die Fragen zu “Täter_innen.kontakt” und noch ein bisschen mehr

“Täterkontakt” ist eines der Worte, die im Kontext komplexer Gewalterfahrung bzw. komplexer Traumatisierung nach Gewalt auftauchen und immer wieder Thema sein können.
Einige Fragen dazu haben mich neulich erreicht und während ich darüber nachdachte, wie sie gut zu beantworten seien, entspannen sich darauf mehrere Aspekte, auf die ich nun näher eingehen will.

Täterkontakt.
Worum gehts da eigentlich?

Ganz zu Beginn ein rosenblattscher Wortklaub.
“Täter_in” ist eine Person nur dann, wenn sie sich akut/konkret in einer Situation befindet, die von Täter-Opfer-Dynamik gekennzeichnet ist. Das Gleiche gilt für “Opfer”.

Außerhalb so einer Situation ist eine Dynamik gegeben, die mit anderen Worten besser zu erfassen ist.
Zum Beispiel “Name der Person, di_er Gewalt ausgeübt hat” oder “Name der Person, die Gewalt durch … /in Form von … (üb)erlebt hat” oder oder oder

Ich halte es für wichtig, weder sich selbst auf den Opferbegriff zu reduzieren, noch die Person(en), die Gewalt ausgeübt hat (haben) auf Täter_innenschaft.
Täter_innen wie Opfer sind Menschen. Individuen. Und beide Begriffe können dieselbe Person beschreiben. Je nachdem welche Perspektive man auf ein Ereignis einnimmt, in dem diese Dynamik herrschte.

“Täterkontakt” ist also einer dieser Begriffe, den man sich vielleicht übersetzen muss, um sich bewusst bzw. umfassend damit zu beschäftigen.

Komplexe Gewalterfahrungen sind dadurch gekennzeichnet, dass es um Gewalt im direkten sozialen Umfeld geht. Um Gewalt, die vielleicht erst später als solche begriffen wird (und vorher “einfach so dazu gehört hat”). Um Abhängigkeitsbezüge, die nicht eigenständig aufgelöst bzw. verlassen werden können. Und um Erfahrungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht werden. In unterschiedlicher Erfahrungsqualität, variierenden Umfängen, Dynamiken und unterschiedlicher Schwere.

Es kann bei dieser Form der Gewalt im Konkreten also um Inzesterfahrungen gehen, aber auch um das Leben in einem Kriegs- und Krisengebiet oder Partner_innenschaftsgewalt.
Manchmal spielen (Pseudo-)Religion oder (politische/weltanschauliche) Ideologien eine Rolle. Manchmal organisierte Kriminalität.

So erklärt sich vielleicht besser, warum mir die Auflösung des Täter_innen- und Opferbegriffes wichtig sind.
In der eigenen Familie erlebt man als Kind gewaltvoller Eltern, sowohl die Gewalt als auch die vielleicht manchmal liebevollen Eltern.

Je enger der soziale Bezug ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit beides, wenn nicht alles, was man sich vorstellen kann durch und oder mit einer Person zu erleben.
Was für eine Verstümmelung an den eigenen Erfahrungen wäre es also, sich in der späteren Auseinandersetzung nur auf eine Rolle einer Person zu besinnen, um eine eigene Entscheidung zu treffen?

Im Folgenden beziehe ich mich nur auf Gewalt in Familien, in denen Inzest und oder organisierte Gewalt eine Rolle spielt bzw. gespielt hat und den Fall, dass eine Person mit komplexer PTBS oder ähnlicher Diagnose damit konfrontiert ist, “den Täterkontakt” zu beenden.

Auch hier ist wieder wichtig das Spektrum zu sehen.
Geht es darum keine Post mehr zu öffnen oder jeden Tag zum Essen rüber zu gehen?
Geht es darum immer wieder verletzt, ausgebeutet und selbstbestimmter Entscheidungen beraubt zu werden oder darum, dass die Eltern, die Gewalt ausgeübt haben und weiterhin ausüben wollen, ökonomische bzw. allgemeiner: strukturelle Hebel ansetzen könnten (z.B. Kindergeld einbehalten, BAföG-Verfahren verzögern, Versicherungen kündigen etc.), wenn sich das Kind/die strukturell abhängige erwachsene Person verweigert?
Sind die Personen, die unerwünscht Kontakt aufnehmen auch die Personen, die körperliche Gewalt ausüben?

Der Kontakt zu Personen, die Gewalt ausgeübt haben (und eventuell auch immer wieder ausüben (wollen)) kann unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Auswirkungen haben.
Diese Auswirkungen bewusst als solche zu spüren und zu kontextualisieren, steht für manche Menschen zu Beginn im Vordergrund.

Wir begannen unsere Entfernung vom Elternhaus mit 15/16 Jahren.
Nach jedem Brief, jedem Päckchen, jedem Telefonat habe ich mich schlecht gefühlt. Traurig. Schmerzvoll. Obwohl da nie etwas trauriges oder verletzendes drin stand. Oft sogar Geschenke beilagen.
Ein zwei Tage später wurde ich unruhig. Unzufrieden mit mir, meiner Umgebung, den Dingen, die ich eigentlich mochte. Bis ich Gedanken hatte wie: “Ich bin zu Hause einfach besser aufgehoben.” oder “Meine Eltern sind besser zu mir als diese Leute hier.”. Gedanken, die ich üblicherweise nicht hatte.
Tatsächlich waren Gedanken an meine Eltern wirklich kaum vorhanden, seitdem wir das Elternhaus verlassen hatten.
Vielleicht ist das ein Anteil pubertärer Abnabelung, sehr wahrscheinlich aber auch logische Folge des Bezugspersonenwechsels.

Für mich (uns) war es wichtig die Verbindung zwischen “Post von den Eltern” zu “es geht mir nicht gut und plötzlich sind da Gedanken, die vorher nicht da waren” herzustellen. Vor allem, weil sich diese Gedanken im Laufe der Zeit und unserer Versorgungslage auch in ihrer Dringlichkeit veränderten.
War das Helfernetz unzuverlässig, hatten wir Konflikte, waren in irgendwelchen wie auch immer gelagerten Nöten, wurden die durch Post ausgelösten Gedanken zu Wahrheiten, denen zu entsprechen sich immer mehr Druck aufbaute.

In meinem (unseren) Fall hatte sich eine destruktive Schleife entwickelt.
Wir konnten dem Druck nicht nachgeben und ihn häufig auch nicht mit_teilen, ohne uns noch schlechter zu fühlen. Zum Beispiel, weil damalige Therapeut_innen in solchen Momenten mit Bewusstseinsarbeit um traumatische Erfahrungen in der Familie anfangen wollten, obwohl das der denkbar schlechteste Zeitpunkt war.
Es kam zu Selbstverletzungen, suizidalen Episoden, mehr und mehr Psychosomatik.
Das Prinzip “Schmerz für Erleichterung”, das schon vorher etabliert war, nahm Züge einer Selbsthilfe an.

Es hat sich für uns als hilfreich herausgestellt über Selbstverletzung und suizidale Momente zu sprechen. Nachdem sie passierten waren.
In akuten Situation waren uns andere Menschen selten eine Hilfe eine Selbstverletzung zu verhindern. Selbst wenn sich Menschen viel Zeit für uns genommen hatten um eine affektive Selbstverletzung zu verhindern, so war es unser Wissen um die Besonderheit viel Zeit mit anderen Menschen (in unserem Fall Betreuer_innen der Jugendhilfe oder auch Krankenschwestern einer Klinikstation) haben zu dürfen, die ihrerseits schwierige und teilweise unaushaltbare Spannungszustände auslösten. Denen wir damals nur mit Selbstverletzung begegnen konnten.

Es war und ist bis heute hilfreich für uns, nach Selbstverletzungen ganz konkret und sachlich über die auslösenden Gedanken und erlebten Dynamiken zu sprechen. Wir haben Protokolle für diese Momente eingeführt, um unsere Annahmen von Schuldigkeit und Rechtfertigung von körperlicher Versehrung zu falsifizieren.
Folgende  Spalten hatten wir in diesem Protokoll:

  • Was war direkt vorher,
  • Was war in den letzten zwei Wochen,
  • Welche Art der Selbstverletzung gab es,
  • Wer (im Innen) hats gemacht/gewollt/für wichtig befunden,
  • Worum ging es in dem Konflikt (aus dem der Druck entstand),
  • Was hätte helfen können (Ausgedacht als “Was wäre wenn”- Szenario ohne Rücksicht auf Umsetzbarkeit)

Es hat Jahre des Täter_innenkontaktes gebraucht um zu erkennen, dass es immer wir bzw. immer der mit uns verbundene Körper war, der an dem Konflikt um die Trennung von der Herkunftsfamilie gelitten hat. Und nicht die Familie. Und auch nicht die Familie*.
Das ist nicht nur deshalb bitter, weil es hier um viele Jahre ging, die wir auch schöner und insgesamt konstruktiver hätten nutzen können, sondern auch, weil es für diesen Schritt in unserem Fall wirklich den Kontakt zu diesen Menschen gebraucht hat.

Denn:
Unser Konflikt entspann sich immer wieder durch die Aktualisierung des Themas “Herkunftsfamilie” und “Verlassen der Herkunftsfamilie und die Konsequenzen”. Jede weitere Kontaktaufnahme durch fremde Dritte war danach ein leichtes Unterfangen.

Es ist ein Fehler Menschen, die sich von nahen Gewalt ausübenden Personen getrennt haben (oder aus Kriegs- und Krisengebieten geflüchtet sind) zu sagen, dass jetzt alles besser sei und immer besser werden würde.
Macht das nicht. Das ist eine Lüge. Immer.

Egal, wie schlimm, wie krass, wie umfassend die Gewalterfahrung(en) war(en) – darum herum gab es Leben, gab es soziale Bindungen, aber auch Wertebindungen und individuelle Überzeugungssysteme. Es hilft nicht, die Vergangenheit so schwarz wie möglich zu zeichnen (vor allem, wenn die betreffenden Personen noch überhaupt nichts darüber mit.geteilt haben!) um die Gegenwart in den neuen Kontexten und die Zukunft reizvoller und verheißungsvoller wirken zu lassen.

Je krasser der Unterschied zwischen Früher und Jetzt ist, desto mehr Fliehkräfte können sich in einem Konflikt wie unserem entwickeln.
Und eins muss man einfach als Fakt sehen: die Betreuungs- und Unterstützungsangebote für Menschen in diesen Situationen sind nicht ausreichend, um solche Dynamiken gut aufzufangen bzw. von vornherein aufzulösen.

Um das zu illustrieren nehme ich eine unserer Für und Wider-Listen aus dem Jahr 2004.
Da waren wir 18 Jahre alt, hatten 1,5 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter uns, 3 ziemlich furchtbare Wochen in einer Akutwohngruppe für Jugendliche und 5? Monate andere Kinder- und Jugendpsychiatrie. Unser Besitz war von einer Bulliladung auf 3 Kisten zusammengeschrumpft, in der letzten Klinik hatte man uns emotional wie körperlich miss.be.handelt. Die Mutterfrau war eingeladen worden und gekommen. Die Betreuer_innen der Akutwohngruppe hatten uns angelogen und verraten.

Wir lebten in einer Stadt (in einem Bundesland), in der wir nichts und niemanden kannten. In einem Zustand, in dem die Vorstellung von der eigenen Zukunft nicht über “gleich” hinausging, ohne zu einer Fantasie zu werden, die immer auch ein Früher beinhaltete. Und zwar das Früher, in dem es uns gut ging. Mit den Eltern. Den Geschwistern. Den Großeltern. Onkeln und Tanten. Der Familie* und ihren Versprechen.

Für (in der Einrichtung bleiben)
– ich kann nicht wieder nach Hause – irgendwo muss ich ja sein

Wider (in der Einrichtung bleiben)
– ich gehöre nach Hause
– zu Hause wär ich kein Jugendhilfekind
– es könnte wieder so werden wie früher
– ich wär wieder bei … [Freund_innen in der Herkunftsstadt]
– zu Hause kenne ich alles
– zu Hause wär ich normal und könnte schlafen

Gerade den letzten Punkt möchte ich unterstreichen.
Denn dieser Aspekt ist neben allen Loyalitäts- und Zugehörigkeitskonflikten wichtig: es ist unfassbar anstrengend und zermürbend in so einer Situation zu leben. Und dabei ist schon nicht mitgemeint von Dritten weiterhin misshandelt und ausgebeutet zu werden.

Da ist die nahsoziale Achse auf der man versucht sich zu binden und abzusichern (und dabei vielleicht scheitert, weil man sozial inkompetent unter sozial inkompetenten ist und von bezahlten Bezugspersonen eher gemanaged als umsorgt wird) und da ist die fernsoziale Achse auf der das Stigma von “psychischer Krankheit” und “Jugendhilfe” wirkt und wirkt und wirkt.

Da ist aber auch eine Achse der Klasse.
Für uns war die Jugendhilfe auch ein Sprung ins Prekariat aus dem wir bis heute nicht wieder rausgekommen sind. Prekariat ist das hübsche Wort für arm.
Arm sein ist anstrengend. Und ungesund. Armut bedeutet Limitierungen. Und wo Limits sind, da haben es Menschen, die Versprechen machen extrem leicht.

