uns auf ein Ziel fokussieren und allen Schmerz drum rum ausblenden.

Ein anderes Fotokurs-Kunstkursangebot in der Stadt können wir uns nicht leisten. Werden wir an der Berufsschule nicht genommen, werden wir uns verbessern müssen. Dann müssten wir mehr Zeit in der Kunstschule verbringen. Und dann müssten wir darauf bestehen angehört und verstanden zu werden. Dann kämen wir um ein mehr oder weniger konfrontatives Gespräch, das auch Forderungen enthält, nicht herum.

Außer, wir lassen es einfach ganz und machen alleine weiter.
Was eine traurige Bilanz nach einem Jahr regelmäßigen Offlinekontakts mit Menschen und ihrer Welt wäre.

Fundstücke #17

Da ist die Idee, dass es innerhalb einer Zeitfalte nichts gibt.
Weißes, neblig weiches Nichts und davon ganz viel.
Lauf der Dinge-Nichts. Rauschen, das kommt und geht.
Ist, das kommt und geht, ohne je das eigene Innen berührt zu haben.

Manchmal denke ich, dass es ist, als würden wir Steine im Innen niederlegen, wenn wir uns einander nähern wollen.
Ja, als wären unsere Worte kleine Gedenksteine und Mitbedenksteine, die wir an einen Punkt in unserem Innen legen, den wir aus Rücksichtnahme und Willen zum Bewusstsein beachten doch, aus Angst selbst hineinzufallen, nie berühren.

Als es um sie ging, ging es lange nicht um sie, sondern um das, was sie tut.
Das erste Wort, das wir an ihren Rand legten war: “Selbstverletzung”.
Das erste Kämpfen ging um Furcht. Furcht vor Kontrollverlust. Furcht vor dem Urteilen und Werten der Therapeutin. Furcht, vor dem Moment, in dem die Forderung nach einem Ende dieser Verletzungen das kleine Sprechzimmer sprengen würde, weil wir ihr nicht nachkommen konnten.

Wir protokollierten ihr Handeln. Wir beurteilten und bewerteten es. Wir legten “Selbst-Folter”, “Not”, “nötig”, “Reaktion” an die Stelle, wo es biss und krampfte, wann immer wir uns mit der Wahrheit zu verbinden versuchten, es könnte sich um ein Erinnern handeln. Oder ein Innen, das in einem Heute ist, das für uns nur ein weißes neblig weiches Nichtsrauschen ist.
Immer liefen wir auf der perlmuttlila Linie von “Heute”, zu “Begleiterin”, zum Rauschen und wieder zurück.

In den letzten Jahren haben wir immer wieder Worte an diese Stelle gelegt bis wir an Konsistenz stießen und spürten, wo sie anfängt und unsere eigenen Worte enden. Wo unsere Worte beginnen und die der Rosenblätter. Und die der anderen. Und die der ganz anderen. Und, die derer, die nie ein Wort halten können. Bis wir sie auf eine Art wahrnehmen konnten, die man “sehen” nennt, aber doch mehr „spüren“ ist.

Sie einigten sich darauf sich zu widmen. Mehr als nur Worte zu finden, sie an sie heranzutragen und liegen zu lassen. Es war ein Moment, in dem jemand fragte: “Wieso legen wir eigentlich immer Wörter da hin, aber sie gibts nie selber welche, sondern macht nur Dummtüch?”.

Wir begannen Worte zu fordern. Mit dieser Begründung. Und erlebten eine Weile, in der die Vereinbarung auf ein Verletzungslevel, das wir selbst noch gut versorgen konnten als fast über Bord geworfen erlebten. Und nicht verstanden, warum es diesen Rückschritt gab.
Das Warum begann wie ein Knöterich die Worte um sie herum zu überwuchern. Im letzten halben Jahr widmeten wir uns nicht ihr, sondern einem Warumgestrüpp, das gefundene Worte unter sich zu begraben drohte.
Neben all den anderen Kämpfen in diesen unseren unterschiedlichen Leben.s_Läufen der Dinge.

Gestern hat jemand in ihr Denken geschaut. Sie standen auf der perlmuttlila Linie und hielten einen Faden an dessen Ende die Therapeutin saß.
Das Jemand trug Worte von innen nach außen und legte sie dort ab, wo die Fragen der Therapeutin hinführten. Bis es den Faden verlor und das Rauschen eines längst vergangenen Lauf der Dinge uns trennte.

Am Abend schrieb es in unser Heft: “Da ist ein Erinnern an Gewalt passiert und ich stand daneben. Es ist eine Wiederholung. Sie hat etwas wiederholt – und ich habe etwas wiederholt. Sie die Gewalt und ich das Beobachten von genau solchen Situationen. […]
Ich sehe sie jetzt in “Beruhigung” neben etwas, das mich irgendwie be_rührt: “Kontakt”.”

Heute morgen brodelte der Wasserkocher.
Und zum ersten Mal seit Jahren war da nur der Gedanke, vorsichtig zu sein.
Um sich nicht zu verletzen.

nur eine weitere Facette früheren Horrors

Ich stelle es mir genau so vor.
Da ist eine Idee. Eine Fantasie. Und irgendwie kommt man in ihren Bann. Verknüpft Gefühle mit ihr. Baut sie sich aus und malt sie sich schön an. Wie ein Haus, das eines der schönsten Zuhauses werden soll, das man sich vorstellen kann. Und dann vergisst man, dass es eine Idee ist. Eine Fantasie, die gut in dem Knochengehäuse zwischen den Ohren aufgehoben ist und dort ihr schönstes Zuhause haben kann, solange sie nicht weh tut.

Ich stelle mir vor, wie Menschen, die zu Opfern wurden irgendwann erleben, was wir gerade erleben und dann vergessen, dass es nur einen sicheren Ort dafür gibt. Das Kopfinnere. Am besten die Stelle, an der sich nichts lange hält, weil alles immer gleich neu verarbeitet wird.
Ich stelle mir, wie Menschen erleben, was wir gerade erleben und zu Täter_innen werden, weil ihr Kopfinneres keine solche Stelle hat. Weil sie nicht gebraucht wird. Weil es keine Impulse gibt, sie zu etablieren. Etwa durch eine Psychotherapie. Oder einen anderen Prozess der Reflektion und Transformation.

