der Antrag

Der Antrag hat 14 Seiten und gilt nicht als Sonderform eines juristischen Schuldspruches benannter Täter_innen. Bei Bewilligung gibt es keinen Grund zur Annahme andere Sozialleistungen würden gekürzt.
Warum zum Henker liegt dann das Zeug hier noch rum und schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an?

Weil es der Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiärem Umfeld ist.
Und wir nie ein Opfer von sexuellem Missbrauch waren. Weil wir mit unserem Hartz 4 doch total gut versorgt sind. Und so.
Weil es eine erschlichene geklaute böswillig abgequetschte Geldmasse in unsere raffgierigen Pfoten wäre. Erlogen und betrogen und auf Kosten der wahrhaftigen Opfer, die ihr Leben lang nie um irgendwas gebeten haben, weil sie sich nichts zugestehen können. Weil sie sich im Gegensatz zu uns nie herausnehmen würden sich Hilfen, Unterstützungen oder schlicht Schönes und Angenehmes zu zugestehen. Weil alle außer mir zurückhaltende, liebliche Unschuldslämmchenopfer sind.

Ja, im letzten Teil sprechen gerade unsere Langzeithaterin*/stalkerin*, diverse Täter_innenintrojekte und die allgemeine Opferfeindlichkeit unserer Gesellschaft, die in meinem Kopf herumlaufen und immer genau dann losquaken, wenn ich einen Krankenhausbericht kopieren, diverse Kostenvoranschläge einholen und darüber nachdenken will, wie ich damit umgehe auf eine Entscheidung des Fonds zu warten.

Wenn man sich mit dem FSM auseinandersetzt steht dort überall, man solle sich eine Berater_in suchen und das mit ihm_ihr zusammen machen.
Wir haben das versucht. Und dann gemerkt: “Okay, nein, wir sind hier gar nicht bei uns, sondern bei erratenen Erwartungen von einem Gegenüber.”. Also haben wir uns den Antrag selbst ausgedruckt und ausgefüllt. Und auch das Erinnern alleine ausgehalten und die Nacht danach allein mit uns verbracht.
Das Schreiben zur Seite gelegt und uns gesagt, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was dort drin steht. Dass wir jetzt einfach nur noch daran denken müssen, Kostenvoranschläge einzuholen und Klinikberichte zu kopieren.

Unsere Therapeutin ist im Urlaub. Wir haben Arbeiten zu erledigen und nebenbei warten wir darauf, ob das mit der Berufsausbildung mit Assistenzhund an der Berufsschule klappen könnte. Daneben kommen Geschenke von der Wunschliste hier an und alles was wir tun, ist die Luft anzuhalten, auszuhalten, zu warten und zu gucken, wann der Hass auf uns wieder so weit abgeflaut ist, dass aus dem “unverdienten unnötigen Scheiß” das Kleinod einer Freude wird, das uns leichter durch das “nach dem verhinderten Suizid” trägt. Ja, das ist immer noch nicht durch. Mich machts fertig so fertig zu sein.

Der Antrag liegt auf dem Schreibtisch und faucht mich an. Wieso will ich den denn wegschicken, wenn ich eigentlich nur eine Wippemöwe am Fenster und ein buntes Mobile über dem Kopf brauche, um immer wieder im Menschenbett einzuschlafen? Nach 15 Jahren endlich mal wieder eine nicht invasive Einschlafmethode zu haben ist doch genug. Was will ich denn noch mehr?!

Ich weiß es natürlich nicht, aber oft wird uns sehr viel mehr Belastbarkeit und Abgeklärtheit über die eigene frühere Opferschaft zugetraut, als da ist. Als würden wir allen, die es hören (und allen die es nicht hören) wollen, davon erzählen, was uns passiert ist. Als würden wir seit Jahren halt einfach nur darauf warten, dass uns Menschen den Kopf streicheln, weil sie wissen, was für furchtbare Dinge wir erlebt haben.
Als würden wir hier keine klaren politischen Kontexte und sich daraus ergebende Notwendigkeiten formulieren. Als würden wir nicht etwas tun, dass uns als Beispiel nimmt, statt über Menschen und ihre Lebensrealitäten zu sprechen, die wir weder kennen noch leben.

Ja, vielleicht ist das verwechselbar mit einer reinen Bauchnabelshow. Und ja, es gibt die Möglichkeit, dass wir eine Rampensau sind, die mit so Themen wie Hartz 4, Behinderung, Gewalt- und Traumafolgen voll den Applaus kriegt und sich darüber ein Entitlement auf Belohnung wie solche Hilfeleistungen erlaubt.
Kennt man ja so Opferstars, die alles geschenkt bekommen, weil sie so öffentlich leiden wie wir.
Man kennt ja die Gesellschaft, die sich vom Leid anderer Menschen total hinreißen lässt zu Ehrenamt und Spendenaufkommen.