Sich immer wieder gegen die Versprechen und für die Limits zu entscheiden ist etwas, das nicht einmal gut situierte, sicher gebundene, gut ihre Behindernisse ausgleichen könnende Personen immer gut schaffen. Nun setze man an diese Stelle eine kindjugendliche Person, der es sowohl objektiv als auch subjektiv schlechter geht.

Die Versprechen der Leute, die wir nicht kannten kamen nicht nur von der Seite der Menschen, die uns ausgenutzt haben. Versprechen haben uns auch Klinikkontexte, sogenannte Freund_innen und die Schule gemacht.

Und für uns war jedes Versprechen eine Wahrheit. Alle haben uns immer wieder dazu gebracht Entscheidungen zu treffen, die wir in ihren weiterreichenden Konsequenzen kaum überblicken konnten und zum Teil auch nie vorhersehbar waren.

So machten wir den Realschulabschluss ohne Gefühl und Wissen um die eigenen Fähig- und Fertigkeiten, geschweige denn Selbstbild in einem Beruf.
So ging die Gewalt an uns weiter, ohne Problem- und Unrechtsbewusstsein oder Selbstbild als Opfer_Täter_in.
So gingen wir über Jahre in therapeutische Zusammenarbeiten und hatten nichts weiter als ehrliches Ziel als: Ich will, dass es mir besser geht.
So kämpften wir uns durch Jahre, in denen wir versuchten, irgendwo zwischen Herkunftsfamilienkontakt und dem therapeutischen Verbot desselben in Balance zu bleiben.

Die Ruhe um sich selbst zu sichern (und damit zurecht zu kommen) und das Ausmaß an Miteinander durch Begleitung und Neukontextualisierung der vielen neualltäglichen Erfahrungen hat kein einziges der Hilfsangebote, die wir in Anspruch genommen hatten leisten können.
Weder Betreuung, noch Therapie, noch Klinik, noch irgendeine Einzelperson.

Das bedeutet: Der Abbruch von Täter_innenkontakt ist für abhängige (weil erkrankte oder behinderte) Personen oft nicht nur die Entscheidung gegen Gewalt an sich, sondern auch gegen eine Quelle von Dingen, für die an anderer Stelle überhaupt nicht gesorgt wird.

Das Leben ohne Täter_innenkontakt (und damit auch: ohne weitere Erfahrungen bestimmter Gewaltformen) ist also auch immer eines dem etwas fehlt.
Wir nennen das “Frei_von_heit”-Leben und sind bis heute – 10 Jahre nach dem Ausstieg! – damit beschäftigt es zu füllen bzw. herauszufinden, was ein passender Ersatz sein könnte oder ob vielleicht gar kein Ersatz nötig ist, sondern vielleicht eher ein Umbau.

Wir haben oft den Eindruck, dass sich Helfer- und Behandler_innen dieser Dimension des Lebens von Betroffenen organisierter bzw. komplexer (Familien-)Gewalt nicht klar sind, wenn sie Täter_innenkontaktabbruch zur Bedingung ihrer immer* zeitlich, räumlich und emotional begrenzten Unterstützung/Hilfe machen. (*Ernsthaft: immer! Professionelle Hilfe ist die, die klare Grenzen hat!)

Es ist nachvollziehbar, dass eine Person ihre komplexe PTBS nicht therapeutisch bearbeiten kann, wenn sie immer wieder traumatisiert wird.
Und ja, es ist auch nicht für alle Behandler- und Helfer_innen aushaltbar zu wissen, dass eine Person an, mit und von der man einen Auftrag hat, immer wieder miss.be.handelt wird.
Aber Täter_innenkontakt bedeutet für die Betroffenen in der Regel mehr als das reine Erfahren von Gewalt.

Deshalb sollte man vielleicht mal schauen, ob es auch noch andere Wörter für diese Kontakte geben kann. Vielleicht gibt es ja eine Bezeichnung, die in der Lage ist auch auf die Benefits für die Betroffenen einzugehen? Vielleicht gibt es eine Formulierung, die es den Betroffenen ermöglicht ihr eigenes (Abhängigkeits)Verhältnis zu diesen Personen(kreisen) leichter zu erkennen?

Was erst mal aussieht, als ginge es mir um die reine Dekonstruktion einer Vorgehensweise, die sich über viele Jahre als für viele Menschen oft hilfreich etabliert hat, hat den Hintergrund, dass Sprache nicht nur dafür da ist, die Dinge, die wahrgenommen werden, zu benennen.

Sprache schafft nur die Wirklichkeiten, die man benennt. Mit dem Wort “Täterkontakt” benennt man etwas anderes, als mit der Formulierung “Kontakt zu Menschen/Personen, die etwas davon haben, (das ich nicht auch bekomme), wenn ich mich mit ihnen treffe/mit ihnen telefoniere/ihre Post öffne oder tue, was sie von mir verlangen” (was die für uns hilfreiche Umformulierung war und bis heute ist).

Was wir auch oft sehen ist, dass sich Ausstieg oder Kontaktabbrüche verzögern oder in Pendelbewegungen passieren, weil nicht konkret über das gesprochen wird, was passiert. Da wird nach Täter_innenkontakt gefragt, mit “ja” geantwortet und das war das Gespräch. Vielleicht schaffen es die Betroffenen noch auszudrücken, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie Therapievorgaben nicht erfüllt haben oder sich um das Verhältnis zur Therapeutin bzw. zum Therapeuten sorgen. Vielleicht schafft man es dann gerade noch so einen Suizid- oder Selbstverletzungsakt zu verhindern, der sich sowohl aus der neuerlichen Gewalterfahrung als auch dem Konflikt zwischen Selbst- und Fremdanspruch entwickelt hat.
Aber ein Aussprechen dessen, was da wie wann mit wem und warum (und von wem im Innen initiiert oder getragen) war, passiert da oft nicht.
Und das ist schwierig.

Manche Betroffene können vielleicht nicht alle diese Fragen beantworten oder haben dissoziative Brüche in ihren Erinnerungen. Das macht es nochmal schwieriger überhaupt einen Anfang in der Erzählung zu finden.
Wir hatten sehr lange den Anspruch an uns nur Dinge mitzuteilen, um die wir uns zu 100% sicher sind, das sie wirklich passiert sind und eventuell auch justiziabel. Denn “Täter” ist ein Justizwort.

Inzwischen fangen wir immer wieder mit dem an, was uns als Erstes einfällt und prüfen am Ende der Erzählung die Bestandteile auf Wahrscheinlichkeit.
Als harmloses Beispiel: Wenn ich weiß, dass ich mit dem Postboten zu tun hatte, aber nicht mehr weiß, wie es dazu kommen konnte, dann denke ich darüber nach, ob ich einen Brief erwartet oder etwas bestellt habe. Manchmal fällt mir dann ein, wie der Bote geklingelt hat und ich die Treppen runter ging und den Schlüssel in der Hand hatte und …

Bei Täter_innenkontakten haben wir uns gefragt, ob wir Zettel im Briefkasten oder an der Haustür hatten. Ob wir auf dem Schulweg von einem Autofahrer nach dem Weg gefragt worden sind (das war eine Art der Kontaktaufnahme mit uns früher). Ob es insgesamt Begegnungen oder Nachrichten gab, die bei rationaler/objektiver Betrachtung vielleicht irritierend waren.

Das Sprechen über Kontakt mit Personen, die Gewalt ausüben, kann helfen ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Doch dies sollte nicht das oberste Ziel sein.
Es hilft einer abhängigen Person oft nicht eine ohnehin schon schwierige Situation auch noch als ein Unrecht zu markieren, gegen das sie nichts tun kann. Zumindest nicht so, dass sie selbst nicht Gefahr läuft doppelt zu verlieren.

Die Lage ist nachwievor so, dass Personen, die Opfer von Täter_innen wurden, in einer Art Beweisbringschuld sind. Nicht alleinig, aber genug um ständig im Zweifel zu sein, was “genug” Beweis ist.
Da Menschen in der Regel nicht über die Superkraft verfügen das eigene „in einer Gewaltsituation sein“ objektiv und umfassend zu dokumentieren, bleibt ihnen oft nur die eigene Sprache, das eigene Gedächtnis um Zeugnis über die eigenen Erfahrungen abzulegen.
Und das ist weder objektiv, noch zu 100% zuverlässig.
Gehirne sind auch nur überlastbare, täuschungsanfällige Biorechner.
Es gibt Fehler, es gibt Inkongruenzen.
Das ist normal und keinesfalls ein Marker für „wahr“ oder „unwahr“.

Gerade Personen, die in permanentem Terror und Gewalterfahren aufwachsen, entwickeln etwas, das man unter dem Begriff der “Neurodivergenz” zusammenfassen kann.
Das meint Depressionen genauso wie Angstpsychosen und schizophrene Episoden. Genauso wie komplexe posttraumatische Belastungsstörungen, dissoziative Erlebensarten und emotionales Verflachen.
Und vieles mehr, das man in anderen Kontexten unter “durchgeknallt/verrückt/abnorm/psychisch krank” zusammenfasst

Leben Menschen chronisch in toxischem Stress (werden also immer wieder mit Wahrnehmungsinformationen überreizt, sozial, geistig und emotional überfordert) passen sich Körper, Geist und Seele daran an. Die Divergenz wird zur Norm. Zur (er-)lebensrettenden Norm, die hilft eine Funktionalität aufrecht zu erhalten.

Dieser Umstand wird gefährlich oft als etwas betrachtet, das etwas mit der Persönlichkeit/der Seele/*** der betreffenden Personen zu tun hat. Überleben wird mit dieser Perspektive überhöht und drückt am Ende nichts weiter aus als den Blick einer außenstehenden Person.

Überleben ist ein Glück, das nur im Leben passieren kann.

Gewaltüberleben zu etwas zu machen, das große Kraft erfordert, die “irgendwo ungreifbar in einem Menschen drin steckt”, kann es Personen – gerade Personen, die unzählig oft über das belogen wurden, was alles in ihnen steckt, um ausgenutzt werden zu können! – schwer machen, das Erlebte mit dem eigenen Er_Leben der Gegenwart zu verknüpfen.
Denn wenn die Gewalt, der Terror, die akute Not vorbei ist, dann ist ein daran angepasstes Gehirn mehr oder weniger plötzlich dysfunktional.

Es wird schwierig sich und dem eigenen Erleben zu trauen.
Im schlimmsten Fall hat man dann auch noch Helfer-, Begleiter- oder Unterstützer_innen, die ihre Rolle mit der von Retter_innen verwechseln.
Die dann merken, dass das nicht geht und keine professionelle Super- oder Intervision in Anspruch nehmen oder sich sonst irgendwie von jemandem beraten lassen, der nicht selbst in dem Fall involviert ist. Und dann also anfangen an ihren Klient_innen zu zweifeln. Und also anfangen ihnen gegenüber illoyal, unaufrichtig oder gewaltvoll zu werden und sie letztlich an andere Instanzen verraten, um sich ihrer zu entledigen.
Klingt hart, ist aber Realität.
Immer wieder. Und viel zu oft nicht reflektiert.

Zum Beispiel in einem Fall, den wir vor ein paar Jahren am Rande miterlebt haben.

Eine Person wollte in den Ausstieg, hatte massive PTBS-Symptomatiken und hohe soziale Bedarfe. Ihre Lebenssituation war die klassische Abhängigkeit von äußeren Strukturen und Hilfen, die sie allein aber kaum aufrecht halten konnte.
Sie tat also, was man tut: das tun, was gerade noch geht. Das war in ihrem Fall um Hilfe schreien.

Sie wurde gehört. Aber nicht verstanden.
Die Personen, die auf sie reagierten, hatten ihre eigenen Ideen und Vorstellungen dazu, was für Hilfe sie “wirklich braucht”. Sie verpassten es die eigenen Vorstellungen auf internalisierten Ableismus zu prüfen und unterzogen ihr Handeln nicht der Prüfung auf Motive, die in ihnen selbst lagen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Menschen, die Menschen helfen wollen, selbst traumatische Erfahrungen in der Biografie haben.
Manche von ihnen sind der (ebenfalls Ableismus entstammenden) Falle zum Opfer gefallen zu glauben, dass sie ihre Erfahrungen überwunden haben, wenn sie (wieder) arbeitsfähig sind, ohne sich selbst (in Teilen) in den Klient_innen wiederzuerkennen.

Manche benutzen ihre Klient_innen und deren Er_Leben als Raum für die Inszenierung einer bestmöglichen Hilfe/Rettungssituation für sich selbst (in einem Damals, das oft schon lange vorbei ist) oder für ein Szenario, in dem sie sich selbst als so wirksam und kontrollierend (kontrolliert) erleben können, wie sie es im eigenen Er_Leben oft nicht konnten (und manchmal noch immer nicht können).

In dem Fall der Person, die in den Ausstieg wollte, war es so, dass die Personen, die eigentlich nur als Helfer_innen für die bürokratische Achse der Hilfen beauftragt wurden!, ihre Klient_in quasi überwachten, um zu prüfen, ob deren Erzählungen von Täterkontakten stimmten oder nicht.
Als anzunehmen war, dass die Klient_in eher krasse Angstzustände aus noch nicht bewussten Flashbacks erlebte, als tatsächlich 24/7 Täterkontakte, ließen die „Helfer_innen“ sie fallen und zogen sich aus dem Fall raus.