Wir erleben Gewaltideen. Beziehungsweise: Wir Rosenblätter erleben, wie etwas neben uns tritt, das Gewaltideen hat. Und sich unsere Alltagsgegenstände, Alltagsgedanken, Alltagsschmerzen, Alltagserbsenmomente zum Baumaterial dafür nimmt.
Aber unsere Alltagsangst verschmäht. Unser Erschrecken über diese Ideen. Unsere Furcht plötzlich an den Punkt gelangt zu sein, an dem wir von der netten Multiplen aus der Nachbarschaft zu einer psychopathologisch monströsen Horrorfilmfigur gerieten.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich über Täter_innenintrojekte gelesen. Wissen natürlich, dass kein Mensch solche Gewaltexzesse wir wir sie erlebten übersteht und dann nie wieder mit Fragmenten, Ideen, Bildern, Szenarien ähnlicher bis gleicher Art konfrontiert ist.
Nur dachten wir bisher unsere Konfrontation damit würde nie die Form verändern, sondern immer hübsch begrenzt auf die Räume innerhalb “unkontrolliertes Erinnern” (also Flashbacks, Intrusionen, Bildererleben, Gedankenschleifen, Pseudohalluzinationen) bleiben und damit auch begrenzt auf genau einen Ort und genau einen Zeitraum: “unser Kopfinneres” und “Früher im Jetzt”.

Durch das Einbeziehen unseres Alltagskosmos erscheinen uns diese Ideen nicht im Raum “Früher im Jetzt”, sondern in “Früher und Jetzt”. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und wenn doch, dann ohne den Kern dessen zu berühren, was dort passiert.

Was uns in unseren Ego-Ich-kann-meine-Welt-nur-allein-retten-Verpisst-euch-alle-Trips früher oft zum Verhängnis wurde, könnte uns nun vielleicht auch an dieser Stelle passieren. Ein Innen oder mehrere? oder, wenn wir bei unserem Wort “Täter_innenenergie” bleiben wollen, könnte nach außen agieren, als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und hätte ergo keinerlei Bindung an das, womit wir uns hingegen inzwischen relativ fest und stabil verbunden fühlen.

So könnte es entstehen, das Multimördermärchen, das in der Mehrheit der Krimis, Thriller und Horrorfilme, in denen Menschen mit DIS oder DDNOS als Täter_innen auftauchen, erzählt wird. Genau so.

Wir haben unserer Therapeutin eine Nachricht geschrieben. Wir schreiben jetzt darüber. Öffentlich.
Und brechen damit aus unserer Angst hervor in Todesangst zu geraten. Stumm und starr vor dem Innen zu werden, nur weil es auf eine Art nach unserem Heute greift, ohne es als solches zu identifizieren oder als solches anzuerkennen.
Vielleicht auch: ohne es als solches identifizieren oder anerkennen zu können.

Wir kennen Innens, die nach unserem Heute greifen und nicht damit umgehen können. Wir kennen das schon und wir haben das schon oft regulieren können.
Es ist eigentlich nichts Neues.
Eigentlich.

Es ist nur eine weitere Facette früheren Horrors.
Eine, die anders weh tut, als die anderen.

in geheimen Schweigemantelschutzpanzertaschen

“Sie sind ein schwerer Fall”, hat uns in bald 15 Jahren Hilfekontext nie jemand gesagt.
Häufig hing die Frage im Raum “Wer soll die Verantwortung für diese hoch- bis chronisch suizidale Person übernehmen?” und schwang in einem Mobile mit den Faktoren “Hochbegabung”, “psychisch krank”, “DIS-Diagnose”, “Opferschutz”, “Bedürftigkeit”, “organisierte Gewalt”, “behindert” umher.

Wir wissen, dass wir durch unsere Geschichte mit Hilfen verkorkst sind und, dass es nicht leicht ist uns zu helfen.
Doch immer wenn das Thema “Hilfe für uns” neu aufkommt bemerke ich ein weiteres Stückchen, dessen, was wir Helfer_innen und auch Behandler_innen in den letzten Jahren abgenommen haben, damit sie sich als handlungsfähig empfinden können.
Man spricht zu selten über Übertragungen im Hilfekontext. Über das Phänomen, dass man selbst als Helfer_in vor den Problemen einer Person steht und sich ohnmächtig fühlt, weil keine der bekannten Handlungsoptionen zu greifen scheint.

Wir haben in den letzten Jahren ein Stückchen nach dem Anderen aus dem bedeutungschweren Mobile herausgetrennt und in geheime Schweigemantelschutzpanzertaschen gesteckt.
Als es um unsere schulische Aus_Bildung ging, verschwiegen wir unsere Probleme, die mit der Hochbegabung zu assoziieren sind.
Als es um unseren Ausstieg ging, verschwiegen wir Morddrohungen, genauso wie das, was wir mit “es kam zu einem Überfall in unserer Wohnung” umschreiben, damit niemand in die Situation kommt zu spüren, wie ohnmächtig wir uns selbst vor den Schutzlücken, die wir wahrnahmen, erlebten.
Wann immer es geht, versuchen wir in den Köpfen der Menschen Antistigmaarbeit zu leisten, indem wir so oft es vertretbar und okay ist sagen: “Ich bin nicht psychisch krank – ich bin psychisch belastet und leide darunter.”, damit uns die paar Menschen in unserem Leben nicht von sich weg und zu “professionellen Behandler_innen” weisen, wenn es uns schlecht geht. Denn unter etwas seelisch/psychisch zu leiden kennen viele – wenn nicht alle – Menschen gleich.

Wir belästigen niemanden mit unseren täglichen Furchtmomenten. Wir behalten unseren Ausdruck für Reiz_Schmerz für uns. Weil wir den ganzen Tag reden und kommunizieren müssten, um das nach außen zu bringen und nicht davon ausgehen können, dass man uns verstehen kann.