Ups – jetzt bin ich schon wieder zwischen Zynismus und Zyankali – sorry.

Aber nun ja – so ist das eben.
Während es bei meinem Antrag auf Geldleistungen aus dem Fond – wie auch bei jedem Antrag auf Therapiekostenübernahme bei der Krankenkasse – wie auch bei jedem Antrag auf Asylgeld – wie bei jedem anderen Antrag auf Geld auf Grundlage des Sozialgesetzbuch, das es in Deutschland nicht ohne Grund gibt –  um (soziale) Hilfen in Form von Geld geht, so geht es in jedem Hinterfragen dessen darum, wer was haben darf.
Nicht darum, wer was braucht.

Die Einen sagen, sie wollen, dass von ihren Steuern nur die bekommen sollen, die es sich verdient haben. Möglichst natürlich was sie als “sich verdient” bewerten. So jemand wie ich, die nie so gebuckelt hat, wie sie, die hat natürlich nichts verdient. Ist ja klar.
Die Anderen sagen, sie wollen hier niemanden durchfüttern, wer nicht wirklich am verhungern ist. Als sei es nur der Hunger, der das Problem ist.
Die Nächsten kennen “die Systembetrüger_innen”™, die nicht jeden Job annehmen, weil sie faule, ungebildete Säcke sind, die lieber rauchen und Chips essen, als Starbucksklos zu putzen oder stundenlang eine Entertaste zu drücken, um am Ende 50€ mehr auf dem Konto zu haben. Und natürlich die Wirtschaftsflüchtlinge und Z-Wort-Leute , die mehr Geld in den Arsch geschenkt bekommen, als andere, weil sie diebische Elstern sind.

Ja. Das nennt man auch Rassismus, Ableism und Wohlstandsflausen, die Kapitalismus nicht als tödlich einstufen.

Es wäre so schön, wäre ich eine Person, die es nicht nötig hat um Unterstützungen zu bitten.
Wenn das alles einfach echte Anstellerei und Opfermasche wäre. Dann hätte ich viele Nöte nämlich nicht. Dann würden mich so Täter_innenintrojekte und die Langzeithassperson weder so treffen, noch so daran behindern, mich, wie alle anderen Menschen auch, einfach darum zu kümmern gut über die Runden zu kommen, wie sie es eben tun: langanhaltend, gründlich und immer und immer und immer wieder – egal, was ich wie wo warum tue oder auch nicht tue.

Ich fühle mich davon unter Druck gesetzt. Empfinde es so, als müsste ich noch mehr Rechtfertigungen für Geschenke an mich und Spenden für meine Projekte finden und aufsagen. Aber mehr Rechtfertigung als “Ich finde es schön zu erleben, wenn Menschen mir Dinge schenken und Unterstützungen zukommen lassen, ohne dafür etwas von mir zu verlangen” hab ich nicht.
Ich finds einfach nur schön. Dass das geht. Also auch. Neben ganz viel schlimmen Dingen, die gehen.

Ich spüre Zeitdruck hinter dem Antrag. Bis Ende April muss der dort eingereicht sein.
Und ich weiß nicht mal, ob ich morgen auch noch leben will. Oder, ob ich in zwei drei Stunden oder Tagen oder Wochen aufhören kann zu denken: “Ich bin kein Missbrauchsopfer – nie gewesen. Ich bin total okay. Mir ist nie irgendwas passiert. Alles ist eingebildet. In Wahrheit ist das hier alles nur ein Teil meiner Psychose. Oder meines tief im Hirn angewachsenen Tumors.”.

Ich merke, wie groß die Wahrheit anderer Leute vor mir steht. Mal wieder.
Was und wer ich bin. Was mir zusteht und was nicht, entscheiden nicht meine Bedürfnisse, sondern die Bewertungen anderer von dem, was sie von mir zu wissen glauben und zu denken erlauben, ohne je etwas davon zu hinterfragen.

Und weiß, dass das alles nur so in mir wirken kann, weil es irgendwann mal keine andere Wahl gab das zu überstehen, als es selbst in meinen Kopf zu lassen.

Tse aber klar – ich brauch keine Hilfe.
Meine Not ist selbst gewählt.

Meine armen Unterstützer_innen. Denken das wär anders.
Arme Irre.

Vorstellungen

Gestern war ein Tag, von dem ich später sagen kann: “Ja, und dann war da „Tag der offenen Tür“ und ich bin hingefahren, hab gesagt, dass ich die hundische Assistenz brauche und, dass ein ruhiger Ort gut wäre und dann hab ich mich noch ein bisschen umgeguckt und bin zurück nach Hause gefahren.”, als wäre es einfach nur so passiert.
Einfach so. Weil man das so macht.