Wir wissen nicht, wie die Geschichte geendet hat. Für uns war sie in dem Moment beendet, als wir bemerkten, dass die Helfer_innen nicht reflektierten, dass sie ihre Rolle verließen, um sich selbst etwas zu ermöglichen. In dem Fall: selbst gemachte Objektivität auf dem Rücken der Klient_in, der sie zugesagt hatten, dass sie sie in allem ernst nehmen würden, was sie ihnen sagt. Der sie auch zugesichert hatten nicht objektiv (wahr/richtig) sein zu müssen.

Sie haben sie angelogen und hinter ihrem Rücken etwas getan, was sie nicht mit ihr abgesprochen haben.
Das ist ein Grundlagenfehler in der Arbeit mit Menschen. Und um den als solchen anzuerkennen braucht es kein Professionalitätsdiplom.

Am Ende ist dieser Fall einer, in dem es mich nicht wundern würde, wäre der Ausstieg nicht geglückt.
Die betroffene Person hatte nichts von dem, was Menschen brauchen, um sich sicher zu lösen, neue Erfahrungen zu machen und diese sicher und gut neu zu kontextualisieren. Und obendrauf haben sich die Personen, die ihr als Hilfe dargestellt wurden, ihr gegenüber sozial gewaltvoll verhalten.

Verloren hat nur diese Person.
Denn oft genug ist so ein misslungener Ausstiegversuch ein potenzielles Todesurteil in beiden Welten.
Organisierte Gruppen, in denen Ausbeutung und Gewalt üblich ist, nehmen “Dissidenten” oft nicht einfach mal eben so wieder in ihre Reihen auf.
Auch Inzestfamilien öffnen sich in der Regel nicht für Angehörige, die mehr oder weniger offen gelegt haben, dass etwas nicht richtig läuft.

Und Hilfen außerhalb dieser Kontexte erneut aufzusuchen oder einzufordern, nachdem man von Helfer_innen für deren Agenda missbraucht wurde, ist für manche Betroffene kaum noch schaffbar. Gerade für jene, die arbeitsunfähig, chronisch erkrankt/schwerbehindert und sozial herausgefordert sind.
Diese Personengruppe hat nirgendwo wirklich Platz, da sie mit ihrer Lebenssituation nirgends mitgedacht werden.

Für diese Menschen geht es um nichts weiter als ihr Leben und eine andere Lebensqualität. Da ist das Ziel gar nicht in Lohn und Brot zu kommen, ein Studium zu beenden oder ein umfassend selbstbestimmtes Leben zu gestalten – da geht es darum, in den bestehenden Abhängigkeiten so wenig wie möglich zu leiden und sich selbst so weit wie es geht zu entfalten.

Nicht alle Menschen, die in Gewalt aufgewachsen sind, können in den Sonnenuntergang reiten und sich rundum “frei und selbstbestimmt in allen Aspekten” nennen.
Manchmal geht es um die Wahl der Freiheit und die Ermächtigung die Lebensaspekte zu wählen, in denen sie gelebt werden kann.
Soviel Demut muss man manchmal auch aufbringen. Sowohl als Helfer-, Begleiter- oder Therapeut_in, als auch als Klient_in.

Eine der Fragen, die mich erreichten war, wie Therapeut_innen einen Ausstieg gut unterstützen können.
Nun muss ich sagen, dass ich keine Therapeut_in bin und nur teilen kann, was ich (wir) als gute Begleitung empfunden habe(n).

In unserem Fall haben Therapeut_innen wenig konkreten Anteil an unserem Ausstieg gehabt. Wir waren in der Zeit des Täterkontaktes, der mit wiederholter Ausbeutung und körperlicher Bedrohung zu tun hatte, nicht in der Lage mehr als halbgare Stabilisierungsarbeit und permanente Krisenintervention in der Therapie zu machen.
Bewusste aktive Innenarbeit konnten wir nicht leisten und vielleicht war das Aushalten dessen, die beste Begleitung durch Therapeut_innen, die uns passieren konnte.

Wir haben in den ersten Jahren (da waren wir 15 bis 21 Jahre alt) viel am Verständnis von Symptomen als Ausdruck für bestehende Belastung gearbeitet.
Und dann daran, nicht an den Symptomen zu sterben. Und dann daran, uns nicht aus Versehen oder aus einem Affekt heraus umzubringen. Oder andere. Menschen wie Tiere.
Und dann daran, keinen Täterkontakt aufzunehmen, nur weil wir keine Therapie mehr hatten und unsere Betreuungssituation so eine Katastrophe war.

Und dann war das äußere ausgestiegen sein irgendwie zur Normalität geworden und es war 2012. Wir waren wir 26 und begannen die Arbeit mit der Therapeutin, die uns noch heute begleitet.
Heute sind wir 30 und in der Innenarbeit, die für den inneren Ausstieg und die Verarbeitung des äußeren Ausstiegs wichtig ist.
Wir erleben an der Begleitung durch die Therapeutin als hilfreich:

– dass wir uns regelmäßig treffen (und wir wissen, mit wem wir uns treffen können, wenn sie krank/im Urlaub/auf Fortbildung/nicht erreichbar ist)
– dass wir gemeinsame Absprachen haben, an die wir uns beide halten können
– dass im Vordergrund der Arbeit das Verstehen und nicht die Kontrolle über uns und unsere Erfahrungen steht

– dass sie ihre Hilflosigkeiten offen legt und daran genauso arbeitet, wie wir
– dass sie sich regelmäßig fortbildet und insgesamt offen ist
– dass sie die Zusammenarbeit mit uns nicht beendet hat, als die Asperger-Diagnose dazu kam

– dass wir sie auch außerhalb der Termine kontaktieren dürfen (dazu gibt es Absprachen, die gut für sie und gut für uns sind)
– dass wir mit unterschiedlichen Mitteln und Techniken arbeiten (je nachdem, was wir gerade brauchen können)
– dass ihr Raum immer gleich aussieht (und weder mit Raumduft noch mit sehr vielen dekorativen Elementen gestaltet ist)

– dass wir eine Stundenroutine haben (Ankommen, Thema besprechen, orientiert und sicher gebunden verabschieden)
– dass wir einen Platz in dem Raum haben (und Dinge von uns neben anderen Dingen dort sein und bleiben dürfen)
– dass Neuerungen und Abweichungen vorhersehbar sind

– dass sie vor uns niemals die Menschen verurteilt, die uns mit Gewalt begegnet sind, sondern deren Handlungen
– dass wir manchmal Stunden machen können, in denen es weniger um uns, als die Welt und ihren Lauf der Dinge geht
– dass sie uns in unseren Wünschen nach mehr Selbstbestimmung und Autonomie bestärkt

– dass wir es schaffen, trotz langer Arbeitszeit miteinander, nicht an Stellen aufzuweichen, die später zu Konflikten und Abgrenzungsschwierigkeiten führen könnten
– dass sie ihre Veranwortungsbereiche aktiv von uns trennt

Uns hilft heute auch, dass wir mehr als nur die Therapie im Leben haben.
Auch wenn wir uns immer wieder mal überfrachten und überfordern mit den Projekten, die wir anfangen und durchziehen.
So sind wir. So ist das Leben.

Unsere Projekte sind selbstbestimmt begonnen, autark umgesetzt und frei gestaltet.
Sie tragen nicht immer und an allen Stellen dazu bei, dass unsere äußere Sicherheit maximal und konstant gewährleistet ist. Projekte, wie das Blog hier, haben uns schon Projekte verunmöglicht und (therapeutische) Zusammenarbeiten verhindert.
Und doch.

Wir sind an unseren Arbeiten gewachsen und haben Fähig- und Fertigkeiten entwickelt, die uns helfen uns als selbstwirksam und befähigt zu erleben.
Und zwar fern ab von psychologischer Deutung(smacht) oder Behandlungsplanung.
Es ist uns wichtig geworden, auch losgelöst von psychiatrisch/psychologischen Kontexten zu sein, zu funktionieren und uns okay zu fühlen, weil wir die Belegung unseres Seins als “krank” als gewaltvoll erleben.

Durch die Auseinandersetzung mit unseren Projekten haben und hatten wir die Gelegenheit das zu erkennen und als auch von uns internalisiert zu begreifen.
Das ist ein Privileg. Und wir nutzen das.

Kontakte zu Menschen, die von dem Körper, mit dem wir verbunden sind, profitieren, würden uns dieses und viele andere Privilegien, die wir in den letzten 10 Jahren erreicht haben, verlieren lassen.
Mit den Jahren wird dies auch nach innen immer bewusster.
Das Heute, in dem wir vor dieser Form des Zugriffs auf uns sicher sind, beginnt eigene neue Spuren in unserem Gehirn zu hinterlassen und die Spuren der Gewalt zu überschreiben.

Heute, 10 Jahre nach dem äußeren Ausstieg, kennen wir beides: das Früher, in dem alles schlimm und vieles schön war und das Heute, in dem alles schön und vieles schlimm ist.
Das gibt uns die Chance auf eine Idee von einer Zukunft.

Und vielleicht haben wir nur dafür den Kontakt zu Menschen, die uns verletzt und ausgenutzt haben, beendet.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

und so viel schlimmer

Manchmal ist es wie eine Art innere Schwerelosigkeit.
Wie in einem Film mit langsamer Kameraführung, fast unmerklichen Eigenbewegungen der Objekte und subtilen Hinweisen auf die Anwesenheit eines Subjekts. Ein flatterndes Atemgeräusch, ein diffuser Farbfilm über allem, ein surrealer Anblick bekannter Gegenstände.

Es ist schwer nicht darin aufzugehen. Es tut nicht weh, es gibt keine Gedanken, es ist weder leicht noch belastend. Es ist einfach nur Sein ohne Anfang oder Ziel, ohne Funktion, ohne Rahmen, ohne all das Musskannsoll, das man als stetiges TickTack im Leben hat.
Es ist nicht schön. Es ist kein watteweicher Traum, in dem alles besser ist, als in “der Realität ™”.
Es ist einfach nur ein Zustand.
Ein dissoziativer Zustand.

Manchmal gehe ich aus Therapiestunden, in denen wir über traumatisierende Erfahrungen gesprochen haben, mit diesem Gefühl. Nicht komplett, aber schon so, dass mich die Welt auf dem Heimweg weder verletzt noch erschreckt, noch vereinnahmen kann.
Ich denke mir das wie eine Art Betäubung, denn zwischen dem Zimmer der Therapeutin und unser Wohnung mit NakNak*, Sicherheit und Stille, passiert die Welt mit ihrem Lauf der Dinge.

Es ist ein Geschehen, das mir das, was wir in der Stunde angestoßen haben, mit einem Schlag wieder entreißen kann. Ein Geschehen, das weder Raum noch Begreifen davon hat, was ich nach so einer Stunde von A nach B trage. Ein Geschehen, von dem ich mich so getragen fühle, dass ich mich auf dem Rad und in der Mitte von betäubtem Sein und nach außen achtsamem Handeln halten kann. Weil es immer gleich ist. Immer gleich rücksichtslos. Immer gleich unabhängig von mir. Immer gleich anfassbar, wie nach mir greifend.

Zuhause lässt es nach.
Da ist NakNak* die ihre Wange an meine Wange drückt und sich wieder einrollt, um zu schlafen.
Zuhause greift die innere Schwerkraft und die kleinen in der Stunde hochgewirbelten Teilchen sinken ab. Ich weiß, dass ich weder still auf meinem Platz sitzen, noch irgendetwas tun sollte, das mich sehr fordert.
Werde ich still und stumm, werde ich starr und das Erinnern absorbiert mich.
Werde ich mit vielen Reizen gleichzeitig konfrontiert, verliere ich den Faden zum Stundeninhalt und damit einen neuen Bezug zu mir selbst.

Ich weiß nicht, ob diese Zeit des Absinkens die eigentliche Verarbeitung ist. Manchmal kommt es mir so vor, denn ich merke Veränderungen an der Art, wie ich über die Dinge nachdenke.
Nicht komplett anders. Aber anders.

Zwischendurch rutsche ich ab und merke das.
Zum Beispiel esse ich dann etwas und erlebe, wie ich zwar die Gabel halte und führe, aber nicht esse.
Manchmal ist es so, als würde sich da etwas durch mich hindurch in das Heute und mich hineinweben. Und manchmal ist es, als würde mich etwas in das Früher hineinflechten, um ein Loch zu schließen oder einen Weg zu ebnen.

Wir kriegen Fieber nach solchen Stunden.
Es steigt schnell an, hält sich eine Weile und versickert von allein wieder.
Und wir tun was man tut, wenn man Fieber hat.
Viel trinken, liegen, schlafen, Ruhe und eine Art Sein im Selbst, weshalb ich mich frage, ob es vielleicht nur diese Funktion hat.
Also, dafür zu sorgen, dass ich weder körperlich noch geistig in der Lage dazu bin, irgendetwas mehr als das zu erfahren, was dann ist. Nämlich die äußere Ruhe (Sicherheit) und das Innere, das miteinander Geteilte und manchmal auch die Innens selbst, die ihren Weg aus dem Früher ins Heute gehen und sich mal hier und mal da abstützen, verwirrt stehen bleiben, warten, suchen, Versicherung in der äußeren Stille finden und weitergehen.