Dieses Herabpflücken von belastendem Material ist, als würden wir das Damoklesschwert über unserem Kopf kleiner machen wollen, anstatt zu fordern, man möge es doch bitte abhängen oder mit Stahlseilen aufhängen.
Als wir letztes Jahr beschlossen uns erneut um Hilfe für uns zu kümmern, dachten wir, dass wir jetzt bereit sein könnten um um Hilfe bei der Hilfe zu bitten.

Hilfe und Unterstützung dabei auszuhalten, dass Dinge geschehen werden, die uns traurig machen oder schmerzlich erinnern. Dinge, die uns bitter und zynisch erscheinen, uns ohnmächtig machen und uns in Erinnern an schwere Zeiten bringen. Vor allem aber geht es um Hilfe dabei die Dinge aus unseren Schweigemantelschutzpanzertaschen hervor zu holen und uns nicht mehr damit zu belasten, unsere Helfer- und Unterstützer_innen möglichst wenig mit uns und unseren Schwierigkeiten zu belasten, damit sie bei uns bleiben und uns nie sagen müssen: “Sie sind ein schwerer Fall.”.

Ich würde gerne nach innen geben: “Hey – wir waren nie ein schwerer Fall – wir wirken nur schwer, weil es sich andere leicht machen.”.
Aber, wie das so ist, ist die Erklärung für ein Empfinden noch lange kein Trost, sondern (und das gerade für uns) ein weiteres Bitternis.
Wir wollten nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen: “Wir haben uns so lange für euch klein gemacht – ihr schuldet uns was!”, weil unsere Versuche uns klein und unanstrengend zu machen nichts sind, was in einem Kontext mit Schuld steht zum Einen und zum Anderen, weil die, an die wir uns heute richten schon längst nicht mehr die sind, vor denen wir uns kleingestückelt haben.

Unsere jetzigen Unterstützer_innen kennen uns nur mit vollgestopften Schweigemantelschutzpanzertaschen und seltsamen Hilfekontextverkorksungen.
Und ja – leider hätten sie jedes Recht sich von unserem Fall bzw. auch uns in Gänze zurückzuziehen, weil die Probleme scheinbar immer mehr und immer komplexer und schwerer werden, und das nicht ist, worauf sie sich zu Beginn eingelassen haben.

Es macht mir Angst, dass sie diese Option haben.
Und wir nicht.

gute Sätze

Vielleicht war es die beste Idee, die uns bisher je gekommen ist, wenn wir darüber nachdenken mussten, was uns hilft, wenn wir mit unseren Aktivitäten zur Selbsthilfe nicht weiterkommen.

Die Frage: Was genau soll sich warum verändern? Worum genau geht es?

Wir haben irgendwann gemerkt, dass die ersten Kognitionen in schwierigen Zuständen die gleichen Kognitionen sind, die es in einer traumatischen Situation gab: Es soll aufhören. Bitte mach, das es aufhört. Jemand soll machen, dass es aufhört. Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgeliefert.
In der Reihenfolge.

Wir haben aufgehört “Es soll aufhören” als Erstes festzuhalten, nur weil es ein klarer und fester Gedanke und Wille  inmitten von Ohrensausen, Flirren vor den Augen, einem Puls der mit seinem Wummern den Hals verengt und diesen Wahrheiten, die die Sprache verschlagen, ist.
“Es soll aufhören” ist ein Reflex. Sinnlos, wie die Arme schützend vor den Kopf zu heben und die inneren Stahlwände zuknallen zu lassen, wenn nur ein Erinnern an eine Bedrohung passiert.

“Es soll nicht mehr weh tun.” ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, was denn weh tut. Und ob es das wirklich tut. Und wenn ja, was die konkrete Lage ist. Was genau ist da, jetzt und hier, wo es weh tut?

”Es soll mich nicht mehr ängstigen.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich fragen muss, wovor man Angst hat. Oder Furcht. Und dann kann man ein Rechenspiel machen. Eine riesengroße Wahrscheinlichkeitenmatrix kann man sich dann bauen. Und ist erstmal beschäftigt. Weil Rechnen hinter der Stirn passiert und Furcht in der unteren Mitte des Kopfinneren.

“Es soll nicht mehr verwirrend/verunsichernd sein.”, ist ein guter Satz.
Weil man sich erinnern kann, dass alles einen Anfang und ein Ende hat. Und hatte.
Dass die Welt ein Oben und ein Unten kennt, ein Gestern und ein Heute.

Irgendwann kam die Idee auf, von der Therapeutin versichert zu werden, ohne, dass wir länger mit ihr telefonieren oder um einen Krisentermin bitten müssen. Es entstand das Vorgehen, ihr einen Stein zu geben und ihn in der darauf folgenden Stunde wieder abzuholen.
Wir rufen an, sagen, dass wir das gern tun würden, sie sagt, wann das geht und wir fahren entsprechend los. Durch die bekannte Stadt, vorbei an bekannten Geschäften, umgeben von vielen kleinen Alltagswundern. Gehen zur Praxis, klingeln und sagen “Hallo”. Geben ihr den Eulenstein, sagen “Tschüss” und gehen durch den bekannten Wald zurück nach Hause. Wir atmen, wir teilen unsere Blicke und wuchern mit jeder vergehenden Minute mehr zurück in die Sicherheit des Augenblicks.
Weil sie uns sagen würde, wäre das Heute kaputt. Sie wäre nicht da, gäbe es das Jetzt nicht. Die Stadt würde anders aussehen, wäre es nicht diese Stadt.
Den Wald gibt es nur hier.

Es war die perfekte Idee um dem schlimmsten guten Satz zu begegnen.
“Ich will nicht allein sein mit dem Horror (nicht sicher zu wissen, ob er je aufgehört hat).”

das elternunabhängige Kind

Ich komme gerade vom Jobcenter und habe eine Telefonnummer vom BAföG-Amt im Rucksack. Wenn wir eine Berufsausbildung anfangen, werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Ohne die Familie*.
Wie immer in Sachen “Auseinandersetzung mit der Verwaltung unseres Lebens” erlebe ich den Umstand einer noch lebenden und wirtschaftenden Herkunftsfamilie als Fallstrick.