In meinem Kopf entsteht im Moment so ein Bild davon, wie das wohl sein könnte, wenn wir vielleicht nicht mehr so völlig allein klar kommen müssten, weil wir endlich eine passende Betreuung gefunden haben und dann in eine Ausbildung gehen und viele spannende Sachen lernen und danach dann ganz viel Zeug erschaffen können und uns vielleicht auch endlich mal ganz selbst finanzieren können und so.
Einfach so. Weil das dann ist.
So normal halt.

Es gibt Menschen, die finden normal langweilig. Weil “einfach so” ja gar nicht sein kann. An jedem “einfach so” muss es einen, einen wie auch immer genehmen Haken geben, der zusätzlich definiert.
Und ich stehe daneben und frage mich, wie man überhaupt gelangweilt sein kann von Dingen, die egal ob normal, einfach so oder unüblich, komisch passieren. Als sei das Geschehen von Dingen und Dynamiken nicht grundlegend irgendwie immer interessant, weil es doch genauso wie es geschieht, auch gar nicht geschehen kann.

Wir könnten eine Landschaft von Fleischklopsen sein und wären doch interessant. Oder etwa nicht? Schonmal ne Landschaft aus Fleischklopsen gesehen?
Eben.

Ich dachte gestern in der Berufsschule darüber nach, wie das wäre, wenn es sich nach ein zwei Wochen eingebürgert hätte, dass wir da halt sind und NakNak* auch und es so einen Lauf der Dinge für uns gäbe, in dem wir so anders sind, wie alle anderen, die dort lernen. Ich glaube, das wäre unnormal für uns und deshalb besonders.
Das ist etwas, worüber noch nicht sehr viel gesprochen wird, wenn es um das Thema Inklusion geht. Der Aspekt von neuer Normalität.
Neues kann nicht normal sein. Erst das Alte, Bekannte, Übliche kann normal sein.

Meine Ausgrenzungserfahrungen sind für mich normal und allein meine Integration in eine Schule wäre für mich so ein Zustand, der mir als Schritt schon reicht. Ich halte Schulen nicht für Orte, an denen Inklusion gelebt werden kann. Zumindest so lange nicht, wie Integration noch keine Normalität ist.
Wenn Dinge normal sind, verlieren sie irgendwann ihren Reiz als grundlegend interessantes Ding. Dann fängt man an, zusätzliche Worte dazu zu machen und bestimmte Eigenschaften herauszudefinieren.
So werden übrigens moderne Ernährung, Mode und all die Variationen von Putzmitteln gemacht. Wozu einen Apfel kaufen, wenn man auch ein Superfood apple power/Rawfood juicy apple/unverpackt bio fair trade vegan special Obst mit Namen “Grannie Smith” kaufen kann, das viel toller, spannender, interessanter sein muss, weil es ja sonst nur “Apfel” heißen würde.

Wenn man es gewöhnt ist umgeben von Menschen zu sein, die behindert sind/werden (also Integration von Behinderten lebt), dann fällt einem irgendwann schon ganz von allein auf, dass es gerechter und schöner wäre, würden diese Menschen auch die gleichen Rechte haben und alle Möglichkeiten bekommen, diese auch einfordern zu können. Das nennt man dann Inklusion. Und auch daran müsste man sich erstmal wieder gewöhnen.

Jedenfalls habe ich mich gestern ein bisschen näher an so einer Idee von “normal” gefühlt und gemerkt, wie gleichzeitig der Reflex hoch kam, mich zur Ordnung der Dinge im Moment zurückzurufen.
Meine Vorstellungen von einem Umfeld, dass uns beim Haus.halten, Arbeiten schaffen, uns selbst organisieren und tragen, beim Therapie machen unterstützt und in dem es dann auch noch eine Schule gibt, die das übliche Schulnervzeug mit sich bringt, halte ich selbst für etwas, das nicht nah an einer möglichen Realität sein kann, weil es so ein unnormales Ding wäre.
Ich denke mir, dass es mindestens 300% anders (und natürlich genauso viel schlimmer) sein muss, weil ich ja keine Ahnung hab, was ich mir da eigentlich wünsche vorstelle.

Und dann lehne ich mich zurück und erlaube mir das.
Weil ich mir doch immer mindestens vorstellen muss, was sein könnte. Einfach nur so. Fern aller Realitäten und Normen. Wie sonst soll ich denn sonst merken, wenn ist, was ich mir gewünscht vorgestellt habe?