Jedes Mal wenn mir das passiert, denke ich, dass ich dachte, das hinter mir gelassen zu haben:
Den Körper als eine Art Schale oder Kostüm zu empfinden, das sich andere Innens nehmen können, um mein Heute zu erfahren.
Und dann muss ich mich doch wieder plötzlich übergeben, weinen oder anpinkeln und ähnliches, ohne etwas dagegen tun zu können. Weil ich zwar da bin und verstehe, warum das passiert, aber dann doch genauso nicht gegen diese Art der alten, heute plötzlich einfach möglichen, Reflexe ankomme, wie es den beteiligten Innens damals nicht möglich war.

Das ist, was ich an der Therapie so hasse.
Was ich immer vermeiden will, weil es immer wieder diese Momente so bodenlosen Kontrollverlustes gibt.
Nie lange, nie “wirklich” schlimm – also, in dem Sinne, dass es irgendwelche Auswirkungen auf das ganze Leben hat oder größere Schäden verursacht – aber schon so, dass ich neben dem in der Therapiestunde selbst erlangten Verstehen von einer früheren Situation, auch ein Begreifen von der Unausweichlichkeit und der Wucht einer äußeren Überlegenheit uns~mir gegenüber in ebenjener Situation bekomme.

Viele sein ist kein Gedankenspiel. Jedenfalls nicht nur. Manchmal spielen spontane Assoziationen während einer traumatisierenden Erfahrung eine Rolle, ja, aber es ist nicht so, dass man sich dann da reinsteigert und irgendwann glaubt, man selbst sei jemand anders.
Jedenfalls ist das nicht, wie wir viele sind bzw. wie wir die Entstehung von (ganzen) Innens rekonstruieren können.

Ich erlebe mich selbst, wie ich mich erlebe. Ich bin ich und bin darin konsistent. Mein Ich beginnt in dem Moment, in dem ich gefragt wurde, wer ich bin und endet dort, wo ich weiß, was ich mag und was nicht; was ich kann und was nicht; in welchen Situationen ich kompetent bin und in welchen ich eher Unterstützung brauche und warum das für mich problematisch ist.
Ich weiß, was ich erlebt habe und was nicht. Ich kenne meinen Kosmos und merke mal mehr mal weniger deutlich, wo der eines anderen Innens beginnt.

Für mich gab es nie einen Anlass (oder sollte ich sagen: die Möglichkeit?) mir einzureden, dass ich jemand anderes bin.
Denn: Ich bin allein entstanden. Da war niemand anderes. Da war nichts und niemand. Außer mir.
Mein Kosmos war mit mir und dem weißen Rauschen, das Gehirne sich machen, wenn sie nicht stimuliert werden, befüllt. Ich weiß noch genau, was ich damals gedacht habe und ich weiß noch genau, dass es zu keinem Zeitpunkt jemals war: “Also, ich bin die K. und ich bin x Jahre alt und …”.

Für mich ist das ein relevanter Aspekt meines Selbst_Verständnisses. Denn manchmal denke ich, dass von mir erwartet wird, einen Schritt zu machen, der mich negiert, wenn es um die Erfahrungen anderer Innens geht. Als sei die Anerkennung ihrer Erfahrungen gleichzusetzen mit einer Anerkennung eigener Erfahrungen.  Als wären ihre Erfahrungen gleichermaßen auch meine.

Das ist der Punkt an dem die Pathologie greift. An dem mein Empfinden als krankhaft bzw. gestört oder verzerrt oder verschoben … verrückt eingeordnet wird. Denn die Erfahrung hat immer ein Körper gemacht. Der Körper, in dem sowohl ich drin bin, als auch die anderen Innens.
Das ist aber auch der Punkt an dem ich bin, wie ich bin. Wer ich bin und was ich als mir zugehörig empfinde – und was eben nicht. Auch wenn es krank, gestört, verrückt, falsch ist. Auch wenn es sich der Logik von Körper-Seele-Geist-Verbund entzieht. Für mich fühlt es sich rund an. So, wie es eben ist, ich zu sein und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, gemacht zu haben.

Die Zeit im Fieber reißt mir das auseinander.
Da verstärken sich gemeinsame Erfahrungsqualitäten so sehr, dass unscharf wird, was zu meiner Erfahrung im Jahr XY, mit Verlauf AB, Ende X und Auswirkung Z im Heute gehört – und was zu dem, was das Innen mir aus einer ganz anderen Zeit, ganz anderem Verlauf usw. mitge_teilt hat, gehört.
Meine Selbst_Sicherheit wird erschüttert. Mein Selbst_Bild verändert, ohne, dass ich konkret sagen könnte inwiefern genau. Mein Verständnis für das Innen und dessen Gefühle, Wünsche, Impulse, Gedanken und Empfindungen wird zu einem Mit-ihm-Mit_Empfinden, Mit_Fühlen, Mit_Leiden.

Aus meiner Klarheit um meine Erfahrungen wird etwas, was die Erfahrungen des anderen Innens mitmeint.
Obwohl es nicht die gleichen sind. Obwohl da eine Linie bleibt, die mich von ihm trennt und Unterschiede aufzeigt.

Mir kommt das viel verrückter, kränker, durchgeknallter, schlimmer vor, als das, womit ich vorher umgegangen bin.

Ich merke jedes Mal, wie ich anfange mich zu bemitleiden, weil ich zu Bruchstücken des Mit_Geteilten auf einmal Gefühle und spontane Erinnerungen, die daneben stehen, habe – aber ganz sicher weiß, dass sie vorher nicht da waren.
Jedes Mal denke ich, dass ich jetzt wirklich durchknalle – dass ich jetzt wirklich richtig auf irgendeinen scheiß Psychotrick reingefallen bin, der mich verwirrt, mich verändert, in mich reingegriffen und völlig verdreht hat. Jedes Mal rutsche ich in die klassische False Memory-Argumentation der “von Therapeuten gemachten Erinnerungen” und falle von dort zurück in die (alten) Ohnmachtsgefühle vor äußeren Überlegenheiten.
Ich merke, wie ich vor mir selbst zum Opfer werde, weil meine innere Konsistenz aufgeweicht ist. Merke, wie wichtig es ist, mich zu orientieren.

Und merke dann, wenn ich klar weiß, was los ist, wie um noch viele Grade mehr schlimmer alles ist, weil es einfach ist, wie es ist.
Gerade weil, ohne dass irgendjemand irgendwas mit mir gemacht hat, das Erinnern bzw. der Prozess der Verarbeitung und inneren Kontextualisierung passiert und zu mir gehört und etwas mit mir macht, weil es das jetzt – hier und heute – kann.

Es ist schlimmer, weil ich mich nicht aktiv dafür entscheiden und, weil ich es nicht aktiv gestalten kann. Ich kann es nur aktiv verhindern und aktiv kaputt machen. Ich weiß, was mich rausreißen würde. Wie ich das alles von mir fernhalten kann. Beziehungsweise, wie ich mir einreden kann, dass ich es kann, bis ich es glaube, weil ich nicht mehr darüber nachdenke, sondern über tausend andere Dinge und Wahrheiten.

Doch mit einer Körpertemperatur zwischen 39 und 40 Grad ist so etwas einfach mörderisch.
Es ist leichter für mich dann liegen zu bleiben. Mich der Fürsorge aus dem Innen zu übergeben und zu glauben, wenn es mir sagt, dass alles in Ordnung ist und ich einfach nur liegen bleiben kann und nichts passieren wird, das mich zerstört. Dass wir das schon kennen. Dass wir einen Umgang damit haben. Dass wir nicht allein sind. Dass wir jederzeit fragen können, ob noch da ist, wen wir da zu wissen brauchen. Dass es echt war. Dass es eine echte Erfahrung war. Dass sie vorbei ist.

Das ist so viel leichter, als zu denken, dass es vielleicht einfach nur so irgendwas ist war vielleicht – keine Ahnung – anderes Innen – irgendwie… ach keine Ahnung – egal – oh guck ein Schmetterling!

Und so viel schlimmer.

“Bin ich schon erholt?”

Häufig bewegen wir uns auf Ebenen die wenig bis gar nicht konkret sind. Obwohl sie um das Konkrete kreisen und sich daraus ergeben.
Das fällt mir an Tagen wie heute besonders auf.

Am Freitag hatten wir einen Krampfanfall in der Schule und mussten danach allein nach Hause. In unseren Alleinhaushalt, unserm Alleinleben mit all dem allein klar kommen.
In manchen Köpfen mag das wie ein Vorwurf hallen, ist in unserem Leben aber einfacher Fakt, der je nach Umstand mal gut, mal schlecht, mal schlimm, mal genau richtig, manchmal auch perfekt ist.

Wir wissen, was wir nach einem Anfall tun müssen und welche Ressourcen wir brauchen, um uns zu erholen.
Worin wir allerdings noch nicht sehr geübt sind ist, zu spüren, wann wir wirklich wieder fit sind und wann wir uns das nur einreden, weil wir dem eigenen Entsprechungswünschen nach außen nachgeben (wollen können (müssen))

Erholung, Ausruhen, Kraft tanken, das ist in unserem Alltag schon so lange eine Aktivität, dass wir das Gefühl für den Zustand selbst noch gar nicht näher betrachtet haben.
Wir gehen nach der Schule nicht 7 km wandern – wir machen bilaterale Stimulation, um die Verarbeitung der Reizüberflutung zu unterstützen.
Wir basteln nicht das ganze Wochenende, weil es so toll unanstrengend ist – wir basteln das ganze Wochenende, weil wir an unserer Frustrationstoleranz und Feinmotorik arbeiten müssen (und natürlich auch ganz gern einfach Dinge erschaffen).

“Bin ich schon erholt?”, das habe ich mich heute morgen gefragt und dann gemerkt, dass ich nicht weiß, wie sich das eigentlich anfühlt. “Erholt”.
Da stelle ich mir einen Zustand vor, in dem ich gar nicht weiß wohin mit meiner Kraft und Energie. Oder zumindest einen Zustand, in dem ich mich zu Dingen motivieren kann, ohne, dass die Belohnung fürs Schaffen dessen extra viel Zeit im Bett ist.

Ich kenne Zustände von Dauerstrom. Posttraumatischem Hyperarousel.
Ein Zustand, in dem ich auch nie weiß wohin mit all meiner Energie und Kraft – gleichzeitig jedoch auch nicht wirklich fähig bin, irgendetwas Konstruktives zu tun. Schon gar nicht über längeren Zeitraum. Der Hyperarousel ist dann eben doch nur ein Erregungszustand und kein allgemeines Energielevel.

Früher – also letztes Jahr um diese Zeit – haben wir uns mehr Tage Ruhe zugestanden, um uns von Anfällen zu erholen. Jetzt sind wir unsicher.
Da spielt auch die Klinikerfahrung letztes Jahr mit hinein.
Dort hatten wir jeden Tag hinzugehen und uns überfordern zu lassen, obwohl offensichtlich war, was es mit und an uns macht. Und wir habens passieren lassen, weil wir (vielleicht auch fälschlicherweise) annahmen, man wüsste, was der (therapeutisch) sinnvollste Umgang damit ist.
Das Klinikding ist für uns nachwievor nicht aufgelöst und gut. Wir wissen nachwievor nicht, was hinter den Anfällen steht, ob wir da etwas auflösen müssen, oder ob das Fallen und Krampfen einfach unsere Art des Meltdowns ist.

Ungünstig.
Aber Realität.

Realität, mit der wir heute irgendwie umgehen müssen und in der wir all die Facetten des Alleinlebens spüren.
Wir allein sind verantwortlich für das, was wir entscheiden. Das ist nicht schlimm. Manchmal macht es uns Angst, aber grundsätzlich denke ich, können wir diese Verantwortung gut tragen.
Wir sind aber auch allein in der Frage, woran wir uns in den Entscheidungsfindungen orientieren sollen. Und das ist schwierig.

Wenn es um unser Leben geht, scheuen wir inzwischen das laxe Trial and Error, das wir vor ein paar Jahren noch gewagt haben, weil es für unser Gefühl ständig um Leben und Tod ging.
Heute ist das nicht mehr so sehr der Fall.
Heute geht es um Gegenwart und Zukunft – was manchmal genauso viel Angst, Sorge, Unterlegenheits- bzw. Überforderungsgefühle, aber auch Kämpfergeist und Aber will!-Trotz auslöst, aber dann doch ein ganz anderes Level ist.

Heute wollen wir eher sicher gehen.
Abschätzen. Prüfen. Nachdenken. Nachspüren.
Erst mal schauen, ob und was genau wir wann wie wo und wofür anfangen. Erst einmal alle Konsequenzen für Scheitern und Versagen klar haben, um dann ganz langsam zu testen, ob es geht.
Nach Möglichkeit ohne Angst zu haben oder eine Angst wegdrücken zu müssen.

Angst wegdrücken kostet nämlich Energie.
Überhaupt alles kostet Energie. Logisch eigentlich – und doch fürchte ich, haben wir lange “Energie” mit “Erregung auf Anschlag” verwechselt und tun das zuweilen heute noch.

“Bin ich schon erholt?” ist damit eigentlich auch keine Frage nach Motivation oder Bereitschaft zur Schule zu gehen und sich dem auszusetzen, was uns dort jeden Tag erwartet. Eigentlich ist es mehr die Frage danach, was wir alles wegdrücken müssen, um dort sein zu können und ein bestimmtes Level der Präsenz zu halten – und wie viel wir von dort wegdrücken müssen, wenn wir am Abend in die Traumatherapiestunde gehen und wie viel wir von widerum all dem wegdrücken müssen, wenn wir dann zu Hause sind und “Erholung machen”.