Wir kennen die Optionen des elternunabhängigen BAföG und wir kennen all die anderen Möglichkeiten.
Auf der formalen Ebene ist alles klar.
Wir sind sicher. Wir bleiben sicher.

Aber der Gedanke. Die Erinnerung, dass es sie noch gibt. Viele Kilometer weg von hier. Ohne mich und trotzdem noch “meine Familie*”.
Ganz ehrlich: ich möchte lieber in den Bauch geboxt werden, als diesen Gedanken zu haben. Diese Erinnerung.

Und daneben wieder die Erfahrung in strukturellen Versorgungsoptionen nie ohne die Herkunftsfamilie auftauchen zu können.
Das Jobcenter schaute was von den Eltern zu holen ist. Das BAföG-Amt würde danach schauen wollen. Wenn es um Leistungen vom Landschaftsverband wegen des betreuten Wohnens in Familien geht, wird vielleicht auch danach geschaut.
Für die deutsche Behördenlandschaft sind wir das Kind unserer Eltern.
Das behinderte Kind unserer Eltern.

Wir sind nicht und können auch nirgendwo zur Anerkennung einfordern, dass wir auch das von den Eltern traumatisierte und behindert gemachte Kind waren. Und heute erwachsen sind. Mit dem Wunsch selbstbestimmt, autark und eigenverantwortlich zu leben und zu wirtschaften.

In den letzten Tagen bewegen wir auch unseren Antrag an den FSM in unseren Gedanken und der Wohnung hin und her. Lassen hier was liegen und verstecken dort etwas. Kratzen den ganzen getrockneten Frustschleim von unseren Herzen und registrieren am Ende doch erschreckt das Ausmaß der Verletzung, die all die bürokratischen, allgemein formalen Bezüge unserer Gewalterfahrungen im familiären Bereich hinterlassen (haben).
Geld aus so einem Fond ist nicht, was wir wirklich brauchen. Ist auch nicht, was wir wollen. Obwohl es so viel erleichtern würde, was sonst wiederum nur über mühsam langwierige Ritte auf Amtsschimmeln möglich wäre.

Es ist eine Abkürzung und zwar eine, die uns flauscht und die den Staat flauscht. Wir kommen an wichtiges Zeug – der Staat kommt aus der peinlichen Lage heraus ehemalige Opfer von Gewalt in der Familie strukturell und darüber insgesamt zu benachteiligen, denn da kann ja nun auch immer darauf verwiesen werden: “Wir haben ja Hilfe angeboten, aber irgendwie haben sich nur ein paar gemeldet und das ist ja dann auch nicht unsere Schuld, sondern liegt sicher am Bedarf…”.

Seit Jahren stemmen wir uns mit viel Kraftaufwand dagegen in sogenanntes “parent shaming” zu verfallen, um unserer Herkunftsfamilie nicht so viel Einfluss auf unser Leiden und Kämpfen zuzugestehen. Das ist zu einfach so zu reden. Jedenfalls in unserem Fall. Und dem unserer Geschwister.
Wir hatten noch jede Menge andere Menschen in unserem Kinder- und Jugendleben, die wir verantwortlich machen für das, was uns passiert ist. Und jede Menge beschissene Strukturen mit Auswirkungen, die uns nicht früh genug in gute und bedarfsgerechte Hilfekontexte brachte.

Und ich merke, wie es das System selbst ist, das gerne hätte, dass ich am Ende meine Familie bzw. mein familiäres Umfeld dafür verantwortlich mache, dass es mir heute so geht, wie es mir geht. Damit wir uns nicht umdrehen und das System fragen, warum es denn nicht einfach mehr für Menschen in Abhängigkeitssituationen ermöglicht.
Vielleicht.

Keine Ahnung.
“Das System” ist ja auch ein schwammiges Ding. Es ist ja nicht eine Behörde, oder ein Gesetz.
Es ist ja verboten Menschen zu verletzen. Es ist ja verboten Menschen auszubeuten. Es ist ja verboten geschehen zu lassen, was uns geschehen ist.

Aber Unrecht ist es erst, wenn das System davon weiß. Beziehungsweise: es anerkennt.
Und das geht erst, wenn man hingeht und etwas sagt. Und zwar so, wie es das System einordnen kann.

Auch, wenn man nicht in diese Ordnung passt. Auch, wenn man lieber Schmerzen haben will, als sich den Gedanken und dem Erinnern zu widmen, weil es mit jedem vergehenden Moment darin weniger normal wird und die Welt umstülpt.

Fundstücke #16

Wenn ich Eines aus der Woche in die Therapiestunde hinüberretten wollte, dann war es, was ich dann doch eher fahrig herausfaserte als es stabil wie ein mittelgroßes Bäumchen in das Stück zwischen der Therapeutin und mir zu pflanzen: “Könnten Sie für uns in der Klinik anrufen und fragen, wie der Stand ist?”.

Eigentlich wollte ich nur das. Nur das. Weil ich in der ganzen Woche in einem matschigen weißen Rauschen herumgewatet bin und nichts spürte, was mich so fahrig und zwischen thematischer Superabsorbtion und völliger Depersonalisierung oszillieren ließ.
War es die Erkältung? Das “viel zu tun”? Das Warten auf Nachricht von der Klinik? Das viele “nicht allein sein”? Der Konflikt im Fotokurs?

Irgendwann hilft nur noch das systematische Ausschlussverfahren durch Stressorenabbau.
Gesund werden, anfallende Arbeiten durchstrukturieren, Klinikfrage klären, regelmäßiger reflektieren wie viel Kontakt mit wem wie lange wirklich okay ist und entsprechend regulieren, in den Fotokurs gehen und wenigstens für das Wesentliche miteinander sprechen.
Fazit dieses Vorgehens: Erleichterung
Veränderung des Befindens: Nein

Zwischendurch blitzen Paniken bis zu mir vor, die dann aber doch ohne Gesicht bleiben und genauso schnell wieder gehen, wie sie gekommen sind. Seit Kurzem bricht etwas in meinunser Leben ein, dass wir als “Täterenergie” bezeichnen, weil es nicht genug ist für ein Innen. Weil es so viel Wucht und ES ist, das es nicht einmal Gedanken zu haben scheint. Das ist etwas, dem nicht mit einer Kognition zu begegnen ist. Und zu Selbstverletzung führt.