Ich erdenke mir also einen Schulalltag und eine Heimwegroutine mit NakNak* an der Seite auf ein Zuhause zu, das mich nicht chronisch überfordert und mir Raum lässt mir zu wünschen vorzustellen, was ich mache, wenn ich fertig bin.
Einfach so.
Auch, weil es nichts Neues wäre, würde auch dieser Wunsch diese Vorstellung als nicht umsetzbar vor meiner Nase zerplatzen.

drin drin drin

Zwischendurch denke ich Sätze, die mit “Im Gegensatz zum Rest der Welt, weiß ich…” beginnen und weiß doch, dass ich den Rest der Welt weder kenne, noch dieser irgendetwas mit mir anfangen kann. Ich bestrafe mich für den Gedanken irgendwas zu wissen, denn tatsächlich weiß ich gar nichts. Tatsächlich ist dieser Satz ein Zitat aus einer Serie. Tatsächlich ist dieser Gedanke kein Gedanke, sondern ein durchweichter Fetzen auf der Suppe in meinem Kopf.
Rederest. Gesprächsrand. Plapperschnipsel.

Inzwischen sind die Gefühle bei mir angekommen und ich verstehe, was mich so verwirrt.
Es ist die Abstoßung innerhalb der ultimativ nahen Verschmelzung, die mit der Verletzung durch die Person einher ging. Es ist das “Ich hasse dich/verachte dich/entwerte/demütige dich”, das Abstoßung bedeutet, noch während der An_Griff meine Seele und damit mein Inneres berührt, was eine Verbindung bedeutet.

Es ist, was jedes Geschlagenwerden mit mir gemacht hat. Einerseits spürt man den Hass und andererseits spürt man die Verbindung.
Man kann nicht weg – kann nicht unsichtbar sein, obwohl es der Hass in der Person verlangt und als Botschaft in jede Zelle hineingraviert.

Mir ist aufgefallen, dass ich wieder einen Menschen verloren habe, gerade als es darum geht vor einer ersten Chance zu stehen, die mehr Selbstständigkeit, mehr Wertschätzung unserer Arbeit, mehr Unabhängigkeit für uns ganz greifbar zur Folge haben kann.
Ich frage mich, ob wir etwas reinszeniert haben und wenn ja, was.

“This is not for you.”, fliegt an mir vorbei und kleistert sich zwischen meine Gedanken an einen Rest der Welt, der irgendwo dort draußen ist und noch viele weitere Menschen für mich enthalten könnte.
Mein Warten ist eine Wiederholung. Ich stehe hier wie damals mit meinem Rucksack in der Hand und  dem Weh im Inmitten und warte darauf, dass mein Ummichherum bemerkt, dass ich zu gehen im Begriff bin. Für immer und ohne Wiederkehr auf dem Weg zu etwas von dem ich nur weiß, wie es nie wieder werden soll.

“Ich werde dich nie wieder in mein Leben lassen”, überlege ich hinauszustoßen und hinterlasse bereits damit einen nicht revidierbaren Abdruck in mir drin.

Gewalt ist eine Spirale und ich bin mittendrin drin drin drin

Was Leute sagen, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen

Adrianne und ihr Mann wurden bei dem Bombenanschlag während des Bostoner Marathon verletzt. Sie sagt etwas Wichtiges:
Wenn man Menschen nach einem schweren Ereignis, in einer schweren Zeit, in großer Not, in tiefem Leiden beistehen will, geht es um diese Menschen.
Und um niemanden sonst.

Wenn du nichts zu sagen weißt – sag nichts.
Vielleicht ist die Erkenntnis, dass es etwas gibt – eine Zeit, einen Umstand, ein Gefühl – wo keine Worte sind, das Einzige, was von dir zu begreifen nötig ist.

keine Fragen mehr

Schwarzweißbild einer Wiesenpflanze dessen Blütenkopf zu einem Ball zusammengelegt ist viele zarte Fasern und feine Stacheln sind von außen erkennbar

es gibt keine neuen Wörter
für das ewige Nicht.in.der.Welt.sein
das Immer.anders.als.Andere.sein

das Selbst sein

ich brauche keine Antwort auf ein Warum
ich brauche eine Antwort auf mein Sein

ein Montag, der drei Tage dauerte

Der Schlussakkord der Therapie lautete auf: “Wenn du ein Problem hast, dann hast nur du ein Problem.” und fügte sich wunderbar in die Scheißesinfonie der letzten Wochen ein, die von schwierigen Dynamiken und Entwicklungen erzählt und davon, dass einige der Menschen, mit denen ich versuche und versuchte zusammenzuarbeiten sich von mir entfernen, mich verlassen, mich allein lassen mit Schmerz, Angst, Ohnmacht und genau dem, von dem ich weiß, dass ich allein es nicht tragen kann.