Interessanterweise ist Hausarbeit und Tüddelkram im Moment das, was am meisten zur Erholung beiträgt. Was auch nochmal vor Augen führt, wie wenig wir Carearbeit wert_schätzen. Denn obwohl wir merken, wie gut es uns tut und wie viel weniger anstrengend einfach alles für uns ist, wenn wir frische Kleidung, eine saubere Wohnumgebung – und sowas Profanes wie eine Haarlänge, die nicht stört – haben, kümmern wir uns in letzter Zeit viel zu wenig darum. Um genauer zu sein: nur ums Nötigste.

Wir pfeifen auf dem letzten Loch und rangieren mit einem Akku auf 25%. Manchmal weil wir denken: “Ach, wir haben schon mit weniger…”, manchmal, weil wir denken “Ja, aber das geht doch allen so…” (obwohl wir keinerlei Ahnung davon haben, wie es anderen mit ihren Akkus so geht) und aber auch, weil wir die Welt als einen rücksichtslosen, ja sogar gnadenlos vorwärtsströmenden Lauf der Dinge sehen, der es immer und immer von uns abverlangt weiterzumachen – ganz egal aus welcher Ressource heraus. Ob nun aus tollster Erholungsphase oder Todesangst.

Das Schlimme ist, dass das stimmt. Wenngleich vielleicht nicht ganz so brutal und gnadenlos wie das in uns etabliert ist. Aus Gründen.
Aber alles geht weiter und wir müssen Schritt halten, wenn wir Schritt halten wollen.
Natürlich können wir uns auch dagegen entscheiden. Natürlich können wir uns treiben lassen, loslassen und zurück in das, was wir vor der Ausbildung hatten.
Das hatte aber keine Zukunft.

Gerade denke ich, dass wir die Ausbildung vielleicht auch nur deshalb unbedingt so dringend schaffen wollen.
Wegen der Bildungslüge mit Zukunftsversprechen zum Einen, ja – aber auch wegen des Effekts den dieses Bildungs- und Zukunftsstreben auf uns hat.

Das Leben mit Traumafolgestörungen und Traumafolgen an sich, ist für uns sehr lange eins gewesen, das nur dieses Verschwimmen von Früher und Jetzt hatte. Das war kein “weniger leben” oder so – aber es war begrenzt und damit auch irgendwie eher statisch inmitten dieses großen Stroms der Dinge, die sich immer ändern und immer entwickeln.

Jetzt ist da Früher und Jetzt und Morgen und Übermorgen und in ein paar Jahren und so viele “Wir könnten auch…” und “Vielleicht machen wir …” ’s mehr, als wir uns selbst in den Phasen, in denen wir wer weiß was für große Höhenflüge hatten, als realistisch machbar vorstellen konnten.

Vorstellungen und Hoffnungen sind wie Trockenschwimmübungen. Manchmal. Wenn man sie sich ganz konkret machen kann.
Ich glaube, unsere Ausbildung ist unser Trockenübungsraum. Irgendwie.

Vielleicht müssen wir uns die Frage auch grundsätzlich anders stellen.
Nicht “Bin ich schon erholt?”, sondern “Sind wir wenig genug angestrengt?” oder „Was strengt uns gerade alles an?“.

Auf diese Frage fällt mir nämlich viel mehr auf, welche Kraftfresser wir sinnigerweise entfernen sollten.
Vielleicht ist das ja ein guter Schritt.

normal ha ha

Wichtig ist, dass man diesen Basic-Kram ja immer machen kann. Gut essen, gut schlafen, sich gut versorgen und dann schauen, ob und wenn ja wie sich etwas verbessert.
Die Falle ist nämlich zu glauben, nur weil man “unnormale” Dinge erlebt hat und “unnormale” Lebensrealitäten daraus hervorgegangen sind, würden „normale“ Dinge nicht mehr reichen oder helfen.
Es wird erst kompliziert, wenn es sowohl hilft als auch nicht reicht.
Wenn aus A + B nichtgleich C wird, sondern ein anderes C. Ein “unnormales” C.

Ich war gestern um kurz nach 19 Uhr im Bett und schlief durch bis der Wecker um 7 klingelte. Als ich mich aufrichtete und der Schmerz meinen noch immer tief erschöpften Oberkörper zusammenpresste, wurde mir erst richtig bewusst, dass ich seit Freitag nicht geschlafen hatte.
Unsere Matratzensituation ist einfach ungut. Wir schlafen im Moment nicht gern, weil es Schmerzen macht zu schlafen.
Wir schlafen auch nicht gerne, weil es Erinnern macht zu schlafen. Weil es erinnerte Schmerzen macht zu schlafen.

Aber. Es waren fast 12 Stunden Schlaf und doch schaffte ich den Weg zur Schule nicht.
Ich hatte Schmerzen und einen detailreichen Artikel zu sexualisierter Gewalt an Kindern angelesen. Zonk – solche Fehler passieren mir eben doch auch noch manchmal. Die Schule ist anstrengend und ich schaffe es nachwievor nicht mich hineinfließen zu lassen. Da sind dissoziative Sollbruchstellen im Innen, gegen die ich ankämpfe. Da ist das Problem, dass die 90er ein Mode-Comeback erleben und der Anblick mancher meiner Mitlernenden mitunter ein Dauertrigger ist. Da ist mein Leistungsanspruch an mich und mein Kampf gegen die eigenen Grenzen.

Der Witz ist, dass A + B eben nie nur A + B ist.
A und B sind immer die Summe von etwas. Es reicht nicht, nur zu tun was A und B sind, um es zu einem “normalen” C werden zu lassen.
“Gut essen” und “gut schlafen” sind das Ergebnis von “gutes Lebensmittel” + “genug essen” und “gute Schlafmenge” + “gute Schlafumgebung”.
Ein normales C ist “gute Kompensationsfähigkeit”, während ein “unnormales” C mehr so etwas wie ein Bewusstsein ist. Ein Bewusstsein mit dem ich manches nicht wegkompensieren kann. Jedenfalls nicht bis zum “normalen Funktionieren” hin.

Jetzt steht hier so viel “normal”, dass ich fast schon wieder lachen muss. Weil mein Normal und meine Normierung ja nicht als normal gelten.
Was mir den letzten Stoß versetzt.
Zurück ins Bett. Wo ich doch wieder nur liegen und starren würde. Wie in den Nächten von Freitag bis Sonntag.

Vielleicht versuche ich doch noch irgendetwas zu tun, was mir die normale Tagesstruktur aufrecht erhält.

haha “normal”

hahaha

Übergabe

Wie wir gestern in einem Termin zur Fallübergabe saßen, war es anders als früher.
Natürlich gab es dieses verletzende Moment, in dem wir hören müssen, dass wir ein arbeitsintensiver Fall waren und wie selbstverständlich erscheint es uns, dass es keine Übergabe ist, die von uns ausgeht, sondern von äußeren Bedingungen.
Und doch.
Es ist anders.

Heute ist es kein freier Fall ins Nirgendwo mit einem harten Aufschlag in einer neuen und fremden Realität.
Heute ist es eine geordnete Sammlung unserer Angelegenheiten, die einem neuen gesetzlichen Betreuer übergeben wird.

Es ist als hätten wir uns gewandelt. Von einer Wolke frei umherflatternder Briefe und Dokumente unklaren Nutzens, zu einer in einem Regal stehenden Akte mit Anfang und Ende. Als könnte all das Chaos, die Unübersichtlichkeit unseres War und Ist erfassbar sein. Als könnte man damit umgehen. Als gäbe es eine Möglichkeit, mehr davor zu empfinden als Angst, Verwirrung, Überforderung und den Wunsch sich zu Tode zu prügeln, weil es ist, wie es ist.

Seit wir uns für die gesetzliche Vertretung entschieden haben, spüren wir mehr von der Abwertung und Stigmatisierung behinderter Menschen. Wir erfahren mehr Stellvertreterdenken und haben weniger Möglichkeiten uns dem Moment zu entziehen, in dem uns wahlweise Faulheit oder Bequemlichkeit, Verantwortungsübernahmeverweigerung oder naturgegebene Unfähigkeit zur Vernunft unterstellt wird.
Seit wir gesetzlich vertreten werden, ist der Preis für unsere Selbstbestimmung nicht mehr nur das Gefühl sich etwas anzueignen, das uns nicht zusteht, sondern auch noch Beschämung bis Verachtung.

Und doch.
Wir haben unsere Dokumente beisammen. Sie sind aktuell und gültig. Jemand ist verbindlich dazu verpflichtet mit und manchmal auch für uns darauf zu achten, dass das so bleibt. Wenn wir ein Recht auf etwas haben, dann haben wir jemanden, der verbindlich dazu verpflichtet ist, uns zu unterstützen und zu vertreten, damit wir es auch wirklich erhalten.

Unsere gesetzliche Betreuung kennt sich nicht aus mit DIS. Und wahrscheinlich auch nicht mit Autismus, organisierter Gewalt, Traumafolgen allgemein.
Für uns ist das nicht relevant. Wir raten anderen ähnlich oder gleich diagnostizierten Menschen auch nicht dazu, nach so einem Kompetenzprofil zu suchen.
Relevant ist strukturell abgesichert zu sein soweit es geht und in der eigenen Selbstbestimmung unterstützt bzw. dazu befähigt zu werden.
Für unsere Behandlung und Therapie sind andere Menschen zuständig.
Um mit uns als gesetzliche Vertretung angemessen umzugehen, braucht es die Fähigkeit zu achtsamer, respektvoller, offener und verbindlicher Grundhaltung uns gegenüber und die Bereitschaft relevante Aspekte zu berücksichtigen, wenn sie nötig sind.
Der neue Betreuer klingt nett.
Wir haben im letzten Jahr viel darüber gelernt, was es uns leichter macht, sich Behörden- und anderen bürokratischen Angelegenheiten zu widmen und Schwierigkeiten zu kommunizieren.
Es ist ein Neuanfang, bei dem es vielleicht mit weniger Anstrengung auf unserer Seite klappen kann.

Das ist neu.

Und es fühlt sich gut an.

Tag mit Macke

Es ist 6 Uhr 38 als ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, um zur Schule zu fahren. Unser Unterricht beginnt um 7 Uhr 30 und ich bin beschwingt es geschafft zu haben, in die perfekte Bahn steigen zu können. Sie ist fast leer, ich setze mich mit NakNak* auf “unseren” Platz, verstaue Ranzen und Sportbeutel unter mir.
Der Morgen lief glatt, der Tagesplan scheint einhaltbar.

Bis wir an der Umsteigehaltestelle aussteigen und sehen, dass die Bahnen in falscher Reihenfolge abgefahren sind. Wir müssen 10 Minuten warten, bis wir erfahren, dass unsere nächste Bahn 20 Minuten verspätet ist.

Der Bahnsteig wird voller. Jetzt strömen die Schulkinder durch die Halle, von zweien kann ich die in NakNak*s Richtung schießenden Hände umlenken, ein drittes spreche ich bereits an, als es uns viel zu nah kommt.

Ich könnte heulen, weil mir der ganze Tag durch die Finger rinnt und ich nichts tun kann, als auszuhalten. In der Schule zu fehlen, macht mir Stress – völlig egal, wie ich die Gründe dafür bewerte. Es stresst mich, weil es Mehrarbeit bedeutet. Weil ich nicht unzuverlässig sein will. Weil mich interessiert, was wir da machen und wissen will, was wir dort zu wissen erfahren dürfen. Weil es einfach der Plan in der Woche ist, zur Schule zu gehen.
Es ärgert mich, wie schlecht der Bahnbetreiber auf solche Fälle zu reagieren in der Lage ist. Ich ärgere mich darüber, wie ich wegen NakNak*s Unterstützung von weitem angeguckt werde, während ich so einen Druck erlebe und in getriggerte Gefühle rutsche.

Als ich trotz der Ohrstöpsel alles noch lauter wahrzunehmen beginne, raffe ich meine Sachen und wechsle das Gleis. Steige in die Bahn zurück nach Hause.
Komme in der Wohnung an und zerfalle zu einem Bündel Krampf und Tränen, als die Tür hinter mir zu ist.
Und merke wie groß der Hass für mich selbst in diesem Moment ist.

Weil es doch nur so eine kleine Macke im Tag ist. Weil ich mich doch an x vielen anderen Tagen erfolgreich durch solche Situationen kämpfen konnte. Weil ich nicht verstehe, wie mir solche Ereignisse so einfach den Boden unter den Füßen wegreißen können und mich in einem Zustand zurück lassen, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mich als “Ich”, geschweige denn als ein Wesen mit “Selbst” zu erleben.
Es erschreckt mich so tief und unerwartet – obwohl ich es fast jeden Tag erlebe.
Obwohl ich weiß, dass es Gründe mit Wörtern dafür gibt, die in sich erklären, warum es an manchen Tagen kein Problem ist und an manchen jedoch sehr stark.

In unserem Umfeld ist niemand, di_er uns sagt, dass wir irgendwas schaffen müssen oder sollen.
Immer wieder sagen uns Menschen, dass wir uns mit oder wegen der Schule keinen Stress machen sollen und manchmal erlebe ich mich dabei gekränkt. Denn ich will schon auch jemand sein, an die_n man Erwartungen richtet, wie an alle anderen Menschen auch.
Ich will nicht, dass man davor kapituliert dysfunktionale Strukturen (wie zum Beispiel ein all morgendlich wackeliges Verkehrskonzept) zu verändern oder sich verkneift mir zu sagen, welche Teile meiner Strukturen ich zu verändern mal überlegen sollte, weil man sich von vorherein überlegt, keine Erwartungen zu haben.