Während die Therapeutin meine Anmerkung eigentlich selbst in der Klinik anrufen zu müssen – aber…, mit einer Hand wegwedelte und dem Freizeichen zuhörte, dachte ich, wie praktisch das ist, dass sie mit den Rosenblättern in den letzten 3 Jahren schon so oft diese “Ich weiß, ich müsste das jetzt können, aber ich kann nicht und ich hasse mich dafür und orr wieso kann ich das nie und orr ich bin so scheiße – ich werde das können, weil ich bin so orr und arrgh und – naja –” – Kreisel miteinander hatten und deshalb für uns alle immer öfter ausbleiben können.

Als ich die Praxis verließ, dachte ich darüber nach,  wie wenig mir die Fähigkeit zur Abstraktion dabei hilft Ideen zu entwickeln, wie eine Begegnung mit solchen “Täterenergien” oder auch aufblitzenden Paniken aussehen könnte.
Ich fragte mich, ob das matschige Rauschen im Innen Emotionen sind. Oder die Emotionen anderer Innens. Oder der Rand der Kognition. Oder das Ende der Worte.

Ich habe mich gefragt, ob ich Angst davor habe, in so eine Begegnung zu gehen und gemerkt: Nein. Eigentlich habe ich eher eine Furcht davor, dass es eine andere Art der Begegnung sein könnte, als die, die ich gewohnt bin: als Beobachterin – abstrakt, intellektuell, ordnend, Worte findend

In unserer Therapie gab es häufig Begegnungen, in denen sich abgesprengte Emotionen oder Innens im Status als eine Art emotionale Lawine entpuppten, die alles unter sich begruben. Und ich stand daneben. Dokumentierte das Geschehen Wort an Wort und legte Zeugnis darüber bei Therapeut_innen ab, welche die zum Teil verheerenden Auswirkungen über den Umstand der Existenz meiner Worte definierten – nicht über die Abwesenheit der Worte anderer Innens und ihrer inneren systematischen Zugehörigkeit.
Wir haben nie darauf bestanden in unserer Unterschiedlichkeit anerkannt zu werden. Als unterschiedliche Systeme. Als auch unterschiedliche Funktionssysteme.  Beziehungsweise als Teile davon.

Die moderne Technik macht Vergleiche möglicher. Wenn ich heute Menschen sage: “Ich funktioniere nach Windows Vista – wo wir hinmüssen, gibts aber nur ein DOS-11.”, verstehen mehr Menschen als noch vor 10 bis 14 Jahren, was genau mein Problem mit der Ausführung einer Begegnung im Innen ist.
Es geht dabei nicht um eine Angleichung von Fähig- und Fertigkeitenniveau – es geht um die Produktion eines passenden Emulators für ganz spezifische Ansprechbarkeit eines ganz spezifischen Bereiches dessen, was erreicht werden will.

An einer Stelle geht es auch nicht um emotionale Phobie oder willentlich steuerbare Vermeidungsimpulse. Das kann ich sagen, weil ich einerseits eine Furcht empfinde – diese sich jedoch gar nicht auf das Traumamaterial bezieht, sondern auf eine allgemeine Veränderung meines Erlebens unter Einfluss eines Innens oder einer Energie aus einem anderen (Funktions)System. Es geht um einen Selbstschutzmechanismus, der, wie in der Psychologie üblich, mit Emotionen belegt wird – meiner Ansicht nach jedoch auch mit der Neuroplastizität des traumatisierten Gehirnes zu tun hat.
Um erneut die Metapher mit den Betriebssystemen von Computern zu bemühen: Nach den ersten Computerviren hat man sich zum Einen darum bemüht diese abzuwehren (Vermeidung), zum Anderen aber auch angefangen Programme zu entwickeln, die das Betriebssystem vor unerwünschten, weil schädlichen Veränderungen schützen (sollen).

In unserem Fall sehe ich die bloße Existenz unserer unterschiedlichen Funktionssysteme, als reaktive Schutzmaßnahme im Rahmen der Möglichkeiten.
Die Option einen Teilbereich (vielleicht eine einzelne Anwendung oder einen einzelnen Order) für die kognitiven, emotionalen, allgemein bioaktiven Aspekte der Traumatisierungen bereitzustellen, ohne den Rest zu gefährden, gab es nach einer Weile vielleicht einfach nicht mehr.
Es gibt neurologische Sollbruchstellen, die in die Lage versetzen können autark von einander zu funktionieren. Das Betriebssystem muss aufgrund der ursprünglichen Konzeption von ganzheitlich verfügbaren Ressourcen jedoch zwangsläufig jeweils ein Anderes sein. Das ist meiner Folgerung aus den letzten Forschungen nach eher effektiv lebenserhaltend, als phobisch vermeidend und damit in Teilen das Dilemma der DIS und ihrer Therapie.

Denn es geht um eine Balance zwischen der Anbahnung und Reizung des traumatisierten Gehirnes eine Reorganisation und Angleichung der verschiedenen Funktionssysteme vorzunehmen, gegenüber der Aufrechterhaltung grundlegender Funktionen, welche jedoch ganz direkt an Selbsterhalt ebenjener Systeme gebunden sind.
Für mich ist das zu trennen von willentlichen Entscheidungen oder emotional aufgeladenen Überzeugungen von uns Innens.

Es ist zu einfach zu sagen, es gäbe Innens, deren Stärke die Kognition sei und deshalb präferiert benutzt und phobisch vermeidend vor traumanahem – konkret re_agierenden Innens. Es ist zu einfach, weil es verkennt, welche grundlegenden Unterschiede es in den jeweiligen Betriebssystemen gibt und welche Optionen etabliert sind, um diese zu kompensieren.