“Dass ich überfordert bin, ist mein Problem und deshalb ist es legitim mich mit dem Schaden aus diesen Überforderungen allein zu lassen und mir das Gefühl zu geben unzulänglich, böse und unfähig zu sein.” – keine neue Erkenntnis, sagt doch eigentlich jede Gewalt- und Vernachlässigungserfahrung genau das auch.
Trotzdem ist es ein Schmerz und trotzdem ist es falsch.
Und trotz genau diesen Umstandes ist es mein Problem und völlig egal für das Ummichherum. Ich werde angeschwiegen und zwischendurch fühlt es sich an, als würde man mich totschweigen wollen. Oder müssen.

Mein Kopf summte diese Sinfonie in der Nacht vor der Fahrt nach Hamburg immer wieder vor sich hin. Ließ mich nicht schlafen. Ließ sich aber von der Angst den Wecker nicht zu hören ablösen.
Ich stand um 4 Uhr auf und tröstete mich damit, eine gut durchgeplante Fahrt zum Inklusionscamp anzutreten.
Ich hatte eine Sitzplatzreservierung, hatte meine Route innerhalb von Hamburg genau ausgekundschaftet. So wie man das macht, wenn man alleine fremd unter Fremden ist.  Ich weiß, was ich brauche, um gute Arbeit und gute Anteile meiner Arbeit teilen zu können und habe mich darum gekümmert.

Und dann war Montag.
Es kann nur Montag gewesen sein, denn nur Montage schaffen solche Konstellationen aus Verspätungen und Notwendigkeiten in Regionalbahnen steigen zu müssen, in denen bereits um kurz nach 8 Uhr morgens angetrunkene Fußballfreunde und ihre praktischen 5 Liter-Siegerbierfässer sitzen.
Außerdem fährt der alte Penner, der uns in der Hamburger S-Bahn unter den Rock gegriffen hat, sicher auch nur Montags in der gleichen Bahn, wie Leute, die von sowas in Flashbacks getriggert werden.
Da bin ich ziemlich sicher.
Außerdem fahren nur Montags die Busse, die nur einmal in der Stunde fahren, direkt so weg, dass man ihre hämisch grinsenden Schlusslichter noch sehen kann.

Wir haben uns umgeschaltet.
Man nennt das “positive Ressource” obwohl es im Grunde bewusstes Spalten ist und nichts Anderes oder Gesünderes, als die Dissoziation, dessen Wirkung uns zu einem Menschen macht, der viele ist.
Nach vorn treten Innens, die funktional sind, aber wenig schwingungsfähig. Sie sprechen mechanisch und saugen Informationen auf ohne sie zu berühren. Ich treibe neben ihnen her und habe ab und zu die Idee, ich könnte mich ja mit meinen gemochten und gemögten Menschen verbinden, um diese Innens weniger notwendig zum Überstehen dieser Stresssituationen zu spüren.
Doch auf die Idee kam die Erinnerung an den Umstand, sein Problem immer selbst zu haben und die Idee, einfach nicht mehr zurück zu fahren. Einfach noch ein Stück weiter Richtung Norden, dann ein bisschen nach rechts und dann ist es schon nur noch das Drücken eines Klingelknopfes, das davon trennt, endlich das zu bekommen, was man braucht. Will.

Zwei Mal sprachen wir vor Menschen, die sich für das Thema “Komplextrauma” interessiert haben, davon, wie wichtig kontinuierliche Begleitung, klare und transparente Strukturen und eine Idee vom Entstehen einer posttraumatischen Belastungs”störung” ist. Gerade bei Menschen, die daneben eine Behinderung haben bzw. behindert werden.

Und selbst bewegten wir uns auf Notstrom und voller Spannung auf allem, was uns erreicht, um uns zu regulieren.
Vor allem als nach dem Ende des zweiten Camptages unsere Fahrt von Hamburg nach Hause um 19 Uhr genau nicht begann und erst am Folgetag um 16 Uhr 25 endete.

~Fortsetzung folgt~

kein Anschluss

“Wo ist denn der Charakter in diesen Charakterköpfen?”, hatte sie vor der Reise nach Berlin gefragt.
“Ich will Menschen zu fotografieren üben und – wo ist denn der Charakter im Gesicht?”.

Der Raum ist voll mit neuen Fremden, die Luft walzt sich von Wand zu Wand. Der Lehrer schaut sie an und nickt. “Das findet man heraus, wenn man sich die Leute anguckt und fotografiert.”, sagt er und zeigt ein paar seiner eigenen Arbeiten.
Die Frage verdunstet in der Wärme und verliert sich ohne Antwort im Stimmengemurmel.