Mein Schulbesuch ist nicht so etwas wie dieses Blog hier oder das Podcast oder das Nachwachshaus, wo wir enorm viel Zeit, Kraft und Arbeit investieren, weil wir das um das Projekt selbst willen gerne möchten. Es ist etwas, was durchzuziehen sehr schwer wird, wenn man von allen Seiten den Eindruck bekommt, dass es seltsam pseudoirrelevanter Quatsch ist, den wir wider besseren Wissens so angefangen haben, wie wir ihn angefangen haben.

Jedes Mal, wenn uns – und ja tut mir leid, vielleicht ist die Trennung jetzt blöd – nicht autistische/behinderte/traumatisierte Menschen sagen, ihre Ausbildung/ihr Alltag/ihr Leben sei ja auch nicht einfach, aber wir hätten uns ja dazu entschieden das jetzt zu machen, sagen uns damit gleichzeitig auch: “Dann mach es doch einfach nicht. Mach dir keinen Stress, lass es einfach bleiben. (Ist doch sowieso Quatsch – du kannst das doch schon alles.)”.
und lassen uns mit einem Gefühl zurück, das wir niemandem wünschen.

Wenig von dem, was uns im Moment begegnet ist etwas, womit wir rechnen konnten.
Wir sind zuletzt in Zeiten zur Schule gegangen, in denen wir weder Hunger noch Durst, noch Schlafbedürfnisse kannten. Wir saßen teils massiv verletzt in Klassenzimmern und kompensierten dabei eine Behinderung von der wir nicht einmal wussten, dass es eine ist.

Wir kennen die Welt außerhalb von Hartz 4 und der entsprechenden Isolation nur in diesem Modus und sind jetzt nicht nur in der Situation etwas Neues zu erleben und neue Dinge zu lernen. Wir selbst sind anders und neu für uns in dieser Situation und erleben es im Moment oft so, dass unser Außen es nicht schafft, diesen Komplex aus mehreren Ebenen der Unsicherheiten gepaart mit dem überall passierenden Ableismus und unserem Komplex in uns selbst zu erfassen und zu sehen.

Das heißt nicht, dass wir uns in unserer Belastung ungesehen fühlen oder, dass wir finden, alle müssten viel mehr für uns da sein – es heißt einfach nur, dass wir uns allein mit einer komplexen Situation erleben, die wir weder so mitteilen können, wie sie in allen Einzelheiten für uns ist, noch für uns selbst in irgendeiner Form sortieren und verarbeiten können.
Das ist nicht damit lösbar, dass uns unsere Leute flauschen oder sagen, dass sie uns verstehen. Vielleicht macht genau der Umstand, dass unsere Leute das tun, es sogar noch schlimmer, weil Flausch und Verständnis nicht sind, was wir brauchen, um uns mutiger, kräftiger, selbst_sicherer vor dem Er_Leben fühlen, das uns begegnet und in uns wirkt.

Es ist 8 Uhr 30, als ich mit einer Tasse Tee am Fenster stehe und darüber nachdenke, was wir heute noch schaffen können.
Ich setze mich hin, fange an zu schreiben und merke, wie dieser Tag mit Macke von Wort zu Wort zu einem anderen Tag wird.

Zu einem Tag mit Macke, an dem wir eine Freundin besuchen, in die Bücherei gehen und das Wochenende am Nachmittag beginnen lassen.

Fundstücke #36

Immer wieder mal kommen solche Phasen, in denen “Alpträume”, Flashbacks, allgemein intrusives Erleben ein Thema sind.
In diesen Phasen schlafen wir schlecht, wachen aus einer Mischung aus unterschiedlich quälenden Erlebensqualitäten auf, müssen über den Tag verteilt , etwas halten oder umgehen, das zeitver.rückt ist.

Wir wissen, dass es Phasen sind. Wir wissen, dass es auch wieder aufhört.
Es geht schneller, wenn wir darüber sprechen. Es tut mehr weh, wenn wir darüber sprechen. Und dann geht es doch nicht schnell genug, weil das, was man darüber sagen kann, meist doch nur ein aus der Kehle gequetschter Laut ist, der sich echter anfühlt, als jedes Wort, das man aus ihm zu formen versucht.

Wenn wir uns vornehmen, in der Therapie darüber zu sprechen, dann erscheint mir immer alles ganz klar.
Hingehen, was sagen, wieder weggehen.
Und dann sind wir da und es ist, als gäbe es nichts zu sagen. Oder lauter Dinge, die eigentlich nichts sind. Oder Dinge, die man lieber zeigen will, statt sie mit dem eigenen Blick anzufassen und über die Zunge im eigenen Mund nach draußen zu tragen.

Und dann ist da das Problem, dass wir (Rosenblätter) das Erinnerte häufig nicht mit einem Kontext verknüpfen können.

Wir haben uns das immer so leicht vorgestellt. Damals.
Man erinnert sich an etwas – kann das vielleicht sogar planen oder so hübsch in Phasen aufteilen, wie es die kranke Kasse oder Klinikkonzepte mitunter darstellen – und dann ist es bewusst und dann schaut man, dass man das irgendwie gut in sich verpackt bekommt und fertig aus.
Dann ist die Dissoziation in Assoziation umgewandelt und damit der erste Schritt zum Integrationsprozess angestoßen. Den Rest macht das Gehirn von allein – wir sind nur noch dazu da, es dabei möglichst nicht zu stören, sondern mit passendem Verhalten zu unterstützen.

Tatsächlich bin ich seit inzwischen Monaten in so einer Phase des spontan unwillkürlichen Erinnerns und habe erst in der letzten Therapiestunde den Faden zur Frage gefunden, welche Haltung ich, zu dem was ich erinnere, überhaupt einnehmen will.
Das Paradoxe ist ja, dass ich weiß, dass es irgendwie mit mir zu tun hat, denn ich erinnere es. Ich könnte nichts erinnern, wäre nichts von mir dabei gewesen.
Ich weiß aber nicht, was genau, wie, wo, durch wen, warum. Und stoße deshalb immer wieder an den Zweifel, ob es überhaupt Erinnern ist, was da mit mir passiert.

Es könnte ja auch ein einfacher Alptraum sein. Zu viele komische Bücher, zu viele komische Blogs gelesen, zu viele komische Filme gesehen. Zu viele verdrängte komische Phantasien. Sowas gibts – das steht in Büchern, in Blogs, in Filmen und ich kanns mir gut vorstellen.

Ich schaffe es inzwischen, nicht mehr stundenlang implodiert bis ins Kleinste im Bett zu liegen und die in mir wirkenden Empfindungen zu durchleiden, ohne mich davor schützen zu können.
Ich schaffe es, mich aufzurichten, das Licht anzumachen, NakNak* zu streicheln, aus dem Bett zu klettern und mich ans Küchenfenster zu setzen. Ich spiele Candy Crush und sage mir, was ich tun kann. Was alles geht. Was ich alles entscheiden kann.
Ich lüge mich an und spiele mir selbst eine Souveränität im Leben dieses Lebens vor, die ich nicht habe. Die Zettelberglandschaft auf meinem Küchentisch, die sich aus Kassenzetteln, Jobcenter-, Betreuungs- und anderen wichtigen Korrespondenzen zusammensetzt, zeigt mir das gnadenlos auf.

Irgendwann gehe ich zurück ins Bett und zwinge mich mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Auch wenn das bedeutet am Ende nur 2-3-4-5 Stunden Schlaf zur Erholung gehabt zu haben. Die Tagesstunden werden schließlich gebraucht, um wenigstens zu versuchen dem Selbstbeschiss zu entsprechen.

Meine Selbstfürsorge basiert auf Beschiss und ich weiß das.
Ich lüge, wenn ich nach innen gebe, dass ich mich darum kümmere, dass wir in Sicherheit sind. Ich lüge, wenn ich nach inne gebe, dass wir sicher sind.
Niemand ist sicher, wenn si_er sich nicht vor sich selbst beschützen kann. Wo “Ich” so ein wackeliger Begriff ist, wo “Sicherheit” so relativ anzusetzen ist, wo die Fähig- und Fertigkeiten sich kompetent kümmern zu können, so unsicher abrufbar sind – da geht es nicht ohne Lug und Betrug.

Vorgestern gab es eine weitere Spitze um unsere Lebensverwaltung. Da ging es um Bafög und ergänzende Hartz 4 – Leistungen und uns, die sich zwischen angesägten Leimholzplatten, Vierkanthölzern und Sägespanschnee befanden.
Inzwischen ist klar, dass die Betreuerin erneut eine für unseren Fall unzutreffende Informationsbasis erstellt hat, die wir berichtigen müssen, um strukturell den Status zu halten, den wir haben. Es ist wie immer und wie immer ist es zu viel.
Und wie immer, wenn ich unsere Absprachen um Selbstschädigung berührt sehe, rief ich unsere Therapeutin an. Wie immer überrumpelte ich sie damit und erneut kam es darüber zu Missverständnissen und Verletzungen.

Ich merkte, wie sehr es mich zum Bahnhof zog. Wie weit weg jemand von uns wollte, um nie wieder zurück zu kommen. Um irgendwo anzukommen, wo es all das nicht mehr gibt. Weder meine Überforderung, noch meinen Selbst.Beschiss für den sie sich lohnen soll.

Am nächsten Tag entschuldigte ich mich bei der Therapeutin dafür, dass ich sie überrumpelt hatte. Mehr für mich als für sie, denn für mich war klar, dass sie mich nicht verletzt hätte, wäre sie nicht so spontan mit meiner unserer Not konfrontiert gewesen. Für mich wurde nur einmal mehr klar, dass sie nicht diejenige ist mit der ich sprechen kann, wenn es mir so geht, wie es mir ging.

Wann immer unsere Lebensverwaltung der Auslöser ist, sprechen die Menschen mit uns über eben jene Lebensverwaltung. Wir reden nicht darüber, dass wir nicht weglaufen müssen. Ich werde nicht von außen daran erinnert, atmen zu können, Dinge zu dürfen, sicher zu sein. Für mich setzt sich niemand ans Küchenfenster, zeigt mir bunte Farben und den Selbstzweck des Lebens.
Ich erwarte das von niemandem und fordere das auch nicht ein. Ich kann mir selbst machen, nicht den Kopf zu verlieren – aber das kostet Zeit, Kraft und nicht zuletzt auch Körper. Was wiederum bedeutet, das von mir immer weniger zu verlangen ist, denn mehr als ich habe, kann ich nicht geben.

Ich hatte die Therapeutin aufgefordert mir aufzuzählen, wozu wir das hier alles durchkämpfen. Wozu das alles sein soll.
Nicht, weil ich das nicht weiß oder, weil wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht haben, sondern weil es mir fern, klein, unbedeutend und wahrhaftig gelogen erschien. Und noch immer erscheint.

Denn ich habe nie entschieden vor der Familie* wegzulaufen. Ich habe mich nie gegen die Lebensqualität entschieden, aus der heraus ich entstanden bin.
Ich, K., das monströse Kampfrosenblatt, hatte nie eine Familie. Ich weiß, wie meine Eltern aussehen, weil ich eine Hand voll Fotos aus den 80er und 90er Jahren besitze, die meine Familie* zeigen. Ich weiß, dass ich zur Schule gegangen bin, weil ich Zeugnisse besitze. Ich weiß, dass es mich gibt, weil es Entitäten gibt, die darüber bestimmen, was mit mir passiert, seit ich mich als mich denken kann.
Ich beginne zu einem Zeitpunkt, in dem übergriffige und/oder inkompetente Helfer_innen die zentrale Achse des Alltagsgeschäfts sind. Ich beginne aktiv dort, wo es nicht mehr möglich ist, wegzugehen, weil es nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte. Außer die ewigen Jagdgründe.

Ich habe mich immer dafür entschieden nicht einzuknicken. Ich bin nie hingefallen, hab nie nachgegeben, hab nie aufgehört festzuhalten. Nie.
Obwohl ich bis heute nicht weiß, warum. Meine Grundhaltung für dieses Leben und mein Wirken dafür, hat keinen bewusst ursächlichen Kontext für mich. Ich weiß, dass es wichtig für uns alle ist, dass ich tue, was ich tue. Ich weiß, dass es uns das Leben gerettet hat und bis heute tut.
Doch der Ursprung dafür liegt an einem Punkt, den ich nicht begründen kann. Weder mir, noch anderen Menschen.

Ich weiß nicht, wie klar es für Außenstehende wird, wie bedrohlich und kontextlos, unverbunden und haltlos ich mich in der Folge fühle, wenn mir dann in solchen Momenten auch noch der für mich in die Zukunft gerichtete Grund fehlt. Wie das ist, wenn man weder weiß warum man ist, noch, weshalb man bleibt.
Bleiben will.

Unsere Therapeutin sagt an der Stelle oft, ich würde mich dagegen wehren, die Opferschaft anderer Innens als meine anzuerkennen. Weil Opfer ja schwach seien und das nicht mit meiner Stärke  zu vereinbaren sei.
Dass sie diejenige ist, die mich in dem Zusammenhang als stark bezeichnet, habe ich ihr schon oft gesagt.
Sie folgt dem Ansatz, der der Idee folgt, dass der Grund zu bleiben und für mich und uns weiterzukämpfen, quasi automatisch bewusst wird, wenn mir nur klar ist, wogegen man sich entschieden hat. Wovor man geflüchtet ist.