Am Abend lag ich mit dem Hund auf dem Bett und verfolgte die langsam über unserem Kopf ziehenden Seidentücherfeen.
Ich bemerkte, dass ich nicht am Ende der Worte stehe. Wo ich stehe, beginnt nur das Leben und Funktionieren von anderen als mir und das matschig durch meine Wahrnehmung fließende Rauschen ist, womit ich selbst auch wieder neu anfangen könnte.

Initiative Phönix: “nach dem Fonds ist vor dem Fonds”

Initiative Phoenix – Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V. fordert eine Ergänzung der Psychotherapie-Richtlinie um einen Behandlungsrahmen für komplexe Traumafolgestörungen

Frankfurt am Main, 13. Februar 2016.

Die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Initiative Phoenix – Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V. trafen sich am Samstag, um über in diesem Jahr bevorstehende wichtige Änderungen für Menschen zu beraten, die wegen komplexer Traumafolgen Hilfebedarf haben. Zum 30. April 2016 wird die Möglichkeit enden, Leistungen aus dem „Fonds Sexueller Missbrauch im familiären Bereich“ beantragen zu können.

Vor diesem Hintergrund wird sich die Versorgungsrealität vieler Betroffener wieder drastisch verschlechtern. Aus zahlreichen Rückmeldungen aus Selbsthilfe- und anderen Fachkreisen wissen wir, dass das näher rückende Ende der „Atempause“ im Kampf um die Finanzierung von Hilfebedarf Vielen derjenigen, die Leistungen aus dem Fonds erhalten konnten, und auch deren Angehörigen, Helfenden und Behandelnden Sorge bereitet.

Das Problem der fehlenden Therapiefinanzierung für Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf durch komplexe Traumafolgen, zu denen viele von sexueller Gewalt in Familien Betroffene gehören, ist nicht neu. Wie eine Untersuchung der psychotherapeutischen Versorgungsrealität komplex traumatisierter Menschen in Deutschland (Initiative Phoenix, 2012) zeigt, scheitern mögliche Behandlungserfolge oft daran, dass den gesetzlichen Krankenkassen eine Grundlage für die Finanzierung bedarfsgerechter Therapien für diese Patientengruppe in der Psychotherapie-Richtlinie fehlt.
Die Folge ist laut unserer Erhebung und anderer Studien, dass mit dem Lebensalter der Betroffenen die Kosten für die Versorgung von Chronifizierungen körperlicher und psychischer Folgeerkrankungen steigen, langfristige Früh- und Erwerbsunfähigkeitsberentungen zunehmen, vielfach vermeidbarer stationärer Behandlungsbedarf eintritt, kostenintensive und gesundheitsgefährdende Dauermedikationen nötig werden und vieles mehr.

Sozialrechtlich hat in Deutschland jede/r Krankenversicherte Anspruch auf Krankenbehandlung, wenn diese ein Leiden verringern oder eine Verschlimmerung verhindern kann. Die Initiative Phoenix fordert deshalb, die Ergänzung der Psychotherapie-Richtlinie um einen Behandlungsrahmen für komplexe Traumafolgestörungen, damit Kostenträger die Möglichkeit haben, diesem Anspruch angemessen gerecht zu werden. Wenn der Gemeinsame Bundesausschusses die Psychotherapie-Richtlinie um einen Behandlungsrahmen für komplexe Traumafolgestörungen ergänzt, ist das eine gute Gelegenheit, endlich etwas an der Versorgungsrealität Betroffener zu verbessern.

Zeichnen Sie unsere Petition im Internet: https://www.change.org/p/bedarfsgerechte-psychotherapie

Kontakt:
Initiative Phoenix – Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.
c/o Johanna Sommer
PF 2334
37013 Göttingen
E-Mail: initiative-phoenix@gmx.de

die kernigen Haferflocken

Inmitten all der Diagnosendebatten und Auseinandersetzungen wie facettenreich Autismus ist, direkt schräg neben den Auseinandersetzungen und Diagnosedebatten um die DIS, sitze ich vor uns und starrte auf den bunten Haufen neuer Aspekte, die sich scheinbar wie von selbst vermehren.

Die Kombination DIS und Autismus ergibt in der Googlesuche irgendwie nur unbefriedigenden Quatsch bis hanebüchenen Unsinn. In den meisten Büchern zu Autismus bemerke ich das Ausblenden der Lebenskontexte der betreffenden Personen. Die maximale Fokussierung auf Fähig- und Fertigkeiten. Individuelle Wuchsrichtungen aus einem nicht benannten, nicht erkannten, nicht erfassten Grund heraus.
In den meisten Büchern zu Traumafolgestörungen tauchen behinderte Menschen und ihre Fälle nicht auf.

Dazwischen klicken kleine Glieder von Assoziationsketten in meinem Kopf ineinander und verwandeln sich in “Herr Trigger”, der an den Regalen mit unseren noch nicht verarbeiteten Erfahrungen rüttelt und mich immer wieder in Flashbacks bringt.
Ich blende die Lebenskontexte ein, in denen wir uns befanden und ich komme immer wieder an Ideen unserer eigenen Beteiligung an der Gewalt an uns. Verstehe, was wir für andere Menschen immer wieder für ein schmerzlicher Dorn sein müssen, weil wir weniger verschnörkelt, weniger diffus, weniger abstrakt agieren und sind und gleichzeitig unempfindlicher an bestimmten Stellen.

Versuch mal jemanden über etwas zu demütigen, das dieser Person völlig egal ist. Und dann fragt dich so eine Person auch noch: “Ja, und?”, weil sie dich gar nicht versteht und du gar nicht verstehen kannst, wie man denn sowas nicht verstehen kann und folglich annimmst die Person will dich reizen. Will dich ärgern. Will dich dominieren.

Ich weiß, dass es bei der Gewalt an uns nie um uns ging, sondern immer um die Täter_innen und ihr infantil egozentrisches Denken.
Ich weiß, dass es in meiner Herkunftsfamilie* ein absurdes Gemisch aus Abwertung von Intellektualität und akademischer Welt mit Stolz auf die eigene Schläue gab. Es war nie wichtig super gut in der Schule zu sein – aber Dummheit überwinden zu müssen, war eine Art Pflicht.
Für mich ist Dummheit keine Unfähigkeit oder Unfertigkeit – für mich ist Dummheit, wie Schläue (oder Klugheit) ein soziales, wie zeitabhängiges Konstrukt. Schon immer. Deshalb spreche ich auch von “dummen Leuten” und stufe das nicht als ableistisch, sondern allgemein wertend ein.