In Berlin angekommen, tragen wir uns in einem Kokon durch die Stadt. Halten uns an dem Wissen um die Funktionen und Möglichkeiten der Kamera fest. Konstruieren ein Motiv nach dem anderen. Sie steht streng neben uns und ermahnt uns immer wieder an das, wofür wir hingefahren sind: Menschen fotografieren – mal was anderes als Blümchen, Bienchen, Sonne rauf und Sonne runter.
Es ist unfassbar anstrengend und die meiste Zeit ist da Angst vor dem einen Schritt zu nah. Angst davor, dass sich die Menschen umdrehen und mit uns reden. Angst davor, dass das Foto nicht sofort klappt und ein zweiter oder dritter Anlauf nötig werden. Angst davor die Menschen anzusehen. Angst davor dabei von ihnen angesehen zu werden.

Das turbulenteste Treffen war das Schönste und vielleicht mögen wir nur noch Kindermenschen fotografieren. Wir waren ihnen so herrlich egal und für die Zeit zusammen unterbrach sogar sie die Suche nach dem Charakter im Gesicht.

Zwei Wochen später tauchte die Frage wieder auf.
“Was machst du denn um den Charakter zu zeigen?”, fragt sie. Und ihr Lehrer schaut sie verständnislos an. “Ich arbeite das raus…”, sagt er und fährt mit dem Coursor die hellen Linien im Portrait eines Mannes nach. “Ja, aber woher weißt du denn, dass das da der Charakter ist von dem Mann? Wie entscheidest du das denn?”, fragt sie. Diesmal wollen wir hartnäckig bleiben. Wir haben 1200 Menschengesichtfotos auf unserem Laptop und sind willens irgendwo einen Charakter zu finden.

Und er versteht nicht.

Er schwenkt zwischen dem Bild einer jungen Frau und dem eines alten Mannes hin und her. “Hier sieht man doch, dass das ganz unterschiedliche Typen sind.”. “Ja.”, sagt sie nickend. “Aber wo ist da der Charakter drin – woran merkt man den denn?”.  Er macht diesen einen Laut, den Menschen machen, wenn sie sich beherrschen uns nicht zu schlagen und irgendeine Erinnerung zerrt so heftig an ihr, dass es sie nach innen wegdreht.

Als wir im dunklen Fotolabor stehen und an den Abläufen entlang, ein Foto abzuziehen versuchen, ist es plötzlich ganz klar wieder da.  Das Nichtsgefühl im Fern-der-Welt-taumeln. Im hellen vollen Nebenraum wird geredet, geplänkelt, gelacht. Die Menschen, mit denen wir lernen, stehen dort und freunden sich an. Wir stehen allein im Dunkeln und suchen mit 60% Sehschärfe und ohne eine konkrete Idee nach dem Charakter im Portrait einer fremden Person.

Das Netzmittel ist qualitativ mies und hat mir Wassertropfen auf dem Film beschert. Irgendwas ist beim Entwickeln schief gegangen und hat einen Streifen mitten durch die Motive hinterlassen.  Frustriert beenden wir die Arbeit und versuchen den Faden zur Gruppe wieder aufzunehmen.

“Wollt ihr noch mitkommen und was trinken gehen?”, fragt der andere Lehrer.
Und guckt die Menschen neben mir an.

Draußen regnet es in Strömen.
Ich fahre mit einem neuen alten Lieblingssong in den Ohren, dem Hund an der Leine und dem klappernden Herzen im Arm, alleine nach Hause.

Schaue angestrengt und lange in einen Handspiegel. Finde keinen Charakter, egal wie ich mich anleuchte.
Ich höre auf. Gebe auf. Lasse endgültig los und den Spiegel auf den Boden fallen. Betrachte die glitzernde Scherbenpracht.
Ich schneide mich in den Körper zurück und aus dem Glitzern heraus. Weine ein bisschen um die Kluft zwischen dem Hiersein und dem ImFunkelnsein. Um die Kluft zwischen mir und dem Rest der Welt.

Dann fallen mir Wörter ein, die ich aufschreiben kann. Die Wörter zum Weg vor dem, was ich als “selbstverletzendes Verhalten” in mein Tagesprotokoll kringeln muss.

Beim Aufräumen fällt mir die Überweisung unserer Therapeutin in die Hände.
“rezidivierende depressive Störung, mittelgradige Episode (F33.1 G9 )”

kurz: “ET merkt, dass es keinen Anschluss unter dieser Nummer gibt”

Blitzlicht

Jahreswechsel.

Ich glaube, ich bin noch nie so wütend, traurig und beschämt ins neue Jahr gegangen.
Tausende Menschen sind auf der Flucht und das Land, in dem ich lebe, schließt die Grenzen. Ständig begegnet mir Alltagsrassismus und, weil ich ein blütenweißes Toastbrot bin, komme ich mir falsch vor, den immer wieder anzusprechen. Awkward white tears – ich weiß. Sie sind aber trotzdem da.

Ich merke, wie genervt Menschen von mir sind – und kann nicht reagieren.
Ich merke, dass ich meinen eigenen Selbsthass zunehmend unkontrollierbarer erlebe – und kann nicht reagieren.