In meinem Fall ist das leider nicht anwendbar und auch das habe ich schon oft gesagt.
Ich treffe meine Entscheidung selten bis nie negativistisch. Also, dass ich mich für Dinge entscheide, weil ich gegen andere Dinge bin. Ich entscheide mich für Dinge, weil ich diese Dinge möchte. Mehr ist da nicht und mehr war da auch nie. Mehr brauche ich in der Regel auch nicht.

Ich muss nicht selbst erfahren haben, wie es ist Gewalt zu erleben, um anzuerkennen, dass jemand sie nicht (mehr) erfahren möchte.
Für mich hat die Familie* noch nie eine größere Rolle gespielt als die, ein nervenaufreibend zu kompensierender Nullpunkt in unserer Lebensverwaltung und –perspektive zu sein.
Eine Waise zu sein, deren Eltern noch leben, ist ein struktureller Gau, wenn man behindert ist. Dennoch habe ich nie den Wunsch gehabt, doch bitte deshalb keine Waise mehr zu sein oder ein besseres/anderes Verhältnis zu ihnen zu haben – sondern den Wunsch leichter bestehende Behinderungen kompensieren zu können, arbeiten zu können, mich und uns selbstbestimmt versorgen zu können.

Am Ende geht es mir in meinem Wirken immer nur darum, das “nicht aufgeben”, “nicht hinfallen”, “nicht loslassen”, “nicht nachgeben” weniger schwer für mich zu machen.

Ich bin egoistisch damit und ich weiß, dass ich Glück damit habe, dass genau das mein Anteil an diesem Inneren der H. C. Rosenblatt ist.
Es gibt andere Innens, deren Wirken besteht in der Zerstörung des Körpers, unserer Bindungen und Werte – deren Wirken wird weitaus stärker sanktioniert als meins. Die dürfen ihren Egoismus nicht im Ansatz so ausleben wie ich und manchmal tut mir das leid für sie.
Sie würden viel besser in solche Argumentationslogiken der Therapeutin passen und könnten sich viel besser auseinandersetzen mit den Themen “Abwertung von Schwäche bzw. Opferschaft” oder “die Familie* bevorzugen, weil hier gerade so viel überfordernder Scheiß läuft”.

Stattdessen höre ich mir das an, frage mich, ob ich in den letzten Jahren nicht schon oft genug gesagt habe, dass das für mich nicht passt, beantworte mir die Frage mit: “Ja, offensichtlich nicht, sonst würde sie ja nicht schon wieder damit ankommen” und falle in ein Loch, denn plötzlich fühle ich mich ihr fern, fremd und unverbunden. Als hätten wir niemals etwas miteinander geteilt oder wären je verbunden gewesen.
Dann warte ich eine Weile, stoße meine Gedanken wie Bergsteigerpickel in den wabbelweichen Haufen aus allen mit ihr gemachten Erfahrungen und schlage mein Zelt auf einer Schicht Fatalismus auf. Ich erzähle mir, wie ich jederzeit aufhören kann, mit ihr zu arbeiten. Wie ich jederzeit aufgeben könnte, wenn ich nur wollte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann und nie konnte.

Wieder lüge ich mich an und wieder merke ich, dass es das Beste für uns alle ist, das zu tun.

Ich habe der Therapeutin gesagt, was ich sagen konnte und beendete das Gespräch mit der Gewissheit, dass mein Erinnern nutzlos ist, weil es ohne Kontext ist.
Die Therapiearbeit braucht diesen Kontext. Ich kann ihn nicht liefern.

Ich gehöre zu einem anderen Ende dieses Lebens und dieses Ende gehört im Moment nicht zur Therapie.
An meinem Ende passiert nur eine Phase.

Phasen sind irgendwann auch wieder vorbei.
Man muss sie nur durch.stehen.

Prozesskosmen

“Du hörst Musik?”, fragte eine Person, die mit uns in der Klasse ist und schaute mich an.
“Ich geh sogar jeden Tag aufs Klo!”, antwortete ich und hoffte mir über ihre Reaktion erschließen zu können, ob sie überrascht, verwundert, verwirrt, verunsichert oder sich doch allein auf den Umstand, dass ich Musik höre, bezogen war.
Sie und ein paar andere Umstehende lachten und sie erklärte, dass sie sich das einfach nur gefragt hatte, “wegen der Lautstärke”.

Mir ist später aufgefallen, dass wir in einer schwierigen Lage sind, wenn wir erklären wollen, was für uns an Geräuschen schwierig ist. Allgemein ist es schwierig nicht einfach so differenziert darüber reden zu können, wie wir das jetzt aufschreiben werden.

Offenbar hat sich die Idee eingeschlichen, es ginge bei “unserer Geräuschempfindlichkeit” um Lautstärke allein.
Das tut es aber nicht. Es geht um “viel”, das für uns schneller als für viele andere Menschen “zu viel” wird.
Wir hören gern Musik ohne Gesang – stundenlang, auch volle Wumme laut – das Gleiche funktioniert aber nicht mit Songs, in denen gesungen wird. Wir hören sie gern, könnten aber Konzerte mit Mitsingen und Personenkult drum rum nicht durchhalten. Disco kriegen wir auch hin – wissen aber auch, dass wir danach tagelang Ruhe brauchen, weil es uns schlaucht wie ein Triathlon.

Deshalb sind die Ohrenstöpsel, die wir uns am Montag gekauft haben, wieder nur eine Entlastung – kein Lösungsmittel.
Wir kommen auch nicht gut damit zurecht, gar nichts oder nur extrem gedämpft zu hören – da grätschen uns die Traumafolgen rein. Das ist der Verlust eines Sinnes und damit ein Stressfaktor, der unsere Bereitschaft in den Hyperarousel zu kippen, erhöht.
Die Ohrenstöpsel von Alpine sind deshalb so gut für uns, weil sie bestimmte Frequenzen filtern und uns damit von Geräuschen entlasten, deren konkreter Nutzen für uns derzeit nicht gegeben ist. Sie funktionieren wie kleine mechanische Filter, die andere Menschen im Gehirn haben und lassen uns deshalb weniger von dem auditiven “viel” bewusst wahrnehmen.

Wir hören üblicherweise nichts, was andere Menschen nicht auch hören. Wir hören es nur leider immer. Und immer. Und immer. Alles. Gleichzeitig.
Wenn es etwas gibt, um das ich andere Menschen beneide, dann ist es ihre Möglichkeit die multiplen Gleichzeitigkeiten des Jetzt nicht immer als solche bewusst zu haben. Es ist die Entscheidungsmöglichkeit. Das Moment, in dem sie sich darauf konzentrieren können, etwas zu entdecken, dass sie schon immer umgibt.

Neulich ging ich mit meiner Klassenlehrerin durch einen Flur der Schule, den ich sehr mag, weil sich an seiner Decke die Wasseroberflächenbewegungen des im Schulgebäudehof liegenden Teiches reflektieren. Ich sagte ihr, wie schön ich es finde und zeigte ihr, auf ihre Frage, was ich meine, die Bewegungen einen Meter über ihrem Kopf. “Ist mir noch nie aufgefallen.”, sagte sie und freute sich.
Ich freute mich über ihre Freude und verging gleichzeitig in einem Neid aus meiner Idee von ihrem Leben und Sein in einer Welt, in der so viel weniger Dinge für sie geschehen und nach ihrer Aufmerksamkeit zu greifen zu versuchen.

Für mich ist es nicht wie in einem Film, in dem ich einen Raum betrete und zack sind alle Details für mich “einfach da”. (Und nein – wir wurden auch nicht darauf trainiert viele (alle) Details in Räumen wahrzunehmen, weil wir als ein multipler Supersoldat gezüchtet wurden. Just sayin. Mit Blick auf diverse Multimythen, die versuchen Autismus mitzu”erklären”.)
Wir gehen in einen Raum und haben Angst, dass er uns weh tut mit irgendeinem Ding, das niemand sonst zu bemerken scheint.
Ein erheblicher Teil dessen, was in uns vorgeht, wenn wir uns in Räumen aufhalten, hat mit der Selbstpositionierung zu den Kosmen um uns herum zu tun. Wo stoßen wir an? Wo schlagen wir Schatten? Wo verdeckt das Ticken einer Leuchtstoffröhre, das Glucksen im Heizkörper, das mir so gut gefällt? Was macht es, dass wir sind, wo wir sind? Und so viel mehr.
Und dann kommen Menschen dazu und verhalten sich rücksichtlos in Bezug auf all das.
Es ist so viel da und doch sprechen sie nur uns an.

Für uns ist das ein Element aus Gewaltsituationen früher und gleichzeitig auch immer wieder ein Moment gestört zu werden.
Wir sehen uns als Gast, als Zuschauende_r, als Besucher_in wo wir gehen und stehen. Wir wissen, dass wir niemals eins sein können mit dem, was wir wo auch immer vorfinden – aber wir nehmen immer Anteil an den Prozessen, die passieren und werden in manchen Aspekten zum Teil davon. Wir werden vereinnahmt, sind beschäftigt, sind berührt von dem, was passiert, weil wir da sind.
Sich dem “einfach nicht zu widmen”, erscheint mir unmöglich und im Anspruch bigott, rücksichtslos, ignorant und manchmal auch einfach nur unverständlich.

Gleichzeitig kann ich aber natürlich anerkennen, dass Wahrnehmung eben unterschiedlich passiert. Dass Wahrnehmung und Rezeption, Erfassen und Begreifen, Verbindung und Kontakt bei und in jedem Menschen jeweils unterschiedlich passieren.
Bei uns passiert es so, dass wir Umgebungsprozesse wahrnehmen und zur Erfahrung es Ist zugehörig erleben, während andere Menschen einen grundsätzlich anderen Fokus haben. Für sie kommt es nicht in Frage einen Menschen in einem Raum als irrelevanteren Prozess einzustufen, als seinen Schattenschlag auf dem Muster des Bodens in Korrelation zum Geräusch seiner Schuhsohlen auf eben jenem – für sie kommt aber in Frage sich dem zu widmen, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Für sie gibt es die Wahl sich dem zu widmen.

Für uns gibt es die Wahl sich stören oder ablenken zu lassen. Oder eben die, die wir schon seit immer leben: die dritte Instanz zu sein zwischen dem nichtmenschlichen Prozesskosmos und dem menschlichen Prozesskosmos und zu versuchen sich zwischen Verbindung und Kontakt zu entscheiden.

Zum Beispiel zu versuchen in Verbindung mit dem menschlichen Prozesskosmos “Klassenlehrerin” zu gehen und ihr zu ermöglichen, Kontakt zu einem von mir wahrgenommenen Prozess aus dem nichtmenschlichen Prozesskosmos (die Bewegungen an der Decke) zu erfahren –  mit dem Ziel ihr zu sagen, was in mir passiert (welcher Prozess in mir passiert) während ich in Verbindung mit diesem Prozess bin.
Wir haben nicht die Wahl uns zwischen beiden zu entscheiden. Der Blick geht immer auf alles gleichzeitig und die einzige Wahl, die wir haben, ist die uns Optionen zu suchen, weniger stark darunter zu leiden.

Auf der einen Seite, dass wir uns manche auditiv wahrnehmbare Prozesse ausfiltern lassen. Dass wir Dinge und Räume meiden, die uns gleich viel oder mehr mit.teilen als Menschen, wenn wir mit Menschen zu tun haben.
Auf der anderen Seite, dass wir aber gegenüber den Menschen mit denen wir uns Verbindungen wünschen, beweglicher und transparenter werden – etwa in dem wir mit.teilen, was wir wann wie wo wahrnehmen, erfassen und womit wir uns gleichzeitig mit ihnen in Verbindung stehend empfinden.

Obwohl es für sie vielleicht nicht so erfassbar und begreifbar ist. Oder relevant. Oder gleichermaßen anziehend.
Und auch obwohl wir immer wieder gelernt haben und bis heute immer wieder als Lektion erfahren, dass das, was für uns von Bedeutung und Relevanz für das Ist als Prozess des Jetzt ist, für “alle anderen™” absolut irrelevant ist.
Nicht weil “alle anderen™” das so wollen oder so entscheiden – sondern, weil es für sie eine Frage des Wissen/Erfahren/* wollen sein muss, bevor sie es so wahrzunehmen versuchen können, wie wir. Und damit am Ende sogar scheitern könnten.
Weil wir jeweils anders sind.

Weil wir jeweils unterschiedliche Prozesskosmen sind.

diese Tage, an denen man fürs Leben lernt

Es gibt Tage und es gibt Tage. Und “diese Tage”.

An “diesen Tagen” wartet man schon seit einer Ewigkeit darauf, dass die Menstruation jetzt endlich einsetzt, damit sich das schäbige Allgemeinbefinden endlich verändert. Man hält  beim Duschen die Luft an, weil die vielen kleinen Wasserstrahlen auf der Haut so exorbitant mehr weh tun als sonst. Man heult das erste Mal, wenn man sich daran erinnert, dass die alltime-favorite-Bekleidung aus Rock und Strumpfhose nachwievor unmöglich ist und schluckt das zweite Geheul herunter, als einem auf dem Weg zur Straßenbahn der Grünflächenpflege-Rasenmäher-Horrorschwadron entgegen kommt.
Man quetscht sich Small Talk aus dem Wörterpansen direkt hinter den Rachenmandeln, um der Person, die eine_n freundlich anquatscht, ebenso freundlich zu begegnen.
Und man weiß, dass ab jetzt absolut nichts mehr passieren darf, weil sonst das gesamte Kartenhaus des Hier und Jetzt in sich zusammenkracht.