In meiner Herkunftsfamilie* konnte eine Dummheit von mir nur auf eine Unfähigkeit der Erwachsenen deuten, mir nicht klar genug gemacht zu haben, dass ich irgendetwas können bzw. “endlich kapieren” muss oder soll.
Beachtet wurde meistens, was ich kann – nie, wie ich etwas gelernt habe. Denn das hätte zwangsläufig eine Reflektion des “Unterrichtes” bedeutet und tja. Naja.

Heute sitze ich vor Blogs von autistischen Menschen und denke: “Och, das hab ich nicht. Och bei mir ist das nicht so schlimm. Mich hats ja gut getroffen…”, während ich neben mir ein Innen stehen habe, das mich daran erinnert, wie ich das in den ersten 5 DIS-Diagnosejahren auch schon immer dachte. “Och Zeitverluste hab ich nicht. Och, bei mir ist das mit den dissoziativen Erlebensweisen nicht so schlimm. Ich hab dann wohl ne Luxus-DIS” und sich dann nach und nach eröffnete, dass ich unterm Strich vielleicht 10-20 Minuten des Tages wirklich gelebt habe und den Rest nie hinterfragte, weil der einfach nicht in meinem Fokus war.
Wenn man nicht weiß, dass man über Phasen des Tages nicht da ist, dann kann man auch nicht merken, dass man nicht da ist.
Es hat gedauert bis ich merkte, dass der Luxus meines Erlebens der DIS, die Amnesie für die Amnesie war, die mich davor bewahrte in hellerlichter Panik durch die Gegend zu rennen, weil ich nicht nur “Zeitverluste” sondern massive Er_Lebensverluste habe.

Heute will ich so eine Schleife nicht fahren. Dieses Jahr werden wir 30 Jahre alt.
Ich merke, dass es nachwievor darum geht, Wissen und Erfahrungen nachzuholen, die andere Menschen in meinem Alter schon längst gemacht haben und bewusst haben könnten, würden sie darüber nachdenken müssen, wie wir.
Letzte Woche habe ich gelernt, dass man selbst kontrollieren kann, wie und wann man zur Toilette geht. Nach gut, sagen wir, 27 Jahren komme ich auf die Idee, dass ein Zeit- und Aktivitätenbasierender Plan für Körperfunktionen vielleicht eine seltsame Konstruktion sein könnte. Zing – ein Autismusding, das so gar nicht in mein Bild von mir als “eigentlich in Wahrheit gar nicht so doll betroffen” passt.

Letztens dachte ich: “Hm, du benimmst dich voll autistisch wenn du jetzt schon wieder nur diese blütenzarten Haferflocken isst.” und kaufte die kernigen.
Sie sind furchtbar. Ich hasse sie. Es ist seit 4 Tagen ein Kampfkrampf sie nicht einfach in den Garten zu schütten “für die Vögel und Mäuse”.  Ich könnte es doch sein lassen. Aber… da sind die neuen Medis. Wir müssen einen Essplan haben, weil es an unserem Appetit und Hungergefühl manipuliert. Es muss Frühstück geben. Es gehen nur Haferflocken in Jogurt zum Frühstück – warum? Weil wir nicht viel Brot vertragen und weil ich ein Bild von einem Kellogg’s Fruit Loops Ballett in einer Schüssel mit Milch habe, das unaushaltbar disharmonisch mit dem Weingeräusch eines meiner Geschwister war. Und dahinter ein Erinnern an seinen Käfiggittern rüttelt.

Ich weiß bis heute nicht wo genau “Traumavermeidung” beginnt und wo die Notwendigkeit die Welt für mich auf eine Art sicher und okay zur Interaktion zu machen mit Plänen, Sortierungen und kategorischen Ordnungen, weil ich sie sonst gar nicht erst erfassen kann und sie mir aus ihren wirr bei mir landenden Fragmenten irgendwie spontan zurecht kampfkrampfen muss.
Ich will nicht mehr kämpfen und krampfen. Und doch merke ich wie ich das tue, während ich versuche meine komischen Vermeidungsschleifen genau nicht zu machen.

Früher habe ich mich ähnlich zurecht gewiesen, wenn ich gemerkt habe, dass ich angeblich “typisch multi” – mäßige Sachen gesagt habe. Jedes Mal, wenn ich auf eine Frage geantwortet habe: “Kommt drauf an, wen man von uns fragt”, hab ich mir innerlich die Hand auf den Mund gehalten und gedacht: “Orr – TU DOCH NICH SO – du hast doch keine Ahnung, dann halt die Klappe.”. Es war ein jahrelanger Kampfkrampf bis ich verstanden habe, dass meine Antwort nach vorne im Grunde doch sagt, was ich nur sagen konnte: “Keine Ahnung”.

Ich möchte das bitte abkürzen. Dieses sich selber verorten und zurecht finden und einsortieren. Ich merke, wie sehr es mich erschöpft. Und auch wie allein ich damit bin, weil beide Diagnosen immer wieder als so wahnsinnig individuell dargestellt werden, dass ich denke: “Hm, ok wieder nichts mit dem ich mich wirklich abgleichen kann. Wieder nichts woran entlang ich mich abgrenzen könnte, außer Klischees und Stereotypen.”.

[tl, dr: mimimimi]

slide of „Überlebenskampf“

Wir haben gestern an der Nähmaschine zu nähen gelernt und ich habe etwas verstanden.