Im Grunde hasple ich seit Wochen von Handlung zu Handlung, scheitere, rapple mich auf, zerre an mir, mich zusammenzureißen und weiter zu machen.
Hier ein Autsch – da ein Erstarren durch den Schmerz hindurch. Einfach immer weiter machen. Komm schon, das ist alles nicht neu. Hatten wir alles schon mal – ist gleich vorbei – dann gehts weiter weiter weiter.

Ich hab den Drang einen Laut rauszuschreien und kann damit nichts anfangen.  Möchte mich Menschen mitteilen und spreche gefühlt nur Mist aus.
Meine Wochen sind so unruhig und chaotisch – machen mich unruhig und chaotisch.

Eine gute Sache passiert und zieht gnadenloses Chaos mit sich.
Aktuell: meine Zähne.

Wir haben mindestens 2 Jahre durchgehend Zahnschmerzen gehabt und uns durch viele Behandlungen gequält, die allesamt nichts brachten, weil sich die leichte Angst bei der Zahnärztin zu waschechten Panikattacken und Vermeidungsverhalten entwickelt hatte. Endlich fanden wir erst Erleichterung durch eine Wurzelspitzenresektion in einer Operation und erhielten gestern eine Komplettsanierung des Gebisses wiederum unter Vollnarkose.

Und wer sitzt Stunden später vor seiner Suppe und kann sie nicht essen, weil sich die Zähne anfühlen, als wären sie nicht mehr da, aber gleichzeitig doch anwesend? Richtig.
Da ist etwas Fremdes in meinem Mund und das nennt sich “keine Schmerzen” und das geht einfach nicht wieder weg.
Ich merke so einen Impuls mich zu verprügeln, mir so richtig tief weh zu tun, weil es so dumm ist zu fühlen, was ich gerade fühle. Und daneben drängt der Impuls sich einzurollen und zu warten. Sich zu absorbieren und einfach in ein Detail hineinzukriechen bis nichts und niemand mehr an mich herankommt.

Stattdessen begebe ich mich unter Menschen. Jetzt bloß nicht isoliert werden. Wenn ich jetzt noch wirklich den Faden verliere, dann wird es wirklich gefährlich. Ich weiß nicht, welche Gefahr das ist, aber ich merke sie wie sie in meinen Nacken atmet.
Und was passiert Frau Rosenblatt, wenn sie unter Menschen geht? Richtig: sie verhält sich nervig bis awkward, verärgert diese Menschen und spürt mit jedem Wort, das sie äußert, wie die Ablehnung ihrer Person näher rückt.

Und dann geht es wieder los. Dieses bescheuerte Spiel um die Gunst von Wesen die unverständlich, überreizend und unangenehm wahrgenommen werden, zur Rettung des eigenen Lebens, vor etwas, das man gar nicht benennen kann.

Und wenn ich müde davon bin und nur noch heulen will, weil ich selbst nicht weiß was los ist und was besser hätte würde wenn könnte sollte müsste, weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.

Shana tova.

schwanger gehen

Ich denke darüber nach, einen Brief zu schreiben.
Dann sitze ich an meinem Tisch. Neben mir steht mein Kaffee. Und alles verschwimmt.

Ich spiele Runde um Runde Candy Crush. Trinke einen Schluck. Beantworte Emails. Recherchiere für einen anderen Text. Stunden später möchte der Hund raus. Wir gehen in den Wald. Ich laufe hinter uns her und versuche jeden verlorenen Gedanken einzufangen.
Dann essen wir. Fressen wir. Überfressen wir uns bis sich der Bauch vorwölbt und die Schwangerschaft mit diesem Thema nach außen tritt. Dann weint jemand. Dann kotzt jemand. Dann sitze ich vor meinem Laptop und fische in der Kotze nach den Worten, die in meinen Brief hinein könnten.
Ich spiele Soda Saga. Spiele Candy Crush. Spiele social bei Twitter. Bearbeite Fotos. Fresse. Kotze. Heule.
Entdecke auf der Uhr die Nacht.

Ich verschließe meine Augen und warte auf den Schlaf. Denke an Sex und lache mich aus. Warte.
Denke an nichts. Verschwimme im Nichts und warte auf mein Aufwachen.

Liebe Mutti. Mami. Mama. Mam. Mutter. Frau. S.
Hallo, ich bin verrückt schon gewusst?
hello hello hello long time no see special new informations hello hello hello

“Wie sag ichs meiner Mutter?” ist so ein Satz aus der “unerwartet schwanger/HIV positiv/Erwartung enttäuscht” – Ecke.