Murphys Law sei Dank, passieren aber natürlich Dinge.
In der Schule riecht es heute nach Waffeln, wir warten lange auf den Lehrer und stehen in der Einflugschneise des Kellerganges. Hunderte Schüler schlurfstöckelschlappen an uns vorbei und niemand von ihnen versucht, wenigstens eine der zwei Türen nicht in den Rahmen knallen zu lassen.
Meine Mitschüler_innen schaffen es zu reden, zu lachen, ein bisschen dösend zu warten. Ich bin froh NakNak* unter meinen Finger zu spüren und so zu wissen, wie groß ich tatsächlich bin. In meinem Gefühl gibt es meinen Körper nicht mehr. In meinem Gefühl, bin ich ein Wesen ohne Haut über den bloßen Nervenenden.
In mir drin schreit ein Kleinkind in Todesangst.
Ich merke, wie die Ankunft des Lehrers für mich zu etwas wird, das mich retten soll. Alles aufhören lassen soll. Wie ich das Warten mit jeder Minute mehr nur deshalb durchhalte, weil ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass dann alles gut werden würde.

Es ist eine bittere Enttäuschung, als er dann da ist und doch nicht genau das passiert.
Es wird erschreckend und schlimmschlimmschlimm als wir, wie er auch, anerkennen müssen, dass auch heute unser Unterricht nicht wie geplant passieren kann, weil die Internetverbindung in der Schule gestört ist.
Für mich verschwindet die Schule als Struktur. Als greifbares Element, dass mich halten kann. Aushalten kann. Mich und den Puls, der über mein Sein hinwegrauscht, wie ein Wasserfall.

An “diesen Tagen” nähere ich mich einer Verständnisebene für das Leiden in unserem Leben und einer Idee von dem Leiden, mit dem wir früher unser Leben gestaltet haben werden.

Wir haben Unterricht im Rechnerraum. Dort stehen etwa 25 PC’s mit Knubbeltastatur und Hartplastikmäusen. Von der Decke leuchten ca. 12 Leuchtstoffröhren auf die LCD-Bildschirme und den Tafelersatzbeamer. Es rauscht vom Boden nach oben, tickt asynchron von der gesamten Decke nach unten. Dazwischen zucken die Mausklicks und versuchen sich durch das dichte Murmeln aus den Menschenmündern zu bewegen. Drehstühle knacken. Kleidung raschelt. NakNak* kratzt sich. Auf meiner Haut wird es feucht und kalt.
Das Unterrichtsthema interessiert mich. Ich würde mich gern mit einem Buch darüber in meine Flauschhöhle verkriechen und mich damit befassen. Aber ich sitze hier und versuche mich damit zu trösten, dass ich das ja nur 90 Minuten aushalten muss und dann nochmal was Interessantes für 90 Minuten erfahre und wir uns dann überlegen können, ob wir uns ein Buch über dieses Thema besorgen.

Ich spüre, wie der Schwan etwas aus meinem Träumen vom Lesen in der Flauschhöhle nimmt, um das Kleine einzuwickeln und wie ein Teil meiner Kraft an seine Stelle verschoben wird.
Die Störung kann nicht behoben werden und wir sitzen in einem zunehmend weißer werdendem Rauschen. Ich kann nicht mehr denken. Meine Gedanken sind die Geräusche um mich herum und ein mehr und mehr nach mir greifender Gefühlsstrudel. Ich gehe raus. Ertrage Schüler um Schüler, der durch den Flur an uns vorbei läuft, anguckt und dann durch die Tür geht, um sie hinter sich zuknallen zu lassen.
Ich gehe rein, packe meine Sachen, melde mich beim Lehrer ab.

Ich fühle mich verrückt und habe Angst davor, vielleicht, ohne es zu merken bereits eine Grenze überschritten zu haben, die eingehalten werden muss, um einen Ausbruch chaotischen Seins zu verhindern.
Jemand schreit mich an “Warte nur bist du zu Hause bist!” und ich denke zum x-ten Mal in den letzten Monaten, wie schön das wäre, kämen wir nach Hause und würden von jemandem erwartet. Ich kommentiere so ausführlich, wie ich es noch schaffe, was ich tue. In welcher Stadt ich gerade in die Straßenbahn steige, in welche Linie und von wo bis wo sie fährt und alles, was ich aus dem Fenster erkennen kann.

Wir fahren an dem Wohnort einer Gemögten vorbei, am Arbeitsort des Begleitermenschen, an der Praxis der Therapeutin, an dem Wohnort einer Freundin und ich halte mich daran fest, wie uns jede_r Einzelne_r dieser Menschen sagen würde, dass es okay ist zu gehen, wenn es nicht mehr geht, oder nötig ist, um schwerwiegendere Probleme zu vermeiden.
Merke, dass es etwas macht, daran zu denken.

Ich steige aus der Bahn und fühle mich schwindelig. Es ist warm und der Zug von NakNak*s Leine wabert im Grenzbereich eines Schmerzempfindens.
Mein Trinkwasser ist fast leer und beinahe rutsche ich schon wieder in meinen Ärger darüber, ständig irgendwas irgendwie zu brauchen. Doch dann ärgere ich mich über meinen Ärger.
Weil die Energie gerade sowieso da ist und es mir leichter fällt aus einem Ärger über mich heraus, etwas zu verändern.

Vielleicht drehe ich deshalb um und laufe in die Stadt.
In ein Fachgeschäft für gutes Hören.

Ich trete in den Laden wie ein Cowboy in den Salon und ziehe meine ganze Kraft aus dem Boden unter mir.
Die Person sagt, man müsse immer erst mal beim HNO prüfen lassen, ob mit den Ohren alles in Ordnung sei und ich bekomme von hinten rechts die Bilder von Ärzten mit Stirnspiegel, die unfassbar schmerzhaftes Licht in Ohren bündeln; der Mutterfrau, die sich über das Kind, das nicht normal auf Ansprache reagiert bekla.sor.gt, die fingerdicken Tabletten, die es zu jedem Ohrenschmerz gab…
Mich für diese Erinnerung bedankend drehe ich mich aus den Bildern heraus und antworte: “Das Problem sind nicht meine Ohren.” und strahle sie an. “Das Problem ist mein autistisches Gehirn!”.

Die Person nickt und sagt, sie verstünde das Problem. Dann greift sie nach einem Katalog und zeigt uns verschiedene Ohrstöpsel und Gehörschutzkopfhörer.
Hinter mir steht ein murmelndes Innenhäufchen und schwankt zwischen der Aufnahme der Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten und Materialien und Fassungslosigkeit darüber, wie nicht schlimm war, dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe.

Wir kaufen ein Paar “PartyPlug” von Alpine und lassen uns zeigen, wie man sie einsetzt, entfernt und reinigt. Als wir den Laden verlassen, fühlt es sich an, als hätten wir eine Unterrichtsstunde gehabt. Vielleicht in “Mut zur Selbstfürsorge lohnt” und “Mut zur Offenheit lohnt” und “Es ist okay”.
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Einen Tag später tragen wir die Ohrenstöpsel mit Schulbeginn.
5 Zeitstunden später, hatten wir noch keine Angstmomente, kein Gefühl der unaushaltbaren Überreizung und kamen zu Hause mit genug Kraft für einen Blogartikel an.
Sie jucken ein bisschen in den Ohren, aber nicht durchgehend. Sie sind weich und damit gut tragbar für uns– absolut kein Vergleich zu den Oropax, die wir früher schon ausprobiert haben.

Es ist eine Erfahrung, die Mut macht.
Mut zur Hoffnung, dass es vielleicht doch gar nicht so schwer schaffbar ist.

Dieses Dings und alles.

 

P.S. : Kostenpunkt für die Ohrstöpsel: 13,10€
Es ist möglich diesen Gehörschutz individuell an den Gehörgang angepasst zu bekommen
– das kostet ca. 125€.
Es gibt sie auch noch für andere Frequenzbereiche.

Schmerzempfinden

“Bist du irre?!”, fragte mich die Bekloppte, die sich ins Auto geschwungen hatte, nur um ein paar Stunden für mit bei uns zu sein, und riss mir den heißen Topfdeckel aus der Hand. “Japp.”, antwortete ich gelassen und rührte die Linsen für unser Essen um.
“Du kannst doch nicht einfach so den Deckel anfassen!”, muttierte sie vor sich hin und fuchtelte mit einem Geschirrhandtuch umher.

Ich schaute den kleinen, im Topf wirbelnden, Früchten zu. “Du hast doch grad gesehen, dass ich das konnte.”.
“Phhhh…”, antwortete sie und lehnte sich wieder an die Spüle. Sie schwieg ihr Denkschweigen und schaute mit mir in Topf.

“Hast du eigentlich Schmerzempfinden?”. Die Frage ploppte in den Raum wie ein Popcorn und verwirrte mich.
“Ist der Papst katholisch?”, antwortete ich und ging zum anderen Küchenschrank, um die restlichen Zutaten klein zu schneiden.
Sie setzte sich auf die Eckbank und legte die Beine auf dem Stuhl ab. “Ja – nein – ich meine ein normales Schmerzempfinden.”.

Ich dachte darüber nach, was das für sie bedeuten könnte. “Normales Schmerzempfinden.”
Schmerz ist einer dieser Reize, die ich erst dann als Schmerz einordne, wenn ich mir ihrer unangenehmen Qualität bewusst werde. Eine unangenehme Qualität hat für mich viele unterschiedliche Parameter, die jeweils unterschiedliche Wichtigkeiten haben. Zeit, Raum, sozialer Kontext, Körperbereich von dem der Reiz wahrgenommen wird, Temperatur im Raum, Temperaturempfinden in meiner Kleidung, Optionen der Abwehr, der möglichen Schonhaltungen während der Einwirkung und danach …

Um mich herum verging die Zeit. Die Linsen kochten auf dem Herd und unsere Gemögte wartete auf eine Antwort.
Mit jedem Moment wurden die Aspekte ihrer Frage größer für mich.

“Normales Schmerzempfinden.” – neulich habe ich ABA-Protokolle gelesen.
Es gibt bis heute Menschen, die autistischen Menschen, behinderten Menschen, Menschen, die anders sind, das normale Schmerzempfinden absprechen. Viele davon haben sich vielleicht nie Gedanken darüber gemacht, was Schmerzempfinden eigentlich ist. Was Schmerz ist.

Manchmal, wenn ich mich selbst verletze, dann ist mein Schmerz eine Emotion. Dann habe ich einen Schmerz, noch weit vor dem Moment, in dem ich blute oder mich in das dumpfe Pochen eines geschlagenen Hämatoms hineinfallen lassen kann.

Natürlich kenne ich es, mich unabsichtlich zu verletzen, aber “empfinde” ich dabei  Schmerz? Mir kommt es eigentlich mehr wie eine umfassende Irritation vor, die ganz kurz da ist und sich dann in ein Brennen, Pochen, Sirren, Flackern, dumpfes Wummern, faserndes Pulsen oder kaltes Gischt.en verwandelt. Vielleicht ist es aber auch nur wieder eine dieser Sprechfallen. Die Menschen sagen “Schmerz” und “tut weh”, aber meinen vielleicht das, was ich auch empfinde.

Ich glaube, dass wir körperlich insgesamt eher wenig empfindlich sind. Je mehr Menschen, je nerviger die Kleidung, je lauter die Umgebung, je konzentrierter wir sein müssen, desto weniger Bezug über Wahrnehmungsrückmeldungen zum Körper gibt es. Manchmal merke ich das gekoppelt an dissoziative Prozesse. Etwa wenn mehrere Innens zeitgleich agieren oder eine Krisenzeit eine Abschirmung von Innens erfordert. Allgemein aber benutzen wir häufig eher intensive Reize, um uns sicher in der Benutzung des Körpers zu fühlen und uns im Raum zu verorten. Das kann auch implizieren, was andere Menschen dann als “Schmerz” mitmeinen.

Andererseits kennen wir auch den Schmerz von Berührungen im falschen Moment. Es kann uns unheimlich “weh tun”, wenn man uns in einer Panikattacke streichelt oder berührt, wenn wir nicht damit rechnen bzw. die Berührung nicht kommen sehen. Manchmal “tut es weh”, wenn wir konzentriert auf eine Stimme inmitten von Krach hören müssen. Manchmal “tut” müde sein “weh”. Manchmal “schmerzt” das Geräusch, das die Haare zwischen Kopf und Kissen machen. Duschen “tut weh”. Nicht nur, wenn K. das Wasser zu heiß aufdreht, um sich zu fühlen. Laufen auf Betonboden “schmerzt”.

Die Linsen waren gar und ich hatte kein anderes Gemüse mehr zu schneiden.
“Keine Ahnung.”, antwortete ich der Gemögten in unserer Küche, die NakNak*s inzwischen nicht mehr ganz nackten Bauch streichelte.

Ich nahm den Topf vom Herd und schüttete das Wasser ab.
“Vielleicht bleiben wir einfach bei der Frage, ob ich irre bin”, schlug ich vor, als mir auffiel, dass ich meine Hände wieder nicht geschützt hatte.