Die ersten Ideen dazu kamen schon in den Überlegungen zu der Radtour, die wir für den Mai planen. Während ich keinen Anlass sehe zu lernen, wie man Regenwasser sammelt und aus jungen Bäumen eine Bettstatt baut, weil es Zeltplätze und überall* sauberes Leitungswasser gibt, sind Teile meines Innenlebens von 0 auf eine Zillion in Vollbereitschaft jetztgleichsofortzackzack ohne alles über Wochen und Monate draußen zu leben.
Für diese Innens gehts ums Überleben, obwohl es für uns andere als Reiz- und Menschendiät gedacht ist. Also genau ganz viel weniger Notwendigkeit in einem bestimmten Überlebensmodus zu sein.

Wir sind also irgendwie alle immer und immernoch im Überlebensmodus.
Die einen sehr auffällig aus Zeit und Raum gefallen, die nächsten sehr auffällig in Ängste und Sorgen gerutscht, die nächsten einfach wissbegierig, aber auch wissend, dass die Erkenntnis (nur/häufig) in Abhängigkeit von anderen Menschen kommen kann, was wiederum eine Bedrohung für die eigene Existenz bedeutet.

In der letzten Woche habe ich mich oft vor dem Innen gefürchtet, weil ich eine hohe Bereitschaft in suizidale Ideen zu kippen spürte, obwohl es keine fremden oder neuen Belastungen gab. Und nicht gesehen habe, dass ich mich in einem Überlebensmodus bewegt habe – ding ding ding Helferversagen und Hilfekrämpfe.
Ich hatte wieder einmal, weil von außen keine Bestätigung über die Berechtigung (und darüber eine Beruhigung) meines Empfindens kam, aufgehört darauf zu pochen entlastet und versichert zu werden und die Ärmel hochgekrempelt, um es selbst zu machen. Wie ich alles selbst mache. Weil ich es ja kann. Obwohl mein Inneres schreit und brüllt und krampft, dass es nicht kann.

Und jetzt hab ich auch noch gelernt zu nähen. Weil: dann kann ich mir ja so eine schwere Decke selber nähen und brauche weder den Begleitermenschen und seine schwere Turnmatte, noch den Antrag auf Leistungen aus dem FSM, die so eine Decke ermöglichen sollen.

Man liest so oft von den Vielen, die immer so verzweifelt ums Überleben kämpfen und übersieht dann die Kämpfe, nach Ausstieg, nach konkreten Verletzungs- Gewalterfahrungen, die eigentlich noch so viel näher liegen.
Selbst die Innens mit ihrem eingeübten Survivaltraining zum Überleben ohne Strom und fließend Wasser, sind keine versprengt desorientierten  Kinderinnens, die im übertragenden Sinne ihres Handelns nach Mami greinen, weil sie Angst davor haben zu verhungern.
Das sind die, die man im Fall der Fälle hoch achtet und sich ihnen überlässt, weil sie wissen, was warum und wie zu tun ist.  Das sind die, deren Kampf darin besteht, diese “von 0 auf eine Zillion –Jetztgleichsofortzackzackvollbereitschaft” nicht zu verlieren, weil sie für den Überlebenskampf “sich auf eine andere Person verlassen, die eventuell vielleicht (wenn die Gestirne recht am Himmel stehen und das Spagettimonster gekräuselte Locken hat) weiß, was zu tun ist” keinerlei Handlungsoption kennen.

Dann ist es plötzlich kein Kampf ums Überleben mehr, wenn man sich stellvertretend für Sozialarbeiter_innen, Helfer_innen, Mediziner_innen und Jurist_innen in ein intersektional-eklektisches Selbststudium wirft, aber Hartz 4 bezieht und nicht mal ein Abitur hat.
Das ist dann “ganz tolle Compliance”, “total gute (kostenlose) Hilfe”, “super engagiertes Ehrenamt” oder noch mit am schlimmsten: “Inspirationporn” für die, die sich selbst für schwach halten, weil sie “sowas selbst nie aushalten/ertragen/überleben könnten” bzw. glauben, sie könnten das nicht, gerade weil sie es nie selbst aushalten/ertragen/überleben mussten oder anerkennen wollen/können/dürfen, dass sie es sehr wohl schon mussten und auch konnten.

So wird aus dem Überlebenskampf eines Innens eine zugeschriebene Eigenschaft: “stark” und es gibt Dialoge wie:
“Es erstaunt mich wie so eine schwer kranke Frau noch nie hier auf unserer psychiatrischen Krisenstation war.”
– “Sie ist halt eine starke Frau”

Ja, an diesem Wortwechsel habe ich einen Dorn und inzwischen nicht einmal mehr, weil ich dachte, dass unserer Therapeutin einfach nichts anderes eingefallen ist, sondern dass ich argwöhne, ob sie noch mitzieht, wenn die Ärmel-hoch-K., die jeden und alle mit Worten und Intellekt an die Wand ballern kann, aufhört und ebenfalls ihre Löffel einspart, weil: suddenly Therapiefortschritte.
Was ist denn wohl, wenn man über uns als Einsmensch nicht mehr sagen kann: “Sie ist eine starke Frau – gucken sie mal, was sie alles kann und macht – es lohnt sich total mit ihr zu arbeiten, weil: es ist super befriedigend (und inspirierend)”.

Was ist, wenn wir schwach sind, weil wir schwach sind?
Wenn von all dem womit man eine DIS aufpusten und mysteriös spannend special machen kann, um sich in jahrelange Traumaverarbeitung against Richtlinie und gesamtgesellschaftliche Wertschätzung dessen zu motivieren, ein verletztes und dysfunktionales Ex-Opfer übrig bleibt, das nicht einmal in der Lage ist Hilfen anzunehmen, weil es das einfach gar nicht kann.

Ich glaube, es wird unterschätzt wie viele Fähigkeiten so eine (Psychotrauma-)Psychotherapie erfordert. Wie sehr Therapie und Hilfe nicht barrierefrei sind.
Unsere Therapeutin hätte sagen müssen: “Frau Rosenblatt kämpft ums Überleben.”

Aber vielleicht hatte sie das für einen Moment vergessen.

Und – wie ich ebenfalls in der letzten Woche lernte – merkt man uns (mir) nicht einmal dann das Kämpfen an, wenn ich es sage.
Wenn ich es auf meine Art rausschreie, brülle, krampfe.
Nicht mal dann.