Mein Kaffee ist kalt und ich breche in Tränen aus, weil ich aufgewacht bin, ohne es zu merken.
Der Kühlschrank brummt, die Kaffeemaschine klickt und röchelt, der Laptop summbrrrrtbrummt und das Telefon siept. Das Blut in meinen Ohren spielt weißes Rauschen und ich betrachte die Worträume in meinem Kopf.
Sie sind zu groß für das Außen. Zu viel.

Hast du zufällig schon früher gewusst, dass ich autistisch bin? Hast du zufällig deshalb

Das Zeitmädchen setzt sich neben mich und starrt mich durch seine weißen Augen an.
“Sie wird das nicht verstehen. Egal, was du schreibst.”.
Es fällt in sich zusammen. Ist wieder weg.

“Warum willst du das überhaupt aufschreiben? Am Ende steht für Außenstehende wieder nur: “Ich bin anders als andere. Ich bin besonders.”. Das hat keinen Wert für uns.”. M. schaut auf meine Finger und klopft unter ihr Kinn. Das Geräusch poltert durch das Rauschen und zieht eine Linie zwischen Wohnungslärm und Kopfkrach.

“Ich möchte ihr sagen, dass besonders sein scheiße ist. Dass es das für uns schon immer war und immernoch ist. Dass wir es Last empfinden, weil so viele Menschen mit einem Besonderssein immer und immer und immer Erwartungen an uns stellen, die wir immer und immer und immer enttäuschen. Ich möchte Leuten eine reinhauen, die sich für wertlos halten, weil sie nicht besonderisiert werden.
Und ich möchte eine Antwort auf die Frage, ob es vielleicht nie möglich war uns nicht zu miss-be-handeln. Ich muss wissen, ob wir heute wären, auch wenn sie uns nicht geschlagen, gedemütigt, ausgenutzt hätten. Ich muss wissen, ob – wenn ich schon ganz ganz früher normal gewesen wäre – vielleicht die Versuchung geringer gewesen wäre, sich an Menschen zu wenden, die davon profitieren.”, antworte ich und drücke die Worte an meine Brust.

“Du möchtest wissen, ob du etwas hättest richtig machen können.”. Seine Stimme schiebt sich unter mir her. “Herzchen – das hatten wir alles schon.  Etwas richtig machen, gabs damals nicht als Option. Nie. Wir hätten das normalste Kind der Welt sein können und das wäre noch falsch gewesen.”. Er berührt seine Lippen. Löst sich wieder auf.

“Du wirst nicht von ihr bekommen, was du brauchst. Sie kann das nicht. Niemand kann das. Wir sind jetzt allein damit und werden das für immer sein.”, sagt sie. “Wenn du dagegen ankämpfst, tut es weh.”. Sie hebt einen Flügel für mich und lässt mich in ihren Federn sitzen. “Wenn du loslässt, dann können wir uns davon entfernen. Wir nehmen Abstand davon und lassen es wo es ist. Wir können jederzeit wieder hier hin zurück. Nichts wird sich verändern.”.

Ich kann nicht loslassen.
Ich spiele. Fresse. Kotze. Wache. Warte.
Liebe Mutti. Mami. Mama. Mam. Mutter. Frau. S.

Jemand malt mich, um Abstand zu mir zu bekommen.
Mich loszulassen.
Mich zu verlassen.

Es wäre schön, wenn ich meiner Mutter eine unerwartete Schwangerschaft mitteilen könnte.
Das wäre so normal für mein Alter, mein Geschlecht, mein Das,waswäre,wenn.

wn

5 nach 3

[Telefontuten, jemand nimmt ab]

”Ja?”
– “Ich bins Rosenblatt-Salat”
”Ja? Alles okay bei euch?”
– “Ich glaub, ich bin krank.”
”Was hast du denn?”
– “Ich glaube, ich habe eine akute Reaktion auf die Heilung eines langanhaltenden Anfalls von Zutrauen in einen anderen Menschen. Vielleicht liegt aber auch eine Komorbidität mit der chronischen Gutmenschentumkrankheit vor. Man weiß es nicht. Ich fühle mich jedenfalls schwer naiv bis dumm und spüre Symptome aufkeimenden Fatalismus, die mit einem dringenden Wunsch nach Zigaretten und anderer Selbstverletzung einhergehen.”

”Hannah – wie lange seid ihr schon wach?”
– “Wie spät ist es denn jetzt?”
“5 nach 3.”
– ”Ist dann jetzt Freitag? Ja ne?”
“Hm.”
– ”Seit Mittwoch.”

”Orr.”
– “Ja – äh sorry? Musste dämliche Gutmenschensachen machen? You see my Krankheit?”
”Hannah –“
– “Ja?”

”Ihr geht jetzt sofort ins Bett und schlaft ein.”
– “Danke.”

[Telefontuten, Stille, Schlafgeräusche]